Hallo, Leute! Vielen Dank für den Review und viel Spaß beim Lesen! :)
larissaelenafabricius: Okay, ich denke, ich komme gleich zu deinen durchaus berechtigten Fragen. ;)
1. Ich gebe zu, die Aussage Lupins, dass Sirius und James sehr beliebt waren, habe ich etwas gestreckt.^^ Ich stelle mir das so vor: Sirius ist tatsächlich sehr beliebt, genauso wie James (Gryffindors Star-Jäger ;) ), aber ihm geht es genauso wie Harry; sobald jemand anfängt, schlecht über ihn zu reden (vgl. Kammer des Schreckens, Orden des Phönix etc.), wenden sich viele von ihm ab. James ist sozusagen Sirius' Garantie, dass er auf der "richtigen" Seite ist. Fällt diese Garantie weg, werden die Leute misstrauisch.
2. Ich habe gelesen, dass Rowling sich für jeden Jahrgang fünf Mädchen und fünf Jungen in jedem Haus vorstellt. Bei den Rumtreibern bin ich mir allerdings sicher, dass sie zu viert im Schlafsaal waren - oder zumindest sind sie das jetzt bei mir.^^ Als ich angefangen habe, mir die Klassen zu überlegen, habe ich alle bekannten Charaktere aus dieser Zeit auf die Häuser und Jahrgänge verteilt. Ich wollte nicht alle bekannten Namen vom Phönixorden zu den Mädchen in Lilys Jahrgang packen, deshalb ist dort nur MacDonald gelandet (die meines Wissens nach nicht im Phönixorden war). Tja und dann habe ich angefangen zu schreiben, weil ich dachte, dass ich OCs eventuell noch dazu erfinden könnte und ein paar Namen hier und da erst mal reichen. Als ich dann aber gerne mehr Leute gehabt hätte, war ich bereits so weit, dass es ziemlich komisch gewesen wäre, plötzlich neue Charaktere einzuführen, die angeblich schon die ganze Zeit da waren. Also hört man immer nur von Lily und Mary, aber eigentlich hatte ich mir in dem Jahrgang noch zwei bis drei andere Mädchen vorgestellt.
3. Ja, die Bilder haben eine Art Schweigepflicht. Dumbledore kann ihnen nicht alles verbieten (bspw. kann er nicht verhindern, dass Orion von Phineas erfährt, wenn Sirius mal wieder zu ihm zitiert wurde), aber solche Dinge wie z. B. Remus Lykantrophie können sie nicht ausplaudern, noch nicht einmal, wenn sie wollten.
DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.
Toujours pur (1/2)
Am Anfang der nächsten Woche hatten sich Sirius und Peter über einer Packung Schokofrösche und ein paar Lakritzzauberstäben versöhnt, Sirius war wieder im Quidditch-Team und James verhexte jeden, der es wagte, ihn als Schwarzmagier zu bezeichnen oder auch nur schief anzusehen. Remus strich eine größere Geldsumme von Longbottom ein.
„Was?", fragte er, als ihn Sirius, James und Peter verblüfft anstarrten. „Ich habe mit Longbottom gewettet, dass ihr Holzköpfe weniger als eine Woche braucht, um euch wieder zusammenzuraufen. Und ich habe gewonnen."
Einmal mehr nahm sich Sirius vor, Remus Lupin nie wieder zu unterschätzen. Er mochte zwar keine unsichtbare Tinte in Hausaufgaben, aber wenn es darauf ankam, war er mindestens genauso sehr Tu-nicht-gut und Rumtreiber wie Sirius und James. Und das konnten sie gut gebrauchen, schließlich hatten sie immer noch ihre Rechnung mit den Slytherins offen. James und er hatten schon einen Plan entwickelt, der im Wesentlichen auf Flubberwurmschleim, Stinkbomben und Filibuster-Krachern beruhte. Irgendwie erinnerte er sehr an ihren alten Plan und deshalb brauchten sie Remus, damit er ihm das gewisse Etwas verlieh. Unglücklicherweise war Remus nicht begeistert.
„Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, dass bei diesem Teufelskreis aus gegenseitigen Racheaktionen nichts bei rauskommt?"
„Sag das den Slytherins", entgegnete James. „Wir hören auf, wenn sie aufhören."
„Und ich wette, die Slytherins hören auf, wenn ihr aufhört", gab Remus ironisch zurück. Sein Sarkasmus ging allerdings völlig an James vorbei.
„Die Slytherins werden nie aufhören! Nicht so lange sie sich einbilden, sie müssten es jedem Mugglestämmigen, jedem Halbblut und jedem so genanten Blutsverräter zeigen!"
Remus verdrehte die Augen.
„Und ihr zwei hört nicht auf, so lange es noch irgendeinen Slytherin an dieser Schule gibt? Oh ja, das klingt sehr vernünftig. Habt ihr vielleicht schon mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn Sirius schon wieder bei einem eurer Streiche erwischt wird? Muss erst einer von der Schule fliegen?"
„Deshalb werden wir uns ja nicht erwischen lassen", erklärte Sirius. „Wir haben James' Tarnumhang, dein Genie, Remus..."
„Falls du glaubst, mich so überreden zu können..."
„Wie kommst du denn darauf, dass wir dich überreden wollen?", wollte Sirius wissen. Und James fuhr fort: „Wir sagen doch nur, dass du der klügste, intelligenteste, bestaussehendste..."
Remus faltete den Tagespropheten auf, der gerade gekommen war, und vergrub sich hinter den Seiten.
„...tollste, begabteste...", fuhr Sirius fort. „Sag mal, hörst du uns überhaupt zu?"
Remus antwortete nicht. Dafür krallten sich seine Finger in das Papier der Zeitung. Sirius und James warfen sich einen schnellen Blick zu.
„Remus?", fragte James vorsichtig. Der Angesprochene ließ die Zeitung sinken.
„Alles in Ordnung."
Er klang auch in Ordnung. Nur wer Remus gut kannte, hörte, dass seine Stimme etwas rauer war als gewöhnlich.
„Es gibt mal wieder einen neuen Werwolf-Artikel."
„Nicht schon wieder!"
Nach den Angriffen an Halloween hatte der Tagesprophet mindestens zwei Wochen lang nichts anderes gebracht, aber danach schien das Thema an Brisanz verloren zu haben. Oder vielleicht hatten sie einfach nicht mehr darauf geachtet, weil sie so sehr damit beschäftigt gewesen waren, sich an den Slytherins zu rächen.
Nächster Vollmond in vier Tagen: Was tut das Ministerium für unsere Sicherheit?
Seit August erschüttert eine Serie von Werwolf-Angriffen das magische Großbritannien. Den traurigen Höhepunkt bildete bislang der Vollmond an Halloween mit 27 Toten und zahlreichen Verletzten.
Unwillkürlich sah Sirius sich nach Emmeline Vance um, der Ravenclaw-Siebtklässlerin, die ihre Familie bei dem Angriff verloren hatte.
„Sie ist seit einer Woche wieder in Hogwarts", sagte Remus leise. „Sie sitzt ganz außen am Ravenclaw-Tisch."
Und tatsächlich saß dort ein Mädchen mit verquollenen Augen und einem aufgeschlagenen Tagespropheten vor sich. Sirius musste Remus nicht fragen, woher er so genau wusste, seit wann Vance wieder in Hogwarts war oder wo sie saß. Er erinnerte sich daran, wie Remus nach seinem Streit mit James und seinem Angriff auf Regulus zu ihm gehalten hatte. Nicht er hätte zu mir halten müssen, sondern ich zu ihm... Er las weiter.
Seit Beginn wurden seitens des Ministeriums mehrere Maßnahmen ergriffen, um die Sicherheit der Gesellschaft zu gewährleisten, unter anderem wurde dem Werwolf-Fangkommando die Auroren zur Seite gestellt. In der verhängnisvollen Halloween-Nacht patrouillierten Auroren und Werwolf-Jäger durch das Areal. Trotzdem konnte der Angriff nicht verhindert werden. In vier Tagen rundet sich der Mond erneut. Die Frage ist, was hat das Zaubereiministerium seitdem getan, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten? Der Tagesprophet hat nachgefragt.
