Kapitel 7: Der Tanz der Vampire
„Ich hoffe, dass alles so weit klappen wird", sagte James besorgt und blickte dabei Lily an. Müde und niedergeschlagen standen die beiden in der Eingangshalle des Anwesens und warteten auf Sarah, die gerade den letzten schliff erledigte. Den ganzen Tag über hatten sie überlegt und an ihrem Plan geschmiedet, wie sie die Blutsauger loswerden könnten, bis James ein genialer Gedanke kam, dem alle sofort begeistert zustimmten. Jetzt brauchten sie nur noch zu hoffen, dass die Vampire darauf reinfallen würden.
Sarah, die nachgesehen hatte, ob alles verdunkelt war und in seiner Ordnung, kam durch eine Nebentüre in die Halle und ging auf James und Lily zu.
„Und?", fragte Lily.
„Alles Bestens, die große Turmuhr, sowie alle anderen Uhren im Schloss, sind vorgestellt. Jetzt brauchen wir nur noch zu warten. In etwa zehn Minuten werden sie hier antanzen", erwiderte Sarah mit einem glühenden Feuer in den Augen, dass Lily von gar nicht kannte. Sie war mehr als erpicht darauf ihre Eltern zu rächen und das konnte man ihr inzwischen deutlich ansehen.
„Bist du sicher, dass sie darauf reinfallen?", fragte James misstrauend.
„Toten sicher, darauf würden die nie kommen. Der Graf hat sowieso nur noch mich im Kopf und die anderen tun alles, was er sagt, das habe ich gestern selbst mitbekommen. Ihr wisst ja, die Sache mit meinem Vater, von der ich euch erzählt habe." Sarah wurde zum Schluss leiser und senkte den Kopf, denn das riss sie doch immer noch sehr mit. Lily legte tröstend eine Hand auf ihre Schulter.
„Hey, lass nicht den Kopf hängen, du weißt ja, wir sind dabei deine Eltern und alle anderen ihre friedliche Ruhe zu beschaffen", lächelte sie.
„Danke", hauchte Sarah und Lily konnte jetzt wieder ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht erkennen. Sie war Lily im Augenblick mehr als dankbar und diese spürte das auch. Die beiden verstanden sich inzwischen mehr als gut und beinahe kam es ihnen so vor, als wären sie Seelenverwandte. Doch Lily ahnte nicht, dass Sarah in mancher Hinsicht stärkeres mit dem Vampirgrafen verband, als die Rachsucht und genau das machte Sarah noch mehr zu schaffen.
„Ähm... auch wenn das jetzt taktlos klingt, aber ich glaube, wir sollten lieber wieder dort hingehen, wo wir gestern Abend waren. Ich halte es für durchaus besser, wenn keiner sieht, dass wie uns hier getroffen haben, oder was meint ihr?", schritt James in das Schweigen der beiden Damen hinein. Lily wandte den Kopf zu James und lächelte. Jedes mal, wenn sie ihn ansah, erhellte sich seine Miene um das doppelte. Inzwischen wusste sie genau, dass sie sich in ihn verliebt hatte und es war einfach ein tolles Gefühl. Sie antwortete:
„Das wird wohl am Besten sein. Es könnte mehr als verdächtig aussehen, wenn wir zusammen gesehen werden und das wollen wir ja am Wenigsten. Wir werden uns trennen und so tun, als hätten wir uns nie getroffen, ok?" James und Sarah nickten zustimmend.
„Wir sehen uns dann später, viel Glück", lächelte Sarah, drückte Lily noch mal kurz und schritt dann zur Treppe, um in ihr Zimmer zu gehen, da sie sich noch für den Ball umziehen musste.
„Danke, dir auch", sagte Lily leise, erwidert die Umarmung und sah ihr kurz nach, dann wendete sie den Blick wieder zu James.
„Und wo wollen wir hin? Wieder zurück in die Bibliothek oder und uns nachher von dort aus zum Festsaal schleichen?", wollte er von ihr wissen. Lily überlegte einen Moment und beschloss dann:
„Ja, das wird wohl das Beste sein."
„Gut." James lief los, während Lily ihm folgte.
„Ich hoffe nur, dass alles gut geht", murmelte sie vor sich hin und James legte einen Arm beim Gehen um sie.
„Ich auch... ich auch", seufzte er und Lily lehnte sich leicht an James.
