Kapitel 7 – Der Impftrank

Frühmorgens noch zur Dämmerung flatterte ein schwarzer Rabe an Hermines Fenster und klopfte. Wie in Trance öffnete Hermine und nahm dem Vogel die Nachricht ab.

Miss Granger,

brauen Sie den Trank, wir sehen uns übermorgen früh um 7 Uhr im Magischen Baum. Seien Sie pünktlich!

S. Snape

Hermine schüttelte schlaftrunken den Kopf. Als wäre sie jemals zu spät gekommen. Snape würde sich wohl nie ändern. Na ja, wenn sie es sich genau überlegte war sie erst gestern zu spät gekommen in Die Drei Besen zu Harry, Ron und Lupin. Wie tief konnte sie eigentlich noch sinken? Sie klaute, vernachlässigte die Schule, kam zu spät und belog ihre Freunde. Das schlechte Gewissen in diesem Augenblick erdrückte sie förmlich und wandelte sich dann in schwere Müdigkeit um. Sie fiel noch einmal in ihr Bett und schlief weitere vier Stunden, bis sie von alleine und endlich ausgeschlafen wieder aufwachte.

Das schlechte Gewissen war dem Ehrgeiz gewichen, den Vortrank für Snape perfekt herzustellen. Fein säuberlich legte Sie alle Zutaten, die sie für den Trank benötigte auf Bett und Schreibtisch und fixierte die Brauanleitung am Fenster, um sie jederzeit im Blick zu haben. Ihre Türe versiegelte sie magisch und befohl einen Schutzzauber gegen Lärm und Gerüche, die somit nicht aus ihrem Zimmer entweichen konnten.

Völlig erholt und höchst konzentriert machte sie sich ans Werk. Sie war in ihrem Element, sobald sie den ersten Löffel umrührte. Zaubertränke hatten sie schon immer in besonderem Maße fasziniert. Jetzt konnte sie Snape zum aller ersten Mal zeigen, dass Sie in diesem Fach schon immer fähig gewesen war. Gut, er hatte dies zwar bereits eingeräumt, aber seit diesem Geständnis hatte sie ihr Wissen nicht mehr praktisch beweisen können und sie ging förmlich auf in dieser äußerst anspruchsvollen Aufgabe.

Jede Pause, die das Rezept ihr ließ nutzte sie, um sich akribisch die nächsten Schritte zu verinnerlichen und auch ja keinen Fehler beim Umrühren in die richtige Richtung oder beim Zubereiten der Zutaten zu machen.

Sie zählte gerade 11 kleine Karottenknollen ab, die sie geviertelt dem Trank beizufügen hatte.

Die Hogwarts-Uhr schlug einmal, es war mitten in der Nacht, als Hermine den Rührer ein letztes Mal durch die nun träge Masse zog und die violette, sämige Flüssigkeit zufrieden betrachtete. Sie hatte es geschafft, die erste Etappe war genommen.

Voller Spannung und Erwartung auf den kommenden Tag legte sie sich ins Bett und befahl ihrer Eule, sie um 6.00 Uhr zu wecken.

Hermines Schlaf war unruhig. Sie wachte mehrmals auf und hatte Angst, zu verschlafen. Um 5.30 erwachte sie erneut. Sie setzte sich auf die Bettkante und erklärte die Nacht für beendet. Es ging ihr zu viel durch den Kopf. Was, wenn Snape das Gift von Nagini nicht besorgen konnte. Oder noch schlimmer, wenn Voldemort den falschen Lupin enttarnte – oder ihn sogar tötete? Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Auch unter der Dusche ließen sie diese Gedanken nicht los und ein befremdliches Gefühl ergriff sie, als sie sich eingestehen musste, dass sie sich längst nicht nur Sorgen machte um das Ordensmitglied Snape sondern um den Menschen Severus Snape.

Sollte sie wirklich erst um 7 Uhr aufbrechen? Hermine stieg aus der Dusche, zog sich an und aß en belegtes Brot, das sie sich am Abend zuvor aus dem Esssaal mitgenommen hatte.

Es war erst 6 Uhr.

Ohne lange zu zögern nahm sie den Stein in ihre Tasche und verstaute den Zaubertrank unter ihrem Umhang. Behutsam schloss sie die Tür hinter sich und machte sich auf den Weg ins Freie. Die Fette Dame grunzte, als ihr das Passwort entgegen gerufen wurde.

