Jinai: Heute keine unnötig lange Einleitung. Ich kann mich nämlich mit niemandem streiten –obwohl, ICH streite ja nicht, ich diskutiere (und zwar wortGEWALTIG) aber ohne Umschweife weiter im Text: Raffael ist krank, und wenn er krank ist, verzieht er sich immer in den Schrank. Also mache ich das heute alleine. Und damit bin ich auch schon fertig.

Rated: T, bis ich etwas anderes sage.

Disclaimer: Würde ich D. Gray-man besitzen, würden die Uniformen prinzipiell keine Hemden beinhalten. Auch keine Mäntel. Aber so gehört mir nur diese FF, in der ich Yuu die Kleider vom Leib reißen kann.


Die Rathausuhr schlug gerade zehn, als Jinai aus der Tür der Schänke trat. Sie atmete erleichtert auf. Das war eigentlich gar nicht so schlecht gelaufen. Die Badener wussten sich anscheinend ein wenig besser zu benehmen als die meisten Männer, denen sie begegnet war. Keine allzu anzüglichen Bemerkungen, keine gierigen Finger. Und Informationen hatte sie auch. Trotzdem musste sie sich schütteln. Es war jedes Mal unangenehm, das zu tun. Auch wenn es nur die Hände waren. Sie hatte zum Glück ihre feinen Handschuhe eingepackt, sodass zumindest keinem die Flecken auf ihren Händen aufgefallen war.

Sie wandte sich in Richtung der Seitengasse, in der sie Kanda und Toma zurückgelassen hatte; im Gehen knöpfte sie sich den Mantel zu. Es war bald Weihnachten und ziemlich kalt draußen.

Jinai betrat die Gasse.

„Also?" Kanda tauchte aus einem Schatten auf, hinter ihm Toma.

Sie grinste. „Habt ihr euch gut amüsiert?"

„Rede!"

„Öffentliche Bäder."

„Was?"

„Ein Diener aus dem Haus einer alten Baronin war da. Er hat mit derselben Geschichte angegeben, die auch in unserem Bericht stand. Also hab ich ihn ein wenig ausgehorcht. Anscheinend kennt er auch eines der zwei Dienstmädchen, deren Gespräch die Finderin mit angehört hat. Er hat erzählt, dass sie jeden freien Tag in einem der öffentlichen Heilquellen-Bäder verbringt. Dort werden wir sie finden."

„Aber wir wissen nicht, wann sie dort ist." Toma sah Jinai an. Er wollte allem Anschein nicht so recht an sein Glück glauben.

„Doch. Morgen. Da ist ihr nächster freier Tag."

„Soll das heißen, wir müssen da auch rein?" Kanda schien in Gedanken schon bei dem Schwefelgeruch der Heilquellen zu sein, die man in der näheren Umgebung überall finden konnte.

„Ihr könntet auch draußen warten. Die Bäder sind sowieso nach Geschlechtern geteilt. Du hättest also keine Gelegenheit, einen Blick auf nackte Mädchen zu werfen, Yuu-chan." Sie ignorierte seinen Todesblick. „Also geht ihr auch ins Bad oder nicht?"

Toma trat vor. „Ich sollte Komui davon berichten. Außerdem kann ich mir dann das betreffende Haus etwas genauer ansehen und schon mal Erkundigungen einziehen."

„Kanda?"

„Ich werde mir das Haus ansehen."

„Schön, dann gehe ich alleine. Aber falls ihr nicht hineinkommt, müssen wir uns einen Plan B überlegen. Also sagt mir über den Golem Bescheid, wenn ihr scheitert."

„Was haben Sie vor, Miss Jinai?" Toma ahnte wohl, dass sie schon einen Plan hatte.

„Falls ihr wirklich keinen Weg findet, wie ihr hineinkommt, dann werde ich gehen. Als Dienstmädchen. Dann lasse ich Kanda, wenn es dunkel wird, ins Haus."

--

Jinai hatte Glück. Zum ersten Mal in dieser Woche. In dem Bad, das ihr der Diener genannt hatte, traf sie zufällig das Dienstmädchen, das im Bericht beschrieben wurde. Sie war etwas älter als sie, sie schätzte sie auf zweiundzwanzig. Sie hatte hellbraune Haare und hellblaue Augen. Obwohl sie älter war, war sie doch kleiner als Jinai. Begleitet wurde sie von einer hübschen Blondine mit dunkelblauen Augen. Die Blondine war nur wenige Zentimeter kleiner als sie, so schätzte Jinai, und höchstens ein Jahr jünger als sie selbst. Sie trug ein Medaillon um den Hals, das sie auch im Bad nicht ablegte.

Jinai fing ein Gespräch mit den beiden an und horchte sie unauffällig nach ungewöhnlichen Vorfällen an ihrer Dienststelle aus. Sie erfuhr auch, dass das jüngere Mädchen Marie und ihre Freundin Elisabeth hieß. Für sich selbst erfand sie das Pseudonym ‚Katalin'.