Mr. Potter, Leiter der Aurorenzentrale: Ich verstehe Ihre Besorgnis und ich versichere Ihnen, wir arbeiten so hart wir können. Es wird Patrouillen bestehend aus Auroren und dem Werwolf-Fangkommando geben. Zudem hat die Flohnetzwerkaufsicht eine direkte Kaminverbindung zum Werwolf-Fangkommando hergestellt, sodass Sie jederzeit eine Patrouille zu Ihrem Schutz anfordern können. Zu Ihrer eigenen Sicherheit können Sie beitragen, indem Sie Ihr Heim mit Schutzzaubern schützen und das Haus abends unter keinen Umständen mehr verlassen. Außerdem ist es immer gut, einen schnellen Fluchtweg zu haben z. B. einen zeitunabhängigen Not-Portschlüssel.
Mr. Potter war bei beim letzten Werwolf-Angriff unter den Verletzten. Er wird auch in der kommenden Vollmondnacht wieder im Einsatz sein. Zertifizierte Not-Portschlüssel können beim Portschlüssel-Büro angefordert werden.
„Was?", entfuhr es James, der über Sirius' Schulter den Artikel las. „Aber die Heiler in St. Muno haben doch gesagt, dass er sich mindestens einen Monat lang ausruhen soll!"
Ignatius Papercut, Mitglied der Flohnetzwerkaufsicht: Wir haben eine direkte Kaminverbindung zum Werwolf-Fangkommando eingerichtet. Sie funktioniert rund um die Uhr und auch von Kaminen aus, die normalerweise nicht an das Flohnetzwerk angeschlossen sind, so lange sie ein Feuer und Flohpulver haben. Die Verbindung ist mit einem Ortungszauber versehen, über den wir jeden Anruf zurückverfolgen können, falls Komplikationen auftreten. Das ist es, was ich als Mitglied der Flohnetzwerkaufsicht für Sie tun kann. Wäre ich in ein anderen Position, würde ich andere Maßnahmen ergreifen. Wie kann es überhaupt sein, dass Tierwesen der höchsten Gefährlichkeitsklasse unbehelligt zwischen Hexen und Zauberern und schutzlosen Kindern leben können? Ich bin dafür, die Minderjährigen-Schutzklausel abzuschaffen – auch junge Werwölfe töten.
Auf Peters fragenden Blick hin erklärte Remus: „Im Werwolf-Register stehen alle registrierten Werwölfe mit Namen und Anschrift. Das Register ist für jeden einsehbar, der einen triftigen Grund im Sinne des ersten Absatzes der Verdachts- und Sicherheitsvorschrift hat. Das gilt jedoch nicht für minderjährige Werwölfe, hier sind die Vorschriften sehr viel strenger."
Zudem sollten Werwölfen alle Berufe verwehrt sein, bei dem sie potentiell Hexen und Zauberer in Gefahr bringen, las Sirius weiter. Außerdem sollten sie dem Zaubereiministerium Auskunft über ihren Aufenthaltsort und ihr Treiben an Vollmondnächten geben. Als Strafe für einen Verstoß halte ich einen sechsmonatigen, beliebig verlängerbaren Aufenthalt in Askaban für sinnvoll. Erst wenn das Zaubereiministerium wieder Kontrolle über die Werwölfe hat, werden meine Familie und ich uns wieder sicher fühlen.
Angeekelt betrachtete Sirius das Bild von Ignatius Papercut neben dem Artikel.
„Hoffentlich wird er sich nie in einer anderen Position befinden."
Mrs. Mangold, Mitglied des Zaubergamots: Werwölfe sind Tierwesen der höchsten Gefährlichkeitsklasse – in einer Nacht im Monat. An den restlichen Tagen sind Werwölfe nicht gefährlicher als jedes andere Mitglied der magischen Bevölkerung. Das sollten wir bei dieser Diskussion nicht vergessen. Trotzdem kann diese Angriffsserie natürlich nicht ungestraft bleiben. Ich schlage vor, den Werwölfen sichere Orte für ihre Verwandlung zur Verfügung zu stellen und die Nicht-Inanspruchnahme dieser Orte mit sechs Monaten Askaban zu ahnden, sofern niemand gebissen wurde. Für diesen Fall sollten härtere Strafen in Erwägung gezogen werden.
Alois Dunder, Zaubereiminister: Ich versichere Ihnen, dass das Ministerium Tag und Nacht arbeitet, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten. Allen Skeptikern sage ich: Ich habe zu Beginn meiner Amtszeit schon einmal eine Werwolf-Angriffsserie beendet und ich kann und werde es wieder tun.
Alois Dunder wurde 1968 zum Zaubereiminister gewählt. Seinem Vorgänger Nobby Leach war es damals nicht gelungen, eine fast ein Jahr andauernde Serie von Werwolf-Angriffen in den Griff zu bekommen. Dunder richtete das Werwolf-Fangkommando ein und modernisierte das 1947 von Newt Scamander eingeführte Werwolf-Register. Seit Dunders Wahl zum Zaubereiminister hatte es bis zum August diesen Jahres keine Werwolf-Angriffe mehr gegeben.
James und Peter starrten Remus geschockt an. Auch Sirius konnte kaum glauben, was er da las, auch wenn die vorgebrachten Vorschläge zum Umgang mit Werwölfen im Vergleich zu dem, was im Grimmauldplatz hinter verschlossenen Türen diskutiert wurde, geradezu tolerant und wohlwollend waren.
„Das...das können sie nicht tun!", rief James schließlich.
„Doch, das können sie." Wie üblich klang Remus ruhig und beherrscht. „Eigentlich habe ich schon viel eher mit Meinungen wie diesen gerechnet."
„Aber es ist einfach nicht richtig!", widersprach James. „Es ist ein Werwolf, von dem diese Angriffe ausgehen. Was ist mit Leuten wie d...mit den ganzen anderen?", verbesserte er sich gerade noch rechtzeitig.
„Es gibt Werwölfe, die Greybacks Ansichten gut finden", erklärte Remus. „Ansonsten frag doch mal Emmeline Vance, was sie von dem Thema hält. Vermutlich denkt sie genauso wie dieser Ignatius Papercut. Und wer könnte ihr das übelnehmen? Sie hat ihre ganze Familie durch einen Werwolf-Angriff verloren."
Er blickte hinüber zu der einsamen Ravenclaw mit den verweinten Augen. Auf einmal fiel Sirius wieder auf, wie krank und müde Remus aussah. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und seine Hände zitterten kaum merklich. Seine Augen glänzten fiebrig und ein dünner Schweißfilm stand auf seiner Stirn. Er bewegte sich merkwürdig steif, so als würden ihm seine Gelenke nicht richtig gehorchen oder als hätte er Schmerzen. Vier Tage bis zum nächsten Vollmond. Ich wette, es geht ihm schon wieder seit ein paar Tagen schlecht. Und ich habe nichts gemerkt.
Sirius fing James' Blick auf. Die Slytherins konnten warten. Heute Nachmittag würden sie Fletcher im Eberkopf treffen. Vielleicht hatte der Dieb ja etwas Neues erfahren.
Diesmal ging der Feuerwhiskey auf James.
„Was interessiert'n ihr euch eigenlich so für diese Werwolf-Angriffe?", wollte Fletcher nach seinem fünften Drink wissen.
„Ein Mädchen in Hogwarts hat seine Familie beim letzten Angriff verloren", erklärte James.
„Und James' Vater wurde verletzt", ergänzte Sirius. „Wir würden einfach gerne wissen, wie diese Angriffsserie vor sechs Jahren beendet wurde, bevor noch mehr Menschen sterben."
„Im Tagespropheten stand heute, dass der Zaubereiminister das damals geschafft hat", fügte James hinzu. „Aber da stand nicht wie."
Fletcher nahm einen großen Schluck Feuerwhiskey. James, der sich vom Wirt gleich die ganze Flasche hatte geben lassen, schenkte sofort nach.
„Sind 'ne Menge Gesetze gemacht worden damals. Das Ministerium hat extra 'ne neue Behörde eingerichtet. Vorher hat sich der Ausschuss zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe um gefährliche Werwölfe gekümmert, manchmal ham die Auroren ihnen auch geholfen. Aber die warn für so was alle nich ausgebildet."
„Also haben sie das Werwolf-Fangkommando eingerichtet", vermutete James.
„Richtich. 'n paar Leute kamen vom Ausschuss zur Beseitigung gefährlicher Geschöpfe rüber, ein paar von den Auroren und 'n paar haben einfach die gleiche Drecksarbeit gemacht wie sonst, nur dass sie jetzt das Zaubereiministerium bezahlt hat."
„Das klingt ja ziemlich vertrauenserweckend", bemerkte Sirius sarkastisch.
Fletcher stürzte seinen Whiskey hinunter.
„Das Werwolf-Fangkommando is'n übler Haufen", stimmte er zu. „Ich würd denen nich in die Quere kommen wolln, Mann."
