Kapitel 7


Hermine hatte die Daumen unter die Träger ihres Rucksacks gehakt, während sie Snape durch die stupiden Gänge folgte. Auf ihrer Stirn standen nach wie vor verärgerte Runzeln, die vor allem daher rührten, dass er ihr das Armband aus der Hand gerissen und eingesteckt hatte, ohne ihr zu erklären, was es damit auf sich hatte. Anscheinend hatte er die redselige Stimmung bereits hinter sich gelassen und dachte darüber nach, wie er ihr am besten deutlich machte, dass sie es ja nicht wagen sollte, die Antworten gegen ihn zu verwenden. Was sie sowieso niemals in Betracht gezogen hatte, immerhin war ihr ihr Leben lieb.

Also hatte sie beschlossen, den Kopf einzuziehen und solange den Mund zu halten, wie er seine Nase gerümpft hatte, als hätte er einen widerlichen Geruch in eben dieser. Dieses Verhalten wäre nicht nur ihrer Gesundheit, sondern auch seiner Laune zuträglich.

Es änderte jedoch nichts daran, dass sie ihr Zeitgefühl verloren hatte und sich nach einem Rastplatz und vielen Stunden Schlaf sehnte. Ihr Vater hatte früher immer behauptet, dass das Beste bei einem Muskelkater weitere Arbeit wäre. Sie konnte diese Theorie inzwischen widerlegen. Es wurde schlimmer und nicht besser, vor allem mit einer Begleitung wie dieser.

So in ihre Gedanken vertieft, bemerkte sie nicht, dass Snape stehen geblieben war – und lief prompt in ihn hinein. „Miss Granger...", sagte er sehr leise und sehr scharf.

„Tut mir leid, Sir", nuschelte sie und trat sicherheitshalber einen Schritt mehr als nötig nach hinten.

Snape gab ein Brummen von sich und deutete dann auf eine Nische wie die, in der sie schon ihre erste Nacht verbracht hatten. „Wir werden die Schutzzauber heute gemeinsam sprechen. Dann sind sie stärker und halten uns Kitty hoffentlich wirkungsvoller vom Hals als letztes Mal. Ich hatte nicht vor, schon wieder geweckt zu werden."

Hermine nickte nur und stellte ihren Rucksack in die Nische, ehe sie ihren Zauberstab zog und sich mit dem Rücken zu Snape in den Gang stellte, so dass jeder von ihnen sich jeweils eine Seite des Ganges vornahm. Erst als sie die Stäbe bereits erhoben, fiel ihr ein, dass sie nicht einmal wusste, welche Schutzzauber er zu verwenden gedachte. Zu ihrer Überraschung stimmten sie beide denselben an. Hermine ließ sich leiten von der Magie, die aus ihrem Körper gesogen und in die Barrieren geleitet wurde. Sie schien besser zu wissen, was zu tun war.

Nach ein paar Minuten blickten sie beide zufrieden auf eine schimmernde Wand, die schon von ihrer äußeren Erscheinung her machtvoller war als die, die Snape in der Nacht zuvor errichtet hatte. Sie würde niemals freiwillig laut sagen, dass seine Künste eingerostet waren, doch auch wenn man die Differenz einrechnete, die sich automatisch ergab, da sie nun zu zweit waren, waren die Unterschiede sehr deutlich. Snape mochte ein ausgezeichneter Tränkemeister sein, doch das ‚Zauberstabgefuchtel' hatte er nur marginal erlernt.

Von dieser Erkenntnis ließ sie sich natürlich nichts anmerken, als sie schweigend die Schlafsäcke ausbreitete und sich fröstelnd in ihren legte. Sie starrte nachdenklich an die dunkle Decke hinauf und hoffte, dass ihr bald wärmer werden würde. Vor allem ihre Füße waren so kalt, dass sie Abstand davon nahm, sie am jeweils anderen Bein aufzuwärmen. Sie konnte das Zittern nur bedingt unterdrücken und die Schlafsäcke hatten die Eigenschaft zu rascheln, wenn man sich bewegte.

So wunderte es sie nicht, als Snape nach einer Weile sagte: „Ich hoffe sehr, dass Sie frieren und nicht vor Angst zittern, Miss Granger."

