Author's note: Es ist wirklich unglaublich, aber es gibt hier immer noch Leute, die meine Geschichte lesen und dafür bin ich sehr dankbar! Wenn dann alle paar Monate ein bisschen Feedback hereinflattert, werde ich daran erinnert, ein weiteres Kapitel online zu stellen. Obwohl die Geschichte schon lange, lange fertig ist, versäume ich es doch immer wieder, weiter Kapitel zu veröffentlichen... Bitte erinnert mich einfach immer wieder!

heidi

Kapitel 7: Lohe

Freitag, 26. September, 18:43 Uhr, Firefox Memorial Hospital, Washington DC

Scully wunderte sich über das unbeschwerte Gemüt ihres Partners. Er lachte noch mehr als sonst und versuchte, sie mit Witzen zu erheitern, meistens erfolglos. Sie wunderte sich, mit welcher Gelassenheit er die Ereignisse sah und fragte sich, woher er nur die Kraft nahm, die Situation so souverän zu meistern. Doch sie war froh, dass er es so leicht nahm. Sie wollte nicht mehr darüber nachdenken solange sie hier saß und sich mit ihm unterhielt.

Wie schon oft sagte er es nicht gleich, als das Morphium seine Wirkung verlor, aber sie bemerkte an seinem Verhalten, dass die Schmerzen wiederkehrten. Sie befüllte also die Spritze mit der nächsten Gabe des Serums. Mulder beobachtete sie gelassen dabei. Sachlich setzte sie sich zu ihm auf die Bettkante.

„Mach bitte eine Faust."
Er kannte die Prozedur bereits. Sie suchte den Katheter in seiner linken Armvene und konzentrierte sich völlig auf ihre Aufgabe. Mulder beobachtete sie teilnahmslos. Als sie jedoch in die Vene stach, machte er ein winselndes Geräusch. „Entschuldigung." Murmelte Scully in der Meinung, sie hätte ihm wehgetan und entleerte den Spritzeninhalt in seine Adern. Doch er machte dasselbe Geräusch noch einmal und da erkannte sie, dass es leises Schluchzen war.

Sie zog die Spritze heraus, sah auf und fand seinen Blick auf ihr, die Augen tränengefüllt, die Mundwinkel zuckend. Seine Schultern zitterten wie bei einer großen Kraftanstrengung. Überrascht blickte sie ihm direkt in die Augen. Ein weiterer Schluchzer entrang sich seiner Brust. Sie legte ihre Hand auf seine und drückte leicht seine Finger.

„Mulder, was ist los?" fragte sie sanft. Ihre Stimme war belegt als sie fühlte, wie sich der altbekannte Kloß in ihrem Hals bildete.
„Ich habe schreckliche Angst." Es war überflüssig, zu fragen, wovor. Sie breitete einfach die Arme aus und er lehnte sich dankbar an ihre Brust, wo er zu weinen begann wie ein kleines Kind. Vorsichtig hielt sie ihn in den Armen, strich mit der einen Hand durch sein weiches Haar und wiegte ihn hin und her.

„Wir haben alle Angst." Flüsterte sie. Verzweifelt suchte sie nach etwas, das ihn trösten könnte. In ihren Gedanken formte sich eine schlanke, weiße Kerze… „Aber du kennst meinen Glauben… Ich weiß, das wird dir nicht helfen, aber auch wenn du nicht daran glaubst, mir gibt es Hoffung."Die Worte kamen nur mühsam, aber sie glaubte es in diesem Moment wirklich. Die zerbrechliche Illusion, in der sie sich versteckte, wurde von seiner Stimme zerstört: „Ich habe keine Hoffnung mehr, Scully."

Er klang so niedergedrückt und verzweifelt, dass es ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Seine Tränen waren eine Bestätigung dafür. Darauf wusste sie nichts zu antworten. Sie saß einfach nur da und er schmiegte sich an sie, weinte an ihrer Brust.
Auf einmal war er es, der ihre Stärke brauchte, obwohl seine Kraft es war, die sie beide durch die letzten Tage getragen hatte. Wie sehr er sich bemüht hatte, die Tatsachen zu überspielen! Ihr hätte klar sein müssen, dass all das nur eine Schutzreaktion der Psyche war, aber sie hatte sich ihrer Trauer hingegeben und sich auf seine Unbeschwertheit gestützt. Warum hatte sie nicht eingesehen, dass er es war, der eine Stütze brauchte? Und jetzt weinte er in ihren Armen.

In diesem Moment erkannte sie, wie sehr sie einander brauchten und ergänzten und wie schwer es werden würde, ohne ihn zu leben…
Und in diesem Augenblick wusste sie, dass sie ohne ihn nicht leben konnte, doch vertrieb sie diese düsteren Gedanken sofort wieder.
Er brauchte sie. Selbstmitleid konnte sie später haben.

Es dauerte lange, bis Mulder sich wieder beruhigte. Letztlich war der Gedanke an den Tod doch zu fürchterlich für ihn geworden und er war dankbar, sich nicht alleine mit den Tatsachen auseinandersetzen zu müssen. Scully war geduldig und stark gewesen, hatte ihn gehalten, auch wenn er spürte, dass ihr Herz raste vor Angst und Anstrengung, nicht auch zu weinen. Stattdessen hatte sie ihr Gesicht in seinen Haaren vergraben. Er konnte ihren warmen Atem auf seiner Kopfhaut spüren, wenn sie stoßweise ausatmete. Schließlich ließ er ihre schlanke Gestalt los.

