Nachdem es jetzt so lange mit dem Update gedauert hat, ein kurzer Überblick: Ray ist mit Stevens nach Port Royal geschickt worden, um ihren Captain zurück zu holen. Dort müssen sie feststellen, dass etwas in der Stadt gar nicht stimmt, zahlreiche Wachen patrouillieren, die Straßen sind hell erleuchtet, und was man so hört, hat ein sogenannter „stellvertretender Gouverneur" die Macht übernommen und übt zusammen mit einem ebenfalls neuen Commodore eine harte Kontrolle aus. Im Hause Elisabeths stoßen sie schließlich auf ihren Captain, der alle bis auf Ray wieder aufs Schiff schickt und sich mit ihr zum Gefängnis aufmacht. Dort befreien sie Will, der bewusstlos und stark verletzt ist, und wollen nun noch dem Gouverneurspalast einen Besuch abstatten, weil Sparrow noch eine Muse braucht.
Mast- und Schotbruch, Kapitel 6: Bleich wie Marmor
Der leichte Passat hatte in den Minuten, die sie im Gefängnis zugebracht hatten, stark aufgefrischt und trieb ihnen bei ihrem verstohlenen Weg durch die kleinen Gassen und Hinterhöfe den bei seiner Reise über die Insel aufgesammelten Staub und Sand in die Augen, bis sie zu tränen begannen. Als sie sich endlich in den Schatten vor dem tiefer liegenden Seiteneingang des Gouverneurpalastes kauerten, atmeten beide schwer. Zwischen den Zähnen, in der Nase und in den geröteten Augen, auf der schweißnassen Haut und sogar unter der Kleidung, überall hatte sich der Sand festgesetzt und verweigerte sich hartnäckig ihren Bemühungen, ihn wieder los zu werden. Dabei hatten sie noch Glück gehabt, auch die Soldaten waren durch den Staubdunst behindert gewesen, und so waren sie mit ihrer schweren Last unentdeckt bis hierher gelangt. Trotzdem verspürte Ray den entschiedenen Drang, irgend jemandem den Kolben der Pistole über den Schädel zu ziehen, oder ihn zumindest anzuschreien. Langsam reichte es wirklich. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie nun hoffentlich ihre letzte Station für die Nacht erreicht hatten und - nachdem erledigt war, was auch immer Sparrow hier erledigen wollte - zur Pearl zurückkehren würden.
Sie warf einen Blick auf ihren Captain, der es sich auf der kleinen Treppe gemütlich gemacht hatte, die von dem Garten zum Eingang hinab führte, sinnierend mit einem Zeigefinger gegen seinen Mund tippte und abwechselnd den großen Bau und die auf den beiden angrenzenden Straßen vorbeimarschierenden Patrouillen beobachtete. Er hatte nur Augenblicke gebraucht, um wieder zu seiner unbeeindruckten Überlegenheit zurück zu finden, was Ray ihren verschwitzt-zerzausten Zustand noch stärker fühlen lies. Den bewusstlosen Mann hatten sie vorübergehend auf den Boden gelegt, um ihn nicht noch weiter zu belasten, doch selbst in der Dunkelheit hier konnte Ray erkennen, wie eine leichte, aber stetige Blutung seine neuen Verbände zu durchdringen begann. Sein Atem ging mühsam und flach, und es war deutlich, dass er dringend Hilfe und vor allem Ruhe benötigte. Sie fragte sich, ob sie ihn am Leben erhalten konnten, bis sie in die Sicherheit der Pearl zurückgekehrt waren. Leider hatte sie mit Verletzungen keinerlei Erfahrung, und so fiel es ihr schwer, das zu beurteilen. Der Captain wirkte nicht allzu besorgt und beschäftigte sich augenscheinlich nur mit ihrem anderen Problem. Im Moment war es völlig unklar, wie sie in das Haus gelangen sollten, denn die Tür, die sie erreicht hatten, war nicht nur durch ein Schloss, sondern auch von innen mit einem Riegel versperrt, und bei den anderen Eingängen war dies sicherlich nicht anders, zudem war ein Großteil der Fassade des Hauses hell von den Straßenlaternen erleuchtet. Vor den beiden Haupteingängen auf den Breitseiten waren zudem Wachen postiert, die allerdings weit genug entfernt von ihrem jetzigen Standort waren, so dass sie sie nicht hören konnten. Als sie gerade dabei war, erneut zu untersuchen, ob sie nicht doch durch einen Spalt den Riegel heben konnte, spürte sie den forschenden Blick Sparrows auf sich. Siedend heiß fiel ihr ein, dass ihr Korsett noch immer wenig von seiner eigentlichen Funktion erfüllte, und sie spürte eine unkomfortable Röte in sich aufsteigen, während er sie von oben bis unten musterte. Sie hielt sich leicht abgewandt in ihrer zusammengekauerten Stellung, bis sie ihn flüstern hörte: „Das müsste gehen."
