– Kapitel 7 –
Im Dunkel der Nacht
Ginny hätte zu gern gewußt, wieso wie auf dem Boden lag, doch vorerst kam sie nicht dazu, irgendwelche Fragen zu stellen. Harry, Hermine und Ron waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich gehetzt umzusehen, als daß sie sie auch nur einen Satz hätten zu Ende aussprechen lassen. Aus den ausgebeulten Taschen der drei ragten Blätterbüschel, und Ginny entschied sich, einfach gar nicht erst zu fragen.
„Ginny, bist du wieder in Ordnung?"
Ginny überlegte. Sie fühlte sich, als hätte sie jemand mit einem Vorschlaghammer niedergeschlagen, aber so langsam schien sie wenigstens wieder einigermaßen klar denken zu können.
„Ja, Ron. Ich bin okay, hab nur Kopfschmerzen."
„Kommt, die Gelegenheit ist günstig", zischte Hermine, während sie zwischen den Blättern einer großen, palmenartigen Pflanze hindurch den Weg vor dem Gewächshaus im Auge behielt. Ginny sah sich um. Von diesem Pulver war nirgends eine Spur zu sehen.
„Günstig?" erkundigte sie sich verwirrt.
„Um hier zu verschwinden", erklärte Hermine. „Malfoy ist schon vor einer ganzen Weile weg, und wir haben keine Ahnung, wo er hin ist. Der Schulleiter persönlich könnte jeden Moment hier aufkreuzen."
Ginny stöhnte und raffte sich auf. „Na dann, nichts wie raus hier. Wo ist der Tarnumhang?"
Harry sah die anderen der Reihe nach zweifelnd an. „Das könnte ein Problem werden …"
Und das wurde es. Schon zu dritt wäre es schwierig gewesen, sich unter dem Umhang unauffällig fortzubewegen, zu viert war es schier unmöglich. Schließlich gaben sie es auf und versuchten nur noch, so schnell wie möglich zum Schloß zu kommen, Unsichtbarkeit hin oder her.
„Wie lange war ich bewußtlos?" keuchte Ginny, als sie im Gebüsch darauf warteten, daß das Kerzenlicht aus dem Fenster im ersten Stock verschwand und sie sich unbemerkt wieder hineinschleichen konnten.
„Halbe Stunde ungefähr", flüsterte Harry.
„Kam mir viel länger vor. Was war das für Zeug? Ich hatte einen echt merkwürdigen Traum."
Ron kicherte. „Wem sagst du das."
„Schhhh", mahnte Hermine. „Keine Angst, das geht vorbei. Du hast eine ganz schöne Dosis erwischt, aber wir haben bald das Gegenmittel."
„Gegenmittel wofür genau?" Ginny wurde langsam wirklich ungeduldig.
„Jetzt!" raunte Harry und zog sie am Ärmel.
Sie sprangen auf und rannten zur Tür.
ooOOoo
Severus erwachte unterdessen auf dem Fußboden mitten in der geöffneten Tür zu seinen Privaträumen. So grauenhaft hatte er sich nicht mehr gefühlt, seit … er vorhin hier zusammengebrochen war. Er hatte gleich gewußt, daß es ein unübertrefflich unangenehmer Tag werden würde. Und siehe da, seine Vorahnung hatte sich bestätigt. Wie er es haßte, recht zu haben. Nun ja, nicht wirklich. Aber der Gedanke zählte.
Von Draco war er ja einiges an ausgefallenem Verhalten gewohnt, aber das hier schlug dem Faß vollends den Boden aus. Er hatte sich beileibe alle Mühe gegeben, aber wenn Draco während der Schulzeit betrunken durchs Schloß torkelte, konnte selbst er nichts für den Jungen tun, wenn er auf seinem Ausflug Minerva oder einem der übrigen Lehrer über den Weg lief. Hausehre in allen Ehren, aber so ein offensichtlicher Verstoß gegen die Schulordnung mußte geahndet werden. Nun ja, sofern jemand Minerva mit der Nase auf die Angelegenheit stieß. Diesen Triumph gönnte er ihr allerdings nicht im mindesten, daher verschwendete er keine Zeit und machte sich umgehend auf die Suche nach Draco, um dessen Odyssee zu beenden, bevor er noch mehr Schaden anrichten konnte.
