Chapter 7:
Mike, der als Letzter das Krankenzimmer seines Bruders verlassen hatte, musterte nachdenklich seine Freunde. Er schien so tief in Gedanken, daß Kai ihn vorsichtig am Arm ergriff, um ihn wieder in die Gegenwart zurückzuholen. „Mike, was ist? Worüber denkst du nach?"
Der Angesprochene blickte auf und antwortete seinem Freund nach einigen Sekunden: „Über unsere neuen Freunde. Und über das, was Leo gesagt hat." Damon hatte schon im Zimmer bei Leos Worten ratlos die Stirn gerunzelt und nun, da Mike das Thema ansprach, fühlte er sich bemüßigt, zu fragen: „Was meinte Leo mit seinen Worten? Warum sollen wir auf sie achtgeben?"
Sie, das waren die sechs Lightspeed Rangers. Mike blickte seine versammelten Freunde an und erkannte, daß auch Kai und Kendrix nicht so recht wußten, was sie mit Leos Worten anfangen sollten. Doch Maya hatte, ebenso wie Mike, auch bemerkt, was Leos scharfen Augen und seiner Sensibilität nicht entgangen war, obwohl seine Verletzungen ihm viel Kraft abverlangten.
So meldete sie sich jetzt mit ihrer ruhigen Stimme zu Wort. „Was Leo meinte, ist, daß die Sechs auf einmal sehr ruhig und bedrückt wirkten. Und ich glaube auch zu wissen, warum. Sie haben Schuldgefühle."
„Schuldgefühle?" Das Fragezeichen klang ganz deutlich in Damons Frage mit, als er seine Freundin verständnislos ansah. Kendrix dagegen schien jetzt zu verstehen. „Du meinst wegen Mike, nicht wahr, Maya?" Maya blickte den Pink Galaxy Ranger an und nickte zustimmend.
„Ja, genau. Zuerst waren es Leos Verletzungen, die er in seinem Kampf für sie davongetragen hatte. Es stimmte sie traurig, daß sie ihm nicht hatten behilflich sein können und statt dessen auch noch Ursache der Wunden gewesen waren. Diese Gefühle hat Leo, wenn auch nicht vertreiben, aber doch insoweit beschwichtigen können, daß sie sich nicht mehr ganz so schuldig fühlten. Doch noch haben sie erkannt, daß nicht nur Leo, sondern auch Mike unter ihrem vermeintlichen Fehler leiden mußte – und damit stehen sie wieder vor dem Problem ihrer Schuld."
Maya schwieg kurz, dann seufzte sie und sah ihre Freunde mit wissendem Blick an. „Erinnert ihr euch an ihre Blicke, kurz nachdem der Kampf gegen Trakeena vorbei war? Sie trauten sich kaum, die Köpfe zu heben. Ich glaube, sie rechneten alle damit, daß wir verärgert sein würden über ihr Verhalten. Und vor allem dachten sie, daß Leo ihnen böse sein würde. Doch diese Angst haben Leo und wir ihnen dann gleich nehmen können – er dadurch, daß er sie uns vorstellte und wir, als wir ihnen freundlich begegneten, ohne sie zu verurteilen."
Stille herrschte nach Mayas klugen Worten. Sie hatte den Punkt getroffen, das spürten ihre Freunde ganz deutlich.
„Sie sind noch zu neu als Team. Dadurch verstehen sie zwar, wie gefährlich ein jeder neuer Gegner sein kann. Gefährlich schon dadurch, daß man zuerst nicht weiß, wie er auf bestimmte Situationen reagieren wird, was er tut und was nicht. Und Trakeena war schon immer unberechenbar, das haben wir oft genug erleben müssen. Oft genug hat sie uns überrascht mit ihren hinterhältigen Tricks. Wir haben lange gebraucht, uns auf sie einzustellen. Bei ihr auf alles gefaßt zu sein. Die Lightspeed Rangers hatten diese Zeit nicht. Ich mache ihnen keine Vorwürfe, denn an ihrer Stelle wäre es uns wahrscheinlich ebenso ergangen." Mike hatte gesprochen und er erntete zustimmendes Nicken von allen seinen Freunden.
Da ertönte hinter den Freunden die erleichterte Stimme von Captain Mitchell. „Ich danke euch für eure Worte. Entschuldigt, daß ich mitgehört habe, aber ich habe hier auf euch gewartet, denn genau darüber wollte ich gern mit euch sprechen. Ihr habt Recht, sie machen sich große Vorwürfe, vor allem immer noch wegen eurem Freund dort drinnen." Mitchell wies auf die Tür, hinter der Leo schlief. „Aber jetzt auch wegen dem, was du erlitten hast, Mike."
„Aber Sir! Wir machen den Rangers wirklich keine Vorwürfe! Vor allem, da Leo bestimmt bald wieder auf den Beinen sein wird. Er läßt sich von so etwas nicht aufhalten." Kai hatte dem Captain geantwortet. Die Gewißheit, mit der er über Leo sprach, war verblüffend, aber auch ein Ausdruck der Verbundenheit der zwei Freunde. Mitchell nickte dem Blauen Galaxy Ranger dankbar zu, doch als er sprach, klang seine Stimme ernst.
„Ich glaube euch, daß ihr ihnen nichts vorwerft, doch mich müßt ihr nicht überzeugen. Bitte, würdet ihr mir den Gefallen tun und mit den Rangers darüber sprechen? Ich denke, ihr könnt ihnen begreiflich machen, worum es euch geht. Sie müssen verstehen, daß..."
„Sir." Mikes ruhige Stimme unterbrach den Captain. Mitchell blickte auf und sah das Verständnis in den Augen von Leos Bruder für die schwierige Situation, in welcher der Commander der Mariner Bay Basis sich befand. „Wo sind die Rangers denn jetzt? Ich würde gern mit ihnen sprechen. Sie sollen sich meinetwegen keine Sorgen machen. Jetzt, wo ich Leo auf dem Wege der Besserung weiß, ist mit mir wieder alles in Ordnung. Würden Sie uns zu ihnen bringen, Sir?"
