Kapitel 7: Das Missverständnis
Amanda starrte den Vulkanier vor ihr entgeistert an. „Ich weiß, was es heißt," antwortete sie schließlich. „Warum fragen Sie?"
Er legte den Kopf leicht schräg, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. „Ich glaube, das weißt du, Amanda," sagte er leise. „Ich möchte dir Koon-ut so'lik erklären."
Amanda starrte ihn weiterhin an, und ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren. Sie kannte ihn seit drei Monaten, und seit fast zwei davon war sie einmal wöchentlich in sein Büro gekommen. Sie hatten Stunden dort verbracht, sie hatten geredet, sie hatte ihm Unterricht gegeben, sie hatte seine Gesellschaft mehr genossen, als sie je gedacht hätte. Sie hatten sich nie berührt, geküsst, waren nie ausgegangen- waren überhaupt immer mindestens einen Meter voneinander entfernt geblieben. Sie wusste so gut wie nichts über Sarek, und er hatte nie auch nur die geringste Zuneigung zu ihr gezeigt.
Und trotzdem stand er da und hatte ihr gerade einen traditionellen vulkanischen Heiratsantrag gemacht.
Sie war schockiert. Sie konnte es nicht glauben und fühlte sich gleichzeitig geschmeichelt. Aber sie war hauptsächlich verwirrt. Und so tat sie das einzige, was sie in so einer absurden, unangenehmen Situation tun konnte: sie lachte.
Es war ein nervöses Lachen ohne jeden Humor. Wie sollte sie auf so einen Vorschlag reagieren. Sie mochte ihn ja, sie mochte ihn wirklich – er sah gut aus, und er hatte etwas Mystisches an sich, das mehr als anziehend war… er war immer so nett zu ihr gewesen… aber heiraten?
„Ich verstehe nicht, wo du in dieser Situation den Humor siehst," sagte Sarek jetzt. Seine Schultern waren angespannt, sein Rücken steif. Er sah zum ersten Mal weg und aus dem Fenster.
„Es ist eh nicht lustig. Ich- ich verstehe nur nicht. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Warum machst du mir einen Antrag?" Sie beschloss, dass sie ihn jetzt genauso gut auch duzen konnte. „Wir kennen uns doch gar nicht!" Ihr Lachen erstarb. Dann erinnerte sie sich an etwas, was er ihr mal erzählt hatte – bei Vulkaniern gab es keine Art von Werben. „Sarek?", fragte sie. Er sah sie wieder an.
„Wie ich sehe, habe ich einen gravierenden Fehler gemacht," sagte er.
„Oh ja, das hast du. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Warum machst du mir einen Antrag?" Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich habe mehrere logische Gründe dafür," antwortete Sarek. Er faltete die Hände auf dem Rücken. „Ich bin der Meinung, dass enger Kontakt mit einem Menschen mein Verständnis für das Volk weiter verbessern würde – und man kann einem Menschen kaum näher kommen als durch Ehe."
Amanda spürte, wie ihre Schockierung von etwas anderem ersetzt würde... Empörung. Das hätte nicht seine Antwort seien sollen. Sie kniff die Augen zusammen, hörte aber weiter zu.
„Auf diese Weise wäre es vorteilhaft für mich. Für dich wäre es das wahrscheinlich noch mehr. Statt in deiner erwiesenermaßen unsicheren Wohnung würdest du mit mir auf meinem Anwesen wohnen. Deine Schulden wären sofort bezahlt. Du würdest nicht arbeiten müssen, außer, du möchtest."
Als er fertig war, war Amandas Mund zu einem dünnen Strich zusammengepresst, und ihre braunen Augen waren hart, als sie ihn ansah.
„Das sind logische Gründe, Sarek. Aber es sind nicht die richtigen Gründe," sagte sie mit leiser, kalter Stimme. Sareks Augenbrauen hoben sich.
