Disclaimer: Wenn ich JKR wäre, hätte ich Kohle. Ich schreibe, weil es mir Riesenspaß macht. Bitte nicht klagen!

Cassie

ooooooooooooooooooooooo

Kapitel 6 – Der Totentanz

Der Mond steht hoch im Himmel als ich um Mitternacht zusammen mit Lord Voldemort das Hauptquartier verlasse.

Heute machen wir einen Ausflug zu irgendeinem Ort, wo der dunkle Lord mit seinem Nekromantikunterricht anfangen kann. Ich habe keinen blassen Schimmer, wohin wir gehen, aber ich bin gespannt. Glücklicherweise hasst der dunkle Lord lange Einleitungen und Vorlesungen über die Gefahren und Nebenwirkungen, also kann ich erwarten, gleich mit einem Toten zu arbeiten. Der dunkle Lord pflegt es nicht lange hinauszuzögern, was manchmal schmerzhaft für mich sein kann, weil ich mir nicht ganz sicher bin, was ich da tue, aber mir ist diese Einstellung unvergleichlich lieber als die unendlichen Predigten und Vorlesungen. Davon hatte ich genug in Hogwarts und seine Einstellung ist echt erfrischend.

Er packt mich an der Schulter und disappariert mit mir. Als ich die Augen öffne, erwarte ich natürlich einen Friedhof oder was ähnliches zu sehen aber zu meiner Überraschung sehe ich ein altes, stilles und verkommenes Haus, das direkt vor mir steht und allem Anschein nach unbewohnt ist.

Vor ein hundert Jahren war es zweifelsohne ein wunderschönes Haus, aber so wie es jetzt ist, sieht es so aus, als hätte es keiner seit Jahrzehnten betreten. Die Fenster sind zerbrochen und die Bretter, die über manche genagelt waren, halten sich noch kaum an einem Nagel. Was einmal ein gepflegter Garten war, ist jetzt ein Dschungel und eine Zuflucht für wilde Tiere, manche von denen ich schon beim Ankommen ins Versteck fliehen gesehen habe. Direkt vor dem Eingang steht ein Brunnen mit einem Engel in der Mitte, der eine Harfe in den Händen hält. Der Engel und der Brunnen sind von Moos überwachsen und der einmal glatte und weiße Stein ist jetzt beschädigt und grau. Es gibt jedoch die Spur von einem geheimnisvollen Lächeln im Gesicht des Engels, das mich erschaudern lässt und das soll was heißen. Irgendwie sind mir die Hörner und die roten, mordlustigen Augen von Memphisto lieber. Warum müssen Engel immer als kleine, fette Kinder mit Flügeln dargestellt werden? Ich finde es ein wenig beunruhigend. Nun ja... ich habe den Pakt mit einem Erzdämon abgeschlossen und ich habe auch etwas von ihm bekommen, also ist es nur zu erwarten, dass die Engel mir nicht wirklich gefallen.

Der Pfad, der früher direkt zum Haus hinauf führte, wurde im Laufe der Jahre von Gebüsch und Gras beansprucht und Voldemort zückt seinen Stab um den Weg zum Haus frei zu machen. Der Pfad ist von Säulen gesäumt, die heutzutage das Heim von Efeu sind, der sich unermüdlich rund um die einmal weißen Säulen wickelt, sodass man den Stein nur durch die Lücken hindurch sehen kann, sonst könnte man behaupten, die Säulen wären aus Efeu gebaut.

Was einmal eine prächtige Statue aus weißem Marmor war, ist jetzt nur ein Erinnerungsstück von den verlorenen und vergangenen Zeiten, als das Haus bewohnt war und als sich die Bewohner um den Garten gekümmert haben. Das einmal wunderschöne Haus – oder eher, Manor – steht jetzt leer und verlassen und guckt streng auf uns hinunter, als wir uns dem Eingangstür nähern.

Der dunkle Lord hebt den Stab und sprengt ohne weiteres die Tür in tausend Stücke. Ich huste und grinse als er über die Überreste der Tür klettert und das Haus betritt. Eine Staubwolke steigt hoch und ich ziehe meinen Umhang über die Nase und folge ihm hinein.

Ein großer und zerbrochener Kronleuchter hängt von der Decke herab und die Überreste der Kristalle klirren im Zug. Die Treppen, die hinauf führen, sind zerfallen. Es wäre ja nicht ratsam, nach oben zu klettern, aber so wie es scheint, müssen wir auch nicht. Der dunkle Lord biegt zielstrebig rechts ab und verschwindet durch eine aus den Angeln gefallene Tür, welche in einen großen Raum führt.

Wahrscheinlich war dies einmal der Salon oder etwas ähnliches, geht mir durch den Kopf als ich den Raum betrete. Die Gemälde hängen schräg an den Wänden und die Tapeten sind an manchen Stellen zerrissen. Ein zerfetztes Sofa, das einmal rot war, steht an der Wand. Die hervortretenden Feder und die Klauenspuren weisen darauf hin, dass ein Kampf zwischen wilden Tieren hier stattgefunden hat. Zwei zerbrochene Teetassen und ein Haufen, der vermutlich einmal Zucker war, stehen vergessen auf einem kleinen Tisch, als hätte jemand vor zwei hundert Jahren hier Tee getrunken und dann vergessen, aufzuräumen. Sind die Bewohner des Hauses in Eile davongelaufen?

Der dunkle Lord wedelt mit seinem Stab über das zerfallene Sofa und es wird augenblicklich wieder ganz und sauber. Er setzt sich wortlos darauf und ich tue es ihm gleich. Ich schaue ihn erwartungsvoll an, während er seinen Blick über das Zimmer schweifen lässt und schließlich nickt. Mit einem weiteren Wink seines Stabes beschwört er eine rote, leuchtende Kugel, die er zur Mitte des Raumes schweben lässt. Eine seltsame Lichtquelle... Die jedoch das ganze Zimmer in rotes Licht hüllt und ihm ein noch unheimlicheres Aussehen verleiht.

„Schließe deine Augen," befiehlt der dunkle Lord mir.

Ich habe keine Ahnung, was er vorhat, aber in Ordnung.

„Suche mit deiner Magie nach einem Geist, der dieses Haus nie verlassen hat," sagt der dunkle Lord. „Mache einen geistigen Spaziergang durch das Haus."

Ach so, verstehe. In diesem Haus spukt es. Mal sehen... Wie soll ich es tun? Der dunkle Lord hat mir keine Anweisungen gegeben, keine Zauber, die ich dafür benutzen kann. Ich spüre gar nichts.

„Sowie du in deinen Mediationen deinen Körper verlässt und in deine geistige Welt eintauchst, sollst du es auch jetzt tun," höre ich die Stimme von Lord Voldemort.

Das habe ich noch nie versucht, aber in Ordnung. Für ein paar Momente bin ich damit beschäftigt, meine Gedanken zu ordnen und mir meinem Geist bewusst zu werden. Dann öffne ich meine geistigen Augen und stehe auf. Das heißt, mein Geist steht auf und beginnt durch das Haus zu wandern. Es ist unglaublich leicht, obwohl ich so was noch nie versucht habe. Normalerweise gehe ich in meine geistige Welt, die ich selbst gestalte. Jetzt kann ich nicht alle Details wahrnehmen, sowie man es normalerweise macht, wenn man einen Raum betritt, aber ich kann den Raum um mich herum spüren. Ich steige die Treppen hoch und gelange zu einem langen, schmalen Korridor, in dem es an jeder Seite unzählige Türe gibt. Ich stoße gegen die erste Tür, die ich sehe, und sie lässt sich leicht öffnen. Ich befinde mich in einem Schlafzimmer... Ich sehe nicht das Schlafzimmer per se, aber ich kann den Raum spüren und ich weiß, dass es ein Schlafzimmer ist. Ich kann aber auf eine merkwürdige Weise den Raum spüren. Eine verzweifelte und betrübte Spannung herrscht in diesem Schlafzimmer. Hier schlief jemand, der keinesfalls glücklich war. Ich verlasse den Raum und versuche es mit dem zweiten Zimmer. Dies ist ein Kinderzimmer... Ich sehe deutlich die Überreste von Spielzeugen, die über den Boden verstreut sind, viele von denen sind kaum erkennbar. Ich kann aber die Wünsche des Kindes, das einmal hier schlief, spüren. Das Kind war sehr einsam und hat hier alleine viele Stunden verbracht, aus dem Fenster starrend und alleine spielend. Es hat sich gefragt, ob seine Eltern es überhaupt liebten... Ich wandere durch das Zimmer und blicke über das Kinderbettchen, in dem es etwas braunes gibt, was höchstwahrscheinlich einmal eine Decke war. Es gibt jedoch auch etwas weißes drin... Ist es ein Spielzeug? Nein, warte... Das Bett ist nicht leer...