James schnaubte.
„Das Werwolf-Fangkommado hat es nicht mal geschafft, Greyback zu fassen. So schlimm können können die also nicht sein. Eher unfähig."
„Greyback ham sie nich bekommen", bestätigte Fletcher, „aber dafür 'n Dutzend anderer Werwölfe."
„Du meinst, Greyback hatte am Ende ein ganzes Rudel?", fragte Sirius nach. Fletcher nickte knapp und trank erneut sein Glas leer. Automatisch schenkte Sirius nach. Zum ersten Mal lief ihm bei dem Gedanken an den nächsten Vollmond ein kalter Schauer über den Rücken. Die Vorstellung, dass Greyback irgendwo da draußen war, war schon beunruhigend genug, aber ein ganzes Rudel Werwölfe...
„Was ist aus den gefangenen Werwölfen geworden?", wollte James wissen.
„Askaban."
Fletcher erschauerte bei dem Wort und nahm schnell noch einen Schluck Whiskey.
„Wenn das Werwolf-Fangkommando das letzte Mal gereicht hat, um die Angriffe zu beenden, warum reicht es dann jetzt nicht mehr?", fragte James. Fletcher zuckte mit den Schultern.
„Woher soll'n ich das wissn, Mann? Die ham damals auch das Werwolf-Register generalüberholt. Vorher gab's nur 'ne alte Liste in irgendeinem Aktenordner bei der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe. Und der, bei dem der Aktenordner im Zimmer lag, der war eben das Werwolf-Register. Dumbledore und noch 'n paar andere im Zaubergamot ham gegen das Register und das Fangkommando protestiert, deshalb ist noch das Werwolf-Unterstützungsamt gegründet worden. Keine Ahnung, was das bringen soll, aber danach gab's keine Angriffe mehr."
Wieder griff Fletcher nach seinem Glas, aber das war inzwischen leer. Seine blutunterlaufenen Augen wanderten erwartungsvoll zu der Flasche und wandten sich enttäuscht ab, als er feststellte, dass auch diese leer.
„Sacht mal, Jungs", lallte er, „warum wollt ihr das eigenlich so genau wissn? Dumledore stellt auch die ganze Zeit komische Fragn..."
„Dumbledore?", wiederholte Sirius. „Was für Fragen stellt er denn?"
„Fracht die ganze Zeit, für wen Greyback damals gearbeitet hat..."
Der Dieb hing inzwischen mehr über dem Tisch, als dass er saß. Er blinzelte, griff noch einmal nach der Flasche und beäugte sie argwöhnisch, als würde er erwarten, dass jeden Augenblick aus einer geheimen Quelle neuer Whiskey sprudeln würde.
„Aber ich sach immer, ich weissz nur, dass Greyback mal inner Nähe von Malfoy Manor gesehn worden sein soll..."
Er blinzelte wieder, gähnte, blinzelte noch einmal und dann rutschte sein Kopf langsam nach unten und er schlug mit der Stirn auf den Tisch auf. Kurze Zeit später ertönte lautes Schnarchen. Ungläubig sah Sirius zwischen Fletcher, der leeren Whiskey-Flasche und James hin und her.
„Hast du was in den Whiskey getan, James? Das letzte Mal hat er genauso viel getrunken und ist nicht eingeschlafen."
James zuckte mit den Schultern.
„Ich habe dem Wirt nur gesagt, dass er mir seinen stärksten Feuerwhiskey geben soll. Fletcher kann sich nicht beschweren, die verdammte Flasche hat mich zehn Galleonen gekostet."
Sirius grinste.
„Und es hat sich gelohnt, oder? Jetzt wissen wir, dass Dumbledore auch nicht glaubt, dass damals vor sechs Jahren alles mit rechten Dingen zuging. Und wenn Dumbledore etwas glaubt, dann stimmt es meistens."
James nickte. Sie hatten Fletcher im Eberkopf zurückgelassen und waren auf dem Weg zum Geheimgang in der Höhle.
„Ich frage mich, was Malfoy mit der ganzen Sache zu tun hat."
Sirius nickte zustimmend.
„Gute Frage."
Eine kurze Zeit liefen sie schweigend nebeneinander her. Dann seufzte James plötzlich schwer.
„Wir müssen mehr über die Sache in Erfahrung bringen. Und das heißt..."
Sirius verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
„...wir müssen der Bibliothek mal wieder einen Besuch abstatten und uns durch 1000 staubige Bücher wühlen."
James nickte
„Genau."
Remus war von ihrer Idee nicht begeistert.
„Ich will nicht, dass ihr euch da einmischt. Es ist zu gefährlich."
James schnaubte verächtlich.
„Remus, wir sind in einer Bibliothek. Uns könnten höchstens ein paar Bücher auf den Kopf fallen."
„Und da ist bei James sowieso nichts, was Schaden nehmen könnte", setzte Sirius hinzu und wich einem Rippenstoß von seinem besten Freund aus. „Also, was hast du bisher rausgefunden?"
„Das letzte Mal, als ihr etwas rausfinden wolltet, sind wir mit einem Haufen Todessern in der Nokturngasse gelandet", gab Remus stur zurück, Sirius' Frage ignorierend. James verdrehte die Augen.
„Das ist halt passiert. Das war nicht geplant."
„Eben. Es war nicht geplant und ist trotzdem passiert. Ich habe nicht vor, Greyback in einer Vollmondnacht plötzlich gegenüber zu stehen."
„Wenn du uns sagst, was du bisher rausgefunden hast, dann sagen wir dir, was wir rausgefunden haben", schlug Sirius vor.
„Netter Versuch. Aber warum solltet ihr etwas herausgefunden haben, was ich noch nicht weiß?"
„Wir haben unsere Quellen", gab James beleidigt zurück. „Aber wenn du es wirklich nicht wissen willst... Komm, Sirius, wir wissen, wann wir unerwünscht sind..."
„Ja, James, es ist bedauerlich, aber wenn Remus nicht will..."
Sie machten Anstalten zu gehen.
„Halt!"
Remus war von seinem Tisch aufgesprungen. Sirius und James drehten sich um
„Ja?", wollte Sirius breit grinsend wissen.
„Ihr...ihr wisst doch gar nichts."
„Tun wir nicht?"
James' Grinsen war genauso breit wie das von Sirius.
Weniger als eine halbe Minute später saßen die drei an Remus' Tisch in der Bibliothek. Vor Remus lag ein Pergament, auf dem er gewissenhaft aufgeschrieben hatte, was er bisher herausgefunden hatte.
„Die Werwolf-Angriffe vor sechs Jahren begannen in der Vollmondnacht vom 22. Juni 1967. Es gab durchgehend in allen Vollmondnächten Angriffe bis zum 12. Mai 1968. Dann geschah zwei Monate lang nichts bis zum 10. Juli."
„Die Nacht, in der du gebissen worden bist", vermutete James. Remus nickte.
„Dieser letzte Angriff unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass er nirgends erwähnt wird, nicht in Tagespropheten und auch in keiner anderen Zeitung, die ich auftreiben konnte. Deshalb weiß ich auch nicht, ob es noch andere Opfer gab."
„Gab es denn bei den anderen Angriffen immer mehrere Opfer?", fragte Sirius. Wenn Greyback damals ein Rudel hatte, dann sind die Opferzahlen doch mit der Zeit bestimmt gestiegen...
Remus nickte.
„Greyback hat mit der Zeit ein Rudel um sich gesammelt. In manchen Vollmondnächten hat es bis zu 50 Tote und Verletzte gegeben", bestätigte er Sirius' schlimmsten Befürchtungen.
„Was ist aus den Opfern geworden? Ich meine die, die nicht gestorben sind?", wollte James wissen. Remus zuckte mit den Schultern.
„Sie werden nirgends erwähnt. Ich kann nicht sagen, was aus ihnen geworden ist." Er schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann fuhr er fort: „Natürlich hat man die ganze Zeit versucht, die Angriffe zu stoppen. Erst hat man Leute vom Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe eingesetzt, dann Auroren, aber niemand hat es geschafft, Greyback und sein Rudel aufzuhalten. Deshalb hat der damalige Zaubereiminister, Nobby Leach, angefangen, das Werwolf-Fangkommando einzurichten..."
„Moment", unterbrach James. „Nobby Leach? Ich denke, Alois Dunder hat das Kommando eingerichtet und das Werwolf-Register auf Vordermann gebracht."
