Der Abschied von San Diego und seiner Mutter war schwer, besonders für sie selbst. Es ging soweit, dass er ihr halb verärgert und halb scherzhaft anbot, doch mit zu fliegen oder ihr sein Ticket zu überlassen. Allerdings hatte sie ihren Stolz und ihre Arthritis.
Abgesehen davon musste sie zugeben, keine geeignete Pflegekraft für einen zwar schmalen, aber dennoch kräftigen jungen Mann zu sein. Eine Frau, noch dazu eine kleine und nicht mehr junge, wäre der Aufgabe nicht gewachsen. Dass sie es ihm zutraute – einem Krüppel – schmeichelte ihm beinahe.
„Du rufst an, versprich es", bedrängte sie ihn inständig, wenngleich er es ihr ungefragt versichert hatte. „Ich will über alles informiert sein, über jeden Fortschritt, den Robert macht. Wirst du mit dem Rollstuhl auch keine Probleme haben auf dem Flug? Sei nicht zu stolz, jemanden vom Bordpersonal zu bitten, dir zu helfen."
Sie nahm sein Gesicht zwischen die Hände und drückte ihm einen Kuss auf den Mund, bevor sie in gleicher Weise mit Chase verfuhr, der daraufhin so etwas wie ein Lächeln probierte. Das Band zu seiner Mutter bewies Reißfestigkeit, obwohl er sie vermutlich ebenso wenig erkannte wie House. Er sah süß und viel zu jung aus für sein Alter in den dunklen, an den Knöcheln ausgefransten Jeans und den grauen Chucks, die er ohne Socken trug und House' zu großem T-Shirt, das er sich seit heute Nacht nicht hatte ausziehen lassen.
„Auf Wiedersehen, Robert. Pass' auf Greg auf, wirst du das tun? Damit er keine dummen Sachen macht. Und erinnere ihn daran, für dich zu kochen und dich ein bisschen zu umhegen. Es wird schon wieder, Schatz. Verlier' nicht den Mut. Wir hören voneinander. Bald kannst du mir schreiben, das weiß ich genau."
Über seine Wangen rannen überraschend Tränen, als sie sich winkend umdrehte und tapfer ohne einen Blick über die Schulter davon ging. Er unternahm einen täppischen Aufstehversuch; solange das Bein noch heilen musste, war der Rollstuhl die vorzuziehende Alternative zu Krücken, die er eingedenk seiner unkontrollierten Motorik nicht beherrschen würde. House vereitelte sein Vorhaben, indem er ihn an den Schultern zurückdrückte. Gleichzeitig staunte er über die Empfindung der Trauer, die er damit bewies.
„Sie sehen sie wieder. Und telefonieren wird sie jeden Tag. Ich mache es nämlich nicht."
„M-mm!" keuchte er und streckte die Hand nach ihrer sich entfernenden Gestalt aus. House versteinerte, und einen schrecklichen Moment drehte sich alles um ihn. Er fasste nach den verkrampften Fingern.
„Möchten Sie bei ihr bleiben?"
Sein Blick kehrte sich erneut nach innen. Entscheidungen konnte er nicht treffen, und abgesehen davon hätte House ihn ohnehin nicht hergegeben. Doch wenn er unglücklich war bei ihm, wenn er ihn doch erschreckt hatte gestern, dann wäre es besser, ihn von sich fern zu halten oder ihn nur gelegentlich zu besuchen. Vielleicht würde er wieder schwach werden; garantieren konnte er für nichts.
„Chase!" Um Aufmerksamkeit heischend schnippte er mit den Fingern vor dessen Gesicht, doch der helle Moment war endgültig verflogen. In geistige Dunkelheit zurückkehrend, beachtete Chase ihn nicht weiter.
oOo
Obwohl von ihm gefürchtet, verlief der fünfstündige Flug ohne Zwischenfälle. Es war rührend zu sehen, dass Chase doch noch etwas von seinem früheren Selbst an sich hatte: Genügsamkeit und den Drang, artig zu sein. Es gut zu machen, trotz der Anstrengung, die es ihm häufig abverlangte.
Bis zum Sitzplatz hatte er ihn gestützt, um das gebrochene Bein nicht zu belasten, und er ließ sich ohne Murren oder Aufsässigkeit anschnallen.
Jeden Handgriff, den House ausführte, erklärte er ihm, wenngleich er nicht sicher war, inwieweit sein junger (ehemaliger? Nicht daran denken) Liebhaber ihm folgen konnte. Scheinbar reichte seine Stimme aus, um ihn zu beruhigen. Daran, dass er selbst redete, ohne Antwort oder bestenfalls ein Grunzen zu erhalten, gewöhnte er sich rasch. Und auch das analysierte er recht schnell. Die Vorarbeit, das enge Zusammenleben mit Chase und das Deuten seiner Körpersprache und seiner lautmalerischen Bandbreite, gereichten ihm dabei zum Vorteil.
