Kapitel Sieben
Elena
„Was machst du hier Jason?" fragte ich, warf einen schnellen Blick über meine Schulter und betete, dass Clayton nicht diesen Moment wählen würde, um aus dem Schatten zu treten.
„Das sollte ich dich fragen." Er lief zu mir hinüber. „Jesus, Elena, was denkst du dir nur? In der Nacht in einem Park joggen? Als deine Mitbewohnerin mir sagte, wo du warst, hab ich gedacht, sie würde mich verarschen. Wer zu Hölle macht so verrückte Dinge? Das ist nicht—"
„Normal?" sagte ich.
„Das meinte ich nicht so. Du weißt das."
Er machte einen Schritt nach vorn, seine Hand hob sich, um eine verirrte Haarsträhne von meiner Wange zu streichen. Ich trat schnell aus seiner Reichweite. Sein Blick senkte sich auf diese verletzte Art und Weise, die meinen Magen in Flammen setze, der Blick, der es so aussehen ließ, als ob er hier das Opfer wäre, der arme, vernarrte Junge unter dem Einfluss des bösen, kalten Miststücks.
„Ich nehm die einstweilige Verfügung nicht zurück", sagte ich. „Also kannst du deiner Mutter ausrichten, sie soll aufhören, mich anzurufen."
„Ah, Scheiße. Hat sie—?" Er haute seine Handfläche gegen die Wand des Pavillons. „Gottverdammt! Warum tut sie mir sowas immer an? Ich hab ihr gesagt, dass mir der Job egal ist. Du lagst völlig richtig, das Kontaktverbot—"
„Hör auf."
„Nein, ich hab's verdient. Ich hab übertrieben. Ich konnte mir nicht helfen. Du hast meine Anrufe nicht erwidert. Du wolltest mich nicht sehen. Ich war verwirrt—"
„Verwirrt?" sagte ich, Fingernägel schnitten in meine Handfläche. „Was zur Hölle ist verwirrend an dem Wort ‚nein'?"
Wieder der verletzte Blick. „Du musst nicht fluchen, Baby."
„Ich bin nicht dein Baby." Ich drückte meine Nägel fester ins Fleisch. „Ich war niemals dein Baby. Ich war niemals dein irgendetwas. Nein, warte... ich war dein etwas. Deine Pflegeschwester."
„Das weiß ich. Aber ich wusste mir nicht zu helfen. Du warst so—"
„Verfügbar", fauchte ich. „Verfügbar und gefangen. Ich konnte dir die Tür nicht vor der Nase zuschlagen und weggehen, weil es kein Ort gab, an den ich hätte verschwinden können. Du warst da, die ganze Zeit, und es gab nichts, was ich dagegen hätte tun können. Mich bei der Mutter beschweren und sie sagt mir, ich reagiere über. Du bist ein siebenzehn-jähriger Junge; ich bin ein siebzehn-jähriges Mädchen. Was erwarte ich? Ich sollte mich geschmeichelt fühlen. Naja, ich bin nicht mehr siebzehn. Ich war damals nicht geschmeichelt. Ich bin es heute nicht. Und ich will, dass du verdammt nochmal aus meinem Leben verschwindest, bevor ich noch etwas tu, was nicht normal ist."
„Du bist durcheinander, Baby. Ich versteh das. Meine Mutter geht mir auch auf den Sack, also kann ich dir nichts vorwerfen."
In diesem Moment wollte ich nichts mehr, als auszuholen und ihn niederzuschlagen. Wenn ich ein Mann wäre, könnte ich es tun, und niemand würde in mir mehr sehen, als einen Typ mit einem hitzigen Temperament.
Aber da war niemand hier, um über mich zu urteilen. Nur er, und es interessiert mich einen Scheißdreck, was er über mich dachte - je schlimmer, desto besser. Das Problem war nicht, dass ich ihn nicht schlagen konnte, aber dass es nicht helfen würde, wenn ich es tat. Ich könnte ihn umhauen und er würde nur zu mir aufschauen mit diesen großen, verletzten Augen und er würde sagen, ‚ich versteh, warum du das gemacht hast, Baby.'
Mit einem Knurren drehte ich mich auf dem Absatz um und ging davon. Kam gerade mal drei Meter weit, bevor seine Hand meine Schulter packte.
„Lass mich los", sagte ich mit tiefer Stimme, noch mit dem Rücken zu ihm.
