Ein ganz liebes Dank an Natze0, SteFFi und couchkartoffel, die mir ganz tolle Reviews geschrieben haben!


Sunrise

by CarpeDiem

Chapter seven: Marionetten

7

Eine dicke, gleichmäßige Schicht aus dunklen, grauen Wollen bedeckte den ganzen Himmel über Florenz und machte es der Sonne unmöglich auch nur einen winzigen Strahl in die Gassen zwischen die hohen, alten Häusern zu werfen. Die Altstadt von Florenz besaß einen äußerst malerischen Kern, und man hatte Wert darauf gelegt, dass die alten Häuser gepflegt aussahen, um eine schöne Kulisse für die Fotographien der unzähligen Touristen zu bieten. Im strahlenden Sonnenschein hätten diese Häuser vermutlich noch um einiges schöner ausgesehen, doch dann wäre es Alice und Edward unmöglich gewesen, sich draußen aufzuhalten, und so wie jetzt durch die Straßen zu laufen. Im Grunde fehlte mir die Sonne nicht wirklich, ich hatte mich in Forks bereits daran gewöhnt, sie kaum zu Gesicht zu bekommen, doch ich konnte einfach nicht umhin zu bemerken, dass sie das Einzige war, das der perfekten Kulisse der alten Häuser fehlte.

Ich war erst das zweite Mal in Italien, doch die Bauweise war die Selbe wie in Volterra und ohne, dass ich genau wusste warum, fühlte ich mich zwischen den Häuserreihen in die Ecke getrieben. Hier in Florenz gab es jedoch keinen Grund für diese Gefühle - ich sollte sie mir besser für den Moment aufheben, da die hohen Stadtmauern von Volterra in Sicht kommen würden.

Vielleicht entstand dieses Gefühl aber auch nur deswegen, weil die Blicke aller Leute, die uns begegneten, unweigerlich einen Augenblick an uns hängen blieben, wenn sie an Alice, Edward und mir vorbei gingen. In manchen Gesichtern konnte ich Neugier sehen, in anderen Bewunderung, aber keiner schaffte es ganz, die Eifersucht in ihren Blicken zu verbergen. Ich konnte sie ohne die geringsten Schwierigkeiten verstehen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich selbst diese wunderschönen Wesen mit staunenden Blicken bedacht, doch nun war ich eine von ihnen, und auch wenn meine Züge nicht ganz so perfekt waren, wie Edwards engelsgleiche Konturen, und ich mich nicht mit der gleichen Perfektion bewegen konnte, wie Alice, so wirkte ich doch auf die Menschen anders, und unbegreiflich schön.

Der Flug nach Florenz hatte unfassbar lang gedauert, und Edward hatte über mich gelacht, als ich während der Zwischenlandungen am Flughafen von Anchorage, New York und Paris alle paar Minuten gefragt hatte, wann unsere Anschlussmaschine endlich starten würde. Bereits die paar Tage unter Vampiren hatten ausgereicht, um mich auf eine Weise von den Menschen zu entfernen, die ich niemals für möglich gehalten hätte. In der Welt der Menschen, die noch vor einer Woche die meine gewesen war, verging alles so unglaublich langsam, und ich fragte mich, wie die anderen es aushielten sich diesem Rhythmus anstandslos anzupassen. Das war wohl etwas, das Edward mir eindeutig voraus hatte: Geduld.

Die Warterei während der Flüge hatte mich beinahe um den Verstand gebracht, und Edward und Alice hatten alle Hände voll zu tun gehabt, um mich wie ein kleines Kind abzulenken und mir die Warterei etwas erträglicher zu machen. Ich hatte wirklich Mitleid mit ihnen gehabt. Dazu kam noch, dass ich aus Lageweile eine Dose Cola nach der anderen getrunken hatte, und erst auf der Strecke von New York nach Paris endlich eingeschlafen war.

