3. Die gryffindorsche Wut

Unter dem strengen Blick der steineren Augen des gryffindorschen Zauberers Percy Magnificus riss Hermine die Tür zum Klassenzimmer auf.
, Miss GRANGER. Gehört Zuspätkommen neuerdings zu den gryffindorschen Tugenden?" troff ihr eine altbekannte Stimme entgegen. Snape stand mit verschränkten Armen am Lehrerpult. Seine Gestalt hatte seit dem letzten Schuljahr nichts von ihrer Verwahrlosung eingebüsst. Auch über die Sommerferien hinweg schien er kein Freund des übermäßigen Gebrauchs von Seife geworden zu sein. Das gleiche fledermausähnliche Gewand hing wie Wochen zuvor an seinem schmalen Körper hinab, am Saum besprenkelt mit Staub und Spinnweben des Kerkers.
Sein schlaffes Haar. Immerhin schien der letzte terego nicht all zu lang her gewesen zu sein.Und seine Nase. Nein, auch sie war nicht geschrumpft. Wie immer wenn sie ihn nach Wochen wiedersah, verfing sich ihr Blick an seinem Zinken, der zwischen dem Haarvorhang hervorlugte.
Und sein Todesblick. Seine schwarzen Augen funkelten ihr verächtlich entgegen. Die unverbesserliche, nervtötende Besserwisserin ist zurück. Das sagten sie - diese Augen.

Da war er wieder. Der Schmerz der Erkenntnis.
,Es tut mir leid, Sir. M- meine Tasche ist kapputtgegangen. Und die ganzen Bücher sind -."
,Setzen Granger. Fünf Punkte Abzug für Gryffindor!"schnitt seine Stimme scharf durch die verhaltene Stille. Mit einer fast genießerischen Geste griff er zu Feder und tunkte sie in sein Tintenfass. Er würdigte Hermine keines Blickes mehr, während seine bleiche, dünnfingrige Hand die Feder demonstrativ auf dem Pergament des Klassenheftes tanzen ließ.
Das vom Rennen noch schwer atmende Mädchen, erhaschte Harrys mitfühlenden Blick. Er selbst hatte diese Rüge all zu oft über sich ergehen lassen müssen. Sie ließ sich auf den einzigen freien Platz neben Ron fallen. Sie hatte nicht einmal Lust die neue Dektoration zu betrachten, die das Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste neuerdings zierte.

Ausgerechnet nach Binns Geschichtsstunde war plötzlich auf der Mädchentoilette ihre Tasche gerissen. Hermine konnte sich das nur damit erklären, dass der Zauber aus dem Material gewichen war. Vielleicht sind deine Fähigkeiten in diesem Fach doch nicht ausgereift wie du es dir erhofft hast, hatte sie zerknirscht gedacht, während sie mit Hilfe ihres Zauberstabs und ihrer Hände der Flut an Büchern Herr zu werden versucht hatte. Etwas, was nicht einfach war, wenn man sich darauf verlassen hatte den Stauraum eines großen Koffers zur Verfügung zu haben.

