Exemplum statuere
Kühle Hände holten sie aus ihrer Bewusstlosigkeit. Mühsam öffnete sie die Augen. Eine junge Frau hatte sich über sie gebeugt und wusch ihr das geschwollene Gesicht mit einem feuchten Tuch ab.
„Qu' est-ce qui est arrivé ? » (Was ist passiert ?), flüsterte sie mühsam.
Das Mädchen lächelte sie entschuldigend an.
„Ich kann leider kein Französisch, Maleddy." Sie sprach mit einem leichten schottischen Akzent.
„Was ist passiert", wiederholte sie ihre Frage in Englisch.
„Keine Sorge, Ihr seid in Sicherheit, der Captain hat gesagt, ich soll mich um Euch kümmern."
„Wo ist Louise?"
„Captain Tavington erlaubt nicht, dass Ihr sie seht, aber dafür bin ich ja da."
Sie sah etwas hilflos aus. Sophie versuchte zu lächeln, um ihr zu zeigen, dass sie keine Schuld an den Vorfällen trug.
„Wie heißt du denn?"
„Caitlin, Maleddy."
Sie versuchte sich aufzurichten.
„Seid vorsichtig. Ihr seid verletzt." Caitlin strich erneut mit dem Tuch über Sophies Gesicht, „Schande über diese Menschen. Wie konnten sie Euch das antun. Ihr seid doch eine Frau, sogar eine Leddy."
„Es waren nicht die Männer", sagte Sophie mehr zu sich selbst. Sie schloss die Augen, als sie die Erinnerung an den Schlag überkam. Behutsam hob sie eine Hand und tastete vorsichtig über ihr Gesicht.
„Ich muss furchtbar aussehen", murmelte sie, „wie ein Satyr."
„Was ist ein Satyr?"
Trotz der Schmerzen musste sie lachen: „Ein hässliches kleines Ding, irgendeine Mischung aus Ziegenbock und Mensch. Hoffentlich geht die Schwellung bald wieder weg."
„Bestimmt", versetzte das Mädchen, „Ihr könnt ja sogar schon ein wenig lachen."
„Das ist der Galgenhumor in einer verzweifelten Lage."
„So dürft ihr nicht reden, Maleddy", versetzte das Mädchen ernst, „Ihr werdet sehen, bald wird sich alles wieder zum Guten wenden."
Sophie betrachtete sie. Sie war so ganz anders als Louise, zweifellos nicht so gewitzt und schnell mit dem Verstand und de Zunge, aber sie hatte ein einfaches heiteres Gemüt und schien wirklich ernsthaft bemüht zu sein, dass es ihr besser ging.
Als Caitlin ihren forschenden Blick bemerkte, errötete sie leicht. Sophie lächelte ihr aufmunternd zu.
„Wie wäre es, wenn wir eine Kleinigkeit essen um unsere neue kleine Gemeinschaft zu feiern?"
Ein Strahlen erschien auf dem Gesicht des Mädchens: „Oh, das wäre wunderbar!" Im nächsten Moment verfinsterte sich jedoch ihr Gesicht.
„Sprich nur", forderte Sophie sie freundlich auf.
„Der Captain hat Order gegeben, dass Ihr diesen Raum nicht verlassen dürft, noch, dass Euch etwas gebracht wird außer einer einmaligen Mahlzeit und Wasser für die Toilette."
Sophies Fröhlichkeit war wie weggeblasen. Sie sprang auf und lief zur Fensterluke. Sie sah nicht viel, nur ein Stück schmutzig blauer Himmel und die schlammigen Mauern des Edinburgh Castles. Sie war also nach wie vor eine Gefangene und allein von Tavingtons Gunst abhängig.
„Du kannst gehen", versetzte sie mit tonloser Stimme über ihre Schulter hinweg.
„Ich bleibe gern bei Euch. Ihr seid doch sonst so einsam", erwiderte Caitlin mit zögerlicher Stimme.
„Geh! Ich will allein sein!", befahl Sophie erneut und Tränen traten ihr in die Augen.
„Ja, Maleddy", kam die leise Antwort, dann hörte sie wie das Mädchen an die Tür klopfte, die kurz darauf von einem Soldaten geöffnet wurde.
„Ich bringe Euch dann morgen das Essen", versetzte das Mädchen, bevor es nach draußen schlüpfte und die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.
Sophie ließ sich aufs Bett fallen und verbarg das Gesicht in den Händen. Sie weinte leise bis sie in einen unruhigen Schlaf fiel.
Am nächsten Morgen brachte ihr Caitlin eine einfache, doch üppige Mahlzeit, sowie eine Waschschüssel mit warmen Wasser und ein sauberes Tuch.
