Kapitel 2:

Wenn Zeit ein Gewissen hätte,

hätte es auch Mitgefühl!?

Lyra entschied sich dazu ins St. Sophia zu gehen, um dort mit Dame Hannah, die Zeichen des Alethiometers erneut zu studieren. Entgegen ihrer früheren Art, fiel es ihr schwer neue Freunde zu finden. Sie unterhielt sich mehr mit Erwachsenen, da sie ihre verspielte Art kaum noch spürte. Gefangen in sich selbst, um das was sie durchgemacht hatte und den Verlust von Will, zog sie sich immer mehr zurück.

Sie versuchte sich an den alten Orten im Jordan fröhlich zu stimmen, auf den Dächern des Colleges, in den Straßen von Oxford oder in den Lehmgruben.

Aber die Dächer hatten ihren Glanz verloren, und die untergehende Sonne, die den Himmel in tiefe Orangetöne tauchte, durchzogen von gelben und roten Schlieren, ließ sie nur Will noch mehr vermissen. Wer hätte bei einem so romantischen Anblick nicht an seine Liebe gedacht. Die Straßen von Oxford waren überfüllt und immer mehr Autos fuhren durch die Straßen – dass ließ sie direkt an Wills Oxford denken- und in den Lehmgruben gab es keine Lehmschlachten mehr. Die Kinder die sie früher kannte waren nicht mehr da, vor allem Roger nicht, aber auch die Gypter von früher hatten jetzt Berufe und waren nicht mehr in den Gruben am spielen. Sam zum Beispiel war jetzt Astraltheoretiker. Der reiste das ganze Jahr durch die Welt und studierte Berge.

Stattdessen saß sie meistens einsam im Rosengarten. Auf der alten Steinbank ganz am Ende war ihr Platz. Sie öffnete das Alte Eisentor mit dem Schlüssel, den ihr der Rektor gegeben hatte., schon dann das große quietschende Tor auf. Die schwarzen Gussstangen des Tores waren immer eiskalt, egal ob die Sonne vom Himmel brannte oder der Schnee unter ihren Füßen knirschte. Das Tor oben schon halb mit Efeu überwuchert ließ sich auch kaum noch öffnen sodass sie sich nur einen kleinen Spalt quetschte und Pan in ihrer Jacke oder im Sommer seinen eigenen weg suchend über die Bäume oder den Zaun. Dann lief sie den knirschenden Kiesweg entlang, den Weg nach oben leicht rechts, der führte zu ihrer Bank, der andere linke führte zu einem kleinen Teich, aber da war sie nur ein -zwei mal, dort war ein glücklicher Ort. Aber wie konnte sie glücklich sein ohne Will. Die Bank war hart und kalt, überschattet und überzogen von Ranken. Das waren alles Beweise für ihre Einsamkeit. Das Tor war so eiskalt wie ihre Seele, die harte Bank, hatte sie sich auch verdient, dass sie Will einfach verloren hat und kalt war es sowieso ohne Will.

Nur einmal im Jahr ging sie fröhlich zur Bank, wenn sie wusste Will würde da sein.

Dann träumte sie, sie könnte ihn berühren durch alle Zeit und die Spanne der Welt.

Nach einem Jahr der tiefen Trauer, kam eine Zeit der Resignation und schließlich nahm sie das Angebot von Dame Hannah an.

Das Alethiometer neu zu lernen, war langwierig und schwer. Früher war sie einfach in eine Art Trance gefallen. Nun musste sie jedes Symbol einzeln prüfen, nachschlagen, und deuten. Selbst wenn sie jedes Symbol gefunden hatte konnte sie nur raten. Ihr blieb nichts im Gedächtnis, als hätte jemand Löcher in ihre Erinnerung gehauen. Wie die anderen Deuter, musste sie nun riesige Nachschlagewerke zur Hand nehmen, um eine Ahnung von den Dingen zu bekommen. Wenn sie versuchte nach Will zu fragen bekam sie meist: Ameise, Engel, Delphin, Kompass, Engel, Kompass.

Sie las daraus dass Will sehr fleißig -Ameise- war und seinen Weg verfolgte -Kompass- , wie ein rechtschaffener Mensch -Engel- arbeitete und mit Klugheit -Delphin- und Anstand -Engel- seinen Weg -Kompass- ging.

Also musste sie es auch versuchen. Ihre Zimmergenossin Kessendrja war noch jünger als sie. Ihr Daemon verwandelte sich zwar nicht sehr oft, weil sie ein sehr ruhiges Wesen hatte, aber man merkte schon den Unterschied. Meist war ihr Quietschdo ein Rotkelchen. Dann lasen sie zusammen Bücher oder schrieben Hausarbeiten.

Sie kam aus einer Familie der Skrälinge, ihre Eltern waren bei einem der Überfälle der Oblavationsbehörde gestorben. Hannah dachte sie würden gut zusammen passen.

Sie verstanden sich ganz gut, aber weit über das übliche kamen sie nicht heraus.

Einmal, das war noch noch ziemlich am Anfang des Studiums gewesen. Da kamen ein paar ältere Mädchen zu ihnen an den Esstisch. Und wollten sie testen. Aber Lyra hat sie nur böse angefunkelt, mit allem was sie durchgemacht hatte, mit aller Wut und allem Schmerz. Da nach ließ man sie in Ruhe, und Kessendrja auch, weil sie zu ihr gehörte. Denn wenn Lyra eins gelernt hatte, dann war es kämpfen.