Kapitel 7

Im Stark Tower angelangt, zog Pepper sich in ihr Büro zurück, während Tony durch die Abteilungen seiner Firma streifte, um sich die fehlende Ausrüstung für sein Vorhaben zusammenzusuchen. Aufgrund des ersten Weihnachtstages war das Gebäude fast menschenleer; nur vereinzelt begegnete ihm ein Mitarbeiter, der Notdienst verrichtete oder die Stille in den Büros nutzte, um liegengebliebene Arbeit zu erledigen. So wurde er zum Glück schnell fündig und konnte rasch in das Penthouse zurückkehren.

Nachdem Tony alle notwendigen Apparaturen aufgebaut hatte, fehlte ihm jetzt nur noch der wichtigste Teil, um mit der Arbeit beginnen zu können: eine Probe von Peppers Blut.

Er verließ seine Werkstatt und ging zu Peppers Büro rüber. Sie saß an ihrem Schreibtisch und tippte konzentriert auf der Computertastatur. Als sie ihn im Türrahmen bemerkte, schaute sie auf zu ihm und unterbrach ihre Arbeit.

„Hey. Es ist schon erschreckend, wie viel Arbeit sich in zwei Tagen angesammelt hat, und das trotz Feiertage", seufzte Pepper, lächelte ihn aber an.

„Ich will dich auch gar nicht lange stören. Ich muss dich nur kurz anzapfen."

„Wie bitte?" fragte Pepper irritiert.

„Ich brauche eine Blutprobe", schmunzelte Tony. „Ist sogar eigentlich nur ein Tropfen."

Er näherte sich dem Schreibtisch und holte eine steril verpackte Nadel und ein Plastikröhrchen hervor. Dann kniete er sich vor sie hin und legte seine Utensilien auf dem Tisch ab.

„Gib mir deine Hand."

Pepper gehorchte und er nahm sanft ihre Hand in seine. Er drehte sie so, dass ihre Handfläche nach oben zeigte. Mit der anderen Hand nahm er die Nadel vom Tisch und riss die Verpackung mit den Zähnen auf.

„Das wird kurz piksen", warnte er sie vor, bevor er mit der Nadel in die Spitze ihres Mittelfingers stach. Pepper zuckte kurz zusammen, und dann bildete sich ein dicker dunkelroter Tropfen, den Tony rasch mit dem Plastikröhrchen auffing. Mehr als dieser eine Tropfen wurde es auch nicht, denn schon begann die winzige Wunde zu glühen und sich unmittelbar zu schließen. Pepper starrte fasziniert auf ihre Hand.

„Kilian hätte so viel Gutes mit Extremis bewirken können. Warum nur musste er den anderen Weg einschlagen?" murmelte sie, mehr zu sich selbst.

„Weil man mit Waffen nun mal mehr Geld verdient als mit Heilmitteln. Ich kenn' mich aus mit so was", antwortete Tony dennoch. „Ich verdrücke mich dann in die Werkstatt. Wenn irgendetwas sein sollte…"

„Ich komme zurecht für den Moment, Tony. Wenn sich daran etwas ändern sollte, melde ich mich. Versprochen." Sie küsste ihn und drehte sich wieder zum Monitor um.

Zurück in der Werkstatt begann er mit der Analyse von Peppers Blut. Er hatte sich bereits während des Fluges noch einmal in Ruhe mit den Unterlagen befasst, die er von den AIM-Servern geladen hatte, doch jetzt ging es in die Details. Das letzte mal, dass er mit der Extremis-Formel zu tun hatte, lag 12 Jahre zurück. Daher brauchte er zunächst aktuelle Werte, um die Zusammensetzung zu bestimmen. Während er die Analysegeräte bediente und einstellte, hatte er jedoch noch eine wichtige Aufgabe für seinen virtuellen Assistenten.

„Jarvis, hab bitte ein Auge auf Pepper. Sobald dir an ihrem körperlichen Zustand etwas Ungewöhnliches auffällt, sag mir sofort Bescheid."

„Natürlich, Sir."

„Ach, und in welchem Zustand befindet sich Mark VII?" Nach dem letzten Einsatz in New York hatte Tony den Anzug hier zurückgelassen, so dass dieser als einziger noch vorhanden war. Mark VII war nach Tonys Verständnis zwar technisch veraltet, aber besser diese Rüstung als gar keine.

„Einsatzbereit, Sir. Ich habe mir erlaubt, die Rüstung in Ihrer Abwesenheit wieder instand setzen zu lassen."

„Ja, das dachte ich mir… Der Anzug müsste besser gegen Hitze verstärkt werden. Falls Pepper zur Super-Nova mutiert… Überleg dir was, J."

„Wie Sie wünschen."

