Genau in diesem Moment hörten wir es poltern. Es schienen mächtige Schritte zu sein. Steine fielen von der Decke. Ich hielt inne und schaute Richtung Eingang.
„Oh, nein! Da ist es wieder!", rief die Frau entsetzt.
Und auch ich erschrak als eine mindestens zwei Meter hohe Bestie auf uns zu kam.
„Ich habe auf der Flucht vor dem Typen nicht aufgepasst und wurde hier eingeklemmt. Vorsicht, Süße!"
Doch ich hatte schon meine Waffe gezogen und stellte mich diesem Ungeheuer entgegen. Da ich nicht wusste, was es aushielt griff ich als Erstes mit einem normalen Angriff an. Es klappte gut und so griff ich es wieder und wieder an. Da auch ich einiges einsteckte musste ich mich zwischen durch auch mal heilen. Dieses Hexagoblin war wirklich stärker und vor allem zäher, als alle Monster vor ihm. Und wieder schlug ich auf es ein. Es ließ Schutt von der Decke auf mich nieder prasseln. Allmählich wurde ich müde. Doch ich kämpfte weiter und dann hatte ich es endlich geschafft. Erschöpft, aber dennoch glücklich über den Sieg, sah ich das tote Monster an. Soll schnell würde es wohl keinem Reisenden, der sich ins Hexagon verirrt hat, angreifen. Ich ging wieder zu der eingeklemmten Frau.
„Ihr seid aber stärker, als Ihr ausseht. Danke für die Rettung. Das war wirklich lieb von Euch. Und ich habe es in dem ganzen Tumult mittlerweile auch geschafft, mich selbst zu befreien", sagte die Blauhaarige. „Also lasst uns hier verschwinden. Macht nicht besonders viel Spaß von Monstern angegriffen zu werden."
Sie drehte sich um und ich folgte ihr aus den Ruinen. Wir kamen ohne irgendwelche weiteren Zwischenfälle nach draußen.
„Puh! Hier sind wir wohl in Sicherheit. Diese dunklen Ruinen sind wirklich nichts für mich!", meinte sie, als wir vor dem Eingang standen. Langsam wollte ich wissen, wer sie war und warum sie den Weg durch die Ruinen genommen hatte. Doch da drehte sie ich zu mir um und erklärte es mir von selbst, ohne, dass ich fragen musste.
Ich bin übrigens Hilda. Ich betreibe die Herberge drüben in Stinsbruck. Und wer seid Ihr …?"
„Mein Name ist Nessa. Ich komme aus Engelsfälle", antwortete ich Hilda. Ich hatte sie also wirklich gefunden. Mann, so ein Glück!
„Das gibt's doch nicht! Ihr seid aus Engelsfälle?"
Ich nickte.
„Das erinnert mich an etwas … Ich muss sofort nach Engelsfälle aufbrechen. Also, bis bald, Süße! Und vielen, lieben Dank für die Hilfe!"
Und mit diesen Worten verschwand sie, so schnell wie ich sie gefunden habe. Ich selber versorgte erst einmal meine Wunden, bevor auch ich mich nach Engelsfälle aufmachte. Leise dankte ich dem Allmächtigen dafür, dass ich heil daraus gekommen bin. Da ich keine Flügel und keinen Glorienschein mehr besaß, wusste ich auch nicht, ob ich in Lage dazu wäre, gegen so ein Monster zu kämpfen. Als vollwertiger Himmlischer hätte ich es definitiv einfacher gehabt. Doch das konnte ich zur Zeit ja leider nicht ändern. Wieder vermisste ich meine Flügel und fragte mich, ob Apus Major und Aquila wohl nach mir suchen lassen würden. Machten sie sich sorgen? Ich schüttelte den Kopf. Darüber müsste ich mir später den Kopf zerbrechen. Jetzt sollte ich machen, dass ich nach Hause käme.
Ich kam im Dorf an und Hugo erzählte mir, dass Hilda wohl in die Herberge gegangen wäre. Ich beschloss auch dort hin zu gehen. Dort angekommen sah ich Thekla hinter der Theke und Hilda, wie sie sich das Haus an sah.
„Ja … Das ist Herberts Haus! Er war ganz einfach der Beste. Der perfekte Gastgeber!", sagte Hilda gerade als ich rein kam und die Tür leise hinter mir schloss.
„Ihr scheint meinen Vater gekannt zu haben?", fragte Thekla. „Oh! Dann müsst Ihr Hilda sein! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, als ich hörte, dass eine Frau namens Hilda auf ihrem Weg hierher verschwunden sei."