Als Sarah das Geräusch der Turmuhr hörte, die Mitternacht ankündigte, blickte sie noch mal in die Spiegel und betrachtete sich. Sie hatte sich geschminkt, das Kleid noch einmal zu Recht gezupft und ihre Haare hochgebunden. Eigentlich gefiel es ihr richtig gut, doch ihr kraute schon jetzt davor, was nachher im Tanzsaal geschehen würde. Jedes Mal, wenn sie an das Schicksal von Krolock dachte, verkrampfte sich unerklärlicher Weise ihr Magen. Ob sie das hinbekommen würde? Nein, das durfte sie sich nicht fragen, denn sie musste es einfach schaffen! Sarah nahm drei der Spritzen aus ihrer Tasche, zur Sicherheit, und steckte diese in ihren Unterrock, wo eine Tasche angebracht war, so dass sie im Falle des Falles schnell rankommen würde. Dann atmete sie noch mal tief durch und verließ das Zimmer auf den Gang hinaus. Draußen konnte sie bereits Stimmen hören und folgte diesen. Vor dem Festsaal angekommen, erblickte sie viele weise Gestalten und in mitten diesen auch den Grafen von Krolock, der sich jetzt zu den anderen zu wenden schien, als ob er eine Rede halten wolle. Sarah beschloss vorerst noch hier verdeckt zu bleiben und erst dann den Saal zu betreten, wenn ihre Anwesenheit erwünscht war.
Krolocks Augen blitzten umher und plötzlich wurde es Still im Saal. Der Fürst wandte seine volle Aufmerksamkeit ihnen zu und begann dann mehr im Sprechgesang zu singen.
Seid Willkommen, Brüder,
in diesem Saal!
Als wir versammelt war'n
beim letzten Mal,
war uns're
Mahlzeit ein Bauer,
ausgemergelt und bleich.
Ihr ward betrübt,
aber ich sagte euch:
„Ist ein Jahr mager,
wird das nächste Jahr reich."
Während er sang, lief er durch den Raum und blitzte immer wieder einen der anderen an. Sarah konnte unmerklich spüren, wie sich eine Gänsehaut auf ihrem Rücken bildete. Seine Stimme und diese Bewegungen waren so beeindruckend und doch... was dachte sie da? Sie sollte jetzt keine guten Gedanken über dieses Monster haben!
Wir, die ewig leben,
verzehrt die Sucht nach frischem Blut.
Mit einer gewagten 90 Krad Drehung drehte er sich zu den anderen Vampiren um.
Haben wir je davon genug?
Diese antworten fast wie im Chor, was Sarah abermals einen kurzen Schauder versetzte und sie sich zur Beherrschung am Bogen des Türrahmens festhielt.
Wir haben davon niemals je genug!
Krolocks Gesichtsausdruck wurde zufriedener und er fuhr fort.
Jedes Opfer, das uns nährt,
vermehrt auch unsre Brut.
Haben wir je davon genug?
Wieder antworteten die Vampire.
Wir haben davon niemals je genug!
Nicht macht uns satt.
Die Gier kommt nie zur Ruh,
denn die Leere in uns drin
wächst jeden Tag
Die Angst vorm Nüchternsein
verfolgt uns immerzu.
Der Graf schritt ein und seine Augen glühten auf. Er wandte den Kopf zur Türe, in der Sarah stand und es machte den Anschein, als hätte er sie gerade erst jetzt entdeckt. Sie schluckte schwer.
Doch ich heiße euch hoffen!
Wie von mir prophezeit,
ist ein Gast eingetroffen,
geschmückt und bereit,
sich der Dunkelheit zu weihn.
Sein Gesang wurde fast schon ungehalten vor Begierde nach ihr und sie wusste nicht so Recht, was sie jetzt davon halten sollte.
Eine Schönheit mit den Augen der Nacht,
ein verwunschnes Sternenkind,
zärtlich wie der Wind,
und für mich bereit,
verzaubert unsre'n Mitternachtsball!
Als er die ebenfalls begierigen Blicke seiner Brüder erkannte, sah er mit warnendem Blick zu ihnen, bevor er fortfuhr.
Doch sie gehört nur mir!
Keine Sorge! Auch an euch ist gedacht.
Denn seit gestern Abend sind,
hier in meinem Labyrinth und für euch bestimmt,
zwei Sterbliche zum Bleiben verdammt!