Er mußte nicht lange suchen, da stolperte er auch schon über Draco. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Einfaltspinsel hatte sich im Gemeinschaftsraum zwischen einem Sofa und dem Durchgang zu den Zimmern der Schüler schlafen gelegt. Großartig. Severus überprüfte kurz, ob all seine Gliedmaßen noch intakt waren und zog sich an der Lehne des Sofas wieder auf die Beine, so würdevoll es in dieser Situation eben möglich war.
„Draco, aufstehen!" bellte er.
„Severus?" murmelte der Junge verschlafen.
Severus' Augenbrauen hoben sich in schwindelnde Höhen.
„Wie war das bitte?"
„Onkel Sev, was machst du denn hier? Wie spät ist es?"
„Seit wann sind wir verwandt?" Von Wahlverwandtschaften hatte er gehört, aber das hier ging dann doch etwas zu weit.
Draco sah überraschenderweise nicht nur verwirrt, sondern auch verletzt aus. Er sah sich um, als erwarte er, einen Spion zu sehen. „Du hast doch selbst gesagt, ich würde dir am Herzen liegen wie dein eigener Sohn. Erinnerst du dich nicht? Du hast versprochen, immer für mich da zu sein, als du mich letzten Sommer vor meinem Vater gerettet und aus unserem Kellerverlies befreit hast, damit er mich nicht zwingen kann, dem Dunklen Lord zu dienen."
Severus sah mit Entsetzen, wie dem Jungen Tränen in die Augen stiegen. Was war denn hier los? Wieso hatte er keine Ahnung, was er letzten Sommer getan hatte? Wenn er so darüber nachdachte, hatte er einige Gedächtnislücken. Zum Ausgleich dafür konnte er sich allerdings auch an Dinge erinnern, die ihm völlig neu waren. Gerade wollte er etwas erwidern, da fuhr Draco schniefend fort.
„Ich muß doch in den nächsten Ferien nicht zurück, oder? Mein Vater bringt mich um!" Er verstummte plötzlich und wurde blaß. „Onkel Sev, du mußt meiner Mutter helfen! Sie wird er auch umbringen! Jetzt wo ich weg bin, wird er sie nur noch mehr tyrannisieren! Er hat sie damals sowieso nur als Trophäe geheiratet, aber seit er einen Erben hat, hat er sie wie Dreck behandelt."
Severus konnte es sich einfach nicht nehmen lassen. „Sie ist in Sicherheit. Wenn er Erfolg hat, braucht er schließlich bald einen neuen Erben."
An dieser Stelle brach Draco erneut in Schluchzen aus, und Severus konnte sich wirklich nicht entscheiden, wie er sich dabei fühlen sollte, denn plötzlich wohnten drei Seelen in seiner Brust: Die erste wollte seinen Patensohn tröstend an seiner Schulter weinen lassen, der zweiten lag ein weiterer schneidender Kommentar auf der Zunge, und die dritte war hin- und hergerissen. Keine der beiden ersten Varianten erschien sonderlich angebracht, also entschied er sich schließlich für die Notlösung.
„Komm mit in mein Büro, und bitte, veranstalte hier nicht so ein Spektakel, oder muß ich dich wirklich mit dem Zauberstab zum Schweigen bringen?"
Das Wort „Zauberstab" hatte eine durchschlagende Wirkung. Draco zog den Kopf ein, fügte sich in sein Schicksal und ließ sich bereitwillig Richtung Flur ziehen. Zu seinem unbeschreiblichen Ekel spürte Severus, wie das Herz seiner ersten Seele bei diesem Anblick dahinschmolz wie ein entflammtes Teelicht. Er schluckte schwer. Der Junge hatte wirklich ein hartes Los mit seinem irrsinnigen Vater. Severus wischte sich eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel. Wie gut er die Leiden des jungen Malfoy nachfühlen konnte. Gleich morgen früh würde er mit Albus reden. Vielleicht konnte er eine Anstellung für seinen Patensohn erwirken. Da er heute morgen in Zaubertränke … Fähigkeiten … an den Tag gelegt hatte, war Severus überzeugt, daß er sich problemlos als sein Nachfolger eignen würde. Vielleicht taugte er sogar zum Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Bei seiner praktisch lebenslangen Berufserfahrung …
Oder besser noch …
„Mach dir keine Gedanken um deine Mutter, dein Vater wird es sich nicht erlauben können, unter den Augen des Tagespropheten etwas zu versuchen."
