Kapitel 6: Besenkammer

Das kann gerade nicht passieren, denke ich, nein!

Die Pupillen, die mich anstarren, scheinen schwärzer als sonst. Wie zwei Patronen sitzen sie zwischen den Wimpern und tragen einen harten Glanz in sich. Sein Mund stammelt unzusammenhängendes Zeug, das er fassungslos zur Schau trägt: „Ich – ich wollte dich nicht stören, aber... du bist wegelaufen und da dachte ich... Was, um Merlins Willen tust du da?"

Ich zerre eilig den Ärmel meines Umhangs ich unten, obwohl ich selbst weiß, dass es keinen Sinn mehr hat. Wie ein Kind, das etwas Verbotenes getan hat, sitze ich auf dem Boden und starre zu ihm hoch. „Du bist mir gefolgt?", frage ich, nur um irgendwie die Stille zu füllen, die sich wie ein giftiges Gas zwischen uns ausbreitet. Auf einmal habe ich schreckliche Angst – dass er mich für gestört hält. Gestört, abartig, pervers, völlig durchgeknallt.

Michael nickt. „Ich dachte... du warst so auf... so... aufgebracht..." Er geht in die Hocke.

Hogwarts schweigt, während wir uns anschauen.

Schließlich guckt mein Freund weg und hebt die Rasierklinge auf, die neben uns auf dem Boden liegt. Mein Blick folgt seinen Bewegungen und ich spüre das Blut in meinen Schläfen und Wangen pulsieren, als er die Klinge verwundert betrachtet. Etwas in meiner Brust zieht sich fest zusammen.

Ich schäme mich so. Ich schäme mich so schrecklich. Jetzt, am helllichten Tage, nicht abgeschlossen von den Fluren des Schlosses und direkt vor Michael Corner, kommt es mir schrecklich albern vor. Viel zu dramatisch. Viel zu theatralisch. Ich schließe die Augen und wünsche mir zu verschwinden. Ich will nicht einmal sterben – nur weg. Weit, weit weg. An einen Ort, wo ich mir nicht auf einmal so unnormal vorkomme.

Mein Freund greift behutsam nach meinem Arm. „Ich habe immerhin nicht viel getrunken", sagt er plötzlich in nachdenklichem Tonfall. Er streift meinen Ärmel nach oben – sehr langsam, beinahe zärtlich. „Und es ist nicht so, dass es mir danach nicht Leid tut."

Er ist mir sehr nah. Ich kann die Wärme fühlen, die von seiner Haut ausgeht.

Obwohl die Situation grässlich peinlich ist, ist ein kleiner Teil von mir froh, dass es jetzt jemand weiß. Das absolute Versteckspiel ist vorbei. Wahrscheinlich muss ich weiterhin sehr früh morgens oder spät abends duschen gehen, wenn die anderen noch oder bereits wieder schlafen, aber vor Michael muss ich nicht mehr so tun, als ob.

Mein Freund streicht mit der Spitze seines Fingers über die schorfigen Wunden; und über die frischen; über die blassen Narben. Dann nimmt er die Rasierklinge, die er in seiner anderen Hand hält und fährt mit ihr, fast ohne meine Haut zu berühren, über meinen Arm. Er malt ein unsichtbares Herz auf ihn. „Warum tust du so etwas?", wispert er. Er hält inne, lässt die Klinge sinken und schaut mich an.

Ich zucke mit den Achseln. Meine Kehle fühlt sich sehr rau und trocken an.

„Ich meine, wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen?"

Hilflos sehe ich ihn an.

„Aber es ist doch nicht meine Schuld, oder? Du tust es doch nicht wegen mir?" Erschrocken klammert er sich an mein Handgelenk.

„Nur manchmal", würge ich hervor. „Selten", verbessere ich mich, als seine Augen sich weiten.

„Scheiße", flüstert Michael. Er lässt sich auf den Boden plumpsen und tut etwas völlig Unerwartetes: Er beginnt zu weinen. „Oh Gott", wimmert er mitleiderregend elend. „Gott, oh Gott, scheiße."

Ich bekomme keine Luft mehr. Ein Atemzug mehr und ich falle auseinander. Ich kann das nicht ertragen. Dass ich ihm Leid zugefügt habe. Dass ich das gesagt habe, was aus meinem Mund gekrochen ist. Dass er weint wegen mir, mir mir, mir.

„Michael." Sein Name fällt über den Rand meiner Lippen. Ein hohes Quietschen. Ich greife nach seiner Schulter und will ihn zu mir ziehen, damit er mich bitte, bitte, bitte nicht verlässt und sich nicht für immer von mir abwendet.