„Muss das sein, so früh am Morgen..."

Hermine eilte die Treppe hinunter, als ihr plötzlich Professor McGonagall den Weg versperrte.

„Wohin des Weges, Miss Granger – Frühstück gibt es erst ab 7.30 Uhr, wie Sie sicherlich nach fast sieben Jahren Hogwarts wissen."

Hermines Wangen röteten sich für einige Sekunden. Sie fühlte sich ertappt, gewann aber schnell wieder an Fassung.

„Ich –", sie machte eine Pause, „ich muss dringend noch in die Bibliothek wegen eines Aufsatzes, bei dem ich mir in einem Punkt noch nicht ganz sicher bin. Ich möchte das noch vor dem Frühstück erledigen."

McGonagalls Gesichtszüge glätteten sich.

„Wenn nur alle Schüler so wären wie Sie, Miss Granger!", lächelte McGonagall sie freundlich an und ließ sie vorbeiziehen.

Hermine spähte zur Haupttüre hinaus. Die Luft schien rein zu sein. Mit zügigen Schritten bewegte sie sich über das Feld. Der Stein in ihrer Hand schien zu brennen. Er war fast unerträglich heiß geworden und sie konnte sich nicht erklären warum. Es machte sich in ihr nur das Gefühl breit, dass es sicher nichts Gutes bedeuten würde.

Sie ging dieses Mal nicht zu Hagrids Hütte, weil sie befürchtete, er würde sie bemerken. Zielstrebig überquerte sie auf dem freien Feld die Grenze des Hogwartsgeländes. Den Stein umklammernd befand sich im nächsten Augenblick wieder im Magischen Baum.

Ein Rundumblick verriet ihr, dass Snape nicht anwesend war.

„Professor?", fragte sie.

Hermine sah auf dem Schreibtisch bereits einen kleinen Kessel stehen. Alles war frei geräumt, damit Hermine die Vorbereitungen für den zweiten Teil des Trankes treffen konnte.

Vor dem Kessel entdeckte Hermine eine Notiz. Sie erkannte Snapes Schrift. Die Zeilen schienen hektisch dahin gekritzelt worden zu sein.

Ich muss die Nacht über zu Voldemort. Bin um 7 Uhr zurück.

SS.

6.10 Uhr. Hermine war beunruhigt. Hoffentlich war es Snape möglich, seinen Plan durchzuziehen. Offensichtlich musste er ja ungeplant etwas für Voldemort tun. Ungeduldig ging sie im Baum umher und betrachtete die Dutzenden Phiolen und Reagenzgläser, die fein säuberlich in den Regalen aufgestellt waren. Dazu die unzähligen Bücher, die mit der selben Präzision alphabetisch aneinander gereiht waren.

6.20 Uhr, ein PLOPP riss sie aus den Gedanken.

Plötzlich lag Lupin vor Schmerzen schreiend vor ihr in der Mitte des Raumes.

Er wälzte sich stöhnend hin und her. Die totale Panik ergriff Hermine.

„Professor Snape – sind Sie das, sind sie ok?"

Welch bescheuerte Frage, dachte sie, ich sehe doch, wie es ihm geht. Das schien alles gar nicht nach Plan verlaufen zu sein. Snape hatte auch äußerliche Verletzungen und blutete aus unzähligen Wunden im Gesicht und auch sein Umhang war blutgetränkt.

„Brauen Sie den Trank, es bleibt nicht mehr viel Zeit", keuchte er mit schmerzverzerrter Miene.

Hermine sprang eine aufgeklaffte riesige Wunde ins Auge, die beinahe Snapes gesamten linken Oberschenkel umfasste. Man konnte das pulsierende Blut sehen und eine Schicht mit einer dicken weißen Flüssigkeit, die regelrecht versuchte, das Blut zu verdrängen.

Hektisch sah sich Hermine um und erspähte sogleich eine Pipette, die auf dem Schreibtisch bereit lag. Sie führte sie an die Wunde heran und versuchte möglichst viel der glitschigen weißen Flüssigkeit aufzuziehen. Snape ließ seinen Kopf in den Nacken fallen und biss sich so feste auf die Zähne, dass Hermine meinte, ein Knirschen zu hören.

„Geschafft, das haben wir gleich. Bleiben Sie ruhig, Professor."

