Hallo, es geht weiter! Endlich mal wieder...

wie üblich, vielen vielen Dank an alle leser und reviewer. Ganz besonders an Dax :-).

So, jetzt lass ich euch in Ruhe lesen.


Kapitel 7

Der nächste Tag dämmerte schnell heran, obwohl Madame Pomfrey die vier Schüler nicht einen Schritt aus der Krankenstation hatte machen lassen und sie stattdessen eines äußerst gründlichen Gesamtcheck unterzogen hatte. Zu ihrem Verdruss waren die Proteste der vier Freunde auf taube Ohren gestoßen, was ihren Aufenthalt in der Krankenstation anging. Keiner der Jugendlichen um Harry hatte irgendwelche Verletzungen davongetragen, was die Krankenschwester erst glauben mochte, als sie auch den letzten der kleinen Gruppe von Kopf bis zum kleinen Zeh durchleuchtet hatte. Da es zu diesem Zeitpunkt schon weit nach Mitternacht war, beschloss die überbesorgte Heilerin, die vier Jugendlichen bis zum Morgen noch im Krankenflügel zu behalten.

So war es eine sichtlich erleichterte Gruppe, die von Professor McGonagall nach dem Frühstück abgeholt und zum Büro Dumbledores geführt wurde. Von den anderen Schülern war nicht viel zu sehen, da die meisten schon im Unterricht waren, worüber besonders Harry froh war. Er wusste nur zu genau, dass sie sich sonst durch eine Masse von gaffenden und plappernden Schülern hätten drängen müssen. So aber hatten sie die Gelegenheit, dich ungestört durch das Schloss zu bewegen.

Bald waren sie am Wasserspeier vor dem Eingang zum Büro des Schulleiters angekommen. McGonagall hielt sich nicht lange auf und gab der Steinstatue mit klarer Stimme das Passwort: „Zitronenlutscher."

Gehorsam sprang der Wächter zur Seite und gab den Weg frei.

Die Hauslehrerin der Gryffindors drehte sich mit schwachem Stirnrunzeln um und schaute ihre vier Schützlinge über ihre Brille hinweg an. „Gehen sie hoch und warten sie im Büro. Der Direktor kommt gleich."

Harry, der ja schon öfter hier gewesen war, ließ sich das nicht zweimal sagen, doch offensichtlich waren die drei anderen nicht solche Besuche gewohnt. Unschlüssig blieben Ron, Hermine und Neville vor dem Durchgang stehen und sahen unsicher zu McGonagall.

Diese stützte die Hände in die Hüften. „Nun gehen sie schon. Das Büro des Direktors ist keine Drachenhöhle."

Das brachte die drei Gryffindors dazu, sich in Bewegung zu setzen. Harry, der nach ein paar Stufen bemerkt hatte, dass ihm keiner gefolgt war, erschien und schüttelte unverständig den Kopf. „Wo bleibt ihr denn? Kommt schon."

Als sie die zentrale Stütze der Treppe zweimal umrundet hatten, sagte Neville: „Im Büro des Direktors warten? Da war ich noch nicht mal, als er da war."

Harry drehte sich um und grinste schief. „Keine Angst. Fawkes beißt nicht und die anderen Sachen auch nicht, wenn man sie nicht anfasst."

Nach ein paar weiteren Stufen kamen sie zu einer schweren Holztür, die Harry ohne Zögern öffnete. Während sie sich staunend, neugierig oder gelangweilt umsahen, kratzte sich Ron am Nacken. „Was glaubt ihr, will Dumbledore von uns?"

Hermine verdrehte die Augen. „Unseren Bericht natürlich, was denn sonst?"

Der rothaarige Weasley schüttelte den Kopf. „Das weiß ich doch auch, aber was ich meinte ist das: will er von uns wissen, ob es gut ist, sich mit den Schatten zu verbünden? Wartet er da auf unsere Einschätzung?"

„Gute Frage", gab Hermine langsam zu. Sie zupfte an ihrer Unterlippe.

Neville schaute sich mit großen Augen um.

„Das spielt doch kaum eine Rolle", kam Harrys Stimme von der anderen Seite des Raumes, wo der Schreibtisch des Direktors war und ebenso Fawkes' Sitzplatz. Der Jugendliche streichelte den Phönix, der seinen Kopf an dessen Hand schmiegte. „Es ist nicht unsere Entscheidung, ob Dumbledore ein Bündnis mit den Schattenvölkern eingeht oder nicht. Außerdem, wollt ihr dem Direktor etwas anderes sagen, als die Wahrheit, wenn er seine Entscheidung noch nicht gefällt hat?"

„Auch wieder wahr", meinte Ron langsam, dann ließ er sich in einen Stuhl vor dem Schreibtisch fallen und schaute seine Freunde erwartungsvoll an. „Aber was meint ihr? Schließt er wirklich einen Bund mit den Schatten?"

Hermine schaute Ron fragend an. „Warum sollte er nicht? Die Völker der Schatten wären wirklich mächtige Verbündete im Kampf gegen die Todesser und ihren Meister."

„Das stimmt schon, aber was wir gestern und vorgestern erlebt haben war für die Schatten wirklich zahm", warf Neville ein, während er Harry beobachtete, wie er Fawkes etwas zumurmelte. „Außerdem bin ich mir nicht so sicher, ob tatsächlich alle Schatten mit dieser Zusammenarbeit einverstanden sind. Ted meinte mal, dass es auch Wesen gibt, die Menschen abgrundtief hassen." Er runzelte die Stirn, verwirrt, da Harry seinen neuen Zauberstab gezogen hatte und diesen immer noch leise murmelnd Fawkes hinhielt. Der Phönix knabberte daran und flötete ein Par Töne, die den ganzen Raum mit Ruhe und Wohlsein erfüllten.

„Meinst du, diese Sturköpfe machen uns dann Probleme?", fragte Ron alarmiert.

Während Neville noch mit den Schultern zuckte, kam von hinten eine andere Stimme. „Das ist eine sehr gute Frage, Ronald." Der Direktor war unbemerkt von den Schülern ins Büro gekommen und zwinkerte sie mit freundlichem Lächeln an. „Die Antwort lautet: wahrscheinlich ja." Er kam durch das mit allerlei Kuriositäten voll gestopfte Büro und blieb neben Harry stehen. „Du zeigst Fawkes, was aus seiner Feder geworden ist, Harry?"

Der Jugendliche nickte. „Professor Snape sagte, dass er die Schwanzfeder von ihrem Phönix erbeten hat und da dachte ich, ich bedanke mich."

„Ah." Der Schulleiter drehte sich zu den drei anderen Schülern um und schaute Ron über den Brillenrand hinweg an. „Vielleicht sollte die Frage eher lauten: Werden die Probleme größer sein, als die Vorteile?"

Die vier Gryffindor schauten sich unschlüssig an.

Dumbledore jedoch winkte ab. „Darüber braucht ihr euch nicht den Kopf zu zerbrechen. Bitte, erzählt mir, was gestern und vorgestern alles geschehen ist."

Der Bericht der vier Schüler und die Fragen des Schulleiters dauerten – trotz Snapes Vorarbeit am gestrigen Tag – mehrere Stunden und erst als es schon auf das Mittagsessen zuging, entließ sie Dumbledore. Der Rest des Tages verlief ohne große Besonderheiten. Die anderen Schüler löcherten die Vier über ihre Erlebnisse, doch da der Direktor sie gebeten hatte, nichts verlauten zu lassen, schwiegen sie.

Das einzig Bemerkenswerte war die Zaubertränkestunde an deren Ende Snape Harry zurück behielt. Mit einem beiläufigen Schnippen seines Zauberstabes ließ der Halbvampir die Tür hinter den anderen Schülern zufallen.

Ohne Umschweife kam Snape auf den Punkt. „Rell hat mir eine Nachricht zukommen lassen. Er meint, es geht einfacher Black zurückzuholen, wenn er die wichtigsten Daten kennt. Geburts- und Sterbedatum, wenn möglich die genaue Uhrzeit und zusätzlich ein möglichst aktuelles Bild oder eine Haarsträhne."

