Hinweis: Hier also der letzte Teil. (Ich weiß nicht, ob jemand überhaupt darauf gewartet hat.) Ich gestehe, dass sich meine Motivation beim Schreiben in grenzen gehalten hat, aber es ist im Großen und Ganzen das Ende geworden, das ich im Sinn hatte.


.: 04a :.

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Wir ziehen ans Meer. Auch wenn mir der Sand immer noch zu schaffen macht und die Wassermassen mich einschüchtern. Der Anblick ist zu wunderschön, um es nicht zu tun.

Irgendwie ergibt es sich von selbst. Sie will bei mir sein und ich bin nicht gewillt, sie je wieder gehen zu lassen. Also bleiben wir zusammen. Manchmal sind die Dinge eben ganz einfach.

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Mikasa besucht uns gelegentlich. Solange sie weiß, dass es mir gut geht, ist sie zufrieden. Annie zu akzeptieren fällt ihr nicht leicht, aber die zwei arrangieren sich für mich. Sie sind die einzige Familie, die ich noch habe.

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Ich lerne zu schwimmen. Zumindest ein bisschen. Wie das eben so geht, wenn ein Bein kürzer ist als es eigentlich sein sollte. Das Salzwasser macht es einfacher. Es hält den Körper leichter über Wasser.

Annie lacht während sie neckisch ihre Kreise um mich zieht. Mit ihren zierlichen Händen pflügt sie mit Leichtigkeit durchs Wasser. Und wenn ihr danach zumute ist, schlingt sie ihre Arme um meinen Hals und schmiegt sich an mich, bis es mir egal ist, dass ich mich und ihr zusätzliches Gewicht kaum über Wasser halten kann, solange ihre Lippen auf meinen sind.

Manchmal verzichte ich auf die Gefahr, von Annies Küssen fast ertränkt zu werden. Dann bleibe ich am Strand sitzen und sehe ihr beim Schwimmen zu.

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Wir reisen ein wenig. Durch den Verlust meines Beins sind meine Abenteuerlust und meine Belastbarkeit gesunken. Vielleicht fehlt mir einfach nur Armin. Ich liebe Annie und ich bin dankbar, dass sie bei mir ist, aber immer wenn meine Augen einen neuen, mir bisher unbekannten Teil der Welt erblicken, wünsche ich mir, Armin könnte es sehen.

Letztendlich zieht es mich immer wieder zurück zu dieser Bucht. Dort wo ich mit Annie dem Meer meinen ersten Besuch abgestattet habe. Dort wo sich unsere Körper aneinander geschmiegt haben, als wären sie für einander gemacht. Dort wo ich mich wieder mehr als der Mann gefühlt habe, der ich zu werden strebte bevor das Massaker von Trost mich gebrochen hat.

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Manchmal denke ich darüber nach, wie es wäre mit Annie Kinder zu haben. Eigentlich kommt mir der Gedanke nur, weil ich damit aufgewachsen bin: man wird älter, geht einer Arbeit nach, heiratet und hat Kinder, die dann wiederum das Gleiche tun. Das galt als normaler Lauf der Dinge damals innerhalb der Mauern. Aber was Annie und ich haben ist nicht normal und wir sind nicht mehr innerhalb der Mauern.

Ich will keine Kinder. Ich wüsste gar nicht, was ich ihnen beibringen sollte. Ich weiß doch nichts von der großen, weiten Welt. Ich habe immer noch nur einen kleinen Teil davon gesehen. Ich wusste sowieso nie so recht, wie man mit anderen Menschen umgeht. Nach fast fünfzehn Jahren in Abgeschiedenheit weiß ich es noch weniger. Annie und Mikasa bleiben die Ausnahme. Jemand anderen will ich überhaupt nicht sehen. Ich würde meine Kinder nur zur Einsamkeit erziehen.

Annie erzähle ich lange nicht von diesen Überlegungen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie will noch weniger eine Mutter sein als ich ein Vater sein könnte. Ich stelle mir vor, wie sie ein Kind hält. So wie sie mich manchmal in ihre Arme schließt, wenn mich die Vergangenheit heimsucht. Und irgendwo tief in meinem Herzen weiß ich, dass sie außer mir niemand anderen halten kann.

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Sie will wissen, was mich beschäftigt. Ich sage ihr, dass es nichts ist. Natürlich glaubt sie mir das nicht. Also erzähle ich ihr von dem Gedanken an Kinder, der mir absurderweise manchmal in den Sinn kommt.