Ich erstarre. Dieses weißes etwas ist eigentlich ein kleines Skelett. Das Kind hat also dieses Zimmer nie verlassen. Und der Geist...

Urplötzlich spüre ich Atem an meinem Nacken und drehe mich um, um mich Angesicht zu Angesicht mit dem Geist eines Kindes zu finden.

Es ist vielleicht vier Jahre alt und es gafft mich an. Sein Gesicht ist tränenverschmiert und seine zerrissene Kleidung sieht ein wenig altmodisch aus. Seit wann ist dieses Kind tot?

'Rede mit dem Kind,' höre ich die gedankliche Stimme von Lord Voldemort in meinem Kopf.

Für einen Bruchteil der Sekunde war ich mir bewusst, dass mein Körper da unten mit dem dunklen Lord auf dem Sofa sitzt, aber dann reiße ich mich zusammen und fixiere das Kind mit meinem Blick, das direkt vor mir steht und mich mit einem vorwurfsvollen Blick anstarrt. Kinder sich echt unheimlich, dieser Meinung war ich immer, aber glücklicherweise hat dieses Kind keine weißen Flügel und keine Harfe in den Händen. Aber fett ist es ja.

„Wie heißt du?" stelle ich die erste Frage, die mir in den Sinn kommt.

„Mark," sagt das Kind, mich noch immer ohne zu blinzeln angaffend. „Wer bist du? Ich wohne alleine und dieses Haus gehört mir. Du sollst gehen. Alle gehen."

„Ich wollte mir dir reden," sage ich.

„Lügner," höhnt das Kind und dreht sich um.

So ist es also gestorben, kommt mir durch den Kopf. Denn eine lange und scharfe Glasscherbe tritt aus dem Kopf des Kindes hervor, der einen Teil seines Gehirns zur Schau stellt. So sieht ein Gehirn aus? Ich hatte keine Ahnung. Ich sollte einmal eine Obduktion durchführen... Ich habe keine Ahnung von solchen Sachen. Ich weiß nur, wohin man einen Dolch stecken muss, um jemanden umzubringen.

„Ich bin ein Magier," sage ich zu dem Kind. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Haus ein Zaubererhaus ist. „Wie ist deine Familie gestorben?"

Im Nachhinein weiß ich, dass ich diese Frage nicht hätte stellen sollen. Denn das Kind dreht sich blitzschnell um und saust auf mich zu. Seine Augen bohren mich durch und ich hebe eine Augenbraue. Soll ich jetzt Angst haben? Tut mir leid... Ich kann keine spüren. Ja, Kinder und tote Kinder sind ein wenig unheimlich, aber bitte... Ich bin der dunkle Prinz. Es ist nicht so leicht, mich einzuschüchtern.

„VERLASSE DIESES HAUS!" brüllt das Kind, dessen Geistgesicht nur ein paar Zentimeter von meinem entfernt ist.

„Oh, nein, nicht bevor ich ein paar Antworten bekomme," sage ich entschlossen. „Wie ist deine Familie gestorben?"

„Sie hat mich verlassen," zischt das Kind, noch immer versuchend, mir Angst einzujagen indem es wieder auf mich zu saust. Ich gähne gelangweilt als der Geist des Kindes durch meinen geistigen Körper hindurch kommt.

„Bist du ein Geist?" fragt das Kind verwundert.

Oh also jetzt habe ich deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich bin entzückt.

„Nicht wirklich," sage ich geheimnisvoll. „Na? Beantworte meine Frage."

„Es gab einen Angriff," sagt das Kind. „Alle sind geflohen... Sie haben mich vergessen."

„Verstehe," sage ich langsam. „Und sind sie tot?"

„Ich denke schon," sagt das Kind. „Überall gab es Feuer... Aber es regnete und das Feuer erlosch allmählich... Ich bin hier geblieben, denn ich wusste nicht, wohin ich sonst gehen sollte."

'Sag dem Kind, du wirst ihm helfen und komm zurück,' höre ich die Stimme von Lord Voldemort in meinem Kopf.

„Es gibt einen anderen," stellt das Kind fest.

„Ja und wir werden dir helfen. Warte auf uns hier," sage ich zu dem Kind und ziehe mich zurück zu meinem Körper.

Ich öffne die Augen und blinzele. Der dunkle Lord nickt mir zu und steht auf.

Ich habe gerade etwas bemerkenswertes und seltsames erlebt und der dunkle Lord stellt sich so an, als sei nichts passiert. Ich weiß nicht, ob Schwarzmagier normalerweise so was vermögen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das, was ich soeben getan habe, etwas phantastisches ist. Und doch benimmt sich der dunkle Lord schon wieder, als hätte er so was von mir erwartet. Er stellt sich so an, als unterrichtet er sich selbst, denn er erwartet genauso viel von mir sowie er von sich selbst erwartet.

Seufzend folge ich ihm zu den Treppen und schaue zu, wie er eine riesige Schlange beschwört, sich mit einer gleichgültigen Miene auf ihren Kopf setzt und hochgehoben wird. Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe. Nun ja... Schlangen sind ja seine Spezialität, aber nicht meine. Ich zucke mit den Achseln, presse meine Finger auf das dunkle Mal und erscheine bei ihm. Der dunkle Lord verengt die Augen.

„Ich wollte eigentlich, dass du einen Weg nach oben findest," sagt er kühl.

„Habe ich ja," sage ich breit grinsend.

„Schwarzmagier," murmelt er vor sich hin und dreht sich um.

Ganz der Lehrer, was? Schmunzelnd folge ich ihm ins Kinderzimmer, das jetzt jedoch leer ist. Der Geist ist weg.

Aber das scheint den großen Lord Voldemort nicht zu stören. Er beugt sich über das Kinderbettchen und mustert das Skelett drin.

„Schau mal," sagt er gebieterisch. Er ist wieder in seiner Lehrerrolle. „Hier haben wir Überreste von einem Menschen. Ein Nekromantiker kann natürlich einen Inferi erschaffen, aber heute werden wir so was nicht machen. Weißt du, was ein Inferi ist?"

Ich verdrehe die Augen. Natürlich weiß ich, was ein Inferi ist. Was denkst du, mit wem du redest?

„Ein dunkler Magier kann einen Toten wieder beleben aber nur im Sinne, dass er seine Aufträge und Befehle erfüllt. Solch ein Geschöpf kann nicht für sich denken und es folgt nur den Befehlen des Magiers," antworte ich gelangweilt.

„Sehr wohl," sagt Voldemort der große Lehrer. „Ein Nekromantiker kann aber auch für eine kurze Weile wieder einen Toten beleben, im Sinne, dass er für sich denken kann und einen Körper hat, der aber so bald der Magier den Ritualkreis verlässt, aufhört zu existieren. Solche Rituale werden benutzt wenn man mit der Seele von einem Toten reden will, sie aber nicht finden oder sehen kann. Die alten Nekromantiker benutzen solche Techniken wenn sie etwas von einem Toten erfahren wollten. Für solch ein Ritual braucht man etwas von dem Toten, das man dann für das Ritual benutzen kann."

„Natürlich ist solch ein Ritual in dieser Situation vollkommen überflüssig, denn wir können den Geist dieses Kindes sehen und mit ihm reden. Wir werden trotzdem das Ritual als eine Übung durchführen. Wir werden erfahren, was in diesem Haus passiert ist und wie das Kind gestorben ist. Dann werden wir dem Geist befehlen, endlich die Erde zu verlassen. Ist dir alles klar? Gibt es Fragen?"

„Viele," sage ich. „Aber Ihr werdet mir zweifelsohne bald die Antworten geben."

Lord Voldemort lächelt zufrieden und wendet sich dem zerfallenen Regal zu.

