Kapitel 6 Letzte Befehle
Der Pinsel ist dem Schwert an Stärke überlegen.
Das gesprochene Wort ist aber noch stärker als der Pinsel.
Unbekannt
Severus Snape saß in seiner Wohnung und wartete. Im machte dies nichts aus, er konnte warten, lange warten sogar. Minuten, Stunden, Tage, Wochen, ja sogar Monate wenn es die Zeit zuließ. Selten jedoch war er so unruhig wie an diesem Tag. Er hatte sie gewarnt, die Potters würden verschwinden und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der Fidelius-Zauber war einer der schwersten und kompliziertesten Zauber, die bekannt waren. Er verbarg ein Geheimnis im Inneren einer lebenden Seele, das Geheimnis war damit unauffindbar. Die Potters würden dieses Geheimnis sein, Voldemort könnte an ihnen vorbei gehen und sie nicht wahrnehmen, da sie nur noch als Geheimnis in dieser menschlichen Seele wahrzunehmen waren. Natürlich würde Voldemort den Geheimnisträger jagen und wenn er ihn in die Finger bekommen würde, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser sprach. Doch bis dahin war wieder Zeit gewonnen, ein Stück Zukunft für die Familie Potter. Snape legte sich auf seine alte Matratze auf den Boden, wieder etwas Zeit dem Schicksal abgerungen! Müde schloß er die Augen, er brauchte etwas Ruhe, es schien als ob Voldemort genug hatte von den ewigen Kleinigkeiten, jetzt wollte der Lord mehr und Größeres vollbringen. Doch dazu mußte er Dumbledore aus dem Weg schaffen, die toten Freunde und Informanten würden dem Schwarzmagier den Weg ebnen.
Severus konnte nicht schlafen, irgendwo tief in sich ahnte er, dass seine Zeit nun langsam ablief. Was vorher irgendwie weit weg schien, rückte nun näher und näher. Er würde alle Kraft gebrauchen, um noch genug Informationen zu Dumbledore zu bringen. Dann würde Dumbledore einen neuen Informanten finden müssen.
Etwas Großes flatterte an diesem Abend in seine Wohnung. Snape, der nicht geschlafen hatte, sah die große Waldeule überrascht an. Er bekam nie Eulenpost! Die Eule hielt ihm wohl erzogen das Bein hin, auf dass er ihr den Brief abnahm. Snape löste das Band und die Eule schwang sich auch schon wieder in die Lüfte und verschwand durch das offene Fenster.
Immer noch überrascht öffnete Snape den Umschlag und holte den Brief hervor.
iSeverus ich möchte mit dir sprechen! Bitte komm nach Einbruch der Dunkelheit in unser altes Haus. Ich werde im Garten warten.
Lily/i
Snape las die Zeilen immer und immer wieder. Warum wollte sie ihn sprechen? Seit dieser Weihnachtsnacht hatte er sie nicht mehr gesehen. Er warf einen Blick aus dem Fenster, es war schon so gut wie dunkel und er hatte keine Zeit mehr. Geschmeidig wie eine Raubkatze kam er auf die Beine, zog sich einen Umhang über und apparierte zu dem alten Haus der Potters. Wie damals schlich er über die Einfahrt des Nachbarn in den Garten der Potters. Snape beobachtete hinter einem Baum wie mehrere Menschen im Haus umher liefen. War die Frau verrückt?! Er konnte entdeckt werden! Er sah James wie er Kisten verfrachtete und sie über Flohnetzwerk zu ihrem neuen Heim brachte. Da kam eine Gestalt, die Snape gar nicht mochte, Sirius Black. Sollte ER der Geheimniswahrer der Potters werden? Da trat Lily auf die Veranda, sie trug ein kleines Bündel mit sich.
"Ja James, ich werde auf mich achten, keine Angst!" rief sie in das Haus.
Er drückte sich fester an den Baum, wenn Sirius oder James ihn jetzt sahen war er tot. Lily ging in den Garten und wanderte scheinbar ziellos umher, bis sie nahe an dem Baum kam wo sich Severus versteckt hielt.
"Severus?" flüsterte sie in die Dunkelheit.
Snape trat hervor und verbeugte sich leicht vor Lily Potter. "Es war dein Wunsch mich zu sehen?" raunte er leise.
Die Frau seufzte schwer. "Ja, ich hätte nicht gedacht, dass du kommst!"