Doch auch während ich schlief, hatte die Zeit kein Erbarmen gezeigt, und war keine Sekunde schneller vergangen, als zuvor. Nach dazu war gekommen, dass ich mich ebenfalls in dieser langsamen Geschwindigkeit bewegen musste, und das fiel mir ziemlich schwer. Sobald ich mich auch nur eine Sekunde nicht darauf konzentriert hatte, waren meine Bewegungen schneller geworden, und ich hatte mehrere Stewardessen das eine oder andere Mal zusammen zucken lassen, wenn ich etwas getan hatte, das zu schnell für ihre Augen gewesen war. Edward hatte dann immer die Augenbrauen zusammen gezogen und gemeint, dass es vermutlich zu früh gewesen war, mich in die Nähe von Menschen zu bringen. Doch angesichts der Mengen an Cola, die ich in mich hineingeschüttete, waren die Stewardessen wohl etwas nachsichtig mit mir, und schrieben meine Ungeduld und Hektik wohl dem Koffein zu.

Aber Edward hatte Recht gehabt, was den verfrühten Umgang mit Menschen anging, das war mir bereits klar geworden, als ich versucht hatte, während des ersten Fluges mit einer kleineren Maschine nach Anchorage, meinen Lehne zu verstellen, und dabei versehentlich das kleine Rädchen an der Seite des Sitzes abgebrochen hatte. Aber von da an war ich vorsichtiger geworden mit den Dingen, die ich anfasste. Erst jetzt wurde mir wirklich klar, wie viel Kontrolle Edward immer hatte aufbringen müssen, wenn er mit mir zusammen gewesen war.

Als Edwards kleines, silbernes Handy vor beinahe zwei Tagen angefangen hatte auf dem Küchentisch zu vibrieren, war ich fast an die Decke gesprungen, und hätte ich nicht jedes Wort von Carlisle auch noch aus mehreren Metern Entfernung verstanden, wäre ich vor Nervosität verrückt geworden. Er hatte Anastasia in ihren Anwesen in England gefunden, und sie hatte ohne lange zu zögern eingewilligt, uns zu den Volturi zu begleiten. Die Gründe dafür waren genau die gewesen, die Carlisle voraus gesagt hatte, Langeweile.

Sie hatte vorgeschlagen sich in Florenz zu treffen, da sich dort der nahe gelegenste Flughafen von Volterra aus befand, und von dort aus mit dem Auto in die Stadt der Volturi zu fahren. Carlisle hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt, aber er hatte es für das Beste gehalten, wenn Alice mich und Edward begleiten würde, nur für alle Fälle.

Als wir um die nächste Ecke bogen, kam das Café, in dem wir uns verabredet hatten, in Sicht, und meine Augen huschten über die Gäste unter der grünen Markise, bis ich Carlisle gefunden hatte und mein Blick an dem Mädchen hängen blieb, das ihm gegenüber am Tisch saß.

Aus irgendeinem Grund hatte ich mir Anastasie Gray anders vorgestellt, obwohl ich mich mittlerweile eigentlich daran gewöhnt haben sollte, dass die Vampire mit den mächtigsten Talenten meist die kleinsten und zierlichsten ihrer Art zu sein schiene. Anastasia machte da keine Ausnahme. Sie war schwer einzuschätzen und die dunkle Sonnenbrille, die ihre Augen verdeckte, machte es noch komplizierter, aber sie war sehr klein und wirkte sehr kindlich und ich schätzte, dass sie kaum älter als elf oder zwölf gewesen sein konnte, als sie gebissen wurde. Eine grauenvolle Vorstellung einem Kind in diesem Alter so etwas an zu tun, doch vor fünfhundert Jahren wäre sie damit bereits verheiratet worden.

