Reden ist Silber…

„Wie geht es Ben eigentlich auf dem Marlborough?", erkundige ich mich bei Cathy und kraule abwesend Panda, der hechelnd zu meinen Füßen sitzt.

Es ist Anfang September, die Schule hat vor einigen Tagen wieder begonnen und hat Bens Auszug aus Blencathra mit sich gebracht. Ich glaube, Cathy und David haben bis zum Ende nicht geglaubt, dass er das durchzieht und sich dementsprechend geschockt, dass er tatsächlich gegangen ist, aber ich muss sagen, Hut ab.

„Ganz gut, soweit", erwidert Cath jetzt nach einer kurzen Pause und verrenkt sich den Hals, damit sie mich ansehen kann.

Wir sind in meinem Zimmer, Cathy liegt ausgestreckt auf meinem Bett, ich sitze am Schreibtisch und eigentlich müssten wir ja Englischhausaufgaben machen, aber so richtig Lust haben wir nicht dazu.

„Und euch?", hake ich deshalb weiter nach. Cathy zuckt mit den Schultern, zumindest so gut es ihr im Liegen möglich ist.

„Komisch", gibt sie zu, „aber wir werden uns schon daran gewöhnen. Er ist ja nicht tot oder so."

Stimmt auch wieder.

„Und wie…", aber ich kriege meinen Satz nicht zu Ende, weil sich in dem Moment meine Zimmertür öffnet und Grace im Türrahmen steht.

„Hallo kleine Schwester", grüßt sie fröhlich, „und Cathy, schön dich zu sehen."

Sie kommt herein, umarmt erst mich, dann Cath, die sich auf dem Bett aufgesetzt hat und Grace nachdenklich beobachtet, und ich kann nicht sagen, was es ist, aber irgendetwas an Grace sieht verändert aus.

Diese zwei Monate in Glen scheinen also nicht ganz spurlos an ihr vorbeigegangen zu sein.

„Mum und Dad mussten noch irgendwas erledigen, sie sind direkt vom Hafen aus weitergefahren, ich habe mich hier absetzen lassen", erklärt Grace gerade und setzt sich neben Cathy aufs Bett.

Hin sind Mum und sie nämlich mit einem so genannten Flugboot geflogen, was ziemlich abenteuerlich klingt und wohl auch eine einprägsame Erfahrung sein soll, aber sonst wären sie nicht rechtzeitig zur Beerdigung dagewesen. Zurück ging es dann aber ganz schnöde per Schiff.

„Wollte ja mal fragen, wie es auch so ergangen ist", fährt Grace gerade fort, „wie ist die Schule?"

Sie grinst bei dem letzten Satz, muss uns unter die Nase reiben, dass sie schon fertig ist und wir noch 3 Jahre vor uns haben, aber Cathy strahlt sie nur an und nimmt ihr damit den Wind aus den Segeln.

„Sie macht Spaß, wie immer", erklärt sie dann mit totaler Überzeugung, nur um sehr schnell das Thema zu wechseln, „wie war es in Glen?"

Grace lächelt weiterhin. „Nett. Und im Lake District?", gibt sie dann die Frage zurück.

„Nett", erwidert Cathy nur, ebenfalls die Ausgeburt von Freundlichkeit.

Die zwei geben sich echt nichts.

„Erzähl schon, Grace, wie war es?", schalte ich mich ein, weil damit beide das Gefühl haben, gewonnen zu haben und das ist für alle Beteiligten einfacher.

Grace sieht zu mir hinüber, setzt sich dann bequemer hin, macht eine kleine Kunstpause, bevor sie anfängt zu erzählen.

„Also, die Beerdigung war sehr traurig, aber irgendwie auch… ‚schön' kann man ja eigentlich nicht sagen, aber irgendwie war es das. Versteht ihr?", Grace wirft einen kurzen Blick von mir zu Cathy und zurück und pflichtbewusst nicken wir beide.

„Ansonsten war es nett, die ganze Familie mal wieder zu sehen", fährt Grace fort, „Matt ist immer noch so… nun…" Sie bricht ab, auf der Suche nach einem Wort, das Matt beschreibt ohne dabei allzu gemein zu sein.

„Großkotzig?", bietet Cathy unschuldig lächelnd an.