„Nein, Elena. Nicht bevor du dich nicht beruhigt hast."
Ich riss mich nach vorne, aber sein Griff wurde nur fester, Finger stachen in meine Schulter. Ich drehte mich blitzschnell um und beförderte seine Hand von meiner Schulter. Sein Kiefer starr. Ich wollte nicht nachgeben und wich nicht von der Stelle. Er trat vor und schloss die Lücke zwischen uns.
„Das willst du nicht tun", säuselte eine Stimme bedrohlich zu unserer Linken.
Ich schaute hinüber, um Clayton im Schatten einer Kiefer zu sehen, Arme verschränkt, als ob er bereits seit einer Weile da stand.
„Ich werd damit fertig."
Meine Worte kamen abgehackt, schärfer, als ich wollte, heraus. Ich blickte kurz zu ihm und hob einen Finger, bekam ein schwaches Lächeln zu Stande. Er nickte und blieb wo er war.
„Geh nach Hause, Jason", sagte ich. „Oder ich geh zur nächsten Telefonzelle, wähl 9-1-1 und wir werden sehen, wie gut diese einstweilige Verfügung wirkt."
Die perfekte Drohung — ruhig, aber klar — und ich wäre sehr stolz auf mich gewesen… wenn Jason auch nur ein Wort davon gehört hätte. Bevor ich auch nur halb fertig war, stand er mit dem Rücken zu mir.
„Wer zu Hölle bist du?" sagte er und stiefelte auf Clayton zu.
Clayton lächelte, ein trockenes, Zähne zeigendes Lächeln. „Eine interessierte Partei."
„Interessiert an was?" Jason fuhr herum, um mich anzuschauen. „Gehört der Kerl zu dir, Elena?"
„Könnte sein", antwortete Clayton, bevor ich irgendwas sagen konnte. „Oder ich könnte nur ein weiterer nächtlicher Jogger sein, der Unruhe gehört hat und herüber kam, um zu schauen, ob ich helfen könnte. Oder vielleicht bin ich überhaupt kein Jogger. Vielleicht häng ich nur gerne in verlassene Parks rum, um zu sehen, was nach Einbruch der Dunkelheit an Dreck aus dem Teich kriecht—" Er grinste, Zähne blitzten auf. „—um zu sehen, in welche Schwierigkeiten ich geraten kann."
„Was zum Teufel soll das bedeuten?"
„Überhaupt nichts. Nun, ich glaube, Elena spricht gerade mit dir und ich denke, du solltest lieber anfangen zuzuhören."
Jason stelzte zu Clayton, und richtete sich auf, Auge in Auge. „Oder was?"
Clayton zuckte nur mit den Schultern. „Das musst du sie fragen."
Jason schaute von Clayton zu mir, sein Gesicht zu einer verdutzten Grimasse verzogen. „Was zur Hölle geht hier vor, Elena? Wer ist dieser Typ?"
„Eine interessierte Partei", sagte Clayton.
Jasons Finger schoss hoch, zeigte in Claytons Gesicht. „Fang nicht wieder—"
Clayton packte seinen Finger. Ich war angespannt, aber er hielt Jasons Finger nur für eine Sekunde fest, dann schob er ihn langsam nach unten.
„Heb mir gegenüber nochmal diese Hand, dann solltest du bereit sein, sie zu benutzen. Jetzt geh wieder zu Elena. Das ist ihr Kampf und ich mache ihn nicht zu meinem, außer du bestehst darauf."
Jason schaute wieder zu mir hinüber, dann zurück zu Clayton. Er hielt für einen Moment inne, stapfte dann davon, rief über seine Schulter ein Versprechen, dass er später mit mir reden würde. Ich wollte ihm nachrennen, ihn bei der Schulter packen, genau wie er es bei mir getan hatte, ihn umdrehen und ihm den Kopf zurechtrücken — ihm zu sagen, dass er nicht später mit mir reden würde und warum. Aber ich war zu glücklich, ihn gehen zu sehen. Glücklich und erleichtert, und absolut dagegen irgendetwas zu tun, dass ihm am Gehen hindern würde. Also begnügte ich mich damit, ihm finster nachzuschauen.
„Willst du wohin?"
Ich fuhr herum, um Clayton an meiner Seite zu erblicken. Ich hatte ihn sich nicht von seinem Platz bei den Bäumen weggehen sehen, aber meine Aufmerksamkeit war auf Jason gerichtet gewesen und er hatte sich angeschlichen, leise wie immer.