„Natürlich friere ich", gab sie verärgert zurück. „Was denken Sie eigentlich von mir? Nein, halt! Will ich es wissen?"

Sie hob erstaunt eine Augenbraue, als sie ein kehliges Lachen zu hören glaubte. „Ich denke nicht", antwortete er dann allerdings mit seiner gewohnt ätzenden Stimme und sie tat es als Sinnestäuschung ab.

Hermine schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Man hat mir nicht das Hirn entfernt, als ich im Ministerium anfing. Man hat mir nur nach zwei Jahren meine Partnerin genommen und mich unter Beobachtung gestellt."

„Wundert mich nicht."

Daraufhin verschwand die Kälte in ihrem Körper allein schon aufgrund der aufsteigenden Wut, die eine Menge bisher verborgener Hitze mit sich brachte. Sie setzte sich auf und funkelte Snape durch die nur Schemen offenbarende Dunkelheit an. „Ich bin eine gute Ermittlerin! Ich habe mit meiner Partnerin viele Fälle gelöst. Es ist nicht fair, dass man mich jetzt behandelt, als hätte ich Äpfel gestohlen!"

„Nun, irgendeinen Grund muss es ja haben, dass man Sie beobachtet", erwiderte er trocken und drehte ihr nicht mal den Kopf zu.

„Die Abteilung für Vermisstenfälle bekam einen neuen Leiter."

Nun hörte sie doch eine Bewegung von der anderen Seite der Nische, konnte aber nicht genau sagen, was er getan hatte. Jedenfalls bestand seine Antwort aus einem lang gezogenen „Und?".

„Und seine erste Amtshandlung bestand darin, die Kündigungen für die Hälfte der Ermittler zu unterschreiben – inklusive der meiner Partnerin. Deswegen ist die Abteilung schon seit zwei Jahren unterbesetzt und deswegen wäre ich alleine hier runtergegangen, wenn Sie nicht so überaus gütig gewesen wären, sich als meine Begleitung anzubieten." Hier gab er einen erstickten Laut von sich, auf den Hermine jedoch nicht einzugehen gedachte: „Ich hätte diese Gänge niemals ohne ein Team betreten, wenn ich nur die geringste Chance gehabt hätte, rechtzeitig eines zu bekommen."

„Selbst rechtzeitig wäre zu spät gewesen, Miss Granger. Steve Ruber war schon tot, bevor wir überhaupt hergekommen sind."

„Das konnten wir nicht wissen."

„Natürlich nicht. Aber es ändert nichts an den Tatsachen. Möglicherweise wusste ihr Chef, dass die Aussichten, ihn lebend hier rauszuholen, gering sind und hat sie deswegen alleine auf den Fall angesetzt. Haben Sie darüber mal nachgedacht, Miss Granger?"

„Nein, das habe ich in der Tat nicht."

„Dann sollten Sie es vielleicht einmal tun."

Sie schwieg zwei Sekunden, dann: „Er wusste überhaupt nicht, worum es bei diesem Fall ging."

„Sie sind noch genauso vorschnell in ihren Schlussfolgerungen wie damals", seufzte Snape.

„Und ich bin immer gut damit gefahren!", schoss sie prompt zurück.

„Natürlich", spöttelte er und schien dies als Anlass zu nehmen, sich aufzusetzen. Anscheinend hatte er erkannt, dass es sinnlos war, weiterhin ruhig am Boden zu liegen, während sie sich in ihre Überlegungen steigerte und sie auch noch laut verkündete. Aufgrund der vielen Bewegungen bekam Hermine nun eine ungefähre Vorstellung davon, wohin sie gucken musste.

„Meinen Chef interessiert das Schicksal von Steve Ruber genauso sehr wie das Wetter auf dem Mount Everest vor fünfzig Jahren. Er hasst Muggel und Muggelstämmige. Meine Kollegin war muggelstämmig und hatte das Pech, eine Abmahnung wegen einer voreiligen Handlung in ihrer Akte zu haben. An mir beißt er sich seit zwei Jahren die Zähne aus und ich gedenke nicht, etwas daran zu ändern."

Snape holte einmal tief Luft und fragte dann: „Was für eine voreilige Handlung war es?"

