Light Yagami tauchte den Pinsel in die angerührte Tusche und streifte die überschüssige Farbe auf dem Reibstein ab, dann schrieb er das letzte Kanji auf die Schriftrolle, die ausgebreitet vor ihm lag. Der Geruch von Lampenruß und Bindemittel stieg ihm in die Nase; ein ihm mittlerweile vertrauter Geruch. Nachdem er den letzten Strich gezogen hatte, legte er den Pinsel in die Halterung aus Holz und wartete einen Moment, in dem die Tusche trocknete. Als die schwarze Farbe ihren Glanz verlor und matt wurde, reichte er die Schriftrolle an Sesshōmaru. Der Daiyōkai saß in einer entspannten Körperhaltung ihm direkt gegenüber an einem gleich hohen Tisch. Seine Aufmerksamkeit ruhte auf einem Dokument, dessen Schriftzeichen elegant und geschwungen geschrieben waren. Light konnte von seinem Platz aus den Absender nicht erkennen, da er von Sesshōmarus Hand verdeckt wurde. Aber wer auch immer den Pinsel geführt hatte, musste die Kunst der Kalligraphie durch jahrelanges Training verfeinert haben.

Light erinnerte sich noch gut an seine Schulzeit. Seine Junior Highschool im Nagatachō Distrikt in Tokyo hatte jedes Semester mehrere Kurse außerhalb des regulären Stundenplans angeboten, um das Zeugnis der Schüler mit extra Credits aufzuwerten. Für ein Semester hatte Light neben Tennis und Kendo einen Kalligraphiekurs besucht. Selbst als die Credits ihm gut geschrieben worden waren, das neue Semester schon begonnen hatte, übte er sich weiterhin daheim an berühmten Gedichten. Seine Eltern waren erfreut gewesen von seinem Interesse, Kalligraphie mit Literatur zu verbinden. Nun ja, seine Mutter war die Begeisterte, sein Vater hatte nur gegrunzt und ein kurzes Lob ausgesprochen, als Saichiko ihm eines seiner Werke zeigte. Bald schon bemerkte Light, dass seine Mutter mehr Begeisterung für die Kunst der Kalligrafie zeigte als er selbst. Für ihn war es eine Herausforderung. Er beschäftigte sich so lange damit, bis er Musō Sosekis (einer der bedeutendsten Zen-meister, Gartengestalter und Kaligraphen der Kamakura-Zeit), bis er seinen Kalligraphiestil einwandfrei fälschen konnte. Erst dann war er der Meinung die Herausforderung gemeistert zu haben. Danach hatte er nie mehr einen Pinsel in die Hand genommen oder Tusche angerührt. Seine Mutter entwickelte in dieser Zeit eine extreme Vorliebe für die Kalligrafie und bald schon hingen fast in jedem Zimmer Sprüche der Weisheit, geschrieben auf Reispapier und eingerahmt hinter Glas.

Light hätte nie damit gerechnet, selbst noch einmal mit einem Pinsel zu schreiben. Mittlerweile hatte er schon so oft die Tusche angerührt, dass es schon eine automatische Routine war. Zu anfangs, nachdem die Schatulle ihn in die Vergangenheit befördert hatte, besaß er einen Kugelschreiber bei sich. Doch dieser, genauso wie sein schlichter Silberring – ein Geschenk von Misa –, wurde jetzt von einem Kaufmann und einem Samurai als Schmuck getragen oder zum Schreiben verwendet. Nach seiner Ankunft in der Sengoku Ära hatte er dringend Geld, Nahrung und weniger auffallende Kleidung gebraucht. Mit seinem sauberen weißen Hemd, seiner beigen Hose und seinen gepflegten Lederschuhen, zog er jeden einzelnen Blick auf sich, egal wohin er anfangs irrte. Also hatte er den Kugelschreiber als eine Erfindung des Westens für viel Geld an einen Kaufmann verkauft. Das Geld reichte ihm für Kleidung, Unterkunft und Nahrung. Den Silberring hatte er gegen das Wakizashi eines Samurais getauscht. Light besaß das Kurzschwert nicht mehr. Er hatte es verkauft, nachdem er das Katana von einem toten Samurai des Daimyō Uesugi Kenshin an sich genommen hatte.

Light stieß hörbar die Luft durch die Nase aus und fing sich damit prompt einen kurzen Blick von Sesshōmaru ein. Die bernsteinfarbenen Augen des Daiyōkais bedachten ihn kurz, bevor sie sich von ihm abwandten und Light sich selbst überließen. Light erinnerte sich zurück an die ersten zwei Wochen in der Sengoku Ära. Die Erinnerungen waren immer noch frisch und so lebhaft, als wäre all dies erst vor kurzem passiert. Er konnte sich nicht vorstellen, er würde sie jemals vergessen, zu viele Dinge waren in dieser Zeit passiert. Zu sagen, er hätte einen schwierigen Start gehabt, wäre reichlich untertrieben und würde nur ansatzweiße dem nahe kommen, was ihm in den ersten zwei Wochen widerfahren war. Für ihn war es ein Kampf gewesen, ein Kampf ums Überleben. Stets war er auf Ryuks Hilfe angewiesen gewesen. Der Shinigami hatte ihn vor herannahenden Dämonen, aber auch vor Rōnins, Banditen und Wegelagerer gewarnt. Er hatte ihm die Fallen der Dämonen gezeigt – manche so gut versteckt, dass er ohne Warnung hineingelaufen wäre. Doch Light hatte schnell gelernt, denn es waren immer die gleichen Fallen von derselben primitiven Dämonensorte: den Oni-Dämonen.

Light rollte eine leere Schriftrolle vor sich aus. Obwohl die Kunst der Kalligraphie vermehrt in der Sengoku Ära benutzt wurde, vor allem unter den Samurai-Beamten und den buddhistischen Mönchen, verblieb Light dabei, seine Schreiben in seiner eigenen Handschrift zu verfassen. Er verspürte nicht den Wunsch, sein Können zum Ausdruck zu bringen. Jedes Zeichen, das er schrieb, hatte nur eine Aufgabe; Information zu übermitteln, Schönheit spielte dabei keine Rolle. Vielmehr achtete er auf den Namen des Empfängers und passte seine Wortwahl dementsprechend an. Dabei ließ er Schmeicheleien hier und da miteinfließen, obwohl ihm bewusst war, dass Sesshōmaru niemanden schmeichelte. Aber Light tat es, und er war gut darin.

Manchmal kam es jedoch vor, dass Sesshōmaru sein Geschriebenes nicht unterschrieb und Light musste ein neues Schriftstück anfertigen. Etwas, was in den letzen Monaten nur noch selten geschah, doch Light konnte sich an eine Gegebenheit erinnern, in der der Daiyōkai sein Schreiben fünf Mal abgelehnt hatte, ohne Erklärung. Es hatte ihn damals verrückt gemacht und einen Vulkanausbruch des Zorns in ihm ausgelöst, als er sich so weit erniedrigt hatte, Jaken um Hilfe zu bitten und selbst dieses Schreiben ohne ein Wort wieder bei ihm landete. Schließlich hatte Sesshōmaru seine Gedanken selbst zu Papier gebracht.