Der Captain wirkte unheimlich erleichtert und winkte Mike und seinen Freunden, ihm zu folgen. Es erfüllte ihn mit Freude und Erleichterung, daß die Galaxy Rangers sofort bereit waren, über die Situation mit ‚seinen' Rangers zu sprechen.
Und das war auch mehr als nötig, erkannten die fünf Freunde, als sie gemeinsam mit dem Captain den Aufenthaltsraum der Lightspeed Rangers betraten. Carter und Chad saßen in Gedanken versunken in ihren Stühlen und Dana und Kelsey versuchten offensichtlich, sich abzulenken. Dana ordnete einige Zeitschriften hin und her und Kelsey stand in der kleinen Küche, um ihren Freunden etwas zum Essen zu machen. Währenddessen wanderte Joel mit ungewohnt ernstem Gesicht ruhelos in dem Zimmer auf und ab. Jeder der Fünf wirkte auf seine Weise total abwesend, doch eines hatten sie alle gemeinsam – den Ausdruck von Sorge und verwirrten Gefühlen auf ihren Gesichtern.
Was jedoch den Galaxy Rangern und vor allem Captain Mitchell sofort beim Betreten des Raumes auffiel, war die Abwesenheit des sechsten Lightspeed Rangers. Wo war Ryan? Sorgenvoll runzelte Mitchell die Stirn, als er versuchte herauszufinden, wohin sein Sohn gegangen sein mochte.
„Oh Mann, was soll denn die trübselige Stimmung hier?" Damon ergriff die Initiative, als für ihn ersichtlich wurde, daß seine Freunde etwas hilflos auf die traurige Stimmung, welche in dem Raum herrschte, reagierten. Mike war getroffen davon, daß die Lightspeed Rangers offensichtlich so stark auf seinen Bericht reagiert hatten. Das hatte nicht in seiner Absicht gelegen; er hatte niemandem damit verletzen wollen. Er hatte nur seine Gefühle in jenem Augenblick nicht beherrschen können – zu groß war auch im Nachhinein noch die Angst um seinen geliebten jüngeren Bruder gewesen.
„Ja, was ist los mit euch?" Maya trat vor, um Damon tatkräftig zu unterstützen. Durch ihre Sensibilität erkannte sie rasch, daß ihre Freunde und sie hier vorsichtig vorgehen mußten, wollten sie nicht die Gefühle ihrer neuen Freunde verletzen.
Carters Kopf ruckte hoch, doch als er etwas sagen wollte, schepperte es auf einmal laut in der Ecke, in der Kelsey noch immer damit beschäftigt war, das Essen zu kochen. Alle Blicke wandten sich ihr zu und Chad erhob sich, um zu ihr zu gehen und sie in den Arm zu nehmen, als sie anfing, zu zittern. Sanft führte er seine Freundin zu dem Sessel, in dem er vorher gesessen hatte und drückte sie hinein. Kelsey ließ es schweigend mit sich geschehen. Auch Dana sagte kein Wort, sondern setzte sich nur wortlos neben ihre Freundin.
Carter hatte seine Freunde beobachtet, doch nun suchte er Mikes Blick. Er wußte, es oblag ihm als dem Anführer der Lightspeed Rangers, sich bei Mike zu entschuldigen. Doch als er dazu ansetzte, kam Mike ihm zuvor.
„Bevor einer von euch etwas sagt, hört uns kurz zu. Doch setzt euch vorher. Joel, ich meine auch dich. Hör auf, herumzuwandern und komm her."
Mike bekam keine Reaktion von Joel, darum wandte er den Blick fragend Carter zu. Doch bevor dieser dazu ansetzen konnte, etwas zu ihrem rastlosen Freund zu sagen, trat Damon auf Joel zu, nahm ihn sanft beim Arm und brachte ihn dazu, sich neben Chad zu setzen, der inzwischen auf der Couch nahe Carter Platz genommen hatte.
Als er nunmehr die Aufmerksamkeit der fünf Rangers auf sich gerichtet sah, begann Mike.
„Wir wissen, daß ihr euch schuldig fühlt. Vor allem wegen Leo. Aber auch wegen dem, was ich vorhin erzählt habe." Die Lightspeed Rangers zuckten zusammen, als hätte man sie geschlagen. Sie senkten die Köpfe, als würden sie ein Urteil erwarten.
Mike seufzte angesichts ihrer Reaktion und blickte seine vier Freunde hilfesuchend an. Kai nickte ihm zu und fuhr fort. Dabei klang seine Stimme ungewöhnlich sanft, als er sagte: „Daß Leo euch nicht böse ist, müßtet ihr doch inzwischen erkannt haben. Nachdem er es euch außerdem mehrmals deutlich gesagt hat, dürfte daran keine Unsicherheit mehr bestehen. Und selbst wenn doch, dann kann ich euch aus meiner Erfahrung versichern, daß Leo kein nachtragender Mensch ist. Freunden verzeiht er eigentlich fast alles – und ich weiß, daß er in euch, obwohl ihr euch erst so kurze Zeit kennt, wirkliche Freunde sieht."
Schweigen antwortete Kais Worten, doch erste Schimmer aus Hoffnung stahlen sich in die Gesichter von Carter, Chad und Kelsey. Joel wirkte unsicher, während Dana nur traurig Kendrix ansah. Als diese das bemerkte, trat sie die wenigen Schritte auf Dana zu und kniete vor ihr nieder, damit sich ihre Augen auf gleicher Höhe befanden.
Ihre Stimme klang weich, als sie Dana erklärte: „Ich kann nur sagen, daß ich mich voll und ganz Kais Meinung anschließe. Leo ist nicht verärgert über euch – ebensowenig wie wir. Ich weiß, daß ihr alles getan hättet, was in eurer Macht stand, um Leo zu helfen. Ihr hattet nur nicht die Erfahrung mit Trakeenas Heimtücke wie wir. Und selbst wir wären wahrscheinlich auf ihren Trick hereingefallen." Kendrix lächelte Dana ermutigend zu und sagte: „Also, hört auf, euch Sorgen über etwas zu machen, das nicht existiert. Einverstanden?"
Bei Kendrix' freundlichen Worten hatte Dana den Kopf gehoben und ihre Augen standen voller Tränen. „Er hat uns doch vorher noch gewarnt", flüsterte sie. „Leo warnte uns, daß sie voller Verschlagenheit wäre. Und trotzdem hat sie uns hereingelegt."