"Ich weiß nicht mal, warum es mir wieder eingefallen ist", meine ich sofort. "Es ist wohl ein Konzept, dass ich schon mit der Muttermilch eingesogen habe und das sich jetzt weigert, vergessen zu werden, auch wenn es gar nicht zu uns passt."

Annie sagt nichts. Sie hat ihren Kopf gesenkt und starrt auf die Holzplatte des Tisches, an dem wir sitzen. Ich werde unsicher.

"Oder willst du etwa? Ich hatte irgendwie angenommen, du willst nicht, aber eigentlich haben wir nie darüber geredet."

Sie reagiert nicht. Immer öfter und so auch heute trägt Annie ihr blondes Haar offen. Es gefällt mir, wie ihre Strähnen in leichten Wellen um ihr Gesicht fallen und ihre Schultern kitzeln. Aber heute sind mir ihre Haare im Weg. Sie verdecken mir die Sicht und ich kann ihren Gesichtsausdruck nicht lesen.

"Annie?" frage ich, unsicher.

Sie zuckt zusammen und hebt den Kopf. Ihre blauen Augen erwidern meinen Blick. Etwas liegt in ihnen, dass ich nicht entziffern kann. Es bereitet mir Unbehagen.

"Was ist los?", hake ich nach, weil sie immer noch nichts sagt.

"Ich…"

Sie wendet ihren Kopf wieder ab. Sie weicht mir aus. Hin- und hergerissen zwischen dem Drang, es aus ihr herauszuquetschen und dem Eindruck, dass sie etwas Raum braucht, blicke ich sie an.

"Ich muss dir was sagen, Eren."

Annie vermeidet es immer noch, mich anzusehen. Ich deute das als schlechtes Zeichen.

"Okay…", sage ich gedehnt.

Mir ist unwohl. Ich weiß nicht, was ich erwarten soll.

Sie lässt sich Zeit. Die braucht sie auch. Vermutlich. Meine Anspannung wächst.

"Hat es überhaupt irgendetwas mit dieser Kindergeschichte zu tun? Weil daraus müssen wir wirklich keine große Sache machen."

Ich versuche ihr so den Anfang zu erleichtern. Und mir die Wartezeit zu verkürzen.

Ihre Augen huschen kurz in meine Richtung.

"Nein, das ist es nicht", versichert sie mir dann.

Ich will fragen, was es dann ist. Etwas von dem Druck, der sich in mir aufbaut, an sie abgeben. Ich halte mich zurück.

"Ich war nicht ganz ehrlich zu dir."

Annies Aussage kommt unvermittelt. Bricht durch meine Anspannung. Durchdringt mich und hinterlässt mich in Aufruhr und Chaos. Ich weiß nicht mehr, was ich fühlen soll.

"Es ist nicht so, dass ich dich angelogen habe."

Ihre Worte sind kaum trostreich.

"Ich habe gewisse Tatsachen nur einfach ausgelassen."

Ich bleibe still. Es gibt nichts, was ich an diesem Punkt sagen könnte. Aber als sie mich verunsichert anblickt, deute ich mit einem Nicken an, dass sie weiterreden kann.

"Die Sache ist die…"

Noch nie zuvor habe ich sie so sehr nach Worten suchen sehen. Es hilft meinen angespannten Nerven nicht.

"Es ist meine Schuld", platzt sie heraus.

Ich blinzle während ich darauf warte, dass sie mir erklärt, was sie mit "es" meint.

"Dass die Titanen bis nach Trost gekommen sind, dass du deine Mutter in Shiganshina verloren hast und dann Armin und dein Bein in Trost – das ist alles meine Schuld."

Ich kann mir nicht erklären, was sie damit meint. Wie kann es ihre Schuld sein, dass meine Mutter einem Titan in die Hände fiel? Was kann sie dafür, dass mir in Trost die Sicherungen durchgebrannt sind und ich blindlings angesetzt habe, einen Titan zu verfolgen, aber stattdessen mein Bein an einen anderen Titan verloren habe? Das will ich ihr auch sagen, aber mein Mund kann die Worte nicht formen.

"Ich bin nicht wie du. Ich bin nicht innerhalb der Mauern aufgewachsen. Ich habe die Titanen nie gehasst. In gewisser Weise bin ich eine von ihnen."

Ich bin sprachlos, verständnislos. Was sie sagt kommt mir absolut verrückt vor. Und es ergibt keinen Sinn. Ich muss wohl träumen. Anders kann ich mir diesen Unsinn nicht erklären.