In der Zwischenzeit ist der Geist des Kindes wieder aufgetaucht und jetzt lauert er hinter dem Kinderbettchen. Als Voldemort sich bückt und die Überreste von einem Teddybär in die Hand nimmt, saust er wütend auf ihn zu. Laut fauchend und mit einer entsetzlichen wütenden Miene stürzt er sich auf Voldemort und greift nach ihm. Der dunkle Lord winkt lediglich mit seinem Stab, dabei den Geist keines Blickes würdigend, und der Geist gibt ein gequältes Wimmern von sich und verschwindet.

„Was hast du getan?" hören wir die Stimme des Geistes, der sich jetzt unter dem Kinderbettchen versteckt.

Den erschreckenden und zugleich wütenden Geist vollkommen ignorierend, reicht Lord Voldemort mir das Spielzeug und deutet auf den Boden. Ich nicke und beginne einen magischen Kreis zu zeichnen. Welche Symbole soll ich benutzen?

„Hier," sagt der dunkle Lord.

Er beginnt mit seinem Stab Symbole in der Luft zu zeichnen und ich runzele die Stirn.

„Die uralte Sprache, die für solche Rituale benutzt wird. Du musst sie nur in dieser Reihenfolge zeichnen."

„Das ist... die Dämonensprache," bemerke ich.

Denn ich erkenne schon ein paar davon und errate schnell die Bedeutung der anderen.

Der dunkle Lord wirft mir einen Blick zu und lässt seine Hand sinken.

„Manchmal vergesse ich, wie viel du über Dämonen weißt," sagt er mit einem Hauch von Überraschung in seiner Stimme. „Zweifelsohne hat dein Dämon dir davon erzählt."

„Dämonen?" hören wir die erschrockene Stimme des Kindes unter dem Bett. „Bitte nicht. Haltet sie weg von mir!"

„Klappe," knurrt der dunkle Lord.

Ich zeichne die Symbole rund um den Kreis, dafür Magie verwendend, da wir keine Kreide dabei haben. Hoffentlich werden sie nicht mal so schnell verschwinden. Ich lege den Teddybär in der Mitte des Kreises und Voldemort tritt über die schimmernde rote Linie hinweg, mir zunickend.

„Jetzt brauchen wir die Überreste von dem Toten," sagt er.

Ich lasse das kleine Skelett in den Kreis schweben. Als der Geist des Kindes begreift, was ich tue, kommt er aus seinem Versteck raus und folgt dem schwebenden Skelett mit seinem Blick. Als er aber die Symbole erblickt, bleibt er wie angewurzelt stehen (oder eher, schweben) und starrt sie entsetzt an.

Aber wir schenken ihm keine Aufmerksamkeit. Wir haben zu tun.

„Hier ist die alte nekromantische Formel, oder eher, der Spruch, der für das Beleben der Toten benutzt wird," sagt der dunkle Lord.

Er zeichnet etwas mit seinem Stab in der Luft und ich runzele die Stirn.

„Jetzt tue das folgende," weist mich der dunkle Lord an. „Hast du das Kapitel über Hades gelesen?"

Ich nicke stumm. Er hat mir vor zwei Wochen ein Buch über griechische Mythologie gegeben und ich hatte genug Zeit, es gründlich durchzulesen.

„Also erinnerst du dich an sein Aussehen?" fragt er mich. Wieder nicke ich. „Schön. Stell dir ihn vor. Füge so viele Details hinzu, an die du dich erinnern kannst. Lass sein Äußeres so lebhaft vor deinem geistigen Auge wie möglich erscheinen."

Ich schließe die Augen und versuche das Wimmern des Geistes zu ignorieren.

„Jetzt stell dir vor, du seist Hades," sagt der dunkle Lord. „Sein Körper – oder eher, deine Vorstellung davon – soll sich mit deinem verschmelzen. Jetzt bist du Hades. Beachte die feinen Details, zum Beispiel was er trägt und wie sein Gesicht aussieht."

Diese Ritualtechnik ist mir sehr gut bekannt. Denn ich habe sie schon einmal benutzt, das heißt, beim Auferstehungsritual. Aber ich habe so was seit langem nicht getan und ich finde es verdammt schwierig, mich darauf zu konzentrieren. Hoffentlich sind meine Leistungen gut genug.

„Jetzt spreche die Worte aus," sagt der dunkle Lord leise.

Ich bin Hades, ich bin Hades, geht mir durch den Kopf. Mein Körper scheint zu wachsen und ich stelle mir vor, ich halte einen langen Stock in der Hand und dass der gut bekannte dreiköpfige Hund bei meinen Füßen sitzt. Der Trick dabei ist darüber nicht nachzudenken, sondern den Gott, den ich benutze, wirklich werden zu lassen. Was natürlich viel Konzentration erfordert.

„Hier steht deine Asche, Sterblicher," sage ich.

Meine Stimme hört sich ein wenig tiefer an. Das heißt, es hat geklappt. Jetzt nur nicht meine Konzentration verlieren...

„Ich bin Hades, der Herrscher der Unterwelt. Ich bin der Herrscher von Elysion und Tartaros. Mein treuer Diener, Kerberos, der Höllenhund, bewahrt die Mauern und die Eingänge zu meinem Reich auf, sodass keiner es verlassen oder betreten kann. Ich alleine aber habe die Macht, die Toten raus zu lassen. Auferstehe also aus deiner Asche, Sterblicher, bei meiner Macht! Komm zurück zur Erde und erscheine vor mir!"

„Der Zauber heißt Anastainomai," höre ich die Stimme des dunklen Lords. „Benutze aber auch deine rohe Magie, um ihn zu verstärken."

Das ist mir auch bekannt. Also dann...

Ich richte meinen Stab auf das Skelett und spüre dabei wie meine eigene Magie sich zum Skelett erstreckt und ihn umfasst. Auf einmal ertönt ein erschrockener Schrei und alle Symbole, die ich gezeichnet habe, beginnen wie wild zu glühen. Dies ist keine gewöhnliche Magie... Und sie fühlt sich einzigartig an. Der Zauber hat eigentlich einen schwarzen Strahl, der jedoch in der Mitte violett ist, erzeugt und jetzt schaue ich stumm zu, als das Skelett zuerst zittert und dann beginnt zu vibrieren. Mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit beginnt sich ein kleiner Körper zu gestalten, bis zuletzt etwas Haar aus der weichen und unnatürlich blassen Haut hervorschießt und zwei Augen sich abrupt öffnen. Und dann wird alles ganz still. Nur die Symbole glühen um uns herum und es gibt keine Spur von dem Geist des Kindes. Das Kind jedoch, wird mir klar, steht direkt vor mir.

Das hier ist eine ganz andere Version von dem Kind, als die die ich schon gesehen – oder eher gespürt – habe.

Jetzt gibt es keine Tränen in seinem Gesicht, das vollkommen sauber ist. Die braunen Augen wirken menschlich und das blonde Haar weich und frisch gewaschen. Das Kind ist in altmodische Zauberkleidung gekleidet und wirkt ein wenig verwirrt, aber außerdem vollkommen gesund. Und doch ist es offensichtlich, dass es nicht wirklich lebendig ist. Seine Haut scheint zu glühen und jedes Detail an seinem Körper wirkt unnatürlich. Als sei es nur ein Traum...

Der dunkle Lord nickt mir zu und kommt näher.

„Spreche mit ihm," befiehlt er mir.

Ich schlucke und schlüpfe mit Erleichterung aus der Gestalt von Hades heraus, die sich um mich auflöst. Zweifelsohne werde ich sie wieder benutzen müssen, aber jetzt kann ich mich ein wenig entspannen.

„Hallo Mark," sage ich. Das Kind starrt mich mit offenem Mund an. „Wie alt bist du?"

„Fünf," antwortet das Kind. „Wo bin ich?"

„In deinem Zimmer," antworte ich. Aber ich soll nicht zu viele seiner Fragen beantworten, denn ich habe zu tun und soll mich nicht ablenken lassen. „Ich werde dir helfen. Was ist passiert?"

„Ich habe Angst," flüstert Mark erschrocken.

„Ich weiß," sage ich so sanft wie möglich. „Ich werde dir helfen. Aber ich muss zuerst mehr über das erfahren, was soeben passiert ist."

Offensichtlich erinnert sich das Kind nicht an all die Tage, die es als Geist hier verbracht hat.