„Hat er auch. Aber Nobby Leach hat die Gesetze dafür auf den Weg gebracht und mit der Rekrutierung von Leuten begonnen. Seine Idee war auch das Werwolf-Unterstützungsamt, das es unter Alois Dunder fast nicht gegeben hätte, wenn Dumbledore und einige andere im Zaubergamot nicht protestiert hätten. Leach scheint relativ tolerant gewesen zu sein, immerhin war er auch der erste mugglestämmige Zaubereiminister, aber bevor er seine Pläne in die Tat umsetzen konnte, wurde er gezwungen zurückzutreten. An seiner Stelle wurde Alois Dunder im Mai 1968 zum Zaubereiminister gewählt."
„Augenblick", unterbrach diesmal Sirius. „Das kann nicht stimmen. Unter Alois Dunder hat es bis auf die jetzige Angriffsserie keinen einzigen Werwolf-Angriff mehr gegeben, das stand im Tagespropheten. Er kann also frühestens im Juli 1968 Zaubereiminister geworden sein."
Remus schüttelte den Kopf.
„Dunder ist definitiv am 15. Mai 1968 zum Zaubereiminister ernannt worden und ich bin definitiv am 10. Juli 1968 gebissen worden. Ich habe beides mehrmals nachgeprüft. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum darüber nichts in den Zeitungen stand: Jemand wollte nicht, dass die magische Gesellschaft erfährt, dass es unter Dunder doch noch einen Werwolf-Angriff gegeben hat. Irgendwer hat die ganze Sache vertuscht..."
„Und zwar Abraxas Malfoy!", rief James und fing sich dafür einen strengen Blick von Madam Pince ein. Remus runzelte die Stirn.
„Wie kommst du jetzt ausgerechnet auf Malfoy? Ich weiß, dass du den Kerl nicht magst, James, aber du kannst ihn nicht einfach für alles verantwortlich machen, was in dieser Welt schiefläuft."
„Greyback ist in der Nähe Malfoy Manor gesehen worden", erklärte Sirius.
„Es passt doch alles zusammen", fuhr James begeistert fort. „Malfoy ist Reinblutfanatiker und hasst alle Mugglestämmigen. Also sorgt er dafür, der erste erste mugglestämmige Zaubereiminister Großbritanniens abgesetzt wird."
„James, bei diesen Angriffen sind insgesamt über 100 Menschen gestorben! Noch nicht einmal Malfoy würde so viele Unschuldige opfern, nur um einen mugglestämmigen Zaubereiminister abzusetzen."
Sirius war sich da nicht so sicher. Allerdings wäre Malfoy vermutlich diskreter vorgegangen und hätte seine schmutzige Arbeit nicht unbedingt einem Werwolf überlassen. Andererseits...
„Mugglestämmige oder Reinblüter?"
„Wie bitte?"
„Die Opfer. Waren auch Reinblüter dabei? Oder waren es nur Mugglestämmige und Halbblüter?"
„Sirius, das ist lächerlich..."
„Waren Reinblüter dabei oder nicht?"
Remus verdrehte die Augen.
„Von den bekannten Reinblutfamilien war niemand dabei, nein. Aber das ist auch nicht verwunderlich, schließlich..."
„Und von den weniger wichtigen Reinblutfamilien?"
„Ich weiß es nicht. Dafür hätte ich erst in einem genealogischen Verzeichnis nachschlagen müssen..."
„Gib sie mir."
„Was?"
„Deine Liste mit den Namen der Opfer. Gib sie mir. Ich kenne die Namen aller reinblütigen Familien. Ich gucke sie durch."
Kopfschüttelnd gab Remus Sirius die Liste.
„Wenn du keine Lust mehr hast, kannst du sie mir zurückgeben. Diesen genealogischen Verzeichnisse sind ziemlich trocken."
„Ich weiß."
Sirius erinnerte sich noch sehr gut an die endlosen Stunden, die er in seiner Kindheit damit verbracht hatte, sämtliche reinblütigen Familienstammbäume auswendig zu lernen. Immer und immer wieder hatte Großvater Pollux sie abgefragt, bis Sirius, Regulus, Andromeda und Narzissa die vielen verzweigten Familienstammbäume im Schlaf aufsagen konnten. Sirius brauchte keine genealogischen Verzeichnisse. Die reinblütigen Familien hatten sich so tief in sein Gedächtnis gegraben, dass er sie niemals wieder vergessen würde. Dafür hatte Großvater Pollux gesorgt. Aber das sagte er den anderen natürlich nicht.
„Warum interessiert euch das alles eigentlich auf einmal?", wollte Remus wissen.
„Auf einmal?", wiederholte James entrüstet. „Remus, es interessiert uns schon die ganze Zeit, aber wir hatten den Eindruck, dass du gar nicht willst, dass wir beim Recherchieren helfen."
„Und außerdem musstet ihr euch mit den Slytherins bekriegen", stellte Remus trocken fest.
„Das auch", gab James etwas kleinlaut zu.
„Und dass Greyback in der Nähe von Malfoy Manor gesehen wurde, war das, was ihr rausgekriegt habt?"
So wie Remus es sagte, klang ihre große Entdeckung nach einer absolut unbedeutenden Kleinigkeit.
„Hauptsächlich."
„Was denn noch?"
„Dumbledore glaubt auch, dass bei diesen Werwolf-Angriffen vor sechs Jahren irgendwas nicht mit rechten Dingen zuging."
„Um das zu sehen, braucht es nicht Dumbledores Genie."
„Vielleicht hätten wir schon mehr rausbekommen, wenn du nicht versuchen würdest, alles vor uns geheim zu halten."
Einen Augenblick lang starrten sich Remus und James böse an.
„Schau, Remus, wir sind deine Freunde", sagte James schließlich. „Wir wissen, dass du immer noch diese Alpträume hast, auch wenn du nichts sagst. Wir wollen nur helfen. Und wenn das bedeutet, dass wir herausfinden, was damals vor sechs Jahren genau passiert ist und warum es jetzt wieder passiert, dann tun wir das."
Remus hatte mit unbewegter Miene zugehört. Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe immer noch kein gutes Gefühl bei der Sache." Aber bevor Sirius oder James widersprechen konnte, fuhr er fort: „Aber ich schätze, ihr werdet keine Ruhe geben, nicht wahr?"
James grinste.
„Keine Chance."
„Also gut. Aber ihr müsst schwören, dass wir nicht mit Fenrir Greyback an einer Vollmondnacht im Verbotenen Wald landen."
Grinsend leisteten Sirius und James den Eid. Was sollte denn auch schon passieren? Sie waren schließlich in einer Bibliothek. Sie wollten ja nur etwas nachlesen. Allenfalls konnten ihnen ein paar Bücher auf den Kopf fallen und wie Sirius vorhin in seiner üblichen charmanten Art festgestellt hatte – und Lily Evans hätte ihm sicher zugestimmt –, zumindest bei James gab es nichts, was dabei Schaden nehmen konnte.
Die nächsten Tage verbrachten Sirius, James und Peter bei Remus in der Bibliothek. Es erschien Sirius unglaublich, dass es immer noch so viel zu lesen gab, obwohl Remus doch schon so viele Wochen mit nichts anderem verbracht hatte. Nachdem Remus jedem von ihnen eine Liste mit Büchern gegeben hatte, verstand er langsam allerdings auch, woran das lag; Remus wollte buchstäblich alles wissen. Jede Kleinigkeit könne ein Puzzleteil zu einem größeren Gesamtbild sein, erläuterte er, als James ihn für verrückt erklärte.
Während James und Peter murrend anfingen, ihre Bücherstapel abzuarbeiten, ging Sirius die Liste durch. Es waren tatsächlich überwiegend Muggle und mugglestämmige Opfer und nur sehr wenige Reinblüter, allerdings nur aus kleinen, unbedeutenden Familien. James fühlte sich bestätigt, während Remus der Meinung war, die Liste beweise gar nichts.
„Es gibt nun mal sehr viel mehr mugglestämmige als reinblütige Hexen und Zauberer", erklärte er. „Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Mugglestämmiges gebissen wird, ist viel höher."
Das stimmte allerdings, trotzdem steckte Sirius die Liste ein.
In den letzten Tagen vor der Vollmondnacht war es ungewöhnlich still in Hogwarts. Remus verschwand in den Krankenflügel. Die Schüler warfen immer wieder besorgte Blicke aus den Fenstern, als könnte der Vollmond jeden Augenblick aufgehen oder ein Rudel Werwölfe hereinspringen. Der Tagesprophet brachte seinen üblichen Artikel, in dem er die Werwolf-Angriffe noch einmal seit August aufrollte, die Opfer aufzählte und natürlich die Ministeriumspannen.
