7. KAPITEL

Der nächste Tag bestätigte, dass die Schüler den Zwischenfall vom Abend zuvor bereits wieder vergessen hatten. Hier und dort wurden Witze gerissen, doch nirgends waren aufgeregt tuschelnde Schülergrüppchen zu sehen und ausser Lavender Brown und Parvati Patil, deren Flair für die Wahrsagerei bekannt war und allgemein belächelt wurde, schenkten auch die älteren Gryffindors Trelawneys Auftritt keine Beachtung.

Obwohl die Schüler des siebten Jahres nur noch die sechs Fächer belegten, die sie für die N.E.W.T.-Prüfungen ausgewählt hatten, war ihr Stundenplan keineswegs weniger voll. Der Montagmorgen war für Harry, Ron und Hermione mit je einer Doppellektion Zauberkunst und Verwandlung ausgelastet und am Nachmittag standen drei Lektionen Verteidigung gegen die dunklen Künste bei Remus Lupin, den Dumbledore letztes Jahr zum Erstaunen aller wieder hatte anstellen können, auf dem Programm. Die unterrichtsfreie Stunde vor dem Abendessen verbrachten die Freunde im Gemeinschaftsraum. Während Harry und Ron ihre Besen für das abendliche Quidditch-Training polierten, hatte sich Hermione bereits in das Erledigen der Hausaufgaben gestürzt. Sie wusste, dass sie nun effektiv arbeiten musste, wollte sie die Schule trotz ihrer Zeitaufwendigen Tätigkeit für den Orden mit Bravour abschliessen. Und seit dem gestrigen Abend war sie überzeugt, dass da noch viel mehr auf sie zukommen würde. Jedenfalls hatte ihr Professor McGonagall mitgeteilt, dass sie heute Abend um halb acht Uhr im Büro des Schulleiters erwartet wurde.

Nach dem Essen in der Grossen Halle gönnte sich Hermione eine schnelle Dusche und setzte sich dann wieder in den Gemeinschaftsraum, um dem Auszug des Gryffindor Quidditch-Teams unter der Führung von Kapitän Ginny Weasley zuzusehen. Alle hatten sie nigelnagelneue Besen geschultert, gesponsert von Fred und George Weasley, die grosse Erfolge mit ihrem Scherzartikelladen feierten und demnächst auch Geschäfte auf dem europäischen Kontinent eröffnen würden.

Nachdem sie weg waren, kletterte auch Hermione aus dem Porträtloch und eilte durch die Gänge zu Dumbledores Büro. Vor den Wächtern blieb sie stehen, murmelte „Zitronenroulade" und wurde eingelassen. Hermione grüsste den Schulleiter und Professor McGonagall und setzte sich neben ihre Hauslehrerin in einen grossen Sessel. Eine halbe Minute später traf auch der Tränkemeister ein und Dumbledore eröffnete die Sitzung. „Danke, dass Ihr alle gekommen seid. Ich möchte gerne mit euch erste Eindrücke betreffend der Prophezeiung Sibyll Trelawneys sammeln. Miss Granger, wie haben die Schüler reagiert? Haben sie mir mein kleines Ablenkungsmanöver abgenommen?"

Hermione erläuterte ihre Beobachtungen so kurz und sachlich wie möglich. Der alte Mann nickte einige Male und lächelte sie aufmunternd an. „Ich bin erleichtert zu hören, dass der Vorfall bereits so gut wie vergessen ist. Wegen Miss Brown und Miss Patil brauchen wir uns keine Sorgen zu machen und was Mr. Potter und die beiden jungen Weasleys angeht: es kann kaum schaden, wenn ein paar Köpfe mehr an den Zeilen herumstudieren. Was Sie mir über Mr. Malfoy erzählen, gefällt mir allerdings weniger. Das bedeutet Schwierigkeiten, nicht wahr, Severus?"

„Zweifellos wird Mr. Malfoy Lucius bereits eine Eule mit einer Abschrift der Prophezeiung geschickt haben. Und ebenso sicher wird Lucius den Dunklen Lord umgehend informieren. Ich rechne damit, im Laufe der Woche zu einem Treffen des inneren Kreises gerufen zu werden." Snapes Gesicht war ausdruckslos und seine Stimme neutral.

Minerva McGonagall sah ihn von der Seite her an. „Severus, du wirst in Bedrängnis sein, da er von dir als Spion in Hogwarts sicher auch eine Nachricht erwarten würde."

„Danke, dass du für mich denkst, Minerva." Die Gereiztheit war zurück. „Zufälligerweise jedoch hat meine Unterlassung in diesem Fall durchaus einen Grund."