Harry nickte etwas überrascht. „Okay…"

Snape fuhr fort. „Da ich nicht annehme, dass sie ständig ein Bild von Black mit sich herumtragen, bringen sie mir diese Sachen morgen Nachmittag in mein Büro, Potter."

„Natürlich, Sir", meinte Harry. „Wenn es Rell hilft…"

Der Tränkemeister zog eine Augenbraue hoch. „Nicht vergessen, Potter. Die Daten müssen so genau wie möglich sein. Und jetzt gehen sie."

Harry verzog sich schnell.

Nach dem Unterricht beschlossen die Freunde um Harry das schöne Wetter draußen zu genießen. Natürlich hatte das nichts damit zu tun, dass die anderen Schüler wieder mal ziemlich neugierig, aufdringlich und nervig waren. Sie wollten schlicht und einfach etwas allein sein, ungestört.

„Ich fass es echt nicht", sagte Neville, der sich der Gruppe angeschlossen hatte. „Ich meine, war es immer so, wenn was passiert ist, Harry?"

Harry der seine Freunde an einen ungestörten Platz am Rand des verbotenen Waldes geführt hatte, ließ sich ins Gras fallen. Er nickte. „Oh ja. Der Trick ist, sie einfach zu ignorieren, irgendwann hören sie von allein wieder auf."

„Ich werd's mir merken", meinte Neville.

Hermine zwirbelte ihren Zauberstab in den Fingern. „Habt ihr eure Zauberstäbe schon ausprobiert? Nicht nur gewöhnliche Zaubereien, sondern mächtigere Sachen?"

„Und wann, bitteschön, hätten wir das machen sollen?", raunzte Ron ungläubig. „Gestern, als wir von Madame Pomfrey in die Mangel genommen worden wurden? Oder während Zaubertränke? Oder in Dumbledores Büro?"

„Schon gut, schon gut", wehrte Hermine missgelaunt ab.

„Aber `Mine hat Recht", warf Harry ein. „Unsere Zauberstäbe funktionieren besser. „Wir sollten sie vielleicht mal austesten."

„Wenn du meinst. Wie fangen wir am Besten an?", sagte Ron von einem Holzstumpf aus.

Ehe jedoch einer der anderen drei antworten konnte, kam vom Waldrand ein Knistern und Rauschen von etwas sehr Großem, das sich einen Weg durch das Unterholz bahnte. Die vier Schüler sprangen auf und fuhren mit gezückten Zauberstäben zum Wald herum. Neville warf einen nervösen Blick zu Harry, Hermine und Ron, die alarmiert die Büsche beobachteten.

„Ist da jemand?", rief Harry misstrauisch.

Ein tiefes, rollendes Lachen erklang. Ein paar Momente verrannen; nichts geschah. Harry wechselte mit Ron und Hermine einen Blick, dann schaute er kurz zu Neville hinüber, ehe er wieder zum Waldrand spähte. „Wer ist da? Los, zeig dich!"

Wieder erklang dieses Lachen, dann sprach eine Stimme, klangvoll und klar. „Ihr seid also die vier Kinder, die Severus Snape halfen, die Schatten für sich zu gewinnen."

Nervöse Blicke wurden zwischen den Schülern gewechselt. Hermine zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung, wer oder was das war. Zaghaft trat Harry einen Schritt vor. „Wieso willst du das wissen? Wer bist du überhaupt?"

Ein großer Schemen bewegte sich dort, von wo aus die Stimme kam. „Ich bin nur hier, um euch kennen zu lernen. Die Ereignisse in den Schatten von London haben mich neugierig gemacht. Ihr vier scheint nicht schlecht zu sein."

Harry machte zwei weitere, vorsichtige Schritte auf den Waldrand zu. Er wusste nur zu gut, was da im Wald an Gefahren lauerte. Das letzte, was er wollte, war von irgendeinem Monster verspeist zu werden, doch musste er wissen, was da aus dem Wald zu ihnen sprach.

„Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich möchte nur reden." Mit lautem Rascheln und Prasseln trat eine gewaltige Gestalt in den Zwischenraum zwischen zwei Büschen.

Das erste, was zum Vorschein kam, war ein blasser, steinerner Löwenkopf, auf einem ebensolchen Körper und zwei riesige, ledrige Fledermausschwingen. Eine glitzernde Maserung zog sich über den marmornen Körper, die auf dem Rücken und den Flanken unter grünlich-schwarzem Moos verschwand. Das letzte, das sich anschloss, war ein Skorpionschwanz mit Stachel anstelle des gewöhnlichen Löwenschweifes.

Angesichts des verblüffenden Anblicks einer laufenden, sprechenden Statue wich Harry unwillkürlich zurück. „Was…", er spürte, wie er gegen Ron stieß. Er drehte den Kopf, um seinen Freund etwas zuflüstern zu können. „Was ist das?"

„Gargoyl", stieß Hermine knapp hervor. „Das ist ein Gargoyl."

Der geflügelte Steinlöwe drehte sich zur Seite, so dass die Schüler seine mächtigen Formen genauer erkennen konnten. Erwartungsvoll betrachtete er die Jugendlichen, die näher zusammenrückten.

„Wow", hauchte Neville. „Ein echter Gargoyl. Ich hätte nicht gedacht, dass ich je mal einen sehen würde."

Mit grollender Stimme sprach der Steinlöwe wieder. „Ihr könnt mich Moosflanke nennen, wenn ihr wollt." Er faltete die Schwingen auf und stellte sich in Pose. Beeindruckend, um das mindeste zu sagen. „Ihr könnt näher kommen. Ich tue euch nichts."

„Ähm, sei bitte nicht beleidigt, wenn wir das nicht tun, okay?", sagte Harry mit unsicherem Blick. „Zumindest jetzt noch nicht."

Moosflanke lachte. Er faltete die Schwingen und ließ sich zwischen zwei Büschen nieder. Lang ausgestreckt betrachtete der steinerne Löwe die vier Gryffindor. „Es ist schon gut so. Das zeigt, dass ihr vorsichtig und besonnen handelt."

Harry tauschte mit den anderen Dreien einen flüchtigen Blick, auch wenn er sich schon geschmeichelt fühlte. „Also, warum bist du hier, Moosflanke? Doch nicht nur um uns kennen zu lernen, oder?"

Das merkwürdige Wesen neigte majestätisch den Kopf. „Aber doch. Ich bin nur euretwegen hier. In der letzten Zeit war ich nicht mehr in den Schatten Londons, deshalb habe ich euren Besuch und den Rat verpasst und somit es nicht geschafft eure Bekanntschaft zu machen. Das wollte ich nachholen."

„Den Rat verpasst…?", wiederholte Neville so leise, dass ihn nur die anderen drei Gryffindor hörten.

Harry legte nachdenklich den Kopf schief. „Heißt das, dass du daran teilgenommen hättest, wenn du dort gewesen wärst?"

Moosflanke räkelte sich, spannte seine Muskeln an und stellte auch den Skorpionsstachel auf. Dann streckte er sich wieder lang hin. „Ich bin der Erste der Gargoyls. Die anderen haben mich zu ihrem Anführer erkoren, also ist es meine Pflicht, die Gargoyls zu repräsentieren." Die sanft grollende Stimme rollte über den kleinen Flecken am Waldrand.

„Wenn du am Rat nicht teilgenommen hast, bist du dann mit der Entscheidung der anderen Ratsmitglieder zufrieden?", fragte Hermine über Harrys Schulter hinweg. „Ich meine, mit den Menschen zusammenzuarbeiten."

„Wird ein Schattenrat einberufen und eine Entscheidung gefällt, obwohl nicht alle Mitglieder des Rates anwesend sind, so wird eine vorläufige Entscheidung gefällt. Wenn das fehlende Mitglied wieder da ist, wird das Thema endgültig ratifiziert", erklärte Moosflanke langsam. Der Steinlöwe saß so still, wie eine Steinstatue. Nur sein Kopf bewegte sich. „Was die Entscheidung über ein mögliches Bündnis mit Menschen gegen den Schlangenzüngigen angeht, so kann ich euch sagen, dass sie einstimmig war."