Leicht irritiert blickte sie ihn an. Mit einem Nicken schloss der Captain seine Beobachtungen ab und nutzte eine Pause zwischen zwei Wachgängen, um das rostige Rankgitter, das sich neben der Tür nach oben streckte, mit kräftigen Rucken auf seine Festigkeit hin zu überprüfen. Früher mochten sich hier üppige Pflanzen die Fassade empor gewunden und den kleinen Eingang geschmückt haben, jetzt hingen nur noch vereinzelt vertrocknete Reste zwischen den Sprossen. Wenn sie den Kopf in den Nacken legte, konnte Ray erkennen, dass sich das Gitter bis fast unter das Dach erhob, und langsam wurde ihr klar, was ihr Captain vorhatte. Im obersten Stockwerk konnte man noch eben ein geöffnetes Fenster erkennen. Innerlich seufzte sie, gingen sie nun auch noch unter die Fassadenkletterer? Was blieb ihnen aber anderes übrig, leider hatte niemand daran gedacht, eines der unteren Fenster für sie einladend zu öffnen. Mit einem skeptischen Blick schätzte sie die schmalen Verstrebungen ab, ob die viel aushielten? Doch Sparrow schien zufrieden und winkte sie zurück in den Schatten, bevor die nächste Wache heran kam.
Dicht an ihrem Ohr begann er: „Kleiner, hör zu. Du kletterst hier nach oben und machst uns dann die Tür von innen auf. Guter Plan, was? Beeil dich aber, die Wachen kommen hier ziemlich dicht hinter einander." Bevor sie auch nur ihren Mund aufmachen konnte, um etwas zu erwidern, zog er sie nach einem prüfenden Blick auf die Straße zu dem Gitter und schob sie umstandslos nach oben. Ray musste sich zusammenreißen, um nicht zu zucken, als sie seine Hände an ihrem Hintern und Oberschenkeln spürte, hoffentlich griff er nicht aus Versehen etwas daneben und erlebte eine Überraschung. Besser, sie beeilte sich. Auf jeden Fall besser. Sie begann an den unangenehm scharfen Sprossen nach oben zu klettern. Jetzt durfte sie nicht anhalten, denn jedem auf der Straße würde sie sofort ins Auge fallen. Es war leichter als gedacht, doch bissen ihr die scharfen Dornen der abgestorbenen Pflanze selbst durch ihre Schwielen in die Hände. Seit ihrer Arbeit auf der Pearl mit dem ständigen Klettern an den rauen Tauen war sie aber einiges gewohnt, und so ließ sie sich nicht aufhalten. Zug um Zug entfernte sie sich vom Boden und kam ihrem Ziel näher. Das Gitter hielt zu ihrem Glück bislang in den Verankerungen in der Wand, obwohl es ab und zu verdächtig quietschte. Ohne nach unten zu sehen vertraute sie weiter seiner Festigkeit. Hier oben zerrte der ständig zunehmende Wind an ihr und erschwerte ihr das Atmen. Doch bald war sie auf der Höhe des Fensters. Sie wollte gerade ein Bein auf das Fensterbrett schwingen, als sie von innen ein leises Schnarchen hörte.
Entsetzt blickte sie zu ihrem Captain nach unten, was sollte sie nun tun? Im Schatten konnte sie erkennen, wie er sie mit wedelnden Bewegungen ins Haus scheuchte. Was ...? Da sah sie die herannahende Patrouille. Mit einer raschen Drehung schwang sie sich ins Fenster. Schnarcher hin oder her, sie musste ihn ja nur nicht aufwecken. Diesmal gelang ihr das Eindringen deutlich eleganter, als im Hause Elisabeths, und beinahe ohne einen Laut zu verursachen duckte sie sich hinter die Fensterbrüstung, dem Bewohner des Zimmers in Gedanken dafür dankend, dass er sein Fenster frei von Möbeln und Zierrat gehalten hatte. Gespannt lauschte sie, ob die Soldaten mit einem Ruf ihre Entdeckung verkünden würden, doch alles blieb still. Ein prüfender Blick gab ihr Entwarnung, keine Wachen mehr in Sicht in dem dunstig wirbelnden Staub, der die Stadt nun fest im Griff hatte. Die einzige menschliche Regung war die Sparrows, der sich in den tiefen Schatten über seinen ohnmächtigen Begleiter beugte. Ray biss sich auf die Lippen, es war noch lange nicht alles geschafft.