„Du bist krank", weint er. „Was du da tust ist... krank."

„Okay, okay." Ich schleife ihn zu mir und schiebe mich an ihn. „Okay."

„Ich betrinke mich auch manchmal wegen dir. Weil du mich immer anmeckerst und ich niemals gut genug für dich bin. Und es niemals sein werde. Ich werde nie so toll sein wie der ach so liebe Diggory oder der berühmte Mr Potter!", spuckt er aus. Die Tränen laufen ihm noch immer ins Gesicht und schütteln ihn wie im Fieber.

„Ssch." Ich lege ihm meine Hand auf den Mund, weil ich nicht möchte, dass er noch ein Wort mehr sagt. Nicht so sehr, weil ich überzeugt bin, dass das, was er sagt, nicht stimmt, sondern viel mehr, weil ich fürchte, dass er den Gedanken weiter und weiter ausbaut, den ich auch manchmal in mir habe. Ich will nicht hören, dass ich vielleicht selbst so denke. Ich will nicht fühlen, dass ich ein schlechter Mensch bin.

Mitten in der Nacht weiche ich meinen Umhang ein, an dem noch Spuren von getrocknetem Blut zu sehen sind. Ich versuche sie, so gut es geht, auszulöschen.


Ich schneide weiter. Und weiter. Und weiter. Wochen vergehen.

Michel und ich leben nebeneinander her und aneinander vorbei. In einer Stunde, in der wir uns gerade nah sind und sein Atem warm über mein Ohr streicht, fragt er mich erneut, warum ich es tue, was es mir gibt. Den ganzen Kram. Ich erzähle ihm Bruchteile. Mehr wage ich nicht aus Angst, dass er sich abwendet. Aus Angst, dass er es zurecht tut. Cedric bewahre ich tief in meinem Herzen. In meinen Träumen fleht er mich an, es sein zu lassen. Ich schneide weiter. Noch niemals ist mir Cedric Diggory im Traum so lebendig erschienen. Michael fleht mich nach einiger Zeit ebenfalls an, es sein zu lassen, weil die Schnitte gröber werden, aber mein Stolz und der Trotz sind größer, denn irgendwie genieße ich auf seltsame Art und Weise, dass ich jetzt die Macht habe. Und er derjenige ist, der bettelt, weil er es nicht ertragen kann, genauso, wie ich den vielen Alkohol nicht ertragen kann. Oder konnte, Vergangenheit? Ich stumpfe ab. Mit jeder neuen Wunde.

Und ich schneide weiter. Und weiter. Und weiter. Wochen vergehen.


Die Kammer übt auf mich eine unglaubliche Anziehungskraft aus. Sie zieht mich zu sich wie eine Venusfliegenfalle die Insekten. Meistens hocke ich abends zwischen den obskuren Gegenständen, während die anderen im Gemeinschaftsraum miteinander plaudern. Auch Marietta. Sie verhält sich mir gegenüber kühl, aber nicht unfreundlich. Was vielleicht noch schlimmer ist, als wenn sie zornig auf mich gewesen wäre.

Nach einem besonders schlimmen Tag kommt es schließlich noch schlimmer als sonst. Ich drücke die Rasierklinge so hart gegen meinen Arm, dass ein weit klaffender Schnitt sich öffnet, aus dem Blut strömt und strömt wie ein leise plätschernder Bach. Es will nicht aufhören zu fließen. Nach einer Viertelstunde bekomme ich es so sehr mit der Angst zu tun, dass ich in meiner Verzweiflung ein Memo losschicke. Die Schrift ist kaum zu lesen, weil die Tinte, die ich auf einem Regal gefunden habe, ein wenig eingetrocknet gewesen ist, aber entziffern kann man deutlich: „Hilf mir" und „verblute". Es musste reichen.

Ich warte. Der Boden um mich ist befleckt mit meinem eigenen Blut. Nach zwanzig Minuten ist Michael immer noch nicht da. Die Wunde blutet inzwischen bereits weniger. Trotzdem sieht sie schlimm aus. Ich weine und würde am liebsten erneut alles wegschneiden, doch das würde nichts nützen.

In was für eine Situation habe ich mich da nur gebracht? Wie komme ich da wieder heraus? Was soll ich bloß tun?

Gar nichts tue ich – außer warten. Irgendwann muss mein Freund kommen.

Ich lehne meinen Kopf an die Wand und presse den Stoff meines Umhangs auf die Wunde.

Er ist sicher auf dem Weg. Oder?

Oder?


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