„Sie hat einen kleinen Jungen davor gerettet, von einem Avada Kedavra getötet zu werden, dabei aber dummerweise mich ohne Deckung zurückgelassen." Die Bitterkeit stand deutlich in ihrer Stimme, als sie hinzufügte: „Wissen Sie, ich hätte sogar noch meinen Zauberstab beiseite gelegt, nur um das Kind zu retten. Es war eher eine Formalität als eine wirkliche Abmahnung."

„Das ist Pech." Seine Stimme klang merklich desinteressiert.

„Es ist ungerecht."

„Dann gehen Sie zum Zaubereiminister."

„Der hat die Rationalisierungen ja in Auftrag gegeben und ist ganz begeistert von seinem neuen Abteilungsleiter."

„Dann kündigen Sie."

„Ich denke ja nicht mal daran!"

„Dann hören Sie auf, mich mit den Konsequenzen Ihres vermaledeiten Gryffindor-Stolzes zu nerven!"

Hermine stöhnte resignierend und fuhr sich durch ihre Haare. „Okay", gab sie sich dann geschlagen und legte sich wieder in ihren Schlafsack. Hatte sie wirklich erwartet, dass er seine Meinung über sie ändern würde, nur weil er die Hintergründe kannte? Das wäre nach all den Jahren wirklich zu viel verlangt gewesen.

Ein Gutes hatte dieses Gespräch jedoch gehabt, wie sie feststellte, als sie eine bequeme Position eingenommen hatte: Ihre Füße waren endlich warm.


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Als Severus wieder erwachte, gab er ein leises Stöhnen von sich. Er hatte geträumt. Einen ihm sehr bekannten Traum. Es war Jahrzehnte her, dass er ihn das letzte Mal geweckt hatte und eigentlich hatte er gehofft, dass das niemals wieder passieren würde.

Seufzend strich er sich den Schlaf aus den Augen und fand sich damit ab, dass er in dieser Nacht keine Ruhe mehr finden würde. Stattdessen setzte er sich leise auf und ließ den Kopf auf den Schultern kreisen. Es knackte mehrmals und Granger drehte sich auf die andere Seite. Ihr Gesicht zeigte nun zur Wand und erfüllte ihn mit einer dumpfen Genugtuung. So musste er ihr wenigstens nicht die ganze Zeit beim Schlafen zusehen.

Eine steile Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen, als er die Hand in seine Hosentasche steckte und das Armband herauszog. Er ließ die groben Glieder durch seine Finger gleiten und erinnerte sich an die vielen Gelegenheiten, in denen er es an Fredericks Arm gesehen hatte. Er selbst hatte es immer für vollkommen daneben gehalten. Es erfüllte keinen Zweck und war eher hinderlich als hübsch anzusehen. Doch Frederick hatte es niemals abgelegt. Er hatte ihm jedoch auch niemals gesagt, warum er so sehr an dem Ding hing.

Severus verzog den Mund, als er den Erinnerungen an seine Schulzeit gestattete, für einige Sekunden durch seinen Verstand zu kreisen. Eigentlich hatte er geglaubt, diese Schuldgefühle hinter sich gelassen zu haben. Und dennoch... hier unten, wo alles passiert war...

Er schüttelte den Kopf und steckte das Armband wieder in seine Tasche. Zumindest hatte er es geplant, doch es glitt ihm aus den Händen und so tastete er nach seinem Zauberstab und entzündete ein Licht an der Spitze. Die Kette war in eine Stofffalte des Schlafsacks gerutscht und glitzerte unschuldig, als das Licht darauf fiel. Severus griff danach und steckte es weg, wobei seine Blicke durch die Nische glitten.

Und an einem Pergament hängen blieben. Sofort verschwanden alle nostalgischen Gedanken und die Vorsicht kehrte zurück. Er war sich vollkommen sicher, dass weder er noch Granger vorhin ein Pergament ausgepackt hatten. So leise wie möglich bewegte er sich darauf zu und sprach mehrere Analysezauber darüber. Es schien vollkommen harmlos, wenn man mal von der Tatsache absah, dass es irgendwie hinter ihre – nach wie vor intakten – Barrieren geraten war.

Mit verständnisloser Miene streckte er die Hand aus und entfaltete es.

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Mehr stand nicht darauf. Und dennoch reichte es, um ihm einen kalten Schauer den Rücken hinunter zu jagen.