Grace macht eine vage Kopfbewegung, die klar macht, dass sie eigentlich mit Cath übereinstimmt, aber es ihr Wesen nicht zulässt, das laut auszusprechen, bevor sie den Satz aufnimmt, wo sie ihn eben abgebrochen hat: „…wie immer, aber Nan und Jerry sind richtig süß. Es ist echt tragisch, dass sie nach Matt kein gesundes Baby mehr hatten."

„Kein gesundes Baby?", wiederhole ich, stirnrunzelnd, „ich dachte, sie hätten nach Matt gar kein Kind mehr gehabt."

Cathy nickt, stimmt offensichtlich mit mir überein.

„Nan hatte wohl mehrere Fehlgeburten, ziemlich schwierig für sie", erklärt Grace, „aber das wisst ihr nicht von mir!"

„Natürlich nicht", Cath hebt eine Hand zum Schwur und dass wir alle drei lachen müssen, lockert die Atmosphäre spürbar auf.

„Nun, wie dem auch sei…", für einen Moment sucht Grace ihren Faden, „Nell und Becky sind echt eine niedlicher als die andere, das kann ich euch sagen. Sie sind unterschiedlich wie Tag und Nacht, Nell so still und ernst und Becky total freundlich und lieb, aber beide total süß, jede auf ihre Art."

„Ja… und die anderen?", hakt Cathy nach, als Grace kurz zögert. Cath kann mit kleinen Kindern halt nur wenig mehr anfangen als ich.

„Una ist wie immer die Freundlichkeit in Person und Rob ist noch verschrobener, als ich ihn in Erinnerung hatte. Echt komischer Kerl… aber er scheint Una und Nell gut zu behandeln, also will ich nicht urteilen."

Das entlockt mir ein Grinsen. „Wann willst du das jemals, Miss Diplomatie?"

Grace lächelt ebenfalls, fährt dann aber fort: „Sophie war echt riesig. Ich schwöre, da kann nicht nur ein Baby drin sein. Ich persönliche tippe ja darauf, dass das die zweiten Drillinge in der Familie werden. Sie hat mir echt Leid getan. Und Bruce war zwar echt nett, aber zu nichts zu gebrauchen. Sagt Sophie ja selbst."

„Männer halt", nickt Cathy, ganz abgeklärt, als wäre das ein Thema, bei dem sie auf jeden Fall mitreden könne, und fordert Grace dann mit einer Handbewegung auf, fortzufahren.

„Hm, was noch?", überlegt die, „Shirley habe ich nur ganz kurz gesehen. Er hat wie immer kaum was gesagt, aber ganz unter uns, ich verstehe nicht, warum der nie geheiratet hat. Ich meine, er sieht auf jeden Fall mal richtig gut aus. Vor allem für sein Alter. Er ist ja auch schon über vierzig, aber aussehen tut er viel jünger."

Für einen Moment ist sie nachdenklich, fügt dann hinzu: „Wobei es vielleicht daran liegt, dass er als Pilot ja ständig unterwegs ist. Seine Frau wäre sicher sehr einsam… wobei man manchen Männern ja manche Dinge leichter verzeihen würde…"

„Okay…", ich werfe Cathy einen skeptischen Blick zu, den sie erwidert.

„Nächstes Thema", verlangt sie dann und ich muss sagen, ich bin erleichtert.

Grace grinst, nickt aber: „Für Großvater John war es glaube ich am schwersten. Ist ja schon die zweite Frau, die er begraben muss. Es war echt schwer, ihn so alleine im Pfarrhaus zurückzulassen. Ich meine, Carl wohnt ja nur noch theoretisch da, er war auch nur kurz für die Beerdigung da. Und jetzt wo Nan und Jerry nicht mehr in Glen wohnen…"

„Hm?", unterbreche ich sie, um eine Ausführung dieser Information zu kriegen.

„Ach, habe ich das noch gar nicht erzählt?", Grace wirkt überrascht, „Jerry hat einen Job als Schulleiter an einer Schule in Charlottetown bekommen, die er jetzt im September angefangen hat. Mum und ich haben ein bisschen beim Umzug geholfen."

Cathy nickt gelangweilt.

Grace bemerkt es entweder nicht oder will es nicht bemerken: „Sie haben ein echt niedliches kleines Haus, Wayside. Ganz gelb und mit einem weißen Gartenzaun und blauen Fensterrahmen und einem roten Schindeldach…"

Gähn.

