Liderphin: Spekulationen über Spekulationen... ;-) Danke für dein Review!
Hên en anor
Kapitel 6: Ein unglaublicher Verdacht (Legolas' POV von Mirenithil)
Die Tage vergingen und obgleich nichts Ungewöhnliches mehr geschah, ließen mich die Gedanken an die seltsamen Vorfälle nicht mehr los. Als sich die Nachricht in der Stadt verbreitet hatte, gingen nach und nach immer mehr Berichte von merkwürdigen Unfällen im Schloss ein. Mein Vater veranlasste, dass auch andere große Ställe durchsucht wurden; vielleicht würde man irgendeinen Anhaltspunkt finden, sei er noch so gering. Während dieser Zeit begannen die wildesten Gerüchte zu kursieren, die mit der Zeit selbst uns zu Ohren kamen.
„Was die Leute alles glauben...", meinte Tavaron eines morgens amüsiert. Auf meinen fragenden Blick hin fuhr er fort: „An Gerüchten, meine ich. Habt Ihr gehört, dass es heißt, jemand würde das Königshaus unterwandern wollen, um den König zu stürzen?"
Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch. Ich hatte schon einiges gehört, aber das war mir auch neu. „Die Geschichten werden immer abstruser. Hoffentlich finden die Männer bald brauchbare Hinweise."
„Sicherlich", murmelte mein Berater abwesend, eine dieser inhaltslosen Antworten, die alle Berater parat haben, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich ignorierte diese für ihn so unübliche Erwiderung und konzentrierte mich auf den Plan, der vor mir auf dem Schreibtisch lag. Durch die glaslosen Fenster hörte ich das Wassergeplätscher der Brunnen im Hof und das unwillige, müde Schnauben einiger Pferde. Die Hitze hatte unseren Wald immer noch fest im Griff. Stimmengemurmel drang durch die Gänge, kein Lüftchen regte sich, während die Sonne umbarmherzig auf unser Schloss hinab brannte.
In die absolute Stille dröhnte plötzlich ein Donnerschlag, unerträglich laut für meine Ohren. Ein Beben ließ das Schloss erzittern, Tintenfässer fielen zu Boden und zerbrachen, Bilder schepperten an den Wänden; ich hörte die Pferde im Hof panisch wiehern und die Elben ängstlich rufen. Augenblicke später war alles vorbei – Schweigen nahm erneut Einzug. Tavaron und ich wechselten einen raschen Blick, bevor wir gemeinsam hastigen Schrittes meine Räume verließen und in die Richtung gingen, aus der nun auch leise Rauchschwaden durch die Gänge zogen. Besorgt verfiel ich in Laufschritt, suchte meinen Weg durch aufgeregte Bedienstete und ernst schauende Soldaten, die ebenfalls in meine Richtung strebten.
Die Rauchschwaden verdichteten sich mit jeder Ecke, um die wir eilten, sogar verletzte Elben begegneten uns bisweilen...
„Was ist dort nur passiert...?" hörte ich Tavaron hinter mir ungläubig fragen, zuckte jedoch – ebenso unwissend wie er – nur mit den Schultern.
Wir näherten uns dem Thronsaal und meine Befürchtung, dass dort der Ursprung des Rauchs und der Verletzten lag, schien sich zu bestätigen. Mühsam bahnten Tavaron und ich uns einen Weg durch das Chaos, das auf den Gängen herrschte.
Gefasst, aber sichtbar besorgt, kam meine Mutter einen anderen Gang entlang. Sie schien sich etwas zu beruhigen, als sie mich erblickte, doch der Moment verflog schnell wieder. Gemeinsam suchten wir Haranye auf, den ersten Berater meines Vaters. Er stand vor den großen offenen Toren, die den Eingang zum Thronsaal bildeten und rief ruhig Anweisungen zu den Soldaten, die sich in der Halle befanden.
„Haranye", rief meine Mutter tonlos und sah ihn nur fragend an, als er sich umwandte.
Ein kaum sichtbares, verständnisloses Kopfschütteln war zuerst die einzige Antwort, die sie erhielt. Dann sprach er leise: „Es scheint eine Art plötzliches Feuer gegeben zu haben... ein Beben... einige Teile der Wände und der Decke sind eingestürzt, aber niemand scheint größeren Schaden genommen zu haben." Er bedeutete uns, dass wir doch eintreten und uns selbst ein Bild von der Zerstörung machen sollten, wozu wir uns nicht zweimal auffordern ließen.
Ich trat ein und das erste, was mir auffiel, war mein Vater. Hoch und stolz aufgerichtet, stand er inmitten von Schutt und erteilte Befehle. An seiner linken Schläfe zog sich ein schmaler Schnitt entlang, aus dem ein feines Blutrinnsal seinen Hals hinablief und im Kragen seiner Robe verschwand; ansonsten schien er nicht verletzt zu sein. Geröll überzog die marmornen Böden, Rauch schwängerte die Luft, das leise Knistern von Feuer untermalte die Stimmen der unzähligen Elben in der Halle. Soldaten liefen umher, mehr oder weniger schwer Verletzte wurden hinaus begleitet, Ausgänge wurden freigeräumt, die Brände bekämpft. Der Schock konnte niemanden lange gefangen halten.
