7. Eine Belästigung
20. Dezember 1831
„Alles ist fertig, oder?", fragte Éponine, die das Teeservice auf dem Tisch umordnete.
„Ja, und nun, würdest du bitte atmen?", fragte Enjolras, der ihre Schultern massierte. Éponine atmete schwer aus. „Du musst dir nicht so viele Sorgen machen."
„Aber was ist wenn–" Sie wurde durch das Klingeln der Türglocke unterbrochen. „Oh, merde. Oh, merde… Ich habe so angst…"
„Warum gehe ich nicht zur Tür?", sagte er und strich ihr Haar aus dem Gesicht. „Du entspannst dich einfach."
„Ich werde es versuchen", flüsterte sie und atmete ein. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor er zur Tür lief. In dem Moment, als er die Tür öffnete, wurde er von der zierlichen Brünetten Gestalt seiner Schwester gegen die Brust geschlagen. „Uuuf! Marianne!"
„Ich habe dich vermisst!"
„Das ist süß, liebe Schwester, aber ich kann gerade nicht atmen, also könntest du mich freundlicherweise freilassen."
„Sebastien." Die Geschwister drehten sich um und sahen ihren strengen graugesichtigen Großvater, der aus der Kutsche stieg. „Solche Ungezwungenheit ist unangemessen für jemanden deines Standes."
„Es ist auch schön dich wieder zu sehen, Großvater", sagte Enjolras kühl, als Marianne ihren Griff lockerte. „Bitte. Kommt herein. Es gibt viel zu Essen und zu Trinken."
„Gut! Ich bin am verhungern!" Marianne grinste, rannte nach drinnen und packte ihre Röcke so, dass man sehr gut ihre Knöchel sehen konnte. Enjolras kicherte über ihre feinsinnigen Rebellionen. „Nun, dann komm mit!"
„Man könnte denken es wäre ihre Wohnung und nicht meine", murmelte Enjolras und half widerwillig dem alten Mann ins Haus und die Treppen hoch. Marianne kicherte und ordnete ihr Haar sorglos neu, als er die Tür aufschloss.
„Hallo!", zwitscherte Éponine fröhlich, als sie den Raum betraten.
„Oh!" Mariannes Augen wurden groß. „Bastien, wer ist das? Sie ist so schön!" Éponine wurde bei diesem Kommentar rot.
„Ich heiße Éponine, Mam'selle. Ich bin Monsieur Bastiens Haushälterin. Er war sehr gut zu mir."
„Wie lange ist sie schon hier?"
„Vier Monate, Sir", antwortete Éponine Grandpere und machte einen kurzen Knicks. Der Alte Mann zog eine Augenbraue hoch. „Ich werde die Kekse holen und mich dann um das Abendessen kümmern." In dem Moment, in dem sie verschwand, drehte sich Grandpere zurück, um Enjolras anzusehen.
„Ich nehme an, dass sie verheiratet ist?", fragte er spitz.
„Verwitwet, um genau zu sein. Ein Feuer, drei Jahre bevor ihr Sohn geboren wurde."
„Oh, sie hat einen Sohn?", fragte Marianne. „Können wir ihn treffen?"
„Vielleicht ist es besser, wenn sie das nicht tun, Mam'selle", sagte Éponine ruhig, als sie eine Tortenplatte auf den Tisch stellte. „Erik ist ein sehr schüchternes Kind und nicht sehr gesund. Außerdem erschrecken ihn Leute leicht."
„Oh, das arme Ding!", seufzte Marianne und biss in einen Kuchen.
„Marianne, rede nicht mit vollem Mund."
„Entschuldigung, Grandpere", erwiderte sie nicht apologetisch. „Und das mit deinem Mann tut mir auch sehr Leid."
„Nun ja, er genießt das Himmelreich, Mam'selle. Ich denke dort ist er glücklicher, als er es jemals auf der Erde war", antwortete Éponine, drehte sich in der Tür um und machte wieder einen schnellen Knicks. „Wenn sie mich jetzt entschuldigen würden…"
„Oh, natürlich! Ich wollte dich nicht von deiner Arbeit aufhalten! Vielleicht kann ich dir helfen." Marianne warf ihrem Großvater einen spitzen Blick zu. „Um besser zu lernen, was von mir erwartet wird, wenn ich heirate." Als sie dies sagte, stellte sie ihre Teetasse ab und stand auf, um in die Küche zu stolzieren.
„Frauen", spottete Grandpere.
„Wirklich, für deine eigene Enkelin hätte ich von dir ein bisschen mehr Nachsicht erwartet", sagte Enjolras kühl. „Die Zeiten verändern sich, Grandpere."
„Verändern sich zum Schlechten."
„Das ist Ansichtssache. Ich persönlich finde, dass es recht befreiend ist."
„Pfui!"
„Grandpere, ich meine das so. Die Leute dieses Landes müssen einen Status des Gleichgewichts erlangen. Mehr so, wie die Amerikaner."