„Hmm?" sagte ich.
„Willst du wohin? Ich bin mir sicher, ich kann was auf dem Rückweg auftreiben."
Ich schüttelte meinen Kopf. „Nein. Danke, aber ich hab wirklich keine Lust was..." Ich zuckte mit den Schultern.
„Was essen zu gehen?"
Ich blinzelte. "Oh, du meintest wohin, um zu essen? Ich dachte, du meintest um was zu trinken."
Ich hätte wissen müssen, dass er nicht das offensichtliche meinte. Das tat er nie.
„Wir könnten was trinken gehen, wenn du das willst", sagte er.
„Definitiv nicht. Bringt mir absolut nichts, außer mich müde zu machen. Aber etwas zu essen wäre nett." Ich erzwang ein Lächeln. „Meine Frustration an einem hilflosen Burger auslassen."
„Gut. Hol deinen Rucksack und wir gehen."
–
Wir verließen den Park in Schweigen. Angenehmes Schweigen, nicht diese erdrückende Stille, die davon herrührte, wenn man nichts zu sagen hatte, oder schlimmer, darauf wartend, dass ich über das Geschehen sprach. Er erwähnte es nicht, und ich schätzte das. Wie ich die Einladung zu einem nächtlichen Snack, irgendwas, etwas zu schätzen wusste, um meine Gedanken von Jason fernzuhalten und was mir die Entschuldigung bot, nicht zurück zu meinem Wohnheim zu müssen, wo er wahrscheinlich auf der Lauer lag.
Clayton fand ein 24h-Diner einen Block vom Park entfernt. Wir konnten es nicht von der Bloor Street sehen — nicht mal das Schild — also nahm ich an, dass er bereits zuvor hier gewesen war, aber als wir eintraten, schaute er sich um, orientierte sich genau wie ich es tat.
Er ging auf einen Tisch in der hinteren Ecke zu, schaute dann über seine Schulter zu mir.
„Da ok?" fragte er, deutete mit seinem Kinn zum Tisch.
„Perfekt."
Wir machten es uns in unseren Sitzen bequem.
„Burger auf Seite drei", sagte er, nach einem Blick durch das Menü.
„Nach reiflicher Überlegung, ändere ich vielleicht meine Meinung. Die servieren hier den ganzen Tag Frühstück." Ich überflog das fettbespritze Papier des Menüs. „Ich glaub, ich entscheid mich für die Pancakes. Komisch, ich weiß, aber —"
„Nimm was du magst."
Ich lächelte. „Futter für die Seele. Erfüllt den Zweck besser als Alkohol."
Er war im Inbegriff etwas zu sagen, aber die Serviererin erschien, Kaffeekanne in der Hand.
„Nein danke", sagte ich, meine Tasse zudeckend. „Zu spät für Koffein. Ich denk, ich möchte…" Ich blätterte zum Ende des Menüs und lächelte. „Root Beer Floats. Hatte ich seit Jahren nicht mehr. Ich nehm eins."
„Und Pancakes, richtig?" fragte Clayton.
„Sicher, wenn du bereit bist, zu bestellen. Ich nehm die Pancakes und das Schweinesteak."
Die Serviererin schielte über ihre Gläser. „Mit einem Root Beer?"
Ich zögerte. Ich könnte mir in den Arsch beißen, eine Serviererin mich die ‚Angebrachtheit' meiner Bestellung überdenken zu lassen, aber ich tat es nichtsdestotrotz.
„Das gleiche hier", sagte Clayton, klatschte sein Menü auf den Tisch. „Pancakes, Schweinchen und ein Root Beer."
Die Serviererin sagte nichts, rollte nur mit ihren Augen und verschwand grummelnd.
„Du magst Root Beer?" fragte ich.
„Hatte noch nie eins."
Ich unterdrückte ein Lachen. „Naja, keine Ahnung, wie gut das mit dem Ahornsirup zusammenpasst, aber wir werden es bald rausfinden." Ich schaute mich im Diner um. Die paar anderen Kunden waren im Raum verstreut. „Ich hätte es schon eher sagen sollen, aber danke, dass du vorhin helfen wolltest. Im Park. Ich wollte dich nicht so anfahren."
„Du wolltest alleine damit fertig werden. Nichts falsch daran."