„Das verstehe ich nicht. Es wäre für uns beide äußerst vorteilhaft. Du bist eine attraktive Frau, und mir ist bewusst, dass du dich auch zu mir hingezogen fühlst. Wir sind kompatibel. Was brauchst du sonst für Gründe?"
Amanda atmete tief durch und versuchte, die Wut zu verdrängen, die bei seinen Worten in ihr aufstieg. Die Unterschiede zwischen ihnen, zwischen ihren Kulturen, waren nie so deutlich gewesen wie jetzt.
„Es gibt eine ganze Menge andere Gründe," begann Amanda. „Genau genommen hast du zwei „gravierende Fehler" gemacht. Erstens heiraten Menschen nicht aus logischen Gründen. Mit Zweckehen haben wir vor langer Zeit aufgehört. Wir heiraten, weil wir uns emotional zu jemandem hingezogen fühlen; weil wir unser Leben mit ihm verbringen wollen und Kinder mit ihm haben wollen, weil wir Glück und Leid mit ihm teilen wollen. Ich könnte dich nie heiraten, nur weil du meine Probleme lösen kannst. Das würde ich lieber selber machen, bevor ich einen Mann heirate, der mich nicht liebt.
„Dein anderer Fehler... anders als Vulkanier haben wir sehr wohl gewisse Werberituale, und die sind uns wichtig. Du kannst einer Terranerin nicht einfach so aus dem Nichts heraus einen Antrag machen. Eine Vulkanierin würde sagen, dass es völlig logisch ist, und hätte wahrscheinlich schon ja gesagt – aber ich bin keine Vulkanierin.
„Menschen müssen einander erst mal kennen, bevor sie heiraten. Man verabredet sich, man küsst sich, man schläft miteinander, man lernt sich kennen – und das Monate oder sogar Jahre bevor man einen Antrag stellt! Wir sagen nicht plötzlich, dass wir heiraten wollen, wenn wir uns noch nicht einmal berührt haben! Ich dachte, du hättest mittlerweile genug über uns gelernt, um zu verstehen, dass wir nicht so sind wie ihr, Sarek!"
Er hörte so aufmerksam zu wie immer, und seine Augen blieben stets auf ihr Gesicht gerichtet, während sie sich mehr und mehr in Rage redete. Er hatte keine Ahnung, wie verletzt, wie wütend sie war. Sie wusste zwar, dass es nicht seine Schuld war – dass es ein Missverständnis war und er einfach etwas Falsches angenommen hatte – doch sie hatte keine Kontrolle über ihre Reaktion.
„Unter diesen Umständen will ich schon mal an sich keinen Antrag gestellt bekommen – aber du hättest wenigstens einen besseren Grund nennen können, als den, dass ich ein Mensch bin!"
Stille trat ein und Amanda stand da, immer noch mit verschränkten Armen, und ihre Hände zitterten, als sie ihn ansah. Schließlich senkte sie die Arme und nahm ihre Tasche, die sie zuvor auf den Boden gelegt hatte.
„Es tut mir leid, Sarek. Ich weiß nicht, warum du dachtest, dass du hier das richtige tust, aber das tust du nicht. Es gibt immer noch so viel, was du nicht verstehst – über mich und über Menschen im Allgemeinen. Unsere Emotionen sind uns wichtig, und das gilt für jede Entscheidung, die wir fällen. Wir sind nicht logisch," sagte sie leise. Sie hatte das Bedürfnis, seinen Arm zu berühren. Irgendwie wusste sie, dass sie ihn verletzt hatte – vielleicht, weil er sie jetzt nicht mehr ansah; sein Blick war auf den Boden fixiert. Aber sie traute sich nicht. Sie sah ihn ein letztes Mal an. „Man sieht sich, Botschafter," sagte sie traurig und ging.
Sarek sah sie gehen. Sobald ihre Schritte nicht mehr im Gang widerhallten, wandte er sich dem Fenster zu. Exakt zwei Minuten später kam sie aus dem Gebäude und stellte sich auf den Bürgersteig. Sie schien gedankenverloren, während sie das Pflaster anstarrte, die Arme vor der Brust verkreuzt.