Jinai hatte in den vergangenen vier Tagen genug Zeit gehabt, auf den Streifzügen mit Kanda herauszufinden, in welchen Häusern Adlige wohnten und mehrmals auch mit angesehen, wie sie ein- und auszogen. So wählte sie ein Haus, das möglichst weit weg von ihrem lag, und verpasste sich selbst einen leichten ungarischen Akzent, um den ungarischen Namen zu erklären. Ihr Pseudonym musste perfekt sein, wenn niemand dahinter kommen sollte. Für Marie und Elisabeth war sie einfach nur ein ungarisches Dienstmädchen im Hause einer adligen Familie, die vor kurzem hier angekommen war.

Sie verließ das Bad vor den beiden, um Kanda und Toma zu kontaktieren, achtete dabei aber immer auf den Eingang, damit sie die beiden sah, wenn sie herauskamen.

Sie schaltete ihren Golem ein und wartete darauf, dass sich Toma am anderen Ende der Leitung meldete. „Was habt ihr bis jetzt?"

„Wir kommen nicht hinein, es wird zu gut bewacht. Allem Anschein nach müssen wir auf Ihren Plan B zurückgreifen, Miss Jinai."

„Das hab ich schon geahnt. Wir treffen uns in der Herberge." Sie beendete das Gespräch, denn die zwei Frauen waren gerade aus dem Gebäude gekommen. Sie folgte ihnen unauffällig und hatte Glück. Die beiden trennten sich, weil Marie anscheinend noch etwas bummeln gehen wollte. Jinai entschied sich dafür, Marie zu folgen. Als diese an einer Seitengasse vorbeikam, zog Jinai sie geschwind hinein.

„Katalin!? Was soll-"

„Das tut mir jetzt wirklich leid."

Jinai schlug ihr mit der Handkante in den Nacken, sodass Marie bewusstlos in ihre Arme sank. Dann hob sie das kleinere Mädchen hoch und trug sie durch die Seitengasse zu einer Stelle, an der diese nicht eingesehen werden konnte. Sie band sich Marie mit deren Gürtel auf den Rücken, lege sich ihre Arme um die Schultern und fing an, an den Vorsprüngen in der Hauswand hochzuklettern, wobei sie immer wieder anhalten musste, um Marie wieder an ihrem Rücken hochzuschieben.

Das ist entweder der genialste Plan, den ich jemals hatte, oder der verrückteste.

Ist es nicht erstaunlich, wie nah diese beiden Eigenschaften beieinander liegen? Wahnsinn und Genie, zwei Seiten einer Medaille. Die Stimme war schon wieder da. Eigentlich ständig.

Klappe.

Zum Glück hatte das Haus zusätzlich zum Erdgeschoß nur zwei Stockwerke, sodass sie bald auf dem Dach angekommen war. Das Haus stand leer und sie konnte Marie durch ein Fenster in den Dachboden ziehen. Als sie fertig war, musste sie kurz stehen bleiben und verschnaufen.

Dass Marie kleiner ist als ich, heißt noch lange nicht, dass sie ein Fliegengewicht ist. Sie ist nur zwei Zentimeter kleiner.

Dann band sie Maries Handgelenke hinter deren Rücken zusammen und verschnürte ihre Füße. Sie hätte gerne darauf verzichtet, aber sie musste das Mädchen auch knebeln, wenn sie nicht wollte, dass jemand sie hörte, wenn sie aufwachte. Schließlich war auch das erledigt.

Sie richtete sich auf, ging zum Fenster und warf noch einen letzten Blick auf das bewusstlose Mädchen. Es tat ihr wirklich leid, dass sie ihr das antun musste, aber es gab keinen anderen Weg. Dann stieg sie durch das Fenster wieder auf das Dach und kletterte die Hauswand hinunter. Sie hatte noch Besorgungen zu machen.

--

Kanda wurde langsam ungeduldig. Sie waren vor über einer Stunde in die Herberge zurückgekehrt und von dem Gör fehlte immer noch jede Spur. Sie hatten sich zwar kurz hingelegt, aber seit einer halben Stunde saßen sie nur noch da und warteten. Er glaubte nicht daran, dass ihr irgendetwas zugestoßen war. Sie war immerhin eine Exorzistin und sehr gut in der Lage, auf sich aufzupassen, so ungern er das auch zugab. Außerdem war sie zu stur, um zu sterben, ohne ihn wenigstens noch einmal noch Yuu-chan zu nennen. Das war ihr Lieblingsspitzname für ihn geworden. Dafür hatte sie auch beinahe jedes Mal Mugen ausweichen müssen. Er hatte allerdings den Eindruck, dass ihr das langsam Spaß zu machen schien und sie ihn nur deswegen so nannte.

Ein Klopfen am Fenster riss Kanda aus seinen Gedanken. Toma rannte hin und riss es auf. Jinai saß davor und grinste.

„Guten Tag. Hätten Sie wohl die Güte, das Fenster in meinem Zimmer zu öffnen? Ich möchte gerne etwas abladen."

„Was soll das, baka?"

„Das erfährst du noch früh genug, Yuu-chan."

Er machte die zwei Schritte bis zum Fenster und schloss es.