Er teilte mit ihm das Menü und genoss es regelrecht, ihn mit kleinen, zurechtgeschnittenen Häppchen zu füttern. Es war nicht albern oder peinlich, wenn man es selbst tat und merkte, wie dankbar Chase dafür war und welchen Stellenwert er nun in seinem neuen Leben einnahm.
Von Abhängigkeit ihm gegenüber hatte sein Assistenzarzt sich stets distanziert, und das nicht nur aus dem offensichtlichen Grund heraus, dass House eine solche Konstellation im Privaten zuwider war. Wie ihm selbst war Chase seine Selbständigkeit wichtiger. Jetzt hatte er keine Wahl mehr, zu kommen oder zu gehen. Er musste bleiben. Und House hatte seinen kleinen Jungen. Anders als er es sich vorgestellt hatte, doch da die Dinge nun einmal nicht zu ändern waren, würde er sich damit arrangieren.
Der Nachtisch in Form eines Obstsalates sagte ihm am meisten zu, während das sträflich zerkochte Gemüse und das Fleisch von kaum besserer Qualität wenig Gnade vor seinen Augen fanden. Ihn so offen seine Abscheu und Vorlieben ausdrücken zu sehen, entzückte House, weil es neu und sensationell war. Natürlich wusste er nach anderthalb Jahren auf engstem Raum mit ihm annähernd, was er mochte und was nicht, doch um die Gefühle anderer nicht zu verletzen, verstellte sich Chase hin und wieder, sogar vor ihm. Jetzt nicht mehr.
Was ihm nicht schmeckte, floss zu einem Speisebrei vermengt über sein Kinn, und House fing ihn mit dem Löffel auf, um sich den Brei anschließend selbst in den Mund zu schieben. Es war nicht ekelhaft, sondern ein erstaunlich berauschendes, sinnliches Erlebnis, beinahe wie der Sex mit ihm. Gott, er fand richtig Spaß daran, die indiskreten Spießer zu brüskieren, deren vorwurfsvoll aufgerissene Augen auf sie geheftet waren und ihnen fast aus dem Kopf fielen.
Kurz nach der Strapaze des Essens schlief er ein. House zog ihn zu sich her und bettete den Kopf an seiner Schulter. Der sich auf seinem Hemd ausbreitende Speichel durchnässte ihn bis auf die Haut, und er betrachtete es als eine kleine Belohnung für seine Geduld mit ihm. Gedankenverloren kraulte er Chase' Haar, schaute hinaus und ignorierte die schaulustigen Passagiere die es nicht wagten, ihn auf Chase anzusprechen.
In der Verbitterung über seinen physischen Makel hatte er stets geglaubt, es sei schwer, den irritierten, verstohlenen Blicken auf sein Bein standzuhalten, aber es war viel schlimmer, wenn sie jemandem galten, den man trotz seiner augenfälligen Unzulänglichkeit liebte.
„Er ist mein allzeit bereiter Liebhaber", raunte er seiner direkten Nachbarin ungefragt und vernehmlich zu, einer ältlichen Lady mit lila ondulierten Löckchen, die sich entsetzt die Nase puderte. „In der Nacht wird er zum Tier. Manchmal auch am Tag. Ich muss ihn mit Medikamenten ruhig halten, sonst würde hier keiner vor ihm sicher sein. Das Kettenkostüm, in das ich ihn normalerweise stecke, war zu schwer fürs Handgepäck."
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Von einem Schütteln an der Schulter aufgeschreckt, erwartete er, aus einem Alptraum erlöst zu werden, da er während der letzten Stunde des Fluges ein wenig vor sich hingedämmert hatte. Die Realität holte ihn jedoch kurzerhand wieder ein. Mit leerem Blick saß Chase neben ihm, und eine Flugbegleiterin beugte sich einigermaßen gereizt über House.
„Ich habe es Ihrem Sohn gesagt, aber-... wir sind angekommen, Sir. Wenn Sie bitte aussteigen möchten?"
„Einen Augenblick", bat er. „Ich brauche Zeit mit ihm. Er ist nicht ganz einfach. Tut sich schwer mit Veränderungen."
Betreten nickend trollte sie sich.
Chase grunzte ablehnend, wollte sich nicht hochnehmen lassen und schlug unmotiviert nach ihm. Vorbeiflanierende Fluggäste schenkten ihm so viele mitleidige Augenaufschläge, dass er davon ein Galadiner hätte bezahlen können, wenn jeder einen Nickel gebracht hätte. Aber er blieb trotz eines Schweißausbruches geduldig und konsequent und ging vor ihm in die Hocke.
Auch Chase war in Schweiß gebadet; durch die Aufregung intensivierte Muskelkontraktionen peinigten ihn, doch es war House nicht erlaubt, ihn zu berühren, um ihn zu ernüchtern, das hätte ihn jetzt noch panischer reagieren lassen. Einzelne nasse Haarsträhnen klebten an seinem Wangenknochen. Seine Lippen pressten sich aufeinander, und er war kurz davor zu schreien. Bedrohlich flach drang der Atem aus seiner Nase.