„Es gab einen Kampf..." flüstert Mark. „Ich erinnere mich an die lauten Stimmen... es gab eine Menge wütende Menschen da draußen. Sie verlangten, meinen Papa zu sehen. Aber mein Papa wollte nicht zu ihnen gehen. Ich rief nach ihm, aber er kam nicht. Ich lag in meinem Bett und wartete... Bald hörte ich Stimmen, Krach, Schreie... Ich konnte mich nicht bewegen, ich lag nur da und wartete, dass Papa oder Mama mich holten... Aber sie kamen nicht. Dann gab es einen Knall; das Fenster hinter mir zersprang in tausend Stücke und ich versuchte mein Gesicht zu schützen, aber... es tat weh... Und ich bin umgefallen. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern."

Also Mark erinnert sich an seinen eigenen Tod, aber er weiß nicht, dass er tot ist. Interessant.

„Siehst du?" fragt Lord Voldemort. „Er erinnert sich nicht."

„Aber warum denn?" frage ich verwundert.

„Weil er zu schnell gestorben ist," antwortet der dunkle Lord sachlich.

Mark schaut verwirrt von einem zum anderen.

„Wer seid ihr? Und wo ist meine Familie?" fragt er mit einer schwachen, erschrockenen Stimme.

„Wir haben genug erfahren," ist der dunkle Lord der Meinung. „Du sollst ihn endlich entlassen."

„Gibt es einen Zauber dafür?" frage ich.

„Dieses Mal nicht," antwortet der dunkle Lord. „Denn sein Geist wird zu diesem Ort immer wieder hingezogen werden, bis ihm klar wird, dass er nicht hierher gehört."

„Welch ein Scheiß," murmele ich. „Wie soll ich ihn bitteschön überzeugen, dass er fort gehen muss? Denn nicht einmal ich weiß, wohin?"

„Wie stellst du dir dann das Leben nach dem Tod vor?" fragt Lord Voldemort.

Er stellt ruhig solch eine Frage, welche Leute sich schon seit Ewigkeit stellen. Das kann nur Lord Voldemort tun.

„Nun..." fange ich an.

Einmal habe ich an gar nichts geglaubt. Mir ist diese Vorstellung, dass wir alle nach dem Tod ins Paradies gehen, wo man glücklich ist und wo alle, die man je geliebt hat, sind, äußert verlockend vorgekommen. Aber Onkel Vernon und Tante Petunia haben mir eingebläut, dass ein Freak wie ich dorthin nicht hingehört. Jetzt aber... da ich einen Teil meiner Seele einem Dämon gegeben habe, soll ich für alle Ewigkeit verflucht sein und in der Hölle brennen. Aber ich glaube auch daran nicht. Ich weiß nicht mehr, woran ich glaube, aber ich bin der Meinung, dass es keinesfalls so einfach zu erklären ist.

„Keine Ahnung," antworte ich ehrlich.

'Erzähl ihm also eine Lüge, da du ihn nicht davon überzeugen kannst, fort zu gehen. Was denkst du, was ein Kind sich am meisten wünscht?' sagt die gedankliche Stimme von Voldemort in meinem Kopf.

Was sich ein Kind... Na ja, ein Kind, aus meiner Erfahrung, sehnt sich danach, endlich glücklich zu sein. Von Menschen umgeben zu sein, die ihn lieben. Also... Oh Mann, das wird schwierig sein. Mir fällt jedoch etwas ein, eine Kindergeschichte, die ich einmal in der Schule gehört habe. Aber wird Mark es mir abkaufen? Einen Versuch ist es wohl wert, obwohl ich mir sicher bin, wäre ich an seiner Stelle, hätte ich mir selbst nie so was abgekauft.

„Deine Mutter und dein Vater befinden sich an einem wunderschönen Ort," sage ich zu Mark, der mich mit weit aufgerissenen Augen anschaut. „Und sie warten auf dich. Aber du hast dich verlaufen und sie können dich nicht finden."

„Wo ist dieser Ort?" stellt Mark die Frage, auf die ich leider keine bestimmte Antwort habe.

„Du sollst dir nur mit deinem ganzen Herzen wünschen, wieder bei ihnen zu sein," antworte ich. „Und dein Herz wird dich anführen."

Welch ein Scheiß, geht mir durch den Kopf. Herz soll dich anführen... Das Herz ist nur ein Organ, nichts weiter. Aber so was stand in der Geschichte, an die ich mich erinnere. Hoffentlich klappt es.

„Ich verstehe nicht ganz, aber ich werde es versuchen," sagt Mark und schließt die Augen. Dann öffnet er sie wieder. „Danke, Fremder," sagt er lächelnd. „Dass du mir geholfen hast, wieder meinen Weg zu finden. Wie heißt du überhaupt?"

„Erebus," antworte ich ohne zu blinzeln.

Der dunkle Lord zieht die Augenbrauen in die Höhe, sagt jedoch nichts dazu.

„Danke, Erebus," sagt Mark, der seine Augen wieder schließt.

Für eine Weile stehen wir nur so da, bis die gedankliche Stimme des dunklen Lords wieder in meinem Kopf ertönt.

'Du sollst ihn entlassen. Nimm wieder die Gestalt von Hades an und entlasse ihn. Ein Satz genügt. Dabei sollst du seine Überreste zerstören und auch das Spielzeug, das du im Ritual benutzt hast.'

In Ordnung. Das klingt äußerst logisch, denn der Geist des Kindes ist jetzt in diesem erschaffenen Körper gefangen.

„Ich entlasse dich, Sterblicher, zu meinem Reich," sage ich mit ausgestreckten Armen. „Geh im Frieden und lasse das Irdische hinter dir."

Ich richte meinen Stab auf das Kind. Es schreit gequält auf als der Körper, den ich für es erschaffen habe, in Flammen aufgeht, aber dann erblicke ich etwas schimmerndes, das an mir vorbeisaust. Ich verbrenne auch schnell den Teddybär und atme tief durch. Ist es vorbei? Ach, ja. Jetzt kann ich wieder ich selbst sein. Mit Erleichterung schlüpfe ich aus der Gestalt von Hades heraus und schaue mich um.

„Sehr gut," sagt der dunkle Lord, mir zunickend. „Gehen wir."

Ich verlasse den magischen Kreis, dabei bemerkend, dass die Symbole schon schwächer sind. Allmählich werden der Kreis und die Symbole sich auflösen, geht mir durch den Kopf als ich die dargebotene Hand des dunklen Lords nehme und disappariere.

Wir tauchen mitten an einem Friedhof auf. Endlich sind wir am richtigen Ort für Nekromantikunterricht.

Der dunkle Lord setzt sich ohne weiteres auf ein Grab und schaut sich mit glitzernden Augen um. Ihm gefällt die Atmosphäre und ich muss zugeben, dass ich seine Meinung teile. Es ist so friedlich, so still... Eine leichte Brise weht und spielt mit meinem Haar und ich atme tief den Geruch der Nacht ein, den ich so liebe. Ich setze mich zu Voldemort und stelle fest, dass ich durstig bin. Aber ich habe natürlich nichts mitgebracht. Sehr schlau, Potter. Du weißt ja, wie lange sein Unterricht dauern kann, und doch hast du nicht daran gedacht. Ich war einfach viel zu aufgeregt, um über existenziale Sachen nachzudenken.

„Das Ritual, welches du soeben durchgeführt hast, dient wie gesagt dazu, mit den Toten zu reden," sagt er ernst. „Es wird dann benutzt, wenn man den Geist des Toten nicht finden kann und etwas herausfinden möchte. Natürlich kann man auch nur den Geist zu sich rufen, aber manchmal ist es viel nützlicher und effektiver, einen provisorischen Körper für den Geist zu beschaffen, sodass die Kommunikation einfacher verläuft. Dafür braucht man die Überreste des Toten und etwas, was ihm einmal gehört hat."

„Das, was ich dir soeben beigebracht habe, ist die griechische Version, welche die Form von Hades benutzt, sowie seine Mächte und seine Kräfte," fährt er fort. „Natürlich ist dir jetzt klar, dass das Auferstehungsritual, das du einmal für mich ausgeführt hast, starke neoromantische Elemente besitzt. Damals hast du die Form von Anubis benutzt, denn ich bin der Meinung, dass ägyptische Götter und Göttinnen eine festere und stärkere Form haben, als die von den Göttern und Göttinnen von anderen Kulturen und dadurch ist es wirksamer, sie zu benutzen."

„Sind aber nicht diese Götter ein Teil von Muggelkultur?" frage ich.

Lord Voldemort wirft mir einen genervten Blick zu.