Sie drückte ihm sofort ein Papiertaschentuch in die Hand um ihn für einige Sekunden abzulenken während sie sich wieder sammelte.
Scully hatte ein wenig nachgedacht und war schweren Herzens zu dem Entschluss gekommen, dass sie früher oder später darüber würden reden müssen – als Vorbereitung für sie beide. Jetzt kratzte sie ihren ganzen Mut zusammen und nahm seine Hand. Er blickte auf, die Augen rot gerändert und geschwollen, die Nase laufend.

„Mulder, wir müssen darüber reden."

„Wo… worüber?"

„Über den Tod." Sagte sie fest. „Ich glaube nicht, dass du mit einem Priester wirst sprechen wollen, aber es ist notwendig, dass du mit irgend jemandem darüber sprichst." Fügte sie schnell hinzu als ein Ausdruck von Unglauben, Angst und Scheu sich auf seinem Gesicht ausbreitete. „Niemandem ist dieses Thema angenehm, aber es ist angemessen."

Sie fragte sich, woher sie die Willenskraft hatte, all das zu sagen, aber sie wusste, dass sie es ausnutzen musste solange es anhielt.
Mulder ließ sich mit der Antwort Zeit und Scully dachte schon, er würde sich weigern, aber schließlich nickte er doch. „Unter einer Bedingung: Ich bekomme vorher noch ein Glas Wasser." Sie freute sich, schon wieder so etwas wie ein Lächeln in seiner krächzenden Stimme zu hören.

„G… gut." Scully hatte keine Ahnung, wie sie anfangen sollte. „Warum hast du Angst vor dem Tod?" Es erschien ihr die nächstliegende Frage.

„Ich… ich weiß es nicht."

„Komm schon, Mulder. So funktioniert das nicht."

„Also gut. Früher hatte ich immer mehr Angst davor, dass andere Menschen sterben…" Er warf ihr einen Blick zu. „…aber jetzt fürchte ich mich eher vor meinem eigenen Tod. Aber ich weiß nicht, wovor ich mehr Angst habe: Vor dem Sterben oder davor, von dir getrennt zu werden."

„Du glaubst also daran, dass du… danach noch ein Bewusstsein hast?"

„Wieso?"

„Na ja, wenn du tot bist, wird es dich da noch stören, dass ich nicht da bin?"

„Ich glaube nicht, dass die Ewigkeit genug Zeit wäre, diesen Verlust zu überwinden." Mulder hustete trocken. Reden fiel ihm immer schwerer.

„Wir sprechen hier über ein Leben nach dem Tod, Mulder."

„Tat… tatsächlich?" Er keuchte und räusperte sich.

„Ja, ich denke schon. Aber ich dachte, du glaubst nicht an so was." Zu Scullys Überraschung brach Mulder in Gelächter aus. Es hörte sich zwar nicht nach Lachen an, er war aber unverkennbar äußerst erheitert. „Ich und nicht daran glauben? Nach dem, was wir mit diesen… diesen Sektenfreaks erlebt haben? Du weißt doch noch, oder? Wenn ich mich recht erinnere, warst es eher du, die nicht an die Wiedergeburt glaubt."

„Wiedergeburt und Unsterblichkeit sind aber zwei verschiedene Dinge." Bestand Scully auf ihrer Argumentation.

„Du glaubst also an das ewige Leben nach dem Tod, aber nicht an die Wiedergeburt?" Scully wurde rot.

„Ich weiß es nicht so genau. Es wäre natürlich… ein schöner Gedanke."

„Genau das hat Melissa damals auch gesagt." Scully musste unvermittelt grinsen. „Was?" Mulder war etwas verwirrt. Sie brachte ihn aus dem Konzept.

„Mulder, ist dir noch nie aufgefallen, wie viele Leute, mit denen wir arbeiten, genauso heißen wie meine Schwester?"

„Was hat das jetzt damit zu tun?"

„Ist mir nur gerade so eingefallen." Sie wurde wieder ernst. Auch ihre Schwester war tot. Alle Menschen, die ihr etwas bedeuteten, starben vor ihrer Zeit…
„Scully, alles okay?" Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Es geht mir gut, Mulder."

„Ich habe diesen Satz schon zu oft gehört, um nicht zu wissen, dass es eine Lüge ist." Hinter seinen ernsten Worten erkannte Scully den traurigen Humor, der Mulder wieder zum Lächeln brachte.
„Ich habe nur an meine Schwester gedacht… meinen Vater… und dich."

„In einem Zusammenhang, vermute ich." Scully nickte, den Tränen wieder nahe.

„Ist schon gut." Er nahm ihre Hände und legte die Handflächen zusammen. Es sah fast aus als wollte sie beten. „Scully, wenn du an ein Leben nach dem Tod glaubst, warum bist du dann traurig, wenn jemand stirbt?"
Es war eine rhetorische Frage und sie wusste es auch. Trotzdem viel es ihr schwer, eine Antwort zu finden, die auch nur annährend beschrieb, wie sie sich fühlte. Er hatte den Spieß umgedreht: Jetzt war er es, der die Fragen stellte. „Ich glaube, ich vermisse die Gesellschaft dieser Leute. Es geht dabei nur um mich. Ich denke, für die Toten ist es nicht so schlimm. Sie kommen ja an einen besseren Ort. Vielleicht können sie uns von dort aus auch beobachten, aber wir haben keine Möglichkeit auf Kontakt."