Ich achtete kaum auf meine Schritte, während ich neben Edward immer näher auf das Café zu ging, und noch vor ein paar Wochen hätte es mir vermutlich unglaubliche Schwierigkeiten bereitet, so wie jetzt gedankenverloren über das unebene Pflaster zu gehen, und einige der höheren Steinplatten hätte es ohne Weiteres geschafft, mich zu Fall zu bringen. So jedoch konnte ich mich ganz auf Anastasia Grays unerwartete Erscheinung konzentrieren. Auf den ersten Blick sah ich ein Kind auf dem Stuhl sitzen, doch schon beim zweiten Blick wurde dieser Eindruck auf seltsame Weise gestört.

Wie alle Vampire war sie wunderschön, doch Anastasia Gray strahlte diese Schönheit auf ihre ganz spezielle Weise aus. Ihre Nase war vollkommen gerade und ihr Mund mit den vollen, sinnlichen Lippen, der fast zu klein für ihr Gesicht erschien, verliehen ihren Zügen eine kindliche und verspielte Unreife, die jedoch durch ihren Körper, und vor allem ihre Augen, die ich mühelos unter der dunklen Sonnenbrille erkennen konnte, vollkommen zerstört wurde. Ihr Körper war der einer jungen Frau mit zarten Kurven an genau den richtigen Stellen, die dort eigentlich nicht hingehörten. Aber der Ausdruck, mit dem sie mich durch die dunklen Gläser ansah, war geradezu schockierend. Es waren die Augen einer alten und weisen Frau, doch sie sahen mich aus dem Gesicht eines Kindes heraus an. Und als wäre das nicht genug, sah man ihr eine leidenschaftliche Angriffslustigkeit an, die sich wohl kein Kind in ihrem alter leisten konnte, und die diesen verwirrenden Kontrast perfekt machte.

Rosalie mochte der Inbegriff von klassischer Schönheit sein, aber Anastasia Gray mit ihren tintenschwarzen Haaren und ihren roten Lippen, war trotz oder gerade wegen ihrer Jungend die pure Versuchung, wie sie die Hölle nicht verführerischer hätte darbieten können.

Mein Blick kehrte jedoch schnell zu ihren Augen zurück, denn erst jetzt fiel mir auf, dass ich Edward eine Frage über diesen Vampir nicht gestellt hatte, und wegen der dunklen Sonnenbrille hinter der ihr zwar ihre Augen, aber nicht die Farbe ihrer Iris sehen konnte, konnte ich mir diese Frage nun nicht selbst beantworten. Aus irgendeinem Grund hatte ich es für selbstverständlich gehalten, dass ihre Iris wie flüssiges Karamell schimmern würde, ohne für einen Moment lang in Betracht zu ziehen, dass es viel wahrscheinlicher war, dass sie feuerrot sein würden.

„Edward?", fragte ich, während wir die Straße entlang auf das Café zugingen, und Edward drehte den Kopf zu mir.

„Ist Anastasia Gray auch … Vegetarier?"

Obwohl ich so leise gesprochen hatte, dass es unmöglich war, dass mich jemand anderer, als Edward oder Alice gehört haben konnte, benutzte ich ihren kleinen Insiderwitz.

„Nein. Carlisles Sicht der Welt hat sie zwar damals sehr beeindruckt, aber sie hat die Jagd auf die Menschen erst vor etwa einhundert Jahren aufgegeben. Seit dieser Zeit lässt sie sich allerdings von diversen Blutbanken beliefern."

Ich runzelte die Stirn, als ich Anastasia erneut ansah, nun in dem Wissen, dass sich hinter der Fassade des kindlichen Körpers eine gerissene Mörderin versteckte, und dieses Wissen ließ mich frösteln. Zwar konnte ich die Farbe ihrer Augen nicht sehen, doch nun wusste ich, dass ihre Iris unter den dunklen Brillengläsern rot war. Ich fragte mich was sie getan hatte, dass Carlisle ihr vertraute. Als Edward die Ablehnung in meinem Blick bemerkte, sah ich einen Augenblick lang etwas wie Befriedigung in seinen Augen. Ich dachte jedoch noch über etwas anderes nach, und obwohl ich es nicht ernsthaft in Betracht zog, beantwortete Edward dieser Frage, bevor ich sie gestellt hatte.