Sie sah, dass Rons wenig begeisterter Blick an den Illustrationen klebte, die grausame Verstümmlungsszenen, verursacht durch verschiedenste dunkle Kreaturen, zeigten. Besser konnte einem nicht vor Augen geführt werden, dass schlechte Noten nicht das einzige waren, dass mangelnde Leistung in Snapes Unterricht nach sich ziehen würde.
,Warum habe ich nur, dass Gefühl, dass die Jahre zuvor der reinste Kindergarten waren." murmelte er ihr voller Unmut zu, während sie ihre Bücher zurecht schob.
,Mr. Weasley, sie scheinen gebannt zu sein von den Illustrationen, die ich mir erlaubt habe auf zu hängen." vernahm er plötzlich Snapes Stimme. ,Sind sie faziniert vom Kuss des Dementoren. Oder doch eher von der Begegnung mit einem Inferius?"
,Nein, Sir. Ich k-kann auf beides verzichten."
Snape, der mit dem Schreiben fertig war, ließ seine Feder sinken. Sein funklender Blick glitt über seine Schülerschar. ,Sie alle werden nur all zu bald lernen, dass es nicht darum geht, was man sich wünscht oder nicht wünscht."
Er trat hinter seinem Pult hervor, wobei sein Blick Ron streifte. , Man kann weder einem Dementoren oder einen Inferius verschwinden lassen, indem man ängstlich die Augen verschließt. Und aufgrund der Tatsache, dass man sich solche Kreaturen, wie auch Feinde jeglicher anderer Art nicht wegwüschen kann, rate ich ihnen, dieses Fach nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich verlange - und nicht nur, weil es sich um einen UTZ-Kurs mit sehr viel höhrem Niveau handelt - Fleiss und Anteilnahme in MEINEM Unterricht. Ein wenig Leidenschaft, die eigene physische Anwesenheit auf dieser WUNDERSCHÖNEN Welt noch ein wenig länger zu erhalten, kann ebenfalls- nicht schaden!" Er begann zwischen den Bankreihen entlang zu schreiten. ,Wie Mr.Weasley sagte: Dies hier wird kein Kindergarten, wie bei Moody oder Lupin, von Umbrigde oder Quirrel reden wir erst gar nicht - mein Unterricht soll sie darauf vorbereiten, sich an zu passen, an die Wandelbarkeit der dunklen Magie. An all ihre Facetten und Erscheinungsformen. Sie sollen lernen, schneller zu denken, als ihr Gegenüber. Denn sie werden nicht immer nur seelenlosen oder dummen Kreaturen gegenüber stehen, sondern Besitzern von Zauberstäben, die ihre Hausaufgaben gemacht haben."
Ron saß erstarrt auf seiner Bank, nachdem er Snapes fast raubtierhaft guten Sinnen gewahr geworden war. Er streifte Hermine, die noch immer ihre Bücher zurecht schob, mit einem Blick. Jedes Mal diese Zeremonie! Er hätte gelächelt, wenn Snapes Anwesenheit beim Pult vor ihm ihn nicht gelähmt hätte. Sie hatte diese Zeremonie schon immer ausgeführt, ganz unabhängig von der Tatsache, ob sie all diese Bücher brauchte. Einige von ihnen waren Schinken, an die er sich niemals herangetraut hätte.
Aber diesmal, es hatte fast etwas verwzeifeltes, wie sie auf ihre Bücher starrte und sie zurecht rückte.
Hermine machte unberührt weiter, während Snape sprach. Sie schien sogar den Schatten zu ignorieren, der mit einem Mal ihren Tisch verdunkelte.
Keiner der Anwesenden ahnte, dass Hermine Granger mehr als alles andere versuchte, den dunkelgewandteten, hageren Mann nicht in die Augen gucken zu müssen. Aber es war zu spät.
,Auch sie sollten meinen Unterricht die volle Aufmerksamkeit schenken, Miss Granger." troff es verächtlich aus Snapes Mund, während er in typischer Lehrermanier auf sie hinabblickte. ,Auch wenn ihre Fähigkeit Kreaturen in Grund und Boden reden zu können beachtlich ist, einem Inferius oder einem Schwarzmagier wird dies nicht mehr als ein seichtes Lächeln entlocken. Aber vielleicht denken sie, ihn mit ihrem zweitausendseitigen Spruchkompendium für Runenbeschwörung erschlagen zu können, genüge auch." Sein Blick glitt über das dickste Buch, das am Tischrand lag. Hermines Blick huschte hin und her, um den seinen nicht zu treffen. Sie musste sich über sich selbst wundern. Sonst war sie immer stolz darauf gewesen, seinem Blick und seinen Worten standhalten zu können.
,Sir, ich - ich brauche all diese Bücher- wie sie schon sagten, die dunkle Magie ist sehr facettenreich und ebenso facettenreich kann die Verteidigung gegen sie -."
,Wenn sie es wagen sollten, ihre Bibliothek weiter zu entpacken, während ich spreche, dann werden die Punkte, die ich ihnen vor wenigen Minuten abgezogen, nur ein Vorgeschmack dessen sein, was das Hause Gryffindor noch erwartet!"
Hermine biss die Zähne zusammen und ließ ihr Schutzzauber gegen dunkle Flüche aus ihrer Hand plumpsen. Es kam mit einem harten, vorwurfsvollem Knall auf ihrem Tisch auf. Ihr Blick verfinsterte sich.