„Also ist es nur weil du sie nicht mehr sehen und hören kannst?

"
„Ich weiß es nicht genau. Ich denke, das ist es." Mulder schwieg eine Weile. Scully dachte schon, er hätte ihr Gespräch beendet, aber schließlich sprach er doch weiter. „Wir haben schon so vieles geschafft, was unmöglich erscheint, Scully. Ich verspreche dir, ich werde einen Weg finden, damit du mich spüren kannst, damit ich mit dir reden kann. Und wenn das mit dem Ewigen Leben stimmt, dann ist die Trennung ja nur für kurze Zeit… gemessen an der Ewigkeit."

„Du glaubst also, dass wir wieder zusammen sein können?"

„Ich hoffe es."

„Wir können uns dessen aber doch gar nicht sicher sein!"

„Du bist die Christin. Wenn sich jemand dessen sicher sein kann, müsstest das doch du sein." Scully sagte nichts. Ihr Glaube war eine wichtige Stütze in dieser Angelegenheit. Er hatte ihr auch geholfen, als sie mit ihrem eigenen Tod konfrontiert gewesen war. Aber irgendwie war es damals anders gewesen. Sie war auf der Seite gewesen auf der jetzt Mulder lag. Allmählich begann sie zu verstehen, warum er eher wenig Schwierigkeiten mit seinem Sterben zu haben schien. Auch sie hatte damals eher an die Auswirkungen gedacht, die ihr Tod auf die Umwelt hatte als an die Konsequenzen für sie selbst.

„Was ist, wenn wir beide Recht haben? Du könntest schon lange wieder… lebendig sein, bevor ich sterbe. Du bist schon mehrere Male ohne mich gegangen, wenn man den… Erinnerungen deiner Seele – oder wie auch immer man das nennen will – Glauben schenkt."

„Aber wenn du dich erinnerst, dann ist es auch eine Tatsache, dass unsere Seelen – wenn es so etwas gibt – mit einander verbunden sind und wir einander immer wieder begegnen werden."

„Angenommen, das stimmt, wie groß glaubst du ist die Chance, dass wir jemals wieder so zusammen sein werden?" Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn. „Vielleicht sollten wir kein Risiko eingehen und uns lieber nicht trennen."

„Du sagst das so leicht. Du bist doch derjenige, der gehen wird!"

„So habe ich das nicht gemeint."

„Wie dann?"

„Hör zu, Scully. Lassen wir dieses Thema jetzt. Alle haben zwar eine Vorstellung, was der Tod uns bringt, aber die Wahrheit ist, dass es niemand weiß. Vielleicht ist es das Beste, wenn wir einfach abwarten."

„Ich kann aber nicht warten und nichts tun! Ich hasse diese Unsicherheit!" Wieder begann Wut in ihr aufzusteigen. Sie war wütend auf Gott weil er zuließ, was da kam, weil er Dinge wusste, die sie nicht wissen konnte: Was würde mit Mulder geschehen?

„Sieh mal, wir können nichts tun. Lass uns die Zeit genießen. Angst zu haben hilft uns nicht weiter."

„Das musst gerade du sagen."

Er ließ sie los und hob abwehrend die Hände. „Mir geht´s wieder gut." Scully sah ihn skeptisch an. Ihm ging es nicht so gut, wie er sie glauben machen wollte, aber eindeutig ging es ihm besser als vor dem Gespräch. Sie konnte dasselbe nicht unbedingt von sich sagen, aber immerhin weinte jetzt keiner von ihnen mehr. Das war schon ein Fortschritt. Und dann fiel ihr noch etwas ein, das sie vor langer Zeit einmal gehört hatte. Damals war es ihr logisch erschienen und sie hoffte, sich die Aussage in Erinnerung zu rufen würde sie beide etwas zuversichtlicher stimmen.

„Mulder, das Sterben ist immerhin Teil unserer Existenz. Währe das Leben nicht wertlos ohne den Tod?" Mulder reagierte darauf mit einer unerwarteten Gegenfrage. „Währe das Leben nicht wertlos ohne die Liebe?" Darauf konnte Scully nichts erwidern. Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn.

„Ich hoffe, es ist wahr, das, was man über die Liebe sagt: dass sie unsterblich ist."

„Vielleicht ist sie das ja gerade deswegen, weil sie durch den Tod sozusagen konserviert wird." Tatsächlich tröstete der Gedanke beide ein wenig. Schließlich meldete sich Mulder wieder zu Wort.

„Ich hätte das nie gedacht. So oft habe ich dem Tod schon ins Auge geblickt, aber noch nie habe ich solche Angst davor gehabt."

„Weil du jetzt sicher sein kannst, dass du etwas Wertvolles verlierst?"

„Mein Leben war nie etwas wert bis zu dem Augenblick, als du gesagt hast, du liebst mich."

„Ich liebe dich, Mulder." Scully war es sehr wichtig, das jetzt noch einmal zu wiederholen.