Das Licht der Straßenlaternen drang hier oben nur noch sehr spärlich durch das Fenster bis in den Raum. Nach kurzem Eingewöhnen konnte sie schemenhaft ihre Umgebung wahrnehmen. Wie sie bereits vermutet hatte, befand sie sich in einer der niedrigen, unters Dach gepressten Dienstbotenkammern, deren rohe Holzdielen und kahlen Wände hinter der prachtvollen Fassade seltsam deplatziert wirkten. Das kleine Zimmer beherbergte nicht viel mehr als einen schmalen Schrank, einen kleinen Waschtisch mit Stuhl und ein einfaches Bett – und seinen Besitzer. Oder besser seine Besitzerin, wenn Ray die langen schwarzen Zöpfe, die sich über seine Kante geschlängelt hatten, richtig interpretierte. Das blasse Gesicht war halb unter der schützend hochgezogenen Decke verborgen. Mit einem wehmütig Lächeln schlich sie sich zur Tür, das leise gelegentliche Schnarchen und die kindliche Haltung, in der sich die junge Frau in ihrem Bett eingerollt hatte, erinnerten Ray an die zahllosen Nächte, in denen sie mit ihrer jüngeren Schwester zusammen unter seidigen Laken kichernd und erzählend den Geistern des alten, zugigen Gemäuers ihrer Großeltern getrotzt hatte. Doch hatte sie jetzt keine Zeit, in ohnehin schmerzvollen Erinnerungen zu verweilen. Ein kurzer Blick in den von zwei fahlen Öllampen vage erhellten Flur genügte ihr, um festzustellen, dass sie freie Bahn hatte, und schon war sie aus dem Zimmer, drückte sanft die Tür wieder zu und schlich über die leicht knarzenden Dielen des langen Ganges auf der Suche nach einer Treppe, die sie nach unter führen würde.
Als sie das Ende des Ganges erreicht hatte, stand sie vor einem kleinen Problem. Es war keine Treppe in Sicht. Stirnrunzelnd wandte sie sich um und untersuchte auch die kurzen Seitengänge, die von ihm abgingen. Nirgends eine Treppe. Die Treppe lag also hinter einer der Türen – was ihr wesentlich weniger Kopfzerbrechen bereitet hätte, hätten diese nicht alle gleich ausgesehen. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe, alle Türen zu öffnen, um hinter ihnen nachzusehen, war keine besonders reizvolle, und vor allem eine riskante Aussicht, irgendwie musste sie ihre Auswahl eingrenzen, und das schnell, bevor doch noch jemand vorbei kam. Sie versuchte sich an den Aufbau der Herrenhäuser zu erinnern, die sie kannte. Das nervöse Gefühl in ihrem Magen, das sie die ganze Zeit begleitet hatte, drängte sich wieder in ihr Bewusstsein, als sie unschlüssig im Gang stand. Kühles Nachdenken unter Zeitdruck fiel ihr nicht leicht. Treppe. Dienstbotentreppe. Ah, denk nach Ray! Die Dienstboten benutzen eine eigene, versteckte Treppe, um so unsichtbar wie möglich zu bleiben und den Herrschaften nicht auf der Haupttreppe in die Quere zu kommen. Wo kann diese Treppe liegen? Sie wippte unruhig mit den Zehen. Die Treppe geht vermutlich von oben bis ganz unten...und kommt unten wahrscheinlich bei der Küche raus. Ja, damit der Weg mit dem Essen oder Tee, oder was auch immer, nicht zu weit ist. Und wenn die Küche hinter dem Eingang liegt, vor dem wir vorhin standen, dann muss die Treppe ungefähr dort drüben sein. Schon etwas zuversichtlicher ging Ray wieder ein kleines Stück in Richtung der Kammer, aus der sie gekommen war. So, und jetzt ... welche Tür? Vermutlich liegt die Treppe innen im Haus, ohne Fenster, also ... hier vielleicht? Ihre Hand schloss sich um den Türgriff und nach einem letzten kurzen Zögern begann sie vorsichtig, die Tür zu öffnen. Das Quietschen der Angeln schien ihren überreizten Nerven durch das ganze Haus zu hallen. Sie zögerte und versuchte, durch den kleinen Spalt hinter die Tür zu blicken. Beinahe hätte sie vor Enttäuschung aufgeschrien, als ihr Blick auf einen Stapel alter Lumpen und Eimer fiel. Sie hatte die Besenkammer gefunden. Die ziemlich verwahrloste Besenkammer.