„Cool", warf Ron breit grinsend ein.

„Wusstet ihr aber", begann der Steinlöwe wieder, „was eure Bedingung an die Schattenvölker den Schatten kostet?"

„Wie meinst du das?", hakte Harry nach.

„Erfüllt ein Mitglied des Rates eine Forderung, die an den ganzen Schattenrat gestellt wird, so hat dieses Mitglied das Recht, von den anderen Anführern einen oder auch mehrere Gefallen einzufordern. Je nachdem wie schwerwiegend diese Forderung ist." Starre, marmorne Augen blickten die Jugendlichen an. „Ihr müsst einen großen Eindruck hinterlassen haben, dass Rell die Bedingung ohne vorherige Rücksprache mit dem Rat annehmen konnte."

„Echt?" Neville machte große Augen.

„Aber natürlich", erwiderte Moosflanke ruhig. „Die Rettung eines Menschen vor dem Tod ist für einen Rinnoc ebenso… abartig wie für die meisten anderen Wesen Folter und Mord."

„Also kann Rell ziemlich viel von den anderen verlangen?" Harry runzelte die Stirn.

„Sehr viel", bejahte der Gargoyl klar. „Ihr habt ein großes Zugeständnis errungen. Etwas derartiges geschieht nur sehr selten und bei äußerst wichtigen Entscheidungen."

„Was wird Rell denn von dir verlangen?", fragte Hermine neugierig.

„Der geflügelte Marmorlöwe mit Skorpionschwanz erhob sich geschmeidig. „Das wird sich zeigen." Er spähte in den Wald, Schwingen fest an den Körper gefaltet. „Es war eine angenehme Erfahrung, euch kennen zu lernen, doch ich fürchte, ich muss euch jetzt verlassen."

„Sehen wir dich wieder?" Harry betrachtete den Gargoyl interessiert.

„Ich hoffe es." Moosflanke schaute die vier Jugendlichen an und zeigte ein eindrucksvoll zahniges Grinsen. „Wenn ihr wieder mit mir sprechen möchtet, kommt hierher. Die nächsten Tage bleibe ich noch hier in diesem Wald." Der Gargoyl drehte sich um und mit leisem Knistern und Knacken verschwand er im tiefen Schatten der Bäume.

Zwei Tage später trat eine hohe, in einen schwarzen, wallenden Mantel gehüllte Gestalt durch eines der Tore in den Schattenbezirk von London und schritt zielstrebig durch die Gassen, bis der ‚Krug' in Sichtweite kam. Am Horizont versank eine eigentümlich neblig wirkende Sonne und der Mantelträger sah sich um. Es herrschte nur das übliche Getreibe. In einer der Ruinen spielte ein Haufen Kinder der verschiedensten Völker: Rattenmenschen, Trollocs, Fayami und sogar ein Satyar. In einer Gasse machte ein Naga mit zwei Rattenmenschen Geschäfte – zumindest den Gesten des sechsarmigen Echsenwesens nach zu schließen. Eine junge Trolloc-Frau führte einen alten, gebrechlichen Trolloc in eine Buschhütte, wohl zu einem Dunkelelfenheiler oder einem Schamanen. In einer weiteren Ruine standen zwei Schrate, ihre Arme zum Himmel gereckt, Sonne tankend, wie diese Waldwesen ja so viele Tage verbrachten. Ein Fayami huschte vorsichtig durch eine enge Gasse, lugte in diese und jene Ecke und verschwand bald den Weg hinab um eine Biegung, eine kleine Kiste an sich gepresst.

Niemand schenkte dem Mantelträger ungebührlich viel Aufmerksamkeit und so betrat er das schattige Innere des Gasthaus ‚Zum ehernen Krug'.Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, schob Snape die Kapuze zurück und ließ seine Augen durch den Raum schweifen. Noch waren nur wenige Tische besetzt, doch schon bald würde es hier brechend voll sein, wenn die Schattenvölker ihr Tagwerk beendet hatten – oder erst damit begannen. Er erspähte Rell in einer Nische mit einer weiteren Person an einem Tisch sitzen. Rasch durchquerte der Halbvampir den Schankraum und ließ sich an dem Tisch nieder, an dem der Rinnoc auf ihn wartete.

„Hallo, Rell", grüßte Snape seinen mädchenhaft wirkenden Gesprächspartner.

„Ah, Severus!", kicherte das Wesen mit farbig wirbelnden Augen. „Schön, dass du so pünktlich bist. Sehr gut! Ich habe alle Vorbereitungen getroffen und du? Hast du alles dabei?"

Der Tränkemeister nickte. „Das habe ich." Dann schweifte sein Blick zu der anderen Person. „Aber wer ist unser Freund hier?" Snape fand, dass ‚Person' schon übertrieben war. Was da saß, wirkte wie eine hell- bis mittelgraue Kutte, die von langsam wirbelndem Rauch gehalten wurde und nicht von einem Körper aus Fleisch und Blut. Auch das Gesicht war nicht etwa verdeckt oder unsichtbar, sondern schlicht nicht vorhanden. Eine Schale mit kugelförmigen Gebilden, die von etwas gefüllt waren, das ebenfalls nach Rauch aussah, stand vor dieser merkwürdigen Gestalt.

„Das ist Gaz, ein Nebelgeist", stellte Rell mit einer ausladenden, theatralischen Geste vor. „Er wird uns dabei helfen ins Ministerium zu gelangen, ohne eine Horde Auroren aufzuschrecken."

Jetzt schaute Snape noch interessierter. „Ein Nebelgeist sagst du? Ein Schattenmantel? Ich bin noch nie einem deiner Art begegnet, Gaz. Oder, vielleicht sollte ich sagen, dass mir noch keiner aufgefallen ist", fügte der Spion Dumbledores hinzu, als er an die Fähigkeiten dachte, die ein Nebelgeist haben sollte. Nahezu immateriell hatten sie Macht über Nebel, Gase, Rauch und Schatten. Sie konnten einen Nebel erzeugen, der niemandem auffiel und so in jedes Gebäude eindringen, egal wie gut es auch gesichert war. So konnten sie auch kleine Gruppen von Personen einschleusen, da sie materielle Dinge nicht berühren konnten. Es gab auch andere, vage Gerüchte darüber, dass sie gar in Gedanken eindringen und Erinnerungen lesen und verschleiern konnten.

„Es ist auch für mich interessant, dir zu begegnen, Severus Snape", antwortete Gaz mit hohler Stimme. Er nahm eine Portion weißlichen Rauches aus der Schale vor ihm, hob sie zur Kutte, etwa dort hin, wo man das Gesicht vermuten sollte und begann den Rauch aufzusaugen.

Snape konnte die schemenhaften Finger sehen, die sich dunkler von der Kugel abhoben. Bald war die Rauchkugel verschwunden und der Schattenmantel fuhr fort. „Es gibt nicht viele von uns und noch weniger wissen, dass es uns gibt. Wir bleiben lieber im Verborgenen."

Der Halbvampir nickte. Auch wenn er darauf brannte zu erfahren, wie Rell diesen Nebelgeist aufgetrieben und zur Mitarbeit überzeugt hatte, wusste er doch, dass es besser war, diese Fragen nicht zu stellen. Er wendete sich wieder Rell zu und zog ein Kuvert aus dem Mantel. „Was du verlangt hast, befindet sich hier drin." Damit schob er den Umschlag zu dem Rinnoc hinüber.

Rell holte ein magisches Foto heraus und studierte den darauf abgebildeten, dunkelhaarigen Mann. Dieser saß in einem Sessel neben einem üppig geschmückten Weichnachtsbaum und blätterte in einem wohl gerade ausgepackten Buch, hin und wieder den Betrachter des Bildes angrinsend. Nach ein paar eingehenden Momenten drehte Rell das Foto um und las Datum und Uhrzeit sowohl des Geburts- wie des Todeszeitpunktes.