„Ich liebe dich auch." Er zog sie zu sich und küsste sie wieder. „Ich sage es noch einmal: Lass uns abwarten. Vielleicht fürchten wir uns ja umsonst." Sie hätte die Freude, die sie über diese Worte empfand, nicht ausdrücken können. Hoffnung! Er hatte wieder einen Funken Hoffnung in sich. Nichts war endgültig und kein Datum konnte ein Ereignis wirklich fixieren. Man konnte nie wissen, was die Zukunft bringen würde: ein geplantes Begräbnis oder… eine unerwartete Genesung! Eine weitere Erinnerung blitzte in ihren Gedanken auf.
„Mulder, jemand hat einmal zu mir gesagt ‚Der Tod kommt erst wenn man das Leben sucht'. Wenn du dich also auf den Tod so vorbereitest, alles so rational planst, was das betrifft, vielleicht kannst du ihm dann entkommen. Ein Begräbnis scheint mir recht wenig mit der Suche nach Leben zu tun zu haben."

„Ja, und vielleicht tue ich das ja nur deswegen, weil ich den Sensenmann verwirren und von mir ablenken will." Er zwinkerte und grinste. Scully seufzte als sie an den Tag zurückdachte, an dem er das zu ihr gesagt hatte. Damals war auch sie dem sicheren Tod nur knapp entkommen. Dabei war sie so sicher gewesen, dass sie sterben würde. Möglicherweise war es gerade das gewesen, was sie damals gerettet hatte – und ein 150-jähriger, der den Schnitter von ihr abgelenkt hatte.

***

Freitag, 26. September, 20:58 Uhr, Firefox Memorial Hospital, Washington DC

Es war Abend und Mulder und Scully hatten Zeit gehabt, ihre Gedanken und Gefühle wieder einigermaßen zu ordnen. Scullys Unterbewusstsein hatte sich erlaubt, wieder eine Mauer zu errichten, allerdings war sie nicht so hoch wie die alte. Große Menschen wie Fox Mulder konnten problemlos über die Mauerkrone schauen. Die Zettel mit den Anweisungen hatte sie schließlich in eine der Schubladen des Nachtschränkchens gelegt. So musste keiner von ihnen die Dinge lesen, die darauf festgehalten waren, und daran erinnert werden, dass noch nichts überstanden war.

Im Gegenteil: Mulders Zustand verschlechterte sich nun schnell. Statt des Abendessens hatte er eine weitere Morphiuminjektion erhalten, außerdem einen halben Liter Blutplasma und noch einen Liter Flüssigkeit über den Tropf. Die Sauerstoffkonzentration in seiner Atemluft betrug mittlerweile 65% und das Atmen fiel ihm trotz allem immer schwerer. Scully hatte einen neuerlichen Versuch unternommen, ihn davon zu überzeugen, sich intubieren zu lassen. Nach einigen Minuten gab sie es jedoch wieder auf. Er weigerte sich und sie wusste, dass es – auch wenn es vielleicht sein Leben verlängern konnte – nicht angenehm für ihn sein würde. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie sich dann nicht mehr unterhalten könnten.

So konnten sie wenigstens die Gespräche über die alten Zeiten fortführen, die sie schon am Nachmittag begonnen hatten, auch wenn sie etwas einseitig waren, da Mulder sich auf Einwürfe und kurze Sätze beschränkte. Schließlich wurden sie aber beide müde, erschöpft von der Berg-und-Tal-Fahrt ihrer Emotionen an diesem Tag. Wehmütig erinnerten sich beide daran, was sie noch am Vorabend um etwa diese Zeit getan hatten. Eine Wiederholung hätte weder Mulders gesundheitlicher noch Scullys seelischer Zustand erlaubt…

Endlich stand Scully von ihrem Stuhl auf, streckte sich gähnend und rieb mit beiden Händen ihre brennenden Augen. „Kein Sex heute Abend, Mulder." Er zog eine Schnute und setzte seinen Hundeblick auf.

„Aber Schatz, ich hatte mich so darauf gefreut." Der Sarkasmus in seiner Stimme brachte sie zum Schmunzeln.

„Du musst jetzt schlafen. Ich werde noch… etwas erledigen."

„Sei mir nicht böse, Scully, aber was machst du eigentlich die ganze Zeit, wenn du plötzlich aus dem Zimmer verschwindest?" Scully zögerte mit der Antwort. Sollte sie es ihm wirklich sagen? Er würde sie bestimmt belächeln. Andererseits, Mulder hatte ihre Ansichten immer akzeptiert und sie unterstützt und besonders nach diesem Nachmittag würde er es bestimmt verstehen, wenn sie die Hoffnung noch nicht aufgab, und sei es auch nur zum Selbstschutz. Während sie darüber nachdachte, was sie antworten sollte, wurde er schon ungeduldig. Aus ihrem Schweigen schloss er, dass sie sich darauf vorbereitete, ihm wieder einmal eine Ausrede aufzutischen. „Scully, keine Lügen…"

Er konnte den Satz nicht beenden denn in diesem Moment entschied sie sich, ihm zu sagen, wohin sie ständig verschwand. „Ich gehe in die Kapelle."

„Oh." Mehr wollte er gar nicht wissen. Wenn sie mit Gott haderte, war das ihre Privatsache. Das war sogar für ihn etwas zu Intimes als dass er nach Details fragen würde. „Gute Nacht, Mulder." Sie gab ihm einen leichten, aber intensiven Kuss und verließ den Raum für ein letztes Abendgebet vor dem Schlafengehen – und um eine weitere Kerze anzuzünden.