Draco sah ihn verständnislos an. „Nein, nein, nicht der Tagesprophet. Die Hexenwoche hat für den Sommer eine Homestory über meine Familie angekündigt. Du weißt schon, für das Special über romantische Landsitze."
Severus runzelte die Stirn. Nun ja, wenn die moderne Hausfrau von heute Folterkeller im Wald romantisch fand, sagte das schon so einiges über die Notstände in der magischen Gemeinde. Seine Miene verfinsterte sich nur noch weiter, als er sich ausmalte, wie Narzissa den Reporterinnen im Salon Tee und Gebäck anbot, während sie ihnen erklärte, daß die ein und aus gehenden Gruppen Vermummter auf dem Weg zum alljährlichen Maskenball der Malfoys seien.
Beinahe hätte Severus ob dieser Überlegungen den Faden verloren, doch schließlich besann er sich, weshalb er die Presse überhaupt erwähnt hatte. „Ich bin zwar sicher, daß auch die Hexenwoche über den goldenen Löwen in der Höhle desselben wird berichten wollen, aber dieses Ereignis wird zweifellos breitere Aufmerksamkeit erregen."
„Potter?" hakte Draco angewidert nach, keine Spur mehr von dem verzweifelten Häufchen Elend. „Was sollte Sankt Potter bei mir zu Hause?" Dieser Junge war Severus ein Rätsel. Litt er unter Persönlichkeitsspaltung?
„Was für eine Frage. Er wird bei euch wohnen."
Draco war anzusehen, daß ihm das nicht einleuchtete.
„Früher oder später wirst du dich damit abfinden müssen, daß ihr Halbbrüder seid. Ich werde dem Direktor vorschlagen, Harry den Sommer über bei euch einzuquartieren, damit ihr Zeit habt, euch aneinander zu gewöhnen."
Ein unheilvoll wirkendes Lächeln stahl sich auf Dracos Gesicht. „Vielleicht ist das doch eine gute Idee. Wenn ich Potter in unser Haus bringe, so daß der Dunkle Lord ihn nur noch abholen muß, wird er mich reich belohnen, und vor Vater werde ich ein für allemal sicher sein. Er wird vor mir kriechen, damit die Gunst des Lords von mir auf ihn abfärbt!" Der verzückte Ausdruck des Jungen grenzte ans Manische.
Severus sah ihn irritiert an. „Sagtest du nicht, dein Vater hätte dich gefoltert, weil du dich standhaft geweigert hast, für Voldemort zu arbeiten?"
Draco lachte finster. „Sicher, aber die rechte Hand des Dunklen Lords zu werden, ist ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann."
„Vor allem ist es ein Angebot, das der Dunkle Lord noch gar nicht gemacht hat. Denkst du nicht, daß du da etwas vorschnell bist?"
„Der frühe Vogel fängt den Wurm, Onkel Sev. Beim Berufsorientierungstag haben wir gelernt, daß man sich frühzeitig um seine Karriere kümmern muß."
Dieses Argument ließ sich schwerlich von der Hand weisen. Und auf sich als Vorbild konnte er ebenfalls kaum verweisen, angesichts der Tatsache, daß er bereits während seiner Schulzeit Praktika in dieselbe Richtung gemacht hatte. Wäre Lily nicht gewesen … Gerade als ihn die Erinnerungen an seine eigene Kindheit übermannen wollten, hatte er eine Erscheinung. Sie hatte rote Haare und kam wie ein Wirbelwind auf ihn zu. Er blinzelte.
Lily … Weasley.
„Malfoy, da bist du ja! Jetzt beeil dich, alles wartet nur auf dich!"
Severus stand nur da und starrte den energischen Rotschopf an.
„Professor Snape, fehlt Ihnen was?" fragte sie leicht irritiert. Bei diesen Worten wurde ihm schlagartig alles klar. Er mußte Buße tun.