Als wir näher kamen, sah ich, dass mein Vater sehr grimmig dreinblickte – kein Wunder, war doch gerade ein Anschlag auf ihn verübt worden – und sich nebenher angeregt mit mehreren Elbenfürsten unterhielt. Sein Blick fiel auf meine Mutter und mich... ich glaubte zu sehen, wie seine Augen sich für einen kurzen Moment verdunkelten, doch damals dachte ich mir nichts dabei.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein", sprach meine Mutter aus, was alle im Raum dachten.
„Das ist es aber, leider. Ich weiß...", unterbrach er sie, bevor sie ihn wütend anfahren konnte, „Ich weiß, ich glaube es selbst nicht. Aber ich habe die Männer mehrmals gefragt – und sie waren sich sicher." Sein Blick wanderte von meiner Mutter langsam zu mir, wie ich versteinert neben ihr stand.
Er schickte er uns hinaus aus der Halle in seine Arbeitsräume und folgte uns kurz darauf. Unglaube prägte seinen sonst so sicheren Blick, der wieder und wieder zu mir huschte, wie ich unruhig bemerkte. Als er schließlich langsam begann zu erzählen, was er erfahren hatte, begriffen sowohl meine Mutter als auch ich langsam sein seltsames Verhalten.
Nun standen wir hier, nicht glauben könnend, was er uns berichtete.
„Vater...", begann ich und ertappte mich dabei, wie meine Stimme kaum hörbar zitterte, brach jedoch wieder ab – mir fehlten die Worte.
Er sah mich an, ein unbestimmtes Funkeln in seinen Augen, und seufzte schließlich. „Ich will und werde das nicht glauben", sagte er energisch. „Niemals." Sein Blick wanderte zu seinen Beratern - die offensichtlich nicht ganz seiner Meinung waren - und zu den Soldaten im Raum, die mich nicht sehr freundlich anblickten – was mich mehr als nur ein wenig verwirrte. Wie kamen diese Männer dazu, irgendjemandem völlig abwegige Anschuldigungen gegen mich zu glauben? Diese Soldaten waren mir gegenüber loyal gewesen, solange ich zurückdenken konnte... doch jetzt schien sich zu zeigen, dass hier, in diesem Reich, noch immer mein Vater herrschte, uneingeschränkt. Die Welt schien für diesen Moment still zu stehen, in dem wir dort standen, regungslos, fassungslos, beinahe hilflos.
Plötzlich zuckte draußen ein Blitz über den absolut wolkenlosen Himmel, der durch meine geschlossenen Augenlider bis auf den Grund meiner Seele zu dringen schien. Für einen Moment drehte sich alles vor meinen Augen, bevor das Licht endlich nachließ. Dennoch dauerte es, bis die tanzenden Punkte vor meinen Augen verschwanden und ich wieder klar sehen konnte... in Gesichter, deren Ausdruck sich langsam von Verwirrung in Abweisung verwandelte.
„Aber dennoch würde ich gerne eine Erklärung von dir hören, mein Sohn", verlangte mein Vater. „Mehrere Männer behaupten dich gesehen zu haben, bevor dieses Feuer ausbrach."
„Das kann nicht sein, ich war in meinen Räumen, Tavaron und ich..."
„Tavaron!" unterbrach er mich, was er sonst nur selten tat. „War er die ganze Zeit mit Euch im Raum?"
Ich sah meinen Berater an, der mich keines Blickes würdigte – und den Kopf schüttelte. „Nein, Herr, er verließ das Zimmer im Laufe des Tages kurzzeitig."
Ich erstarrte. Ja, ich hatte das Zimmer verlassen, für wenige Augenblicke nur um meinen Gedanken etwas Ruhe zu gönnen von der Arbeit – jedoch niemals lange genug, um zum Thronsaal und zurück zu gelangen. Doch...
„Legolas...", begann mein Vater in diesem Moment warnend, aber bevor ich mich rechtfertigen konnte, schlug die Tür auf und Haranye trat ein. Ohne mich zu beachten schritt er auf meinen Vater zu, redete leise auf ihn ein und zeigte ihm schließlich etwas, das ich nicht sehen konnte. „Ihr seid Euch sicher? Dieses Messer fandet ihr im Stall?" Ein Nicken war die Antwort. Das Gesicht meines Vaters versteinerte sich. „Du schuldest mir eine Erklärung", waren seine nächsten Worte, nun wieder an mich gerichtet.
Haranye trat einen Schritt beiseite. In den Händen meines Vaters lag ein Messer. Mein Messer.
Wird fortgesetzt...