***

.
Als sie zurückkam, schlief Mulder bereits tief und fest. Vorsichtig kuschelte sie sich neben ihn ins Bett. Sie konnte seinen Atem rauschen hören, wenn er die Lunge verließ. Ihr fiel auf, dass sein Brustkorb sich unregelmäßig ausdehnte. Manchmal atmete er tief und langsam, dann wieder flach und keuchend. Lange konnte Scully nicht schlafen, so müde sie auch war. Ihre Gedanken kreisten um Mulder, um ihre Beziehung zu einander, um Gott und den Tod. Zahllose stille Tränen liefen wieder über ihre Wangen und verschwanden im Stoff des Bettlakens, aber kein einziger Laut entwischte ihr.

Sie lag wach und konnte nichts tun außer ins Leere zu starren. Doch, erinnerte sie sich, sie konnte etwas tun! Und schließlich begann sie wieder zu beten: für Mulders Körper und dass er sich als stärker erweisen möge als die Natur es vorgesehen hatte, und seine Seele, dass sie nicht zerbrechen möge an der Belastung, denn sie war die einzige Stütze, die ihre eigene Seele davor bewahrte, auseinander zu bersten. Sie betete darum, dass er auch morgen stark sein möge, dass sie beide starke sein mögen, stark genug um weiter zu machen und den neuen Tag zu begrüßen. Denn der neue Tag brachte Hoffnung und darum hießen sie ihn und das junge Licht, welches er trug, willkommen…

Ihre Lippen bewegten sich lautlos zu den Worten, die sie im Geiste formte. Doch auch als sie ihr Gebet beendet hatte, weil ihr einfach keine andere Formulierung mehr einfiel, in die sie ihre Bitten verpacken konnte, wollte der Schlaf nicht kommen. Sie lag weiterhin wach und weinte still. Nach zwei qualvollen Stunden des Wartens schlief auch sie endlich ein. Nicht für lange jedoch…

Noch bevor die Nacht ihre Mitte erreichte, wurde sie von Mulders Keuchen und seiner Hand, die sich fest an ihre Schulter klammerte, aus dem Schlaf gerissen. Im ersten Moment dachte sie, einer seiner Alpräume störe seine Ruhe, doch sein Gemurmel verriet ihr, dass er wieder starke Schmerzen hatte und dringend etwas dagegen bekommen musste.

„Ist schon gut, Mulder." Sagte sie halblaut in die Dunkelheit hinein. Vorsichtig löste sie mit einer Hand seine klammernden Finger von sich, schwang die Beine über den Bettrand und setzte sich auf. Sie knipste die Nachttischlampe an und warf einen schnellen Blick auf das halb im Schatten liegende Gesicht ihres Partners. Es war eine einzige Grimasse der Qual. Seine Augen bohrten sich in ihre.

„Bitte…" Seine Lippen deuteten das Wort lediglich an, doch sie verstand.

„Es ist okay, Mulder. Es wird dir gleich besser gehen." Halb im Schock und mit zitternden Händen kramte Scully alle Utensilien für eine weitere Injektion hervor. Schnell rechnete sie. 30 Milligramm. Das waren drei von den kleinen Ampullen oder eineinhalb von den großen. Gut. Das müsste selbst für diesen Fall genug sein. Es war ohnehin die höchste Dosis, die sie auf einmal verabreichen durfte. Hastig brach sie die Phiolen auf. „Mulder, du musst deinen Arm still halten. Ich will den Katheter nicht herausreißen." Murmelte sie durch zusammengebissene Zähne. Er bemühte sich nach Kräften, das Beben zu unterdrücken.

In weniger als zwei Minuten war alles vorbei. Mulder entspannte sich merklich und Scully atmete erleichtert aus. „Geht´s wieder?" Er nickte. „Gut." Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick lang mit sorgenvoller Miene, dann schaltete sie das Licht wieder aus und bettete sich zurück neben ihn. Dankbar legte er einen Arm um sie, er hatte jedoch nicht die Kraft, sie weiter an sich zu ziehen, wie er es gerne getan hätte.

Scully genoss den Kontakt zu seinem Körper, aber er beruhigte sie nicht. Bald hörte sie Mulder wieder regelmäßiger hinter ihr atmen, doch sie konnte einfach nicht mehr einschlafen. Zu viel beschäftigte sie jetzt. Mitternacht zog vorbei und immer noch konnte Scully ihre Gedanken nicht beruhigen.

Um eins warf sie einen verstohlenen Blick auf die Leuchtziffern ihrer Armbanduhr und war dem Einschlafen noch kein bisschen näher gekommen.

Um halb vier beschloss sie schließlich, dass sie Mulders Krankenblatt durchsehen und aktualisieren könnte. Keiner sollte ihr vorwerfen können, sie behandle ihn nicht ordnungsgemäß. Sie verließ nur widerwillig die Wärme des Bettes und setzte sich an den Schreibtisch um zu arbeiten. Das kleine Licht würde Mulder nicht aufwecken – schon gar nicht nach 30mg Morphium. Also rief sie sich alles ins Gedächtnis, was sie am vergangenen Tag Mulder verabreicht und welche Materialien sie verwendet hatte. Gut, dass er versichert war, denn die Rechnung für dieses Zeug hätte sicher sein Konto aufgefressen – selbst wenn er nicht das übliche Krankenhauspersonal mitbezahlen musste.