Light hatte daraufhin den Boten abgepasst, der Sesshōmarus Schreiben bei sich trug, und ihn überredet, sich in einem heißen Bad auszuruhen, bevor er aufbrach. Während dieser im Wasser saß und abgelenkt war, hatte Light seine Tasche geöffnet, das Schreiben vorsichtig aufgerollt und Sesshōmarus Worte durchgelesen. Sesshōmarus gewählte Worte schnitten wie scharfe Klingen, direkt und ohne Vorwarnung stachen sie einen nieder. Beleidigungen tauchten hier und da auf, auch wenn sie keinesfalls geschmacklos wirkten; sie waren derart in die Sätze eingebaut, dass man sie erst auf den zweiten Blick erkannte. Sesshōmaru lehnte einen Besuch ab. Damals war der Name Inu no Kami für Light nichtssagend gewesen. Jaken hatte sich geweigert, in Lights Gegenwart eine Antwort zu verfassen und so hatte der Kappa ihm nichts zum Empfänger gesagt. Erst Monate später erfuhr er, wer sich hinter dem Name Inu no Kami verbarg. Manchmal fragte sich Light, weshalb Sesshōmaru überhaupt wollte, dass er das Antwortschreiben verfasste, wenn es sich bei dem Namen Inu no Kami um Sesshōmarus eigene Mutter handelte. Light vermutete, Sesshōmaru wollte ihn testen. Eine Lächerlichkeit seiner Meinung nach. Niemals hätte Light ein Antwortschreiben wie Sesshōmarus verfasst. Der Daiyōkai hatte also wissen müssen, dass keines von seinen Schreiben ihm genug sein würde.

Light nahm den Tonbecher von dem Tablett, das neben ihm auf dem Boden stand. Als nächstes griff er nach dem dünnen Bambusstäbchen und rührte den braunen Inhalt des Bechers um. Das Meiste der Kräutermedizin hatte sich auf dem Boden abgesetzt. Jetzt, da er es aufgewirbelt hatte, trank er die Medizin auf den halben Becher leer. Er verzog keine Miene, selbst wenn das Bittere ihn fast dazu zwang, eine Grimasse zu schneiden. Wäre er alleine gewesen, dann hätte er sich die Nase zugehalten und es schnell hinuntergewürgt. Vor Sesshōmaru würde er sich diese Blöße auf keinen Fall geben. Der Daiyokai hatte schon genug gesehen. Die Krankheit hatte ihm seine Selbsbeherrschung genommen, ihn zu einem Haufen elend gemacht. Nein danke, er hatte genug davon.

Eine Woche war immerhin schon vergangen, seit die Ningenheilerin ihn untersucht und die Kräuter für ihn da gelassen hatte. Mit jedem Tag, der verstrich, fühlte er sich kräftiger. Light bemerkte, wie das Gefährtenmal zu seiner schnellen Genesung beitrug. Er schlief die Nächte durch und wachte jeden Morgen erholter als am Vortag auf. Doch damit das Gefährtenmal seinen Körper gegen die Krankheit unterstützen konnte, musste Sesshōmaru bei ihm sein. Light war niemand, der wegschaute und sich die Welt schön malte; wenn es eine Tatsache gab, dann gab es sie. Und eine davon war, dass er mit dem Daiyōkai schon mehrmals geschlafen hatte und auch weiterhin offen dafür war; offen für seine Nähe. Die andere Tatsache widersprach der ersten und war der Grund für seinen anhaltenden Konflikt: Light würde sich niemals damit anfreunden können, im Besitz eines anderen zu sein. Er war sicherlich kein Eigentum!

Lights freie Hand krallte sich in seine Hose. Während seiner fieberfreien Tage, hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt ... und er war zu einem Entschluss gekommen: Light Yagami würde alles sein und er würde sich alles nehmen!

Sesshōmaru wollte ihn an seiner Seite wissen. Fein! Light würde der Gefährte des Daiyōkais sein und den Inuyōkaiclan innen- und außenpolitisch als Sesshōmarus Gefährte repräsentieren; ein für ihn Einfaches. Etwas problematischer empfand Light, sich Sesshōmaru und Keisuke unterzuordnen, es war erbärmlich, aber er würde es tun, um seinen eigentlichen Plan nicht zu gefährden.

Solange Light das Gefährtenmal noch besaß, würde er die Vorzüge nutzen. Es gefiel ihm absolut nicht, wie es ihn langsam veränderte; und schon wieder spürte er aufwallenden Zorn. Aber hier ging es nicht mehr, um was ihm gefiel oder nicht gefiel, hier ging es, um perfekt gesetzte Züge, die ihm den Weg zu seinem Ziel pflasterten. Er musste das Thema vom Tisch kehren. Zu viel Aufmerksamkeit darauf legte ihm nur unnötige Steine in den Weg. Er durfte Sesshōmaru auf keinen Fall Grund zu einem Verdacht liefern.

Light betrachtet die souveräne und erhabene Gestalt des Daiyōkais. Manchmal erinnerte ihn Sesshōmarus blasse und makellose Haut und seine feinen Gesichtszüge an eine der Puppen, die mit Schwertern bewaffnet und in prächtigen Gewändern gekleidet, in Taiwan aber auch in den letzten Jahren in Japan im Fernsehen gegeneinander kämpften. Light hatte zwar kein Interesse für diese TV-Serie gehabt, aber er hatte die Werbeplakate oft genug auf dem Weg zur To-Oh Universität gesehen. Und je länger seine Augen das Erscheinungsbild des Daiyōkais in sich aufzogen, um so mehr spürte er, wie sein Körper leicht prickelte, wie seine Hände warm wurden, wie er in Gedanken abdriftete, die so manchem die röte ins Gesicht getrieben hätte.

Sein Körper wollte den Daiyōkai. Gut, dann sollte er ihn haben! Er würde sich nicht länger selbst ausbremsen. Er würde den Sprung wagen und sich vollends auf Sesshōmaru einlassen. Er würde herausfinden, was es bedeutete ein Submissive zu sein. Light mochte dieses Wort nicht. Es fühlte sich falsch an. Vielleicht war es auch sein Unbehagen. Seine persönliche Erfahrung mit dem Wort war bisher beschränkt und zwiespältig gewesen. Seinem Verstand widerstrebte, was sein Körper so sehr begehrte. Light hatte genug von dem Gefühl der inneren Zerrissenheit. Selbstverständlich konnte er das Gefühl manipulieren, es für mehrere Stunden von sich stoßen, ein Wiederauftauchen wäre dennoch absehbar. Wenn er vollends in seiner Mitte sein wollte, dann musste er mit dem Fluss schwimmen, also beschloss Light los zulassen. Er vertraute sich selbst, er war schlau, er konnte damit umgehen. Wenn dieses Wort submissive ein Bestandteil seiner Persönlichkeit war, dann läge es ihm besser daran, herauszufinden, wie er es am besten ausspielen konnte.

Light stellte den Becher mit der Kräutermischung auf das Tablett zurück. Als er die Kosten der Ningenheilerin erfuhr, hatte er belustigt gelacht; es war ein absurder, ja schon unverschämter Betrag. Von der Summe hätte sich ein Bauer ein gutes kräftiges Pferd für die Feldarbeit leisten können; ein Samurai ein neues Schwert mit Bogen und Köcher; eine Familie Reis, Gemüse und Fleisch für mehrere Monate. Light musterte erneut Sesshōmaru, der gerade eine Schriftrolle las. Sesshōmaru hatte nach dem Besten verlangt und war bereit gewesen, den Betrag zu bezahlen. Doch was hatte ihn dazu angetrieben? War es sein Pflichtbewusstsein gewesen? Immerhin war er Sesshōmarus Gefährte und Light wusste, dass Sesshōmaru es als seine Pflicht ansah, sich um das Wohl seines Gefährten zu kümmern. Oder war es schon Fürsorge?

Fürsorge. Light behagte dieses Wort nicht. Es war ihm zu nah, zu innig, auf eine Weise, nach der es ihm nicht war. Aber jetzt genug damit! Er wollte keinen weiteren Gedanken daran verschwenden.