„Wir tun es nicht, weil es unserer Überzeugung wiederspricht."

Ich nickte nur. Weitere Fragen waren nicht möglich, ohne unhöflich zu sein, denn wir waren bereits so nahe, dass Anastasia und Carlisle uns gehört hätten. Doch noch hatten sie uns nicht bemerkt, und so bekam ich noch einen Augenblick lang die Gelegenheit die beiden zusammen zu beobachten. Anastasia hatte sich mit ihren Ellbogen auf dem Tisch abgestützt und lachte gerade über etwas, das Carlisle gerade gesagt hatte und ich konnte nicht umhin die Blicke zu bemerken, mit denen sie ihn bedachte. Und mit einem Mal wurde mir klar, warum Anastasia Gray Carlisle wohl keine Bitte abgeschlagen hätte. Sie begehrte ihn. Das erklärte dann auch, warum Esme sich so eigenartig verhalten hatte, als Carlisle nach England geflogen war. Doch Carlisle verhielt sich wie der perfekte Gentleman und ich bezweifelte sehr stark, dass Anastasia ihn mit irgendetwas dazu bringen könnte, zu vergessen, dass er Esme liebte. Und so wie sie ihn ansah, wusste sie das auch.

Als wir an den Tisch kamen, stand Carlisle auf, um uns zu begrüßen, während Anastasia sitzen blieb, und mich unverhohlenem Interesse musterte. Sie begrüßte zuerst Alice und dann Edward mit einem höflichen Nicken, doch im Gegensatz zu Alice machte sich Edward nicht die Mühe seine Aversion gegen sie zu verbergen. Bei Alice konnte ich jedoch nicht sagen, ob sie lediglich besonnener war, als ihr Bruder, oder ob sie tatsächlich nichts gegen Anastasia hatte. Erst nachdem wir uns gesetzt hatten, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf mich, und ich konnte wahrhaftige Neugier in ihrem Blick erkennen.

„Ich freue mich dich kennen zu lernen, Bella. Ich muss sagen, ich war sehr neugierig auf dich und du enttäuscht mich keinesfalls", sagte Anastasia und ihre glockenhelle Stimme versetzte mir beinahe einen Schock. Es war die freundliche, aber arrogante Stimme eines naiven Kindes, das gewohnt war zu bekommen was es wollte - auf die eine oder andere Weise. Doch ich wusste, dass dieser Schein ganz gewaltig trog.

Einen Moment lang sah sie mich an, und ich vermutete, dass sie gerade versuchte ihre Kräfte bei mir einzusetzen. Selbstverständlich funktionierte es nicht und ich erwartete, dass sie diese Tatsache ebenso wütend machen würde wie Jane damals, doch das war nicht der Fall. Sie schüttelte lediglich verwundert den Kopf und echte Faszination war in ihrem Blick zu erkennen.

„Es ist erstaunlich", meinte sie dann, „ ein Wesen wie du ist mir noch nie begegnet. Und ich muss sagen Edward hat einen wirklich exzellenten Geschmack."

Ich sah sie bewusst tief einatmen.

„In jeder Hinsicht."

Neben mir ließ Edward ein leises, aber bedrohliches Knurren hören, und wäre ich noch immer ein Mensch gewesen, wäre dieses Knurren vermutlich noch um einiges lauter ausgefallen. Obwohl ich mittlerweile daran gewöhnt sein sollte, zuckte ich angesichts dieses wütenden Geräusches kurz zusammen. Anastasia hingegen lachte, amüsiert und silberhell.

„Ich entschuldige mich Edward, und auch bei dir sollte ich mich wohl entschuldigen, Bella, aber ich konnte nicht widerstehen. Du must früher sehr anziehend gerochen haben, auch wenn dein Geruch gewissermaßen jetzt erst einmalig geworden ist."