„Sei nicht albern, Harry," sagt er. „Die uralten dunklen Magier aus Ägypten haben mit den Mächten von Göttern gearbeitet. Die Muggel haben an sie geglaubt und sie gefürchtet, aber die dunklen Magier Ägyptens haben natürlich gewusst, dass sie in Kontakt mit ihnen kommen und ihre Mächte benutzen können. Nur ein Muggel fürchtet sich vor so was."

„Also... wer sind die ägyptischen Götter? Ein Produkt von Magie?" frage ich verwirrt.

„Die Antwort zu jener Frage erfordert einen Einblick in die Theorien, die über die Erschaffung der Welt sprechen und wir werden ein anderes Mal darüber reden," erwidert der dunkle Lord todernst.

Erschaffung der Welt? In Ordnung... Aber natürlich. Ein Nekromantiker muss sich mit all diesen Sachen beschäftigen, weil er ja mit den Toten zu tun hat. So was ist keine gewöhnliche Schwarzmagie. Im gewissen Sinne ist Nekromantik einer der gefährlichsten Zweige der Schwarzmagie, weil man ja mit den Seelen der Toten spielt. So was ist nicht für jeden geeignet. Und außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass nicht viele dunkle Magier eigentlich verstehen, was es heißt, die Mächte eines Gottes zu benutzen. Ich verstehe es auch nicht, wie ich es schaffe, aber ein Teil von mir weiß es einfach.

„Deine Hausaufgabe lautet – die ägyptische Version von dem Ritual, das du soeben durchgeführt hast, auf zu schreiben. Ich werde dir ein paar Bücher über die ägyptischen Legenden und Götter ausleihen, die du dafür benutzen wirst. Du musst einen Gott auswählen, dessen Form du für das Ritual benutzen wirst."

„Anubis," sage ich sofort.

„Sehr gut," sagt der dunkle Lord, der mir zunickt.

„Jetzt werden wir einen Inferi erschaffen," sagt er ruhig, sich umschauend. „Zweifelsohne wirst du finden, dass so was kinderleicht im Vergleich zu dem, was du soeben getan hast, ist."

Ich grinse breit und schaue mich ebenfalls um.

„Aber zuerst habe ich ein paar theoretische Fragen an dich," sagt der dunkle Lord. „Erstens – nehmen wir an, dass du einen Inferi erschaffen hast. Wie lange wird er existieren?"

„So lange ich ihn brauche," antworte ich.

„Nicht ganz," sagt der dunkle Lord. „So steht es in Büchern, das stimmt. Ein Inferi ist die Erschaffung des Magiers. Er hängt von ihm ab und ohne ihn und seine Anweisungen und Befehlen, ergibt seine Existenz keinen Sinn und er geht zugrunde. Zum Beispiel, ich habe einen meiner Horkuxe in eine Höhle versteckt und von ein paar Inferi beschützen gelassen. Die Inferi, die ich erschaffen habe, haben nur eine Aufgabe – jeden, der an dem Horkrux zu gelangen versucht, zu zerstören, mit welchem Mittel auch immer."

„Das ist eine ziemlich primitive Schutzmethode, mein Meister, wenn ich sagen darf," platzt es aus mir.

Der dunkle Lord lacht.

„Aber wirksamer als ein Schutzzauber," meint er. „Dumbledore war natürlich da. Er hat versucht, an den Horkrux ranzukommen, aber es ist ihm nicht gelungen. Er hat sich verletzt."

Seine Augen glitzern fanatisch.

„Er hat natürlich Schutzzauber erwartet und das ist einer der Gründe, warum meine Inferi erfolgreicher und wirksamer als Schutzzauber, wenn auch dunkle, waren," sagt er zufrieden.

„Darf ich diese Höhle sehen?" frage ich neugierig. „Wenn die Inferi noch da sind?"

„Sie sind noch da," antwortet der dunkle Lord. „Ich hatte keine Zeit und keine Lust, sie zu vernichten."

Er mustert mich abschätzend.

„Schön, ich kann dir die Höhle zeigen," sagt er. „Aber zuerst werden wir hier einen Inferi erschaffen. Meine zweite Frage lautet – wann kann man einen Inferi erschaffen? Kann man eine Leiche, die zum Beispiel ein Jahr daliegt, dafür benutzen?"

„So lange es noch Fleisch und Knochen gibt, kann man einen Inferi daraus machen," antworte ich.

Jetzt höre ich mich wie Hermine an, denn ich habe das ganze Buch zum Thema verschlungen und kann es zitieren.

„Und wie viel wäre das in Jahren?" fragt der dunkle Lord.

„Es hängt von dem Grab und von der Erde ab, in der die Leiche liegt," sage ich. „Aber man soll keine Leiche, die älter als ein paar Monate ist, benutzen."

„Sehr gut," sagt der dunkle Lord und steht auf. Die Frage über Jahre war eigentlich eine Fangfrage. So was macht der dunkle Lord ziemlich oft. „Finden wir eine solche Leiche."

Er folgt mir als ich mit dem Stab in der Hand anfange, dessen Spitze blau glüht, den Friedhof zu erforschen. Ich gehe vom Grabstein zum Grabstein das Todesjahr lesend. Natürlich können wir nicht wissen, ob zwei oder acht Monate vergangen sind, seit die Person gestorben ist, aber man muss mit etwas anfangen, oder?

Es ist so friedlich. Eine leichte, warme Brise weht, welche die Gerüche von Sommer und Eiben, die überall wachsen, mitbringt. Ich war seit langem nicht auf einem Friedhof. Es gab einen in der Nähe von Ligusterweg und manchmal ging ich dorthin um nur auf einer Bank zu sitzen und ins Leere zu starren. Ich habe die Stille genossen und betrachtete den Friedhof als einen Ort, an dem ich meine Ruhe haben kann und wo mich keiner stört.

Damals habe ich die Toten beneidet. Keiner verurteilt sie. Sie haben endlich ihre Ruhe gefunden und im Tod sind sie alle gleich. Es war ein tröstender Gedanke... Auch wenn ich eine miserable Kindheit hatte, hatte der Tod etwas tröstliches an sich. Auch wenn ich nicht wusste, was mit mir nach dem Tod passiert, vermutete ich, dass es keinesfalls etwas schlimmes sein kann. Ich habe mir manchmal ein Grab vorgestellt, auf dem mein Name steht. Würde mir irgendjemand Blumen mitbringen? Oder würde mein Grab einfach verlassen dastehen, allmählich von Gras und Efeu überwachsen werden, sodass in ein paar Jahren mein Name auf dem Grabstein nicht zu erkennen wäre? Würde mein Name für immer vergessen sein?

Heutzutage mache ich mir keine solchen Gedanken. Bald wird die ganze Welt meinen Namen wissen und er wird in Menschen weiterleben, in ihren Gedanken eingegraben und für alle Ewigkeit etwas schreckliches und mächtiges darstellen. Ich weiß nicht, wo mein Körper seine Ruhe findet, aber ich weiß, dass die Erinnerung an mich und meine Taten für immer leben wird. Jeder wird sich an Harry Potter, den Jungen der lebt, und an Harry Potter, den dunklen Prinzen, erinnern. Mein Name wird in Büchern stehen und man wird über mich lesen. Das ist eine Art Unsterblichkeit, die ich mir immer gewünscht habe.

„Gut," sagt der dunkle Lord als ich bei einem Grab innehalte und auf das Todesjahr deute. „Der Zauber heißt exurgere. Versuche es."

Ich richte meinen Stab auf das Grab und spreche die Worte laut aus.

Der Zauber fühlt sich in der Tat seltsam an. Die verbotenen Flüche verleihen einem das Gefühl, unbesiegbar und allmächtig zu sein. Dazu wird man ekstatisch und vom Rausch ergriffen, der einfach unbeschreiblich ist. Aber dieser Zauber... Erfordert viel Macht. Denn als ich den Zauber gesprochen habe, fühlte ich mich auch so, als hätte der Zauber meine Magie mitgezogen, ausgesaugt, irgendwie weggenommen. Ich werde aus den Gedanken herausgerissen als der Boden beginnt zu zittern und ich weiche zurück.

„Mach den Weg für den Inferi frei, worauf wartest du?" sagt der dunkle Lord ungeduldig.