Light nahm eine Bittschrift von dem Stapel, auf dem sich noch zehn weitere befanden. Alle würde er nicht mehr schaffen, dafür reichte seine Konzentration nicht aus. Er bemerkte jetzt schon, wie seine Augen leicht stachen. Bald schon würde das Stechen in ein Brennen übergehen. Dann bräuchte sein Körper Ruhe. Zu seiner Zufriedenheit saßen sie immerhin schon eine ganze Weile zusammen, und bis jetzt hielt sich das Gefühl der Erschöpfung begrenzt.

Kaum las er den Absender der Bittschrift, zeichnete sich Verwunderung auf seine Gesichtszüge. Das Schreiben stammte von dem Wolfsprinzen Kōga. Kōga war nicht dafür bekannt Kontakte zum Daiyōkai des Westens zu pflegen. Es war das erste Schreiben, das Light von dem Wolfsprinzen in den Händen hielt. Light kannte den Wolfsdämon nur vom Hörensagen, von ein paar wenigen Geschichten, die er überhört hatte, während er mit Sesshōmaru in Kaedes Dorf war.

Neugierig fing Light an zu lesen und als er fertig war, stellte er drei Dinge fest: Kōga war sehr selbst überzeugt und gleichzeitig dumm, wenn er annahm mit Anschuldigungen, in einer Bitte an Sesshōmaru Erfolg zu haben; die Verzweiflung im Wolfsrudel musste groß sein und Kōga wusste nicht, wie man seinen Namen schrieb. Light schrieb seinen Namen mit den Kanjis 夜神月(Yagami Light), Kōga hatte für seinen Namen die Kanjis 夜神光gewählt. Das letzte Kanji 光 war dabei eine wörtliche Übersetzung von seinem Namen Light und bedeutete Licht. Obwohl das Kanji 月 tsuki (Mond) oder getsu/gatsu (Monat) hieß, wurde es in seinem Namen als Light ausgesprochen. Eine Freiheit, die sich seine Eltern bei seiner Geburt erlaubt hatten. Light sah über den Fehler von Kōga hinweg. Für ihn war es mittlerweile schon Gewohnheit, seinen Namen falsch geschrieben zu lesen. Auch unter den Dämonen des Inuclans gab es zu anfangs einige, die seinen Namen wie der Wolfsprinz Kōga mit dem Kanji 光 schrieben. Light korrigierte diesen Fehler nicht. Die einzige Ausnahme hatte er beim General gemacht. Es war eine Genugtuung gewesen, seine Entschuldigung zu hören.

Bevor Light sich mit Sesshōmaru über Kōgas Schreiben unterhielt, wartete er bis der Daiyōkai das Antwortschreiben unterschrieb, das er ihm zuvor hinübergelegt hatte. Sesshōmaru nahm einen Stempel aus grüner Jade in die Hand, in dem das Zeichen des Westens eingeritzt war; ein Halbmond unter dem das Kanji Inu und Haus stand und tunkte ihn in rote Farbe, um ihn auf den freien Platz, am unteren Rand der Schriftrolle zu pressen. Dann nahm er einen dünnen Pinsel, tauchte diesen in schwarze Tusche und schrieb seinen Namen daneben.

»Wie viele Krieger wollt Ihr dem Bärenclan diesmal zur Hilfe schicken?« Light hatte im Schreiben eine Lücke gelassen, damit Sesshōmaru dort eintragen konnte, mit wie vielen Kriegern er die Bärendämonen unterstützen wollte. Der Bärenclan, der am Fuß des Gebirges im Norden hauste, an der Grenze zu den nördlichen Ländereien, wurde immer wieder von Onis überfallen. Der Clan bestand aus nur wenigen Mitgliedern und keiner von ihnen war ein Krieger. Er lebte von Handel mit Menschen und anderen Dämonen. Light hatte schon öfters ein Schreiben angefertigt, indem er dem Bärenclan Krieger von Sesshōmaru versprach.

»Einer.«

Eine Antwort, die zu erwarten war, denn Onis waren in ihrer Statur oft mittelgroße, sperrige Dämonen, mit einem Aussehen, das der Schönheit einer Kröte glich. Sie besaßen einen plumpen Verstand, der ihr Handeln instinktiv machte und ihr Verhalten zu einem leichten, vorhersehbaren Geschehnis. Doch wegen ihrem hohen Gewaltpotenzial, waren sie gefährlich für Menschen und Dämonen, die unerfahren im Kampf waren. Light hatte seine eigenen Erfahrungen mit diesen Dämonen gemacht. Er wusste, dass sie aus den einfachsten Gründen angriffen; ein unerwartetes Aufeinandertreffen mit einem Oni reichte aus, um von ihm durch Wälder und über Wiesen gejagt zu werden.

Oft verschlangen diese Dämonen Menschen, größere Tiere oder schwache Dämonen. Laut Yōsuke war das Knacken von Knochen unter den Sohlen und der Gestank von Verwesung ein Normales in dem Bau eines Onis. Unschöne Geschichten über diese Dämonen gab es zuhauf; selbst der Inuclan besaß seine eigenen. Für einen kampferfahrenen Dämon aus dem Inuclan sollte das Niederstrecken der Onis jedoch eine Leichtigkeit sein. Viel zu dumm waren sie, um eine Gefahr darzustellen, gleich wie viele von ihnen den Bärenclan bedrohten. Wer immer den Befehl bekam, er sollte in wenigen Tagen vom Bärenclan zurück sein. Es war ein einfacher Auftrag.

Light wartete, bis Sesshōmaru die Schriftrolle zusammengerollt und eine Schnur mehrmals darum gewickelt hatte, erst dann sagte er: »Ein Schreiben von Prinz Kōga. Er bittet Euch um Hilfe an der gemeinsamen Grenze im Osten. Sein Rudel wird von Flugyōkais aus den Bergen angegriffen.« Light betrachtete das Schreiben in seiner Hand. Die Anschuldigungen von Kōga gegen Sesshōmaru sprangen ihm dabei abermals ins Auge. Innerlich schüttelte er den Kopf: Kluges Handeln schien für Kōga fremd zu sein. »Er ist über Eure Grenzpatrouille erzürnt, da sie sich aus dem Kampfgeschehen heraushält und der Wolfsrudel sich selbst überlassen bleibt.« Light fuhr mit sachlicher Stimme fort: »Er besteht auf die Unterstützung des Westens, weil sein Rudel schon vermehrt gefährliche Yōkais vernichtet hat, bevor sie die Grenze zum Westen passieren konnten. Prinz Kōga besteht auf einen Ausgleich.«

»Abgelehnt«, kam es von Sesshōmaru kalt.

Auch diese Antwort hatte Light erwartet. Er rollte vor sich eine leere Schriftrolle auseinander und begann mit einer höflichen, aber bestimmten Antwort, die das Desinteresse des Westens für die Probleme von Prinz Kōga ausdrückten. »Ano ... diese Flugyōkais«, Light tauchte den Pinsel in die Tusche, »wisst Ihr, weswegen sie das Rudel von Prinz Kōga angreifen?«

Kōga hatte diesbezüglich nichts in seinem Schreiben erwähnt. Ein territorialer Kampf hätte Light vermutet, wenn die Wolfsdämonen die Flugdämonen in ihrer Behausung in den Bergen angriffen. Unter den Dämonen wurde oft um die Eroberung neuer Gebiete gekämpft. Das Gebiet des Wolfsprinzen erstreckte sich vom Fuß eines Berges hinaus über Wälder und Wiesen. Seine Grenze teilte er sich mit dem Daiyōkai des Ostens und des Nordens. Nur ein kleines Stück, nicht mehr als drei Kilometer, verlief an der westlichen Grenze entlang. Für die Flugdämonen in den Bergen war es kein Nutzen, das Gebiet von Kōga zu erobern. Light gestand, das Schreiben sagte nicht viel über diese Flugdämonen aus, trotzdem lag die Vermutung nahe, dass es eine Art von Dämon war, der seine Behausung weit oberhalb der Baumgrenze hatte, wo zur Ernährung Kleintiere und Bergziegen gehörten. Kōga war nicht ehrlich. Diese Dämonen verließen normalerweise die Berge nicht und taten sie es dennoch, dann nur unter wichtigen Beweggründen.