Toma ging ins Nebenzimmer und öffnete das Fenster, dann kam er wieder. Sie mussten eine halbe Ewigkeit warten, dann klopfte es an der Tür. Toma öffnete die Tür.

„Guten Tag, die Herren. Dürfte ich vielleicht Ihre Betten frisch beziehen?"

Nein." Kanda schob Toma beiseite und wollte die Tür schon schließen.

„Aber du warst heute nicht im Bad, Yuu-chan, und dein Bett ist ganz zerwühlt. Daraus schließe ich, dass du heute schon darin gelegen hast, nachdem ihr zurückgekommen seid. Also brauchst du ein Bad und dein Bett frisches Bettzeug."

Toma starrte das Mädchen über Kandas Schulter hinweg entgeistert an. „Miss Jinai?"

„Nein, Komui. Natürlich ich."

„Aber wieso- was haben Sie denn gemacht, Miss Jinai?" Toma war fassungslos. Sie sah überhaupt nicht wie sie selbst aus.

Sie lächelte. „Kommt mal mit." Sie ging voraus und so blieb den beiden nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Der Rock ihrer Dienstmädchenuniform schwang bei jedem Schritt mit.

Jinai öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und ließ die beiden eintreten. Hinter sich schloss sie sie wieder.

Beinahe hätte sie laut über Kandas und Tomas Mienen gelacht. Die beiden starrten auf ihr Bett, oder besser gesagt, auf das, was sich darin befand.

In ihrem Bett lag die bewusstlose, gefesselte und geknebelte Marie. Und sie trug Jinais Kleider. Kanda und Toma sahen wieder zurück zu Jinai. Oder auf die Person, die sich anscheinend für Jinai ausgab, denn Jinai war weder blond, noch so blass.

Sie trug Maries Uniform, ein langes, schwarzes Kleid, das ihr bis über die Hälfte ihrer Schienbeine reichte, mit eckigem, spitzenbesetztem Ausschnitt und einer gerüschten Schürze; dazu weiße Strümpfe und schwarze, zierliche Schuhe. Die Rüschen hätten lächerlich ausgesehen, wenn Jinai noch wie Jinai ausgesehen hätte. Aber ihr dunkler Teint war unter einer Schicht Puder verschwunden und ihre Haare unter einer blonden Perücke, deren Haare sie hochgesteckt hatte. Sie sah dem Mädchen auf ihrem Bett ziemlich ähnlich.

„Habt ihr noch nie ein Kleid gesehen?"

Es war offensichtlich Jinai, so wie sie sprach, aber sie sah absolut nicht so aus.

Toma riss sich zusammen. „Sie wollen die Identität dieses Mädchens annehmen, um in das Haus zu kommen, Miss Jinai?"

„Ja, aber ich musste sie mitnehmen. Ich konnte sie doch nicht einfach in der Gasse liegenlassen. Also werde ich als ‚Marie' durch den Dienstboteneingang hineingehen und dort warten, bis es dunkel ist. Sobald alle schlafen gegangen sind, werde ich Kanda durch denselben Eingang hereinlassen. Dann können wir uns umsehen. Toma, Sie müssen inzwischen auf Marie aufpassen. Wenn sie aufwacht, reden Sie nicht mit ihr. Sie sollte so wenig wie möglich erfahren. Hast du irgendwelche Beschwerden, Wünsche, Anregungen, Kanda?" wandte sie sich wieder an den Japaner.

Erst jetzt bemerkte sie, dass er kein Wort gesagt hatte, seit er sie erkannt hatte. Auch jetzt schwieg er und starrte immer noch ihr Kleid an.

Selbst wenn er etwas sagen hätte wollen, er brachte keine Ton heraus. Bisher hatte er sie noch nie in einem Kleid gesehen, sie hatte schließlich seit ihrem ersten Treffen immer nur Hosen getragen. Auch das Hemd, das sie am Abend vor ihrer Abreise getragen hatte, konnte man nicht als Kleid bezeichnen, und sie hatte sich geweigert, die gleiche Uniform zu tragen wie Linali. Also hatte auch ihre Exorzistenuniform aus ihrer Pumphose und ihrem Hemd bestanden, darüber ein Mantel wie seiner. Er konnte einfach den Blick nicht davon losreißen, wie der Rock bei jeder ihrer Bewegungen mitschwang. Das Einzige, was seinen Blick abgelenkt hatte, war der eckige Ausschnitt ihres Oberteils. Sie war anscheinend entweder etwas größer als das Mädchen, dem die Uniform gehörte, oder der Ausschnitt war darauf angelegt, so tief unten zu sitzen. Sein Blick wurde allerdings erst jetzt darauf gelenkt, als sie auf ihn zukam und knapp vor ihm stehen blieb.

„Kanda?"

Jinai sah ihn ernst an. Irgendwie sah er nicht wie Kanda aus. Er hatte einen seltsamen Ausdruck im Gesicht. Sie grinste, zu Toma gewandt. „Kurzschluss, fürchte ich. Wir werden ihn aufwecken müssen. Wir brauchen ihn schließlich noch."

Sie lächelte Kanda an und machte sich bereit.