„Ja", fügte Carter leise hinzu. „Trotz mehrerer Warnungen von Leos Seite waren wir nicht in der Lage, ihm beizustehen. Statt dessen geriet er wegen uns in eine lebensbedrohliche Situation. Das ist unverzeihlich."
„Nein, das ist es ganz und gar nicht." Diese Worte wurden von Mike voller Autorität gesprochen und er setzte gleich noch hinzu: „Wäre Leo jetzt hier, wäre das Einzige, worüber er verärgert sein würde, die Tatsache, daß ihr euch Schuldgefühle einredet, die nun wirklich nicht notwendig sind. Daß ihr diese Gefühle besitzt, zeigt meinen Freunden und mir jedoch, daß ihr Leo wirklich sehr gern habt, denn wäre dem nicht so, würde es euch nichts ausmachen, daß er verletzt ist. Doch ihr sorgt euch um ihn und dadurch weiß ich, daß ihr meinen Bruder nicht leichtsinnig in Gefahr gebracht habt. Denn das hätte ich euch wirklich sehr übelgenommen."
Die letzten Worte hatten den Hauch eines grimmigen Versprechens und die Lightspeed Rangers sahen Mike um Verzeihung heischend an. Mike sah die ängstlichen Gesichter und seufzte leise. Dann wurde sein Gesicht weich und seine Stimme klang beruhigend und sanft, als er den fünf Freunden versicherte: „Glaubt mir doch, keiner von uns macht euch auch nur den geringsten Vorwurf. Leo hat euch gern und ich denke, daß auch wir Fünf schnell Freundschaft mit euch schließen werden. Unter der Bedingung, daß ihr endlich eure Schuldgefühle begrabt und uns statt dessen etwas über euch erzählt. In Ordnung?"
„Das ist doch mal eine gute Idee! Genau, erzählt uns was von euch, während wir darauf warten, daß Leo wieder Besuch empfangen darf. Wie läuft das Leben hier so ab, wenn ihr keine Monster zu bekämpfen habt? Was treibt ihr dann so? Erzählt schon, nicht so müde!"
Damon tat sein Bestes, um wieder eine lockerere Atmosphäre zu verbreiten. Und er hatte Erfolg. Zuerst nur langsam, doch nachdem sie Bestätigung für Mikes Worte auch in den Gesichtern von Maya, Kai und Kendrix gefunden hatten, hellten sich die Gesichter von Carter und seinen vier Freunden merklich auf. Sie entspannten sich sichtlich und der schuldbewußte ernste Ausdruck verschwand aus ihren Gesichtern.
Sie wandten sich Damon zu, der nun übertrieben ungeduldig von Einem zum Anderen schaute, als die Erzählungen auf sich warten ließen. Während seine Freunde den Galaxy Rangers Plätze anboten und sich eine entspanntere Atmosphäre breitmachte, dachte Joel über Damon nach. Er erkannte jetzt, was Leo gemeint hatte, als er sagte, Damon und er wären sich ähnlich. Joel wußte, daß er, wäre er an Damons Stelle gewesen, ganz ähnlich reagiert hätte, um die Stimmung aufzuhellen.
Captain Mitchell hatte dem Gespräch schweigend gelauscht und war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Er sah, daß sich seine Rangers wieder wohler fühlten und seufzte erleichtert auf. Doch dann traf ihn der Gedanke, daß dies ja nicht auf alle Rangers zutraf. Ryan war allein irgendwo unterwegs und trug noch immer an der schweren Last seiner Schuldgefühle.
Darum wandte sich der Captain an Carter und fragte: „Carter, hast du Ryan gesehen? Wo ist er?" Carter blickte auf, mit neuer Sorge in den blauen Augen. Er antwortete: „Ich habe leider überhaupt keine Ahnung, Sir. Als wir hier ankamen, war er noch bei uns. Doch dann waren wir wohl alle zu sehr mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt, um zu bemerken, wann Ryan den Raum verließ. Es tut mir leid, Sir."
Mitchells Sorge um seinen Sohn stieg weiter und er konnte auch auf den Gesichtern der versammelten Rangers wachsende Unruhe feststellen. Selbst Kai, Damon sowie Kendrix und Maya wirkten besorgt um Ryan. Nur Mike lächelte leicht und sagte, an den Captain gewandt: „Machen Sie sich keine Sorgen um Ryan, Sir. Darum wird Leo sich kümmern."
„Wie bitte?", fragte Mitchell verwirrt.
„Ja, Mike, was meinst du damit?" Auch Carter blickte verwundert auf Leos älteren Bruder angesichts dieser etwas kryptischen Aussage.
Mike lächelte und erklärte den Anwesenden: „Ryan mag Leo und umgekehrt ist es ebenso. Doch Ryan ist noch sehr scheu im Umgang mit Anderen, auch mit euch", wandte sich Mike hier an die Lightspeed Rangers. „Warum, weiß ich nicht, und es geht mich auch gar nichts an. Doch ich weiß, daß Ryan Leo vertraut. Glauben Sie mir, Sir – Ryan wird zu Leo gehen. Er wird den Weg zu meinem Bruder finden und sich ihm anvertrauen."
Die letzten Worte klangen voller Gewißheit und erstaunt mußte Captain Mitchell feststellen, daß er Mikes Aussage Glauben schenkte. Es war unglaublich, aber er hatte Vertrauen darin, daß Leo seinem Sohn die Scheu im Umgang mit seinen Freunden nehmen konnte. Und es auch tun würde.
Also mußte sich Mitchell damit zufrieden geben, daß er im Moment nichts tun konnte, um Ryan beizustehen. Er hatte von Anfang an geahnt, daß es bei seinem Sohn besonders schwierig sein würde, ihn davon zu überzeugen, daß niemand verärgert über ihn war. Ryan war in dieser Hinsicht immer noch sehr sensibel und unsicher. Doch Captain Mitchell gestand sich ein, daß Leo wohl die geeignetste Person war, Ryan von dieser Unsicherheit zu befreien.