„Amerikaner! Bah! Wo waren die, als wir sie gebraucht hatten?"
„Nicht die Kriegsgeschichten wieder, bitte–"
„Wir haben die Undankbaren während ihrem Krieg gegen England gerettet und wie haben sie uns bezahlt?"
„Grandpere, ich bin überdrüssig vom Hören dieser…"
„Ein Mann sollte kämpfen–"
„WAS ZUR HÖLLE DENKST DU, WAS ICH TUE, DU DUMMKOPF?!"
„Dummkopf! Das ist ein echt feiner Respekt für deinen Großvater!" Der alte Mann hustete zur Seite. „Habe ich dir denn nichts beigebracht?"
„Du hast mir viel beigebracht, ich bevorzuge es einfach das nicht einzuhalten", antwortete Enjolras abfällig.
„Du verletzt mich, Sebastien."
Enjolras holte tief Luft. „Grandpere, ich werde deine Ansichten respektieren, wenn du meine respektierst. Ich habe genauso viele Gedanken und Gefühle, wie du und ich bin ein erwachsener Mann."
„Ohne echte Geldmittel. Ohne meine Unterstützung würdest du noch nicht einmal einen Monat überstehen."
„Das könnte ich!", schnappte Enjolras. „Du machst es mir unglaublich schwer mein Temperament zu halten. Ich habe meine Feindlichkeit bis jetzt zurückgehalten–"
„Abendessen!", rief Éponine und steckte ihren Kopf aus der Tür raus. Perfektes Timing, dachte Enjolras dankbar, als Éponine ihm kurz zuzwinkerte.
„Sie hat mich zuerst kosten lassen. Es ist herrlich!", sagte Marianne und trug die Platten herein. „Wo hast du gelernt solche Hühnchen zu machen?"
„Meinen Eltern, Gott hab sie selig, gehörte ein Gasthaus", sagte Éponine hintergründig. „Dort habe ich eine Menge gelernt."
„Hast du das wirklich? Das hört sich faszinierend an. Ich wünschte ich könnte auch mal eine Nacht in einem Gasthaus übernachten."
„Bevor ich tot bin wirst du das nicht tun, junge Dame."
„Oh, aber, Grandpere–"
„Sei still", bellte der alte Mann. Marianne zog ein Gesicht, als sie Éponine half die Hühnchenscheiben auf die Teller zu legen.
„Ich bin oben, wenn sie noch etwas benötigen, Monsieur", sagte Éponine, als sie mit dem servieren fertig war. „Darf ich?"
„Natürlich, Éponine. Danke." Enjolras lächelte ihr warm zu und zwinkerte. Sie beugte ihren Kopf, um das Lächeln zu verstecken, das an den Ecken ihrer Lippen zog, bevor sie nach oben zu ihrem Dachboden ging.
„Ich mag sie", sagte Marianne fröhlich, während sie ein Stück des Hühnchens abschnitt. „Kann sie mit uns nach Rennes kommen?"
„Nein", sagte Grandpere nachdrücklich. „Nein, wir nehmen keine Streuner auf."
„Du redest über sie, als wäre sie eine Katze und kein Mensch", murmelte Enjolras.
„Sebastien, rede deutlich oder rede gar nicht. Du bist genauso schlimm mit dem Murmeln, wie deine Schwester."
„Es tut mir Leid, Grandpere", sagte Enjolras sarkastisch. „Ich habe nicht so oft Gäste, also musst du mich entschuldigen."
„So ist es besser."
Éponine zog ihren Kopf von dem Loch im Boden weg. Verdammt, Enjolras war sehr gut darin jemandem etwas aufzutischen. Sie bemitleidete Marianne, die sich immer mit diesem alten Kauz herumschlagen musste. „Was denkst du, Erik, hättest du gerne einen Großvater, wie diesen gemeinen alten Monsieur Enjolras?"
„Äh-äh!" Erik schüttelte seinen Kopf energisch und prustete verächtlich. Éponine kicherte und zog ihm an der Nase. „Au!"
„Entschuldigung, Liebling. Ich werde damit aufhören."
„Erzähl mir Geschichte!"
„Oh, na gut." Sie hob das Märchenbuch vom Bett auf, welches Enjolras ihnen gegeben hatte.
„Nein! Erfinde eine!"
„Oh! Nun gut!" Éponine verflocht ihre Finger und versuchte sich etwas auszudenken. „Es war einmal ein kleiner Junge–"
„Hieß Erik?"
„Nein, Dummerchen. Sein Name war Gavroche. Gavroche lebte mit seiner Mama und seinem Papa und all seinen Brüdern und Schwester in einer kleinen Stadt, wo sie ein Gasthaus hatten. Gavroche war ein sehr süßer kleiner Junge, doch seine Eltern waren das nicht. Sie waren sehr gemein, denn sie stahlen von guten Leuten. Also entschloss sich Gavroche dazu wegzulaufen und seine Brüder mitzunehmen."
„Nicht seine Schwestern?"