Schließlich schob Rell das Bild wieder in das Kuvert zurück und nickte ernst. „Das reicht aus. Ich werde Black zurückholen können."

Eine leichte Grimasse zuckte über Snapes Gesicht. „Das habe ich nicht anders erwartet. Gibt es noch etwas, das vorbereitet werden muss?"

Rell legte seinen Kopf schief und lächelte kokett. „Nun, ich muss so nah wie möglich ran, also in den Raum des Todes, direkt zum Schleier hin. Außerdem wir es einige Zeit dauern. Von ein paar Minuten bis zu mehreren Stunden, je nach dem wie weit er vom Schleier weggedriftet ist. Also, bist du bereit eine Nacht mit mir zu verbringen, Severus?"

Snape schmunzelte und neigte gespielt elegant den Kopf. „Es wäre mir ein Vergnügen."

„Gut!", rief Rell und sprang auf, fröhlich in die Hände klatschend. „Dann gehen wir. Gaz, Severus, wir vergeuden hier Nachtlicht! Kommt!"

Die drei Gefährten machten sich auf den Weg durch den Schattenbezirk. Die anderen Einwohner blickten ihnen neugierig, jedoch äußerst vorsichtig nach; niemand versuchte sie aufzuhalten. Bald hatten sie ein Tor erreicht, das in die Nähe des Ministeriums führte. Snape zupfte seinen Mantel zurecht, während er seine zwei Begleiter beobachtete, wie diese sich auf den Durchgang vorbereiteten. Rell verwandelte sich in eine menschenähnliche Gestalt, die in eine dunkelgraue Kutte gehüllt war, das Gesicht und die Augen durch eine tief herabgezogene Kapuze verdeckt. So würde der Rinnoc ohne weiteres als Zauberer durchgehen – zumindest für oberflächliche Betrachter.

Gaz jedoch verblasste, seine zuvor nahezu soliden Formen verloren an Konsistenz, wurden nebliger und verschwammen, so dass der Halbvampir sich sehr konzentrieren musste um den dunstigen Fleck zu erkennen, der Gaz darstellte. Ein Augenzwinkern und auch der letzte sichtbare Hauch des Schattenmantels verschwand.

„Beeindruckend", murmelte Snape mit einem flüchtigen Lächeln. Dann nickte er knapp. „Gut. Gehen wir."

Mit sicheren Schritten durchquerte Rell das Tor, den Tränkemeister und einen unsichtbaren Nebelgeist direkt hinter ihm und führte sie durch ein paar enge Gassen bis ein heruntergekommenes Haus in Sicht kam. In einem tiefen Schatten stehen bleibend, beobachtete der Rinnoc die zwei Wachen die als herumlungernde Landstreicher verkleidet den Eingang bewachten.

„Das ist ein Seiteneingang ins Ministerium, der nicht in den Eingangsbereich führt", flüsterte er seinen beiden Begleitern zu.

„Das ist der Auroreneingang, nicht wahr, Rell?", murmelte Snape zurück. „Mir sind schon einige Gerüchte über Geheimgänge ins Ministerium zu Ohren gekommen, aber die sind für gewöhnlich nur Auroren oder Unsäglichen bekannt."

Ein leises Giggeln kam aus Rells Richtung. „Ist schon seltsam, was ein Auror so alles weiß, wenn man ihn erst ein paar Stunden lang gefoltert hat, nicht wahr?"

Snape schaute den Rinnoc lange an, mit einem neutralen Gesichtsausdruck, dann zog er eine Braue hoch und nickte knapp. „Richtig." Er runzelte die Stirn. „Der Eingang ist wahrscheinlich mit starken Bannen gesichert. Es wird Stunden dauern dort unbemerkt hinein zu gelangen, außer… Gaz? Kannst du uns da hindurchschleusen?"

Ein hohles Windgesäusel antwortete. „Ja. Ich mache uns unsichtbar. Auch Magie wird uns nicht bemerken; fasst aber nichts und niemand an, sonst ist der Nebelschutz gebrochen."

„Verstanden." Der Halbvampir blickte aus zusammengekniffenen Augen zu dem Eingang hinüber. Neben ihm nickte Rell eifrig. „Mach schon, Gaz!"

„Ja, ich beginne jetzt." Mit diesen Worten begann schwarzer Dunst in dichten Schwaden wie aus dem Nichts zu entstehen. Immer mehr Nebel wallte auf, bis Snape das paradoxe Gefühl hatte, in einer Wolke aus undurchdringlicher Schwärze zu stehen, die sich gehorsam aus seinem Blickfeld zurückzog, wohin er auch schaute und nur aus den Augenwinkeln zu erkennen war.

„Bereit", wisperte die unsichtbare Dunkelheit um Rinnoc und Halbvampir.

Mit einem kurzen Achselzucken schüttelte Snape sein Unwohlsein ab und ging zielstrebig auf die zwei Auroren und den Eingang zu. Rell und die Dunkelheit, in die sich Gaz verwandelt hatte, folgten ihm. Als sie näher kamen, betrachtete Snape die zwei Wachen, die den dicken, schwarzen Nebel, der sie jetzt umfing völlig ignorierten, ebenso die zwei Passanten, die an ihnen vorbei gingen und das Ministerium durch einen der geheimsten Eingänge betraten, ohne verhaftet zu sein, oder sich auszuweisen.

Die Tür schloss sich hinter den dreien und sie fanden sich im hinteren Bereich des Aurorenhauptquartiers wieder; dort wo die Verhörräume und Arrestzellen waren. Snape sah sich um und schmunzelte. Wie auch auf der anderen Seite, standen hier zwei Wachen, die aber diesmal wirklich nach Wachen aussahen. Ein anderer Auror ging durch den Gang und Snape trat zur Seite, um ihn vorbei zu lassen.

Rell zupfte den Halbvampir am Ärmel und bedeutete ihm, zu folgen. „Komm, hier entlang." Er nickte einen Gang hinunter.

Die kleine Gruppe setzte sich in Bewegung, umrundete eine Ecke und wich hin und wieder dem einen oder anderen Passanten aus. Eine brenzlige Situation kam, als sie drei Auroren begegneten, die einen Gefangenen in Richtung des Zellentraktes zerrten. Rell und Snape wichen an die Gangwände zurück, während die Vierergruppe sich näherte, ohne die Dunkelheit, die sie umfing zu beachten.

Der Gefangene wehrte sich lautstark, riss an seinen Fesseln und versuchte sich mit wilden Bewegungen aus dem Griff der Auroren zu befreien. Dann plötzlich stieß der Mann einen seiner Häscher zurück, der geradewegs auf Snape zustolperte. Nur seine Vampirreflexe retteten den Tränkemeister davor, entdeckt zu werden. Mit einem beherzten Sprung hechtete er über den herantaumelnden Zauberer hinweg und landete auf der anderen Seite des Ganges. Neben Rell an die Wand gedrückt, beobachtete Snape, wie der Gefangene von den Auroren weitergezerrt wurde. Er atmete tief auf.

Als die vier Zauberer außer Reichweite waren, schüttelte Rell den Kopf. „Oh Mann. Können die nicht besser aufpassen? Ein unschuldiger Eindringling könnte vor Schreck hier einen Herzanfall erleiden, aber echt."

Ein schiefes Lächeln huschte über Snapes Gesicht. „Wenn wir hier fertig sind, kannst du ja dem Minister einen Brief schreiben, was die Sache betrifft." Er setzte sich wieder in Bewegung.

Rell folgte dem Mann, eifrig nickend. „Sehr geehrter Herr Zaubereiminister. Ich muss mich über das Verhalten ihrer Häftlinge beschweren. Als ich mich vor kurzem unbemerkt in das Ministerium und das dort stationierte Aurorenquartier einschlich, machte ein Häftling eine unerwartete Bewegung, die beinahe dazu geführt hätte, dass ich verraten wurde. Darum möchte ich sie auffordern dafür zu sorgen, dass ihre Gefangenen besser kontrolliert werden, da ihre erratischen Bewegungen eine Zumutung für alle Eindringlinge sind. Mit freundlichen Grüßen, usw, usw…"

Snape lachte auf. „Wenn du diesen Brief wirklich schreibst, werden allerhöchstens die Auroren über ihren Sicherheitsstandart total entsetzt sein."