Verdammt!
Die anderen sangen zurückgewichen und mehr in Trance alleine weiter, während der Fürst seine Hand Sarah ausstreckte.
Gott ist tot.
Nach ihm wird nicht mehr gesucht.
Wir sind zum ewigen Leben verflucht.
Es zieht uns
näher zur Sonne,
doch wir fürchten das Licht.
Wir glauben nur Lügen,
verachten Verzicht.
Was wir nicht hassen,
das lieben wir nicht!
Zögerlich ging sie auf ihn auf ihn zu und reichte ihm ihre Hand. Er zog sie schneller, als sie gerechnet hatte an sich und sie konnte jetzt wieder seine kalten Finger auf ihrer Wange spüren. Sie versetzen ihr einen Stich. Er war ein gemeiner Mörder, aber doch so zärtlich. Was sollte sie davon nur halten? Seine Augen waren so selbstsicher, wie sie es noch nie gesehen hatte. Sollte sie sich geborgen fühlen? Ob sie diese Inneren Kampf durchstehen würde? Sie musste ihn durchstehen, ihr Plan musste einfach aufgehen!
„Du hast dich gesehnt danach dein Herz zu verlier'n, jetzt verlierst du gleich den Verstand", flüsterte er ihr zu und kam bei diesen Worten ihr mit seinem Gesicht immer näher. Sarah, wusste, was er vorhatte und ihr Griff wanderte zur gleichen Zeit zu der Spritze, die sie in ihrem Unterrock versteckt hatte, aber ganz langsam, so dass er es nicht merken konnte. Sie konnte spüren, wie seine Hand sanft von ihrer Wange über ihren Hals zu ihrer Schulter streifte und wieder zurück. Sie konnte nicht leugnen, dass ihr diese Zärtlichkeit gefiel, doch im Augenblick versuchte sie sich ganz und gar auf das zu konzentrieren, was sie vorhatte.
Lily sah auf. James lief schon die ganze Zeit wie ein aufgescheuchtes Huhn im Raum hin und her, so dass sie sich einfach nicht auf das Buch, mit welchem sie sich auf einen Sessel gesetzt hatte, konzentrieren konnte.
„Mensch, James, bleib doch wenigstens mal für fünf Minuten schnell, du machst mich ganz nervös", grummelte sie und legte das Buch bei Seite.
„Tut mir leid, aber ich bin nun mal selbst nervös", konterte er und setzt sich dann auf das Sofa, nicht ohne gleich wieder aufzustehen. „Ach, ich kann nicht sitzen." Lily schüttelte den Kopf und blickte dann auf die Uhr.
„Sie müssten inzwischen im Festsaal sein", meinte sie überlegend.
„Worauf warten wir dann noch? Komm, lass uns die Lage ansehen und wenn was schief läuft, Sarah zur Hilfe kommen", sagte James und machte Anstalten zum Ausgang zu gehen.
„Also gut", seufzte sie, erhob sich und gemeinsam verließen sie leise die Bücherei zum Festsaal. Sie konnten Gesang vernehmen, welcher klang, als käme er von einem schlechten Kirchenchor. Lily sträubte sich kurz, ging dann aber weiter und als sie die Türe erreichten, lugten sie hindurch. Sofort erkannten sie Sarah, die in Krolocks Armen lag und auch die Haltung, in der er sie hielt. Beiden war klar, dass er sie jeden Moment beißen könnte und sie versteiften sich. ‚Bitte Sarah, du musst es schaffen, tu es für dich, tu es für uns, du bist doch fast wie eine Schwester für mich', dachte Lily angestrengt und kniff die Augen zusammen.
Ruckartig und ohne Vorwarnung senkte der Vampir seinen Mund zu ihrem Hals und im Bruchteil einer Sekunde später konnte sie seine scharfen Zähne in ihrem Hals spüren. Ein lautes und fast flehendes Stöhnen klang aus ihrem Mund, dass sie von sich gar nicht kannte. Es war ein Wunder, dass sie ihre Konzentration noch bei sich hatte und mit einem Schlag zog sie die Spritze heraus, ließ allen Hass gegen ihn aufsteigen und stach sie ihm mit voller Wucht in die Seite.
„Du wirst keinen mehr beißen", keuchte sie hervor.