„Hmm, naja, wie du wohl zweifellos gemerkt hast, alleine damit fertig zu werden scheint nicht—" Ich verschluckte den Rest des Satzes und schaute weg. „Auf jeden Fall, danke." Ich guckte wieder zurück zu ihm und grinste. „Du hast ihn verwirrt und das ist wohl die beste Art, Jason loszuwerden."
„Er ist nicht allzu hell, oder?"
Ich lachte und lehnte mich in die Sitzbank zurück. „Nein, nicht sonderlich intelligent, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er nicht ganz so ahnungslos sein kann, wie er vorgibt. Es ist nur eine praktische Ausrede. Weißt du, vorzugeben, dass er unsere Beziehung ehrlich missverstanden hat— oder den Mangel einer Beziehung."
„Also warst du mit ihm nie…"
„Absolut nicht. Wenn du ein Pflegekind bist, kannst du da nicht reingeraten." Ich hielt inne, realisierte, dass ich etwas gesagt hatte, was ich lieber für mich behalten hätte. Aber wenn er auch nur etwas von meiner Unterhaltung mit Jason überhört hatte, dann wusste er bereits, dass ich in Pflegeverhältnissen groß geworden bin. Also fuhr ich fort. „Ich hab es einmal ausprobiert—nichts großes, nur etwas Händchen halten mit einem Pflegebruder als ich zwölf war—aber das sollte mir eine Lehre sein. Jegliche Beziehung von der Jason denkt, dass wir sie hatten, fand nur in seinem Kopf statt."
„Aber er verfolgt dich immer noch? Wie lange ist das her? Drei, vier Jahre?"
„Drei. Und zwei, dass ich endlich achtzehn wurde und verdammt schnell vor ihm und seiner verkorksten Familie abgehauen bin. Was Jason angeht, ich hab keine Ahnung, was sein Problem ist. Er sieht gut aus—er kann ganz gewiss keine Probleme haben, Dates mit willigen Mädchen zu kriegen. Also warum ich?"
„Wahrscheinlich, weil er Dates mit willigen Mädchen kriegen kann… und du bist nicht willig. Ein Kumpel von mir ist so ähnlich. Nicht genauso—Stalken und so ein Scheiß. Aber wenn du ihn auf eine Party mit zehn Mädchen schickst, wo sich neun für ihn vor Begeisterung gegenseitig auf die Füße treten, dann geht er schnurstracks zur zehnten und versucht die ganze Nacht, sie für sich zu gewinnen."
„Der Nervenkitzel der Jagd."
„Ich denke schon. Macht für mich keinen Sinn—jemanden nachzulaufen, der nicht interessiert ist, und nur weil sie nicht interessiert ist—aber er liebt die Herausforderung. Natürlich, wenn sie ihm sagt, er soll sich verziehen, dann macht er das auch."
„Das machen die meisten Typen. Die Jagd ist ok, aber wenn sie sich wehrt, dann sollte man es gut sein lassen."
Unser Root Beer erschien. Clayton wartete, bis die Serviererin verschwand.
„Hat er dir jemals weh getan?" fragte er.
Ich wollte mein Kopf schon schütteln, zuckte aber mit den Schultern. „Nicht wirklich. Er packt mich manchmal, wie er es im Park gemacht hat. Hinterlässt blaue Flecken, aber keine ‚Ich fürchte mich um mein Leben'-mäßige Verletzungen."
Clayton malmte mit seinen Kiefern und er senkte den Blick, aber nicht bevor ich das Aufblitzen von Wut, so heftig, dass es mich überraschte, in ihm sah. Er sollte mir Angst machen—das wusste ich. Aber das tat es nicht.
„Das ist schlimm genug", sagte er. „Das kannst du ihm nicht durchgehen lassen oder es wird nur schlimmer."
Mein Kopf schoss hoch. „Denkst du etwa, ich lass ihn—"
„Nein." Er streckte seine Hand aus, für eine Sekunde dachte ich, er würde seine Hand auf meine legen. Im letzten Moment kam er vom Kurs ab und zupfte eine Serviette aus dem Spender. „So meinte ich das nicht. Das Problem ist, je härter du dich wehrst, umso hartnäckiger wird er dich verfolgen. Du kannst nicht nachgeben, eindeutig. Aber du kannst dich auch nicht wehren. Du steckst fest."
„Hab ich auch gemerkt."