Flink öffnete sie die Flasche mit dem vorbereiteten Trank, gab den Inhalt und das Gift in den kleinen Kessel auf dem Tisch und zündete die Flamme an.

Snape krümmte sich weiterhin vor Schmerzen und Hermine kam jede Rührbewegung vor wie in Zeitlupe. Es ging alles viel zu langsam. Nach weiteren hochkonzentrierten Löffelbewegungen und einigen Schweißperlen auf ihrer Stirn später war es endlich soweit, der Trank verfärbte sich helllila.

Sie nahm einen Zinnbecher vom Schreibtisch und füllte ihn. Snapes Körper zitterte inzwischen von oben bis unten. Hermine eilte zu ihm hinüber, hielt mit der rechten Hand seinen Nacken fest und flößte ihm Schluck für Schluck die Medizin ein. Genau in diesem Moment verwandelte sich Lupin wieder in Snape.

Mehrere Male zuckte Snape krampfartig zusammen, als wehrte sich das Gift in seinem Körper mit allen Kräften, besiegt zu werden.

Hermine zauberte ein Tuch herbei und tränkte es mit dem Gebräu. Vorsichtig legte sie es auf die Wunde. Snape erfuhr weitere Stöße und wälzte sich schweißgebadet von einer Seite auf die andere Seite, bis er schließlich das Bewusstsein verlor.

„Professor – nein! Bleiben Sie hier!", schrie Hermine entsetzt.

Doch dann fiel ihr eine Unterrichtsstunde ein, in der Snape mit ihnen Gegengifte unter anderem von Schlangen besprochen hatte. Er hatte damals erklärt, dass eine Ohnmacht nach Verabreichung des Gegengiftes meist bedeutete, dass das Gift nicht mehr fähig war, den Körper zum Zittern zu bringen und deshalb die größte Gefahr gebannt wäre.

Bei Merlin, noch nie hatte Hermine mehr gehofft, dass Snapes arrogante Wissensausführungen der Wahrheit entsprachen.

Sie hob das Tuch, das sie auf die Wunde gelegt hatte, vorsichtig hoch. Zu ihrem Erstaunen war die ekelerregende weiße Flüssigkeit kaum noch sichtbar, das Blut hatte sich bereits zu einem Grind verfestigt und auch die Fläche der Wunde hatte sich halbiert. Snape atmete langsam und gleichmäßig, seine Gesichtszüge waren entspannt.

Hermines Puls verlangsamte sich etwas. Mit einem Bewegezauber schaffte sie es, Snape vom Boden auf das Sofa zu befördern.

Sie setzte sich an den Rand des Sofas und schwang weiter den Zauberstab, um all die restlichen blutenden Wunden zu verarzten, die er sich zugezogen hatte.

Behutsam legte sie ihre Hand auf Snapes linken Unterarm. Sie betrachtete seine furchigen Gesichtszüge. Jede einzelne Furche schien eine lange Geschichte erzählen zu können. Es war zu vermuten, dass nicht viele davon erheiternd waren. Trotzdem sah er friedlich aus. Hermine sagte murmelte vor sich hin.

„Ihre Schüler wären begeistert gewesen, Sie einmal so entspannt vor sich zu sehen."

„Schlimm genug, dass Sie mich so sehen", knurrte ihr eine gequälte tiefe Stimme entgegen. Hermine zuckte zusammen, sah aber, wie Snape ein leichtes Lächeln auf den Lippen hatte und die Augen öffnete. Schnell zog sie ihre Hand von seinem Unterarm und rückte ein wenig zur Seite, so dass er sich etwas aufrichten konnte. Ein erleichtertes Lächeln lag auch auf ihren Lippen.

„Das Gegengift wirkt hervorragend", stellte Snape zwar schwach, aber bestimmt fest, als er sein Bein dort betrachtete, wo sich vor kurzem noch eine aufgeklaffte Wunde befunden hatte. „Vermutlich wurde solch ein Trank noch nie mit derartiger Präzision hergestellt wie gestern Abend", warf er sarkastisch ein und blickte sie schräg an.

„Was ist los mit Ihnen, Professor? Sie bringen mich innerhalb von wenigen Minuten bereits das zweite Mal zum Schmunzeln. Hat das Gift vielleicht doch seine Spuren hinterlassen?"

