Kapitel 7: Sansa I

Es geht im Leben nicht um Liebe, mein Schatz. Vergiss, was ich dir über Gott gesagt habe. Gott ist ein sadistisches Schwein, Liebling und er belauscht uns die ganze Zeit und wenn wir jemandem sagen, dass wir ihn lieben, dann nimmt er ihn uns weg, weil er sich zu Tode langweilt da oben. Wenn du es nicht mehr aushältst, gibt es nur zwei Dinge, die du tun kannst: Einatmen und Ausatmen." (Aus dem Film „Kammerflimmern")


Winterfell, 296 n. A. E.

Arya begleitete sie in den Wald, auch wenn sie nicht viel mehr tat, als sich zu beschweren und Äste und Pflanzen mit ihrem Schwert zu zerkleinern. Sie hatte ihr erstes Ziel erreicht und wieder ihr Schwert bekommen, dass Jon noch einmal für sie hatte anfertigen lassen. Seit dem trug sie es offen an der Hüfte. Seit diesem Morgen. Vater hatte es noch nicht gesehen, aber Mutter und Septa Mordane. Wahrscheinlich war das der einzige Grund, warum ihre Schwester sie begleitete.

„Was ist nur so schlimm an einem Schwert? Damit kann man sich verteidigen. Warum kann Mutter mich nicht einfach so akzeptieren wie ich bin? War sie in unserem letzten Leben auch schon so nervig und penetrant gewesen?"

Obwohl Sansa ihre Mutter liebte, war sie nicht mehr blind für ihre Fehler. Auch log sie nicht mehr, weswegen sie ehrlich antwortete: „Ja."

„Wirklich?", fragte Arya entsetzt. „Aber das ist ja grauenvoll. Sie ist unsere Mutter und sie ist… sie ist so… schwierig."

Sansa kümmerte sich nicht sehr darum. Sie war auf die Pflanzen und Kräuter fixiert, die sie brauchte. Als sie die richtigen gefunden hatte, zog sie ihr Messer aus dem Stiefel und schnitt sie ab, um sie in ihren Korb zu legen. So ging es über ihren gesamten Spaziergang hinweg. Dafür war sie schließlich in den Wald gekommen.

„Wir empfinden es nur so als extrem, weil sie uns wie Kinder behandelt und wir eigentlich geistig erwachsen sind. Außerdem ist Mutter im Gegensatz zu uns eine Südländerin. Sie versucht uns auf ihre Weise zu erziehen, wobei wir uns zu vollkommenden Nordländern entwickelt haben. Deswegen erscheint es dir so extrem."

Auch Sansa fand den Umgang mit ihrer Mutter nicht mehr so einfach, aber sie verstand zumindest, woher die Diskrepanzen kamen. Arya hatte noch nie viel Geduld und Toleranz gehabt. Ihre Mutter und Arya waren wie zwei Gegensätze. Aber auch Sansa hatte Schwierigkeiten mit ihrer Mutter. Sie wollte nicht mehr wie ein Kind behandelt werden und zu den Stunden mit Septa Mordane gehen. Sansa konnte Handarbeit perfekt und es war wenig hilfreich fürs Leben, wie auch die meisten anderen Stunden. Sie wusste wie man eine gute Ehefrau war, besser als jedes andere Mädchen in Winterfell und sie wusste noch viel mehr über das Ehebett.

„Ich hab einfach den Wunsch… AH! Ich kann sie einfach nicht ertragen. Es gibt nichts nettes, was sie zu mir sagt. Für sie bin ich eine komplette Enttäuschung. Am liebsten würde ich ihr zeigen, wie ich jemand die Haut vom Gesicht schäle, damit sie mich wenigstens komplett aufgibt und aufhört zu nerven. Vielleicht sollte ich mit jemand Sex haben und mich überraschen lassen, wie Jon und du von Vater."

Sansa runzelte die Stirn bei der Erinnerung. „Das war nicht gerade geplant und sehr unangenehm." Es war eines der letzten Dinge, die sie wollte, von ihrem Vater mit ihrem Ehemann beim Sex erwischt zu werden. Nun, sie waren noch nicht ganz bei der Sache gewesen, aber dennoch. Zuschauer waren sowieso nicht ihr Fall. Aber es gab wohl kein Mädchen, das gern von ihrem Vater dabei gesehen wurde. Es gab nette schmutzige Fantasie. Diese gehörte nicht dazu.

„Ich wüsste sowieso nicht mit wem. Ob du es glaubst oder nicht, ich schlafe nicht wahllos mit Männern", ereiferte Arya sich. Lächelnd schnitt Sansa eine weitere Pflanze ab. „Das weiß ich. Ich bin bei fast all deinen Beziehungen dabei gewesen. Jede war echt und keine endete an Mangel an Gefühlen. Du hattest wirklich Unglück."

Nicht dieselbe Art von Unglück wie Sansa. Arya war nie misshandelt wurden oder schlimmeres. Jeden Mann, den sie gewählt hatte, war voller Liebe für sie gewesen und sie für ihn. Das Schicksal war nur grausam gewesen und hatte ihr jeden wieder weggenommen. Kein dauerhaftes Glück für sie. Sansa hatte mit Jon wenigstens fünf Jahre gehabt.