»Der Wolf ist von keiner Wichtigkeit für den Westen.«

»Ihr wisst es also nicht.«

Sesshōmaru hielt in seiner Bewegung inne. »Du fragst nach Vermutungen.«

»Hai! Sesshōmaru-sama, ich frage nach Euren Vermutungen.«

»Light.« Sesshōmarus linke Hand ruhte gelassen auf seinem Knie, während die andere auf dem Tisch lag. »Ich mutmaße nicht.«

Wenn das so war, dann machte es keinen Sinn, Sesshōmaru weitere Fragen zu stellen. Light nickte stumm und richtete seinen Fokus wieder auf das Antwortschreiben des Wolfsprinzen. Sollte er dennoch das Interesse haben, mehr über die Geschehnisse an der Grenze zu Kōgas Gebiet in Erfahrung zu bringen, dann brauchte er keine Vermutungen, dann musste er nur die richtigen Personen fragen; der Daiyōkai gehörte offensichtlich nicht dazu. Und Light verstand es. Für Sesshōmaru war es Unwichtig, was mit dem Rudel von Kōga passierte. Und solange die Flugdämonen nicht in den Westen einfielen, würde Sesshōmaru keinen Gedanken an die Vorfälle nahe seiner Grenze verschwenden.

Sie arbeiteten weiter, jeder für sich, in einer Stille, die in den letzten Tagen zu einem vertrauten Freund wurde; es war ein angenehmes beisammen sein. Light gab ein paar Tropfen Wasser in die Tusche und rührte sie um. Dann wusch er die Borsten seines Pinsels aus, nur um erneut mit der Pinselspitze in die Farbe einzutauchen. Light fuhr noch einmal das letzte Kanji nach, bei dem er gemerkt hatte, wie die Farbe viel zu dickflüssig auf dem Papier haftete. Es brauchte nicht lange, da hatte er Kōgas Antwortschreiben fertig. Kurz wartete er, bis alles getrocknet war, dann erhob er sich und legte es auf Sesshōmarus Tisch ab. Sesshōmaru schrieb derweil selbst an eine Antwort. Sein Schreiben richtete sich an jemanden, dessen Namen Light fremd war.

Zurück auf seinem Platz, nahm Light das nächste Schriftstück vom Stapel. Dieses war nicht zum Ausrollen, sondern es war ein zusammengefaltetes Reispapier, das in einem Bambusbehälter steckte. Er faltete es vor sich auf dem Tisch auseinander und massierte sich sogleich die Schläfe; es stammte von Ningen. Er mochte diese Schreiben nicht, zu sehr wünschte er sich bei solchen Schreiben, er besäße auch in dieser Zeitepoche ein Death Note. Light stützte seine Stirn auf seinen Fingerspitzen ab. Wobei er das Death Note nicht einmal einsetzten konnte ohne Namen und ohne das Gesicht gesehen zu haben.

Seit er Sesshōmarus Gefährte war, hatten sich die Bittschriften der Menschen verdreifacht. Sie baten den Daiyōkai um Hilfe oder richteten sich in ihrem Schreiben direkt an Light. Es schien, als erhofften sie sich, der Daiyōkai würde offener für die Belange von Menschen sein, nun da er einen Menschen als Gefährten hatte. Sesshōmaru antwortete auf keines ihrer Schreiben. Eine Ausnahme machte er lediglich bei den Daimyōs, wenn auch nur gering. Sesshōmaru las die Schreiben der Daimyōs nicht, noch wollte er darüber informiert sein. Light fertigte jedes Mal ohne Rücksprache eine Absage an, verwendete dabei immer dieselben Floskeln.

Vielleicht war es Mitgefühl für seinesgleichen, denn er hätte das Schreiben beiseite legen können. Hingegen fing er es an, zu lesen, obwohl er schon vorab wusste, um was es ging: Es waren Hilferufe. Holprig waren die Sätze und nur mit Mühe verstand Light, was das Anliegen der Dorfbewohner war. Manche der Kanjis und Hiraganas waren falsch geschrieben und so entriss sich ihm der Sinn des Satzes, dennoch verstand er genug, um sich dem Problem der Dorfbewohner bewusst zu sein. Das Dorf wurde von einer Gruppe von Tausendfüßlerdämonen angegriffen. Sie entführten die Dorfbewohner, hauptsächlich Kinder und Alte, und verschwanden mit ihnen im Wald. Vermutlich schon tot, dachte Light. Ein plötzlicher Gedanke schob sich zu seinen anderen. Nein, sagte er sich sofort, selbst wenn er ihnen half, würde er in den nächsten Wochen zig weiterer solcher Hilferufe lesen. Waren sie schlau, dann würden sie Hilfe finden. Für solche Fälle gab es immerhin Dämonenjäger, Mikos oder sogar Mönche.

Er faltete das Schreiben zusammen und steckte es zurück in den Bambusbehälter. Dann nahm er das nächste vom Stapel. Eine Weile lang arbeitete er konzentriert weiter, doch dann bemerkte er, wie es ihm immer schwerer fiel seine Augen offen zu halten, zu sehr brannten sie nun. Sein Körper, leicht warm, wollte eine Pause. Light säuberte die Pinsel, die er für die heutige Arbeit benutzt hatte und reinigte den Reibstein. Normalerweise gab es Bedienstete, die diese Aufgabe übernahmen, doch Light hatte die Angewohnheit, sich um Ordnung und Sauberkeit seines Arbeitsplatzes selbst zu kümmern.

Nachdem er alles gesäubert und wieder aufgeräumt hatte, stand er auf und streckte sich. »Ich werde mich zurückziehen.« Light verbeugte sich vor Sesshōmaru. »Ihr entschuldigt mich.«

»Iss etwas, du bist zu dünn«, kam es von dem Daiyōkai.

Light bezweifelte sein Appetit würde heute zurückkommen. Schon vor der Krankheit war ihm nicht nach Essen zumute gewesen. Er ernährte sich zurzeit von Suppen mit ein wenig Bambus oder getrockneten Blüten darin und verschiedenem Gemüse, mehr nicht.

»Ich werde jemand von der Küche zu dir schicken lassen«, fügte Sesshōmaru hinzu und betrachtete Lights dünne Gestalt.

Light wusste, Sesshōmaru war über seinen starken Gewichtsverlust nicht erfreut. »Arigatou gozaimasu, Sesshōmaru-sama!« Light verbeugte sich erneut. »Ich werde sehen, ob ich Hunger habe.« Damit ging er zu Tür. Von draußen hörte er aufgebrachtes Stimmengewirr. Schritte rannten durch den Gang auf die Tür zu, durch die er in den Gang hinaustreten wollte. Light bewegte sich zur Seite und machte derjenigen Person platz, die vorhatte in den Raum zu stürmen. Etwas weiches berührte ihn. Er sah nach unten auf Sesshōmarus Ärmel, der über seine Hand streifte. Der Daiyōkai stand nun dicht neben ihm. Er hatte seinen Körper so platziert, dass er zwischen der Tür und Light stand. Sein Gesicht zeigte keine Regung.

'Bam!' Die Tür wurde mit einem Knall aufgeschoben. Eine rote Gestalt sprang in den Raum.

»Sesshōmaru!«, brüllte sie. Inuyasha brach über sie herein wie ein Taifun vom Meer kommend. Emotionen schwappten für alle sichtbar über sein Gesicht, schnell wechselnd, von einem düsteren Gemüt.

Light schmeckte die Luft. War das ein Geruch von Salz und Seetang?

