Das Wissen der Drachenknochen
Brom fühlte sich leer. Er ertappte sich immer wieder dabei, wie er mit den Gedanken in die Ferne griff und auf eine Antwort lauschte. Immer wieder fühlte er diesen bohrenden Schmerz, wenn er nichts als Schweigen hörte. Die Kräuterhexe hatte gesagt, es würde vorübergehen, er würde sich an ein Leben ohne Saphira gewöhnen. Ihr rechthaberischer Kater hatte ihr zugestimmt.
Doch welchen Sinn hatte solch ein Leben schon?
Müde erhob er sich aus der kleinen, windgeschützten Kuhle zwischen den Vorderbeinen der Statue Saphiras. Er saß bereits mehrere Stunden hier und inzwischen hatte die allgegenwärtige kalte Feuchtigkeit einen Weg unter seinen schweren Wollmantel gefunden. Heute hatte er sich Saphira zum ersten Mal ohne Angela nähern dürfen, offenbar war sie inzwischen der Meinung, dass er Saphira nicht mehr folgen wollte. Nun, in dieser Hinsicht lag sie falsch.
Er hatte nun mehrere Stunden lang nachgedacht, ungestört und allein und war zu der Schlussfolgerung gekommen, dass ihn wirklich nichts mehr hier hielt. Angelas Fürsorglichkeit hatte den Schmerz in seiner Seele zunächst ein wenig gelindert, doch nun klang die betäubende Wirkung der Ruhe und Pflege ab und er spürte die Einsamkeit, als ob Saphiras Tod nicht drei Monate, sondern drei Stunden zurückläge. Und es deutete nichts daraufhin, dass es sich jemals anders anfühlen würde.
Langsam trat er auf den Abgrund zu, die tückischen Fallwinde spielten mit seinem Umhang, sie schienen ihn zu rufen, ihn zu locken. Und dieses Mal würde kein Solembum ihn im letzten Moment aufhalten...
„Brom, tu es nicht", hörte er hinter sich plötzlich Angelas Stimme. Erschrocken wirbelte er herum, er hatte sie nicht kommen gehört.
„Warum nicht? Du hast mir keinen überzeugenden Grund nennen können, warum ich hier bleiben sollte", knurrte Brom verstimmt. Er sah nicht, mit welchem Recht Angela ihm den Freitod verwehrte, doch wo sie war, war Solembum nicht weit und er hatte bereits mehr als einmal feststellen müssen, dass die Werkatze schneller als jeder Mensch war und dass sie ihn ohne Schwierigkeiten festhalten konnte, sollte er jetzt springen.
„Die Drachenknochen haben gesprochen. Du bist ein fester Teil der Zukunft, wenn du dich jetzt tötest, wird die Zukunft in Grausamkeit und Krieg ertrinken", antwortete Angela bestimmt und kam langsam näher. Aus den Augenwinkeln konnte Brom Solembum zusammengerollt auf Saphiras Kopf liegen sehen. Er wusste nicht, wo das Wesen so schnell hergekommen war, doch die Werkatze schien vollkommen entspannt, als ob sie schon seit Stunden dort ruhen würde. Allerdings hatte er jenes auch vor zwei Monaten gedacht, als Angelas Gefährte ihn im Moment des Sprunges von den Klippen gerissen und festgehalten hatte.
Angela trat an seine Seite und sah ihn ernst an, doch Brom drehte sein Gesicht fort. Angela sollte ruhig spüren, wie unwillkommen sie war.
„Du wirst mir jetzt zuhören, denn das, was ich dir jetzt sage, werde ich nicht wiederholen", sprach Angela mit so ruhiger Stimme, als würden sie nicht am Rand einer hohen Klippe, sondern irgendwo bei einem Picknick stehen. „Ich werde dir nun mitteilen, welches Schicksal die Drachenknochen für dich sehen und du wirst mir zuhören. Der durchbrochene Kreis verheißt dir ein langes Leben, aber das dürfte für dich als Drachenreiter", Brom knurrte unwillig, musste sie immer wieder den Dolch in der Wunde herumdrehen?, „keine Überraschung sein. Viel interessanter ist, dass der Blitzschlag, das Zeichen für drohendes Unheil, vom durchbrochenen Kreis verdeckt wurde, das bedeutet, solange du lebst, wird dieses Unheil nicht eintreten", Brom lachte trocken auf, sagte jedoch nichts. „Solltest du vor der Zeit sterben, wird Galbatorix ganz Alagaesia unterjochen und mit grausamer Hand beherrschen. Er wird einen Weg finden, unsterblich zu werden und in weniger als zweihundert Jahren wird er alles Leben in Alagaesia ausgelöscht haben. Dies ist das drohende Unheil, welches über dir schwebt."