Trotz ihrer Entschuldigung entspannte sich Edward neben mir nicht, und auch mir gefiel dieses Kompliment nicht. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass mir ein Vampir sagte, dass ich gut roch, bekam diese Bemerkung einen schalen Beigeschmack, da ich wusste, dass Anastasia das Blut von Menschen trank. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und bedachte Edward mit einem nachsichtigen Lächeln, so, wie man ein unvernünftiges Kind ansah. Nur ihre Augen hinter den dunklen Brillengläsern, verrieten ihr tatsächliches Alter.

„Keine Angst, Edward, ich würde ihr nicht einmal etwas antun, wenn sie ein Mensch wäre. Immerhin ist es meine Aufgabe genau das zu verhindern, nicht wahr?"

Dabei grinste sie selbstgefällig - sie schien sich ihres Talentes offensichtlich sehr sicher zu sein. Ich hingegen konnte das nicht beurteilen und das gefiel mir nicht, immerhin sollte ich mein Leben und das meiner Familie in ihre Hände legen.

„Ich will es sehen", verlangte ich und Anastasia hob fragend eine elegant geschwundene Augenbraue.

„Mir wurde erzählt, was du mit deinem Talent ausrichten kannst, aber ich würde es gerne mit meinen eigenen Augen sehen."

Ich musste gar nicht erst den Kopf drehen, um zu wissen, dass Edward neben mir seine Hände so fest zu Fäusten ballte, dass die Knöchel weiß hervortraten. Anastasia hingegen grinste lediglich - mehr nicht.

Einen Moment darauf spürte ich Edwards Finger in meinen Haaren, als er mir die braunen Strähnen hinters Ohr kämmte, und ich drehte den Kopf zu ihm. Seine goldenen Augen funkelten und ein liebevolles Lächeln lag auf seinen Lippen, als er mein Gesicht zu sich heran zog und sich zu mir hinüber beugte. Dann küsste er mich, und als ich einen Augenblick lang überrascht reagierte, nutzte er das, um seine Zunge zwischen meine leicht geöffneten Lippen in meinen Mund gleiten zu lassen. Ich erwiderte den langsamen, aber sehr intensiven Kuss, wenn auch etwas zögerlich. Es sah Edward nicht ähnlich mich in der Öffentlichkeit so zu küssen, aber seine Lippen bewegten sich so gefühlvoll mit meinen, dass ich nicht anders konnte, als mich vollkommen in diesem Kuss zu verlieren, und ganz zu vergessen wo wir uns gerade befangen.

Erst als sich unsere Lippen wieder voneinander lösten, setzte mein Denkvermögen wieder ein, und ich beobachtete mit milder Verwunderung, wie Edward mich wieder losließ und sich auf seinen Stuhl zurück lehnte.

Ich wollte etwas sagen, doch die Worte blieben mir im Hals stecken, als sich Edwards Gesichtsausdruck mit einem Mal änderte. Das liebevolle Lächeln verschwand im Bruchteil einer Sekunde, und einen Augenblick darauf hatte Edward erneut wütend die Zähne zusammengebissen und ein gefährliches Knurren grollte aus seiner Brust. Er richtete seinen Blick hasserfüllt auf Anastasia und für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde er sie angreifen wollen, doch er hielt sich zurück.

Zunächst konnte ich mir sein seltsames Verhalten nicht erklären, doch dann sah ich Anastasias süffisantes Lächeln und mir wurde klar, was soeben passiert war. Anastasia hatte Edward ihrem Willen unterworfen und ihm befohlen mich zu küssen. Das Erstaunliche daran war jedoch, dass sein Verhalten zwar unerwartet gewesen war, sich der Kuss aber nicht im Mindesten von anderen zuvor unterschieden hatte. Noch dazu hatte es Edward nicht geschafft sich gegen Anastasias Talent zu wehren, und ich wusste, dass er einen sehr starken Willen hatte.