„Alles bestens. Sagen Sie, Ms. Weasley, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, meine Assistentin zu werden? Sie haben in Zaubertrankkunde absolute Spitzennoten, sie sollten Ihr Wissen vertiefen." Um ihr seine Aufrichtigkeit zu vermitteln, garnierte er das Angebot mit einem aufmunternden Lächeln. Ihre Reaktion war alles, was er sich nur wünschen konnte. Sie war wie vom Donner gerührt.
„Oh, Professor …" Ihre Augen glänzten mit den ersten Freudentränen. „Oh, Professor, das würden Sie für mich tun? Ich wollte schon immer Krankenschwester am Sankt Mungo's werden, aber ich kann mir die Ausbildung nicht leisten. Wenn ich bei Ihnen Heiltränke studieren könnte …"
„Wer bei mir studiert hat, dem stehen alle Türen offen. Sie und Mr. Malfoy würden sich sicherlich ausgezeichnet ergänzen."
„Augenblick, Malfoy? Soll das ein Witz sein?"
Draco funkelte Ms. Weasley wütend an.
„An dem Gesichtsausdruck solltest du aber noch feilen, bis wir bei der Probe sind."
„Was, wenn ich fragen darf, proben Sie denn um diese Uhrzeit?" fragte Severus. Er konnte sich einfach nicht beherrschen. Auch wenn das hier Ms. Weasley war, er war immer noch eine Autoritätsperson und hatte hier die Aufsichtspflicht.
„Romeo und Julia. Haben Sie das etwa vergessen? Wir sollen das Stück doch beim Weihnachtsball aufführen. Aber wir müssen jetzt wirklich los, Malfoy und ich haben schließlich die Hauptrollen, die warten nur auf uns."
Draco schien das wieder zu sich finden zu lassen. „Du kannst es wohl gar nicht erwarten, Wiesel. Na, kein Wunder, wenn man bedenkt, daß du noch nie einen Freund mit Stil oder Klasse hattest."
Severus sah ihnen kopfschüttelnd nach, während ihre Streitereien langsam leiser wurden und sie den Flur hinunter verschwanden. Albus und seine Ideen. Severus machte sich auf den Weg zu seinem Labor, um die Zeit wenigstens sinnvoll zu nutzen, wenn er sich schon überraschend mitten in der Nacht hellwach im Flur wiederfand.
Dort angekommen, mußte er allerdings feststellen, daß er nicht der erste hier war. Die Tür war nur angelehnt. Wer zum Schwarzen Kater würde es wagen? Er hielt inne. Das konnte doch nur … Mit der ihm eigenen allseits bewunderten Geschmeidigkeit glitt er durch den Türspalt und kam geräuschlos hinter dem Eindringling zum Stehen.
„Guten Abend, Ms. Granger. Was verschafft mir die Ehre?" fragte er so samtig wie noch nie.
Granger fuhr herum und übergoß sich dabei mit dem grünlichen Inhalt einer Phiole. „Pr… Professor, sie hier?"
„Ja, Ms. Granger, ich in meinem Labor, tatsächlich. Und Sie?"
„I… Ich auch. Sir."
Severus hob eine Augenbraue. „Darf ich fragen … wie Sie dazu kommen? Immerhin ist die Stunde recht fortgeschritten. Ich wage nicht zu hoffen, daß es das ist, wonach es aussieht." Er warf einen deutlichen Blick auf das Nachthemd, das sie unter der offenen Robe trug.
„Bitte, Professor, ich wollte nur …" Sie schluckte.
„Sie wollten nur was? Mich bestehlen?" Severus konnte sich gerade noch stoppen, bevor er ihr anbieten konnte, ihr Vergehen auf gänzlich unpassende Weise wiedergutzumachen. Wo kamen diese mehr als abstoßenden Ideen plötzlich her? Er schüttelte sich.
„Es ist schwer zu erklären, aber es ist wirklich wichtig, Professor Snape."