Er seufzte tief und sagte dann, an die zehn jungen Leute gerichtet: „Nun gut, dann werde ich jetzt in die Kommandozentrale gehen. Wenn etwas sein sollte, holt mich. In Ordnung?" Zustimmendes Nicken antwortete ihm und Mitchell verließ den Raum, um sich wieder seinen Pflichten als Kommandant der Mariner Bay Basis zu widmen.
Die zehn Rangers dagegen wandten sich erneut ihren Gesprächen zu. Jetzt, da die Freunde um Carter beruhigt waren, daß ihnen nichts nachgetragen wurde, wurden erste Freundschaftsbande zwischen ihnen und Leos Teamkameraden geknüpft. Schon bald waren sie alle tief in ihre Gespräche vertieft und erzählten sich gegenseitig einige Abenteuer, die sie im Kampf gegen bestimmte Monster erlebt hatten, Erlebnisse aus ihrem ‚normalen', täglichen Leben und auch einige persönlichere Dinge. Auch ein unbeteiligter Zuschauer hätte dem lebhaften Geplauder der Zehn entnehmen können, daß die jungen Leute sich sehr sympathisch waren und sich in der Gesellschaft der jeweils Anderen wohlfühlten.
Auch Geschichten über Leo wurden ausgetauscht, wobei die Lightspeed Rangers jedoch meistens nur lauschten, wenn Kai zum Beispiel sich spaßhaft über Leos Aversion gegen die Einhaltung bestimmter Regeln und Vorschriften aufregte oder Maya ihnen von seiner Liebe zu Tieren und Kindern berichtete. Bei letzterem Thema konnten Carter und seine Freunde auch schon aus eigener Erfahrung berichten, als sie Leos Freunden davon erzählten, wie Leo die Katze des kleinen Mädchens aus dem Baum gerettet hatte, als sie sich im Park verabredet hatten. An den Gesichtern der Galaxy Rangers konnten sie erkennen, daß dies nichts Neues für Leos Teamgefährten war.
Die Zeit verging schnell durch diese angeregten Gespräche und schon bald mußten die Freunde feststellen, daß es Abend geworden war. Sie beschlossen, sich ein Essen in der Kantine der Basis zu holen und als sie das getan hatten, waren sie alle rechtschaffend müde. Deshalb verständigten sie sich darauf, noch einmal kurz bei Leo vorbeizuschauen und dann selber schlafen zu gehen.
Als sie in der Krankenstation ankamen, begegneten sie Doktor Johannsen, die bei ihrem Anblick gespielt theatralisch seufzte, aber sofort mit energischem Unterton sagte: „Euer Freund schläft. Und ihr werdet ihn nicht noch einmal stören. Kommt morgen wieder, dann werden wir weitersehen."
Als Mike zum Sprechen ansetzte, fügte die Ärztin beruhigend hinzu: „Es geht ihm soweit ganz gut. Wie gesagt, seine Konstitution ist ausgezeichnet. Doch nur, wenn sein Körper auch die Erholung bekommt, die er jetzt dringend nötig hat, wird sich euer Freund schnell erholen. Also geht jetzt und schlaft selbst ein bißchen. Ich werde auf ihn achtgeben. Versprochen."
Die zehn Freunde wirkten erleichtert nach den ermutigenden Worten der Ärztin und wandten sich zum Gehen. Mike warf Doktor Johannsen noch ein dankbares „Gute Nacht, Doktor" zu und verließ gemeinsam mit seinen Freunden die Station. Die Ärztin sah den jungen Leuten kopfschüttelnd nach und lächelte in sich hinein. Die Sorge der Freunde um ihren Patienten machte ihr deutlich, wieviel er ihnen bedeutete.
So wandte sie ihre Schritte ein weiteres Mal in wenigen Stunden der Tür zu, hinter welcher Leo ruhig schlief. Für einen Moment blieb die Ärztin in der geöffneten Tür stehen und beobachtete den jungen Mann, der ihrer Fürsorge übergeben worden war. Er schien so jung und verletzlich, wie er dort schlafend in seinem Bett lag – und doch trug er schon soviel Verantwortung. Und er machte sich gut, sehr gut sogar, wenn man bedachte, daß er fast täglich darum hatte kämpfen müssen, nicht nur sein eigenes Leben zu retten, sondern eine ganze Kolonie zu verteidigen. Unter einer solchen Belastung wäre manch ein älterer Mensch zusammengebrochen, doch nicht dieser junge Mann. Und nicht zu vergessen, daß er auch im täglichen ‚normalen' Leben anscheinend eine große Rolle für seine Freunde spielte – er war ihr Freund, Bruder, Anführer... Alles in Allem genommen sorgte er für das seelische Gleichgewicht seiner Freunde ebenso wie für ihre körperliche Unversehrtheit im Kampf.
Wie gesagt, eine sehr große Verantwortung.
Doktor Johannsen lächelte und schloß vorsichtig und leise wieder die Tür. Ein bemerkenswerter junger Mann.
Die Ärztin kehrte an ihre Arbeit zurück und schaute während der Nacht sporadisch nach ihrem Patienten. Doch gegen Morgen wurde auch sie von ihrer Müdigkeit überwältigt und schlief an ihrem Arbeitsplatz ein. Dadurch bemerkte sie nicht, wie kurze Zeit nach Sonnenaufgang eine schlanke Gestalt die Krankenstation betrat und sich umsah. Ryan bemerkte die schlafende Ärztin und bewegte sich daraufhin noch etwas behutsamer, um sie nicht zu stören und aufzuwecken.
Er wandte sich der Tür zu Leos Krankenzimmer zu und betrat leise den dunklen Raum. Die ersten Sonnenstrahlen schienen durch das Fenster und wiesen ihm den Weg zum Bett seines Freundes. Behutsam bewegte sich Ryan durch den Raum und setzte sich auf den Stuhl an Leos Bett. Für einige Minuten blieb er dort nur still sitzen und betrachtete Leos im Schlaf so entspannt und friedlich wirkende Gestalt.
Dann seufzte Ryan und seine hohe Gestalt schien in sich zusammenzusinken. Er senkte den Kopf und begann leise zu sprechen. „Hallo, Leo. Ich weiß, ich dürfte jetzt gar nicht hier sein. Wenn Doktor Johannsen mitbekommt, daß ich gegen ihre Anordnung verstoße und schon wieder hier bei dir bin, bekomme ich bestimmt großen Ärger. Aber ich...ich mußte einfach kommen, verstehst du?"
