Kapitel 7

Nachdem sie Willoughbys Schmerz mit angesehen hatte, konnte sie, trotz all ihrer Liebe zu Oberst Brandon und trotz seiner Herzensgüte, seine Entscheidung nicht billigen. Wie konnte er etwas entscheiden, was für Eliza und ihren Sohn so bedeutsam war, ohne diese dabei mit einzubeziehen. Alle ihre kritischen Ansichten über die fehlende Macht von Frauen, zu bekommen, was sie wollten, konzentrierten sich jetzt auf Oberst Brandon. Angesichts seiner eigenen wachsenden Familie würden die Aufmerksamkeit und das Vermögen, das er bei aller Menschenfreundlichkeit für den kleinen Christopher entbehren konnte, in den kommenden Jahren dahinschwinden; er sollte Willoughby eigentlich willkommen heißen, dachte sie gefühlsmäßig. Lag es nicht vor allem an der Tatsache, dass er mit Angelegenheiten seines Besitzes beschäftigt gewesen war, dass Eliza so unbeaufsichtigt geblieben war? Durch Willoughbys Anerkennung seines Sohnes, würden sich die Umstände für Eliza auf jeden Fall verbessern. Ihr Sohn würde über weit bessere Beziehungen verfügen, als die, mit denen sie sich bisher abfinden musste. Sie musste etwas unternehmen. Sie würde ihren Aufenthaltsort herausfinden und sich dann persönlich mit ihr treffen. Es konnte kein so großes Geheimnis sein. Marianne würde es bestimmt wissen. Elinor und Edward womöglich auch, obwohl sie es ihr vielleicht nicht verraten würden.

Sie gesellte sich wieder zu den anderen, versuchte sich für deren Pläne zu interessieren und gab sich große Mühe, das Gespräch nicht von ihren Gedanken beeinflussen zu lassen.

Sie stellte fest, dass man jetzt über Musik sprach. Lucy fragte Margaret, allzu süß, ob sie gern als erste spielen würde.

Margaret lehnte ab und gestand knapp ein, dass sie es nie beherrscht hatte, während ihre Augen unweigerlich die von Lord Grenville suchten. Seine Augen, vor ein paar Minuten noch so beredt, waren nun unergründlich.

„Dann lasst uns Maria hören", erklärte Lucy, als ob sie ihre Trophäe zur Schau stellte.

Als sich alle hingesetzt hatten, um ihr zuzuhören, befand sie sich – dank Mrs. Jennings – näher bei ihm. Er hütete sich, auch nur in ihre Richtung zu sehen. Margaret sagte sich, dass es sie nicht kümmerte. Es ist doch seine Sache, was er tun will.

Als Miss Ferrars anfing, eine Arie aus „Die Hochzeit des Figaro" zu spielen, stieß sie ein leises „oh" aus. Er drehte er sich zu ihr hin und sie sah sich genötigt, mit leiser Stimme zu erklären: „Das Lieblingsstück meines Vaters", und sie fügte dann mit wehmütiger Stimme hinzu: „Meine Schwester spielt es so schön. Sie ist so perfekt. Manchmal, wenn ich ihr zuhöre, ergreift es mich so sehr, dass es mir Tränen in die Augen treibt."

„Aber Sie spielen nicht", erklärte er unumwunden.

Sie antwortete auf diese Erinnerung missmutig: „Nein, ich nicht", und erinnerte sich nur allzu gut an seine Anforderungsliste neulich abends. Warum hatte sie nicht die Disziplin, irgendetwas zu beherrschen? Wie sehr sie in diesem Moment wünschte, sie hätte die Fähigkeit zu spielen, ihre Gefühle zu vermitteln; großer Gott, was war mit ihr los? Gefühle ... für ihn? Sie versuchte vergeblich, alle ihre rebellischen Gedanken zu wecken, bemühte sich umsonst, sich einzureden, dass sie sich nicht für ihn interessierte. Was er will, spielt überhaupt keine Rolle! Sie richtete sich steif auf. Sie war so, wie sie war.

Zwischen den Liedern sah sie, wie Mrs. Sophia Willoughby sich ihr näherte und sie zu ihrer großen Überraschung bat: „Wollen Sie einen Rundgang mit mir machen, Miss Dashwood?"

Margaret wusste nicht, was sie davon halten sollte. Es war reichlich unhöflich, aber etwas in ihren Augen – ein sehr intensiver Ausdruck – erregte ihre Wachsamkeit und sie stand auf, ohne sich zu weigern.