Sofort spürte sie, wie sein Körper sich versteifte und noch bevor er richtig an ihr Blut gekommen war, zog er seine Zähne wieder aus ihrem Hals und hob den Kopf ab. Sie konnte erkennen, wie Bluttropfen sich ihren Weg über seine Zähne bahnten und ihre Hand wanderte sofort zu der Bissstelle. Verdammt, sie war nicht schnell genug, er hatte sie bereits stark getroffen.
„Was... hast du getan?", hauchte er kaum vernehmbar, ihm war das Entsetzen eindeutig ins Gesicht geschrieben. Flehend wanderte kurz sein Blick durch den Saal, jedoch zu ihrer Überraschung rührten sich die anderen Vampire nicht.
Sarah konnte sich nicht mehr halten und sank auf die Knie.
„Ich habe dir ein Elixier gespritzt... du wirst innerlich verbrennen", erklärte sie mit benommener Stimme und sie konnte jetzt die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Zuneigung zu ihm konnte sie jetzt auch nicht mehr verdrängen und eine Welle von Schuldgefühle überkam sie. Doch ihm war die Erlösung geschenkt, was wohl das Einzige war, was sie jetzt trösten konnte.
„Nein... du..." Unzusammenhängende Wörter kamen aus seinem Mund und wieder versteifte er sich. Angst und Unsicherheit spiegelte sich auf seinem Gesicht wieder. Sarah konnte sein Blick kaum ertragen, er tat ihr schrecklich leid, doch was sein musste, hat nun mal sein müssen.
„Warum hast du das getan?", flüsterte er und sein Blick ging unreguliert durch den Raum.
„Es tut mir leid, aber ich kann nicht zulassen, dass du noch mehr Menschen vernichtest oder zu Vampiren machst, das muss ein Ende haben!" Der Vampirgraf ging wieder etwas auf sie zu, doch er schwankte und blieb wieder stehen.
„Ich hätte es ahnen müssen", sagte er gequält und seine Miene verzerrte sich, als ob er Schmerzen hätte. Jetzt war es vorbei, sie konnte nicht mehr anders und erhob sich zitternd, das Gift der Vampire tat bereits seine Wirkung.
„Es tut mir so unendlich leid, aber ich konnte nicht anders", flüsterte Sarah beruhigend und nahm ihn einfach in den Arm. „Ich liebe dich... vergib mir." Kaum hörbar sagte sie die letzten Worte und gab ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen, dann sank sie wieder sehr geschwächt zu Boden und blickte zu ihm auf. Zur Verwunderung veränderte sich sein Blick, sie hätte deutlich schwören können, ja, zu einem sanften Lächeln.
„Nein, mir sollte leid tun, was ich alles getan habe, aber dafür ist keine Zeit mehr... ich... ich liebe dich auch", hauchte er ihr entgegen, „Danke." Seine Stimme klang mehr als nur gequält und sein ganzer Körper zitterte, schien förmlich aufzuglühen. Das Mittel tat nun seine volle Wirkung und die inneren Flammen traten hervor, umschlangen ihn und rissen ihn schreiend mit sich in Schutt und Asche. Ein Schaudern ging durch den Raum und alle waren höchst entsetzt. Sarah fühlte, wie ihr Herz entzwei brach, sie hatte ihre Liebe getötet und das würde sie für immer verfolgen, wenn sie nicht...
Lily und James konnten nicht fassen, was sie soeben miterlebt hatten. Alles kam ihnen vor, wie ein schlechter Muggelfilm oder irgendein Theater, aber es war Wirklichkeit! Nun wollten sie sich nicht mehr verstecken und rannten beide einfach, ohne nachzudenken, auf die am Boden liegende Sarah zu. Diese hatte die Arme um sich geschlungen und ihr rannen die Tränen nun wie ein Fluss über die Wangen. Es war alles vorbei, alles... trübe konnte sie Lily und James erkennen, welche sie mehr als besorgt ansahen und ihr Verstand setzte sich wieder durch.
„Ihr müsst mich töten, sofort!", befahl sie. Lily versetzen ihre Worte einen Stich in die Brust und James klappte der Mund auf.
„Was? Bist du übergeschnappt?", fragte er sie entsetzt. Die drei merkten nicht, wie ein Tuscheln durch die Reihe der Vampire ging und ihre Blicke begierig wurden.