So ist es immer mit ihm. Er erwartet, dass ich schon alles beherrsche und dass ich alles weiß, wenn ich zu seinem Unterricht komme. Ja, ich bin der dunkle Prinz. Ich habe schon viele großartige Sachen bewirkt und darunter gibt auch Sachen, die keinem bisher gelungen sind. Aber vielleicht bin ich ja nicht immer so großartig...

Der dunkle Lord wedelt ungeduldig mit seinem Stab und die Erde und das Gras, die das Grab bedecken, schießen hoch in die Luft wie Wasser aus einem Brunnen. Ich huste und fahre mir über die Hosen, um die Erde loszuwerden.

„Schon müde?" höhnt der dunkle Lord. „Deine Eifrigkeit ist offensichtlich viel größer als deine Macht."

„Es hat nichts mit Macht zu tun," gebe ich genervt zurück.

„Das werden wir sehen," sagt der dunkle Lord hämisch lächelnd.

In jenem Moment erblicken wir eine weiß-grüne Hand, die mitten in dem Haufen vom Staub, Gras und Erde erscheint und ich schnappe nach Luft. Es hat geklappt...

Ich habe mir ein paar Filme über Dudleys Schulter hinweg über Zombies angeschaut, und damals habe ich gedacht, dass es nichts hässlicheres oder erschreckenderes in der Welt gibt, außer Zombies. Ich war froh, dass es so was in der Wirklichkeit nicht gibt. Nun weiß ich, dass es so was tatsächlich gibt. Es ist seltsam, wie stark die Muggelkultur von der Zauberkultur geprägt ist und umgekehrt. Die Elemente aus der Zauberwelt sind so subtil in die Muggelkultur eingewebt, dass sie beinah noch eine dritte Welt bilden, das heißt, eine Muggelwelt, die jedoch aus den Elementen, die aus der Zauberwelt stammen, besteht. Die Muggel betrachten sie als Legenden, eine Phantasiewelt, eine Märchenwelt, welche aber in der Wirklichkeit die Zauberwelt ist. Alles, was die Muggel als Legende und Märchen betrachten, existiert in der Zauberwelt. Das muss wohl eine Folge von dem gelegentlichen Kontakt mit den Zauberern und Hexen sein. Aber da sie das, was sie gesehen und gespürt haben, sich nicht erklären können, betrachten sie es als Märchen.

Nun, ich hätte mir einen jüngeren und schöneren Zombie auswählen können, geht mir durch den Kopf auf die alte Frau aus dem Grab herausklettert. Eigentlich ist sie nicht so alt gestorben... drei und vierzig? Man würde denken, dass die Frauen sich heutzutage mehr um ihr Äußeres kümmern.

Schlank oder hübsch ist sie jedenfalls nicht. Ihr kurzes Haar erinnert mich an die Feder von einem schmutzigen und ungesunden Vogel und ihr Gesicht, das ihr das Aussehen von unendlicher Dummheit verleiht, ist in einem Ausdruck von noch größerer Dummheit erfroren. Ihre Haut ist grün und sie trägt keine Kleidung mehr, da sie verrottet ist. Und der Anblick ihres Körpers, Inferi oder nicht, ist keinesfalls angenehm.

Der dunkle Lord lacht schallend. Wahrscheinlich habe ich mein Gesicht verzogen.

„Was, hast du eine Prinzessin erwartet?" fragt er belustigt. „So sieht ein Inferi aus."

„Die Tatsache, dass sie ein Inferi ist, hat wohl nichts damit zu tun," erwidere ich angewidert.

„Meister," sagt die Frau mit einer krächzenden Stimme und streckt eine tote Hand in meine Richtung aus.

Ich hätte eine andere Leiche auswählen sollen. Aber man kann natürlich nicht wissen, wie ein Toter einmal aussah. Augenblicklich erscheint vor meinen geistigen Augen ein Bild von einem Jungen mit langen blonden Haaren, der splitternackt direkt vor mir steht und mich mit großen Augen anschaut. 'Meister,' sagt er. 'Was möchten Sie, dass ich tue?' Schon den nächsten Augenblick sehe ich ihn auf seinen Knien direkt vor mir, während ich den Reißverschluss meiner Hosen grinsend aufmache und... Ich reiße mich zusammen. Einen persönlichen Sklaven zu haben ist eine verlockende Idee. Dass dieser Sklave ein Toter wäre ist wohl eine ganz andere Sache, die mir offenbar nichts ausmacht.

Lord Voldemort wirft mir einen seltsamen Blick zu und schüttelt den Kopf. Zweifelsohne waren meine Gedanken einfach viel zu bildhaft.

„Große Morgana," flüstere ich und schüttele den Kopf. „Kann ich mir nicht irgendwie ein Foto von dem zukünftigen Inferi anschauen, ehe ich einen erschaffe?"

Der dunkle Lord lacht wieder und mustert den Inferi.

„Gib ihr ein Befehl," sagt er.

„Ich möchte, dass du steppst," befehle ich dem Inferi.

Das hätte ich nicht sagen sollen. Denn eine dicke, hässliche Frau steppen zu sehen ist wohl das schlimmste, was ich je gesehen habe. Ihre nackten Brüste erinnern mich an zwei Puddings als sie auf und ab hüpfen und sich in allen möglichen und unmöglichen Richtungen bewegen und ihr ernster und dummer Ausdruck, der sich keinesfalls geändert hat, bringt auch mich zum Lachen. Glücklicherweise hindert ihr Bauch den Anblick an die Stelle zwischen ihren Beinen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch einen schlimmeren Anblick bieten würde, als ihre Brüste. Ich möchte nicht wissen.

„Sie war allem Anschein nach ein wenig beschränkt," bemerkt der glucksende dunkle Lord. „Nun, du hast es geschafft. War es schwierig?"

„Nein," antworte ich, noch immer die hüpfende Frau betrachtend. „Kann ich sie jetzt umbringen?"

„Du kannst sie ENTLASSEN," der dunkle Lord verbessert mich.

„Schön," sage ich, die Hand hebend. „Gibt es einen Zauber dafür?"

„Nein, du musst ihr nur befehlen, wieder dorthin zu gehen, wo sie einmal war," sagt der dunkle Lord ruhig. „Merke aber dass nur derjenige, der den Inferi erschaffen hat, ihn auf diese Weise zerstören kann. Schau mal."

Er richtet seinen Stab auf die Frau.

„Avada kedavra," sagt er.

Der gut bekannte grüne Blitz trifft den Inferi direkt in die nackte Brust und die Frau hört auf, zu tanzen, schüttelt den Kopf, fährt aber bald fort.

„Hör auf zu tanzen, um Morganas Willen!" belle ich.

Sie bleibt stehen und starrt vor sich hin. Ich seufze.

„Na schön," sage ich. „Wie kann man also einen Inferi zerstören?"

„Nun, Feuer wäre wirksam," sagt der dunkle Lord.

„Versucht Ihr es," sage ich. Der dunkle Lord wirft mir einen überraschten Blick zu. „Ich möchte nur sehen, was passiert. Mein Meister."

Er kann mir natürlich Befehle geben aber es geht nicht umgekehrt. Der dunkle Lord wedelt gelangweilt mit seinem Stab und eine riesige, schwarze Flamme verschluckt die Frau. Sie fuchtelt panisch herum und versucht, sich dagegen zu wehren, aber es ist sinnlos. In ein paar Sekunden alles, was übriggebliebenen ist, ist ein Haufen Asche.

„Das war rohe Magie," bemerke ich trocken. „Keiner vermag so was, außer Euch und mir."

„Und nur das hat eine gute Wirkung," ist der dunkle Lord der Meinung. „Ein gewöhnliches Feuer würde den Inferi beschädigen, aber nicht vollkommen zerstören."

„Verstehe," sage ich ein wenig genervt.

„Nun, wir sind fertig hier," sagt der dunkle Lord. „Gehen wir also in die Höhle."

Er streckt seine Hand aus und ich nehme sie ohne zögern.

Wir tauchen an dem Ufer eines unterirdischen Sees auf, der pechschwarz und regungslos ist.

„Ich kann sehen, warum Ihr ausgerechnet diesen Ort ausgewählt habt," sage ich beeindruckt. „Es ist wunderschön. Wo sind wir?"

„Noch immer in England," sagt der dunkle Lord vage, der sich ruhig umschaut.

Er deutet auf etwas auf dem Boden und bringt seinen Stab näher. Ich sehe nur einen braunen Fleck auf dem Felsen.