Severus sah sie an, wie sie da vor ihm stand, und wieder wurde er unerwartet von äußerst unpassenden Gedankenspielen heimgesucht. Auch ein erneutes Kopfschütteln konnte nicht verhindern, daß er darüber sinnierte, daß er ihr Erscheinungsbild im Unterricht schwerlich gebührend würdigen konnte, ohne Gerüchte zu verursachen, wenngleich er sich absolut sicher war, daß er sich nie zuvor über Hermine Grangers Erscheinungsbild den Kopf zerbrochen hatte. Er war wohl auch nur ein Mann. Er konnte nicht umhin festzustellen, wie fließend ihre seidigen Locken über ihre Schulter fielen. Der kleine besserwisserische Bücherwurm war wahrlich ein Schmetterling geworden. Während er sie beobachtete und seine Phantasie mit ihm davonlief, nahm sie langsam einen entzückenden Farbton an, ähnlich den getrockneten Hagebutten in seinem Vorratsregal. Ein entfernter Teil seines Bewußtseins war sich völlig darüber im klaren, daß er Gedanken solcher Art eigentlich keinesfalls zulassen sollte und das auch noch nie getan hatte, doch es war, als wäre er ferngesteuert, eine hilflose Marionette an den Fäden eines … ebenso unangebrachten wie unbändigen Begehrens. Er spürte förmlich, wie sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten, während er alles tat, um seinen Zustand vor seiner Schülerin zu verbergen, falls sie noch nicht bemerkt hatte, daß seine vor Lust verdunkelten Augen an den Konturen ihres fadenscheinigen Negligés hängengeblieben waren. Er würde für eine neue Vorschrift sorgen, die Flanell-Schlafanzüge für sämtliche Hogwarts-Schülerinnen vorsah, und zwar ausnahmslos.
Falls der sonst höchst aufmerksamen Musterschülerin bisher tatsächlich nichts Ungewöhnliches an ihm aufgefallen war, so ruinierte er mit seinen nächsten Worten allerdings vollends jede Möglichkeit eines gesichtswahrenden Rückzugs.
„Sie sollten die Moos-Essenz entfernen, bevor sie antrocknet. Wenn Sie wollen, können Sie das gleich da drüben rauswaschen." Seine lüsterne Seite streckte einladend den Arm aus und deutete in Richtung seines Privatlabors. Die Seite, die noch der Kontrolle höherer Hirnfunktionen unterworfen war, fügte hastig hinzu: „Ich werde natürlich solange hier warten." Er konnte sich kaum entscheiden, ob er sich für diese letzte Bemerkung ohrfeigen oder beglückwünschen sollte. Er fühlte sich mehr und mehr wie Dr. Jekyll, er konnte geradezu spüren, wie verschiedene fremdartige Charakterzüge langsam die Kontrolle über ihn erlangten. Er schüttelte sich einmal mehr vor Selbstekel.
Schließlich erlangte seine unangebrachte Seite verstörenderweise die Kontrolle über seine motorischen Funktionen, und er folgte Granger ins Labor.
„Kommen Sie zurecht?" fragte er, gerade rechtzeitig um mitanzusehen, wie Granger … ganz und gar nicht ihr Nachthemd mit Seifenwasser durchtränkte, um es zu reinigen, sondern statt dessen auf einem Hocker balancierte und mit einem Arm bis zum Ellbogen in seinem privaten Vorratsschrank versunken war. Was ging hier vor? Er blinzelte, um seinen Blick vom Saum ihres beim Stehen auf Zehenspitzen hochgerutschten Nachthemds loszureißen, das man kaum guten Gewissens so nennen konnte. Severus versuchte, sich zu entsinnen, was er zuletzt getrunken hatte, bevor er sich vorhin auf dem Fußboden wiedergefunden hatte, konnte sich jedoch nicht weiter als bis zu dieser entwürdigenden Szene zurückerinnern. Alles davor schien von einer Art Nebel verdeckt zu sein. Er betastete seinen Kopf, um festzustellen, ob er sich möglicherweise eine Verletzung zugezogen hatte, die ihm entgangen war. Aber da war nichts, er fühlte sich nur seltsam schlaff. Es war, als bestünden seine Extremitäten plötzlich aus Gummi.