„Wenn ihr das nicht tut, werde ich selbst zu einem Vampir!"
„WAS?! Also hat er dich doch...", James beendete den Satz nicht und schluckte nur schwer.
„Ja, verdammt, er hat mich gebissen. Hört zu, bringen wir den Plan zu Ende und dann bringt ihr mich um und verlässt das Schloss, ja? Bitte, es ist die Einzige Möglichkeit!", sagte Sarah mit sicherem Blick und sie stand mit zitternden Knien wieder auf.
„Aber... wir können dich nicht", konterte James und sah Hilfe suchend zu Lily, welcher es die Sprache verschlagen hatte. Sie konnte nicht fassen, was Sarah da eben von ihnen verlangte.
„Ihr müsst!", rief Sarah. Lily blickte überlegend von einem zum anderen, während James' Blick auf die Standuhr gerichtet war.
„Wir haben noch etwa zehn Minuten, dann muss es passiert sein!"; sagte er so leise, dass man ihm kaum verstehen konnte. Lily nickte und sah sich überlegend um. Plötzlich bemerkte sie, dass die Vampire begonnen hatten James, Sarah und sie einzukreisen und sie keuchte erschrocken auf. Dann trat Herbert aus den Reihen hervor und grinste die dreien zynisch an.
„Ihr habt es vielleicht geschafft meinen Vater zu töten, aber wir sind immer noch eindeutig in der Überzahl, nicht wahr meine Brüder?", er lachte kalt auf, „Endlich kann ich mich für deinen kläglichen Fluchtversuch rächen, James. Ich hätte dir alles gegeben, aber wenn du diesen Weg mit dieser tollen Lady da wählst, so wirst du auch sterben müssen!"
James schien zu überlegen, was er antworten sollte und die Abgelenktheit von Herbert nutzte Sarah vollkommen aus, griff an ihren Rock und zog die zweite Spritze hervor.
„Ach.. ähm... ich wollte nur mal eben einen unabhängigen kleinen... äh Spazierung unternehmen durchs Schloss, zum besser kennen lernen", meinte James und man konnte nicht überhören, dass er das gerade erfunden hatte. Herbert verdrehte die Augen.
„Natürlich... Sag mal, für wie blöd hältst du mich eigentlich?" James sagte nichts und bemühte sich seinen Gesichtsausdruck beizubehalten, während Herbert die Herausforderung ins Gesicht geschrieben war. Auf einmal entdeckte James, was Sarah vorhatte und er begann nun ebenfalls fies zu grinsen.
„Für so blöd, dass du nicht mal bemerkst, wie dein Leben als Vampir ebenfalls zur Grunde geht", sagte er spitz. Herbert lachte kalt und humorlos auf.
„Dass ich nicht lache, Tiger, von was träumst du nachts?"
Genau in diesem Moment hatte Sarah ihr Ziel erfasst und warf die Spritze direkt in Herberts Rücken. Dieser hörte sofort auf zu Lachen, keuchte und zog sich fluchend die Spritze aus dem Rücken.
„Was zum... du Miststück", fauchte er Sarah entgegen.
„Wer zuletzt lacht, lacht am Besten", feixte Sarah mit einem leichten Grinsen. Es fiel ihr immer noch sehr schwer sich auf den Beinen zuhalten, doch das ließ sie sich nicht anmerken. Die Vampire schlossen ihren Kreis enger um die dreien, so dass Sarah keine Spritze mehr werfen könnte, wenn sie noch eine gehabt hätte.
„Ha, glaubst du etwa, das Teil macht mir Angst? Darin bist du wohl großartig, was?" Er warf sie verächtlich zu Boden. James sah wieder zu der Standuhr.
„Vier Minuten", murmelte er. Lily verstand und versuchte sich den Augenblick auszusuchen. Sie mussten es schaffen, sonst würden sie selber das Fraß der Blutsauger werden. Herbert wandte sich wieder an James und Lily.
„Ach ja, ihr beiden seid ja noch so unversehrt. Das können wir doch nicht so lassen, oder?", seine Stimme klang, als würde er dabei zu kleinen Kindern reden. Die beiden sagten nichts und tauschten nur kurz einen Blick aus.
„Antwortet gefälligst, wenn ich mit euch rede!", schrie er sie jetzt ungehalten an.
„Zwei Minuten!"