„Und, zufrieden?", fragte Anastasia, doch im Grunde war diese Frage überflüssig, denn ich war mir sicher, dass man mein Erstaunen ziemlich gut in meinem Gesicht ablesen konnte.

„Ja."

Carlisle hatte nicht übertrieben. Dieses kleine Mädchen mit den tintenschwarzen Haaren und dem arroganten Grinsen auf den roten Lippen, war tatsächlich einer der mächtigsten Vampire überhaupt, und nach dieser kleinen Demonstration war ich zuversichtlich, dass sie der Armee der Volturi überlegen sein würde.

# # #

Durch die getönten Scheiben des schwarzen BMW sah ich die wunderschöne Landschaft der Toskana an uns vorbei ziehen, während Carlisle den Wagen über die gewundene Straße steuerte. Mit jedem Kilometer, den wir zurück legten, kamen wir Volterra ein Stück näher, und meine Nervosität stieg. Es konnte nicht mehr lange dauern bis die Stadtmauern und die hohen Türme der Stadt in Sicht kommen würden. Doch im Grunde war ich ziemlich ruhig, und verglichen mit unserer Fahrt nach Alaska, machte ich mir kaum Sorgen. Es gab schließlich auch keinen Grund sich Gedanken zu machen, wenn Anastasia es nichts schaffen sollte Alec schnell genug unter ihre Kontrolle zu bekommen, dann würden die Volturi uns lediglich alle umbringen.

Kein Grund zur Sorge also.

Neben mir hörte ich Alice zum wiederholten Male frustriert aufstöhnen, doch ich brauchte sie nicht zu fragen, was los war. Zwar konnte sie die Volturi sehen, aber nur bis zu dem Moment, in dem wir in der Stadt ankommen würden, denn wenn sich ihre Schicksale mit unseren oder genauer gesagt mit meinem verbanden, verschwand alles, und das machte sie wahnsinnig. Ich konnte das sehr gut nachvollziehen, denn mich wiederum machte es nervös, dass Alice nichts sehen konnte. Auch ich hatte mich in der Vergangenheit immer viel zu sehr auf Alice verlassen.

Im Auto war es sehr still bis auf das Geräusch des Motors und die leise Musik, die aus dem Radio drang. Anastasia summte die Melodie leise und vollkommen unbeschwert mit, und sie schlug die Sängerin dabei um Längen. Gedanken oder gar Sorgen schien sie sich nicht einmal ansatzweise zu machen. Für sie war das hier lediglich eine gemütliche Fahrt durch Italien mit einem kurzen, entspannenden Aufenthalt in der Stadt der Vampire.

Der Plan war es, dass wir uns noch von außerhalb der Stadtmauern Zugang zum unterirdischen Tunnelsystem verschafften, denn sobald wie einmal in der Stadt wären, würden sie wissen, dass wir da waren, und dann würden sie uns erwarten. Alec hatte bereits vor über hundert Jahren von Marcus den Befehl bekommen Anastasia zu töten, sollte sie es je wagen einen Schritt in seine Stadt zu setzen. Zuerst hatte es mich gewundert, dass ausgerechnet Marcus solch eine Anordnung gegeben hatte, doch nachdem Anastasia ihre Geschichte erzählt hatte, wunderte es mich, dass Marcus sie nicht schon längst selbst umgebracht hatte. Als ich ihn vor einem Jahr kennen gelernt hatte, war er gewissermaßen wie ein Zombie zwischen den anderen umher geglitten, und obwohl er sich schon eine lange Zeit nicht mehr für die Welt um ihn herum interessierte, war das nicht immer so gewesen. Der Anlass für dieses Desinteresse an ausnahmslos allem war der Tod seiner Gefährtin Johanna gewesen, und er machte Anastasia in gewisser Weise dafür verantwortlich.