Als Scully alle Ergänzungen ordnungsgemäß eingetragen hatte, war es bereits kurz nach fünf und die Dämmerung begann fast unmerklich ein graues Licht über den Horizont zu verbreiten. Es blieb aber noch genügend Zeit für einige Stunden Schlaf, entschied sie, als Mulder sich zu regen begann.

Im Halbdunkel des Zimmers konnte sie sehen, wie er den Kopf auf dem Kissen hin und her rollte und die Hände abwechselnd öffnete und zu Fäusten ballte. Scully stand auf und kam zu ihm herüber. Sie setzte sich neben ihn auf die Bettkante und strich mit einer Hand vorsichtig die wirren, schweißfeuchten Haarsträhnen von seiner Stirn während sie mit der anderen seine linke hielt. Er drehte den Kopf und öffnete blinzelnd die Augen. Sie übernahmen für ihn das Sprechen: er brauchte dringend eine weitere Dosis Morphium. Scully gab ihm ihrerseits mit einem Blick wortlos zu verstehen, dass sie begriffen hatte. Traurig stellte sie fest, dass er der einzige Mensch war, mit dem sie diese lautlose, aber äußerst effiziente Art der Kommunikation führen konnte. Wieder eine Sache, die ihre Beziehung so einzigartig machte und den Verlust noch schwerer zu ertragen.

Als sie ihm schließlich die Spritze verabreichen wollte, erlebte sie eine weitere unangenehme Überraschung: Seine Vene war zu. Es würde unmöglich sein, durch dieses Gefäß noch irgendetwas in seinen Körper zu bekommen. „Mulder, ich muss dir einen neuen Zugang legen. Der alte ist unbrauchbar." Er nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Als erstes entfernte Scully die alte Nadel aus seinem Arm und drückte einen Extra-Tupfer auf die Wunde. Das war völlig unnötig, da er ohnehin nicht mehr wirklich blutete. Das Fehlen des Epidermisgewebes beinhaltete auch das Fehlen der zugehörigen Blutgefäße und sein Blut hatte ohnehin schon derart an Viskosität zugenommen, dass es sehr schnell gerann und durch zu kleine Wunden überhaupt nicht mehr austrat...

Danach suchte sie lange nach einer geeigneten Vene und musste schließlich feststellen, dass es unmöglich war. Es gab nur noch eine Möglichkeit: „Mulder, ich fürchte, du brauchst einen ZVK. Deine subkutanen Venen sind alle ungeeignet."

„Wa… was ist… ZVK?" Mulder musste die Worte mühsam hervorwürgen, aber sie verstand ihn dennoch.

„Ein zentralvenöser Katheter. Er wird in eine der Hauptvenen, die hinter den Schlüsselbeinen verlaufen, gelegt… Ich muss erst ein Set holen." Sie stand auf um sich auf den Weg zur Nachtschwester zu machen. Insgeheim ärgerte sie sich darüber, dass sie nicht schon gleich einen solchen Zugang gelegt hatte. Dann wäre Mulder der Eingriff in seiner gegenwärtigen Kondition erspart geblieben. Außerdem war sie nervös: Seit dem Medizinstudium hatte sie so etwas nicht mehr gemacht. Und einmal hatte sie miterlebt, wie einer ihrer Kollegen bei dieser Sache einen Patienten fast getötet hatte, weil ihm der Führungsdraht während der Prozedur abhanden gekommen war. Der Mann war zwei Semester über ihr gewesen…

.
Zwanzig Minuten später wusste sie, dass ihre Selbstzweifel unbegründet waren. Sie war noch immer die Ärztin, die die Doktoratsprüfung mit Auszeichnung abgelegt hatte. Ihre Bemühungen zeigten nach wie vor das gewünschte Ergebnis: der Patient fühlte sich besser. Doch die erneute Aufregung hatte beide aufgeweckt. Sie wusste, keiner von ihnen würde heute Nacht noch Schlaf finden. Es war halb 6 Uhr morgens und die Sonne würde sich bald über den Rand der Welt erheben.

Plötzlich wurde Mulder wieder unruhig. Ein unerklärliches Verlangen, den Sonnenaufgang zu sehen, überfiel ihn wie aus dem Nichts. Er betrachtete Scully, die sich gerade erst wieder in den Sessel hatte fallen lassen. Ihr Gesicht sah schrecklich müde und alt aus – wenn auch immer noch überirdisch schön - , aber ihre Augen zeigten eine Wachsamkeit, die selten in ihnen stand. Sie hatte auch seinen Katheterbeutel gewechselt und ihm noch eine Infusion mit Flüssigkeit angehängt. Nun sah sie direkt in seine Augen und dort fand sie dieselbe Rastlosigkeit, die sie die ganze Nacht lang wach gehalten hatte.

„Scully…" Er verzog das Gesicht. Das Sprechen schmerzte in seiner trockenen Kehle. Scully stand auf und brachte ihm kommentarlos ein Glas Wasser. Sie ließ sich neben ihm auf der Bettkante nieder und setzte ihm das Glas an die Lippen wobei sie mit der anderen Hand vorsichtig seinen Kopf stützte. Mulder versuchte zu trinken, doch er verschluckte sich und fing an heftig zu husten. Hastig stellte Scully das Glas auf den Nachtschrank ab um beide Hände frei zu haben damit sie ihn halten konnte als er sich aufzusetzen versuchte.