„Hast du was gesagt?", fragte Lily und sah auf ihre Fingernägel, als wäre nichts gewesen, um ihn damit zu provozieren. Herbert schnaubte verächtlich. Sie hoffte, dass James sie verstehen würde und die Gelegenheit nutzen, denn die Vampire hatten ihre Blicke immer noch auf Sarah gerichtet, die schweigend dastand.
„Jetzt", rief James, packte seinen Zauberstab und Lily tat es sofort gleich. Die beiden richteten diese jeweils auf die eine Seite der großen Vorhänge vor dem Fenster und mit einem Ruck ging dieser auf, so dass grelles Sonnenlicht hinein fiel. Genau das war ihr Ziel. Sie hatten nur auf den richtigen Augenblick gewartet, indem die Sonne am grellsten durch die Fenster des Festsaales scheint, dass sie vorher errechnet hatten. Deshalb hatten sie auch die Uhren so falsch gestellt, dass die Vampire wach wurden ohne zu merken, dass es noch Tag war. Ein guter Plan, der anscheinend auch aufgegangen ist. Kaum trafen die Sonnenstrahlen die Haut der Vampire, begannen sie zu verglühen und zu brennen. Manche versuchten zu flüchten, was sie aber nicht schafften, andere versuchten sich durch ihre Umhänge Schutz zu bieten, doch auch das gelang ihnen nicht. Jeder einzelne von ihnen verbrannte mit Haut und Haaren. Lily, James und Sarah sahen dem triumphierend zu, denn ihr Plan war wirklich aufgegangen!
Plötzlich schritt eine Gestalt, sich schwer schleifend auf James zu. Es war Herbert.
„Nein!! Du..." James wich zurück, doch dass wäre gar nicht nötig gewesen, denn das grelle Sonnenlicht der Fenster blendete so, dass er von alleine schon zurück stolperte.
„NEIN! Das ist unmöglich", keuchte der Sohn des Grafen, als er auf seine Hände sah, die vom Sonnenlicht förmlich verbrannten.
„Wie du siehst, ist es das doch", grinste Lily gehässig und winkte ihm schadenfroh zu. Sarah jedoch bekam von dem jetzigen Geschehen nicht mehr allzu viel mit, denn auch sie schwächte das Sonnenlicht und sie sank wieder zu Boden. Zur selben Zeit gingen viele Schreie, unterdessen auch der von Herbert durch den Raum und sie lösten sich allmählich auf, wie Krolock zuvor, in Asche auf und vielen in kleinen Häufchen zu Boden. Lily verzog angewidert das Gesicht und als endlich kein Blutsauger mehr zu sehen war, fielen sich Lily und James in die Arme.
„Wir haben es geschafft", rief James erfreut und drückte sie eng an sich, während Lily ein erleichtertes Seufzen von sich gab. Doch irgendetwas fehlte. Lily löste sich aus seiner Umarmung wieder und erblickte dann entsetzt Sarah, die schwer atmend am Boden lag.
„Nein!", hauchte sie, rannte zu Sarah, kniete sich neben sie und legte ihren Kopf auf ihren Schoß. Sarah lächelte matt und schwach.
„Ihr habt es geschafft, wir haben es geschafft, von nun an werden die Menschen hier nicht mehr mit Angst und Schrecken leben müssen", sagte sie sehr leise und langsam. James kniete sich ebenfalls zu ihr und in seiner Miene war Besorgnis zu erkennen.
„Du... du kannst doch jetzt nicht einfach sterben", fiel er verzweifelt ein.
„Ich muss, oder das Ganze beginnt wieder von vorn. Wenn ich ein Vampir werden würde, würdet ihr dem Schicksal nicht fern sein. Also tut, was getan werden muss", sagte Sarah, und zog die dritte und letzte Spritze, die sie mitgenommen hatte, aus ihrer Tasche. Sie hatte sowieso eine für sich vorgesehen, da sie bereits geahnt hatte, dass es wahrscheinlich so kommen würde, auch wenn sie es im Stillen verdrängt hatte. Lily blickte trübe auf sie und dann auf die Spritze
„Sarah... ich... ich kann das nicht", flüsterte sie. James sah von ihr zu Sarah, dann wieder zu Lily, dann atmete er tief durch.