Er zerknüllte die Serviette. Dann schaute er mich an. „Ich könnte das für dich regeln. Sicher stellen, dass er nicht zurückkommt. Ihn nicht umbringen—sofern er nicht dein Leben bedroht, ist das nicht notwendig. Aber ich könnte verdammt gut dafür sorgen, dass er nie wieder dein Gesicht sehen will."
Wieder sollte ich wohl schockiert sein. Das wusste ich, und trotzdem war ich es nicht. Ich wusste nicht, was er mir da anbot zu tun, aber ich wusste, dass es kein friedliches Pläuschen mit Jason beinhaltete. Die beiläufige Erwähnung ihn umzubringen, als ob es eine Möglichkeit wäre, die ich nicht vergessen sollte? Das sollte mir einen gehörigen Schrecken einjagen, sollte mich stolpernd auf meine Füße treiben und mich mit einer gemurmelten Entschuldigung aus der Tür stürzen lassen.
Stattdessen schüttelte ich nur meinen Kopf und sagte, „Danke, aber ich will immer noch alleine damit fertig werden."
„Wenn du deine Meinung änderst, lass es mich wissen."
„Werd ich."
–
Clayton begleitete mich zurück zu meinem Wohnheim, aber Jason war nicht dort. Weder löste er sein ‚Versprechen' ein, noch später mit mir zu reden. Vielleicht versuchte er immer noch herauszufinden, mit was im Clayton im Park gedroht hatte. Oder vielleicht hatte er ihn angesehen, und etwas in seinen Augen ausgemacht, das gleiche, was ich auch später im Restaurant zu Gesicht bekommen hatte, und hatte sich entschieden, nicht herauszufinden, womit ihm gedroht wurde. So oder so war ich froh über den Aufschub.
Clayton und ich sahen uns dieses Wochenende einen Film ein. Hatte mich sogar gut unterhalten, jedoch hatte ich das inzwischen bereits erwartet. Über die nächsten Wochen sahen wir noch ein paar Filme, gingen hin und wieder was essen und joggten fast jeden Tag zusammen. Ich wusste, dass ich mir darüber Sorgen machen sollte, ihn in Schwierigkeiten zu reiten—mit einer Studentin verkehren— aber er war vorsichtig und ich war vorsichtig, und die selbstsüchtige Wahrheit war, dass ich mich nicht darum sorgen wollte, wollte nicht, dass er sich darum kümmerte, nicht wenn das bedeuten würde, das wir weniger Zeit miteinander verbringen konnten.
Nach der Nacht im Diner begann ich, mich ihm gegenüber zu öffnen. Durch unsere Unterhaltung über Jason wusste er bereits das schlimmste, dass ich keine Familie hatte, dass ich durch verschiedene Pflegefamilien gereicht worden war, jede Erfahrung schlecht endend, also hatte es keinen Sinn ergeben, sich weiterhin zurückzuhalten. Nicht, dass ich unsere Zeit zusammen damit verbrachte, mein Herz auszuschütten—ich wechselte einfach nicht das Thema, wenn die Unterhaltung persönlich wurde.
Er gab so gut zurück, wie er es bekam. Bevor die Nacht im Diner endete, fand ich heraus, dass Clayton meine Situation, besser als ich mir vorstellen konnte, verstand. Selbst verwaist als er nur etwas älter als ich gewesen war. Wie ich hatte er keine biologische Familie… oder keine von der er wusste. Im Gegensatz zu mir hatte er jedoch ein Zuhause mit einem Vormund, der sich so anhörte, wie ich mir Pflegeeltern immer erträumt hatte, plus eine enge erweiterte Familie. Ich nehme an, ich hätte eifersüchtig sein können, aber stattdessen bestätigte es meine Hoffnungen erneut, dass nur weil du keine Blutsverwandten hattest, es nicht bedeutete, dass man selbst eines Tages kein normales Leben mit einer normalen Familie führen könnte.
–
Als der Oktober näher rückte, wurde ich mir des Kalenders zusehends bewusster—und Claytons bevorstehende Rückkehr nach New York. Wir hatten es nicht besprochen. Vielleicht gab es nichts zu besprechen. Vielleicht würde sein Semester ein Ende finden, er würde mir meinen letzten Gehaltsscheck mit einem ‚Schön dich kennengelernt zu haben' in die Hand drücken und das wär's. Und vielleicht, wenn ich etwas anderes erwartete, dann war das mein Fehler.