Bevor sie völlig den Mut verlieren würde, beschloss Ray, es gleich mit der gegenüberliegenden Tür zu versuchen. Zu ihrer immensen Erleichterung öffnete sich diese lautlos und offenbarte im düsteren Schein der hineinsickernden Flurbeleuchtung eine hölzerne Treppe, die sich nach unten wand. Mit einem befriedigten Schauben drückte sie sich durch die Öffnung und begann tastend ihren Weg nach unten zu suchen. Ihre Finger streiften eine an der Wand befestigte Lampe, die jedoch zu ihrem Leidwesen nicht entzündet war, so dass sie nach dem Schließen der Tür in völliger Finsternis gefangen war. Die schmale Treppe war jedoch auch so nicht zu verfehlen, und, bemüht die alten Stufen möglichst wenig zum Knarzen zu bringen, machte sie sich an den Abstieg. Wenn ihr hier jemand mit einer Laterne entgegen kam, war sie entdeckt. Doch bald hatte sie ohne Probleme die Tür zum ersten Stockwerk passiert und als sie auch an der zum Erdgeschoss vorbei war, sah sie sich schon so gut wie sicher in der Küche im Souterrain. Sie hatte gerade die nächste Biegung erreicht, als sie hörte, wie sich außerhalb des Treppenhauses Schritte näherten. Die restlichen Stufen hinunter zu hasten, traute sie sich nicht, da das Geräusch auf den Stufen sicherlich zu laut geworden wäre, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich hinter dem Geländer zusammenzukauern und auf ihr Glück zu vertrauen. Doch die Schritte hatten kein Einsehen und hielten vor der Tür zum Erdgeschoss. Während sie besorgt lauschte, wie dort jemand die Klinke herunterdrückte und begann die Tür zu öffnen, zog sie leise ihr Messer, die Pistole hatte sie beim Captain gelassen. Aber Lärm konnte sie sich ohnehin nicht erlauben, wollte sie nicht das ganze Haus auf sich aufmerksam machen. Innerlich verfluchte sie sich, dass sie nicht doch einfach weiter gegangen war, wer hätte schließlich sagen können, dass sie nicht ein anderer Bediensteter war, auf dem Weg zur Küche? Aber jetzt war es zu spät, das Licht einer Laterne erhellte das Treppenhaus und sie hörte die leise Konversation zweier Männer. Sie versuchte, sich noch kleiner zu machen, und hielt den Atem an. Die Hand, mit der sie das Messer umklammerte, zitterte in ihrem Schoß. Als sie hörte, dass sich die Schritte der beiden nach oben wandten, ließ eine Welle der Erleichterung sie gegen das Geländer sacken. Ihre heiße Wange gegen das kühle Holz gepresst wartete Ray, bis die beiden nicht mehr zu hören waren.
Das Treppenhaus endete wie erhofft in der Küche, die von der Glut im Herd soweit erhellt wurde, dass Ray nicht gegen die zahlreichen Töpfe und Pfannen stieß. Ohne weitere Verzögerung konnte sie den Riegel zurück legen. Das Schloss hatte in der Zwischenzeit wohl schon seine Bekanntschaft mit dem Captain gemacht, zumindest sprang die Tür bereitwillig auf und machte ihr den Weg frei.
Liebe Stromi, vielen Dank für dein Review! Ich hab mich sehr gefreut zu hören, dass du noch weiter mit liest und es dir noch gefällt!
Liebe Alle: Leider hat es fürchterlich lange gedauert mit dem Update, aber immerhin sind Teil 2 und 3 dieses Kapitels auch schon da! Ich hoffe ja sehr, es liest sich nicht so zäh, wie es zum Schreiben war... Bin für Kritik, Anregungen, Kommentare etc. sehr dankbar! So, dann (hoffentlich) noch viel Spaß!