»Inuyasha«, sagte Sesshōmaru gefasst, trotzdem schlich sich ein frostiger Unterton in seine Stimme. Inuyashas unerwartetes Auftauchen erfreuten den Daiyōkai keinesfalls.

Eine zweite Person hetzte in den Raum an Inuyasha vorbei und warf sich vor Sesshōmaru auf den Boden; das Haupt tief gesenkt, die Stirn gegen das kühle Holz gepresst. Ihre langen, beharrten Ohren zuckten nervös. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Sesshōmaru-sama«, stammelte sie hastig, die Augen hatte sie dabei fest zusammengekniffen, als fürchtete sie Sesshōmarus glühenden Zorn. »I-ich konnte ihn nicht aufhalten. Ich habe ihm gesagt, dass Ihr beschäftigt seid, doch es hat ihn nicht davon abgehalten, Euch aufzusuchen. Ich–«

»Lass uns alleine«, fiel ihr Sesshōmaru ins Wort und machte dem Gestammel damit ein Ende.

»H-hai! Sesshōmaru-sama!« Der Bedienstete sprang sofort auf und beeilte sich den Raum zu verlassen, dabei stolperte er rückwärts, während er sich immer wieder verbeugte. Vom Gang aus schloss er die Tür leise.

»Inuyasha, weshalb eilst du zu mir?« Mit einem Rascheln trat Sesshōmaru dem Hanyō gegenüber. Sesshōmaru hielt bis jetzt an seiner Gelassenheit fest. Seine Körperhaltung war beherrscht und zeigte keinen Anschein von Unruhe. Seine Stimme malte indes ein anderes Bild; in ihr schwang Verärgerung mit.

»Ich –« Inuyasha geriet in Verlegenheit. Schnell schüttelte er das Gefühl von sich und holte ein Schreiben aus dem Ärmel seines Kariginus. Er hielt es Sesshōmaru direkt unter die Nase. »Hier! Lies das!«

Sesshōmaru nahm ihm das Schreiben ab. Mit seinen Augen überflog er es kurz. »Hn!«, kam es abfällig von ihm. Seine Fingerspitzen färbten sich grün und kurz darauf fraß sich sein Gift durch das Papier.

»Was zur Hölle! Sesshōmaru!« Inuyasha langte nach Sesshōmaru, doch seine Krallen gingen ins Leere, frustriert bellte er: »Verdammt Sesshōmaru! Ich habe es dir gegeben, dass du es liest!«

Sesshōmaru bedachte Inuyasha mit einem abwertenden Blick. »Ich muss nichts lesen, dessen Inhalt ich schon kenne und der von einem nichtswürdigen Yōkai stammt. Wenn du nur deswegen zu mir gekommen bist, dann weißt du, wo es wieder hinausgeht.«

Sesshōmarus herablassende Verhaltensweise trieb Inuyasha die Wut ins Gesicht. Der Hanyō ballte die Hände. Sein ganzer Körper wurde von einem unkontrollierten Zittern erfüllt. »Keh!«, spie er. »So Arrogant wie eh und je. Otō-sans Name wird in den Dreck gezogen und du schaust weg! Dich würde es wahrscheinlich nicht einmal interessieren, wenn man sein Grab schändigt!«

Sofort verschwand Sesshōmarus Gelassenheit. Er warf Inuyasha einen vernichtenden Blick zu.

Light spürte Sesshōmarus Yōki noch nicht, aber er sah es; Sesshōmarus weißes Haar bewegte sich leicht, als ob ein unsichtbarer Wind daran zupfte.

Inuyasha wich einen Schritt zurück. Er wirkte unschlüssig, ja sogar etwas unsicher.

Light, der abseits stand und das Geschehen mitverfolgte, schmunzelte über Inuyashas Verhalten.

»Sein Grab wurde schon geschändet und zwar von dir und deiner kleinen Ningen-Gruppe«, fauchte Sesshōmaru.

Für einen winzigen Moment schien Inuyasha befangen zu sein, er zögerte. »Lad die Schuld ja nicht auf uns ab!«, schmetterte er schließlich zurück, aggressiver denn je. »Du weißt selbst, dass wir gegen Naraku gekämpft habe!«

»Genug!«, raunte Sesshōmaru. Er wandte sich von Inuyasha ab. »Es ist mir gleichgültig, was du machst«, sagte er über seine Schulter. »Ich aber werde meine Zeit nicht damit vergeuden, einem erbärmlichen Yōkai die Genugtuung zu geben, sein mickriges Selbstbewusstsein durch meine Anwesenheit, mit Stolz zu erfüllen.«

»Verfluchter Mistkerl!« Inuyasha sprang zwischen Sesshōmaru und den mit Schriften beladenen Tisch. »Elender Hund!«, fluchte er weiter. »Du verschließt also deine Augen. Dir ist Otō-sans Ehre egal!«

»Geh mir aus dem Weg«, knurrte Sesshōmaru.

Light konnte sehen, dass Sesshōmarus Geduld mit Inuyasha am Schwinden war.

Inuyasha blieb standhaft, seine Augen sprühten vor Verbissenheit; in diesem Zustand würde Inuyasha keinen Rückzieher machen.

Weswegen war es ihm nur so wichtig, die Ehre seines Vaters vor einem unbekannten Dämon zu verteidigen? Light wusste, Inu no Taishō starb in der Nacht, in der Inuyasha geboren worden war. Inuyasha kannte seinen Vater nicht ... außer natürlich, das war genau die Ursache für Inuyashas emotionalen Ausbruch. Der Hanyō könnte das Gefühl haben, seinem Vater etwas schuldig zu sein.

Inuyasha zeigte Sesshōmaru seine spitzen Eckzähnen in einer bedrohlichen Gebärde. Er schien mit einem Angriff von Sesshōmaru zu rechnen. Seine Hand lag nahe des Schwertgriffs von Tessaiga. Sesshōmarus Hände befanden sich abseits von Bakusaiga, doch jeder im Raum wusste, dass wenn er Bakusaiga ziehen sollte, er schneller als Inuyasha wäre. Eins schien Inuyasha nicht bewusst zu sein; Sesshōmaru würde Bakusaiga nicht ziehen, nicht hier, nicht in seinem Schloss.

Light beschloss, sich einzumischen und etwas Vernunft, in Inuyashas Schädel zu hämmern. »Du kennst diesen Yōkai nicht. Warum sind dir die Worte eines Fremden so wichtig?«

»Oi, Yagami! Halt dich da raus. Das geht nur Sesshōmaru und mich was an!«

So freundlich wie eh und je, dachte Light. Er ignorierte Inuyashas ruppige Worte und meinte stattdessen: »Du reagierst auf die Herausforderung dieses Yōkais so empfindlich wie eine Mimose.«

Inuyasha blinzelte verdutzt.

Ah, ja, er wusste nicht, was eine Mimose war.

»Hast du die Beleidigungen gelesen«, kläffte er mit einem Mal. »Vermutlich nicht, denn sonst würdest du nicht so einen Schwachsinn reden.«

»Iee«, verneinte Light unbeeindruckt. »Aber das ist unwichtig. Du reagierst genau, wie der Yōkai es sich erhofft.«

Manchmal fragte sich Light, warum der Hanyōu das Offensichtliche nicht sehen konnte. Die Beleidigungen gegen Inu no Taishō und egal wie schlimm sie waren, waren gewählt worden, um eine wütende Reaktion bei den beiden Brüdern auszulösen. Inuyasha , wie immer von seinen Emotionen beherrscht, rannte schnurgerade in die Falle des Dämons hinein.

»Mir ist dein Gequatsche egal, Yagami. Du weißt ja selbst nicht, was du willst!«

»Inuyasha«, sagte Sesshōmaru warnend.