Ich hielt mich solange zurück wie ich konnte, bis genau zwei Wochen bevor seine Rückkehr anstand. Dann fragte ich, ob ich seinen Bürocomputer zum Überarbeiten meines Lebenslaufs benutzen könnte. Er murmelte etwas, aber als ich ihm eine verständliche Antwort entlocken wollte, hatte er das Thema gewechselt. Also war das, nehme ich an, das Ende.
Zwei Tage später kreuzte ich zur Arbeit auf, aber fand das Büro leer vor. Ohne Notiz. Für ein paar Sekunden stand ich am Tisch unter Schock, halb sicher, dass er bereits gegangen war. Albern, ich weiß, aber er war immer da, wenn ich für meine Schicht auftauchte, und wenn er nicht da war, selbst für so etwas triviales wie die Toilette aufzusuchen, hinterließ er einen Zettel, welcher mir sagte, dass er weg war—als ob ich das nicht selber sehen konnte—und das ich warten sollte—als ob ich seine Abwesenheit als Gelegenheit nutzen würde, um einen Tag frei zu machen.
Als da also keine Nachricht war, verfiel ich kurz in Panik. Dann sah ich, dass seine Bücher noch im Regal standen. Er mochte verschwinden und Papiere und alte Journale über das Büro verstreut zurücklassen, wenn er es endlich räumte, aber er würde nie auf seine Bücher verzichten.
Ich setzte mich und fing an zu arbeiten. Weniger als zehn Minuten später, schlug die Tür auf.
„Ich hoffe, dass du da nicht deinen Lebenslauf abtippst", sagte er, schmiss einen Ordner auf den Tisch.
„Nicht ohne deine Erlaubnis."
„Gut, weil ich sie nicht gegeben haben. Du vermagst deinen Lebenslauf nicht zu überarbeiten."
Ich rollte mit meinen Augen. „Ich meinte, deine Erlaubnis deinen Computer und Drucker zu benutzen, nicht den Lebenslauf zu schreiben. Die brauch ich nicht."
„Und du brauchst sie, um meinen Drucker zu benutzen? Warum? Ich könnte mich beschweren, dass du die Tinte aufbrauchst? Verdammt, ich hab ne Box voll davon." Er ließ sich in seinen Stuhl fallen und drehte ihn in meine Richtung. „Aber zurück zum eigentlichen Thema, du hast nicht meine Erlaubnis, deinen Lebenslauf zu überarbeiten. Ich verbiete es ausdrücklich."
„Uh-huh. Naja, das ist wirklich sehr nett, aber ich brauch einen Job—"
„Du hast einen."
„Nachdem du gehst."
Ein Grinsen brach durch. „Ich gehe nicht."
„Was?"
„Ist das Enttäuschung, was ich da höre?" Er sprang von seinem Stuhl auf und pflanzte seinen Hintern auf den Tisch, über mir aufragend. „Zu Schade, denn ich gehe nicht. Die Universität mag die wissenschaftliche Arbeit, an der wir arbeiten, und sie wollen, dass ich sie hier fertigstelle, damit sie ihren Namen draufklatschen können. Plus, Doktor Fromme möchte, dass ich weiterhin seine Viertsemester unterrichte. Was bedeutet, dass du mich bis zum Ende des Semesters am Hals haben wirst."
„Verdammt."
„Verdammt?"
„Naja, siehst du, da ist dieser andere Job. Ein viel besserer Job. Bessere Arbeitsbedingungen. Nicht so ein anspruchsvoller Boss—"
Ein pseudo mürrischer Blick. „Du solltest lieber scherzen, weil ich einen richtigen Zirkus veranstalten und durch brennende Reifen springen musste, damit du deinen Job behalten kannst."
„Oh, also hast du es für mich gemacht."
„Natürlich. Du brauchst einen Job." Er hopste von seinem Tisch und ging zur Tür. „Also zurück zur Arbeit, damit du deinen Unterhalt verdienst. Ich muss los, um mich mit Fromme zu treffen. Es kann eine Weile dauern, aber bis zum Mittagessen werde ich zurück sein, also warte auf mich." Er warf ein Grinsen über seine Schulter. „Du zahlst auch. Als Zeichen deiner Wertschätzung deiner weiteren Anstellung."
Er verschwand durch die Tür, bevor ich antworten konnte. Ich saß da für eine Minute, lächelnd, und drehte mich dann wieder zur Tastatur.