„Yuu-chan?" Sie duckte sich und entging –mal wieder- dem Schwert.

„Gehört sich das denn, ein Mädchen schlagen zum wollen?" grinste sie.

„Du bist kein Mädchen. Linali ist ein Mädchen. Du bist eine Landplage." Kanda war nicht nur auf sie wütend. Auch auf sich selbst, weil er sie angestarrt hatte wie ein Narr und sich völlig aus dem Konzept bringen hatte lassen.

„Hmm! Hmm!" Marie war aufgewacht. Jinai sah zu Toma und legte den Finger auf die Lippen. Dann sah sie Kanda an.

„Kein Wort", murmelte sie. Dann drehte sie sich zu Marie um.

„Darf ich vorstellen, das ist Marie." Sie sprach englisch, sodass alle drei sie verstanden, aber mit einem schweren, undefinierbaren Akzent. Dann sprach sie mit demselben Akzent auf Deutsch weiter, sodass Kanda und Toma sie nicht mehr verstanden.

„Ich würde dir mit Vergnügen auch ihre Namen sagen, aber das geht leider nicht. Sie werden eine Weile bei dir bleiben. Keine Angst, sie werden dir nichts tun. Ich muss mir deine Identität kurz ausborgen, aber du bekommst sie zurück. Wenn alles vorbei ist, bist du wieder frei wie ein Vogel." Sie lächelte bei ihrer kleinen Rede die ganze Zeit. „Oh, das hätte ich beinahe vergessen. Das muss ich mir auch ausborgen." Sie nahm Marie ihre Kette ab. „Kriegst du natürlich auch wieder zurück."

Jinai wandte sich an Toma. „Erklären Sie ihm, was er zu tun hat, wenn ich weg bin. Es wird schon dunkel, und es würde auffallen, wenn Marie noch länger wegbliebe." Sprachs und stieg aus dem Fenster.

Plötzlich drehte sie sich noch einmal um und grinste Kanda an. „Wir sehen uns." Dann war sie weg.

Kanda und Toma sahen auf das Mädchen auf dem Bett, das Jinai Marie genannt hatte. Marie bekam noch mehr Panik, als beide sie ansahen, aber ihre Angst war völlig unbegründet.

„Che" Kanda drehte sich zum Fenster um und ging zum Schreibtisch, um sich mit verschränkten Armen auf die Kante zu setzen. Dann schloss er die Augen und rührte sich nicht mehr.

Toma stand einen Moment unschlüssig da, denn der einzige freie Stuhl war neben Kanda und dort war es im Moment gefährlich. Er war immer noch wütend. Und auf die Bettkante wollte er sich nicht setzen, denn dann hätte das Mädchen wieder Panik bekommen, und er wollte ihr keine Angst machen.

„Setz dich." Kanda kickte ihm den Stuhl zu und schloss wieder die Augen. „Du nervst."

Toma setzte sich auf den Sessel und erklärte Kanda leise, was Jinai ihm gesagt hatte. Als dieser dann gegangen war, um vor dem Haus auf Jinai zu warten, seufzte er. Jetzt hieß es warten.

--

Jinai hatte es sicher durch den Dienstboteneingang ins Innere des Hauses geschafft. Da die hohen Herrschaften schon kurz darauf schlafen gegangen waren, gab es nicht viel zu tun und ‚Marie' konnte sich früh zurückziehen. Sie wartete, bis es ruhig geworden war, dann entfernte sie Perücke und Puder und steckte die Perücke ein. Dann schlich sie zur Tür, die aus dem Dienstbotentrakt nach draußen führte, wobei sie das Medaillon von Marie festhielt. Sie hätte fast vergessen, es anzulegen, bevor sie ins Haus kam. Seitdem hatte sie es ständig festhalten müssen, denn irgendetwas war darin eingeschlossen, das fürchterlich klimperte.

Jinai öffnete die Tür lautlos und schlich sich von hinten an den Wachposten heran. Das Innocence musste ja auch ausgerechnet im bestbewachten Haus der Stadt versteckt sein. Sie zog ihm den Kerzenhalter, der neben der Tür gehangen hatte, über den Kopf. Der Bewusstlose wollte schon geräuschvoll zu Boden knallen, aber sie konnte ihn gerade noch festhalten.

„Das hat ja gedauert." Kanda war neben ihr aufgetaucht und machte keine Anstalten, ihr zu helfen.

„Auch schon da. Hilf mir, oder willst du erwischt werden?"

Er legte sich den einen Arm des Wachmanns über die Schulter, sie den anderen. Gemeinsam zogen sie ihn ins Haus und versteckten ihn im Kasten, der neben der Tür stand, nicht ohne ihn vorher zu fesseln und zu knebeln.

„Das sollten wir uns nicht zur Gewohnheit machen. Das nächste Mal gibt es hoffentlich einen unbewachten Eingang." Jinai holte tief Luft. „Also los."

Sie teilten sich auf und suchten die Kammern der Diener und Dienstmädchen ab.