Rell kicherte. „Aber Fudges Gesicht wäre echt sehenswert, meinst du nicht auch, Severus?" Dann legte der Rinnoc nachdenklich den Kopf schief. „Hmm… eine Seele, die durch einen Brief einen Herzanfall erleidet, habe ich noch nicht in meiner Sammlung."

Die Gruppe erreichte eine unscheinbare Tür, die ein Treppenhaus offenbarte. Als er die Tür hinter sich wieder zuzog, grinste Snape seinen Gefährten an. „Fudge kannst du gerne haben, Rell. Ich glaube nicht, dass sich da viele beschweren werden."

„Ohh, echt?" Die farbwechselnden Augen waren kurz unter der Kapuze zu sehen. Er hüpfte fröhlich auf der Stelle. „Dann muss ich mal darüber nachdenken."

Treppe um Treppe stiegen die drei in die Tiefen des Ministeriums hinab, mit jetzt nur noch minimaler Unterhaltung. Die Stufen waren alt, abgetreten und staubig. Niemand außer Snape und seinen Begleitern war zu sehen oder zu hören, so als ob sie seit vielen Jahren unbenutzt waren. Der Halbvampir vermutete, dass seit die Aufzüge eingebaut worden waren, die Treppen in Vergessenheit geraten waren. Wie auch immer, den Eindringlingen kam das nur recht.

Schließlich, nach einer halben Ewigkeit und vielen unbeachteten Türen stoppte Rell bei einem Ausgang, über dem in altmodischer Schrift ‚Mysteriumsabteilung' geschrieben stand. Mit nur einem leisen Knarren öffnete sich diese Tür und schloss sich wieder, ebenso leise. Der Weg durch die Mysteriumsabteilung ging langsamer vonstatten – nicht so sehr wegen mächtiger Schutzbanne oder vielen Zauberern und Hexen, die dort etwa herumspazierten, sondern weil der Weg zur Kammer des Todes durch so viele Räume mit den eigentümlichsten Kuriositäten führten und Rell nicht anders konnte, als das eine oder andere wirklich verdrehte Stück Magie zu bewundern. So zum Beispiel den Spiegel des Innersten, das zeigte, wie man ohne Haut und Muskeln aussah und das – wie Rell kichernd nachprüfte – eine Berührung des Spiegelbildes auch auf das Original übertrug. Weiter kamen sie an einem kleinen Schwarzen Loch vorbei, um welches Snape einen großen Bogen machte. Rell jedoch warf sich mit kreischendem Lachen hinein, ließ sich verzerren und verdrehen, umstülpen und falten, bis er auf der anderen Seite atemlos und mit wahnwitzigem Grinsen wieder ausgespuckt wurde. In einem anderen Raum fanden sich die schönsten und kunstvollsten Schmuckstücke, die jedoch allesamt verflucht waren. Der Träger eines herzförmigen Aquamarinanhänger würde an Ebola, Malaria oder der Schwarzen Pest erkranken, je nachdem ob es ein Mann eine Frau oder ein Kind war. Ein keltischer Armreif aus Gold und Silber brachte dem Träger unendliche Ausdauer, zwang ihn aber dazu endlos zu rennen, ohne ihn jemals wieder ablegen zu können. Ein Brillantring mit einem dreikarätigen Diamanten – lupenrein – brachte demjenigen, der ihn ansteckte unheilbaren Wahnsinn und Halluzinationen davon ein Huhn zu sein.

So ging es weiter, bis sie endlich die Kammer erreicht hatten. Rell bat Gaz, die Tür zu bewachen, was der Schattenmantel auch tat. Snape stieg langsam die Treppe hinunter. Der Raum wirkte wie ein Amphitheater, in dessen Mitte ein Podest mit einem steinernen, spitz zulaufenden Torbogen platziert war. Der Durchgang des Bogens war von einem dünnen, in einer unwirklichen Brise wehenden Schleier verdeckt.

Der Halbvampir blieb am Rand des Podests stehen. „Na endlich", murmelte er, den Schleier fasziniert anstarrend.

Rell ging an dem Tränkemeister vorbei. „Dann wolln' wir mal!"

„Bist du wirklich sicher, dass du Black zurückholen kannst, Rell?"

Der Rinnoc drehte sich um und funkelte Snape mit rötlichen Augen an. „Ja, solange er lebendig durch den Schleier ging, kann ich ihn zurückbringen. Und zwar genau so, wie er hineinging, klaro?"

Snape nickte ernst. „Das habe ich nicht vergessen." Er dachte daran, wie die Mitglieder des Ordens von Blacks ‚Tod' berichtet hatten. Dass der Animagus von einem Fluch getroffen in den Schleier gefallen war, der von seiner Cousine abgefeuert worden war. Nur schade, dass die anderen Ordensmitglieder nicht klar darüber waren, was für einen Fluch Bellatrix benutzt hatte… „Deswegen bin ich hier." Snape würde es bald wissen und wenn es in seiner Macht stand, würde Black überleben und Schatten und Menschen miteinander zusammenarbeiten.

Rell nickte ihm wissend zu, drehte sich danach zu dem Schleier um und begann seine Gestalt zu wechseln. Der Rinnoc wurde größer und größer, die Formen zerflossen und wandelten sich in etwas völlig anderes. Was da schlussendlich entstand hatte nichts Menschliches mehr an sich.

Der Rinnoc hatte sich in etwas verwandelt, das Snapes Einschätzung nach mindestens 10 Meter hoch war und wie eine Kreuzung zwischen einer riesigen Tarantel und einem Kraken wirkte. Ein aufgedunsener Leib hing in der Mitte dieses… Wesens; schwarz mit einem kränklich purpurnen Schimmer und nässender, pockennarbiger Oberfläche. Die Beine – acht bis zehn (Snape wollte nicht genauer hinsehen) – waren am Rumpf stachlig und von Haaren bedeckt, die auf dem halben Weg zu den – nunja – Füßen verschwanden und einer glatten Oberfläche mit breiten Saugnäpfen am Ende Platz machten. Den Kopf Rells erkannte der Slytherin nur an der Reihe farbwechselnder, glühender Augen. Diese befanden sich auf einer Ausbuchtung am Rumpf, die man sonst für ein übergroßes Geschwür halten konnte. Einige Tentakeln und Miniaturarme mit Zangen und Scheren sprossen aus der Gegend um die Augen. Darunter öffnete sich ein narbenartiges Gebilde und ein langer, schleimiger, zuckender Tentakel fiel heraus – Mund und Zunge.

Snape schluckte krampfhaft, als er diese Gestalt in ihrer ganzen abstoßenden Hässlichkeit erfasste. Dank Merlin hatte er mehr als genügend Übung seine wirklichen Gefühle hinter einer Maske zu verstecken…

Ein helles Kichern klimperte durch die Halle und es dauerte einen Moment, bis der Halbvampir erkannte, dass es von Rell kam.

„Na, wie findest du mich, Severus?" Der Rinnoc betrachtete ihn mit bläulich glitzernden Augen. „Bin ich nicht so herrlich… alptraumartig?" Schwere Zuckungen gingen durch die Tentakel-Zunge, als das Biest vor ihm sprach.

Snape nickte langsam. „Oh, ja. Da stimme ich dir von ganzem Herzen zu."

Die Beine stampften, bewegten sich, der Leib wurde durchgeschüttelt und Rells Kichern erklang. Snape fühlte sich an die Mädchen-Gestalt des Rinnoc erinnert, wie er aufgeregt hüpfte, wenn er sich freute. In jener Gestalt war es kindlich-harmlos, aber in dieser, seiner jetzigen Gestalt… trampelnde Beine, wackelnde Tentakeln, schwingender Hinterleib… es war surreal und abstoßend.