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Ein Ruck ging durch ihren Körper und sie saß aufrecht, noch bevor sie richtig wach war. Sie blinzelte einige Male den übrig gebliebenen Schlaf aus ihren Augen und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Was für eine Art aufzuwachen.

Und dabei konnte sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, was genau für ihre plötzliche Rückkehr in das Land der Wachen verantwortlich war.

„Miss Granger, schön, dass auch Sie sich dafür entschieden haben, etwas zu unserer Rettung beizusteuern. Auch wenn es nur darum geht, anwesend, ansprechbar und kohärent zu sein."

„Huh?"

„Nun gut, das kohärent sollten wir noch einmal üben."

Sie konnte die Umrisse seiner Gestalt sehen, die sich andeutungsweise von dem schimmernden Licht abhoben. Er schien mehr oder weniger gelangweilt an der Mauer zu stehen und sah abwechselnd mal nach links, dann wieder nach rechts.

„Was tun Sie da? Haben Sie etwas gesehen?"

„Nein", entgegnete Snape mit angespannter Stimme. Hermine wartete auf eine weitere Äußerung. Ein „Ich warte auf den Bus" oder vielleicht auch ein „Mir gefällt es, an der Wand zu stehen". Doch es kam nichts. Und wenn es etwas gab, das Hermine nervös machen konnte, dann genau diese Reaktion, die gar keine war. Trotzdem wagte sie nicht nachzuhaken.

„Wir sollten uns beeilen", drängte Snape schließlich und innerhalb weniger Minuten hatten sie ihre nicht vorhandenen Zelte abgebaut. Dieses Mal nahm sich Hermine Zeit, ihren Rucksack ordentlich zu packen und einige Sachen zu schrumpfen, damit er nicht allzu sehr ihre Schultern belastete. Während der gesamten Zeit schwieg Snape. Ein angespanntes Schweigen, das Hermines Einbildung Überstunden schieben ließ. Vielleicht hatte er das Monster ja doch gesehen und wollte sie nicht erschrecken?

Klar, als ob! Eher hätte er sie aus dem Schlaf gerissen und dem Tier zum Fraß vorgeworfen. So etwas Banales wie die Achtung vor der Anderen Gefühle war nicht Bestandteil von Snapes emotionalem Repertoire. Also biss sie sich frustriert auf die Unterlippe und kopierte seine lautlose Stimmung.

„Beeilen Sie sich!", fauchte er, als sie den Ausgang des Tunnels beinahe erreicht hatten. Das ewige Zwielicht lockte Hermine mit seinen billigen Versprechungen auf Sonnenlicht und sie schluckte bei dem Gedanken daran, dass der Spruch „Licht am Ende des Tunnels" von jetzt an immer einen bitteren Nachgeschmack haben würde.

Snape hatte einige Meter Vorsprung und wartete bereits am Ausgang auf sie. Sein Blick schweifte ohne Unterlass über das zu ihren Füßen liegen Terrain.

„Mr Snape?", fragte Hermine nachdem sie aufgeholt hatte. „Gibt es etwas, dass Sie mir nicht sagen wollen?"

„Wollen Sie es in alphabetischer Reihenfolge oder eher nach Relevanz sortiert?"

Ah, zumindest war er mehr oder weniger wieder der Alte. Hier im Halblicht sah Snape seltsam aus, blass. Noch blasser als sonst. Hermine sah an dem nervösen Zucken seiner Pupillen, dass er scheinbar etwas suchte. Wahrscheinlich das Monster. Was sonst könnte man hier unten finden? Nichtsdestotrotz konnte Hermine das Gefühl nicht abschütteln, dass es tatsächlich etwas gab, das ihr Begleiter ihr verschwieg. Und wenn es nach dem Pulsieren der Hauptschlagader am seinen Hals ging, hatte das Geheimnis etwa die Größe eines Bergtrolls.

„Schön, Sie müssen es mir nicht sagen, aber..."

„Na dann hätten wir das geklärt", unterbrach er sie und lief los.


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Zu sagen, Severus hätte ein ungutes Gefühl, wäre eine maßlose Untertreibung.

Der furchtlose, beherrschte Mann hatte sich noch nie zuvor so unsicher gefühlt. Selbst als er als Spion inmitten von eiskalten Todessern gestanden hatte, hatte er sich nie so verwundbar gefühlt. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verfolgte ihn mindestens so hartnäckig wie diese Granger, die hinter ihm in einen gleichmäßigen Trott gefallen war.