Der Bericht hatte darauf schließen lassen, dass das Innocence schon einen Kompatiblen hatte und den mussten sie jetzt finden. Aus dem Gespräch, das die Finderin mit angehört hatte, ging hervor, dass anscheinend der Herd kaputtgegangen war, kurz bevor sie das Dinner anrichten sollten. Die Diener hatten den halben Herd untersucht, aber nichts gefunden. Alles konnten sie nicht einsehen, da musste ein Fachmann ran. Aber plötzlich hatte der Herd wieder einwandfrei funktioniert.

Bei einem anderen Vorfall war eine Uhr stehen geblieben und man konnte sie nicht wieder aufziehen. Dann war sie nach ungefähr zwei Stunden auf einmal wieder weitergelaufen und zeigte auch noch die richtige Zeit an. In beiden Fällen hatte man einen Fachmann gerufen und der konnte dann das kaputte Teil ausfindig machen und einfach ersetzen. Die Uhr hatte während der Reparatur sogar weiter getickt.

So etwas passierte nicht ohne Kompatiblen. Innocence richtete nicht von selbst eine stehen gebliebene Uhr oder einen kaputten Herd. Und da sich die Vorfälle im Dienstbotentrakt ereignet hatten, musste einer von ihnen der Kompatible sein.

Was Marie ihr im Bad erzählt hatte, hatte den Verdacht auf Innocence schließlich bestätigt. Anscheinend hatte sich ein Dienstmädchen einen Geliebten zugelegt, den es einmal mit auf ihr Zimmer nehmen wollte. Doch er konnte das Haus nicht betreten, als ob ihn eine unsichtbare Barriere nicht durchlassen wollte. Schließlich war er mit Anlauf durch die Tür gesprungen und auch tatsächlich ins Haus gekommen. Allerdings nur, um dann zu Asche zu zerfallen.

Jinai hatte Kanda im Flüsterton davon erzählt, bevor sie sich getrennt hatten. Auch von ihrer Vermutung, dass der Liebhaber ein Akuma gewesen war und das Innocence eine Barriere um das Haus errichtet hatte, durch die die Akuma nicht durchkonnten, ohne vernichtet zu werden. Kanda hatte nur genickt und war dann gegangen.

Sie seufzte leise. Wenigstens hat er genickt und nicht einfach nur ‚Che' gemacht.

Als Jinai den Trakt, in dem sich die Zimmer der Mädchen befanden, abgesucht und nichts gefunden hatte, ging sie in die Küche. Das war das erste Zimmer neben dem Ausgang und deswegen ein guter Treffpunkt, einerseits weil es leicht zu finden war, andererseits, weil man schnell abhauen konnte.

Sie fand Kanda schon dort. Sie blieb in der Tür stehen und er kam auf sie zu.

„Nichts?" Offensichtlich, sonst wäre er schon längst weg, egal ob du noch da bist oder nicht, mataiin.

„Nichts."

„Dann… Scheiße, es gibt keine andere Möglichkeit. Es muss hier sein."

„Wir sollten-"

„Leise, da kommt jemand!" Jinai packte sein Handgelenk und zog ihn hinter den vollen Kleiderständer, der neben dem Kasten im Gang stand. Sie mussten eng zusammenrücken, damit sie nicht gesehen wurden, aber es war das einzige Versteck, das in Reichweite gewesen war. Es war gerade genug Platz, um aufrecht darin zu stehen und durch einen Spalt zwischen zwei Mänteln hindurchzuspähen.

Ein Diener ging mit einer kleinen Kerze an ihnen vorbei, anscheinend bemüht, niemanden aufzuwecken. Er schlich in die Küche und öffnete dort mit einem Schlüssel eine Tür. Sie hörten etwas rascheln, dann schloss er die Tür wieder und sperrte ab. Als er vorbeiging, warf Jinai heimlich einen Blick auf ihn. Er hatte eine Hand voll Kekse aus der Speisekammer geholt.

Als er weg war, musste Jinai leise lachen. „Der ist wohl auch ein Parasitentyp." Sie sah Kanda an. „Mitternachtssnack."

Dann versuchten beide auf einmal, möglichst schnell aus ihrem Versteck zu kommen. Anscheinend war ihnen bewusst geworden, wie eng aneinander gepresst sie gestanden hatten. Jinai war nur froh, dass Kanda ihre geröteten Wangen nicht sehen konnte.

Was soll das überhaupt? Ich mag ihn nicht. Ihr Puls raste trotzdem.

Sie wollte gerade etwas sagen, da hörten sie ein Geräusch. Es kam von draußen. Vor der Tür stand jemand.

„Nicht wieder darein." Kanda flüsterte so leise, dass sie Mühe hatte ihn zu verstehen.

„Dann müssen wir über den Hof raus und durch das Haupttor."

„Dann das."

Schön." Jinai eilte in Richtung des Traktes, in dem die Herrschaften wohnten. Hinter sich konnte sie Kandas leise Schritte hören. „Der wird aber nachts abgesperrt."

„Das ist kein Problem."

Als sie den Hof erreichten, blieben sie kurz stehen. Es war niemand zu sehen. Kanda wollte schon weiter, aber Jinais Hand auf seiner Brust hielt ihn zurück.