Rell stoppte wieder. „Danke, aber wir sind nicht hier um Komplimente auszutauschen. Sondern weil ich ein Versprechen zu erfüllen habe. Also gib mir das Bild mit den Daten."

Snape riss sich aus seiner intellektuellen Übelkeit und zog den Umschlag mit dem Bild heraus. Mit einem kaum merklichen Zögern übergab er das Foto an den Rinnoc. Einer der kurzen Arme um den Kopf herum nahm es vorsichtig, studierte es eingehend, bewegtes Bild und die Daten, dann platzierte sich das Spinnen-Kraken-Ungetüm um – über (was auch immer) dem Schleier. Nach ein paar Minuten schoss der Rinnoc herunter, bis Kopf und Leib direkt über dem Torbogen waren und stieß mit der Zunge in den Schleier, der wild und hektisch aufwirbelte.

Grau-gelber Speichel troff aus dem Maul, rann an der Zunge hinab und tropfte in langen Fäden zu Boden. Ein unwillkürliches Schaudern überlief den Halbvampir und er war wirklich sehr froh nicht derjenige zu sein, der heute gerettet werden musste. Der Gedanke allein, diese Zunge zu berühren, oder auch nur einen anderen Teil dieses Monstrums, war widerwärtig.

Endlich wandte sich Snape von dem faszinierenden, wenn auch obszönen Anblick ab und holte eine dunkle Ledertasche unter seinem Mantel hervor. Er öffnete sie und überprüfte den Inhalt mit einem Stirnrunzeln, das andeutete, dass dieser Vorgang nicht das erste Mal in dieser Nacht geschah. Kurz darauf klappte er sie wieder zu und zog den Zauberstab. Mit wenigen Schwüngen hatte er eine Trage heraufbeschworen und platzierte sie in der Nähe des Torbogens, so dass Rell Black bequem darauf ablegen konnte, wenn der Rinnoc den anderen Mann endlich gefunden hatte.

Die folgenden zwei bis drei Stunden geschah nicht viel. Snape hatte sich abwartend auf einen der Plätze des Amphitheaters gesetzt und beobachtete, wie Rell sich manchmal hin und her bewegte. Der Kopf ruckte, als der Rinnock seine Zunge immer weiter hervor würgte und in die Tiefen des Schleiers stieß. Langsam gewöhnte sich Snape an den grotesken Anblick und als er darüber nachdachte, Gaz kurz Gesellschaft zu leisten, begann der Rinnoc zu rumoren.

Ein aufgeregtes Brummen ertönte tief aus dem unförmigen Leib, Rell kletterte vom Torbogen herab und wich ein paar Meter von dem Schleier zurück.

Der Halbvampir sprang auf, eilte hinüber und hoch ehe er bei seinem Gefährten ankam, begann dieser seine Zunge mit einem feuchten Schlürfen einzusaugen. Speichel spritzte davon und der Schleier wirbelte aufgeregt.

Snape wartete ungeduldig bei der Trage, Rell und den Schleier nicht aus den Augen lassend.

Das Schlürfen hielt an und der Spion hob eine Augenbraue. Wie lang war diese Zunge bloß? Auch wenn er das eigentlich nicht so genau wissen wollte…

Dann, mit einem triumphierenden Gurgeln, riss der Rinnoc Black aus dem Torbogen. Der Schleier wehte ein weiteres Mal hoch auf und fiel dann ruhig wieder herab. Snape starrte zu dem anderen Mann, der schlaff in der Zunge hing, die Rell zweimal um ihn geschlungen hatte.

Offensichtlich war Black bewusstlos und als der Tränkemeister half, den Animagus vorsichtig abzulegen, bemerkte er, dass sich auf dessen Haut frischer Raureif gebildet hatte. Zuerst tastete Snape nach dem Puls, den er schwach, aber stetig fand. Der Atem war so flach, dass der Tränkemeister ohne Vampirsinne ihn nicht bemerkt hätte. Stirnrunzelnd zog er seinen Zauberstab.

Sensorus!"

Der medizinische Diagnosezauber wurde auf Black gerichtet und das Ergebnis ließ Snape hastig in seine Ledertasche greifen. Eine winzige Phiole mit wasserklarem Inhalt kam zum Vorschein und der Tränkemeister träufelte zwei Tropfen in Blacks leicht geöffneten Mund.

„Phönixtränen?", fragte eine Stimme dicht neben Snape. Ein kurzer Blick zeigte diesem, dass Rell sich wieder in seine Mädchengestalt gewandelt hatte. „So schlimm?"

„Bellatrix hat einen Venenzerreißer verwendet", sagte Snape knapp, während er begann einen Stasisbann um den immer noch bewusstlosen Animagus zu weben. Nachdem er fertig war, fuhr er fort. „Black hat schwerste innere Blutungen. Er muss so schnell wie möglich verarztet werden. Die Phönixtränen und der Stasiszauber halten ihn am Leben, aber ohne professionelle Hilfe wird er es nicht lange durchhalten."

Rell tänzelte auf der Stelle. Der Rinnoc sah nicht besonders zufrieden aus. „Dann ist es wohl besser, wenn wir Black nach Hogwarts bringen, oder?"

„Richtig." Snape ließ die Trage schweben und sicherte Black mit ein paar Zauberstabbewegungen.

An der Tür zur Kammer angelangt, holten sie Gaz ab, der die Gruppe mit seinem Nebel schützte. Snape und seine Begleiter nahmen den gleichen Weg zurück, wie sie gekommen waren. Durch die verschiedenen Räume der Mysteriumsabteilung und die vergessene Treppe zum Aurorenquartier. Oben am Durchgang zu dem Hauptquartier der Auroren angelangt, stutzte der Halbvampir, die Tür nur einen Spalt breit offen. Eine Stimme zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Stimme eines gewissen Jemands, der in dieser Nacht eigentlich nicht hier sein sollte…

„Gaz!", zischte der Slytherin scharf. „Es gibt hier einen Auror, der ein magisches Auge besitzt, das selbst durch einen Tarnumhang höchster Güte sehen kann. Könnte dir das Probleme machen?"

Rell quiekte überrascht. „Moody ist hier?"

Gaz ignorierte den Kommentar des Rinnocs. „Schwierig. Augenfarbe?"

„Blau."

Der Schatten schien zu wabern. „Schwer. Mich selbst kann ich tarnen auch vor anderen Wesen kann ich Begleiter schützen, doch nicht vor solch einem Auge."

„Verdammt!" Snape überdachte seine Optionen. Moody war damals bei der Niederschlagung des ‚Aufstandes' in den Schatten dabei gewesen und wusste nur zu gut, wozu ein Rinnoc fähig war. Wenn er Rell hier im Hauptquartier sah, dann würde er Zeter und Mordio schreien und alle Auroren aufscheuchen. Allerdings musste Black so schnell wie möglich verarztet werden… Ein anderer Weg aus dem Ministerium hinaus war möglich, aber viel zeitaufwändiger und hieße, Blacks Überlebenschancen drastisch zu senken. Also, was nun?

Der Halbvampir seufzte leise. Alles auf eine Karte. „Rell, Gaz, könnt ihr bei Vampirgeschwindigkeit mithalten?"

„Risiko, was?", kicherte Rell mit wild flackernden Augen. „Aber klar kann ich bei dir mithalten."

„Ich kann mich an Rells Schulter festhalten, dann ist Geschwindigkeit kein Problem", hauchte der Schatten um sie herum.

„Gut." Snape nickte knapp, während er sich an den Bändern, die Black an die Trage schnallten zu schaffen machte. „Wir durchqueren die Aurorenabteilung so schnell wie möglich zu dem Eingang, durch den wir herein kamen. Rell, du nimmst die Spitze, ich werde Black tragen." Damit löste der Halbvampir das letzte Band, legte Black über die Schulter und ließ die Trage verschwinden. Er drehte sich zu der Tür um und sah, dass Rell mit einem breiten Grinsen auf der Stelle hopste, die dünnen Ärmchen hin und her schwingend.