"Ich kann mich verwandeln, wenn ich will. Ein Kratzer und ich kann ein Titan werden."

Es klingt surreal. Wie aus einer Märchengeschichte, die man als Kind noch glaubt. Aber wenn man älter wird und lernt, wie die Dinge in dieser Welt funktionieren, weiß man, dass es nicht möglich sein kann.

"Es gibt andere wie mich. Und wir haben versucht, die Menschheit auszulöschen, indem wir die Mauern durchbrochen haben."

Annie schiebt ihre Hand in ihre Hosentasche und holt einen breiten, silbernen Ring hervor. Schon mehrere Male habe ich sie diesen Ring in ihren Fingern hin- und herdrehen sehen. Aber ich habe sie nie danach gefragt. Jetzt sind die Bewegungen ihrer Hände zielstrebig. Mit den Fingernägeln klappt sie ein Stück Metall heraus. Sie legt den Ring zwischen uns auf den Tisch. Der schmale, spitze Dorn, den sie herausgeklappt hat, steht in einer leichten Wölbung ab.

"Ich habe diesen Ring von meinem Vater", erklärt sie. "Damit habe ich mich bei Bedarf verwandelt."

Ich betrachte das schlichte Metall. Es ist kein Schmuckstück. Der einklappbare Stachel sieht so aus, als würde er nur für einen bestimmten Zweck ausgezogen werden. Annie hat gesagt, sie verwandelt sich damit. Nur ein Kratzer und sie kann ein Titan werden.

Ich will es nicht wahr haben. Aber je länger ich den Ring auf der Tischplatte anstarre, umso mehr durchdringt mich die unangenehme Wahrheit. Als ich gegen den Riesigen Titan gekämpft habe, fiel mir auf, dass er intelligent zu sein schien. Er ist aus dem Nichts aufgetaucht und genauso spurlos wieder verschwunden. Er war wie Annie. Ein Mensch, der sich in einen Titan verwandeln kann. Ein Mensch, der die Menschheit verraten und die Mauern zerstört hat.

Wut. Ich habe sie so lange nicht mehr verspürt. Schon gar nicht so klar und deutlich, so stechend. Sie wurde zu Stumpfheit unter dem Einfluss des Morphins, das die Schmerzen in meinem heilenden Bein lindern sollte.

Aber jetzt ist sie zurück. Unverkennbar. Wild und rasend. Sie wächst heran in mir wie ein Ungeheuer. Ein Ungeheuer, das nach Blut verlangt. Annies Blut.

Ich kämpfe mit mir. Mit dieser Wut, die ich schon vergessen hatte und die trotzdem noch ein Teil von mir ist. Ich will nicht. Ich kann nicht. Warum Annie? Warum ausgerechnet sie? Bleibt mir denn kein Schmerz in dieser Welt erspart?

Mühselig stemme ich mich aus meinem Stuhl. Aufstehen ist immer so eine Aufwand mit meiner Prothese. Sonst wäre ich jetzt schon davon gestürmt. Ich kämpfe immer noch mit mir. Mit der Wut, die mich zu übermannen droht. Ich kann Annie nicht ansehen. Ich kann es einfach nicht ertragen.

Ich schaffe es nur bis zur Spüle. Das Geschirr vom Abendessen steht noch da und wartet auf den Abwasch. Mich strengt das lange Stehen beim Geschirr spülen immer an und Annie hat wenig für Hausarbeit übrig. Annie, verdammt Annie!

Mit einem wütenden Schrei wische ich das Geschirr beiseite und von der Arbeitsplatte. Das Klirren von Besteck, Tellern und Schüsseln, die auf dem Boden aufprallen, hallt durch den Raum. Ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass sich neben meinen Füßen jetzt ein Scherbenhaufen befindet.

Schwer atmend stütze ich mich auf die Arbeitsplatte vor mir. Es braucht mehrere Atemzüge bis ich mir sicher bin, dass ich meine Fassung zumindest ansatzweise wieder habe. Dann erst drehe ich mich um.

Annie sitzt immer noch am Tisch, wo ich sie zurückgelassen habe. Sie sieht so klein aus, so verdammt zerbrechlich. Wie kann ein so zerbrechliches Wesen sich in einen Titan verwandeln? Ich kann es mir nicht vorstellen.

"Es tut mir leid."

Ihre Stimme klingt erstickt.