Mit diesen Worten hob Ryan den Kopf und betrachtete Leo, der noch immer ruhig zu schlafen schien. Eine geraume Weile blieb Ryan still, doch dann fuhr er fort: „Man sagt immer, man soll auch mit Menschen reden, die im Koma liegen. Denn auch wenn sie dir nicht antworten, so hören sie dir doch zu, wenn du ihnen etwas erzählst. Und auch wenn du nicht im Koma liegst – Gott sei Dank", fügte Ryan sofort hinzu, „so denke ich trotzdem, daß du mich hören wirst. Ich möchte mich entschuldigen. Dafür, daß wir nicht in der Lage waren, dir zu helfen. Es wäre unsere Aufgabe gewesen, dich zu unterstützen. Jedenfalls ist das meine Meinung, doch ich weiß einfach nicht..." Ryan verstummte, schien nach Worten zu suchen, um seine Gefühle auszudrücken.
„Du warst kaum hier angekommen und hast schon alles in deinen Kräften Stehende getan, uns zu helfen – und uns zu retten. Dafür hast du keinen Dank erwartet, sondern nur gewollt, daß man dich mag. Als wenn das nicht das Einfachste wäre, was je jemand von mir verlangt hätte! Du sprühst förmlich vor Energie und Lebensfreude, Leo. Wie könnte man da nicht dein Freund werden wollen?" Der Unglaube darüber, daß jemand Leo ablehnen würde, war deutlich aus Ryans Worten herauszuhören. Wieder schwieg er für eine Weile und Stille senkte sich über das Zimmer. Dann beugte sich Ryan in seinem Stuhl vor und richtete seinen Blick auf einen unbestimmten Punkt, als würde er dort etwas wahrnehmen, was nur er sehen könnte.
„Ich bin nicht sehr gut im Freundschaften schließen, Leo. Carter und die Anderen versuchen immer wieder, mich in ihre Freizeitaktivitäten einzubinden. Ja, sie drängen mich manchmal förmlich dazu. Aber ich bin mir meiner einfach nicht sicher. Es ist zu viel in meiner Vergangenheit geschehen, als daß sie wirklich enge Freundschaften mit mir schließen wollen würden. Und warum solltest du es dann wollen? Du kennst mich kaum und weißt nicht, was ich getan habe..."
Ryans Stimme brach und er blickte traurig aus dem Fenster, an dem er inzwischen stand. Es hatte ihn nicht auf dem Stuhl bei Leo gehalten. Nun wandte er sich mit gesenktem Kopf der Tür zu und meinte: "Ich...ich werde jetzt gehen. Sonst störe ich deinen Schlaf und damit deine Genesung vielleicht wirklich noch und das möchte ich wirklich nicht." So sah er nicht, daß Leos Augen geöffnet waren und ihn voller Wärme und Verständnis anblickten. Doch als Ryan schon fast bei der Tür angelangt war, hörte er plötzlich Leos warme Stimme sanfte Worte sprechen. „Ich bin sehr gern dein Freund, Ryan. Und du störst mich nicht."
Ryan fuhr herum und sah zu Leo hinüber. „Leo! Du bist wach!", rief er leise und erschrocken aus. „Habe ich dich geweckt?" Schuldbewußtsein schlich sich erneut in die Stimme des Titanium Rangers.
„Mach dir keine Sorgen darüber, Ryan. Komm her und setz dich zu mir. Nun komm schon", drängte Leo seinen Freund, als dieser unsicher an der Tür verharrte und offensichtlich überlegte, ob er nicht doch lieber gehen sollte.
Leos smaragdgrüne Augen blickten in bittend an und dem konnte Ryan nicht widerstehen. Also lenkte er erneut seine Schritte zu dem Stuhl an Leos Bett und setzte sich. Dann sah er Leo forschend an und fragte diesen: „Wie lange bist du denn schon wach?"
Leo lächelte und antwortete ihm: „Meinst du damit, wieviel ich mitbekommen habe?" Ryan nickte nur schweigend. Leo blickte in aus freundlichen Augen an und sagte nur: „Ich habe gehört, was du mir sagen wolltest, Ryan. Aber ich muß dir in einer Sache widersprechen. Warum denkst du, ich würde nicht dein Freund sein wollen? Ich glaube, daß du ein wunderbarer Freund wärest, wenn du dir selbst die Chance dazu geben würdest. Warum nimmst du dir also selbst dazu die Gelegenheit? Wie du selbst gesagt hast, drängen dich Carter, Chad, Joel und Kelsey förmlich dazu, mit ihnen ihre Freizeit zu verbringen. Auch außerhalb ihres Dienstes möchten sie dich also um sich haben. Und Dana? Sie ist deine Schwester und nach dem, was ich beobachtet habe, liebt sie dich sehr. Warum also, Ryan?"
Ryan antwortete nicht, sondern starrte nur auf einen unbestimmten Punkt hinter Leo. Es schien diesem, als könne Ryan ihm nicht in die Augen sehen. Leo gab Ryan Zeit, doch als er auch nach mehreren Minuten keine Antwort bekam, berührte er Ryan leicht am Arm.
„Magst du es mir nicht erzählen? Du mußt es nicht, Ryan. Ich sehe nur, daß es dich sehr beschäftigt. Du würdest so gern mit ihnen allen lachen, sie kennenlernen. Von ihnen erfahren, was sie mögen und was nicht. Du willst wissen, was ihnen Angst einjagt, um sie davor beschützen zu können. Du willst all das für die Fünf tun, was derjenige macht, den man als seinen besten Freund bezeichnet. Doch gleichzeitig fürchtest du dich so sehr davor, daß sie dich eventuell ablehnen könnten, daß du ihnen gar keine Chance gibst. Du möchtest das Vertrauen, daß sie zu dir haben, gern in ihren Augen sehen. Doch wenn du ihnen nicht in die Augen schaust, kannst du es nicht erkennen."