Granger war mitten in der Bewegung erstarrt und sah ihn jetzt entsetzt an. Er setzte zu einer passenden Reaktion an, brachte jedoch keinen Ton heraus. Statt dessen schwankte er und mußte sich mit dem drohend erhobenen Arm an einer Stuhllehne abstützen. Großartig. Wenn das so weiterging, konnte er seine angsteinflößende Aura bald vergessen. Als er den Kopf hob, blieb sein Blick an Grangers hängen – und so plötzlich wie völlig grundlos war er froh, daß er sich abstützen konnte. Und es lag zu seiner unendlichen Verblüffung nicht an ihrem Nachthemd. Sie sah ihn so besorgt an, daß es ihm die Kehle zuschnürte und er den Wunsch verspürte, ihr zu sagen, daß alles gut werden würde. Was absolut lächerlich war, da gar nichts passiert war. Aber er konnte das Gefühl nicht abschütteln. Während er sie trotz seines Widerwillens wie gebannt anstarrte, lasteten die vergangenen Jahre zentnerschwer auf ihm. All die Gelegenheiten, die er genutzt hatte, um Hermine Granger und ihren Freunden das Leben schwer zu machen. All die schnippischen Bemerkungen, die er ihr entgegen geschleudert hatte, wenn sie sich im Unterricht gemeldet hatte. All die Beleidigungen. Ihre Vorderzähne …
„Professor Snape?" Langsam und vorsichtig stieg sie von dem Hocker herunter. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?"
Und trotz all dieser Jahre, in denen er ihr Unrecht getan und ihre Fähigkeiten wider besseres Wissen heruntergespielt hatte, machte sie sich jetzt Sorgen um ihn. Ausgerechnet. „Ms. Granger … Hermine, ich …" Er wollte einen Schritt nach vorn machen, aber seine Knie sanken einfach unter ihm ein. Sie machte einen Sprung auf ihn zu und stützte seinen Arm.
„Professor, ich glaube, Sie sollten sich wirklich lieber hinsetzen."
Das mußte er allerdings. Hermine Grangers gesamte Schulkarriere lief noch einmal vor seinem inneren Auge ab. Und nicht nur ihre, auch die ihrer beiden Freunde. Was für ein Scheusal er gewesen war. Ob sie ihm jemals verzeihen konnte? Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können … Er hatte als Lehrer versagt, wie in allem anderem auch. Dabei wollte er nichts mehr, als seine Fehler ungeschehen machen.
Hermine sprach offenbar mit ihm, aber was sie sagte, konnte er nicht ausmachen. Seine Taten standen ihm so deutlich vor Augen, daß er glaubte, Harrys anklagend erhobenen Zeigefinger berühren zu können, wenn er die Hand ausstreckte, so nah stand er mit Weasley vor ihm in der Tür zu seinem Labor, die unheilvollen Schatten auf seinem Gesicht ein krasser Kontrast zu dem hell erleuchteten Flur hinter ihm. Was war das hier? Die Geister der vergangenen Weihnacht? Dann sprach Harry, aber was er sagte, ergab für Severus nicht den geringsten Sinn.
„Hermine?" Er klang eher panisch als anklagend. „Was ist hier los? Hast du alles?" Harry sah ihn mit einem merkwürdigen Ausdruck an und fügte dann hinzu: „Was ist mit ihm?"
„Er muß auch was abgekriegt haben, er ist völlig weggetreten. Das müssen die Nebenwirkungen der Alraune sein. Und seht euch das hier an." Sie griff in den Schrank und zog ein Glas mit feinem Pulver heraus.
Severus blinzelte. Wovon redeten die?
„Er hat auch einen Vorrat von dem Zeug?" Severus zuckte zusammen, als sich Weasleys Stimme beinahe überschlug.
Hermine betrachtete das Glas nachdenklich. „Nein, ich denke, es ist eine Vorstufe." Ihr Gesicht hellte sich auf. „Das muß es sein! Es war doch das andere Rezept! Ich dachte, es würde nicht passen, aber … Wir sind die ganze Zeit davon ausgegangen, daß Professor Sprout das Pulver herstellt. Das stimmt auch, aber sie gibt nur die letzte Zutat dazu. Das erklärt auch …"
„Was?" fragte Harry.