„Akuma." Sie hatte sie gespürt, noch bevor sie nach oben geblickt hatte.

Kanda folgte ihrem Blick. Über ihnen schwebten ungefähr zwanzig Level-1-Akuma und sie hielten eindeutig auf sie zu. Sie mussten Kandas Mantel mit dem silbernen Kreuz gesehen haben. Als sie noch zwanzig Meter entfernt waren, begann Maries Medaillon zu leuchten. Um sie herum entstand eine grünlich schimmernde Blase.

„Maries Medaillon war das Innocence! Deswegen konnten wir es nicht finden. Weil sie die Kompatible ist." Sie aktivierte ihre Waffen. Dann passierte es.

Jinai keuchte. Das Medaillon fühlte sich an, als ob es sich durch ihre Haut fressen wollte. Sie konnte kaum noch atmen. Das Innocence erkannte anscheinend ihre Waffen nicht und hielt sie für ein Akuma. Es deaktivierte ihre Waffen. Es wollte ihre Magie vernichten. Sie musste es ausschalten.

Kanda sah auf die in sich zusammengesunkene Jinai. Irgendetwas stimmte nicht.

„Los." Ihre Stimme war heiser. Sie sah ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht an. „Mach schon, schlag hier nicht Wurzeln."

Er aktivierte sein Innocence und verließ die Barriere. Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie Jinai sich aufrichtete, die Augen schloss, die Ellbogen auf Schulterhöhe hob und die Handflächen zusammenpresste. Einen Moment später war das Schutzfeld verschwunden und Jinai ihm dicht auf den Fersen.

Sie stürzten sich auf die Akuma, die inzwischen nur noch zwei Meter über dem Boden schwebten. Eines nach dem anderen wurde ausgeschaltet, allerdings nicht so schnell, wie es sich beide gewünscht hätten. Da sie beide auf den Nahkampf spezialisiert waren, kamen sie sich immer wieder in die Quere und mussten einander und den Attacken des anderen ständig ausweichen.

Aber schließlich hatten sie es geschafft. Von den Akuma war nichts mehr übrig. Und das, ohne dass auch nur ein Schuss abgegeben worden war.

Jinai keuchte. Das verdammte Innocence machte ihr immer noch zu schaffen. Es wäre besser, wenn sie es abnahm.

Da es eine kurze Kette war, lag das Medaillon genau in der Einkerbung über ihrem Brustbein. Als sie danach griff, zog sie ihre Finger sofort wieder zurück. Sie hatte sich verbrannt. Sie konnte also das Innocence, das sich durch ihre Haut arbeitete, nicht abnehmen. Anscheinend kann das nur Maria als seine Kompatible. Oder…

„Kanda? Tust du mir einen Gefallen?"

„Was willst du?" Er knurrte mehr, als das er sprach.

Sie stellte sich vor ihn. „Nimmst du mir mal die Kette ab?" Das Schloss hatte sie schon aufgemacht, die Enden hingen auf ihren Schulterblättern.

Kanda griff danach, schaffte es allerdings nicht, es von ihrer Haut zu lösen. „Was…?"

Sie seufzte. Dann bleibt nur Marie. Sie schloss die Kette wieder. „Wir sollten gehen."

Sie gingen zum Tor, dessen Schloss Kanda kurzerhand abschlug. Hinter ihnen schloss Jinai die Tür wieder, damit kein Dieb auf dumme Gedanken kam. Eigentlich eine unsinnige Aktion, aber sie tat es trotzdem.

Auf dem Rückweg sprach keiner ein Wort. Als sie wieder in der Herberge waren, war der Schankraum leer, keine Gäste waren zu sehen.

Gott sei Dank, sonst hätten wir durchs Fenster steigen müssen, so wie ich aussehe. Jinai sah an sich herunter. Maries Uniform war nicht mehr zu gebrauchen. Der Rock war zerfetzt, große Teile der Schürze verbrannt und in verkohlten Stückchen zurückgeblieben, ihre Strümpfe hatten Löcher und ihre Ärmel waren beide von den Handgelenken bis zu den Ellbogen zerrissen und verbrannt. Das konnte man nicht mehr richten.

Wer hätte gedacht, dass es so viel Schaden anrichtet, Maries Innocence zu deaktivieren? Es ist ja nicht so, dass das Akuma angerichtet hätten, nein. Es muss ausgerechnet ein Innocence sein.

Sie hatte auf ihrem Rückweg darauf geachtet, niemandem zu begegnen und sich im Hausschatten zu halten. Zum Glück war es wenigstens eine mondlose Nacht.

Als sie ihr Zimmer betraten, sprang Toma hoch. „Haben Sie es? Wie sehen Sie denn aus? Was ist passiert?"

Jinai hob die Hände. „Eins nach dem anderen." Sie ging zu Marie. „Ich nehme dir den Knebel ab, wenn du versprichst, nicht zu schreien, ok?"

Marie nickte und Jinai befreite sie von ihrem Knebel.