Arya lächelte traurig und steckte ihr Schwert weg. „Dabei hast du meine Beziehung mit Aegon gar nicht mehr gesehen. Er war… wunderbar. Wenn du ihn siehst, dann verstehst du, warum unsere Tante im ersten Moment mit seinem Vater weggelaufen ist. Falls Rhaegar nur ein wenig wie Aegon gewesen war, dann kann ich Tante Lyannas Entscheidungen gut nachvollziehen."

„Du bist für ihn gestorben", erinnerte Sansa sich an Aryas Beschreibung von ihrem Tod. Langsam nickte Arya. „So könnte man es beschreiben. Zwar bin ich an meinen Wunden gestorben, die ich in meinem siegreichen Kampf davongetragen habe, aber ja. Ich starb für Aegon Targaryen. Wenn das nicht philosophisch ist, besonders auf den Bezug unserer Geschichte."

Sansa wusste nicht, ob sie auch noch den Tod ihrer Schwester hätte ertragen können. Sie war dankbar, dass sie sich vorher für den Tod entschieden hatte. Jons Ableben hatte sie nicht mehr ertragen können. Nicht nach Robb und Rickon und sogar Theon. Ihr war nie aufgefallen, wie wichtig ihr ihre Familie war, bis ihr diese genommen wurde. Sie hatte nicht gewusst, dass sie einen Lieblingsbruder hatte, bis sie von Robbs Tod gehört hatte. Sein Tod hatte tiefer in ihr Herz geschnitten, als die Hinrichtung ihres Vaters und alle Misshandlungen von Joffrey. Es hatte ein Stück ihrer Seele mitgenommen.

Entschlossen stand Sansa auf. „Aus diesem Grund will ich alles über die Heilkunst lernen. Es wird mein Weg sein, den Menschen, die ich liebe zu helfen. Zumindest soll niemand an Krankheit, Verletzungen oder Gift sterben. Oder Verrat." Die letzten Worte kamen bitter aus ihr heraus. Sie hatte zu viel Verrat in den letzten Jahren erlebt.

„Gegen Verrat gibt es aber keine Medizin", meinte Arya. „Man braucht ein helles Köpfchen. Zum Glück haben wir dich dafür."

Dankbar lächelte Sansa ihre kleine Schwester an. „Und zum Glück haben wir dich mit deiner Rücksichtslosigkeit, die über unsere Ehre trumpft. Zusammen werden wir Robb am Leben erhalten und aus ihn einen fabelhaften König machen."

Wenn sie sich alle in einem Ziel einig waren, dann war es darin, dass Robb wieder König des Nordens sein sollte. Auch wenn die Last für ihn schwer gewesen war, so waren alle überzeugt, dass er ein guter König war und diesmal würden sie ihn auch nicht alleine lassen. Das Wolfsrudel würde zusammen bleiben. Natürlich erst nach Vater. Aber die Unabhängigkeit des Nordens war etwas, das Sansa im vollen Umfang unterstützte.

„Aegon wird diesmal sein Ziel erreichen und König der Sieben Königslanden. Glaub mir, auch er wird ein fabelhafter König."

Sansa lächelte bei den Worten ihrer Schwester zur Lobpreisung eines Mannes. „Vielleicht wirst du ihn dann heiraten müssen, um ein Bündnis zu schließen. Dann wirst du Königin." Arya spottete und verdrehte die Augen, sagte aber nichts dagegen. Ihre Gefühle mussten tief für Aegon sein, wenn sie sich nicht so sehr gegen den Gedanken sträubte.

„Hast du je mehr als einen Mann geliebt?", fragte Arya und schaute in die Ferne. „Nein", antwortete Sansa ehrlich. „Es hat immer nur Jon für mich gegeben. Zumindest alles was echt war. Aber ich hab auch einen hohen Preis für meine närrischen und verblendeten Gefühle gezahlt. Joffrey… das war keine Liebe, nur blinde Schwärmerei. Jon war mein Rettungsanker. Als ich ihn wiedersah, konnte ich plötzlich wieder atmen und ich konnte mich an alles Gute erinnern. Da war ich alt genug, um zu wissen, was ich wollte. Es gab nur noch ihn."

Der Blick ihrer Schwester war traurig und verzweifelt, als wäre sie zerrissen. „Aber du bist einen anderen Weg als ich gegangen. Du hast nie falsch geliebt, sondern hattest schon immer das richtige Gespür für Menschen. Alles was du gefühlt hast war echt. Jeder deiner Partner war dir wert und du hast sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten geliebt. Deine Gefühle waren immer verständlich. Jetzt leben sie alle wieder, zur selben Zeit. Ich verstehe, dass das verwirrend für dich ist, aber ich bin überzeugt davon, dass du herausfinden wirst, wen du wirklich liebst. Die Erkenntnis wird zu dir kommen und wenn du sie hast, verstehst du, warum nur dieser Eine in Frage kommt."

Dankbar lächelte Arya nun sie an und Sansa hatte das Gefühl, dass ihrer Schwester ein wenig leichter ums Herz geworden war.