Sie begrüßte sie fröhlich, als ob nichts passiert wäre und fing sofort an ihr das geschwollene Gesicht vorsichtig zu waschen.
„Heute ist ein schlechter Tag. Es regnet", erzählte sie, „eine Freundin von mir ist heute morgen beim Wasserholen im Schlamm ausgerutscht und hat sich den ganzen Rock beschmutzt. Und ein kleiner Hund ist mir den ganzen Weg entlang nachgelaufen bis vor Eure Tür. Ich hätte ihn gern mitgenommen, damit Ihr Euch freut, aber ich durfte nicht."
Sophie schämte sich für ihre harten Worte vom Vorabend: „Es tut mir leid, dass ich gestern so zornig geworden bin. Du hattest nichts damit zu tun."
„Ich verstehe, Maleddy. Ihr habt große Gefahren ausstehen müssen. Ihr müsst Euch jetzt erholen und ich werde Euch dabei helfen, damit Ihr diesen schrecklichen Tag bald wieder vergesst. Also", das Mädchen stemmte die Hände in die Hüpften, „was machen wir heute?"
Sophie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, weil Caitlin in ihrem Optimismus den Umstand, dass sie hier gefangen waren gänzlich außer Acht ließ."
„Erzähl mir etwas von dir."
„Da gibt es nicht viel zu erzählen, Maleddy. Ich hab schon immer hier gewohnt in Edinburrae. Nach Edinburgh Castle bin ich gekommen, weil meine Mammie gefragt hat, ob sie nicht jemanden brauchen könnten. Und dann hab ich in der Küche gearbeitet und verschiedene andere Dinge gemacht und jetzt bin ich hier."
„Hast du Geschwister?"
„Ja Mem, 4 kleine und mein großer Bruder arbeitet mit meinem Pa unten im Hafen. Sie sind alle sehr stolz, dass ich jetzt Girzie (Zofe) bei einer richtigen Leddy bin."
„Und du? Gefällt es dir auch?"
„Oh ja", sie zögerte, bevor sie fortfuhr, „aber ich weiß nicht richtig, wie...es ist so schwer, sich...ich bin nicht klug und ich rede auch nicht wie eine Mem..."
„Mich stört das nicht", erwiderte Sophie beruhigend.
„Nein, Ihr seid eben eine richtige Leddy und Ihr kommt aus Frankreich, wo alle so edel reden."
„Wenn du willst, kann ich dir ja ein bisschen Französisch beibringen. Zeit dazu haben wir ja genug."
„Ich weiß nicht", Caitlin blickte zu Boden, „ich bin nicht so klug, Mem."
„Madame!", versetzte Sophie streng.
„Madame."
„Siehst du es geht doch."
Caitlin lächelte zögerlich.
Der Französischunterricht war wirklich eine gute Art sich die Zeit zu vertreiben. Caitlin lernte mit Begeisterung und Eifer. Nach einer Woche konnten sie schon kleine Gespräche führen.
Die Heiterkeit des Mädchens lenkte Sophie von ihrer misslichen Lage ab und sie freute sich darauf, wenn Caitlin am Morgen das Essen brachte.
Doch als sie an diesem Morgen hereinkam wirkte ihr Lächeln traurig und sie hielt den Blick gesenkt.
„Qu' est-ce qui s'est passé, chérie ? », fragte Sophie, aber das Mädchen schüttelte nur trübselig de Kopf.
Schweigend verzehrten sie ihr Frühstück. Da öffnete sich plötzlich die Tür und Sergeant Rutherford betrat die Zelle.
„Captain Tavington hat Order gegeben, dass Ihr der Hinrichtung der jakobitschen Häftlinge beiwohnt", verkündete er mit ausdruckslosem Gesicht.
Sie warf einen erschrockenen Blick zu Caitlin, die zu Boden blickte.
„Wann findet die Exekution statt?", fragte sie mit belegter Stimme.
„Heute Abend. Ihr werdet zum Richtplatz exekutiert."
Mit diesen Worten verließ er den Raum. Tiefes Schweigen lag über den beiden jungen Frauen.
„Ich wusste nicht, wie ich es Euch sagen sollte, Madame", versetzte Caitlin schließlich leise.
Sophie löste sich aus der Erstarrung: „Dich trifft keine Schuld, Caiteline. Ich habe es mir selbst zuzuschreiben."
Die Stunden vergingen in quälender Langsamkeit. Beide brachten sie nicht die Kraft für den Sprachunterricht auf, sodass sie die meiste Zeit schweigend vor sich hin grübelten.
Schließlich rklang das klickende Geräusch des Schlosses und die Tür schwang auf.