„Ich habe für Freitagabend acht Uhr eine Zusammenkunft der Ordensmitglieder organisiert, um die Prophezeiung genauer anzusehen. Ich gehe davon aus, dass das Treffen der inneren Todesser bis dahin stattgefunden hat. Severus, du wirst je nach Verlauf frei improvisieren müssen, denn es wäre reine Zeitverschwendung nun auf eine mögliche Interpretation Voldemorts zu spekulieren. Ich denke, wir haben alle noch eine Menge zu erledigen."

Damit waren sie entlassen und Hermione folgte Severus Snape durch das Flohnetzwerk in sein Labor nach. Wortlos wies er ihr einen Kessel zu, schob ihr das Rezept für einen bekannten und effektiven Heilungstrank zu und machte sich am anderen Ende des Labors an einem kleinen, verbeulten und merkwürdig perlmutt schimmernden Kessel zu schaffen. Hermione hatte bereits früher im Unterricht und auch bei ihrer ersten Zusammenarbeit in den Ferien festgestellt, dass er nichts von Konversation während dem Brauen zu halten schien. Das kam ihr sehr entgegen und sie genoss es, in Ruhe arbeiten zu können.

Rasch hatte sie die notwendigen Zutaten im hervorragend ausgestatteten und trotz der Fülle übersichtlichen Labor zusammengesucht und vorbereitet. Nach einer Stunde hatte der Trank das Stadium erreicht, in dem er eine Weile unter stetigem Rühren aufgekocht werden musste. Ihre Hände führten die Kreisbewegungen automatisch aus und ihre Gedanken wanderten zur Prophezeiung. Mit dem Spion musste Snape gemeint sein, doch mehr konnte sie sich in dieser Zeile nicht erklären. Offensichtlich aber schien, dass auch die erste Zeile auf ihn anspielte. Und was den Himmelskörper anging – konnte damit Sirius Black gemeint sein? Doch Sirius war tot, unwiederbringlich, wie alle wussten. „Ich hasse Prophezeiungen."

„Ich auch." Beim Ton der tiefen Stimme erschrak Hermione und hob den Kopf. Professor Snape war ebenfalls mit Rühren beschäftigt und blickte sie an. Sie hatte nicht die Absicht gehabt, den Gedanken laut auszusprechen und war nun unsicher, was sie auf sein Statement antworten sollte.

Er senkte seine Augen wieder zum Inhalt des Topfes. „Ich habe nie verstanden, wie einen dieses Gebiet faszinieren kann."

Hermione war erstaunt über seine Stimme, die ohne wütenden, missbilligenden oder höhnischen Unterton und ohne die sachliche Neutralität warm und samten klang. „Mir geht es ebenso. Es ist alles so schwammig und undeutlich. Ich bin in einer der ersten Wahrsagestunden aus dem Unterricht gegangen und nie wiedergekehrt."

Snape hatte nun ein eigenartiges Glitzern in den Augen und hob eine Braue. „Die Alleswisserin verzichtete freiwillig auf die Kenntnisse eines Gebietes?"

Was sollte das? „Wollen Sie mir nun Punke abziehen deswegen?"

„Erfasst. Fünf Punkte von Gryffindor für den Mangel an Interesse."

Hermione wäre gerne wütend über den Punktabzug gewesen, doch eigentlich fand sie das eher komisch. Sie rührte noch eine Weile still weiter, füllte den Trank dann in grosse Gläser ab, verstöpselte und beschriftete diese und reinigte den Kessel. „Was kann ich als nächstes tun, Sir?"

„Sie können in Ihren Raum zurückgehen. Wir werden am Freitag nach dem Treffen weitermachen."

Zurück in ihrem Zimmer sah sie, dass das Quidditch-Feld hell erleuchtet war. Sie hatte ihre Aufgaben erledigt und beschloss, die snapesche Gnade zu nutzen und ein bisschen zu fliegen. Sie öffnete ihr Fenster, verwandelte sich jedoch im Innern des Raumes, um sicherzugehen, dass sie niemand dabei beobachtete.

Ein paar Runden und rasante Manöver später hatte sie das Gefühl für den kleinen Körper und die Flügel wieder gefunden. Eigentlich hatte sie dem Quidditch-Feld fernbleiben wollen, doch sie konnte nicht widerstehen, Harry auf seinem Sturzflug nach dem Snitch, den er nicht erwischte, zu folgen und anschliessend Ron so wirr um den Kopf zu sausen, dass dieser glatt seinen eigentlichen Auftrag vergass und den Quaffel ungehindert passieren liess. Danach verschwand sie ebenso schnell in der Dunkelheit, wie sie aufgetaucht war.