Leo schwieg und blickte Ryan direkt ins Gesicht. Dann lächelte er, als ihm ein Gedanke kam. „Weißt du noch, was ich dir über die Farbe Silber erzählt habe, Ryan?"
Unwillkürlich nickte Ryan und seine Gedanken wanderten zurück zu dem Augenblick in dem Besprechungsraum, als er Leo hatte sagen hören: ‚Silber steht für den Freund, auf den man bauen kann. Ein Schild gegen den Feind.'
Dann sagte er leise: „Ich war dir kein Schild."
Leo blickte ihn lange aus seinen ausdrucksstarken grünen Augen an und meinte dann: „Aber du sagtest, du wärest es gewesen, hättest du die Möglichkeit dazu gehabt. Und ich glaube dir das. Ryan, es ist der Wille, der zählt. Nicht immer können wir das tun, was wir gern möchten."
Leo verstummte kurz und als er weitersprach, klang seine Stimme zuerst leise und traurig, wurde jedoch von Wort zu Wort kräftiger und entschlossener. „Mir ist es damals nicht gelungen, Mike vor dem Sturz in den Abgrund zu retten und ich habe mir sehr lange heftige Vorwürfe deswegen gemacht. Doch als mein Bruder zurückkehrte, hat er mir eines klargemacht – nämlich, daß die Absicht manchmal mehr zählt als die Tat. Mike wußte, daß ich alles dafür gegeben hätte, um ihn zu retten. Und das genügte ihm. Das Gleiche gilt jetzt auch für mich – euer Wille, mich im Kampf gegen Trakeena zu unterstützen, half mir mehr, nicht aufzugeben, als du vielleicht glauben magst. Also hör bitte endlich auf, dir deswegen Vorwürfe zu machen."
Nach diesen Worten herrschte Stille zwischen den zwei jungen Männern. Plötzlich hob Ryan den Kopf und sah Leo in die grünen Augen. Er schien die Bestätigung dessen zu suchen, was er soeben gehört hatte. Leos Blick wankte nicht eine Sekunde, als er Ryans forschenden blauen Augen standhielt. Dann seufzte der blonde junge Mann auf einmal und eine Last schien von seinen Schultern zu verschwinden.
„Danke, Leo", flüsterte Ryan. „Ich danke dir."
„Gern geschehen, mein Freund." Leo lächelte Ryan voller Wärme an und erhielt ein scheues, aber ehrliches Lächeln als Antwort. Daraufhin lehnte Leo sich wieder in die Kissen zurück, aus denen er sich in dem Wunsch aufgerichtet hatte, seinem Freund die Sorgen zu nehmen, welche diesen belastet hatten. Zufrieden mit dem Resultat seiner Worte und beruhigt, daß Ryan die Wahrheit anscheinend akzeptiert hatte, wartete Leo auf dessen nächste Worte.
Ryan schien mit sich zu ringen, dann richtete er erneut seinen Blick auf seinen geduldig wartenden Freund. Er zögerte noch einen Augenblick, doch dann fragte er: „Wie fühlst du dich, Leo? Ich würde dir gern noch etwas erzählen, doch du brauchst deinen Schlaf, also sag es ruhig, dann komme ich ein anderes Mal wieder. Es kann warten, bis du wieder gesund bist."
Leo musterte den blonden jungen Mann und versetzte dann lächelnd: „Ich fühle mich so ausgeruht, als hätte ich schon wochenlang nichts anderes getan als geschlafen. Keine Sorge, ich sage Bescheid, wenn ich müde werde. Es ist sehr wichtig für dich, also erzähl' es mir."
Somit ermutigt, wußte Ryan plötzlich nicht, wie er beginnen sollte. Er rang nach den richtigen Worten. Er wußte, was er Leo erzählen wollte und doch war es, als wären die Worte, um es auch auszudrücken, in ihm gefangen. Zu lange hatte Ryan diese Sache allein mit sich herumgetragen und brauchte nun ein wenig Zeit, sich zu sammeln.
Leo ließ ihm diese Zeit und schwieg. Alles was er tat, war ruhig dazuliegen und seinem Freund stillschweigend Beistand und Hilfe anzubieten. Ryan begann schließlich, mit leiser Stimme zu erzählen.
„Ich habe dies noch niemandem erzählt. Einerseits, weil mein Vater und die Rangers daran – wenn auch nur teilweise – beteiligt waren und die Sachlage daher kennen. Andererseits aber auch darum nicht, weil ich mich nicht dazu imstande fühlte, auszudrücken, was in mir vorging. Also verzeih bitte, wenn ich etwas konfus klinge, ok?"
Leo lächelte nur und nickte Ryan zu, er solle fortfahren. Dieser holte tief Luft und sagte: „Du hast damals, als du uns von deiner Ankunft hier berichtet hast, gesagt, du hättest die Archive und Aufzeichnungen nach einem aktiven Rangerteam und deren Geschichte durchforscht. Dabei hattest du herausgefunden, daß ich noch nicht lange mit den Rangers zusammenarbeiten würde. Du hattest Recht. Ich stand zuerst auf der anderen Seite."
Ryan schwieg und blickte Leo forschend an, doch dieser wartete nur schweigend darauf, daß Ryan fortfuhr. Also erzählte dieser weiter: „Damit du verstehst, wie es dazu kam, muß ich weiter in die Vergangenheit gehen.
Als Dana und ich noch Kinder waren, fuhr unser Dad einmal mit uns weg und wir hatten dabei einen schweren Unfall. Vater hatte die Kontrolle über den Wagen verloren und wir fuhren über eine Klippe. Ich weiß nicht genau, warum und wie es geschah, doch als ich wieder zu mir kam, hingen wir über einem Abgrund. Dad hielt sich mit einem Arm an einer Wurzel fest und umklammerte mit der anderen Hand mein Handgelenk. Dana hing an Dads Hals und weinte schrecklich. Sie hatte solche Angst und konnte sich kaum an ihm festhalten. Ich erinnere mich, wie Vater ihr zurief, sie solle fester zugreifen. Dann, als er spürte, wie sich sein Griff um meine Hand lockerte, faßte er erneut und mit mehr Kraft zu."