Er konnte nicht beschreiben, wie er sich fühlte. Er kannte keine Worte, keine Namen für die Emotionen, die in seinem Inneren tobten.
Es hatte alles mit diesem Tag vor drei Monaten begonnen, als sie ihn informiert hatte, dass sie durchaus fähig war, ihren Job auszuführen. Ihre defensive Art hatte ihn fasziniert – selbst wenn man sie auch schlicht Unhöflichkeit hätte nennen können. Und wenn ihn etwas faszinierte, wollte er mehr darüber lernen.
Also hatte er angefangen, sie zu beobachten. Er studierte ihre Angewohnheiten. Sie kam früh zu Arbeit und trank in der Lobby einen Kaffee, bevor sie anfing, und aß später am selben Ort ihr Mittagessen. In Ausführung ihrer Pflichten kam sie oft an seinem Büro vorbei, und manchmal bat er sie, Botengänge für ihn zu erledigen. Sie ging um 1600 Uhr.
Er hatte sie an dem Tag beobachtet, als ein Mann auf der Straße gegen sie gelaufen war und ihre PADDs überall verteilt hatte. Er hatte gesehen, wie niemand ihr geholfen hatte, und es hatte ihn verärgert. Es war völlig unlogisch, jemandem nicht zu helfen, wenn er es offensichtlich benötigte. Er hatte ihr selbst geholfen. Sie hatte nicht besonders erfreut gewirkt, ihn zu sehen – er jedoch fand es erfreulich, sie zu sehen. Er verstand nicht, warum. Sie wahr schließlich nur ein Mensch – wenn auch eine ästhetisch ansprechende Frau.
Den darauffolgenden Monat hatte er sie nur gesehen, wenn sie kurz in seinem Büro vorbeischaute oder wenn er sie durch sein Fenster beobachtete, während sie auf ihren Transport wartete. Er stellte in sich ein unlogisches Bedürfnis fest, sie aus geringerer Distanz anzusehen, und länger als nur für wenige Sekunden. Also hatte er sie schlussendlich gefragt, ob sie ihm helfen könne, über Menschen zu lernen – seine Beweggründe mochten nicht vollständig logisch gewesen sein, aber noch logisch genug. Er musste wirklich mehr über Terraner lernen.
Er hatte es nicht verstanden – und er verstand es immer noch nicht. Wie kam es, dass er automatisch an sie dachte, sobald das Klacken dieser lächerlichen Stöckelschuhe im Gang erklang? Warum musste er jedes Lächeln, das er sah, mit dem ihren vergleichen – und warum fand er die Lächeln anderer Menschen nie so erfreulich wie ihres?
Wieso wünschte er sich so oft, dass sie ihn berührte – wenn sie auch nur im Vorbeigehen seinen Arm streifte? Es war unlogisch. Es war unvulkanisch.
Diese unlogischen Bedürfnisse hatten sich verschlimmert, als sie angefangen hatte, mehr Zeit in seinem Arbeitszimmer zu verbringen. Er beobachtete sie genau. Gedanklich notierte er jedes Lächeln, das sie ihm schenkte. Er bewunderte ihre blasse, makellose Haut und ihre Augen, die heller wurden, wann immer sie über etwas sprach, was in ihr Interesse weckte. Sie war äußerst aufgeweckt, wenn sie sich entspannte. Er hatte bald entdeckt, dass ihr Lachen noch viel erfreulicher war als ihr Lächeln – und wenn er ihr Lächeln schon so gerne hatte...
Und dann... dann hatte er sie in jener Nacht mit nach Hause genommen. Er hatte nichts über ihren Wohnort gesagt, doch er hatte ihm äußerst missfallen. Nicht aufgrund des allgemeinen Zustandes dort, sondern wegen der Kriminellen. Was, wenn sie zuhause gewesen wäre, als sie eingebrochen waren? Sie hätten sie verletzen, vergewaltigen, umbringen können.