„Dumbledores Blut," flüstert der dunkle Lord mit Vergnügen. „Er hat sich verletzt und er ist davongelaufen."

Wir beide glucksen. Dumbledores Tod ist etwas, was ich nie vergessen werde.

Der dunkle Lord richtet sich auf und deutet auf den schwarzen See.

„In der Mitte des Sees gibt es eine Insel, wo ich meinen Horkrux hinterlassen habe. Aber bevor ich das getan habe, habe ich ein paar Leichen her geschleift und sie in Inferi verwandelt. Sie befinden sich im See," sagt er.

Ich mustere höchst interessiert die schwarze, glatte Oberfläche des Sees. Ich benutze meine Magiesicht, kann aber nichts entdecken. Keine Magie wurde an dem See angewendet. Es gibt aber etwas Magie an dem Ufer...

„Das ist das Boot, das ich benutzt habe, zur Insel zu gelangen," sagt der dunkle Lord, der wie immer meine Gedanken gehört hat. „Rufen wir die Inferi."

Er streckt seine Arme aus und ich schaue wie gebannt zu, als die Oberfläche des Sees beginnt zu beben. Die einmal glatte Oberfläche des Sees kräuselt sich hier und da und es dauert nicht lange, bis ich eine grüne, tote Hand zu Auge bekomme.

„Hervorragend," stoße ich hervor. „Wie viel Inferi gibt es?"

„Ungefähr zwanzig," antwortet der dunkle Lord zufrieden.

„Und wie seid Ihr an sie gelangt?" frage ich.

„Ich habe ein paar Muggel getötet," antwortet der dunkle Lord sachlich.

„Ich werde versuchen, einen mit Feuer zu zerstören," sage ich aufgeregt.

Der dunkle Lord nickt nur. Der erste Inferi taucht auf, langsam aus dem Wasser herauskommend. Die Überreste seines Haars triefen vor Schleim und Dreck und seine toten Augen starren Voldemort an. So sieht also ein Inferi aus, der viele Jahre im Wasser verbracht hat. Der Gestank ist beinah unerträglich. Was machen die Inferi während sie warten, dass entweder ihr Meister oder ein Opfer vorbeikommt? Liegen sie regungslos im Wasser? Allem Anschein nach, ja.

Ich richte meinen Stab auf ihn. Die toten Augen werden auf mich fixiert als der dunkle Lord dem Inferi befiehlt, mich anzugreifen. So habe ich es mir aber nicht vorgestellt. Ich wollte nur sehen, welche Wirkung Feuer auf sie hat. Es wäre natürlich kein Problem, wenn es nur einen gäbe, aber mit zwanzig Inferi könnte ich Schwierigkeiten haben.

„Komm schon," sagt der dunkle Lord belustigt. „Verteidige dich."

„Und wer würde bitteschön einen Inferi auf mich aufhetzen, sodass ich wissen müsste, wie man gegen sie kämpft?" frage ich gereizt, als ich meine schwarze Peitsche erscheinen lasse. Ich schwinge damit durch die Luft und der Inferi verbrennt so schnell, dass die Asche überall fliegt.

Ich huste. Ich hab gerade einen Teil eines Toten eingeatmet. So habe ich mir diesen Ausflug nicht vorgestellt. Aber der dunkle Lord ist natürlich der dunkle Lord. Ihm machen solche Sachen Riesenspaß.

Entlassen kann ich sie nicht, weil ich sie ja nicht erschaffen habe. Das ist schlimm. Der dunkle Lord setzt sich auf einen Felsen und sieht dabei so aus, als hätte er sich für eine gute Show vorbereitet. Eine grüne Hand greift nach mir und ich wirbele herum. Ich finde mich Angesicht zu Angesicht mit einem Inferi, der stöhnt und wie blind mit seinen Händen herumfuchtelt. Der Gestank steigt mir in die Nase und ich habe den Eindruck, ich könnte deswegen in Ohnmacht fallen. Ich hebe die beiden Hände und denke 'expulso!', aber der Zauber hat keinerlei Wirkung. Er stolpert nur, reißt sich aber schnell zusammen und greift wieder an.

Eins kann mir vom Vorteil sein. Sie sind sehr langsam. Anscheinend können sie sich nicht schnell bewegen oder hat etwas die Tatsache, dass sie Jahre im Wasser verbracht haben, etwas damit zu tun. Ich springe auf einen hohen Felsen und lasse wieder meine schwarze Peitsche um meinen Kopf herumwirbeln. Der dunkle Lord gibt mir keine Vorschläge, sondern sitzt nur da und schaut zu. Als ich noch drei mit meiner Peitsche verbrenne, fällt mir etwas ein.

Ich beschwöre eine flammende schwarze Kugel, die sich schnell in die Luft hebt und beginnt sich schneller und schneller zu drehen. Eigentlich wollte ich nur eine Feuerkugel beschwören, aber eigentlich denkt auch meine Magie in schwarz. Mit beiden Händen steuere ich die Kugel und lasse sie über die Köpfe der Inferi sausen. Unheimliche Schreie hallen durch die Höhle und der dunkle Lord schaut höchst interessiert zu, als ich die Kugel wieder zu mir rufe und sie herumwirbeln lasse. Der flüchtige Kontakt mit Wasser scheint keinerlei Wirkung auf meine Kugel zu haben, denn sie brennt immer noch und ich lasse sie triumphierend über die Oberfläche gleiten, sodass jedes Glied und jeder Kopf, die erscheinen, gleich zu Asche verbrennt werden. Das hat mir der dunkle Lord unwillkürlich beigebracht und ich werde es ausnutzen.

Als die Oberfläche des Sees ganz still wird, lasse ich meine Hände sinken und die Kugel verschwinden. Ich atme tief durch als der dunkle Lord aufsteht.

„Sehr wohl," sagt er.

„Das war nicht lustig!" brülle ich aufgebracht, von dem Felsen hinunter springend. „Gar nicht lustig!"

„Ein dunkler Magier muss immer auf alles gefasst sein," sagt der dunkle Lord ernst.

Er und sein Unterricht! Er und seine Überraschungen! Ich hätte wissen sollen, dass er etwas vorhat, sobald er so leicht zugestimmt hat, mich zur Höhle mitzubringen. Ich wollte nur seine Inferi und den Ort sehen, an dem er seinen Horkrux aufbewahrt hat. Was ich keinesfalls wollte, ist mit zwanzig Inferi zu kämpfen. So habe ich mir den heutigen Unterricht nicht vorgestellt, sonst hätte ich meine Fluch abweisende Weste angezogen.

„Diese Kugel," sagt der dunkle Lord mit Interesse in seiner Stimme. „Ist sie womöglich eine Version von deinem dunklen Mal?"

„Ich denke schon," sage ich genervt. „Ich habe keinen Zauber benutzt, sondern meine rohe Magie dazu gestaltet, sowie Ihr es an dem Friedhof getan habt."

„Interessant," meint der dunkle Lord.

„Darf ich fragen, was der Zweck dieser 'Übung' war?" frage ich scharf.

Die dunklen Augen blitzen auf und für ein paar Momente funkeln sich der dunkle Lord und der dunkle Prinz gegenseitig an. Und keiner von uns möchte nachgeben. Manchmal kann man beinah hören, wie unsere Egos gegeneinander prallen...

„Ich nehme mir das Recht, dich zu überraschen und deine Fähigkeiten jederzeit auf die Probe zu stellen," sagt der dunkle Lord mit einer öligen Stimme, mir noch immer direkt in die Augen schauend. „Ich weiß was gut für dich ist und was nicht. Du hättest darauf vorbereitet sein sollen, als du zu meinem Erben ernannt worden warst."

„Ja, aber ich verstehe einfach nicht, warum ich mit Inferi üben muss," sage ich genervt. „Man kann schließlich kaum erwarten, dass Dumbledore Nummer zwei ein paar Inferi auf mich aufhetzt. So was ist meine Arbeit und nicht seine."

„Benutze diesen Ton mit mir nicht," zischt der dunkle Lord. Ich knirsche mit den Zähnen und senke den Kopf. „Und hör auf damit, deine Augen rot zu machen. Das ist mein Trick."

„Und ich habe von den besten gelernt," erwidere ich bissig.

„Ich habe dich erschaffen," zischt der dunkle Lord, mich am Kinn packend. „Ich kann dich auch zerstören."