„Was haben Sie eigentlich vor?", fragte sie schließlich. Ihre Stimme klang so, als ob sie sich lange hatte überwinden müssen, diese Worte herauszupressen. Er grinste diabolisch. Wenn das nicht ein eindeutiger Beweis ihrer fehlenden Führungsqualitäten war...

„Das geht Sie nichts an!", erwiderte er und das Geräusch ihrer Schritte verstummte abrupt. Einen Moment lang überlegte er, ob er ihre Laune einfach ignorieren oder sich diesem Problem stellen sollte. Er wäre nicht Severus Snape gewesen, wenn er sich für letzteres entschieden hätte.

„Hey, warten Sie!", forderte sie schließlich und einen minimalen Moment lang hielt er in seinen Schritten inne. Auch wenn er sie nicht leiden konnte, war ihre Gesellschaft wünschenswerter, als mit seinen sich überschlagenden Gedanken allein gelassen zu werden.

„Mr Snape!", sagte sie, als sie ihn endlich eingeholt hatte. Sie atmete durch die kurze Anstrengung etwas schneller und ihre Gesichtshaut glänzte rot unter einer dünnen Schicht Schweiß. „Ich möchte wissen, was heute Nacht passiert ist!"

Hm, sie war intelligenter, als sie aussah.

„Miss Granger", begann er langsam und betont. „Ich möchte Ihnen und Ihrer blühenden Fantasie nicht zu nahe treten, aber..."

„Nein!", unterbrach die junge Frau und sie hatte es nur seiner Überraschungen zu verdanken, dass er ihre Frechheit nicht umgehend mit einem Punkteabzug bestrafte, der noch ihre Enkelkinder in ein schlechtes Licht rücken würde.

Dann fiel ihm ein, dass er nie wieder Punkte abziehen würde. Das wiederum rückte seine Entscheidung, Hogwarts nie wieder zu betreten, beinahe in ein schlechtes Licht. Aber auch nur beinahe.

„Ich möchte es wissen!", verlangte sie. „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, wir sitzen hier beide im Schlamassel. Ich möchte wissen, was mit Steve Ruber passiert ist und wenn ich wüsste, was Sie vorhaben – denn soviel ist offensichtlich: Sie haben etwas vor! - , könnten wir anfangen, zusammen zu arbeiten. Und wenn nicht, dann suche ich mir meinen eigenen Weg."

„Ach!" Severus riss mit gespielter Überraschung die Augen auf. „Sie wären innerhalb weniger Minuten entweder abgestürzt, von Cherimoyas vergiftet oder von einem überdurchschnittlich großen Löwen gefressen."

Granger fehlten die Worte, als sie ihren Mund öffnete. Er schloss sich wieder und sie holte tief Luft, bevor sie an ihm vorbei lief.

Es dauerte nicht lange und sie fanden sich in den Ruinen der Stadt wieder, die sie gestern nach dem Fund des Armbandes so überstürzt verlassen hatten. Dieses Mal würden sie sich etwas mehr Zeit dafür nehmen müssen, wenn sie planten, Hinweise auf den Verbleib der Menschen zu finden.

Auch wenn die gewünschte Wortlosigkeit seiner Weggefährtin eine willkommene Abwechslung zu ihrer ständigen Plapperei war, konnte Severus nicht verhindern, dass er ihre Stimme hören wollte. Einfach nur um von seinem heftig schlagenden Herzen abzulenken.

Wie gestern lagen die halbverfallenen Häuserruinen am Hang des rotsandigen Hügels. Insgesamt zählte Severus sieben Hütten, von denen drei bereits so zerfallen waren, dass die Eingänge nicht mehr zu erkennen waren. Sie waren nur halbherzig gezimmert, bestanden aus ein paar Holzbalken, aufgestapelten Steinen und einer undefinierbaren, gelblichen Masse, die die ganze Konstruktion mehr schlecht als recht zusammenhielt. Granger stand einige Meter von ihm entfernt und es fiel ihm nicht schwer, ihre verstohlenen Blicke aus den Augenwinkeln zu beobachten.