–
Um zehn machte ich eine Pause, um mir Kaffee zu besorgen. Ich hatte meine Hand auf der Türklinke, als diese aufflog, was mich beinahe in die Wand beförderte.
„Äußerst nett von—" begann ich, dann stoppte ich, Wangen errötend.
In der Tür stand nicht Clay, aber einer seiner Studenten. Ein Typ ungefähr in meinem Alter mit kurzen Dreadlocks und einem ungezwungen Grinsen.
„Sorry dafür", sagte er.
Er streckte einen Hand aus, um mir zu helfen, wieder festen Boden unter den Füßen zu finden, aber ich winkte ab, murmelte ‚Geht schon' und trat zurück ins Büro.
„Ist Clay—Professor Danvers hier?" Er schaute mich an, sein Lächeln schwankte. „Uh, das ist sein Büro, richtig?" Ein Blick auf den papier-vermüllten Tisch und sein Grinsen kehrte zurück. „Oh ja. Das ist ganz eindeutig sein Büro."
"Du musst in seinem Viertsemester-Unterricht sein", sagte ich. „Ich bin Elena— seine LA."
Seine Brauen schossen nach oben. „LA?"
„Naja, Assistentin, Rezeptionistin, Sekretärin, Rechercheassistenz. Ein Mädchen für alles, mehr oder weniger." Ich deutete mit der Hand aufs Büro. „Housekeeping nicht inbegriffen."
Als er lachte, beförderte ich einen Stift zu Tage.
„Professor Danvers hat morgen Sprechstunde, aber du kannst ihm eine Nachricht hinterlassen, wenn du möchtest, oder ich kann dich für einen Termin eintragen."
„Ah, du kannst mich für einen Termin eintragen, aber wird er den auch einhalten? Das ist die Frage."
Ich lachte und schüttelte meinen Kopf. „Ja, er hält seine Termine ein. Dafür sorge ich. Also kann ich dich einplanen—?"
„Eigentlich bin ich kein Student. Ich bin ein Freund von ihm."
„Oh?"
Er warf seinen Kopf zurück und lachte lauthals. „Ja, er hat Freunde. Schockierend, oder?"
„Ich meinte nicht—"
"Nein?" Er traf meinen Blick, immer noch grinsend. „Oh, komm schon. Da war etwas Schock in deiner Reaktion. Gib es zu. Freunde und Clayton sind keine Worte, die zueinander passen."
Ich lächelte. "Okay, ein kleiner Schock. Nicht, dass ich nicht wusste, dass er Freunde hat. Ich hab nur noch keinen von ihnen getroffen. Und, jetzt das du es erwähnst, vermute ich mal, dass du Logan bist."
Sein Grinsen fiel in sich zusammen und er blinzelte. „Uh, ja. Er hat mich erwähnt?"
„Jetzt bist du der, der sich schockiert anhört."
„Das bin ich. Nicht, dass ich nicht vollkommen erwähnungswürdig wäre, aber Clay spricht normalerweise nicht über… sein Privatleben. Huh. Naja—" Er schaute sich um. „Also was für eine Art— Oh, warte, du warst im Begriff zu gehen, als ich so unverschämt reingeplatzt bin, oder nicht?"
„Nur um mir einen Kaffee zu holen."
„Perfekt. Ich könnte einen gebrauchen… und ich hab keine Ahnung, wo man den hier findet. Stört's dich, wenn ich mitkomme?"
„Sicher. Oder ich könnte dir einen mitbringen—"
„Ich hab gerade sechs Stunden im Auto verbracht. Bitte verlang nicht von mir, mich hinzusetzen und zu warten."
Ich lächelte. „Dann werd ich das nicht. Komm mit."
–
Nachdem wir unseren Kaffee besorgt hatten, überredete mich Logan, sich in die Cafeteria zu setzen. Gewöhnlich hätte ich die ‚oh schade, liebend gern, aber ich muss wirklich zurück zur Arbeit'-Routine durchgezogen. Ich bin nicht unsozial, aber weder machte ich mir die Mühe, um mit Fremden Kaffee zu trinken. Jedoch war Logan einer dieser Menschen mit der Begabung, dich fühlen zu lassen, fast vom ersten Wort an, als ob du ihn schon seit Jahren kennen würdest. Also saßen wir und redeten, größtenteils über die Uni. Er war auch in seinem dritten Jahr, an der Northwestern, was uns genug Gemeinsamkeiten lieferte.