Ein Soldat geleitete sie durch die kahlen Gänge des Gemäuers nach draußen. Auf dem Platz hatte sich bereits eine große Menschenmenge versammelt, die von den Soldaten vom Blutgerüst ferngehalten wurde. Der Soldat führte sie auf ein Podest, das ein wenig entfernt von den Menschen stand, von wo aus man jedoch alles bestens sehen konnte. Voller Abscheu wich sie zurück, als sie Tavington sah, der hoch zu Ross neben dem Gerüst stand. Er würdigte sie keines Blickes, als der Soldat sie nach oben führte und sie zwang, sich auf einen Lehnstuhl zu setzten. Caitlin trat hinter sie und ergriff ihre Hand. Sophie schenkte ihr ein dankbares Lächeln.
Unter Trommelwirbel wurden die Delinquenten auf das Gerüst geführt. Níall O'Dornoch starrte mit trotziger Miene geradeaus. Der Mann neben ihm hatte die Augen geschlossen und schien zu beten.
Die Trommeln steigerten sich und brachen dann abrupt ab. Ein Soldat verlas die Anklage. Die Menge war totenstill. Plötzlich ertönte von der Seite her, eine zittrige Stimme, die einen Gesang anstimmte. Sophie sah wie die alte Eilidh ihren Sohn fest im Blick hatte, während sie sang. Nach einer Weile setzten in ihrer Nähe andere Stimmen ein, die bald den vorlesenden Soldaten übertönten.
Will ye no' come back again?
Will ye no' come back again?
Better lo'ed ye canna be
Will ye no' come back again?
Der Mann warf einen fragenden Blick zu Tavington hinüber, der mit einer zornigen Handbewegung abwinkte. Während der Gesang immer mehr anschwoll, wurden den Männern die Schlingen um den Hals gelegt. Einer der Verurteilten brach in Tränen aus.
Plötzlich verstummte der Gesang und die Klappen unter den Männern öffneten sich mit einem Poltern. Sophie verbarg das Gesicht in den Händen. Sie hörte das ersticke Röcheln und das laute Wehklagen der alten Frau, die noch immer verzweifelt Will ye no' come back again? schrie. Neben sich nahm sie eine Bewegung wahr. Tavington wendete sein Pferd mit ausdruckslosem Gesicht und ritt vom Platz.
Caitlin ergriff ihre Hände: „Kommt, Madame. Es ist vorbei."
Widerstandslos ließ sie zu, dass das Mädchen und der Soldat, sie zurück in die Zelle führten.
Starr vor Grauen saß sie auf ihrem Bett.
Die Hände des Mädchens strichen ihr sanft über den Kopf und sie redete beruhigend auf Sophie ein. Schließlich löste sich der Knoten und Tränen rannen ihr über das Gesicht.
„Das wollte ich doch nicht", flüsterte sie.
„Ihr seid nicht schuld, Madame. Ihr habt nicht gewusst, was diese Menschen vorhatten", erwiderte Caitlin.
„Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Der Captain hatte recht. Ich bringe mich durch meine Irrtümer in Gefahr und so viele andere Menschen."
„So etwas dürft Ihr nicht sagen. Ihr habt es nicht gewollt. Es waren bestimmt die besten Absichten..."
„Nein, es war einfach egoistisch, wie ich mich verhalten habe. Was soll der Herzog von mir denken?"
„Er wird Euch sicher verstehen, wenn Ihr ihm alles genau erzählt", erklang plötzlich eine dunkle Stimme von der Tür her.
Sophie blickte auf und wusste nicht, ob das was sie sah, eine Einbildung war. Sie hatte nicht gehört, wie die Tür aufgeschlossen worden war und blickte Gloucester mit entgeisterten Gesicht an.
Caitlin war vom bett aufgesprungen, knickste leicht und schlüpfte dann durch die Tür.
Jetzt erst wurde Sophie bewusst, dass ihr Starren mehr als unhöflich war. Sie erhob sich ebenfalls um sich zu verneigen, aber der Duke winkte ab.
„Macht Euch keine Gedanken um die Formalitäten oder um Anstand. Ich muss wissen, was genau passiert ist. Die Informationen, die ich bisher erhalten habe, verschweigen einen Großtel der Umstände, wie mir scheint. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser Mann es wagt, meine Befehle auf eine solche art zu verletzten."
Er ließ sich neben Sophie nieder und ergriff ihre Hände. Sein Blick blieb forschend auf ihrem Gesicht liegen, wo noch schwach die Spuren ihrer Verletzung zu sehen waren.
„S'il vous plaît, racontez tout. Il me faut connaître toutes les détails." (Bitte, erzählt alles. Ich muss alle Einzelheiten wissen).
Dieses Kapitel ist ziemlich kurz geraten, aber ich hielt es für besser, es nicht mit dem folgenden Kapitel zusammenzufassen, sondern so zu lassen.