„Was ist hier los? Ich versteh das nicht. Erst schlägst du mich nieder, dann entführst du mich und dann verschwindest du wieder. In meiner Uniform. Dann kommst du mitten in der Nacht wieder und siehst so aus. Was soll das ganze, Katalin?"

„Katalin?" Kanda sah sie an.

„Sollte ich ihr etwa sagen, wie ich heiße? Ich wollte sie, so gut es geht, da heraushalten."

„Dann heißt du nicht Katalin? Dein Akzent… du hattest nie einen, stimmt's?"

„Nein. Und nein. Ich bin auch keine Ungarin." Sie wandte sich an Toma. „Ihr Medaillon ist, was wir suchen. Wir wurden angegriffen und dann hat es sich…" Sie musste nichts mehr sagen, denn Toma nickte.

„Ist das auch bei dem Angriff passiert?" Er deutete auf ihre zerfetzten Kleider.

„Nein, daran ist sie selbst schuld." Kanda hatte wieder auf der Schreibtischkante Platz genommen und die Augen geschlossen.

„Es war nicht meine Schuld." Jinai atmete so tief durch, wie es ging. Sie wollte sich jetzt nicht auf eine Diskussion einlassen. Erst musste sie das Ding von ihrem Hals bekommen. Sie löste die Stricke, die Maries Handgelenke fesselten.

Sie setzte sich neben Marie auf das Bett. „Ich möchte dir das zurückgeben", deutete sie auf das Medaillon, „aber ich kann es nicht. Du musst es mir abnehmen."

Marie sah sie einen Moment verständnislos an, dann griff sie nach dem Anhänger. Es wollte zuerst nicht abgehen, aber dann zog sie fester und schließlich löste es sich von Jinais Hals. Jinai atmete gurgelnd ein und presste die Hand auf die Stelle, auf der das Medaillon gelegen hatte. Ein Tropfen Blut rann ihre Brust hinunter und verschwand in ihrem Ausschnitt.

„Alles in Ordnung?" Marie war bleich geworden, Toma sah sie entsetzt an und Kanda hatte die Augen wieder aufgemacht.

„Keine Sorge, ich muss nur kurz… weg." Sie sah Toma an. „Erklären Sie ihr alles, aber nennen Sie vorläufig keine Namen. Sie soll über das Innocence und die Akuma Bescheid wissen, immerhin könnte sie eine mögliche Exorzistin sein."

Jinai stand auf und eilte aus dem Zimmer. Sie flüchtete sich in das Bad, das am Ende des Flurs lag und um diese Zeit leer war. Vor dem Spiegel nahm sie die Hand vom Hals. Das Medaillon hatte sich tief in ihr Fleisch gefressen und einen Teil ihrer Haut mitgenommen, als Marie es entfernt hatte. Ein paar Äderchen waren dabei aufgerissen worden und bluteten, aber es war nichts Gefährliches. Sie riss zwei saubere Streifen von der Schürze ab, faltete aus dem einen einen Polster, den sie auf die Wunde presste, und wickelte den anderen zweimal um ihren Hals. Dann band sie die Enden hinter ihrem Hals zusammen. Es war nur ein provisorischer Verband, aber fürs erste musste es reichen.

Als das getan war, musste sie sich am Waschbecken abstützen. Ihr war schwindlig und sie fühlte sich total kraftlos. Das Medaillon muss mir Kraft entzogen haben, seit ich es angelegt habe. Ich habe es die ganze Zeit nicht gemerkt.

Dann erinnerte sie sich, dass sie seitdem Schmerzen gehabt hatte. Ich dachte, es wären nur Halsschmerzen. Ich mataiin. Ich habe es Stunden umgehabt…

Und dann wurde es dunkel.

Kanda wollte gerade klopfen, als er einen dumpfen Aufschlag hörte. Er öffnete die Tür und sah Jinai am Boden liegen. Er trat neben sie und fühlte nach ihrem Puls. Schwach, aber noch vorhanden. Er versuchte, sie wachzurütteln, aber sie rührte sich nicht.

Schon wieder. Diesmal war es aber nicht meine Schuld. Kanda hob sie hoch und trug sie zurück zu ihrem Zimmer. Eigentlich hatte er ihr ja gar nicht nachgehen wollen, aber Toma hatte immer wieder ihn und dann die Tür angesehen, während er Marie alles erklärte. Schließlich war Kanda gegangen. Anscheinend gerade noch rechtzeitig, um mitzubekommen, wie sie ohnmächtig wurde.

„Kannst du mal Platz machen?"

Toma war aufgesprungen, als er mit Jinai auf den Armen ins Zimmer gekommen war und Marie sprang jetzt auf, um das Bett frei zu machen, damit er Jinai hinlegen konnte. „Was ist passiert?" fragten beide wie aus einem Mund.

„Sie ist umgekippt, das seht ihr doch." Kanda rollte mit den Augen. Wie kann man nur so begriffsstutzig sein?

Marie eilte zu dem bewusstlosen Mädchen. „Sie hat einen Verband um den Hals… Also hab ich mich doch nicht getäuscht, als ich das Blut gesehen habe."