„Bei allem Respekt," gelingt es mir zu sagen. Mit der Zeit habe ich ein dickes Fell bekommen, was Schmerz angeht. So was ist ein wesentlicher und unvermeidlicher Teil von meinem Training. „Ohne mich hättet Ihr keinen Körper. Ich habe für Euch alles aufgegeben, alles und alle verlassen und alle verraten. Für die dunkle Seite. Und Ihr verschweigt mir Sachen und behandelt mich wie einen Diener. ICH BIN KEIN TODESSER!"

Der dunkle Lord entblößt seine Zähne und seine Augen werden rot. Na also. Ich habe ihn gereizt. Für einen Moment lang sieht es so aus, als wolle er mich in die Hölle verfluchen. Dann aber lässt er mich los und atmet tief durch. Ich bin keiner Person bisher begegnet, die bessere Selbstkontrolle hat, außer ihm. Seine Wutanfälle enden normalerweise mit schweren Verletzungen, unzähligen Cruciatusflüchen oder Todesflüchen. Und einfach loszulassen ist etwas verdammt schwieriges. Ich sollte es wissen.

„Ich sehe, dass du mir etwas sagen möchtest," sagt er mit einer wieder ruhigeren Stimme und setzt sich auf einen Felsen. „Ich höre zu."

„Zuerst die Horkruxe," platzt es aus mir. „Ich habe mich in den Wahnsinn getrieben. Tagelang konnte ich nur daran denken und ich habe mir Sorgen gemacht. Und all diese Zeit habt Ihr gewusst, dass sie sicher sind. Dann diese Heiligtümer des Todes. Ich weiß, dass Ihr etwas darüber wisst. Und dann diese Morddrohungen..."

„Das war ein Scherz," wirft der dunkle Lord ein.

„Ja, in Ordnung," sage ich schnell. „Ich möchte Euch diesen verdammten Stab geben! Bedeutet das nichts für Euch? Alles, was ich möchte, dass Ihr mir endlich vertraut. Dass wir unsere Geheimnisse teilen. Ich kann Euch versichern, dass ich absolut kein Interesse daran habe, Euren Platz einzunehmen. So was ist noch nichts für mich. Ich möchte leben und Spaß haben. Ich möchte Truppen anführen und Dörfer in die Luft jagen. Ich möchte zerstören und töten und ich möchte dabei Spaß haben. Ich stelle keine Bedrohung dar. Aber ich wünsche mir, Ihr könntet einsehen, dass ich mit meiner ganzen Seele – oder was davon noch übrig ist – auf der dunklen Seite stehe und dass ich ihren Willen verwirklichen werde, koste es, was es wolle. Ich wünsche mir, Ihr könntet endlich verstehen, dass ich kein Feind bin und dass ich Euch treu bin. Ich schätze Euch als einen Lehrer und als einen Magier. Ihr seid der Inbegriff von allem, nach dem ich strebe und wonach ich mich sehne. Ich wünsche mir... wir könnten uns gegenseitig vertrauen und zusammenarbeiten."

Ich verstumme und trete wütend gegen einen Stein. Vielleicht habe ich zu viel gesagt, aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Der dunkle Lord vermutet vielleicht, was er für mich darstellt, aber ich habe es nie laut gesagt. Wir verfallen in Stille und für eine Weile sitzt der dunkle Lord nur da und starrt seinen schwarzen Umhang an. Dann –

„Einem völlig zu vertrauen, das würde nur ein Hellmagier tun," sagt er schließlich. „Denn Vertrauen ist eine Schwäche; und von jemandem so abhängig zu sein kann der Untergang von einem sein."

„Das verstehe ich ja," zische ich. „Natürlich muss man selbstständig sein. Darüber rede ich aber nicht. Ihr misstraut mir noch immer. Und ich frage mich warum? Habe ich nicht Eurer Vertrauen verdient? Nach allem, was ich getan habe? Ich vertraue Euch nicht im Sinne, dass ich Euch blind wohin auch immer folgen würde. Ich benutze meinen eigenen Kopf. Aber manche Sachen, von denen Ihr mir nie erzählt habt, habe ich so akzeptiert, weil Ihr für sie bürgt. Es muss aber nicht so sein. Wir können zusammenarbeiten."

„Erinnert Ihr Euch an das Duell mit Dumbledore?" frage ich den schweigenden dunklen Lord. „Damals haben wir wirklich zusammengearbeitet. Unsere Gedanken waren eins; unsere Bewegungen und unsere Magie waren eins. Und zusammen haben wir ihn besiegt. Ich weiß ja, dass Ihr der dunkle Lord seid. Aber vielleicht könnt Ihr auch von Zeit zu Zeit etwas mit mir teilen. Vielleicht kann ich helfen. Wer weiß? Ihr wisst nicht, was ich vermöge. Nicht einmal ich weiß es. Das heute beweist es."

Anstatt aufzuspringen und mich anzubrüllen wird der dunkle Lord nachdenklich.

„Ich werde nicht leugnen, dass alles, was du getan hast, über deine Treue spricht. Es ist unnötig, darüber überhaupt zu reden. Ich weiß, dass du mit den Überresten deiner Seele der Dunkelheit dienst, sowie ich."

Wir wechseln Lächeln und der dunkle Lord fährt ein wenig ernster fort.

„Du bist kein Todesser," sagt er leise. „Da hast du Recht. Aber für mich ist es ein wenig schwierig, mit jemandem zusammenzuarbeiten. Ich bin über sechzig Jahre alt, Harry. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, alleine zu arbeiten, weil keiner mir so nahe stehen konnte, wie du jetzt zu mir stehst. Vielleicht war ich ein wenig unfair zu dir."

Ich blinzele. Der dunkle Lord gibt zu, er habe einen Fehler begangen? Werden die Sternen vom Himmel fallen?

„Danke," sage ich verblüfft.

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des dunklen Lords und er steht auf.

„Erzähl aber keinem davon, dass ich es soeben gesagt habe," sagt er. „Sonst wäre ich dazu gezwungen, dich umzubringen und zusammen mit jener verrückten Frau zu begraben."

Ich grinse breit.

„Wäre dies also eine gute Zeit, um Euch zu fragen, ob Ihr mein dunkles Mal entfernen könnt?" frage ich.

Der dunkle Lord hält inne und zieht die Augenbrauen in die Höhe. Habe ich gerade die Sache zu weit getrieben?

„Wisst Ihr," sage ich schnell. „Meine... Anhänger betrachten mich als ihren Anführer. Und das dunkle Mal lässt sie denken, dass ich nur ein Todesser bin, wie alle andere."

„Dann sind sie beschränkt, wenn sie so was glauben," sagt der dunkle Lord scharf. „Du bist mein Erbe."

„Ja, aber manche können nicht so weit sehen," sage ich schnell. „Und sie sind nur der Anfang. Ich hoffe, ich werde bald mehr Anhänger bekommen. Aber etwas, was dabei sehr wichtig ist, ist, dass ich Autorität für sie darstelle. Und das dunkle Mal macht meine Arbeit sehr schwierig, weil es etwas widersprüchliches darstellt."

Der dunkle Lord scheint es zu überlegen.

„Das dunkle Mal ist aber ein gutes Kommunikationsmittel," sagt er kopfschüttelnd.

„Wir brauchen es nicht," werfe ich ungeduldig ein. „Kommt schon. Ihr braucht keinen Fluch, um mich nahe zu behalten. Ich weiß, worum es wirklich geht und dass es nur eine Ausrede ist. Ich gehe nirgendwo hin und werde immer da sein, um Euch mit Fragen zu plagen. Und falls es je passiert, dass man mich fängt, werde ich Eure und meine Geheimnisse mit ins Grab nehmen."

Voldemort richtet sich auf und mustert mich schweigend. Für einen Bruchteil der Sekunde spüre ich seine Anwesenheit in meinem Geist. Er überprüft, ob ich die Wahrheit erzähle. Schließlich nickt er.

„In Ordnung," sagt er leise. Mein Herz macht einen Hüpfer. „Betrachte es also als ein Zeichen von meinem Vertrauen. Ich werde dein dunkles Mal entfernen."

„Danke, Meister," sage ich erleichtert.

„Erebus, also?" fragt er belustigt. „Ein wenig ehrgeizig, nicht wahr?"

„Ich habe von den besten gelernt," sage ich breit grinsend, ihm folgend.

„Schmeichler," murmelt der dunkle Lord als er über die Felsen klettert. „Aber mir gefällt es."