Bestimmt drehte Angela Broms Gesicht, sodass er sie ansehen musste. Ihre Fingernägel bohrten sich in seine Haut. „Das Ei, verbunden mit dem Symbol für Diebstahl sagt dir, was du zu tun hast."
Entgegen seinem Willen musste Brom zugeben, dass er nun doch in Angelas Geschichte interessiert war. „Warum ich? Warum nicht jemand anderes?", fragte er.
„Ich will ehrlich mit dir sein, Brom Shur'tugal. Meine Zunft sieht dich als das deutlichste Beispiel für ein verfluchtes Schicksal, welches je gesehen wurde. Wohin auch immer du deinen Fuß setzen wirst, du wirst Leid und Schmerz erfahren. Der Tod wird dir wie ein Schatten folgen und jenen, die du lieben wirst, Schmerz zufügen. Und doch bist du der Einzige, bei dem die Drachenknochen die Möglichkeit für Frieden zeigen, Brom. Du wirst es sein, der die Drachenreiter zu neuem Leben erwecken wird. Du wirst es sein, der Alagaesia die Möglichkeit auf Frieden bewahren wird. Willst du wirklich ein ganzes Land zum Untergang verurteilen?"
Erschüttert sah Brom Angela an. Er konnte nicht glauben, was sie da sagte, er wollte nicht glauben, was die Drachenknochen weissagten. Und doch – Drachenknochen wohnte echte Magie inne, sie logen niemals. Es würde so kommen, wie Angela es gesagt hatte, wenn er jetzt sprang. „Gibt es keine andere Möglichkeit? Was sagen die Knochen noch?", fragte er in der Hoffnung, dass alles ganz anders war, als er dachte.
„Die Varden werden versuchen, die drei Dracheneier aus Galbatorix' Festung zu stehlen. Ihr Dieb wird versagen und nur ein Ei entwenden können, mit dem er versuchen wird, zu fliehen. Du wirst das gestohlene Drachenei in Gil'ead finden, dort wird auch Morzan von deiner Hand sterben. Sollte der Drache schlüpfen, wirst du es sein, der den Reiter ausbilden wird. Dies ist dein Schicksal, dem du nicht entkommen kannst", schloss Angela ihren Bericht. Sanft legte sie ihre Hand auf Broms Schulter, sie spürte die verkrampften Muskeln und sie wusste, was sie von ihm verlangte. Doch die Knochen hatten gesprochen...
„Wirf die Knochen noch einmal", forderte Brom und schüttelte ihre Hand ab. Fahrig fuhr er mit der Hand durch seinen Bart, mit diesem Wissen war es ihm unmöglich, Saphira zu folgen. So sehr er seinen Drachen auch liebte, er war zu sehr ein Drachenreiter, um ganz Alagaesia zu opfern. Er brauchte nicht Angelas mitleidigen Blick zu sehen, um zu wissen, dass seine Forderung unsinnig war und doch... Bei den Ältesten, ein Leben ohne Saphira schien ihm einfach nur dunkel und leer.
„Du weißt genau, dass sie ihre Botschaft nicht verändern. Ich habe die Knochen in den letzten Wochen öfter geworfen als in den Jahren zuvor und immer zeigten sie die gleichen Runen. Es tut mir leid, Brom, aber du kannst dein Schicksal nicht ändern, ohne dass es verheerende Folgen für die Menschen unter Galbatorix' Herrschaft hätte. Du musst dich entscheiden – wähle das Leben und stürze Galbatorix oder wähle den Tod und versenke Alagaesia im Chaos. Du hast die Wahl und ich hoffe, du wirst weise wählen", mit diesen Worten kehrte Angela Brom den Rücken und begann den Abstieg zu ihrer Höhle.
Brom war nun allein und er wusste, dass Solembum ihn dieses Mal nicht aufhalten würde, sollte er springen. Er hatte die Wahl...
Mit einem letzten Blick in den Abgrund trat er einen Schritt zurück. Es wäre eines Drachenreiters mehr als nur unwürdig, das eigene Wohl über das Wohl sovieler anderer zu stellen. Saphira würde ihn verachten... Noch nie in seinem bereits recht langen Leben hatte er sich so hilflos gefühlt, er war ein Spielball des Schicksals und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.
Sich erschöpft und alt fühlend legte er seine Hand an Saphiras Hals und lehnte sich gegen sie. „Warum nur? Was habe ich getan, dass das Schicksal so grausam zu uns beiden ist? Ich schwöre dir, meine Liebe, eines Tages werden wir uns wiedersehen. Eines Tages wird dies alles ein Ende haben und dann werde ich zu dir kommen. Warte noch ein wenig auf mich, meine Schöne."
Er wusste, dass die Statue nicht Saphira war, dass sie ihn nicht hören konnte, und doch fühlte er sich ein wenig besser, als er den langen Weg nach unten antrat. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Er würde leben.