„Ist schon gut, Mulder." Flüsterte sie nicht nur um ihn zu beruhigen, sondern auch um sich selbst zu versichern, dass es ihm in wenigen Augenblicken wieder gut ging. Als das verkrampfte Husten in leichtes Hüsteln überging, griff sie nach einem Papiertaschentuch und begann ihm vorsichtig das ausgespuckte Wasser von Mund und Kinn zu wischen. Beinahe war ihr, als pflege sie einen Greis, der nicht einmal mehr selbständig Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen konnte – und diese Erkenntnis war erschreckend: Mulder war innerhalb weniger Tage gealtert, hatte die gesamte Spanne seiner Jahre in rasendem Tempo durchschritten und zeigte sich nun als alter Mann.

Zwar hatte er äußerlich kaum Ähnlichkeit mit dem gealterten Mulder, den sie vor Jahren auf einem rostigen Fischkutter unter Aufbietung all ihrer eigenen, schwindenden Kräfte gegen den Tod verteidigt hatte, doch in seinem Inneren war der Körper ausgelaugt und verbraucht wie durch ein Leben, das 85 Jahre und mehr gedauert hatte…

Inzwischen war Mulder wieder zu Atem gekommen und nun flößte sie ihm die Flüssigkeit langsam ein, ohne dass er sie noch einmal versehentlich aspirierte. Schließlich hatte er das Glas geleert und sie stellte es auf dem Nachttisch ab. „Danke." Flüsterte er trocken.

„Gern geschehen."

„Scully, ich möchte… den Sonnenaufgang sehen." Scully zog eine Augenbraue hoch und sah ihn skeptisch an.

„Warum das?"

„Ich habe das Gefühl… es ist meine letzte Chance." Scully lief es eiskalt den Rücken hinunter als sie seine Worte hörte, aber sie verbarg den Schock vor ihm so gut sie konnte.

„Ich werde dir einen Rollstuhl besorgen." Sie wusste, dass es auf jeder Etage mindestens einen Rollstuhl für Krankentransporte gab und tatsächlich brachte sie nur den Kopf aus der Zimmertüre zu stecken um den Rollstuhl für das Erdgeschoß am Ende des Flurs stehen zu sehen. Rasch holte sie ihn herein und stellte ihn knapp neben das Bett. Sie klappte das Gitter herunter und half Mulder, an den Bettrand zu rutschen. Als er aufrecht an der Bettkante saß, warf sie ihm schnell einen Morgenmantel über ohne seine Schulter loszulassen. Er hätte sich sonst womöglich nicht in dieser Position halten können. Anschließend legte sie seinen rechten Arm um ihre Schultern und stützte ihn, während er seine Beine vorsichtig nebeneinander auf den Boden stellte und sich nach einer leichten Drehung schließlich in den Rollstuhl hinter ihm fallen ließ.

Er stöhnte auf und sog die Luft scharf zwischen zusammengebissenen Zähnen ein, als er beide Füße vorsichtig auf die dafür vorgesehenen Ablagen hob. Scully beobachtete ihn traurig. Wie schwach er geworden war! Dabei lag er erst seit zweieinhalb Tagen in diesem Bett. Ihr fiel ein, dass sie die Infusion und den Katheterbeutel noch an dem zugehörigen Ständer befestigen musste damit sie alles mitnehmen konnten. Als Mulder sich in eine erträgliche Stellung gebracht hatte, fasste sie die Griffe des Rollstuhls und schob ihn durch die offene Tür hinaus.

Ohne zu zögern lenkte sie auf dem Flur nach rechts. Den Weg in Richtung der Kapelle kannte sie bereits auswendig. Diesmal strebte sie aber nicht diesen Raum an sondern den Park, auf den man blickte wenn man aus den Fenstern des Kirchleins schaute. Sie konnte sich keinen Punkt vorstellen, von dem man besser nach Osten sah.

Als sie schließlich an den Glastüren angelangten, die hinaus ins Freie führten, stellten sie erleichtert fest, dass sie nicht abgeschlossen waren. Scully öffnete einen Türflügel und die kühle, saubere Luft eines klaren Herbstmorgens strömte ihnen entgegen. Beide fröstelten ein wenig, da keiner von ihnen das klimatisierte Krankenhaus seit Mulders Einlieferung verlassen hatte und im Innern des Gebäudes hatte es beständig 20,5 Grad Celsius.

Nun kam ihnen die Luft draußen eiskalt vor. Dennoch schob Scully den Rollstuhl weiter. Zum Glück waren die Wege im Park gepflastert. Bei Kies wäre ein Vorankommen nur mit großer Mühe möglich gewesen. So aber brachte Scully Mulder schließlich zu einem Aussichtspunkt, der leicht erhöht über den umliegenden Häusern lag. Die Bäume endeten und sie kamen auf eine freie Fläche. Nur eine niedrige Brüstung an der Ostseite der Terrasse begrenzte das Blickfeld. Nach oben hin konnte man bereits den zartblauen Himmel sehen, dessen Farbe nun rasch intensiver wurde. Die letzten Sterne der Nacht begannen einer nach dem anderen zu verlöschen.