„Wer könnte das schon... Ok, gib sie mir", sagte er bestimmend. Höchst entsetzt sah Lily zu James, doch auch hatte sie Respekt vor ihm. Er hatte Mut, das musste man ihm lassen. James nahm die Spritze von Sarah ab und man konnte sehen, dass sein Atem jetzt schneller ging. Lily hingegen wandte sich wieder an Sarah.
„Wir werden dich nie vergessen, du wirst als meine Schwester immer in meinem Herzen bleiben", flüstere sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. James nickte zustimmend und Sarah lächelte weiterhin matt. Man konnte in ihren Augen sehen, dass sie glücklich war und das war Lilys einziger Trost, den sie hatte.
Sarah nickte James zu, welcher die Spritze ansetzte und dann vorsichtig, fast liebevoll die Flüssigkeit in ihren Arm drückte, dann warf er sie bei Seite und nahm ihre Hand in seine. ‚Warum muss dieses Mädchen nur so jung sterben, warum?', schoss es Lily durch den Kopf.
Sarah spürte, wie das Elixier durch ihre Adern rann und sie vollkommen zu verschlingen drohte.
„Danke... für alles... für eure Hilfe", sagte sie schwächlich.
„Nichts lieber als das", erwiderte Lily und Tränen traten in ihre Augen.
„Eben, es gibt nichts zu danken, das war alles selbstverständlich", stimme James zu. Sarah kniff kurz die Augen zusammen und keuchte wieder auf.
„Lily... all meine Verwandten sind tot und da wir keine Erben haben, möchte ich euch meine Wohnung und das Wirtshaus gerne schenken. In meiner... Wohnung im Wohnzimmer in dem großen Schrank neben der Türe findest du alles, was ich über Vampire gesammelt habe und die Zutaten für das Elixier für den Fall des Falles", erklärte sie und man konnte hören, dass es ihr schwer fiel zu sprechen. James' Gesichtsausdruck war sprachlos und Lily nickte leicht. Kurz traf sie James' Augen, dann sah sie wieder zu Sarah.
„Das tun wir gerne, für dich immer."
„Und... unter meinem Wohnzimmertisch ist eine Falltüre, da findest du Wertsachen, die meiner Familie einst gehörten. Ich will, dass ihr sie nehmt und weiter vererbt, ja? Ich würde mich sehr", sie unterbrach sich und schluckte schwer, als sie ein rollender brennender Schmerz überkam, der sie innerlich zu zerfressen schien, „freuen..."
„Das... das kann ich nicht annehmen", schritt Lily ein.
„Bitte", keuchte Sarah, „Tu es für mich." Ihr Atem ging schneller und sie spürte, wie ihr Körper durch die Inneren Flammen sich zu zerstören versuchte. Sie bekam kaum mehr Luft und alles begann sich zu drehen. Kurz lächelte sie noch matt, dann verbrannte ihr Körper ebenfalls zur Asche und mit einem Lufthauch war auch diese verschwunden.
Strömende Tränen liefen Lily über die Wangen und sie fiel James um den Hals. ‚Warum... warum nur gerade sie?', dachte sie. James legte einen Arm um sie und drückte sie an sich, während Lily ihrer Trauer einfach freien Lauf ließ. Schluchzend spürte sie, wie James ihr mit seinem Arm tröstend über den Rücken strich, was sie etwas beruhigte. Sie hatte die Schwester verloren, die sie schon immer haben wollte und keiner konnte sie ihr zurückholen, keiner.
Nach einer Weile lösten sie sich wieder voneinander und Lily sah James in die Augen, während sie sich die Tränen vom Gesicht wischte.
„Lass uns gehen und ihren letzten Willen erfüllen, ja?", flüsterte Lily James zu. Dieser nickte nur und half Lily sich zu erheben. Beide gingen zur Türe und warfen noch einen letzten Blick auf die prächtige Halle zurück, wo die einst lebhafte und schöne Sarah ihre Befreiung und den Weg zum ewigen Leben durch den finsterten Bann der Vampire gefunden hatte, wo sie es hoffentlich besser hatte als hier.
Ích hab die letzten drei Kapitel eingestellt und hoffe, dass sie euch gefallen. Ich weiß, der Abschluss ging sehr schnell, aber die FF war schopn länger gfertig und ich hatte einfach keine Zeit gefundne, sie on zustellen. Ich wünsch euch viel Spaß damit. Über Reviews würde ich mich freuen! Die FF ist hiermit abgeschlssen. ;)