„Ja, das bin ich! Du hast dir Sorgen gemacht? Nett! Und an meinen Namen erinnerst du dich auch? Dabei warst du noch so klein. Also, wo ist denn der gute alte Herbert …?"
„Tja, ich hatte mir schon gedacht, dass Ihr gekommen seid, um ihn zu sehen", meinte Thekla traurig. „Aber er ist leider von uns gegangen … vor zwei Jahren."
„Was? Von uns gegangen …? Du meinst er ist gestorben?", rief Hilda entsetzt und trat einen Schritt zurück.
„Leider, ja ..."
„Oh, das mag ich ja gar nicht glauben … Dann ist der Herr der Herbergen also … Aber was wird denn jetzt aus meiner guten alten Herberge …? … Wenn Herbert nicht mehr lebt, führst du die Bude also ganz alleine, oder?"
„Tja, stimmt …"
„Nicht allzu groß, dafür aber umso gemütlicher. Die Leute fühlen sich hier wahrscheinlich wohler als zu Hause!"
„Sehr freundlich. Ich versuche, das Andenken meines Vaters zu ehren und führe die Herberge in seinem Sinne weiter."
„Hey, nichts anderes hätte ich auch von der Tochter des Herrn der Herbergen erwartet, Süße!"
„Aber was heißt denn eigentlich „Herr der Herbergen" …?", fragte Thekla leise. Plötzlich drehte sich Hilda blitzschnell zu Thekla um. Siegessicher sah unser Gast aus Stinsbruck Thekla an.
„Hey! Du hättest nicht zufällig Lust, eine Herberge in Stinsbruck zu führen, oder?", fragte Hilda mit Elan.
„Hm … Wie bitte?!", rief Thekla erschrocken.
Thekla konnte es nicht fassen, dass ihr Hilda so ein großes Angebot machte. Sie war verwirrt, das sah man ihr an. Wir beschlossen so eine Sache nicht in einem Flur zu besprechen und gingen in das Gästezimmer von der Herberge. Dort wollte Hilda uns alles erklären, was es mit dem „Herrn der Herbergen" auf sich hatte und warum Hilda überhaupt nach Engelsfälle gekommen ist.
„Damals, als mein Vater noch in Stinsbruck war, haben ihn die Leute als den „Herrn der Herbergen" genannt?"
„Aber ganz genau, Süße! Denn er war der Beste von allen! Der Aufsteiger unter den Absteigen! Er war damals noch ein junger Mann. Aber er hat seine eigene Herberge aufgebaut und alle seine Konkurrenten übertroffen!"
„Wirklich? Das kann ich mir gar nicht von ihm vorstellen. Er kam mir nie sehr abenteuerlustig vor. Er schien glücklich damit, eine kleine Herberge zu führen und mit mir hier zu leben."
„Ja, das ist ja das Komische … Warum hat sich Herbert bloß in ein so kleines Kaff wie dieses hier zurückgezogen? Aber das ist Schnee von gestern. Auf jeden Fall steckt seine alte Herberge in Stinsbruck jetzt in großen Schwierigkeiten. Wir hatten immer gehofft, dass der Herr der Herbergen zurückkommen und den Laden wieder n Schwung bringen würde. Ist doch nicht zu glauben, dass er schon vor zwei Jahren gestorben ist. Tut mir schrecklich Leid, Süße."
„Schon gut. Tut mir auch Leid, dass Ihr den ganzen Weg hierher umsonst gekommen seid."
„Das macht gar nichts. Dafür durfte ich dich ja wiedersehen. Also, kommst du mit mir zurück nach Stinsbruck?"
„Tja, das ist, glaube ich, unmöglich. Ich habe hier schließlich alle Hände voll zu tun. Und ich kann mir auch gar nichts vorstellen, dass mein Vater eine Wirtslegende war …"
„Nicht vorstellen? Das sind eisenharte Fakten, Süße. Und ich sehe genau, dass du ganz nach ihm kommst. Ich habe nämlich ein Gespür für Talente."
„Oje … Jetzt ist's aber spät geworden. Ich muss das Abendessen vorbereiten. Bitte entschuldigt mich", meinte Thekla und drehte sich um. „ Und bitte versteht … Ich kann nicht mit nach Stinsbruck kommen. Also versucht nicht, mich zu überreden."
Damit ging sie aus dem Zimmer. Ich blieb allein mit Hilda zurück und sah ihr nach.
„Du bist aber hartnäckig, wie? Keine Sorge, Süße, du wirst schon bald anders denken", sagte Hilda selbstsicher.
