Es war dunkel und totenstill, als Savage wieder erwachte. Er schaute sich um – von Maul keine Spur. Er betastete seinen neuen alten Körper, der jetzt wieder genauso war wie damals in der Nachtbrudersiedlung, bevor Ventress gekommen war. Er sah, daß er wieder seine alte Kleidung trug, welche er an jenem Tag getragen hatte, an welchem Ventress diese verhängnisvollen Tests veranstaltet hatte. Er erinnerte sich an Feral. Schmerz wallte in ihm auf. Dann dachte er an Maul, der so ganz anders war als sein orangener Bruder. Was hatte der Kanzler mit ihm gemacht?
Auf einmal öffnete sich die Hintertür, von der aus er noch vor – er wußte nicht, wie lange er schon hier lag – mit seinem Bruder in den Thronsaal gekommen war. Und durch diese Tür kam Satine herein, hinter ihr Mutter Talzin.
„Satine? Mutter?", fragte Savage ungläubig.
„Geht es dir wieder gut, mein Sohn?", fragte Mutter Talzin mit einem Lächeln.
Savage schaute auf seine Brust. Die beiden Einstichstellen, die die beiden Lichtschwerter von Darth Sidious hinterlassen hatten, waren auf wundersame Weise vollkommen verheilt.
„Das ist das Werk des grünen Ichor, den wir dir damals eingeflößt hatten, Savage. Er hat, während er entwich, deine Wunden geheilt und dir das Leben erhalten, während Sidious Maul entführt hat – wieder einmal!", sagte sie melancholisch.
„Wißt Ihr, wo er ist?", fragte Savage.
„Du hast eine andere Bestimmung, Savage. Und hier ist jemand, der dir etwas sagen möchte", entgegnete Talzin und verschwand in ihrem grünen Nebel.
„Wie ist das möglich?", fragte Savage ungläubig.
„Du hattest recht, Savage", sagte Satine betreten statt einer Antwort.
„Was meinst du damit?", fragte Savage.
„Komm mit, ich kann dir das hier nicht erklären. Es ist möglich, daß schon bald Klontruppen kommen. Ich will nicht, daß sie mich und dich hier lebend vorfinden, nachdem Kenobi im Tempel erzählt hat …"
„… oder der Kanzler im Senat …", spann Savage düster ihren Satz weiter, ohne ihn zu vollenden.
Dann ergriff er ihre ausgestreckte Hand und sie eilten aus dem Palast, stiegen in einen Speeder und flogen zu dem Raumschiff, welches auf sie wartete. Satine sah, wie Maul-treue Truppen mit anderen Death-Watch-Leuten und Rebellen kämpften. Niemand beachtete die beiden Fliehenden. Niemand verfolgte sie.
Savage stutzte, als er Dookus Solargleiter der Punworcca16-Klasse auf dem Deck des Raumhafens von Sundari vorfand.
„Mutter Talzin hat ihn von Dathomir mitgebracht", erklärte Satine. „Sie hat gesagt, du wärest damit vor einem Jahr von Dookus Kommandoschiff geflohen."
„Das ist gut. Wo fliegen wir jetzt hin?", fragte Savage.
„In die Wolkenstadt nach Bespin", erwiderte Satine, während Savage die Triebwerke startete.
„Was wollen wir dort?", fragte er überrascht.
„Ein neues Leben anfangen", erwiderte sie. „Du könntest dort als Wächter in der Tibanna-Gasfabrik arbeiten, während ich mir einen Job in der Verwaltung suchen werde", erklärte sie.
„Du gibst dein altes Leben als Herzogin einfach so auf?", wunderte sich Savage.
„Es war Korkie, mein eigener Neffe. Er hat mir vor vier Tagen die Info über einen bevorstehenden Angriff Mauls auf unabhängige Systeme gegeben. Und dann habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie Mauls Meister hierhergekommen ist, um Euch Zwei zu stellen. Dein Bruder hatte recht gehabt. Und ich habe Euch misstraut. Das will ich wiedergutmachen. Was habe ich davon, als Herzogin mit guten Absichten über mein Volk zu herrschen, wenn mein Volk mir nicht hilft, wenn ich es brauche? Und mein eigener Neffe zusammen mit meiner Schwester undurchsichtige Pläne schmiedet? Ich will das alles nicht mehr. Ich will jetzt nur noch glücklich sein – mit dir, Savage", erklärte Satine feierlich.