Etliche Stunden später war Tony keinen Schritt weiter. Er hatte die Zusammensetzung des Virus entschlüsseln können, doch Kilian hatte es stärker verändert, als er angenommen hatte. Die Heilungswirkung war verstärkt worden, dafür war es instabiler als die Version, die Maya ursprünglich entwickelt hatte. Er wusste, er hatte noch viel Arbeit vor sich.

Was ihn wunderte, war die Tatsache, dass er Pepper den Tag über kaum zu Gesicht bekommen hatte. Normalerweise schaute sie immer ab und zu nach ihm, wenn er in Malibu stundenlang in der Werkstatt gehockt hatte. Erinnerte ihn daran, etwas zu essen oder eine Pause zu machen. Und irgendwann kam dann der dezente Hinweis, dass SIE nun zu Bett gehen würde. Aber heute? Sie war nur einmal kurz bei ihm gewesen, um ihm Abendessen vorbeizubringen, welches sie beim Bringdienst bestellt hatte. Ansonsten hielt sie sich den ganzen Tag in ihrem kleinen Home Office auf. Tony fragte sich, ob sie wirklich so viel zu tun gehabt hatte, oder ob sie ihm aus dem Weg ging.

‚Abwarten, wahrscheinlich muss sie nur einfach viel verarbeiten, lass ihr Zeit, Stark', vertröstete er sich selbst. Körperlich schien sie okay zu sein, Jarvis hätte sonst Alarm geschlagen.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihm jedoch, dass er für heute abbrechen sollte. Es war 2:19 Uhr und für den Moment hatte er eine Denkblockade. Morgen würde es ausgeruht weitergehen, sofern er schlafen konnte. Zumindest den Tag hatte er erstaunlicherweise ohne Panikattacken überstanden. Vielleicht war es sogar gut gewesen, hierher zu kommen und sich seiner Angst zu stellen.

Tony verließ seinen Arbeitsbereich und begab sich zum Schlafzimmer. Auf dem Weg dorthin sah er jedoch, dass in Peppers Büro noch Licht brannte. Er steuerte daher auf das andere Zimmer zu. Pepper saß zusammengesunken auf dem Drehstuhl, den Kopf auf eine Hand gestützt. Sie war unübersehbar todmüde, aber warum saß sie dann noch hier?

„Schatz, warum bist du noch nicht schlafen gegangen?", fragte Tony besorgt und näherte sich dem Schreibtisch. Pepper straffte augenblicklich ihre Haltung ehe sie antwortete.

„Ich hatte noch so viel zu tun, und ich war auch noch gar nicht müde", antwortete sie und Tony wusste sofort, dass dies gelogen war.

„Deine Augenringe verraten mir aber etwas anderes. Du schläfst doch schon fast auf dem Stuhl. Komm ins Bett", sagte er.

„Ich kann nicht…."

„Warum? Was ist los?"

„Weil…" Sie konnte ihn nicht ansehen, während sie antwortete. „Weil ich Angst habe einzuschlafen… ich habe Angst, dass dieser Albtraum von letzter Nacht sich wiederholt."

„Ich weiß, was du meinst." Tony lehnte sich an den Schreibtisch und nahm Peppers Hand in seine. „Als das mit meinen Albträumen losging, hab ich erst versucht, sie zu verdrängen. Dann wurden sie immer schlimmer, und ich bin schweißgebadet aufwacht, hab keine Luft gekriegt. Irgendwann bin ich gar nicht mehr ins Bett gegangen und hab die Nächte in der Werkstatt verbracht, um nicht an Schlaf zu denken."

Pepper sah ihn aufmerksam an, während er sprach. So offen hatte er bisher nicht über seine Schlafprobleme der letzten Wochen gesprochen.

„Aber irgendwann", fuhr Tony fort, „kann dein Körper nicht mehr. Die Albträume werden davon aber nicht weniger, wenn du dann doch erschöpft einschläfst. Im Gegenteil. Es wird schlimmer, weil du das Problem ignorierst statt dich dem zu stellen. Ich hätte viel früher mit dir darüber reden müssen, statt es in mich hineinzufressen. Mach nicht denselben Fehler wie ich, Pep." Seine Augen sahen sie jetzt flehend an. Hatte er Recht? Pepper wusste gar nichts mehr, außer dass sie einfach nur schlafen wollte. Tony sah ihren unentschlossenen Blick und redete aufmunternd auf sie ein: „Rede mit mir, wenn es dir nicht gut geht. Ich werde die ganze Nacht an deiner Seite sein. Jarvis wird dich überwachen. Wenn etwas passiert, kann er mich wecken. Und nicht zu vergessen, wir haben Feuerlöscher in Reichweite…mehrere."

Pepper entwich ein zaghaftes Lächeln, als es dies sagte. Tony war einfach süß, wenn er sich um sie sorgte. Und dafür liebte sie ihn.

„Okay", antwortete sie schließlich.