„Ja, genau! Die letzte Zutat muß frisch sein! Na ja, nicht frisch, die Wurzeln sind immerhin getrocknet, aber ihr wißt …"
„Hermine!"
„Entschuldigt … Sie verlieren ihre Wirkung, wenn sie nach dem Mahlen zu lange aufbewahrt werden. Deshalb muß Professor Sprout sie direkt nach der Vorbereitung in das Pulver mischen und das Glas luftdicht verschließen. Aber selbst dann hält es nicht allzu lange."
Harry runzelte die Stirn. „Das würde aber auch bedeuten, daß es nach einer Weile von alleine aufhört zu wirken."
Hermine nicke. „Genau, das entspricht doch auch exakt unseren Beobachtungen. Das heißt, wir müssen statt der Moos-Essenz einfach nur einen Teelöffel …" Sie griff noch einmal in den Schrank. „… hiervon beimischen." Hermine strahlte. „Damit sollten wir in der Lage sein, uns immun zu machen, solange das Pulver noch im Umlauf ist."
„Wozu soll es überhaupt gut sein?" Hermine und Harry sahen Weasley fragend an. Severus schloß sich an. „Ich meine, wir waren die ganze Zeit damit beschäftigt, rauszufinden, wie wir es neutralisieren können, aber das Zeug muß einen Zweck haben. Das war kein schlechter Scherz von irgendwem, immerhin haben zwei Lehrer es hergestellt. Warum wollen die Lehrer, daß wir alle halluzinieren?"
„Vielleicht war das nicht der Plan, Ron", erwiderte Harry.
„Sicher nicht", warf Hermine ein. „Harry ist doch am Bahnhof mit dem Lokführer zusammengestoßen, als der gerade das Pulver im Zug verteilt hat. Dadurch hat er eine viel zu hohe Menge auf einmal eingeatmet und den Rest anschließend überall verteilt. In kleinen Dosen hat das Pulver eine entspannende, ausgleichende Wirkung, was eine Überdosis allerdings bewirkt, haben wir ja am eigenen Leib erlebt."
„Eine Art Stimmungsaufheller also", faßte Harry zusammen.
„Sie haben es erfaßt, Mr. Potter", unterbrach Minerva McGonagall, die Sprout im Schlepptau hatte. Hermine, Harry und Weasley fuhren auf dem Absatz herum, offensichtlich zu Tode erschrocken. „Sehen Sie doch nicht alle so überrascht aus. Sie glauben doch nicht, daß die Gewächshäuser mit den seltenen Züchtungen nicht alarmgesichert sind?"
Hermine schlug sich eine Hand vor die Stirn. „Ich wußte es …"
„Daß Sie hier gleich alle beisammen ist, erleichtert uns die Sache natürlich ungemein. Pomona, wenn du das Glas bitte an dich nehmen würdest. Ich bezweifle, daß Severus im Augenblick in der Lage ist, es sicher zu verwahren." McGonagall warf einen skeptischen Blick in Severus' Richtung, während Sprout Hermine das Glas abnahm.
Weasley sah McGonagall fassungslos an. „Wollen Sie damit sagen, die Schule hat uns tatsächlich unter Drogen gesetzt?"
„Im medizinischen Sinne, , ja", antwortete Sprout.
McGongall sah sich offensichtlich zu weiteren Erklärungen genötigt, und auch Severus war äußerst gespannt, was hier gespielt wurde. McGonagall sollte nur endlich zum Punkt kommen, bevor jemandem auffiel, daß er immer noch Hermine anstarrte.
„Es war eine Maßnahme der Schulleitung, um die allgemeine Panik nach den jüngsten Ereignissen soweit möglich zu reduzieren. Und wäre das Mittel sachgemäß angewendet worden, hätte es lediglich eine gewisse Verringerung von Beklemmungszuständen verursacht. Völlig unbedenklich." Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Allerdings hatten wir nicht mit Ihnen gerechnet, Mr. Potter. Oder besser gesagt mit Ihrer Überpünktlichkeit. Wie auch."
Harry legte die Stirn in Falten. „Moment mal –"
„Nicht jetzt, Mr. Potter", unterbrach McGonagall scharf. „Uns ist durchaus bewußt, daß es sich bei der Verbreitung des Wirkstoffs um einen unvorhersehbaren Unfall gehandelt hat, nichtsdestotrotz –"
„Wir sollen für das Ganze bestraft werden?" empörte sich Weasley.