„Blut?" Toma stellte sich an Maries Seite und betrachtete den Verband, der sich langsam dunkelrot färbte. „Das muss mit etwas anderem festgedrückt werden, der Stoff ist zu durchlässig. Halswunden darf man nicht verbinden, sonst drückt man die Luftzufuhr ab. Jemand muss ihr vorsichtig einen richtigen Verbandsstoff auf die Wunde drücken." Er nahm eine Rolle Verbandszeug aus dem Kasten, den er normalerweise auf dem Rücken trug und jetzt an die Wand gelehnt hatte.

„Ich mache das." Marie nahm ihm die Rolle aus der Hand und wickelte sie schnell ab. Dann faltete sie aus dem langen Band einen Polster, groß genug für die Wunde, die sie jetzt freigelegt hatte. Sie zuckte kurz zusammen, als sie das Blut sah, und presste dann den Polster auf die Wunde. Jinai zuckte ebenfalls zusammen und Marie ließ etwas nach, sodass sie besser atmen konnte.

„Hast du ihr alles erklärt?" Kanda hatte die Sache anscheinend kalt gelassen.

„Ich weiß jetzt, was ihr tut und was mein Medaillon ist. Aber ich weiß nicht, was ihr von mir wollt. Ich bin doch nur ein Dienstmädchen." Marie sah Toma zweifelnd an.

Kanda zog Mugen ein Stück weit aus der Scheide. „Das ist mein Innocence. Damit kämpfen wir gegen die Akuma."

„Das heißt, ich muss lernen, mit einem Schwert umzugehen?"

„Nein, jedes Innocence nimmt eine andere Form an. Es gibt Waffen-Innocence in Form von Schwertern, Stiefeln, Hämmern, Nadeln oder anderem. Parasiten-Innocence steckt im Körper des Exorzisten, in seiner Hand, seinem Arm oder seinen Zähnen. Deines ist eben dieses Medaillon."

„Heißt das, ich werde eine Exorzistin?"

Kanda war anscheinend nicht gewillt, noch mehr zu sagen. Also musste Toma einspringen.

„Sie können, wenn Sie wollen. Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie Ihre Fähigkeit nutzen und uns helfen wollen. Ich muss Ihnen allerdings sagen, dass, wenn Sie sich dagegen entscheiden, unsere Feinde Sie früher oder später finden werden. Und die werden Sie töten, weil sie an Ihr Innocence kommen wollen."

„Das heißt, eigentlich habe ich keine Wahl." Marie hatte geflüstert, aber in der Stille des Zimmers war es laut genug gewesen.

„Das ist nicht ganz richtig."

„Miss-" Toma unterbrach sich schnell, bevor er ihren Namen sagte. „ Sie sind wieder wach!"

„Wenn du aufgewacht wärst, als du noch im Bad lagst, hätte ich dich nicht hertragen müssen." Kanda sah Jinai genervt an. Wie konnte sie ihm das nur zumuten?

„Oh, es tut mir leid, dass ich dir solche Unannehmlichkeiten bereitet habe. Sollte ich wieder einmal ohnmächtig werden, werde ich mich bemühen, aufzuwachen, sobald du es wünscht." Jinais Stimme war nur ein Flüstern, aber der Sarkasmus darin war nicht zu überhören. Sie blickte wieder nach oben, denn Marie hatte den Kopf der Exorzistin in ihren Schoß gelegt.

„Du musst keine Exorzistin werden. Wir können auch dein Innocence mit uns nehmen und sicher verwahren. Du könntest zu deinem gewohnten Leben zurückkehren. Diese Option steht dir offen." Jinai atmete schwer, anscheinend hatte sie sich immer noch nicht ganz erholt.

Marie dachte kurz darüber nach, wie ihr Leben bisher verlaufen war. Als Dienstmädchen gehörte sie automatisch zu den unteren Gesellschaftsschichten, aber das Leben als Exorzist war anscheinend bar dieser gesellschaftlichen Regeln. Sie hatte sich zwar ebenfalls anderen unterzuordnen, aber nicht im Dienste selbstsüchtiger, verwöhnter Herren, sondern um Menschenleben zu retten. Das war etwas, das sie tun wollte. Sie wollte nützlich sein. Und das gab dann auch den Ausschlag.

„Ich mache es. Ich werde eine Exorzistin." Sie lächelte Jinai an. Diese lächelte zurück.

„Schön, das zu hören." Sie blickte zu Toma. „Toma, Sie sollten Komui Bescheid sagen. Wir haben eine Kompatible gefunden. Ach, und Kanda, was ich noch sagen wollte:" Sie lächelte schläfrig. „Yuu-chan." Dann schlief sie ein.


Jinai: Ich hab doch gesagt, dass es lang ist, hab ich nicht gesagt, dass es lang ist?

Raffael(verschnupft aus dem Schrank): Hast du.

Jinai: Eben. Also, ich enthalte euch nicht länger vor, was ihr wissen wollt: Das nächste Kapitel heißt: ‚Eine Zugfahrt, die ist lustig…' Damit ist der Informationsgehalt meines Gelabers auf Null gesunken. Weswegen ich mich auch verabschiede. Tschaui!