In der Vollmondnacht selbst konnte niemand von ihnen schlafen. James, Sirius und Peter saßen bis weit nach Mitternacht im Gemeinschaftsraum und spielten lustlos eine Party Zauberschnippschnapp nach der anderen. Niemand von ihnen registrierte wirklich, wer gewann oder verlor, aber es lenkte ihre Gedanken ein wenig von dem ab, was gerade in der Heulenden Hütte geschah.
Am nächsten Tag rissen sie der Posteule den Tagespropheten förmlich aus den Krallen. James schlug ihn auf und Sirius und Peter lasen über seine Schultern mit.
„Wieder Werwolf-Angriffe..."
„Wird dein Dad erwähnt?", fragte Sirius. Er wusste, dass James sich Sorgen um ihn gemacht hatte. James schüttelte den Kopf, warf Sirius ein dankbares Lächeln zu und las weiter.
„Weniger Opfer als das letzte Mal, nämlich 10, aber dafür an zwei verschiedenen Orten..."
Sirius, James und Peter tauschten einen alarmierten Blick aus: Fenrir Greybacks Rudel sammelte sich wieder.
Da es ein Samstag war, gingen Sirius, James und Peter nach dem Essen sofort in den Krankenflügel, aber Madam Pomfrey ließ sich nicht herein.
„Remus schläft und bei Merlin, das hat er auch nötig", erklärte sie streng. „Ihr könnt es am Nachmittag noch mal versuchen."
„War es schlimm?", wollte James wissen. „Geht es ihm sehr schlecht?"
„Es geht ihm den Umständen entsprechend, Potter. Kommen Sie heute Nachmittag wieder."
Sirius, James und Peter hatten aus unzähligen Gesprächen wie diesen mittlerweile gelernt, dass es keinen Sinn hatte, mit Madam Pomfrey zu diskutieren, wenn es um die Ruhe ihrer Patienten ging. Also zogen sie sich in den Geheimgang hinter dem Wandspiegel im vierten Stock zurück, wo sie ungestört Verwandlung üben konnten. Dank unzähliger heimlicher Übungsstunden schafften Sirius und James es inzwischen sicher, komplizierte belebte Objekte in andere komplexe Lebewesen zu verwandeln. Zur Verwandlung an Menschen war es nur noch ein kleiner Schritt, wenn auch kein ganz ungefährlicher. Peter war inzwischen recht sicher in der Verwandlung von einfachen belebten Objekten, aber mit komplexen Lebewesen hatte er immer noch Probleme.
„Mensch, Peter, ein Waschbär besteht nicht nur aus Fell und Knochen!", stöhnte James nach dem zehnten Versuch genervt auf. „Du musst auch an die Muskeln und die Blutgefäße und so weiter denken!"
Peter wurde scharlachrot.
„Ich versuch's ja", murmelte er.
„Und deine Zauberstabbewegungen sind nicht präzise genug. Sirius, zeig's ihm noch mal."
Sirius verdrehte die Augen, deutete auf einen Stein, murmelte den Spruch und schwang den Zauberstab. Der Stein wurde zu einem Schwein, dann zu einer Katze und dann wieder zu einem Stein.
„Hast du's gesehen?", fragte James. „Die Bewegung kommt aus dem Handgelenk, nicht aus dem Ellenbogen. Jetzt bist du dran, Peter."
Peter richtete den Zauberstab auf den Stein und murmelte den Zauberspruch. Der Stein wurde zu einem Huhn und dann zu einem Waschbären. Er sah fast normal aus.
„Besser", urteilte James gnädig. „Und jetzt noch mal!"
Während James mit Peter übte, blätterte Sirius in einem Buch über ungesagte Zauber.
Genau wie bei verbalen Zauber ist es leichter, mit einfachen Zaubern anzufangen. Der Schlüssel zu ungesagten Zaubern ist die Konzentration. Sie müssen den Zauber in Gedanken so deutlich artikulieren, wie Sie ihn auch laut aussprechen würden. Gleichzeitig müssen Sie sich vor Augen führen, welche Wirkung der Zauberspruch hat, beispielsweise ein Kaminfeuer bei „Incendio". Fortgeschrittene können den Zauberspruch an dieser Stelle verändern und auf ihre Wünsche abstimmen und zwar feiner als dies mit verbalen Zaubern möglich wäre. Anfänger sollten sich jedoch erst einmal auf das reine Ausführen eines ungesagten Zaubers beschränken.
Sirius richtete seinen Zauberstab auf Peter. Petrificus totalus. Nichts geschah. Er versuchte es noch einmal. Petrificus totalus! Nichts geschah. PETRIFICUS TOTALUS! Peter fuhr herum
„Da war was!"
„Da war nichts, Peter. Jetzt verwandle endlich diesen Waschbären!"
James klang völlig genervt. Sirius grinste. Wieder richtete er den Zauberstab auf Peter. Petrificus totalus! Nichts geschah. PETRIFICUS TOTALUS! Keine Reaktion von Peter. PETRIFICUS TOTALUS! Nichts.
„He, Sirius, ist was?", fragte James. „Du bist ganz rot im Gesicht."
Sirius sah auf. Er umklammerte seinen Zauberstab so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
„Äh...nichts. Hat Peter endlich seinen Waschbären verwandelt?"
„Jep. Er braucht noch 'n bisschen Übung, um sicherer zu werden, aber er hat den Dreh raus." James schlug Peter auf den Rücken. „Nicht wahr?"
Peter grinste und nickte.
„Hat ja auch lange genug gedauert", brummte Sirius. James hörte es nicht.
„Das heißt, wir können bald zu den Verwandlungen am Menschen übergehen", fuhr er begeistert fort. „Das sollte ja nicht mehr allzu schwer werden nach den Affen. Los, Peter, verwandle noch mal den Waschbären!"
Am Nachmittag ließ Madam Pomfrey sie immer noch nicht zu Remus, zumindest nicht sofort. Am Ende ließ sie sich wenigstens dazu erweichen, dass sie Remus für ein paar Minuten sehen dürften.
„Aber wecken Sie ihn nicht auf. Der Junge braucht jedes bisschen Ruhe, dass er kriegen kann!"
Sirius, James und Peter mussten nur einen Blick auf Remus werfen um zu wissen, dass es eine harte Nacht gewesen war. Er war kreidebleich und beide Arme waren mit Verbänden umwickelt. Sirius wollte gar nicht wissen, welche Verletzungen die Bettdecke noch vor ihren Augen verbarg. Wenigstens schien er dank Madam Pomfreys Tränken im Moment gerade keine Alpträume zu haben.
Sie saßen ein paar Minuten stumm an Remus' Bett, bevor sie auf James' Zeichen hin aufbrachen. Was hätten sie auch sonst tun sollen? Sirius hatte sich selten im Leben so hilflos gefühlt.
Ohne dass sie weiter darüber diskutieren mussten, kehrten die drei Freunde in den Geheimgang hinter dem Wandspiegel zurück und stürzten sich verbissener denn je in ihre Verwandlungsübungen.
Als Remus endlich den Krankenflügel verlassen dürfte, war es schon Dezember. Plötzlich hatte sich eine Eisschicht auf dem großen See gebildet, die Wiesen und der Verbotene Wald waren von einer Schneedecke überzogen und im Schloss machte sich Weihnachtsstimmung breit. Als würde es keine Angriffe, keine blutrünstigen Werwölfe und keine dunklen Zauberer mehr geben, erschienen plötzlich überall im Schloss Mistelzweige, Stechpalmen, Lichterfeen und die Rüstungen fingen an, Weihnachtslieder zu singen. Sogar James ließ sich von der Weihnachtsstimmung anstecken. Seine Eltern hatte ihm einen Brief geschrieben, in dem sie ihm versicherten, dass seinem Vater bei seinem letzten Einsatz nichts passiert war und von der alten Verletzung nur ein paar Narben geblieben waren. Mit dem Brief kam ein großes Paket mit Weihnachtsleckereien von Mrs. Potter, deren Plätzchen noch nicht mal von Hogwarts' Hauselfen übertroffen wurden.
Sirius freute sich nicht auf Weihnachten. Allein schon beim Gedanken an den Grimmauldplatz wurde ihm schlecht und seine Hände fingen an zu zittern oder er eine kalte Wut stieg in ihm auf, die sich auf alles und jeden richtete, was sich gerade in seiner Nähe befand, aber am häufigsten auf die Slytherins. Nach anderthalb Wochen wagte es nicht mal mehr Mulciber, ihn herauszufordern, und das war Sirius sämtliche Strafarbeiten wert, die ihm seine Duelle einbrachten. Auch die anderen Schüler gingen ihm aus den Weg, wogegen Sirius nichts einzuwenden hatte; so musste er wenigstens nicht ihr Geplapper über Weihnachten ertragen.