Snape sah auf und erwiderte ruhig. "Letztes Jahr wünschte ich mir ein Gespräch und diesem Wunsch wurde nachgekommen. So ist dies nur gerecht!"
Lily starrte Snape an, sie hatte Angst. Angst um Harry, Angst um James, Angst um Sirius, der ihr Geheimnisbewahrer werden würde. Sie fürchtete sich zu Tode. In letzter Zeit hatte sie schlecht geschlafen, sorgte sich um ihre Zukunft und um die von ihrer kleinen Familie. James hatte an diesem Tag Dumbledore einen von seinen wertvollsten Besitztümern mitgegeben. Den Tarnumhang. Der Direktor von Hogwarts hatte anfangs abgelehnt, gemeint, dass James in Harry selber schenken sollte wenn die Zeit reif war. Doch James hatte darauf bestanden. Es war irgendwie eine Art von Absicherung für ihn, genauso wie das verhexte Testament, das sie Dumbledore mitgegeben hatten. Bis jetzt hatte jedoch nur James sich abgesichert, wie konnte sie sich absichern, Lily Potter? In all dem Durcheinander hatte sie eine Idee, sie war verrückt ja sogar gefährlich. Aber es war für sie wichtig geworden. Sie trug Harry in ihren Armen, ihr Sohn schlief bereits. Lily drückte ihn an sich und sah den Todesser an. Dieser erkannte was das Bündel war und wirkte plötzlich leicht verstört.
"Ist das Harry?" krächzte er.
"Ja da ist er", sagte Lily stolz und ging noch näher an Snape heran. Bis er in das Bündel sehen konnte. Mit einer Eleganz und Vorsicht, die Lily dem Mann nicht zugetraut hätte, beugte er sich über das Bündel und sah den Jungen an. Für den Bruchteil einer Sekunde war die kalte, unterwürfige Maske von Snape abgefallen. Er wirkte ruhig, ja fast wie ein Vater, der seinen eigenen Sohn betrachtete. Lily sah Severus überrascht an. "Möchtest du ihn halten?"
Snape zuckte zurück, sah sie voll Schrecken an und hob abwehrend die Hände. "Nein."
Lily runzelte die Stirn.
"Ich kann das nicht! Ich verletze ihn nur", wehrte er ab.
Lily hörte nicht darauf, in die noch ausgestreckten Arme legte sie das kleine Bündel an menschlichem Leben. Es war ihr wichtig, dass er erkannte um was es ihr ging.
Snape spürte augenblicklich das Gewicht des Kindes in seinen Armen. Instinktiv hielt er es fest. Er spürte wie sich der Junge leicht bewegte und er verlagerte das Gewicht des Kindes in seinen Armen. Nur nicht aufwecken! Warum tat sie ihm das an? Er mußte reichlich verwirrt und zu tiefst erschocken wirken, aber Lily lächelte ihn nur an. Snape sah wieder auf das Kind in seinen Armen. Es sah so friedlich aus.
"Dumbledore hat mir gesagt, dass du den entscheidenden Tip gegeben hast. Dass Voldemort nun uns will, um an Dumbledore zu kommen", sagte sie leise.
Snape nickte und legte schützend eine Hand um den Kopf des Kindes, es war eine kalte Nacht.
"Severus ich....", sie stockte, setzte sich in das kalte Gras und sah zu ihm auf, "ich weiß nicht wie ich es sagen soll!"
Severus war es unangenehm, dass Lily zu ihm aufsehen mußte und so ging er in die Knie. Mit dem Kind in den Armen war es schwer aber nicht unmöglich. War das so wenn Hagrid mit ihm sprach? Wenn er nicht wußte wie er etwas ausdrücken sollte? Der Halbriese zeichnete sich durch eine ungeheuere Geduld aus. So geduldete er sich bis Lily es schaffte zu sagen was sie wollte.
Snape merkte nicht wie er unbewußt das Kind in seinen Armen wiegte, bis er wieder dieses Lächeln von Lily sah.
"Für jemanden der meint kein Kind halten zu können machst du das sehr gut", flüsterte sie und in ihren Augen glomm etwas wie Stolz.
Snape sah wieder auf Harry. Sie lenkte ab, versuchte Zeit zu gewinnen. Wie oft hatte er versucht Zeit zu gewinnen wenn er mit Hagrid sprach. Sie würde schon auf den Punkt kommen. So lange Voldemort nicht rief hatte er etwas Zeit.
"Du gehörst nicht mir", sagte sie nach einer Weile.
Severus wartete. Es stimmte, er gehörte Dumbledore.