Snape zögerte an der Tür. „Hoffen wir, dass Moody uns nicht sieht."

Das Grinsen des Rinnocs wurde regelrecht manisch und er nahm eine übertriebene Starthaltung ein.

Auch der Slytherin bereitete sich vor, spannte seine Muskeln, packte Black fester und atmete noch einmal tief durch.

„Los!", bellte er und Rinnoc mit Schattenmantel und Halbvampir mit Mensch auf der Schulter schossen aus der Tür hinaus, den Gang hinab.

Der Luftzug wehte seine Haare zurück, ließ seine Roben flattern und pfiff in seinen Ohren. Das Gewicht seines Erzfeindes aus Schultagen spürte er kaum, als er Rell durch das Aurorenquartier folgte.

Snape grinste, zeigte seine Fänge. Sein Herz pochte wild und er spürte, wie das Adrenalin durch seine Adern gepumpt wurde. Aufregung erfasste ihn. Er hatte nur selten die Möglichkeit seine vampirischen Fähigkeiten zu zeigen oder gar auszureizen. Dieses Rennen war… großartig.

Rell wetzte den Gang entlang wie ein geölter Blitz, Snape nur wenige Schritte hinter ihm. Präzise den Auroren ausweichend, sich zwischen den Leuten hindurch windend näherten sich die Eindringlinge dem Ausgang. Bis jetzt hatten sie niemanden angerempelt oder waren gar von Moody entdeckt worden. Hoffentlich blieb das auch so…

Die zwei Schattenbewohner mit Passagieren umrundeten eine Ecke. Snape bemerkte gerade noch rechtzeitig, wie Rell einen Sprung zur Seite machte und tat es ihm blind nach – was sein Glück war, denn im selben Moment kam eine kleine Gruppe Auroren direkt hinter der Ecke in Sicht. Ohne Rells Ausweichmanöver wäre Snape direkt in sie hinein gerast. Glück gehabt!

Noch ein Korridor und sie waren draußen…

Und natürlich war das der Moment, als alles in die Hose ging. Sie bogen gerade in den nächsten Korridor ein, als da ausgerechnet Moody mit zwei weiteren Auroren stand, offensichtlich in ein ernstes Gespräch vertieft, den Kopf hebend und in die Richtung blickend aus der die zwei Eindringlinge kamen.

Snape hatte den flüchtigen Eindruck, wie der alte Auror ungläubig die Augen aufriss, als der Spion des Ordens und Rell an verschiedenen Seiten von ihm vorbei fetzten und wieder verschwanden. Der Ausgang kam in Sicht und hinter ihnen ertönte Moodys alarmierter Ruf. Die Torwächter rissen ihre Zauberstäbe hoch, wie auch alle anderen Auroren in der Nähe. Mist!

„Rell!", rief der Halbvampir, als sie sich der Tür näherten. Sie hatten nicht die Zeit diese auf den konventionellen Weg zu öffnen…

Seine Aufforderung zeigte sich als unnötig, als Rell die Arme vor dem Gesicht kreuzte und sie nach vorne und unten schnappen ließ.

Einen Bruchteil eines Momentes spürte Snape, wie die Magie aus dem Rinnoc floss und dann wurde die schwer gesicherte Tür aus den Angeln gerissen und weggeschleudert, als ob sie nur aus Pappe bestand. Einen Moment später jagten Rell und Snape nach draußen, durch den präzise zerstörten Eingang. Außerhalb der Schutzbanne hielten die Störenfriede an. Heftig atmend beobachteten sie wie ein ganzer Pulk Auroren aus dem Ministerium heraus quoll.

„Lass mich das machen!", rief Rell dem Slytherin zu. „Ich lenke die dort ab und du bringst Dornröschen da in Sicherheit!"

Der Halbvampir blickte kurz zu dem Rinnoc. „Wenn möglich, bring keinen um, okay?"

„Spielverderber." Das kleine Mädchen-Wesen schmollte. „Hau endlich ab!"

„Pass auf dich auf." Snape wirbelte herum und dissapparierte.

Rell grinste breit. „Das gilt auch für dich, Gaz. Bring dich in Sicherheit." Ohne viele Worte zu verlieren, zog sich der Schattenmantel zurück, entfernte sich und hob dadurch den Nebelschutz auf, Rell jetzt ungeschützt stehen lassend.

Rell grinste noch breiter. Die Auroren begannen Notiz von ihm zu nehmen. Zuerst erkannten die Zauberer nicht, was da so plötzlich in ihrer Mitte aufgetaucht war. Der Rinnoc konnte den Moment förmlich schmecken, als die magischen Polizisten erkannten was er war. Die Augen glühten in hellem Rot und Gelb.

Was für ein Spaß!

Snape apparierte vor den Toren Hogwarts, direkt außerhalb des Anti-Apparationsschutzes. Schnell lud er Black ab und band den in Stasis liegenden Zauberer auf eine neu beschworene Trage. Mit menschlicher Geschwindigkeit eilte er auf das Schloss zu, den gerade befreiten Black hinter sich her schweben lassend und ließ seine Vampirgestalt davon gleiten. Es wäre nicht sonderlich vorteilhaft in dieser Gestalt einem Schüler zu begegnen. Auch wenn die daraus resultierende Panik sicher sehr amüsant wäre…

Der Weg zur Krankenstation war schnell hinter sich gebracht und Snape blickte besorgt zu Black. Hoffentlich war er schnell genug gewesen.

„Pomfrey! Kommen sie, schnell!" Der halbvampirische Tränkemeister levitierte den anderen Mann auf eine Liege.

Die Tür zum Büro der Krankenschwester wurde aufgerissen und Madame Pomfrey schoss heraus und zu Snape hinüber. Da er nicht gewusst hatte, in welchem Zustand Black sein würde, wenn er erst einmal aus dem Schleier heraus geholt worden war, hatte Snape außer Dumbledore und McGonagall noch die Krankenschwester in seine Rettungspläne eingeweiht. Was auch der Grund dafür war, dass Pomfrey nicht von dem Besuch überrascht war.

„Wie steht es um Black", fragte sie, während sie schon den Zauberstab mit einem Diagnosezauber auf den Animagus richtete.

„Es ist ein Cruentor", informierte Snape sie knapp. „Ich verabreichte sofort eine doppelte Dosis Phönixtränen und wob einen Stasiszauber um ihn. Wie seine Gefangenschaft hinter dem Schleier den Fluch beeinflusst hat, weiß ich nicht."

„Ein Venenzerreißer?", Madame Pomfrey runzelte besorgt die Stirn. „Ich hoffe, es ist nicht schon zu viel Zeit vergangen."

Snape schnaubte nur. Diese Aussage war, wenn man bedachte, dass schon ein paar Monate vergangen waren, seit der Fluch abgefeuert worden war, ziemlich paradox. Er klatschte scharf in die Hand. „Dobby!"

Während die Krankenschwester sich mit ihrem Patienten beschäftigte, erschien der Hauself mit lautem Krachen. „Meister Snape?" Dobby schaute sich mit großen Augen um.

„Sag Dumbledore, dass ich zurück bin, dass Black hier verarztet werden muss und dass er in die Krankenstation kommen soll."

„Dobby macht das." Mit einem weiteren Krachen verschwand der Hauself wieder.

Madame Pomfrey eilte in ihr Büro zurück. „Beginnen sie damit die Eintrittsstelle des Fluchs zu isolieren, Snape!", kam die Stimme der Krankenschwester unter Geräuschen einer hektischen Zimmerdurchsuchung.

Snape griff nach Blacks Hemd und riss es auf, legte die Brust frei. Da! Rechter Hälfte unterhalb des Brustkorbs war eine handtellergroße verfärbte Schwellung. Sie war schwärzlich-grün und wirkte wie ein sich ausbreitender Bluterguss. In Wahrheit war da der Cruentor am Werk, der Stück für Stück die Adern und Blutgefäße zerstörte.