Der einzige, der ähnlich schlecht gelaunt war wie Sirius, war Remus. Er schien die Bibliothek nur noch zum Essen und Schlafen zu verlassen und wenn man ihm eine Frage stellte, kamen nur kurze, gereizte Antworten zurück. In der zweiten Dezemberwoche glaubte Sirius den Grund dafür zu kennen.
„Du bleibst über Weihnachten in Hogwarts?"
Remus schrieb langsam und achtete darauf, dass die Buchstaben gut lesbar waren.
„Ja." Er sah sich kurz um, aber niemand befand sich in ihrer Nähe. „Der nächste Vollmond ist am 29. Dezember."
Sirius nickte abwesend. Die Nachricht überraschte ihn nicht. Er hatte den nächsten Vollmond erst vor kurzem in seiner Mondtabelle nachgeguckt. Trotzdem hatte er nicht daran gedacht, dass Remus deshalb in Hogwarts bleiben würde. Sirius' Blick wanderte zu der Liste, auf die sich jeder eintragen musste, der in den Ferien bleiben wollte. Neben Remus' Namen standen noch Daniel Sloper und John Bell auf der Liste. Bell hatte sich als erstes eingetragen, zehn Minuten, nachdem Prof. McGonagall die Liste ans Schwarze Brett gehängt hatte. Sirius hatte sie seitdem kaum aus den Augen gelassen. Und die ganze Zeit hatte er sich gefragt, wie es wohl wäre, einfach seinen Namen einzutragen und in Hogwarts zu bleiben.
Plötzlich stand James auf. Mit Feder und Tinte in der Hand lief er hinüber zum Schwarzen Brett und trug seinen Namen unter Remus' ein. Remus, der zu seinen Hausaufgaben zurückgekehrt war, warf James einen irritierten Blick zu.
„Was tust du da? Du fährst in den Weihnachtsferien nach Hause, du redest schon seit Wochen davon und außerdem bist du bis jetzt jedes Jahr an Weihnachten nach Hause gefahren."
James grinste und mit den Schultern.
„Sieht so aus, als hätte ich meine Meinung geändert."
„Aber..."
Bevor Remus protestieren konnte, war Peter aufgestanden und hatte sich unter James eingetragen.
„Ihr müsst das nicht für mich tun", sagte Remus, als er zurückkam. „Ich weiß, dass ihr euch darauf gefreut habt, nach Hause zu fahren. Ich bleibe ja auch nicht alleine hier, Sloper und Bell haben sich auch schon eingetragen."
James wischte Remus' Einwände mit einer Handbewegung zur Seite und grinste.
„Remus, wer sagt denn, dass wir das für dich tun? Ich wollte schon immer mal über Weihnachten in Hogwarts bleiben! Wir werden fast das ganze Schloss für uns alleine haben und das Festessen an Weihnachten soll das beste von allen sein, noch besser als bei der Auswahl oder an Halloween. Und stell dir vor, was wir alles machen können... Vielleicht finden wir sogar einen neuen Geheimgang! Na, Sirius, bist du auch dabei?"
Es fehlte nicht viel und Sirius wäre zusammengezuckt. James, Remus und Peter sahen ihn erwartungsvoll an. Sirius konnte ihnen nicht in die Augen sehen. Stattdessen fixierte er einen Punkt irgendwo hinter ihnen.
„Ich kann nicht", erklärte er so ruhig wie möglich. An Weihnachten fand das traditionelle Familientreffen der Blacks statt. Selbst wenn man sich das ganze Jahr über nicht sah, zu Weihnachten kamen einfach alle. Noch nicht einmal Onkel Alphard hatte es jemals gewagt, der weihnachtlichen Familienzusammenkunft fern zu bleiben.
„Wieso nicht?", wollte James wissen. „Ich weiß genau, dass du nicht nach Hause fahren willst! Du hast schon seit Wochen schlechte Laune deshalb und seit die Liste aushängt, ist keine Minuten vergangen, in der du sie nicht angestarrt hast!"
Es stimmte. Seit die Liste aushing, hatte Sirius mit dem Gedanken gespielt, sich einzutragen. Er hatte sich vorgestellt, wie es wäre, einfach nicht in den Hogwarts-Express zu steigen und dafür im Schloss zu bleiben, weit weg von dem Gezeter und den Anschuldigungen seiner Mutter, den Strafen seines Vaters, den Lektionen von Großvater Pollux, Regulus' anklagenden Blicken. Er hatte sich gefragt, wie es wäre, sich einfach auf Weihnachten freuen zu können.
„Ich kann nicht über Weihnachten hier bleiben", wiederholte er und stand auf.
„Wo willst du hin?", wollte Remus wissen.
„Strafarbeit bei McGonagall."
Weil er Mulciber mit einer besonders fiesen Variante des Furunkulus-Fluches verhext hatte. Oder waren es Averys Rattenzähne gewesen? Oder Schniefelus' Unterhosen? Sirius hatte den Überblick verloren.
Auf halbem Wege zum Portraitloch hielt ihn jemand fest. Sirius wirbelte herum. Vor ihm stand James.
„Willst du wirklich nach Hause?", fragte er. „Denk daran, was passiert ist, als du das letzte Mal an Weihnachten zu Hause warst."
Sirius lachte humorlos.
„Glaubst du ernsthaft, das würde ich vergessen?"
Mit diesen Worten riss er sich los und kletterte durch das Portraitloch. Sollten sie doch alle in Hogwarts bleiben. Er hatte die letzten Sommerferien im Grimmauldplatz überlebt. Er würde auch die Weihnachtsferien durchstehen.
Danach war Weihnachten unter ihnen kein Thema mehr. Remus war immer noch viel in der Bibliothek, aber er kam jetzt öfter mal etwas früher in den Gemeinschaftsraum und spielte mit ihnen Zauberschnippschnapp oder Koboldstein und er war nicht mehr so gereizt, wenn man ihm eine Frage stellte. James und Sirius verwandelten die Eingangshalle und die Treppen zum ersten Stock in Eisbahnen und seltsamerweise dauerte es fast eine Stunde, bis Prof. Flitwick auftauchte und den Zauber rückgängig machte. Und dann war da auch noch das Hogsmeade-Wochenende. Sirius war sich nicht sicher, ob er und Mary MacDonald jemals offiziell „miteinander gegangen waren" oder was auch immer James dazu sagte, bevor Sirius ihm ein Kissen an den Kopf werfen konnte. Er wusste auch nicht, ob sie jemals „miteinander Schluss gemacht hatten", wie James es nannte, bevor Sirius ihm eine Ladung Schnee in den Nacken stopfte und James ihn eine halbe Stunde lang über Hogwarts' Ländereien jagte. Sie hatte einfach irgendwann aufgehört, miteinander zu reden, und Sirius, in seiner schlechten Laune vor sich hin brütend und abgelenkt durch seine ganzen Strafarbeiten, hatte es kaum gemerkt. Daher war er überrascht, als Mary in der Großen Halle plötzlich vor ihm stand und mit ihm reden wollte.
„Freust du dich schon auf Weihnachten?", wollte sie wissen. Sirius verzog das Gesicht, als hätte er etwas Schlechtes gegessen.
„Nicht wirklich."
Mary nickte.
„Kann ich verstehen."
Das bezweifelte Sirius ernsthaft, aber er sagte nichts.
„Ich meine, natürlich mag ich meine Geschwister, aber... Dieses Jahr will der Freund meiner älteren Schwester zu Besuch kommen und weißt du, wer das ist? Der Sohn von unserem Nachbarn! Ich meine, wie kann man sich in jemanden verlieben, den man sein ganzes Leben lang kennt?"
„Hmmm..."
Sirius hatte keine Ahnung, was er dazu sagen sollte, aber Mary schien mit seiner Antwort zufrieden zu sein.
„Du hast wenigstens London. Weihnachten dort muss großartig sein! Bei uns ist es jedes Jahr gleich..."
„Sicher..."
Sirius verzichtete darauf, ihr zu sagen, dass er in den Weihnachtsferien von London allenfalls die Lichter sehen würde, die durch sein Fenster fielen.
„Du bist heute nicht besonders gesprächig, oder?"
Sirius schüttelte den Kopf.
„Nein."