"Ich kann dir nichts befehlen." Lily sah ihn an und schluckte schwer. "Ich bin normalerweise nicht so ein Mensch, verstehst du? Aber alle sichern sich ab! James hat Sirius. Ich habe normalerweise Dumbledore... aber ich kann das nicht zu ihm sagen. Nicht so wie ich will."
Sie schwieg für einen Moment, Harry bewegte sich in seinen Armen. Snape drückte das Kind leicht an seine Brust.
"Es geht um Harry", sagte sie schließlich.
Langsam verstand Snape, wenn es um ihre Kinder ging waren Frauen zu vielem fähig. Sie konnten zu Mördern werden oder zu wahren Furien! Sie taten alles, nur um das Beste für ihre Kinder zu sichern. Lily stand auf und begann vor ihm auf zu ab zu wandern.
"Ich weiß nicht wie ich es in Worte ausdrücken soll. Es ist mir so wichtig und auf der anderen Seite so zuwider!" sagte sie verzweifelt.
Snape blieb auf dem Boden knien, immer noch das Kind in den Armen. Er ließ der Frau Zeit, es ging um die Zukunft des Kindes. So viel verstand er.
Plötzlich ging Lily vor Snape in die Knie und sah ihm tief in die Augen. "Severus, ich möchte dir einen Befehl geben!" brachte sie hervor.
Er blinzelte verwirrt. Die Frau, die genau DAS nicht in ihm sehen wollte oder konnte, sie wollte etwas Absolutes, ohne Wiederspruch, er ahnte nur ansatzweise wie schwer es für sie war, das zu sagen.
"Ja, einen richtigen Befehl und ich möchte, dass du ihn ausführst und wenn es dich das Leben kostet!" zischte sie und ihre Stimme hatte einen gefährlichen Klang angenommen. "Jetzt kannst du noch ablehnen. Aber wenn du annimmst...!"
Snape sah auf Harry und dann wieder in diese grünen Augen. Sie meinte es wirklich ernst. Ganz langsam nickte er, er würde den kommenden Befehl ausführen und Lily würde sicher sein, dass er ihn ausführen würde.
"Ich befehle dir Harry zu beschützen, mit deinem Leben, sollte mir und James etwas geschehen. Du wirst ihn zwar nicht zu dir nehmen können, da er zu Verwandten von mir oder zu Sirius kommen wird. Aber es wird die Zeit kommen wo er deine Hilfe brauchen wird, verwehre sie ihm nicht! Das ist mein Wille, mein Wunsch, mein Befehl!"
Severus bemerkte, dass ihre Stimme nicht gezittert hatte, er spürte die Kraft, die hinter diesem Befehl stand. Er haßte James, für seine Arroganz für sein freies Leben, er haßte Sirius für seine Überheblichkeit. Aber was konnte schon das Kind dafür? Er verstand, es handelte sich um die Absicherung von Lily Potter und gegen sie hegte er keinen Groll. Für diese Frau war es die einzige Möglichkeit über ihren Tod hinaus einen Beschützer zu hinterlassen. Wenn er sie überlebte. Auch wenn er ihr nicht gehörte, so verstand er diesen Befehl und war bereit ihn auszuführen.
"Ich höre und gehorche Herrin", flüsterte er. Er verlagerte das Kind in seinen Armen, bis er eine Hand frei hatte und strich sanft über dessen Kopf. "Ich werde ihn beschützen und wenn es seinen muß mit meinem Leben."
Er sah wieder in das Gesicht vor sich und Lily weinte. Es schien als ob sie Dumbledore verstanden hatte. Vorsichtig gab er ihr das Baby zurück, sie hielt den kleinen Harry fest an ihre Brust gedrückt und schluchzte leise. Snape kniete immer noch und wartete. Da erhob sie sich und ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. "Bleib am Leben für uns Severus! Und pass auf dich auf!"
Ihre grünen Augen waren ganz rot.
Severus gestattete sich ein Lächeln, oft hatte er beobachtete, dass es Hagrid besser ging, wenn er ihn anlächelte. So war es auch bei Lily, sie wirkte weniger angespannt.
"Wie Ihr wünscht. Ich werde versuchen am Leben zu bleiben", sagte er. Lily drehte sich um und eilte zurück in das Haus. Snape erhob sich langsam und ging aus dem Garten der Potters. Er bemerkte nicht mehr wie eine vierte Gestalt in das Haus kam und James freudig rief: "Hallo Peter!"