»Was!«, murrte Inuyasha. »Sag bloß, du hast Angst, dass ich über deinen Gefährten etwas sage, was sein rationaler Verstand nicht verträgt?«

Lights Augenbraue zuckte genervt. Ihm lagen genügend Worte auf der Zunge, mit denen er Inuyasha die Luft aus den Lungen jagen könnte. Der Hanyō würde gegen ihn nicht standhalten. Aber wann hatte sich Light jemals mit jemanden wie Inuyasha gemessen. Solchen Gestalten gingen die Argumente schneller aus, als dass sie einatmen konnten; es war langweilig.

»Ich werde nicht mit dir mitgehen, Inuyasha«, meinte Sesshōmaru. »Wenn du der Meinung bist, dass du die Ehre von Chichi-ue [Vater] verteidigen musst, dann nimm die Herausforderung an. Unser Gespräch ist hiermit beendet, du findest selbst hinaus.«

»Baka!«, knurrte Inuyasha vor Wut. Er besah Sesshōmaru und Light mit Augen, in denen es blitzte. »Ich hätte nie kommen sollen!« Damit stürmte er aus dem Zimmer und hätte dabei fast die Tür aus der Schiebeverankerung gerissen.

Light sah ihm hinterher, doch dann fiel sein Blick auf den Bambusbehälter. Verdammt!, fluchte er. Er schnappte sich den Behälter und rannte hinter Inuyasha her. »Inuyasha, chotto matte!« [Inuyasha, warte einen Moment!]

Inuyasha ignorierte ihn. Er stürmte mit langen Schritten den Gang entlang, an mehreren Räumen vorbei, die hinter geschlossenen Holztüren lagen.

Light gab sich noch einen Versuch. Sollte dieser Scheitern, dann würde er den Bambusbehälter, mitsamt des Schreibens in das nächste Feuer werfen. »Matte kudasai!«[Warte bitte!], brüllte Light durch den Gang.

Inuyasha verlangsamte sein Tempo und drehte sich argwöhnisch zu ihm um. Seine Arme faltete er in einer abweisenden Haltung. »Was willst du, Yagami? Mich noch weiter belehren?«

»Iee, ganz im Gegenteil. Wenn du schon dabei bist gegen einen Yōkai zu kämpfen, dann habe ich hier noch etwas für dich.« Light drückte Inuyasha den Bambusbehälter in die Hand.

Inuyasha öffnete den Deckel und faltete das Papier auseinander. Sein fragender Blick schlug alsbald in offene Verwirrung um. »Was soll das heißen?«, raunte er Light an. »Dieses Schreiben macht überhaupt keinen Sinn.« Er wedelte das Papier durch die Luft. »Dorfbewohner werden von einer ...«, Inuyasha kniff die Augen fest zusammen, »... von einer Horde Strohsäcke mit tausend Füßen angegriffen? Diese Strohsäcke nehmen Kinder und Blechernde mit in ihren Bau ... und ...« Inuyasha machte eine Pause, dann versuchte er erneut den nächsten Satz zu entziffern »... und sie stecken sie in heiße Bäume im Wald?«

Sie stecken sie in heiße Bäume im Wald? Das Schriftstück trotzte vor Schreibfehlern, es war schwierig zu lesen, aber an diesen falsch geschriebenen Satz konnte sich Light nicht erinnern.

»Ich habe keine Zeit für so was.« Inuyasha wollte ihm das Schreiben zurück geben, doch das Auftauchen einer neuen Person ließ ihn in seiner Bewegung inne halten.

Sesshōmarus General bog in den Gang ein.

Lights Blick fiel sofort auf das Erscheinungsbild des Krähendämons. Gekleidet in einer grauen Hakamahose und einem schwarzen Haori, kam er auf sie zu. Es war nicht unüblich ihn so zu sehen, auch wenn Light wusste, der Krähendämon bevorzugte den Kimono. Unüblicher war es, was Keisuke darüber trug. Sein Körper schützte eine schwarz-silberne Rüstung, die aus verschiedenen Platten bestand, die wiederum durch Schnüre zusammengehalten wurden und ihm somit eine gute Beweglichkeit ermöglichten. Keisuke schwarzes schulterlanges Haar, das er normalerweise offen trug, war mit einem lilalen schlichten Band zu einem hohen Zopf gebunden.

Inuyasha warf ihm einen kurzen Blick zu, dann entschied er sich, ihn zu ignorieren. Keisuke sah über Inuyashas unhöfliches Verhalten hinweg. Keiner der Dämonen im Schloss bestand auf Höflichkeitsfloskeln, wenn es um Inuyasha ging. Das Mundwerk des Hanyōs war viel zu lose und unbelehrbar. Niemand schien ein Verlangen zu haben, Respekt von Inuyasha einzufordern, jeder wusste, dass es ein sinnloses Unterfangen sein würde. Was man bei Inuyasha hinnahm, hätte man bei Light als eine Herausforderung aufgeschnappt.

Light und Keisuke verbeugten sich, knapp und nicht all zu tief. Seit dem Vorfall in Keisukes Gemächern, war es zwischen ihnen zu keinem weiterem Gespräch gekommen. Eine kurze Begrüßung hier und da war alles zu dem sie sich beide herabließen. Jeder behielt seine Gedanken für sich, selbst mit einem Schlagabtausch hielten sie sich zurück.

Nun bedachte Inuyasha Keisuke doch kurz.

Etwas hatte das Interesse des Hanyōs geweckt. Light folgte Inuyashas Blick und entdeckte an einer Rüstungsplatte mehrere Spritzer von Blut.

»Keh, Yagami! Ich werde bestimmt nicht gegen Strohsäcke kämpfen?« Inuyasha wollte das Schreiben an Light zurückgeben.

Keisuke starrte auf das Papier in Inuyashas Händen. »Strohsäcke? Darf ich?«

»Meinetwegen«, brummte Inuyasha und reichte das Schreiben an den General weiter.

Light beobachte Keisukes Gesichtszüge sehr genau.

Auch bei ihm entstand kurze Verwirrung, doch dann meinte er: »Das Dorf wird von mehreren Tausendfüßleryōkais überfallen. Wenn man die Jahreszeit mit in Betracht zieht und dass sie als Gruppe jagen, dann sind sie noch nicht ausgewachsenen. Vermutlich eineinhalb bis zwei Monate alt, aber immerhin schon groß genug, dass sie für Ningen gefährlich sind.« Keisukes Lippen zogen sich in ein schmales Lächeln. Er schmunzelte. »Manche dieser Schriftzeichen ...« Doch ohne weiter auf die Fehler im Schreiben einzugehen, sagte er: »Sie haben Kinder und Alte in ihre Höhlen im Wald verschleppt. Der Eingang befindet sich neben einer Ansammlung von heißen Quellen zwischen zwei Bäumen.«

Und genau das hatte Light auch gelesen.

Keisuke gab das Schreiben an Inuyasha zurück. »Niemand, der von ihnen in ihre Höhlen verschleppt wurde, wird noch am Leben sein. Sie töten ihre Beute und kleben sie mit Speichel an die Höhlenwände. Im Schreiben sind mehrere erwähnt, dass können nur Rottausendflüßleryōkais sein, es sind die einzigen Tausenfüßleryōkais, die die ersten Monate zusammen jagen.« Keisuke bedachte Inuyasha und Tessaiga. »Wenn Ihr gegen sie kämpfen wollt, dann achtet auf die Giftdrüsen an ihrer Mundöffnung. Ihr werdet den Verstand verlieren, wenn Ihr von ihrem Gift getroffen werdet.« Damit ließ sie Keisuke stehen. Es maschierte den Gang entlang auf das Zimmer zu, indem sich Sesshōmaru befand.