„Wären Sie nicht so unverschämt unpünktlich zu früh hier erschienen, hätte ich wohl nie wieder die Chance, ihnen als Kotzbrocken vor die Füße zu treten! Und das hätte ich doch sehr bedauert!"

„Ich denke, ich habe mich lediglich revanchiert. Wie haben Sie eigentlich herausgefunden, dass ich durch das Slytherinamulett verletzt worden bin?" fragte Hermine.

„Es war der Stein. Wenn einer der Steinbesitzer in Gefahr ist, verändert sich der andere. Er beginnt, sich zu bewegen und in verschiedenen Farben zu leuchten. Daraufhin habe ich mich auf den Weg nach Hogwarts gemacht. Der Trank, den ich Ihnen verabreicht habe ist Teil eines Verstärkungstrankes. Leider funktioniert er noch nicht auf allen Gebieten, wie ich es mir vorstelle. Aber in Ihrem Fall hat er gute Dienste erwiesen", erwiderte Snape.

„Danke", sagte Hermine. „Und was ist heute Nacht passiert, Professor?"

„Voldemort wollte eine Aktion gegen Muggel starten. Und jetzt muss ich auch gleich wieder zu ihm. Deshalb musste ich den ganzen Plan um eine gute Stunde vorziehen. In Gestalt von Lupin hat er mich bei Nagini ertappt, gefoltert und dann von Nagini beißen lassen. Er hatte diesen selbstgefälligen Blick in den Augen und wollte Lupins Ableben genießen. Das einzige, was er nicht erwartet hat, war, dass ich ihm vor den Augen weg appariere. Ich hätte zu gerne sein Gesicht gesehen."

Snapes Körperhaltung hatte sich nun ebenfalls „erholt". Er stand auf, sortierte seine Knochen, die immer noch höllisch weh taten und holte sich vom Regal eine kleine Phiole mit einem gelben Trank. Er leerte es in einem Zug und binnen Sekunden fühlte er sich wesentlich besser. Er wandte sich wieder Hermine zu, verschränkte die Arme und sah auf sie herab.

„Voldemort wird in absehbarer Zeit alle Todesser und Dementoren um sich versammeln. Ich denke ab dann werde ich an ihn gebunden sein und nicht mehr von seiner Seite weichen können, bis die Schlacht geschlagen ist. Gehen Sie nun, Miss Granger, bevor man Sie in Hogwarts vermisst."

Hermine schluckte. Die ganze Grausamkeit der Situation, in der sich Snape befand schien sich über ihr auszubreiten. Egal was auch passierte, es war äußerst unwahrscheinlich, dass Snape die Schlacht unbeschadet überstehen würde. Früher oder später würde er sich im Kampf gegen Voldemort stellen. Selbst wenn er dabei als Sieger hervorgehen sollte – er würde immer Dumbledores Mörder bleiben.

Sie stand auf und blickte in seine dunkelbraunen Augen, die noch nie zuvor so viel Wärme ausgestrahlt hatten und ihrem Blick nicht im Mindesten auswichen.

„Kann ich sonst noch irgend etwas für Sie tun, Sir?", fragte Hermine leise. Man konnte ihrer Stimme eindeutig entnehmen, dass ihr Snapes ausweglose Situation sehr wohl bewusst war.

„Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Miss Granger. Die einzigen beiden Menschen, die mein Leben für lebenswert hielten, habe ich getötet. Ich habe seit 19 Jahren nur ein Ziel vor Augen, - den Untergang von Voldemort zu erleben. Und zumindest dafür scheinen die Aussichten nicht ganz schlecht zu sein."

Hermine verspürte einen dicken Kloß in ihrer Kehle.

„Wen haben Sie noch getötet?"

„Es spielt keine Rolle. Bitte Miss Granger, gehen Sie jetzt zurück nach Hogwarts! Kommen Sie am ersten Tag der Weihnachstferien um 20 Uhr wieder hierher und wir werden mit Okklumentik beginnen."

Er nahm sie wieder beim Arm, drückte ihr den Zaubertrank und den Stein in die Hände und führte sie zum Apparierpunkt. Hermine wurde durch seinen festen Griff am Arm elektrisiert.

Sie standen sich gegenüber und Snape blieb einige Sekunden an Hermines rehbraunen Augen hängen.

„Es sind drei", flüsterte sie.

Snape sah sie verwirrt an.

„Drei was?"

„Drei Menschen, die ihr Leben für lebenswert halten."

Dann apparierte sie.

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