„Wonach suchen wir genau?", fragte sie, nachdem sie einige Minuten lang auf der Stelle gestanden hatten.

„Ich weiß es nicht", erwiderte Severus kurz angebunden und duckte sich, um sich in der erstbesten Hütten umzusehen.

Ein „Lumos" erhellte die Dunkelheit und er war nicht sonderlich überrascht, nichts vorzufinden außer mehr Sand, Geröll und einer kleinen, grüngeschuppten Eidechse, die mit flinken Bewegungen vor dem störenden Licht floh. Er drehte einige Runden in dem kleinen Raum und fuhr mit den Händen die bröckelige Wand entlang. Einige Malereien und sogar Worte schienen in die Wand geritzt zu sein, doch leider war kaum etwas davon zu lesen. Eine Jahreszahl, ein paar unverständliche Silben eines größeren Ganzen und die bräunlichen Umrisse eines Handabdrucks. Woher die Farbe dafür stammte wollte Severus auf keinen Fall wissen.

„Mr Snape?", hörte er die leise Stimme von Granger. Sie war kaum zu verstehen und klang nicht so, als wäre sie in unmittelbarer Gefahr gefressen zu werden. Also kein Grund so zu tun, als hätte er sie gehört. Doch nur wenige Sekunden später rief sie erneut.

„Mr Snape?" Ihre Stimme klang noch dumpfer. Vermutlich war sie in eine der anderen Hütten, um ebenfalls nach Anhaltspunkten zu suchen. Anhaltspunkte für etwas, das selbst Severus nicht wusste. „Ich denke, ich habe etwas entdeckt." Jetzt würde er erst recht nicht antworten. Selbst wenn Miss Granger den heiligen Gral gefunden hätte, er hatte nicht die Absicht, ihren Fund auf irgendeine Art und Weise zu würdigen. Also entschied er sich dafür, noch eine weitere Runde innerhalb der Hütte zu drehen. Noch immer die selben Kritzeleien und der Handabdruck war auch noch da. Unter seinen Schuhen knirschte der Schmutz und die Kiesel und es wurde mit jeder Sekunde stickiger. Doch wenn Granger etwas von ihm wollte, sollte sie gefälligst herkommen und ihm davon berichten, bevor sie ihn noch für einen verfluchten Hühnergott in Aufruhr versetzte.

Minuten vergingen und er hatte sich inzwischen auf den Boden gesetzt, genoss die Stille und das absolute Fehlen einer quasselnden Stimme.

Sie war auffallend schweigsam. Womöglich saß sie genau wie er schmollend in einer der Hütten. Nur dass Snape nicht schmollte, sondern ruhte. Genau!

Doch als die Ruhe anhielt huschten beunruhigende Gedanken durch seinen Kopf und er öffnete die Augen. Angestrengt lauschte er, ob er ihre Schritte hören konnte, ihr aufgeregtes Murmeln oder sogar ihren Atem. Doch außer dem entfernten Schreien der Vögel war es drückend leise. Kein Wind, der durch die zahlreichen Mauerritzen fuhr und kein Geklapper, Stein auf Stein.

Schließlich erhob er sich und trat aus der Hütte. Die Höhle lag friedlich zu Füßen der Anhöhe und Severus kniff die Augen zusammen, ob er sie womöglich durch die Baumstämme sah. Nichts.

„Granger?"

Er steuerte auf die nächste Hütte zu und steckte seinen Kopf durch die Öffnung. Jede einzelne Hütte durchkämmte er auf diese Weise. Sogar die halbverfallenen, doch es gab keine Anzeichen dafür, dass Granger hier gewesen war.

„Miss Granger?!", rief er diesmal etwas lauter und er hörte das Echo seiner Stimme. Hermine Granger war eine naive, junge Frau, aber ihm einen solchen Streich zu spielen, das traute er ihr nicht zu. Sollte sie es doch gewagt haben... Seine Finger schlossen sich in erwartender Vorfreude um seinen Zauberstab

Er brachte loses Geröll in Bewegung, als er mit schnellen Schritten zurück zu der ersten Hütte lief und dort , wo er wenige Minuten zuvor gesessen hatte, einen weiteren Zettel fand, der mit einer Ecke in einer Mauerritze klemmte.

2:1 für mich, alter Freund.


TBC...