„Miss Dashwood, ich weiß nicht, was Sie da machen, aber halten Sie sich von meinem Mann fern", zischte sie ohne Umschweife.

Überrascht von diesem unvernünftigen und bösartigen Angriff antwortete Margaret: „Mrs. Willoughby, bitte seien Sie bei Ihren Anschuldigungen nicht voreilig. Ich bin nur eine Bekanntschaft vom Land."

„Bekanntschaft vom Land", wiederholte sie nervös mit bitterer Stimme. „Ich weiß das alles nur zu gut. Ist es nicht genug, dass Ihre Schwester mein Leben ruiniert hat, müssen Sie ruinieren, was davon übrig ist?"

„Meine Schwester?"

Sie sah Margaret nicht direkt an, als sie tief in ihr eigenes Elend versunken fortfuhr: „Wissen Sie, was es heißt, sich in einen Mann zu verlieben und ihn zu heiraten, um dann festzustellen, dass er nur des Geldes wegen geheiratet hat? Dass er in eine andere Frau verliebt ist. Niemand wird für ihn jemals schöner sein als sie, niemand perfekter. Haben Sie das gewusst?" rief sie mit zunehmender Lautstärke. „Was immer ich auch mache, ich konnte ihren Platz in seinem Herzen nie erreichen. Und nach all diesen Jahren tauchen jetzt Sie auf!"

„Mrs. Willoughby, bitte, ich versichere Ihnen, dass ich nicht ..."

„Ich will Ihre hohlen Sympathiebekundungen und Ihre raffinierten Beteuerungen nicht hören. Sehen Sie sich vor, Miss Dashwood, ich werde Sie ruinieren. Niemand wird sich nach Ihnen umdrehen, um Sie überhaupt nur anzusehen. Sie werden von der ganzen Gesellschaft gemieden werden", flüsterte sie, am ganzen Körper starr, mit weißen Knöcheln und zusammengebissenen Zähnen.

„Mrs. Willoughby, vielleicht ist dies nicht der richtige Zeitpunkt, um ... Sie sehen ganz krank aus."

Ungeachtet Margarets Protest verließ sie sie abrupt und nach nur wenigen Minuten brachen beide mit der Entschuldigung auf, Mrs. Willoughby wäre plötzlich unwohl. Ihr Wagen wurde bestellt und Willoughby drehte sich nochmals um, um Margaret einen Abschiedsblick zuzuwerfen, bevor er ging.

Margaret war sich bewusst, dass keinem der Umstehenden ihre Mienen, wenn nicht gar ihre Worte entgangen sein konnten, wenn sie auch so taten, als hätten sie nicht darauf geachtet, was vorging. Im Grunde genommen war es nur eine kleine Gesellschaft.

Mrs. Jennings schaute quer über den Raum mit offener Neugier zu ihr herüber und sie erwartete, dass sie zu ihr kommen würde und wissen wollte, was passiert war. Der Ehrenwerte Mr. Palmer sah sie besorgt an. Fanny sah man an, wie unangenehm und peinlich berührt sie war, und Lord Grenville, was bedeutete der Ausdruck in seinem Gesicht?

„Sagen Sie mal, Margaret", unterbrach sie eine aufdringliche Stimme. „Mr. Willoughby war schon immer so beliebt bei allen Dashwood Schwestern, nicht wahr? Ich erinnere mich an all die Picknicks und die Kutschfahrten. Was ist nur der Grund für diese Vorliebe?" fragte Lucy mit einem sarkastischen, überlegenen Lächeln auf den Lippen und Spott in den Augen.

Margaret war wütend über das Maß jeglicher Selbstbeherrschung hinaus. Wie konnte sie es wagen? Diese, diese kleinkarierte, alberne, Frau, dieses Flittchen. Wie konnte sie es wagen, Mariannes Namen da hineinzuziehen? Sie verdiente es nicht einmal, ihren Namen auszusprechen. Diese Nervensäge.

Sie drehte sich langsam um und sagte mit einer Stimme voller Sarkasmus, ihr Gesicht rot vor Wut: „Ich weiß es nicht. Aber der Grund für Ihre Vorliebe für die Ferrars Brüder ist sicher nicht der gleiche."

Dann wandte sie sich mit einer wütenden Handbewegung ab und setzte sich steif in eine einsame Ecke. Wie konnte nur alles so außer Kontrolle geraten?