Mulder legte den Kopf in den Nacken und beobachtete mit offenem Mund, wie die grauen Wölkchen über ihren Köpfen langsam eine leuchtend rosa Färbung bekamen. Sein Atem zeigte sich bei jedem Ausatmen kurz als silbriger Dampf, der sich einen Wimpernschlag später in der klaren Morgenluft auflöste. Einige Minuten lang sah Scully zu, wie Mulder nach oben starrte, doch dann hielt sie es nicht länger aus und beugte sie sich über ihn sodass ihr Haar von ihren Schultern rutschte und nach vorne fiel. Sie und ein kleines Fleckchen Himmel, welches sie zu umrahmen schien, waren nun das einzige in Mulders Blickfeld.

Einen Moment lang schien er verwirrt, ihr Gesicht auf einmal so nahe an seinem zu sehen. Noch dazu stand sie sozusagen Kopf, weil sie sich von hinten über ihn beugte. Aber gleich darauf schloss er den Mund und ein Ausdruck schieren Erstaunens malte sich auf seinem Gesicht als seine Augen kurz ihre streifen. „Der Himmel, Scully…" hauchte er. „Er hat jetzt genau dieselbe Farbe wie deine Augen…" Auch sie hob den Kopf um nach oben zu blicken. Unter ihr hörte sie wieder Mulder: „Ich habe noch nie… etwas gesehen, das… die gleiche Farbe hatte."

Scully konnte nicht antworten. Sie neigte den Kopf und sah einfach nur wortlos auf ihn herunter und lächelte das erste – fast - unbeschwerte Lächeln seit Tagen. Die Welt jedoch drehte sich weiter und der Himmel veränderte weiter seine Farbe bis er tief im Osten gelb, dann orange, schließlich rosa wurde. Die Wolken hatten inzwischen die Farbe reifer Himbeeren angenommen und schwebten wie surreale Flugobjekte über den beiden Betrachtern.

Und endlich kam sie: Die Sonne tauchte aus einer Wolkenbank am Horizont auf, stieg rotglühend wie ein Feuerrad an den Himmel und sandte ihre willkommenen Stahlen aus um die Gesichter der beiden Beobachter für ein letztes Mal in eine gesunde, goldene Farbe zu tauchen. Und genau in diesem Moment begann irgendwo in den Bäumen hinter den beiden eine Amsel zu singen. Scully war sich fast sicher, dass es derselbe Vogel war, den sie zwei Tage zuvor bei der Futtersuche beobachtet hatte.

Der Tag wurde nun ebenso schnell heller, wie die Sonne stieg. Bald schon war sie gleißend hell und man konnte sie nicht mehr direkt ansehen. Die Wolken hatten einen raschen Wechsel von Zuckerwatte-Rosa zu Nebelgelb vollzogen und schickten sich gerade an, gänzlich weiß zu werden. Lange standen sie noch auf der Terrasse und beobachteten das Schauspiel über ihnen, aber schließlich beschlossen beide, dass es Zeit war, ins Gebäude zurückzukehren.

Scully wendete den Rollstuhl und lenkte ihn zurück über die Pfade unter den Bäumen, wo immer noch ein blaues Dämmerlicht herrschte.

Auf einmal frischte der Wind kräftig auf. Der Luftzug riss die ersten bunten Blätter aus den rauschenden Baumkronen. Gelb, orange und rot segelten sie von hoch über ihren Köpfen herunter auf den Weg zu ihren Füßen. Einige zitronengelbe Buchenblätter landeten geräuschlos in Mulders Schoß. Gedankenverloren hob er eines auf und drehte es unbeholfen zwischen seinen bandagierten Fingern. Der Verfall hatte auch hier draußen bereits begonnen. Genau wie diese Blätter starben starb auch er, langsam aber unaufhaltsam. Irgendwie beruhigte ihn der Gedanke, dass er nicht alleine starb, nein, all diese tausende von Blättern würde ihr Schicksal ebenfalls bereits in wenigen Wochen ereilt haben. Er brauchte wirklich keine Angst zu haben, das wurde ihm in diesem Moment völlig klar. Und er hatte keine Angst.

Der Tod war etwas so Natürliches. Alles musste irgendwann sterben, zum einen, weil nichts ewig währen konnte - außer vielleicht die Liebe, belehrte er sich - zum anderen, weil nur so Platz für neues Leben geschaffen wurde. Tief atmete er die Morgenluft ein bis sie seine ganze Lunge füllte und obwohl der zusätzliche Sauerstoff aus der Flasche seine Atmung unterstützten musste, war ihm als fiele ihm das Atmen dieser frischen Luft wesentlich leichter als das Einsaugen der Krankenhausatmosphäre.

Die Sonne stieg hinter ihnen und warf bereits erste goldene Lichtflecke durch das Blätterdach auf den Weg und das Gras um sie herum.
Die Welt würde sich auch ohne ihn weiterdrehen genauso wie Scully ohne ihn überleben würde. In diesem Augenblick war er sich dessen so sicher wie noch nie zuvor. Er wusste, er könnte ohne sie nicht leben, aber er hoffte, dass sie zustande brachte, was er nicht vermochte.

„She is afraid cause you are dying / But you have got your peace of mind." "Under the tracks", Creeper lagoon

„Kann denn die Möglichkeit, die Sonne nicht mehr aufgeh'n zu seh'n einem die Lust am Leben nehmen?" „Die Nacht (Du bist nicht allein)", Schiller feat. Thomas d.