Savage traute seinen Ohren nicht. Nicht genug damit, daß Satine jetzt mit ihm abgehauen war, anstatt mit ihrem geliebten Jedi-Ritter zu verduften, kehrte sie jetzt auch noch ihrem Heimatplaneten den Rücken, auf dem sie zugegebenermaßen ziemlich glücklos agiert hatte. Und all dies, um mit ihm zusammenzusein. Das war fast zu schön, um wahr zu sein. Ein letzter Zweifel blieb in dem Nachtbruder bestehen.
„Was ist mit Kenobi? Du hast vorhin im Thronsaal gesagt, du hättest ihn immer geliebt und würdest ihn immer lieben."
„Wahrscheinlich habe ich ein Talent dafür, mir Männer auszusuchen, die unerreichbar sind", begann sie zu erzählen. „Wahr ist, daß ich Obi-Wan ganze drei Mal in meinem Leben gesehen habe. Das erste Mal war vor fünfzehn Jahren. Da war ich gerademal sechzehn Jahre alt. Obi-Wan war damals noch der Padawan von Qui-Gon Jinn gewesen. Die Beiden wurden nach Mandalore entsandt, weil ein Informant den Jedi mitgeteilt hatte, daß ein gewisser mandalorianischer militärischer Ausbilder namens Meltch Krakko Kontakt zu einem Sith-Lord hätte, den die Jedi fangen wollten. Aber dieser Meltch Krakko war bereits tot, wie die Jedi später herausgefunden haben. Ich war damals noch Kronprinzessin. Später vor zwei Jahren hat Obi-Wan dann die Machenschaften Pre Vizslas auf Concordia aufgedeckt, welche zum Attentat auf mich auf Coruscant geführt hatten. Und das dritte Mal kennst du selbst.
Sag mir, Savage: Ist das eine Basis, auf der eine glückliche Beziehung aufgebaut werden kann? Ihm war der Orden immer wichtiger als alles andere. Ich habe die ganze Zeit über einer Illusion hinterher geträumt. Aber du bist real, Savage. Vor allem jetzt", setzte sie lächelnd hinzu und betastete seine Oberarme, die jetzt wieder beide in Normalgröße aus Fleisch und Blut waren und keine Krallen mehr hatten.
„Hat dich Mutter Talzin vor dem Tod gerettet?", fragte Savage.
„Ja. Und sie hat dir deinen Arm zurückgegeben", erwiderte sie.
„Dann könnte sie doch auch Maul …"
„Bitte rede jetzt nicht von ihm, Savage. Du kannst nichts mehr für ihn tun. Er ist jetzt wieder in Sidious' Gewalt und selbst Mutter Talzin kann momentan nichts gegen ihn ausrichten", sagte sei traurig.
‚Aber ich muß ihm helfen! Er ist mein Bruder!', schrie es in Savage. Aber das sagte er ihr nicht. Stattdessen nahm er sie in seine Arme und küßte sie, während sie durch den Hyperraum düsten und sich Bespin näherten. Wenn Satine so konsequent jegliche Bindung zu den Ihren kappte, um endlich glücklich zu sein, dann wollte er das jetzt auch tun. Er fühlte, daß es sonst keine Chance für sie als Paar gäbe. Er hatte lange genug nur für Andere gelebt und gekämpft. Genauso wie Satine. Das sollte nun anders werden.
Alles um sie herum war luftig und weiß, als sie den Solarsegler und kurze Zeit später den Raumhafen der Wolkenstadt verließen. Direkt auf dem Gasriesen Bespin war ein menschliches Leben unmöglich. Aber hier, 150-180 Standardkilometer unter dem Orbit von Bespin, war die Beschaffenheit des Gasgemisches der Stratosphäre des Planeten genau richtig. Sie fuhren mit einem Speeder durch die Flugschneisen zwischen den kühnen architektonischen Wunderbauten der Wolkenstadt, um schließlich zu einer großen Villa zu gelangen.
„Hier ist der Sitz von „Calrissian Gas Corporation", erklärte Satine. „Hier können wir beide Arbeit finden."