Ryan blickte versonnen auf sein linkes Handgelenk: „Ich habe es lange Zeit nicht mehr gewußt, doch heute erinnere ich mich wieder daran, daß ich erstaunt darüber war, wieviel Kraft Dad in seinen Händen hatte. Es tat unheimlich weh, so fest war sein Griff – er umklammerte meine Hand wie ein Schraubstock. Heute denke ich, daß es ein Ausdruck seiner Angst um mich war, doch damals – damals tat es einfach nur weh. Mit meinen acht Jahren konnte ich nicht wissen, wieviel es Dad kostete, einerseits sich selbst an der Wurzel festzuhalten und andererseits auch noch Danas und mein Gewicht zu tragen. Doch er sagte keinen Ton darüber, sondern sprach nur beruhigend auf uns ein. Vor allem Dana machte ihm Sorgen – sie war noch so klein.
Doch das war nicht Vaters größte Sorge, denn die Wurzel, an welche er sich klammerte, hielt der Belastung nicht stand. Sie begann, sich aus dem Felsen zu lösen und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie unter dem Gewicht nachgeben und wir abstürzen würden."
Ryan machte eine Pause und blickte Leo an. Dieser hatte sich auf einen Ellenbogen gestützt und hörte ihm aufmerksam und voller Anteilnahme zu. „Ihr müßt unglaubliche Angst gehabt haben."
„Ja, das kann man wohl sagen", gab Ryan zu. „In dieser aussichtslosen Situation erschien auf einmal Diabolico und machte meinem Vater einen Vorschlag."
Leo merkte auf und runzelte die Stirn, als er überlegte. „Ist das nicht der Typ, der hier die ganze Zeit Ärger macht? Ich habe ihn mit Trakeena zusammen gesehen, als sie ihre Vereinbarungen aushandelten."
„Ja, das ist er. Er ist der oberste Gefolgsmann von Königin Bansheera", informierte Ryan seinen Freund. „Damals jedoch und während der Jahre von Bansheeras Abwesenheit war er der Anführer der Monster und hatte uneingeschränkte Befehlsgewalt über sie.
Jedenfalls erschien er in jenem Augenblick, als für uns kaum Hilfe in Aussicht stand. Er bot Vater einen Handel an, da er erkannt hatte, daß es Dad kaum möglich sein würde, uns alle zu retten. Das Resultat ihres Gesprächs war es, daß Diabolico Dana und Vater von der Klippe holte und mich mitnahm. Während der folgenden zehn Jahre, die ich bei ihm und seinen Untergebenen verbrachte, unterrichtete er mich in Kampfsport und anderen Dingen, die er wußte. Und er erzählte mir, wie es dazu gekommen war, daß ich bei ihm gelandet war." Ryan ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten, als er sich an die Lügen erinnerte, die er so lange als Wahrheit akzeptiert hatte, ohne sie jemals zu hinterfragen.
„Ryan?" Leos Stimme klang beunruhigt und auch in seinen grünen Augen stand Besorgnis geschrieben. Wieder mußte Ryan tief Luft holen, bevor er in der Lage war, fortzufahren.
„Er redete mir ein, daß mein Vater mich im Stich gelassen hätte, da er Dana mehr als mich lieben würde. Diabolico sagte mir wieder und wieder, daß Dad immer nur darauf aus gewesen wäre, meine Schwester zu retten und sich nicht für mich interessiert hätte. Und ich glaubte ihm, denn ich konnte mich nicht mehr an jene Nacht erinnern. Ich fühlte mich verlassen und einsam.
Doch Diabolico ließ es nicht dabei bewenden und stachelte meine Gefühle solange auf, bis ich schließlich bereit war, für ihn zu kämpfen. Als es zum ersten Kampf der Rangers gegen eines der Monster von Diabolico kam, erfuhr er – und damit auch ich – daß Dana eine der ausgewählten Personen war und daß ein Captain Mitchell den Befehl über sie hätte. Dieses Wissen nutzte Diabolico aus, um mich weiter gegen Vater, Dana und die Rangers einzunehmen. So kam es schließlich, daß ich in die Basis schlich, um die Titanium Power zu stehlen. Es gelang mir auch und die Power akzeptierte mich. Das hätte mir zu denken geben müssen, denn niemand, der wirklich böse ist, kann eine Rangerpower tragen. Egal, ob sie magischer Natur ist oder mechanisch erschaffen wurde. Doch ich war einfach zu wütend, zu verletzt, um nachzudenken.
Als es zum nächsten Kampf kam, war ich es, den Diabolico gegen die Rangers ins Feld führte. Sie fanden sehr bald heraus, wer ich war und versuchten mit allen Mitteln, mich zu ihnen zurückzuholen. Heute bedauere ich einige Worte sehr, die ich damals zu ihnen gesagt habe. Vor allem zu Dana und Dad. Die Beiden hatten am meisten unter meinem Zorn zu leiden. Dana, da ich glaubte, wegen ihr von Vater verlassen worden zu sein – und Dad wegen eben dieser Handlung."
Ryan schüttelte den Kopf. „Ich kann kaum glauben, was für ein Idiot ich doch war, Diabolico zu vertrauen. Einfach zu glauben, daß ein Vater sein Kind so ohne weiteres im Stich lassen würde..."
Leo sagte leise und voller Verständnis für Ryan: „So etwas würde ein Vater niemals tun. Doch du warst ein Kind, als es geschah. Und du fühltest dich bestimmt sehr alleingelassen, was Diabolico kräftig ausgenutzt hat."
„Das ist richtig", stimmte ihm Ryan zu, „und es ist trotzdem keine Entschuldigung. Aber wie gesagt, ich war voller Wut und reagierte nicht auf die Bemühungen der Rangers. Noch weniger jedoch legte ich Wert darauf, daß Vater versuchte, mir zu erklären, warum er damals so gehandelt hatte. Ich glaubte die Gründe dafür zu kennen und lief vor ihm davon.