„Nichtsdestotrotz, Mr. Weasley", fuhr McGonagall eine Spur lauter fort, „ist es nicht zu tolerieren, daß sie zu nachtschlafender Zeit in ein Schulgewächshaus einbrechen, Sachbeschädigungen noch unbekannten Ausmaßes verursachen …"
„Das war nicht unsere –" begann Harry.
„ … und zu allem Überfluß in das Labor eines Lehrers einbrechen und potentiell gefährliche Substanzen entwenden. Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Es mag wie eine exotische Idee klingen, Herrschaften, aber möglicherweise hätten Sie zur Abwechslung Madam Pomfreys Anweisungen Folge leisten und einfach abwarten sollen.
Bezüglich Ihrer Einwände, Mr. Potter, wir haben Mr. Malfoy bereits aufgelesen, seien Sie unbesorgt. Er war schwer zu übersehen. Aber Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß Sie dadurch entlastet sind." McGonagall machte eine kurze Pause und drehte sich mit einem Blick gen Decke zur Tür um. „Das hätte wir uns ja denken können. Je später der Abend, desto interessanter die Gäste. Kommen Sie schon herein, Ms. Weasley, es muß zugig sein dort draußen auf dem Gang."
„Ginny, du solltest doch oben warten!" rief Weasley.
Seine Schwester rollte nur mit den Augen und stöhnte schicksalsergeben, als sie erkannte, daß McGonagall sie in der Glasscheibe des Zutatenschranks gesehen haben mußte. Sie gesellte sich zu den anderen, während ihr bäurischer Bruder weiterhin Strafpredigten hielt, die augenscheinlich an ihr abperlten. Severus erlaubte sich ein zufriedendes Grinsen, was ihm einen sehr schrägen Blick von Sprout einbrachte.
„Dürfen wir noch mehr Besuch erwarten, oder sind wir jetzt vollzählig?" McGonagall blickte erwartungsvoll in die Runde. „Nun, ich nehme ihr Schweigen optimistisch als Bestätigung. Dann würde ich vorschlagen, daß wir uns alle morgen um fünfzehn Uhr in Übungsraum 3 für Verwandlung wiedersehen. Und Pomona, könntest du Severus zu Poppy bringen, während ich die Damen und Herren in ihre Schlafsäle geleite? Er scheint etwas neben sich zu stehen, und er hat in ein paar Stunden Unterricht zu erteilen."
„Vielleicht kann er soviel Ausgeglichenheit einfach nicht verkraften", grummelte Weasley.
McGonagall verdrehte die Augen, sagte jedoch nur: „Raus jetzt, und nicht trödeln, wenn ich bitten darf." Damit marschierte sie schnurstracks aus dem Labor, ohne sich noch einmal umzusehen.
Severus nutzte die günstige Gelegenheit, seinen Blick wieder einmal auf Hermines Nachthemd ruhen zu lassen, das auch aus dieser Perspektive kaum das Nötigste bedeckte, wie Severus feststellten durfte, als sie sich in den Gänsemarsch einreihte. Er blinzelte angewidert – und schüttelte dann verwirrt den Kopf. Einen Moment lang hatte er den Eindruck gehabt, die Realität – oder was er dafür hielt – verschwimmen zu sehen, und als er wieder klar sehen konnte, trug Hermine Granger einen … Doch dann war das wattige Gefühl in seinem Kopf wieder da und ihre Rückseite so appetitlich wie zuvor. Er würgte reflexartig.
Nie wieder Albus' Zitronendrops vor dem Schlafengehen. Irgendwas stimmte hier nicht.
„Pomona, sagen Sie, trägt Hermine Flanell oder Spitze?"
„Ms. Granger?" Sprout warf ihm einen weiteren höchst mißtrauischen Blick zu. „Kommen Sie, Severus", seufzte sie und zerrte ihn am Arm hoch,
Er fing an zu kichern, und es dauerte nicht lange, bis er unter Sprouts erschrockenem Blick hysterisch lachte.