"Ich weiß, es bedeutet nicht viel und es macht nichts ungeschehen, aber es tut mir so, so leid."

Weint sie etwa? Ich kann kein Zittern ausmachen, das wiederholt durch ihren Körper fährt. Ich kann kein Schluchzen hören, das ihr das Atmen erschwert. Aber ihre Stimme klingt so brüchig, wie Stimmen es nur tun, wenn Tränen im Spiel sind.

"Ja", ist alles was ich sage, bevor ich meinen Blick abwende.

Ich habe einen Entschluss gefasst.

"Was auch immer. Das gehört der Vergangenheit an. Es spielt keine Rolle mehr."

Und ich meine es auch.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie mir ihren Kopf zuwendet. Ich spüre ihren Blick auf mir. Dann höre ich das Scharren ihres Stuhles auf dem Boden als sie ihn zurückschiebt und aufsteht. Der Schatten ihrer schmalen Figur nähert sich am Rande meines Blickfelds.

"Eren…"

Sie ist vorsichtig, vermutlich verunsichert. Mein Ausbruch vorhin scheint sie nicht unberührt gelassen zu haben und jetzt hat sie vielleicht Angst, dass ich meine Wut gegen sie richten könnte, wenn sie mir zu nahe kommt. Verständlich. Sie weiß nicht, dass ich fest entschlossen bin, es nicht zu tun. Und wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich es für gewöhnlich auch durch.

Ihre Finger zupfen an meinem Ärmel, streichen vorsichtig über meinen Arm. Ich lehne an der Spüle und rühre mich nicht. Ich kann sie nicht an mich ziehen, ich kann sie nicht zurückweisen. Sie ist es, die sich mir an die Brust presst und die Arme um mich schlingt.

"Es tut mir so schrecklich leid", flüstert sie noch einmal.

Mein Hemd wird feucht an der Stelle, sie ihr Gesicht in den Stoff drückt. Ich habe sie noch nie zuvor weinen gesehen. Jetzt kann ich nicht anders. Ich lege meine Arme um ihre Schultern und küsse sie auf den Scheitel.

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An diesem Abend schlafe ich mit Annie, ohne ein Wort zu sagen. Mit viel Sorgfalt widme ich mich ihrem Körper. Ihren Augen schenke ich die meiste Aufmerksamkeit. In jedem mir möglichen Moment versinke ich tief in dem Blau, das mir noch nie so klar vorgekommen ist.

Danach liegt sie in meinen Armen und ich lasse sie erzählen, hauptsächlich von ihrem Vater. Ich höre ihr zu und stelle nur wenige Fragen. Und dann lasse ich sie schwören, dass wir nie wieder darüber sprechen werden.

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Annie altert langsamer als normal. Es ist ein Nebeneffekt ihrer regenerativen Fähigkeiten. Gelegentlich befürchte, dass sie irgendwann das Interesse an mir verliert, wenn ich alt und faltig bin. Sie lacht immer wenn ich das sage. Es ist ein herzliches Lachen. Sie versichert mir, dass es ihr egal ist, wie ich aussehe.

Viel mehr Sorgen mache ich mir darüber, was aus Annie nach meinem Tod wird. Doch ich erwähne es kaum. Sie tut es ab, als wäre es nicht von Bedeutung. Tatsächlich glaube ich, dass sie nicht daran denken will. Was bleibt ihr schon, wenn ich nicht mehr bin?

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Es ist noch dunkel als Annie mich weckt und drängt, aufzustehen. Ich frage sie, was los ist und warum sie mich mitten in der Nacht aus dem Bett wirft. Sie bleibt kryptisch, treibt mich nur an, mich anzuziehen.

Wir brechen bei den ersten Anzeichen des Morgengrauens auf. Die ganze Zeit bekomme ich nicht aus ihr heraus, was unsere frühmorgendliche Wanderung die Bucht entlang soll. Ich bin allerdings auch etwas abgelenkt von meinem Versuch, trotz meiner Beinprothese mit ihren zügigen Schritten mitzuhalten.

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Nachdem sie entschieden hat, dass wir weit genug gegangen sind, hält sie an und ich bin erleichtert. Mein Körper hat schon längst angefangen zu protestieren. Er ist es nicht mehr gewohnt, so gefordert zu werden. Ich bezweifle, dass ich noch viel länger durchgehalten hätte.