Light verdrehte die Augen, als Inuyasha dem General hinterher rannte und sich knurrend vor ihm aufbaute. Der Hanyō wusste wirklich nicht, wann es besser war, sein aufbrausendes Temperament unter Kontrolle zu halten.

»Ich brauche Eure Hilfe nicht, Krähenyōkai! Tessaiga und ich haben schon Yōkais wie Euch besiegt. Was sind da schon ein paar läppische Tausendfüßler! Als ob ich jemand bräuchte, der mich vor ihnen warnt.«

»Oh? So, habt Ihr das?« Keisuke mimte ein überraschtes Gesicht, dann erfüllte ihn eine kalte Nüchternheit. In seinen nächsten Worten schwang eine beißende Härte mit. »Wenn Sesshōmaru-sama, Euch wirklich hätte töten wollen, Inuyasha, dann wärt Ihr nicht hier. Und da Ihr vor mir steht, seid Ihr nie jemand begegnet, der sich mit der Stärke von Sesshōmaru-sama messen kann.«

Keisuke verschwand von seinem Platz und tauchte direkt vor Inuyasha auf.

Inuyasha zuckte zusammen, stolperte zurück, fing sich aber mit einem verärgerten 'Keh'.

Light beobachtete das Spiel des Generals. Inuyasha bemerkte vermutlich nicht einmal, dass sein Verhalten Keisuke amüsierte.

»Ihr seid genauso unausstehlich wie Sesshōmaru!«, fauchte Inuyasha und zog Tessaiga, das sich sofort verwandelte.

»Ahh ... Inuyasha will gegen mich kämpfen.«

Inuyasha lächelte spöttisch. »Tessaiga und ich werden's Euch zeigen!« Inuyasha schlug nach Keisuke.

Der General bewegte seinen Körper blitzschnell zur Seite und wich Tessaiga und Inuyasha in dem schmalen Gang aus.

Light drückte sich derweil flach an die Wand. Er hatte absolut nicht das Verlangen zwischen die beiden zu geraten.

Der Schwung trieb Inuyasha nach vorne an Light vorbei, bevor er seine Füße in den Boden rammen konnte.

Der General schnellte ihm hinterher. Er packte Inuyasha grob an seinem Kariginu und trat ihm von hinten in beide Kniekehlen.

Inuyasha verlor das Gleichgewicht und taumelte. Keisuke zögerte nicht. Er riss Inuyasha an seinem Haar und knallte ihn auf den Rücken, dann schwang er sich auf ihn. Eine Hand hielt Inuyashas Handgelenk fest, die andere presste Tessaiga gegen die Holzdielen und nahm Inuyasha die Bewegungsfreiheit.

»Nicht im Schloss«, raunte Keisuke Inuyasha an. Er ließ von Inuyasha ab und stand auf.

Inuyasha sprang sofort auf die Beine und funkelte den General wütend an.

Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte Light gegen eine Holztür. Inuyashas aufbrausendes Ego schien etwas die Luft ausgegangen zu sein. Man sah ihm an, er wollte Tessaiga nicht wegstecken, wirkte aber gleichzeitig unschlüssig, ob er einen erneuten Angriff wagen sollte. Doch schließlich verwandelte sich Tessaiga in ein schäbiges, stumpfes Schwert.

Gut für dich, Inuyasha, dachte Light, der General hätte dich ansonsten K.O geschlagen.

»Ich werd dich auch so fertig machen, Krähe!« Inuyasha rannte an Light vorbei.

Light konnte bei Inuyashas Vehalten nur den Kopf schütteln ... obwohl, es hatte auch etwas Unterhaltendes an sich.

Inuyashas Krallen schlugen nach dem General. Dieser sprang zurück und landete neben Sesshōmaru. Inuyasha schien Sesshōmaru nicht bemerkt zu haben. Als er ihn erblickte, blieb er mit gekrümmter Hand stehen. Er musterte beide Dämonen grimmig und seine Ohren zuckten wachsam.

»Inuyasha, ich bin deiner Anwesenheit überdrüssig.« Sesshōmarus bernsteinfarbene Augen fielen hinter Inuyasha auf den Holzboden. An der Stelle, an der Keisuke Inuyasha zu Boden geschmissen hatte, zeichnete sich eine Delle ab. Zwei der Bretter waren gebrochen, andere wirkten als würden sie beim kleinsten Gewicht ebenfalls zusammenbrechen.

»Warum bist du noch hier? Geh jetzt!«

»Ich –«

Sesshōmarus Energiepeitsche schlug nach Inuyasha.

»Tz! Schon gut! Ich verschwinde ja schon!« Inuyasha streckte Sesshōmaru und Keisuke die Zunge raus, gleichzeitig zog er die Haut unter seinem rechten Auge nach unten. Erst dann sprintete er den Gang hinab davon.

Weder Sesshōmaru noch Keisuke regten sich. Inuyashas Grimasse prallte an den beiden Dämonen ab, als hätten sie sie nicht einmal bemerkt.

Kaum war Inuyasha verschwunden, trat Sesshōmaru vor Light.

Light gab einen überraschten Laut von sich, als Sesshōmaru sein Kinn packte und ihn an sich zog. Sesshōmarus Lippen pressten forsch gegen seine. Er öffnete mit seiner Zunge Lights Mund und eroberte ihn sofort von innen. Lights Augen weiteten sich. Er hätte den Daiyōkai mit einen kräftigen Stoß von sich drücken sollen. Sesshōmaru war wütend und der Daiyōkai benutzte ihn, um sein Gemüt abzukühlen. Ja, er hätte ihn von sich stoßen sollen ... doch er ließ Sesshōmaru gewähren, wenngleich er nicht an dem Kuss teilnahm.

Schließlich löste Sesshōmaru sich von Light. Für einen Moment verschränkten sich ihre Augen ineinander. Das Prickeln von vorhin, begleitet von einem warmen flatternden Gefühl, wie das Schlagen der Schwingen eines Schmetterlings, erfüllte ihn.

Keisuke, der unberührt von dem Geschehen blieb, trat neben Sesshōmaru, als dieser sich von Light abwandte. »Sesshōmaru-sama«, sagte er mit ruhiger, sachlicher Stimme, »die Umgebung um das Dorf ist sicher. Er hat mich nicht bemerkt.«

»Inuyasha.« Sesshōmaru wirkte fast so, als wäre er enttäuscht darüber, dass der Hanyō Keisuke nicht wahrgenommen hatte.

Light spürte, wie Keisuke ihm einen Seitenblick zu warf, bevor er erneut zu Sesshōmaru sprach: »Es gibt eine Angelegenheit über die ich mit Euch sprechen möchte.«

Sesshōmaru bedachte Light. »Gefährte.«

»Sesshōmaru-sama«, erwiderte Light mit trockener Stimme.

»Ruh dich aus.« Zu seinem Beta meinte er: »Folgt mir«, und lief auf das Zimmer zu, das er sich vor kurzem noch mit Light geteilt hatte.

Light kehrte den beiden Dämonen den Rücken und lief in die andere Richtung. Er verschwand in einem Wirrwarr aus vielen verwinkelten Gängen, die er ohne Probleme zu navigieren wusste.

***

Light stand in seinem eigenen Gemach. Die Morgendämmerung hatte gerade erst eingesetzt. Das Licht zweier Kerzen, gut platziert im Raum, spendete ihm genügend Licht, bis er sie schon bald auspustete.

Neben Lights Ohr schmatzte es. »Deine Manieren lassen auch immer mehr nach.«

Ryuk schmatzte weiter. Er schwebte neben Light auf seine Seite gelehnt, ein Bein angewinkelt, und bis herzhaft in den Apfel. »Einen köstlichen Apfel kann man nicht anders essen«, sagte er, nachdem er das Apfelstück hinuntergeschluckt hatte.