Kaum hatte sie das gesagt, da kam ihnen eine Prozession entgegen, angeführt von einem dunkelhäutigen Mann mit schwarzen Kräusellöckchen und fröhlichen braunen Augen. Neben ihm lief ein kleiner Junge, der wohl eine getreue Kopie seines Vaters war, auch was seine Kleidung betraf. Savage fiel dabei besonders der dunkelbraune Umhang des dunklen Mannes auf, welcher von einer Kettenspange mit zwei runden Enden zusammengehalten wurde und ihn fatal an Count Dooku erinnerte. Er legte skeptisch seine Stirn in Falten.
„Ich bin Lindo Calrissian, der Chef von Calrissian Gas. Und das ist mein Sohn Lando", stellte sich der Anführer der Gruppe vor. „Sie sind neu hier in der Stadt und scheint Arbeit zu brauchen. Sie kann ich als Leibwächter gut gebrauchen", sagte er zu Savage.
„Und Sie", er wies auf Satine, „sehen sehr repräsentativ aus. Sie werden in unsere Verwaltung eingearbeitet werden und wenn Sie sich gut machen, können Sie uns schon bald bei unseren Handelsmissionen auf andere Planeten begleiten", erklärte Lindo Calrissian mit leuchtenden Augen.
„Oh, gehen solche Einstellungsgespräche hier immer so schnell?", wunderte sich Satine.
„Ich sehe auf den ersten Blick, wem ich trauen kann und wem nicht", erklärte Lindo Calrissian selbstsicher. Damit war ihre Arbeitssuche beendet.
Es dauerte keine zwei Stunden, dann hatten die Zwei auch ein Haus gefunden, in welchem sie leben wollten. Es hatte zwei Stockwerke und auf dem Dach eine große, mit Bögen überwölbte Terrasse, auf welcher man die rosa-violetten Sonnenuntergänge auf Bespin wunderbar verfolgen konnte.
„Das ist wunderschön. Warum bin ich nicht schon eher hierhergekommen", sagte Satine mit einem Seufzer.
„Weil ich zu jener Zeit noch nicht auf Mandalore war", erwiderte Savage lächelnd, zog sie ins Schlafzimmer und sie legten sich gemeinsam auf das Bett.
„Wir müssen vom Vermieter noch die Schlüssel bekommen", erinnerte ihn Satine. Also standen sie wieder vom Bett auf und gingen in den Eingangsraum, wo der Vermieter die ganze Viertelstunde geduldig auf ihre Rückkehr gewartet hatte.
„Ich muß Ihnen noch den Keller zeigen", sagte er schließlich und brachte sie eine schmale Treppe herunter, die immer dunkler wurde, je mehr sie sich den beiden Kellertüren näherten. Die rechte davon war grau, die andere Linke hingegen war grellrot gestrichen und wies einige schwarze Muster auf. Savage mußte sofort an Maul denken. Wie es ihm wohl ging?
„Die werden wir umstreichen. Sie passt so gar nicht zum Rest des Hauses", schlug Satine im Hinblick auf die linke rote Tür vor.
„Zu gegebener Zeit", erwiderte Savage etwas unentschlossen.
„Die rechte graue Tür führt zum Keller und den Abstellräumen. Die linke jedoch dürfen Sie nicht öffnen", erklärte der Vermieter ernst.
„Warum nicht?", fragte Savage mißtrauisch.
„Es soll dort spuken. Es heißt, vor vielen vielen Jahren wurde hier ein einheimischer Ugnaught umgebracht, der erste Mieter dieses Hauses. Sein Mörder wurde nie gefaßt und seitdem soll der Geist dieses Ugnaughts hier herumspuken. Deshalb muß diese Tür stets verschlossen bleiben."
„Gut, wir nehmen das Haus", entschied Savage und Satine lächelte ihn an.
Nachdem der Vermieter gegangen war und ihnen die Schlüssel überlassen hatte, gingen sie wieder in die obere Etage ins Schlafzimmer, um sich dort von ihrer Flucht von Mandalore zu erholen. Und um sich zu lieben.
Obi-Wan hatte sich gerade leidlich von den Strapazen des Raumschiffabsturzes und der folgenden Stunde in Mauls Palast, der früher Satine gehört hatte, erholt. Zumindest, was seinen Körper anging. Aber in ihm tobte ein Sturm. Er mußte aus dieser Zelle raus. Aber wie, wenn er gefesselt am Boden lag und vor der Zelle vier durchtrainierte mandalorianische Krieger herumlungerten, bereit, ihn jederzeit mit Blastern oder anderen Waffen niederzustrecken, falls er es wagen sollte, einen Fluchtversuch zu unternehmen?