„Und Matt war echt froh", fährt Grace fort, „er fand ja schon lange, dass in einem ‚Nest' wie Glen seine natürlichen, gottgegebenen Begabungen nicht zur Entfaltung kommen können."

Oho. Sarkasmus. Das war für Graces Verhältnisse richtig fies gerade.

„Wie geht es unseren Großeltern? Blythe, meine ich", erkundigt Cathy sich jetzt, obwohl grinsend über den Kommentar Matt betreffend. Er war aber auch zu passend.

„Ganz gut eigentlich. Sie werden nicht jünger, aber sie halten sich", antwortet Grace etwas nachdenklich, lächelt dann, „und sie sind immer noch verliebt ineinander. Richtig süß. Ich wünsch mir nur…"

Sie bricht ab, sieht auf ihre Hände und dann passiert etwas, dass ich noch nie habe miterlebten dürfen.

Grace, meine Schwester Grace, die perfekte Grace, läuft rot an.

Feuerrot.

„Grace?", fragte Cathy nach einigen Augenblicken vorsichtig und berührt sie an der Schulter.

Meine Schwester sieht kurz auf, immer noch mit sehr roten Wangen und bringt ein steifes Lächeln zustande. Aber sie wirkt ziemlich nervös, begegnet Cathys Blick nicht und ringt die Hände im Schoß.

„Ist… ähm… ist was los?", erkundige ich mich, was vielleicht jetzt nicht die richtige Frage ist, aber was besseren fällt mir halt so schnell nicht ein.

„Naja… ich… also, ich habe… habe…", beginnt Grace, zögert dann aber und beißt sich auf die Unterlippe. Ein Bild von Unsicherheit.

Zum Teufel, was hat sie gemacht? Doch nicht… doch nicht… oh Gott!

Cathy scheint ähnlichen Gedanken zu folgen, denn ihre Augen weiten sich gerade erschrocken und sie schlägt eine Hand vor den Mund.

„Grace, hast du… ich meine… du hast doch nicht… naja… du hast nicht… du weißt schon…", hilflos hebt sie die Hände, verschränkt sie dann und wirft mir einen Blick zu.

Für einen Moment hängen die Worte zwischen uns, dick und klebrig und bedeutungsvoll, während Grace von Cath zu mir sieht und zurück und dann endlich begreift.

„Nein! Himmel, nein, nein, nicht das. Nein! Das nicht", heftig schüttelt sie den Kopf und die Erleichterung in Cathys Gesicht muss in dem meinem gespiegelt sein.

„Aber… was ist dann?", fragt Cath, die sich früher gefangen hat als ich, und betrachtet Grace neugierig, als stände die Antwort auf ihrer Stirn.

Grace zögert, seufzt, strafft dann die Schulter und sieht erst Cathy an, dann mich. „Könnt ihr… ein Geheimnis für euch behalten? Egal, was kommt?", erkundigt sie sich dann.

Das wird ja immer mysteriöser.

„Versprochen", erwidere ich und Cath nickt mehrfach. Jetzt sind wir beide neugierig.

„Also, es ist so", Grace holt tief Luft, „als ich in Glen war –"

Ein Klopfen an der Tür unterbricht sie und einige Augenblicke später steckt Mum den Kopf in mein Zimmer.

„Beth, Liebes", sie lächelt, tritt dann ein und streckt mir die Arme entgegen.

Für einen Moment ist Grace vergessen, als ich so schnell wie möglich vom Bett herunter springe, zu Mum laufe und sie fest umarme. Es war schön mit den Fords, aber Mum ist nun mal Mum.

Da macht man nichts.

„Cathy, wie nett dich zu sehen", grüßt Mum Cath, nachdem ich sie losgelassen habe, „habt ihr auch gut auf meine Tochter aufgepasst?"

„Immer doch, Faith", gibt Cathy grinsend zurück, kommt dann ebenfalls näher, um Mum zu begrüßen. Die beiden kommen ähnlich gut miteinander aus wie ich und Rilla.

Es ist der Moment, in dem ich mich umdrehe und einen Blick auf Grace wage, die immer noch auf meinem Bett sitzt und nachdenklich aus dem Fenster auf unseren Hinterhof starrt. Ihr Gesicht ist verschlossen und ich weiß plötzlich sicher, dass sie entscheiden hat, das, was sie uns anvertrauen wollte, jetzt doch für sich zu behalten.

Was hat sie nur angestellt, das so schlimm ist, dass sie niemandem davon erzählen kann?