„Ist es wegen deiner Eltern? Sind sie auch an Weihnachten so streng? Ich meine, meine Eltern können auch streng sein, aber an Weihnachten..."
Sirius biss die Zähne zusammen und zwang sich, tief durchzuatmen.
„MacDonald, könnten wir bitte über etwas anderes reden? Weshalb wolltest du mit mir sprechen?"
Statt beleidigt zu sein, warf Mary ihm einen mitleidigen Blick zu, der Sirius nur noch wütender machte.
„Du verstehst dich wirklich nicht gut mit ihnen, nicht wahr?"
Mary trat einen Schritt näher an ihn heran. Sirius spürte, wie sein Ärger Nervosität wich. Was zur Hölle will sie von mir?
„Ich dachte, wir könnten vielleicht etwas zusammen machen, bevor wir beide nach Hause fahren."
Noch ein Schritt. Sie war jetzt so nahe, dass Sirius ihre Körperwärme fühlen konnte. Unwillkürlich erinnerte er sich daran, wie gut sich ihre Küsse angefühlt hatten.
„Was hältst du davon, wenn wir wieder zusammen nach Hogsmeade gehen? Nur du und ich..."
Oh. Das Hogsmeade-Wochenende. Natürlich.
„Das geht nicht."
„Was?"
Mary trat einen Schritt zurück. Augenblicklich vermisste Sirius ihre Körperwärme.
„Warum nicht?"
„Verbot von McGonagall."
Mary verdrehte die Augen.
„Oh natürlich. Wieder mal einer von Potters und deinen Streichen, was? Ich hätte es wissen müssen."
Sirius meinte sich erinnern zu können, dass sie ihr Streiche mal als „cool" bezeichnet hatte, aber er verkniff sich den Kommentar.
„Ich meine, es ist ja nicht so, als wenn wir schon unsere letzte Verabredung in Hogsmeade wegen eurem Streich abbrechen mussten", fuhr Mary mit bissiger Stimme fort. „Wie bin ich nur auf den Gedanken gekommen, dass dir die Sache etwas bedeuten könnte?"
Sirius spürte wieder Ärger in sich aufsteigen.
„Nun, zu dem Zeitpunkt schien es dich jedenfalls nicht zu stören."
Sie hatten sich geküsst und danach hätte Mary alles für ihn getan. Sirius begriff allerdings schnell, dass es keine gute Idee gewesen war, sie daran zu erinnern, zumindest nicht auf diese Weise.
„Weißt du was, Black? Du bist nur ein arrogantes Arschloch, genau wie Potter! Ich hoffe, du hast genauso beschissene Weihnachten wie ich!"
Sirius konnte nichts dagegen tun, er fing an zu lachen. Mary, die sich auf dem Absatz umgedreht hatte und schon halb auf dem Weg zum Gryffindor-Tisch war, wirbelte herum.
„Ich hasse dich, Sirius Black!"
Und sie stürmte aus der Großen Halle. Sirius, immer noch grinsend und von dem unheimlichen Drang besessen, laut aufzulachen, setzte sich zwischen Remus und James an den Gryffindor-Tisch. Remus warf ihm einen missbilligenden Blick zu.
„Das war nicht gerade nett."
Sirius zuckte mit den Schultern und nahm schnell einen Schluck Kürbissaft, um nicht antworten zu müssen oder – schlimmer – wieder loszulachen.
„Du solltest dich bei ihr entschuldigen."
„Warum? Ich kann nichts dafür, dass ich nicht nach Hogsmeade kann."
Remus seufzte.
„Das ist nicht der Punkt, Sirius."
„Was ist der Punkt dann? Sie ist erst so komisch geworden, als ich ihr gesagt habe, dass ich nicht nach Hogsmeade kann.
„Sirius." Remus klang, als würde er mit einem Fünfjährigen reden. „Mary hat erwartet, dass..."
„Hör nicht auf ihn", mischte sich James ein, der in den letzten Minuten unnatürlich still gewesen war. „Ich sag dir, was das Problem ist: Nicht du bist das Problem oder ich, sondern die Mädchen. Sie sind alle verrückt. Völlig durchgeknallt."
„Ah..."
Sirius wandte sich von James ab und warf Remus einen fragenden Blick zu.
„Er hat Lily vorhin gefragt, ob sie mit ihm nach Hogsmeade geht, und sie hat nein gesagt und zwar...äh...mit Nachdruck."
„Sie hat mich einen aufgeblasenen, hirnlosen Quidditch-Affen genannt", knurrte James und zermatschte seine Kartoffeln.
„Warum hast du sie überhaupt gefragt?", wollte Sirius wissen. „Ich meine, sie hat mehr als einmal klar gemacht, dass sie dich nicht mag."
James starrte Sirius an, als hätte er gerade behauptet, die Sonne gehe im Westen auf.
„Weil ich sie mag. Und eines Tages wird sie merken, dass sie mich auch mag."
Remus bekam einen Hustenanfall, der sich verdächtig nach einem versteckten Lachkrampf anhörte. James warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.
„Warte nur bis zum nächsten Quidditch-Spiel. Wenn Evans sieht, wie ich die Ravenclaws vom Feld putze, dann wird sie sich das noch mal überlegen."
Nicht, nachdem sie dich einen hirnlosen Quidditch-Affen genannt hat. „Bestimmt, Kumpel."
Während James, Remus und Peter sich auf dem Weg nach Hogsmeade befanden, hatte Sirius eine seiner Strafarbeiten zu erledigen. Aber es war Hagrid, der für ihn verantwortlich war, und sie gingen in den Verbotenen Wald (der bei Tag nicht halb so unheimlich war wie nachts), sodass man es kaum als Strafe für Sirius bezeichnen konnte.
„Prof. Kesselbrand will als nächstes Hippogreife durchnehmen", erklärte Hagrid, während sie über die Ländereien liefen. „Edle Geschöpfe, diese Hippogreife. Und sehr stolz. Man kann sie nich einfach einsperren und als Haustiere halten. Sie bleiben nur bei einem, wenn sie einen respektiern."
„Und deshalb lässt du sie im Verbotenen Wald leben", vermutete Sirius. In ihrem ersten Jahr in Hogwarts hatten James und er Hagrid einmal wegen einer Strafarbeit in den Verbotenen Wald begleitet. Dabei waren sie einem Hippogreifen begegnet – oder vielmehr seinem Schatten, denn als sie näher gekommen waren, war das Geschöpf im Wald verschwunden. Hagrid schien sich ebenfalls an die Begegnung zu erinnern. Er gluckste.
„Richtich. Sie kennen mich, die Hippogreife. Sie kommen, wenn ich sie rufe."
Sie waren am Rande des Verbotenen Waldes angekommen. Hagrid blieb stehen.
„Wie ich schon gesagt hab, die sind stolz, diese Hippogreife. Man sollte sie nich beleidigen, denn das könnte das letzte sein, was man tut. Wenn du einen siehst, musst du warten, dass er den ersten Schritt macht. Das is höflich. Du gehst auf ihn zu und verbeugst dich und dann wartest du ab. Verstehst du?"
Sirius nickte. Hagrid schlug ihm zufrieden auf den Rücken, sodass Sirius beinahe der Länge nach hingefallen wäre.
„Guter Junge. Prof. Kesselbrand wollte eigentlich nich, dass ich dich mitnehme, meint, es is zu gefährlich, aber hab gesagt, ich kenn Sirius Black, der packt das. Also los, gehn wir!"
Hagrid ging vor. Sirius zögerte kurz, dann folgte er ihm grinsend. Er fragte sich nur, was für furchtbare Kreaturen diese Hippogreife sein mussten, dass sie jemandem wie Prof. Kesselbrand Respekt einflößten.
Als Sirius gehört hatte, dass er seine nächste Strafarbeit bei Hagrid machen musste, hatte er fest damit gerechnet, dass der Wildhüter ihn früher gehen lassen würde. Er mochte Sirius, James, Remus und Peter und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er ihnen einen Teil ihrer Strafe erließ. Aber als Sirius und Hagrid mit drei Hippogreifen aus dem Verbotenen Wald zurückkehrten, war es schon später Nachmittag. Wenn er sich noch heimlich nach Hogsmeade schleichen wollte, musste er sich beeilen. Daher schlug Sirius Hagrids Einladung zum Tee unter dem Vorwand irgendeiner Hausaufgabe aus und rannte direkt zum Wandspiegel im vierten Stock. Er machte nicht mal einen Umweg über den Gryffindor-Turm, um den Tarnumhang zu holen – es würde in Hogsmeade ohnehin nur so von Hogwarts-Schülern wimmeln – sondern schlüpfte gleich in den Geheimgang.