Während ich um Atem ringe, lasse ich meinen Blick über das Meer schweifen. Das dunkelgraue Wasser kräuselt sich im dämmernden Licht des Tages. Es scheint mir ein bisschen trostlos wie an einem Regentag. Ich ziehe es vor, wenn sich das Blau des wolkenlosen Himmels in der unebenen Oberfläche der Wassermassen spiegelt und das Licht der Sonne sich darin bricht. Jetzt ist der Himmel zwar weitgehend klar, aber es fehlt das Sonnenlicht.

"Du schaust in die falsche Richtung."

Ich wende mich Annie zu, die der Bucht unter uns den Rücken zugekehrt hat, um sie zu fragen was sie meint. Doch statt meinen Atem, der noch immer mit übermäßiger Heftigkeit und Häufigkeit in meine Lungenflügel eingesogen und wieder herausgepresst wird, für die überflüssigen Worte zu verschwenden, folge ich ihrem Blick und erkenne die Antwort von selbst.

Den Horizont entlang zieht sich ein leuchtend hellblauer Streifen. Nach oben hin wird er dunkler und allmählich geht er in das fast schwarze blau über, das noch zum Großteil am Himmels über uns vorherrscht. Sonnenaufgang.

"Wir haben die Sonne schon so viele Male im Meer untergehen sehen. Ich dachte, es wäre mal an der Zeit, dass wir sie hier auch aufgehen sehen."

Ich lächle über ihre Worte. Ich empfinde in diesem Moment vieles: Glück, Dankbarkeit, Liebe. Es ist zu viel und nichts, was ich sagen könnte, würde dem Moment gerecht werden. Ich lege den Arm um Annie und ziehe sie an mich. Ich bin froh, sie bei mir zu haben, sie in meinem Leben zu haben.

Schweigend sehen wir zu wie sich die Farben am Horizont ausdehnen. Als die Sonne selbst erscheint, kneife ich die Augen zusammen. Sie blendet mich, doch ich weigere mich, wegzusehen und das Farbspektakel zu verpassen. Ein paar vereinzelte Wolkenfetzen hängen am Horizont und leuchten rot und gelb in der Morgensonne.

"Ich liebe dich."

Sie flüstert es dem Sonnenaufgang entgegen. Es ist das erste Mal in fast fünfzehn Jahren, dass sie diese Worte sagt. Ich hingegen hab sie schon verstreut über die Jahre in ihr Ohr geflüstert, auf ihre Haut gepresst oder in ihr Haar geatmet. Ich habe nie erwartet, dass sie mir bestätigt, was ich schon seit langem geahnt habe.

"Ich weiß."

Annie lacht sanft an meiner Brust.

"Tu nicht so allwissend."

Sie klingt belustigt, nicht verärgert.

"Ich tue nicht allwissend. Ich weiß es, weil du es mir gezeigt hast. Es steht in deinen Augen und liegt in deinen Berührungen, in jedem Kuss. Ich denke schon länger, dass das die viel schönere und aufrichtigere Art ist, es zu sagen. Aber ich war mir nie sicher, ob es mir selbst so gut gelingt."

Sie schmiegt sich enger an mich.

"Ich dachte nur, dass es bei dir manchmal ein paar klarer Worte bedarf."

Ich lächle über ihre liebevolle Neckerei.

"Danke, dass du das bedacht hast."

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Wir bleiben noch eine Weile stehen. Im Himmel ziehen vereinzelte Wolken vorbei. Das Licht der steigenden Sonne malt ihre wandernden Umrisse auf das weite Land, das sich vor uns erstreckt.

Ich denke an Armin und all meine Kameraden, die Trost nicht überlebt haben. All meine Überzeugungen und Visionen, die ich damals hatte. Wie jung und naiv wir doch waren. An viele der Gesichter kann ich mich schon nicht mehr erinnern. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch ihre Namen in Vergessenheit geraten.

Ich glaube, Annie hat es immer gewusst. Letztendlich sind wir nur Schatten, die über diese sich ständig wandelnde Erde wandern. Und wenn das Licht uns aufzehrt werden wir unweigerlich vergessen.

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Ich frage mich, ob Annie sich an mich erinnern wird wenn ich nicht mehr da bin. Oder ob der Gedanke an mich genau so vergänglich ist wie die Zeit, die mir bleibt. Bis eines Tages ich und unsere Liebe nur noch ein vager Traum sind, wie der Schatten einer Wolke, die sich im Wind verliert.

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Hinweis: Fragt mich bitte nicht, was aus Annie wird, wenn Eren stirbt. Ich weiß es nicht und daran zu denken macht mich traurig.