Der Gedanke, dass sie auf so sinnlose Art und Weise hätte ermordet werden können, füllte ihn mit Zorn und Trauer. Er hatte an jenem Abend volle drei Stunden meditieren müssen. Die Möglichkeit, dass sie jemals in Gefahr sein könnte, hatte in ihm einen seltsamen Anklang von Beschützerinstinkt geweckt. Aber sie war nicht seine Partnerin. Sie war nicht sein – er hatte kein Recht, derartige Gefühle für sie zu hegen.
Seit sie vor einer Woche bei ihm übernachtet hatte, hatte er mit dem Gedanken gespielt, sie zu seiner Gefährtin zu machen. Ihm waren mehrere logische Gründe dafür eingefallen – einschließlich eines Grundes, den er aufgrund seiner privaten Natur ihr gegenüber nicht erwähnt hatte. Er hatte berechnet, dass seine Zeit nur noch 1.6 Jahre entfernt war – und er würde dafür eine Partnerin benötigen. Er wollte, dass sie das war. Sie war stark. Das war eines der ersten Dinge, die ihm an ihr aufgefallen waren. Sie würde mit ihm fertig werden.
Und trotzdem... es schien, als sei seine Logik an irgendeiner Stelle fehlerhaft gewesen. Sie hatte ihm vom „Flirten" erzählt, was eine Art Werberitual war. Er hatte angenommen, dieses Flirten sei ein sofortiger Vorläufer der Heirat – dass es angebracht war, einen Antrag zu stellen, sobald man Interesse gezeigt hatte. Offensichtlich hatte er da falschgelegen.
Flirten war nicht das Werberitual selbst, sondern eher dass, was noch davor kam. Als er gesehen hatte, wie Amanda in seiner Gegenwart ihr Haar berührt hatte – eine Handlung, von der sie gesagt hatte, sie würde Interesse signalisieren, und er war auch immer noch überzeugt, dass sie mit ihm geflirtet hatte, wenn auch unbewusst – hatte er gewusst, dass sie an ihm interessiert war. Das wiederum hatte er als Signal interpretiert, dass ein Antrag nicht unerwünscht sei.
Er hatte äußerst falschgelegen.
Dann gab es da noch das, was sie gesagt hatte... sie hatte ihn informiert, dass sie ihn nicht „aus logischen Gründen" heiraten würde. Nur aus „Liebe". War Liebe der Name dieser sonderbaren Emotion, die er empfand, wenn sie in seiner Nähe war? Das warme, leichte Gefühl, das ihr Lächeln in ihm verursachte? Wenn das Liebe war, was war dann dieses schwere, traurige Gefühl, dass ihn jetzt erfüllte, da er erkannte, dass er es – wie Menschen es ausdrücken würden – unwiderruflich „versaut" hatte?
Sie wollte ihn nicht heiraten, da er sie nicht darüber informiert hatte, dass er eine emotionale Bindung zu ihr aufgebaut hatte – er hatte ihr die falschen Gründe genannt. Aber er war nicht in der Lage, ihr solche Dinge zu erklären, selbst wenn er wollte... Und ohne ordentliches, menschliches Werben würde sie ihn ohnehin nicht akzeptieren.
War es zu spät? Konnte er es wieder gut machen?
Er sah zu, wie ihr Shuttle ankam. Amanda, die die ganze Zeit über auf den Boden gestarrt hatte, während er sie angestarrt hatte, betrat das Fahrzeug und setzte sich. Als es abfuhr, fühlte er, wie das schwere Gefühl in ihm noch schwerer wurde.
Er konnte nicht aufgeben. Aber wie würde er sie dazu bringen, ihn heiraten zu wollen? Wie würde er sie dazu bringen, ihn zu lieben?
Sarek kannte die Antworten nicht... aber er würde es versuchen.
Er musste nach Hause – er hatte Nachforschungen anzustellen.