Der Tränkemeister fing an einen höchst spezialisierten Isolierungsbann um das Fluchzentrum zu wirken. Als er halbwegs fertig war, bemerkte er, dass Pomfrey mit einem ganzen Arm voll Arzneien zurückkam. Noch während sie die Döschen, Fläschchen und Phiolen ablud, warf sie einen kritischen Blick auf Blacks Brustkorb.

„Er sollte eine Chance haben", meinte die Krankenschwester ernst. „Das Herz ist nicht von der Primärwirkung betroffen, ebenso wenig die Lunge. Die Sekundärwirkung ist schon übel genug. Es muss schnell gehen."

Snape grunzte wortlos, voll auf den Isolierungsbann konzentriert. Die Krankenschwester träufelte Black eine weißliche Flüssigkeit in den Mund. Als nächstes zog sie zwei Spritzen mit leicht trüber Färbung auf und legte sie bereit. Sie blickte zu Snape. Der Tränkemeister war mit dem Bann fertig und sah hoch.

„Fertig?", verlangte sie zu wissen. „Jetzt kommt der kritische Teil. Zuerst wird die Stasis aufgehoben und es folgen zwei Injektionen, die je eine in die Eintrittsstelle, die andere direkt ins Herz, kombiniert sofort mit einem zweifachen ‚Invitalis' über die nächsten zehn bis fünfzehn Minuten. Überlebt er diese Zeit, dann sollte Black es überstanden haben."

Der Zauberer nickte einmal grimmig und nahm eine der zwei Spritzen entgegen. Pomfrey hob ihren Zauberstab. „Zuerst webe ich noch einen Lebenswächter."

Gesagt getan und wenige Augenblicke später war ein Zauber aufgebaut, der die Lebenszeichen Sirius Blacks überwachte.

Pomfrey nickte Snape zu. „Beginnen wir jetzt. Lösen sie die Stasis, setzten sie die Injektion so tief in die Eintrittsstelle wie möglich und weben sie den Zauber. In dieser Reihenfolge und so schnell wie möglich."

„Verstanden", bestätigte Snape knapp. Auf das Zeichen beendete der Tränkemeister die Stasis. Mit einem kräftigen Ruck rammte die Medimagierin die Nadel tief in Blacks Brustkorb, mitten ins Herz und drückte das Serum so schnell hinein, wie sie wagte. Snape tat es ihr gleich und nach wenigen Augenblicken entfernten Hexe und Zauberer die Spritzen wieder, die Zauberstäbe für den Spruch bereit.

Invitalis!", flüsterte der Tränkemeister hochkonzentriert.

Invitalis!", folgte Pomfreys Spruch, lauter und befehlend.

Grünes, sanftes Licht ging von den Zauberstäben aus, umhüllte den bewusstlosen Zauberer und ein Kampf zwischen Fluch und Heilmagie brach aus.

Von dem Mal, das der Fluch verursacht hatte, gingen schwarz-grünliche Linien Aus, verbreiteten sich und wurden von der konzentrierten Aufmerksamkeit der zwei Medimagier wieder zurückgedrängt. Währenddessen begannen weitere Linien sich zu ziehen und die zwei Helfer richteten ihre Aufmerksamkeit darauf.

So ging es eine schier endlose Zeit lang. Bellatrix' Fluch zerstörte Adern und Snape und Pomfrey heilten sie wieder, während der injizierte Trank den Fluch langsam schwächte.

Der Körper des Animagus zuckte und wand sich unter dem zähen Kräfteringen.

Endlich war die Macht des Cruentors gebrochen und Snape ließ langsam den Zauberstab sinken. Pomfrey sprach einen weiteren Diagnosezauber.

„Wie geht es ihm?"

Die leise Frage ließ den Tränkemeister herumfahren, ehe er die Stimme erkannte. „Direktor! Ich habe sie gar nicht hereinkommen hören."

Dumbledore lächelte flüchtig. „Das habe ich bemerkt, Severus. Ihr wart voll konzentriert, da wollte ich euch nicht stören."

„Es war ein Venenzerreißer", flocht Pomfrey ein. Sie hantierte mit den Arzneien, die sie hergebracht hatte. „Das Schlimmste hat er überstanden, aber er ist noch immer nicht ganz über dem Berg. Seine Blutgefäße und die Leber sind schwer geschädigt und er muss noch mindestens 24 Stunden im Heilschlaf verbringen, um seine Gesundung zu gewährleisten."

„Aber Sirius wird sich wieder erholen, ist das richtig?" Der Schulleiter trat an den Fuß der Liege und betrachtete den reglosen Animagus.

„Wenn er tut, was ich ihm sage, dann wir er mit größter Wahrscheinlichkeit wieder vollständig hergestellt", antwortete die Krankenschwester ungeduldig. „Das heißt, für die Zeit des Heilschlafs keinerlei Besuch, so wenig Störungen wie möglich." Mit kompetenten Zauberstabbewegungen verfrachtete sie den jetzt tief schlafenden Patienten in ein Bett und in leichte Krankenhausklamotten. Dann ließ sie das Bett mit Black in das Isolationszimmer rollen.

Während die Krankenschwester sich um Sirius kümmerte, wendete sich Dumbledore zu Snape um. „Wie ist es gelaufen?"

„Nicht so wie erhofft", meinte der Spion. „Wir wurden entdeckt, allerdings erst auf dem Rückweg."

Der Schulleiter richtete sich alarmiert auf. „Das ist nicht gut. Wie schlimm sieht es aus?"

Snape sah zu Boden. „Rell hatte einen Schattenmantel aufgetrieben, der uns vor nahezu allem verhüllt hat, nur nicht vor Moodys magischem Auge. Ich denke nicht, dass die anderen Auroren uns bemerkt haben, selbst nachdem Moody Alarm gegeben hat."

Dumbledore nickte langsam. „Wenn Alastor euch gesehen hat, dann wird er wohl bald hierher kommen. Es wird wohl das Beste sein, wenn wir ihn gleich einweihen."

„Ich hoffe nur, dass er nicht mit einer ganzen Horde Auroren hier aufkreuzt." Der Halbvampir verschränkte die Arme. „Moody war bei der Säuberung der Londoner Schatten dabei und er hat mit Sicherheit Rell erkannt. Und was Rell angeht, so ist er nun mal ein Rinnoc. Er ist in London geblieben, um meinen Rückzug zu decken. Ich habe ihn gebeten, niemanden zu töten, doch ob das ausreicht, ihn nicht in Kampfrausch verfallen zu lassen, kann ich nicht beantworten."

Dumbledore blickte Snape über seinen Brillenrand hinweg schweigend an. Dann seufzte er. „Deinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, besteht auch noch die Möglichkeit, dass Moody deine vampirische Seite bemerkt hat, richtig, Severus?"

Snape nickte stoisch.

Dumbledore strich sich durch den Bart. Er sah nachdenklich in die Ferne. „Es liegt nur an Rell. Wenn der Rinnoc nur wenig Schaden angerichtet hat, sollte Alastor noch zu beruhigen sein."

Der Slytherin zog die Augenbraue hoch. „Und wenn nicht?"

„Dann wird es schwieriger." Der alte Zauberer lächelte schwach. „Ich kümmere mich um die Auroren. Du, Severus, solltest jedoch für die nächsten zwei bis drei Tage abtauchen. Ich schicke Fawkes zu dir, wenn es für dich sicher ist, wieder zurückzukehren."

„Wie sie meinen, Direktor."

„Oh, und sag deinen Freunden in den Schatten, dass ich gerne mit ihnen zusammen arbeite."

Snape lächelte schwach. „Das wird der Rat gerne hören." Mit einem weiteren Nicken drehte sich der Halbvampir um und verließ die Krankenstation mit lautlosen Schritten.


Na, wie fandet ihr's?

Ich weiß allerdings noch nicht wann es weiter geht, wir werden sehen.

Ach ja, nette Reviews sind immer ein Ansporn!

Bis demnächst,

Thaia