„Wir sind zuhause, Chase. Daheim in Jersey. Geben Sie mir eine Chance und sehen Sie sich das Haus an, in dem wir wohnen. Sie sind gern dort, Sie haben es mir selbst gesagt. Ich weiß, dass es schwer war, so lange zu sitzen, aber jetzt dürfen Sie gehen. Mit mir. Ich helfe Ihnen. Es ist alles in Ordnung. Kommen Sie?"
Mit einer entsprechenden Geste verdeutlichte er ihm sein Anliegen, das er tatsächlich verstand. Zögernd legte er die zitternden Arme um House' Nacken, wo sich die Muskeln allmählich beruhigten, und schnaufte schluchzend auf.
„Das ist mein Junge", flüsterte er anerkennend in sein Haar. „Ganz ruhig. Es ist alles in Ordnung, ich habe Sie, es kann nichts passieren."
Eine schmerzliche Einheit mit ihm bildend, schmiegte er sich an ihn, bis man ihnen am Ausgang den Rollstuhl wieder aushändigte.
Er war leichter geworden. Hoffentlich musste er ihn nicht doch irgendwann zwangsernähren.
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Am Terminal wartete Wilson auf sie. Er hatte ihn benachrichtigt, obwohl er selbst nach Hause hätte fahren können; der Dodge parkte immer noch im Flughafengelände. Es tat gut, ihn zu sehen und wieder in der vertrauten Umgebung zu sein. Hilfe zu haben. Denn die würde ihm Wilson ohne weiteres aufdrängen.
Eilends trabte er auf sie zu, um House das Gepäck abzunehmen. Vor dem Rollstuhl stutzte er. Der Junge zeigte keinerlei Anzeichen dafür, ihn zu erfassen, geschweige denn ihn zu erkennen. Stumpf richtete sich sein Blick auf die Bügelfaltenhose vor seinen Augen, völlig fern von dem, was er sah. Getrockneter Speichel klebte in beiden Mundwinkeln. Wilson verzichtete darauf, ihn zu adressieren. Der geschulte Mediziner in ihm entlarvte seine Verfassung sofort und schonungslos.
„Allmächtiger! Ist das Chase? Er ist Gemüse, House!"
Den Schock, den Chase dem üblicherweise sattelfesten Onkologen verursachte, konnte er ihm nicht einmal verargen. Die ganze Wahrheit hatte er ihm am Telefon nicht gesagt. Zu jenem Zeitpunkt hatte die Diagnose allerdings nicht festgestanden; man war mitten in den Tests gewesen, die House nicht mitverfolgt hatte.
Über seine unprofessionelle Zimperlichkeit, die er in keinem Fall sonst an den Tag legte, ärgerte er sich im Nachhinein. Vielleicht hätte er doch etwas gefunden, was die Kollegen sorglos ad acta gelegt hatten.
Elementarer schien Dr. Ramirez und seinem Team die Fraktur des Schienbeins gewesen zu sein. Doch die CT-Aufnahme hatte nichts Konkretes ergeben. Angesehen hatte er sie sich, war jedoch nicht schlau daraus geworden, auch aus späteren Aufnahmen nicht, als der motorische Defekt als kognitiv diagnostiziert worden war.
„Er ist eine Herausforderung. Und gerade ein bisschen müde. Wir haben einen aufreibenden Flug hinter uns."
Ungläubig stach ihm Wilson den anklagenden Zeigefinger auf die Brust.
„Du willst für ihn sorgen? Wie stellst du dir das vor? Bevor er deinen Haushalt geschmissen hat, konntest du es nicht mal für dich. Sieh ihn dir an! O Gott -" Fassungslos brach er ab und senkte den Blick, während er laut ausatmete. „Das muss ein Alptraum sein! Ich kann nicht glauben, dass allein ein Erdbeben so etwas anrichten kann."
„Ich habe es mir auch einzureden versucht. Gebracht hat es nichts, also stell' dich den Fakten. Ich werde in Zukunft nur sporadisch im Hospital tätig sein. Foreman soll meinen Job vorerst dauerhaft übernehmen, bis ich eine befriedigende Lösung für alle gefunden habe. Wenn ich es nicht schaffen sollte, überweise ich ihn in ein Sanatorium. In ein paar Jahren wird ihm das sowieso nicht erspart bleiben, sofern ich ihn nicht an Cameron abtreten kann, und das habe ich nicht vor. Bestimmt weißt du als Experte in Sachen aussichtsloser Fälle ein paar gute Adressen. Vorzugsweise an der Westküste. In Südkalifornien soll es nie regnen. Sagt jedenfalls der Wetterexperte Albert Hammond."
„Wie kannst du so kalt sein ...?"
„Ich war lange genug heiß. Verbessert hat sich unsere Situation deshalb nicht."
„Komm", kapitulierte Wilson und schulterte Chase' Reisetasche. „Ich bringe euch nach Hause."