,Ja, SIR!"

Dieser Kerl hatte eindeutig schlechte Laune. Und nun hatte sie auch schlechte Laune. Dabei war sie ihm gut gesinnt gewesen, als sie das finstere Klassenzimmer betreten hatte. In ihr hatte die Euphorie gesteckt, die sie jedesmal bei Schuljahresbeginn erfasste. Dieses Gefühl, dass wieder Monate voller Bereicherung und Fülle sie erwarteten. Die Erwartung des süßen Geruchs von Pergaments, das Kratzen der Feder, das knisternde Feuer des Gemeinschaftsraums, während sie Aufsätze schrieben, tratschten und lachten. Das Sitzen am See, sein Geruch und der frische Frühlingswind, der ihr um die Ohren wehte, wenn sie die Jungs beim Quidditchspielen beobachtete.
Seine Erscheinung.
Das Erhaschen eines Blicks auf seine dunkle, meist hastig vorbei schreitende Gestalt.
Nur ein Blick, so dass er es nicht bemerkte. Es war albern und dumm. Ja, es war einer Hermine Granger nicht würdig.
Sie wusste nicht mehr, wann dieses Sehnen begonnen hatte.
Snapes Augenbraue hob sich, ob ihrer respektlosen Geste, die er eher von einem Potter erwartet hatte, als von einer Granger. Trotz seines finsteren Blicks, zuckten seine Mundwinkel, als wolle er lächeln.
Er wandte sich zufrieden ab. Seine Hände griffen ineinander während er zum Pult zurückschritt.
,Hermine, was ist los?" flüsterte Ron ihr entgegen. ,Hast du was genommen?"
Als Antwort bekam er nichts als den typsichen herminschen Todesblick. Mit hochgezogenen Augenbrauen beschloss Ron das wütende Mädchen in Ruhe zu lassen. Was mit ihr los war, konnte er sich nicht erklären.

Snape begrüsste sie jedes Jahr auf diese Weise. Und dieses Mal war es nicht einmal so schlimm gewesen, wie das Jahr zuvor, als er sie die lästigste Muggelhexe genannt hatte, die ihm je vor die Nase getreten war.

Ron sah, dass Hermine sich auf die Unterlippe bis und ihren Blick starr auf den Tisch richtete, ein Zeichen dafür, dass etwas in ihr brodelte, dass man besser nicht hervorkitzelte.
,Wir werden damit beginnen, die Zauber die sie schon gelernt haben zu wiederholen." begann Snape durch den dämmrigen Raum zu schnarren , Aber diesmal werden sie versuchen, den Zauber allein durch ihre Gedanken in die Spitze ihres Zauberstabs zu treiben. Die Fähigkeit Zauber ohne zu sprechen, aus zu führen, ist unerlässlich, um schneller als das Gegenüber zu sein - wer immer es auch sein mag."
Hermine griff ruppig nach ihrem Zauberstab und erhob sich wie die anderen. Armer Ron , dachte sie, als sie ihm bedeutete, ihr Übungsparter zu sein.

Der Rothaarige folgte ihr bereitwillig. Er war es gewohnt, dass er am Boden landete, wenn sie mit ihm Verteidigungszauber übete. Er konnte von sich behaupten in der DA ordentlich eingesteckt zu sein.

Hermine gegenübertretend hob er seinen Zauberstab. ,Stupor!