„Lebst du auf oder außerhalb des Campus?" fragte er nach der Hälfte unseres Kaffees.
„Auf. Obwohl ich überlege, das nächstes Semester zu ändern."
„Genau das gleiche hier. Und ich wette, ich kenne den Grund. „W.M.D.H… richtig?"
„Hmm?"
„W.M.D.H. Wohnheim-Mitbewohner-der-Hölle." Ein gequältes Lächeln. „Es sollte ein besseres Akronym geben, aber das ist das beste, womit ich spontan aufwarten kann. Also, wie schlimm ist deine?"
„Oh, sie ist nicht so schlecht…"
„Und die Sahara Wüste ist nicht zu heiß."
Ich lachte.
„Sie muss schlimm sein", sagte er. „Denn das ist die Regel."
„Die Regel?"
„Du bist eine ernsthafte Studentin, richtig? Offensichtlich, wenn du eine LA bist. Ich wette, du bist wie ich, du arbeitest dir den Arsch ab, weil die Universität dafür da ist—zu lernen und einen Job zu bekommen, nicht eine alle-Kosten-werden-übernommen vier-Jahres-Party-Tour."
Ich schüttelte meinen Kopf. „Manchmal wünsche ich mir das."
„Aber das ist es nicht. Vor allem, wenn du es selber bezahlen musst. Das tust du, ich wette drum. Ansonsten würdest du todsicher keinen Job mit Clay annehmen."
Ich lachte. „Ja, ich bezahl es selber."
„Ich auch. Naja, jemand hilft mir, aber ich habe jede Absicht, es ihm zurück zu zahlen, ob er es von mir möchte oder nicht. Der Punkt ist, wir haben für die Bildung bezahlt, und wir wollen verdammt noch mal das meiste dafür rausholen. Also werden uns die Wohnheimmitbewohner garantiert, die es einen Scheiß interessiert, welche die ganze Nacht aufbleiben, von uns erwarten, dass wir am Morgen leise sind, uns mit lauter Musik vom Studieren abhalten, ihren Freunden ihre Schlüssel geben…" Er schüttelte seinen Kopf. „Das ist selbstverständlich. Passiert mir jedes Jahr."
„Das gleiche hier."
„Siehst du, weil es die Regel ist. Jemand macht es absichtlich. Ich denke, es sind die Babyboomer."
Ich versuchte, ein Lachen zu unterdrücken. „Die Babyboomer?"
„Naja, wir studieren, um ihre Jobs zu übernehmen, oder? Was könnte da besser sein, uns aus dem Arbeitsmarkt rauszuhalten, als zu versichern, dass wir eine harte Zeit an der Uni haben und entweder ausscheiden oder eine Abschrift mit Vieren bekommen. Packen uns zusammen mit den schlimmsten Partylöwen und hoffen, dass wir einknicken. Es ist eine Verschwörung."
Ich grinste. „Oder es könnte ein psychologisches Experiment sein."
„Ein psychologisches Experiment von den Babyboomern finanziert. Das muss es sein."
Das Aufblitzen einer Bewegung auf der anderen Seite der Cafeteria viel mir ins Auge. Ich schaute auf, um Clayton auf uns zusteuern zu sehen, Augen loderten, Mund zu einer grimmigen Linie verzogen.
„Sieht so aus, als hätte Clay meine Nachricht bekommen", sagte ich. „Aber ich denke, sein Treffen ist nicht gut gelaufen."
Logan blickte zu Clay und machte eine Grimasse. „Nein, ich glaub der finstere Blick ist für mich beabsichtigt." Er schaute sich um. „Glaubst du, es ist zu spät für einen schnellen Abgang?"
„Ich fürchte ja."
„Verdammt. Dann warte. Ich denke, ich krieg jetzt nen Einlauf."
Kurz zur Erklärung:
Root Beer Float - ein beliebtes alkoholfreies Erfrischungsgetränk vor allem in den USA und Kanada; in der Float-Variante schwimmt typischerweise Vanilleeis (ich will nicht wissen, wie das schmeckt)
Baby Boomer - so viel wie Nachkriegsgeneration (hab den englischen Begriff beibehalten, weil ich den so herrlich finde)
A/N: Man darf sich absolut auf das nächste Kapitel freuen. Da wird der nächste Meilenstein in Claytons und Elenas Beziehung erreicht. :)