„Nein, seine Schwestern wollten nicht weggehen. Sie wollten bei ihren Eltern bleiben. Also brachen Gavroche und seine Brüder gemeinsam auf und fanden eine freundliche alte Dame, bei der sie bleiben konnten. Aber als er größer wurde, wurde es Gavroche langweilig und er rannte weg, zu der größten Stadt, die er finden konnte. Und weißt du, was er dort gefunden hat?"
„Was?"
„Er hat seine Eltern und seine große Schwester gefunden."
„Was ist mit seiner anderen Schwester passiert?"
„Sie ist weggelaufen. Gavroche und die große Schwester begannen sich häufig zu treffen, erzählten sich Geschichten und versuchten wieder eine Familie zu sein. Und dann passierte etwas sehr besonderes."
„Was? Erzähl's mir! Erzähl's mir!"
„Die große Schwester hat ein Baby gefunden. Ein sehr besonderes Baby, und fand sie jemanden, um dieses Baby mit ihm zu teilen?"
„Große Schwester warst du!", sagte Erik grinsend.
„Kluger Junge." Éponine zerzauste den kleinen Haarschopf, der auf seinem Kopf zu wachsen begann. „Ja, Gavroche ist mein kleines Brüderchen und ich nehme an, dass du sagen kannst, er ist dein Onkel."
„Kann ich ihn sehen?"
„Ich… ich habe darüber wirklich noch nicht nachgedacht. Vielleicht kannst du das, wenn dieser fiese alte Mann weggeht. Aber nicht meine Eltern." Sie schauderte bei dem Gedanken daran.
„Mama?"
„Ja, Erik?"
„Was ist mit mir falsch?"
„Nichts", sagte sie bestimmt, nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn fest. „Jeder, der dich aufgeben würde ist ein Idiot, Erik. Du bist klug und gut und wundervoll. Ich bin sehr glücklich, dich zu haben. Ich liebe dich so sehr. Es ist mir egal, dass dein Gesicht ein wenig anders ist, als das der anderen. Ich liebe dich trotzdem so sehr. Anders ist nicht falsch. Es ist nur… anders. Nun, gib mir einen Kuss und dann ab ins Bett."
„Ich liebe dich", sagte Erik und drückte seine geschwollenen Lippen gehorsam gegen ihre Wange. „Gute Nacht."
„Gute Nacht, Kleiner."
21. Dezember 1831
Éponine erwachte taumelnd und hörte jemanden gegen die Falltür klopfen. „Huuu, ich komme", murmelte sie, rollte aus dem Bett und griff nach dem Türgriff. Enjolras zerzaustes blondes Haar erschien in der Öffnung. „Wie spät ist es?"
„Kurz nach eins", antwortete er und zog sich hoch, um auf der Kante der Falltür zu sitzen. „Ich weiß nicht, ob ich noch weitere drei Tage mit ihm aushalten kann."
„Er hat die Revolution erwähnt. Heißt das nicht, dass ihr Gemeinsamkeiten habt?"
„Er unterstützt Napoleon. Also, nein, haben wir nicht."
„Oh…" Sie setzte sich still aufs Bett und kaute auf ihrer Lippe. „Kann ich dich etwas fragen?"
„Alles. Was gibt es denn?"
„Weihnachten ist in ein paar Tagen und ich weiß nicht, was ich dir schenken kann."
„Éponine, das ist wirklich nicht nötig."
„Ich möchte das aber."
„Ich weiß, dass du das willst, aber ich habe nie wirklich Weihnachten gefeiert."
„Nie?"
„Éponine, bei dem, der mich aufgezogen hat, überrascht dich das wirklich?"
„Ich denke nicht. Also warum brechen wir nicht mit der Tradition?" Sie bemerkte sein versteinertes Gesicht. „Oh, äh, er bleibt bis Weihnachten, oder?"
„Er fährt am sechsundzwanzigsten", bestätigte Enjolras miserabel. „Es ist Weihnachten, wahrhaftig."
„Können wir Erik wirklich weitere fünf Tage verstecken?"
„Wir müssten das nicht tun, wenn du mich ein bisschen Arsen in seinen Schlaftrunk tun lassen würdest."
„NEIN."
„Er ist ein alter Mann!"
„Dann gönne ihm die Würde eines natürlichen Todes! Er ist immer noch dein Großvater."
„Bedeutet dir das wirklich so viel?"
„Ich habe gerade mit der Gewohnheit aufgehört, das Gesetz zu brechen. Ich werde bestimmt nicht wieder damit anfangen und du solltest das definitiv auch nicht machen. Du planst schon eine Rebellion, da brauchst du nicht noch einen Mord. Das macht alles nur unordentlicher. Wo wir gerade sprechen", sie lief zu der Truhe und holte ein Bündel heraus. „Ich sollte besser losgehen."
„Was? Warum?"
„Ich habe es schon zu lange herausgezögert. Ich muss meine Eltern wieder sehen."
A/N: Ich höre heute hier mit dem Kapitel auf. Bis demnächst!