Sie wehrte den Zauber ohne Probleme ab. Und dass obwohl ihre Bewegungen etwas hastiges und aufgeregtes hatten. Wie machte sie das nur immer? Dieses lässige und leichthändige, sogar wenn sie so aussah, als würde sie gleich vor Wut platzen.

,Ron, versuch es einfach weiter! Versuch es ohne Worte!" ermutigte sie ihn.

Der Rothaarige hob wieder seinen Zauberstab. Es hatte etwas komisches damit auf Hermine zu zielen. Er würde sich nie daran gewöhnen können.

,Gut. Äh. Stu - verdammt! STU-."

,Sie sehen aus, als würden sie jeden Moment platzen, Mr. Weasley." vernahm Hermine Snapes Stimme hinter sich, nachdem Ron mehrmals versucht hatte den Zauber aus zu führen, ohne ihn aus zu sprechen.

Ron sah dem schwarzem verächtlichen Blick ängstlich entgegen. Er ließ seinen Zauberstab sinken.

,Ich hätte niemals gedacht, dass ein reinblütiger Abkömmling der Zaubererwelt dieser eine solche Schande bereiten kann! Gehen sie zur Seite. Ich werden ihnen demonstrieren, wie man es richtig macht!"

Er schob Ron zur Seite und stellte sich wie selbstverständlich Hermine entgegen.

Kaum hatte er seinen Zauberstab gehoben schoss ein heller Strahl aus der Spitze des Stabs.

,PROTEGO!" schrie Hermine. Snape musste zurückweichen, damit der an ihrem Schild abprallende Zauber ihn nicht traf.

,Was soll das, Granger. Ich sagte, dass sie es, ohne zu sprechen, versuchen sollten!" giftete der dunkelhaarige, hagere Mann sie an. Jeder im Raum sah, dass er auf das Mädchen, das ihm nach Luft schnappend und mit vor Wut verzerrtem Gesicht entgegenstand abgesehen hatte.

Selbst Ron musste zugeben, dasss die Verächtlichkeit in seinem Blick der verhassten Streberin gegenüber sogar die des Vorjahres übertraf.

,Sie haben mir keine Zeit gelassen, Prof-."

,Ihr Gegner wird ihnen ebenfalls nicht den Vortritt lassen!" erwiderte er mit gedehnter Stimme, ohne seinen Zauberstab zu senken. Hermine wagte es ebenfalls nicht den ihren sinken zu lassen. Wütend sah sie ihm entgegen.

Ihr Lippen bewegten sich. Aber es war nicht mehr als ein Murmeln, das ihren Mund verließ. Nur einen Moment später flog dem Slytherinhauslehrer ein heller stupor entgegen. Mit einem schwinger seines Zauberstabs wehrte er den Zauber ab. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, doch über sein Gesicht zuckte ein zufriedenes, seine gelben Zähne entblössendes Lächeln, dass sie auch am Abend zuvor schon erblickt hatte. Am Eingang zur großen Halle.

,Ist das die gryffindorsche Wut, Miss Granger?" troff es verächtlich aus seinem Mund. ,Fünf Punkte- ABZUG!"

Er ließ den Zauberstab sinken und trat zurück. Ein letzter kalter Blick streifte sie, bevor er sich abwandte, um sich dem feixendem Malfoy und ein paar anderen Slyhterins zu zu wenden.

Hermine atmetete tief ein und umklammerte ihren Zauberstab. Harry, der alles beobachtet hatte, ging zu ihr und sprach ein paar beruigendende Worte. ,Du bist super gewesen, wie immer. Lass dir nichts einreden!"

Er sah wie sie ihren Rücken straffte und sich durchs Haar strich, wie immer wenn sie sich fing.

Sie spürte, dass die Blicke der anderen auf ihr lagen und wollte diese loswerden.

, Ist schon gut, Harry. Mir geht´s gut!" sagte sie und schaffte es sogar ein Lächeln über ihre Lippen zu treiben. ,Was ist? Wollen wir weitermachen?"