Anastasia war Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts von einem Vampir namens Viktor verwandelt worden. Nachdem er ihre Eltern getötet hatte, hatte ihr Geruch ihn durch das ganze Haus geführt, und in dem Wunsch, dass dieses Wesen für immer sein werden sollte, hatte er es geschafft, sie bei seinem Biss nicht zu töten.

Erst später hatte Anastasia erfahren, dass Viktor der Mörder ihrer Eltern und ihrer Geschwister gewesen war, denn er hatte sie stets in dem Glauben gelassen, er habe sie vor einem anderen Vampir gerettet, und Anastasia war lange Zeit blind genug gewesen ihm diese Lüge abzukaufen.

Viktor war der fürsorgliche Vater gewesen, nach dem sich jedes kleine Mädchen sehnte, der weise Lehrer, dem ein Kind, dessen Wissensdurst schier unstillbar gewesen war, jede nur erdenkliche Frage hatte stellen können. Und als sie älter geworden war, was Viktor geduldig abgewartet hatte, war er für sie der erfahrene Liebhaber gewesen, der sich jeden Tag aufs Neue nach ihrer Schönheit verzehrt hatte.

Ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie es gewesen sein musste, in solch einem Käfig zu leben und die beengenden Gitterstäbe doch nicht wahrzunehmen.

Nachdem zwei Jahrhunderte später die Vampire im Süden Amerikas anfingen mit Armeen von Neugeborgen um die Vorherrschaft in den großen Städten zu kämpfen, dauerte es auch nicht lange, bis diese Idee England erreichte, doch niemand traute sich vor der Haustür der Volturi in Europa einen Krieg mit Neugeborenen zu beginnen, denn jeder wusste um die Konsequenzen.

Zu dieser Zeit war Anastasias Talent bereits unüberwindbar geworden und Viktor nutzte ihre Fähigkeiten, um mit seiner eigenen Armee aus neugeborenen Vampiren beinahe den ganzen Süden Englands unter Kontrolle zu bringen. Als die Volturi einschritten, kam es zum Kampf und Viktor tötete Marcus' Gefährtin Johanna. Die Volturi zogen sich daraufhin erst einmal zurück und Marcus schwor Rache. Kurz darauf erfuhr Anastasia jedoch die Wahrheit über ihre Vergangenheit, und aus Zorn heraus, brachte sie Viktor um, und beraubte Marcus damit jede Chance auf seine Rache. Er hatte Anastasia niemals verziehen, doch er hatte sie auch nicht töten können, ohne dabei erhebliche Verluste in Kauf zu nehmen, und das zerstörte Marcus' letzten Sinn in seinem Leben, und machte ihn zu dem Zombie, dem ich vor einem Jahr das erste Mal begegnet war.

Anastasia hatte danach die Neugeborenen selbst getötet und England verlassen, doch obwohl die Volturi niemals den Versuch unternommen hatte sie zu töten, würden sie es ohne zu zögern tun, wenn sich ihnen die Gelegenheit dazu bot, denn Anastasia hatte gegen ihre Gesetze verstoßen, und ihre gerechte Strafe dafür niemals erhalten. Das war besonders Caius ein Dorn im Auge, doch niemand wollte wirklich das Risiko eingehen, bei dem Versuch Anastasia zu töten, Alec und ihre halbe Armee zu verlieren.

Auch dieses Mal würden die Volturi keine Gelegenheit erhalten Anastasia zu töten, und zweifellos würden sie auch Carlisle niemals verzeihen, dass er sie in ihre Stadt gebracht hatte. Doch es schien Carlisle nicht zu interessieren, dass er die Volturi erzürnen würde, und das kam vermutlich daher, dass er von Aros Traum Alice und Edward, falls nötig gewaltsam, seiner Sammlung an Talenten hinzuzufügen, erfahren hatte.

tbc