Auf einmal sah er, wie seine Bewacher einer nach dem anderen von Blasterschüssen direkt in die T-Visiere ihrer Helme niedergestreckt wurden.
Dann sah er, wie sich aus der Gruppe der nun heranrückenden Mandalorianer eine mutmaßlich weibliche Gestalt löste. Die Gestalt öffnete mit Leichtigkeit seine Zellentür, befreite ihn von den Fesseln. Dann nahm sie ihren Helm ab und er sah eine Frau mit grünen Augen und kinnlangen roten Haaren vor sich.
„Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennengelernt", sprach Obi-Wan sie förmlich, aber freundlich an. „Ihr seid …"
„… Bo Katan. Ich bin hier, um Euch zu retten. Mehr müßt Ihr nicht wissen", stellte sich die rothaarige Mandalorianerin schroff vor. Dann reichte sie Obi-Wan sein Lichtschwert. Eine andere Frau von Bo Katans Nachteulen reichte ihm noch ein Jet-Pack und schon bald hatte der Jedi herausgefunden, wie man es benutzte, um mit seiner Befreierin und deren Begleitern durch die Lüfte Sundaris hin zum Raumhafen zu fliegen – weg von Maul und dessen Bruder – hin zur Freiheit.
Wie erwartet, wurden der Jedi und seine Helfer schon bald von Maul-treuen Soldaten verfolgt, welche sich, sobald Obi-Wan und seine Begleiter in die Nähe des Raumhafens gekommen waren, mit den Flüchtenden heftige Kämpfe lieferten.
„Maul muß Euren Tod wollen", konstatierte Bo Katan, während sie im Wechsel Blasterschüsse und Fußtritte an Mauls Truppen austeilte.
„Ihr habt ja keine Ahnung", erwiderte Obi-Wan mit einem bitter-nonchalanten Blick zurück, während er mit wirbelnden Bewegungen seines blauen Lichtschwertes die Blasterschüsse abwehrte, die von allen Seiten auf beide hereinprasselten. Endlich kam der für ihn bestimmte Gauntlet-Fighter auf die dafür vorgesehene Landeplattform herabgeschwebt.
Obi-Wan sah noch einmal seine Retterin an. Ihm war unwohl dabei, diese tapfere Frau inmitten des Kampfgetümmels zurückzulassen, nachdem er bereits Satine Maul und damit dem Tod überlassen mußte.
„Kehrt zu Eurer Republik zurück und erzählt dort, was hier geschehen ist", sagte sie beinahe kommandierend zu dem Jedi, der sie auf diese ihre Worte hin skeptisch anschaute.
„Aber dann wird die Republik Truppen nach Mandalore schicken und intervenieren", wandte Obi-Wan besorgt ein.
„Ich weiß", entgegnete Bo Katan hart. „Aber Maul und Savage werden sterben. Aber wir werden überleben. Wir haben immer überlebt", erklärte sie siegessicher.
„Satine war Eure Schwester, nicht wahr? … Es tut mir leid", sagte Obi-Wan melancholisch und schaute ihr noch einmal in die grünen Augen, bevor er in den Gauntlet-Fighter sprang, den die Anführerin der Nachteulen für ihn bereitgestellt hatte.
Bo Katan sah ihm und dem davonfliegenden Raumschiff gedankenverloren hinterher. Ja, die Jedi oder die Klontruppen würden kommen, um Maul und Savage den Garaus zu machen. Und sie, Bo Katan und die anderen Mandalorianer, würden dafür sorgen, daß sie recht bald nach getaner Arbeit wieder abziehen würden.
Sie mußte sich eingestehen, daß ihr dieser Obi-Wan Kenobi eigentlich ganz gut gefiel. Wäre er bloß kein Jedi! Aber wahrscheinlich stand er sowieso eher auf blauäugige Frauen so wie ihre nun tote Schwester Satine … Oder aber wie diese Asajj Ventress, die sogar noch zwei Lichtschwerter besaß, die Macht einsetzen konnte – und obendrein noch lebte! Bo Katan verzog ihren Mund bei diesem Gedanken. Dann stieß sie wieder zu ihren Begleitern, um sich der heftigen Angriffe der Maul-Anhänger zu erwehren.