Er fand James, Remus und Peter in den Drei Besen bei einem Butterbier.
„Na endlich", wurde er von James begrüßt. „Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr."
Sirius nippte an seinem Butterbier. Die Wärme tat gut, immerhin war er schon den ganzen Tag in Eis und Schnee herumgelaufen.
„War mit Hagrid im Verbotenen Wald."
„Was habt ihr im Verbotenen Wald gemacht?", wollte James sofort wissen. Sirius grinste.
„Hippogreife gesucht. Sie kommen nach den Ferien in Pflege magischer Geschöpfe dran."
„Cool."
Nachdem sie ihr Butterbier getrunken und sich genügend aufgewärmt hatten, machten sie sich auf dem Weg zu Zonkos. Sirius hatte es James zu verdanken, dass sie mit ihrem Einkauf im Scherzartikelladen extra auf ihn gewartet hatten.
„Urgh, schaut euch das an!", rief James und hielt eine eigentlich harmlos aussehende Packung Kekse hoch. „Insekten-Gebäck. In jedem Keks ist eine Kakerlake oder ein Mistkäfer eingebacken, die im Mund rumkrabbeln, wenn man die Kekse isst."
Sirius schnappte James die Packung aus der Hand, um sie sich genauer anzusehen.
„Die Mistkäfer-Kekse könnten wir Schniefelus unterschieben. Sie passen zu seinem Charakter."
James schnappte sich noch eine Packung aus dem Regal und warf sie Sirius zu.
„Vielleicht willst du noch eine Kakerlaken-Packung für deine Mutter?"
Sirius grinste.
„Exzellente Idee, James!"
Remus schüttelte missbilligend den Kopf.
„Ich dachte, der Plan wäre, dass Sirius sich nicht in Schwierigkeiten bringt?"
James zögerte tatsächlich einen Moment, aber Sirius fühlte sich das erste Mal seit Wochen wieder richtig lebendig und war viel zu gut gelaunt, als dass ihn solche Einwände interessiert hätten. Kurz entschlossen zahlte er die drei Galleonen für die Kakerlaken-Kekse und stockte seinen Vorrat an Stinkbomben und Filibuster-Krachern auf.
Ihre nächste Station war der Honigtopf. Es gab neue Süßigkeiten im Angebot: Druhbels bester Blaskaugummi mit extra langer Wirkung, Zischende Wissbies mit 20 % mehr Brausepulver (du hebst garantiert zwei Zentimeter mehr ab!), Salmiaklakritzzauberstäbe aus Finnland und Schokofrösche aus Bitterschokolade. Sirius, James, Remus und Peter kauften von allem etwas. Gerade, als Sirius bezahlt hatte, klingelte es und ein neuer Schwall Hogwarts-Schüler schwappte herein.
„Evans!", hörte Sirius James rufen. „Was für ein Zufall, dass wir uns hier treffen! Ist das nicht einfach großartig?"
Sirius reagierte instinktiv. Mit einem Sprung hechtete er hinter das nächste Regal.
„Potter." Lily klang alles andere begeistert. „Lupin, Pettigrew. Und wo hast du deinen siamesischen Zwilling gelassen?"
James reagierte so verwirrt, wie Sirius sich fühlte. Siam...was?
„Meinen was?"
„Lily meint Sirius, James", erklärte Remus.
„Oh...äh...Sirius, der..."
„Der sitzt wahrscheinlich immer noch bei McGonagall im Büro und schreibt Sätze", unterbrach ihn Mary MacDonalds eisige Stimme. Sirius hatte gewusst, dass sie nicht weit sein konnte, wenn Evans in der Nähe war. Er hoffte nur inständig, dass sie ihn nicht gesehen hatte.
„MacDonald, auch schön, dich zu sehen!", strahlte James und Sirius war sich sicher, dass er sie, bis sie den Mund aufgemacht hatte, noch nicht einmal wahrgenommen hatte, so sehr war er in Lily Evans Anblick vertieft gewesen. Irgendwie war dieser Gedanke beunruhigend.
„Ja, Potter, auch schön, dich zu sehen", gab Mary gleichgültig zurück und Sirius stellte mit Entsetzen fest, dass sie direkt auf ihn zukam. Erst jetzt fiel ihm, dass er den wirklich dummen Fehler gemacht hatte, sich keinen Fluchtweg zu überlegen, als er hinter das Regal gesprungen war. Es sei denn... In einem unbeobachteten Moment hechtete Sirius hinter die Ladentheke. Ohne darüber nachzudenken schob er sich durch die offene Tür, die sich dahinter befand – und konnte sich gerade noch festhalten, bevor rücklings die Kellertreppe heruntergefallen wäre. Er atmete einmal durch um sich von dem Schreck zu erholen, dann schlich er auf leisen Sohlen die Treppe hinunter. Unten fand er ein Paradies aus Süßigkeiten vor, die hier in Weidenkörben und Kisten für den Verkauf gelagert wurden. Grinsend griff Sirius aufs Geratewohl in einen der Körbe und holte eine Handvoll Schokofrösche heraus.
Es war nicht so, dass Sirius sich keine Süßigkeiten leisten konnte, ganz im Gegenteil, aber so macht es einfach viel mehr Spaß. Er riss das Papier auf und betrachtete flüchtig die Karte – Dumbledore, nicht schon wieder –, als der Schokofrosch einen Satz machte und verschwand. Sirius starrte ungläubig auf die Stelle am Boden, wo er die Süßigkeit eben noch gesehen hatte. Schokofrösche hatten einen guten Sprung, manchmal auch zwei, aber sie lösten sich ganz sicher nicht einfach in Luft auf. Da stimme etwas nicht. Mit der sicheren Gewissheit von jemanden, der ungezählte Nächte in Hogwarts damit verbracht hatte, Korridore, ganze Stockwerke und Türme nach Geheimgängen abzusuchen, ließ sich Sirius auf die Knie sinken und tastete den Boden ab. Seine Fingerspitzen erspürten im Boden eine feine Rille. Eine Falltür! Sirius quetschte seinen Finger zwischen das Holz und hob die Klappe an. Sie öffnete sich lautlos ohne das geringste Quietschen und gab den Blick auf ein paar Treppenstufen frei, die in ein dunkles Nichts führten.
„Lumos", flüsterte Sirius ohne zu zögern und stieg die Treppe hinab in die Finsternis.
Die Treppenstufen zogen sich endlos dahin. Nach 200 hörte Sirius auf zu zählen. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde der Boden eben und die Treppe wich einem gewundenen Gang. Sirius dachte keinen einzigen Augenblick daran umzukehren. Immer weiter folgte er dem Tunnel, bis er in der Dunkelheit jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Irgendwann begann der Weg wieder anzusteigen und nach einem weiteren undefinierbarem Zeitabschnitt (Stunden oder Minuten?) stieß Sirius mit dem Kopf gegen Stein. Er hatte das Ende des Geheimgangs erreicht – aber wo war der Ausgang? Einen Augenblick lang überkam ihn Panik, dann fing er an, seine Umgebung abzutasten, wie er es im Keller des Honigtopfs getan hatte. Er schien sich in einer Art Kuppel zu befinden und wenn er mit den Fingern kräftig drückte... Der oberste Teil der Decke glitt zur Seite. Die Öffnung war gerade groß genug, um einen schlanken Menschen durchzulassen. Sirius zwängte sich hindurch, sprang auf den Boden und sah sich um.
Einen Augenblick lang war er sich sicher, dass er träumte oder in einen Zauber gestolpert war. Er rieb sich die Augen, aber das Bild veränderte sich nicht: Er befand sich im dritten Stock neben der Statue der buckligen Hexe, wo er sich mit den Slytherins duelliert hatte. Und was er für eine Kuppel gehalten hatte, war nichts anderes als der Buckel der Statue gewesen!
Der Zweiwegespiegel vibrierte. Sirius zog ihn aus der Tasche und sah sich einem besorgt dreinblickendem James gegenüber.
„Sirius, wo bist du? Du kannst jetzt rauskommen, sie sind schon lange weg. Und es ist auch nicht mehr lustig, wir haben den ganzen Laden nach dir abgesucht!"
„Ich bin in Hogwarts, James."
„Was?!"
Sirius konnte das Grinsen, das seine Mundwinkel unwiderstehlich nach oben zog, nicht mehr länger unterdrücken.
„Ich habe einen Geheimgang vom Honigtopf in den dritten Stock gefunden."