Light warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Braune Augen trafen auf gelbe. Die roten Pupillen des Shinigamis bohrten sich ihn Light hinein. Ein knackendes Geräusch und Ryuks spitze Zähne bissen erneut in den Apfel. Light nahm eine der Kerzen in die Hand und tropfe das immer noch flüssige Wachs auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. »Bring das zu dem Schattenkitsune Kuro.«

Ryuk begutachtet die Nachricht. »Ein weiteres Geheimnis, dass du vor Sesshōmaru hast? Hyuk, hyuk, manchmal frage ich mich, ob er es nicht bemerkt, was du hinter seinem Rücken so alles treibst.«

Nun musste Light sanft lächeln. »Diese Zeit scheint dir nicht zu bekommen, Ryuk. Seit wann stellst du solche albernen Fragen?« Light befestigte sein Schwert an seiner Hüfte. »Sesshōmaru weiß nichts von Kuro. Und jetzt, da ich ihm den Gefährten gebe, den er unbedingt will, wird er blind sein für meine Pläne.«

Ryuk klemmte sich den Brief unter den Gürtel. Er legte sich auf den Rücken und beäugte den Apfel, den er bis auf den Stil abgenagt hatte. Er drehte den Stil zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, während er gluckste: »Du hast wirklich nichts an deiner Kälte verloren, so gerissen wie eh und je.«

Der Shinigami schwebte an Light vorbei, so nah, dass seine schwarzen Federn Light im Gesicht streiften.

»Ob du auch bereit wärst, Sesshōmarus Namen in das Death Note zu schreiben, sollte er deinen Plänen in die Quere kommen?«

Light der gerade dabei war, einen frisch gewaschenen Kimono in eine Truhe zu legen, stoppte in seiner Bewegung. »Weswegen fragst du dich das, Ryuk? Mein Death Note ist nicht in der Sengoku Ära.« Light legte schnell den Kimono in die Truhe und ließ den Deckel sachte fallen.

»He, he, kannst du dich noch an deine Armbanduhr erinnern? Du hast sie nach deiner Ankunft verloren. Hier!«

Light fing sie schnell aus der Luft. Flink öffnete er das Geheimversteck in der Uhr und starrte auf ein Stück weißes unbeschriebenes Blatt Papier.

KIRA!

Ein plötzliches Gefühl der Euphorie rauschte durch seine Körperzellen. Light bemerkte erst gar nicht, wie sehr seine Hände zitterten. Erst als Ryuk neben ihm ein amüsiertes 'Hyuk, hyuk' machte, wurde er sich dem bewusst.

Ryuks hässliche Fratze tauchte dicht neben seinem Gesicht auf. »Es ist Platz genug für Sesshōmarus Namen.«

Light starrte bloß das Papier an. Seine Gedanken waren für einen Moment wie leer gefegt. Stille herrschte in ihm. Dann jedoch brach der Damm und ein Schwall von Gedanken brach über ihn herein.

Er besaß ein Stück seines Death Notes!

Sesshōmarus Tod würde ihm von dem Gefährtenmal befreien!

Der General müsste auch sterben!

Er konnte frei sein!

Niemand würde ihn verdächtigen!

Ryuks Glucksen erfüllte die Stille.

Mit einem von Emotionen leergefegtem Gesicht schloss Light das Geheimfach. »Ich vermute, du hast die Armbanduhr zufällig gefunden«, sagte er in einem sarkastischen Ton nach einem langen Moment der Pause.

Ryuk grinste. »Selbstverständlich, sie lag bei den Felsen, an denen du hinaufgeklettert bist, nachdem dich der Oni im Fluss ertränken wollte.«

»Und du gibst sie mir erst jetzt?«

»He, ich wollte sehen, wie du dich machst. Hätte nicht gedacht, dass du dich einem Daiyōkai anschließt.«

»Warum genau jetzt!«, zischte Light. Light hatte sich entschieden, seinen Plan mit dem Schattenkitsune weiterzuverfolgen, einen Plan, von dem er nicht wusste, ob er erfolgreich sein würde. Light betrachtete die silberne Armbanduhr. Kühl lag sie in seiner Hand. Vielleicht gab es wirklich keine andere Möglichkeit das Gefährtenmal loszuwerden, außer er schrieb Sesshōmarus Namen auf das Stück Papier seines Death Notes.

Es wäre so einfach ...

Ryuk zuckte mit den Schultern, dann zeigte er seine scharfen Zähne in einem breiten Grinsen. »Du hast hier so etwas wie eine zweite Familie bekommen. Ich möchte sehen, wie viele du opfern wirst, um wieder Kira zu sein.«

»Kira ist TOT!«, knurrte Light.

Ein Gefühl von Überraschung durchflutete ihn. Sein eigener Satz machte ihn ganz schummrig. Noch mehr zweifelte er seinen Verstand an, als er sah, wie er die Armbanduhr Ryuk zu warf. »Ich brauche die Macht von Kira nicht mehr.« Light atmete schwer ein. Er fühlte sich mit einem Mal schwach. »Geh jetzt. Such den Schattenkitsune und bring ihm meine Nachricht.«

»Oh? Das hätte ich nicht von dir erwartet.« Ryuk lachte und hörte nicht auf, als er durch die Wand nach draußen flog.

Light riss die Tür auf und taumelte in den Gang hinaus. Hätte ihm Ryuk die Armbanduhr vor zwei Wochen gegeben, wäre Sesshōmaru dann noch am Leben?

Ein scharfes Stechen ließ ihn Aufkeuchen. Light hielt sich an der Wand fest, während er zu Boden sackte. Seine Hand krallte sich in seinen Magen, der unerwartet anfing zu krampfen. Schwindel überkam ihn. Light versuchte seinen Kopf ruhig zu halten. Er befürchtete, dass wenn er sich zu stark bewegte, er sich übergeben müsste. Er lehnte seine Stirn gegen die Wand und versuchte gleichmäßig ein- und auszuatmen, dabei massierte er die vor Schmerz pochenden Stellen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dachte er. Light richtete sich langsam auf, seinen Kopf hielt er dabei gerade.

Er vernahm Schritte hinter sich. Sie näherten sich ihm schnell. Light wusste nicht, wer es war, aber Sesshōmaru konnte es nicht sein; sie waren zu leicht dafür. Sein Arm wurde gepackt und man half ihn zurück in sein Zimmer. Light roch ihn mehr, als dass er Gou sah. An dem jungen Dämon haftete immer ein ihm allzu vertrauter Geruch: der Geruch von Tusche. Light wusste nicht, was sein persönlicher Bedienstete machte, wenn er ihn nicht brauchte. Fragen konnte er ihn nicht.

Gou rollte für Light einen Futon aus. Er half Light sich hinzulegen, der seinen Kopf immer noch nicht bewegte.

Light vernahm, wie Gou sich entfernen wollte, vermutlich um jemand zu holen.

»Gou.« Light winkte ihn zurück.

Gou kniete sich neben Light nieder.

»Geh in die Küche und hol mir etwas zu essen. Du gehst direkt dorthin, ohne jemand auf meinen Zustand aufmerksam zu machen. Verstanden?«

Gous Gesicht tauchte vor Light auf. Seine waldgrünen Augen sahen ihn voll Sorge an. Schließlich nickte er, auch wenn Light ihm ansehen konnte, dass er anderer Meinung war.

Der Dämon eilte aus dem Zimmer. Seine Schritte waren bald schon verklungen.

Light massierte sich weiter die schmerzende Stelle. Sein Magen knurrte laut. Er hatte doch wirklich Ryuk seine Armbanduhr zurückgegeben. Light fuhr sich über die Stirn, die warm unter seiner Handfläche war.

Sesshōmaru, dachte Light, Ihr könnt froh sein, dass ich mich verändert habe.

Und dann lachte er, ein freudloses, leises Lachen.