Dann fand ich heraus, was Diabolico wirklich plante und es traf mich wie ein Blitz. Ich erkannte, was er mir angetan hatte. Er hatte mich als ein Werkzeug benutzt, welches er in dem Augenblick beiseite warf, in dem ich ihm keinen Nutzen mehr bringen konnte. Jener Augenblick ließ mich erkennen, daß ich ihm nichts bedeutete. Ganz im Gegensatz zu den Rangers. In dem Kampf, den ich gegen sie gefochten hatte, war ich in eine lebensbedrohliche Situation geraten und wie gesagt, Diabolico tat nichts, um mir zu helfen. Er verschwand einfach und ich glaubte schon, daß ich sterben würde.
Doch Carter...", Ryan schwieg für einen Moment, noch immer verwirrt über die Gründe, die seinen Freund dazu getrieben hatten, auf die Weise zu handeln, auf die er es getan hatte. „Carter versuchte mich zu retten. Verstehst du? Minuten vorher hatte ich noch gegen ihn gekämpft, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, ihn zu besiegen... Und dennoch war er bereit, sein eigenes Leben zu riskieren, um das meine zu retten. Ich gestehe, daß ich nicht begriff, warum er das tat. Damals jedenfalls nicht. Inzwischen habe ich eine recht gute Vorstellung davon, warum er so handelte.
Doch er kam gar nicht erst zum Zuge, denn auf einmal war mein Vater da und er befahl Carter und den Anderen, zurückzubleiben. Dann kam er auf mich zu... Kannst du nachvollziehen, wie ich mich in jenem Moment fühlte? Dad... er rettete mich aus jener Situation. Ich bin mir sicher, ich wäre sonst an jenem Tage gestorben. Es war für mich seltsam, meinen Vater, von dem ich glaubte, er hätte mich damals im Stich gelassen, voller Entschlossenheit sein Leben riskieren zu sehen, um mir beizustehen. Ich denke, das war der Zeitpunkt, an dem ich begriff, daß Diabolico mir mehr Lügen erzählt hatte, als ich angenommen hatte."
Ryan blickte seinen dunkelhaarigen Freund an, versuchte zu erkennen, wie Leo auf seinen Bericht reagierte. Ein wenig Angst regte sich schon in ihm, daß Leo vielleicht nicht würde nachvollziehen können, warum er so gehandelt hatte, wie er es getan hatte. Doch aus Leos grünen Augen leuchtete ihm nur Mitgefühl und Freundschaft entgegen, was in Ryan ein warmes Gefühl der Dankbarkeit weckte. Er spürte, daß Leo ihn nicht verurteilte. Mehr noch, Leo verstand ihn – seine Beweggründe und die Gefühle, die ihn getrieben hatten. Das alles konnte Ryan in den Tiefen von Leos Augen erkennen. Und es schenkte ihm den Mut und die Kraft, auch den Rest der Geschichte zu erzählen.
„Die Rangers hatten Vaters Befehl nicht gehorcht. Sie waren am Schauplatz unseres Kampfes geblieben, um gegebenenfalls helfen zu können. Sie waren es auch, die uns zur Basis zurückbrachten. Ich weiß noch, wie Dana auf mich zugerannt kam und sich mir an den Hals warf. Sie schluchzte irgendetwas und schien sich kaum von mir trennen zu können. Doch ich war zu jenem Zeitpunkt nicht in der Lage, darauf zu reagieren. Ich war zu verwirrt. Alles, was ich in den vergangenen Jahren geglaubt, alle, denen ich mein Vertrauen geschenkt hatte, hatten mich betrogen. So schottete ich mich ab gegen ihre Versuche, mit mir Freundschaft zu schließen. Ich war so zornig...es war mir, als hätte man mich ein zweites Mal im Stich gelassen.
Doch Vater gab nicht auf, ebensowenig wie Dana und ihre Freunde. Vater kam immer wieder zu mir, ließ mich nicht allein mit meinem Zorn, sondern versuchte wieder und wieder, mit mir über jene Nacht vor zehn Jahren zu reden. Und eines Tages hatte er dann Erfolg – ich konnte ihn einfach nicht mehr ignorieren. Es war hart, ihm zuzuhören. Ich hatte alles getan, um ihn zu verletzen. Aber er war trotzdem zurückgekommen, jedes Mal.
Jeden Morgen stand er in der Tür des Quartiers, welches man mir zugewiesen hatte und erkundigte sich nach meinem Ergehen. Zuerst hatte ich geglaubt, er mache sich lustig über mich, doch mit der Zeit erkannte ich die Wahrheit. Daß hinter seiner Geduld Liebe steckte. Er liebte mich. Nach allem, was ich ihm und den Rangers angetan hatte, liebte er mich trotzdem noch immer." Ryan schwieg, erneut ergriffen von den starken Gefühlen, die diese Erkenntnis in ihm ausgelöst hatte.
„Du hast Recht, Ryan. Weißt du, die Liebe eines Vaters oder einer Mutter vergeht nicht einfach, nur weil man nicht das tut, was sie für dich geplant hatten. Ein Bruder hört nicht auf, seine kleine Schwester zu lieben, auch wenn sie ihn verärgert. Ebensowenig kannst du diese Schwester dazu bringen, nicht mehr voller Liebe zu ihrem Bruder aufzusehen.
Manchmal enttäuscht man die Menschen, welche einen lieben, macht Fehler, die nicht hätten sein müssen – und trotzdem bleiben ihre Gefühle für dich stark und nicht zu erschüttern. Ich habe bemerkt, wie dein Vater dich ansah, als ich euch von Mikes...", Leo zögerte kurz und Schmerz stahl sich auch nach der langen Zeit, die seit jenem Zwischenfall vergangen war, in seine Stimme, als er fortfuhr, „...Verschwinden berichtete. Er konnte sich in jenem Augenblick besser als jeder Andere in mich hineinversetzen, denn er hatte Ähnliches erlebt. Dein Vater liebt dich über alles, Ryan."
„Ich weiß." Ryan sprach nur diese zwei Worte, doch sie enthielten eine ganze Welt an Gefühlen. „Jetzt weiß ich es, denn ich kann spüren, daß er sich um Dana und mich Sorgen macht. Er ist erleichtert, wenn wir unverletzt aus einem Kampf zurückkommen, er spürt, wenn uns irgendetwas beschäftigt... Es sind die kleinen Dinge, die mir seine Liebe für uns verdeutlicht, denn Vater ist kein Mensch, der offen über seine Gefühle spricht. Doch auch wenn er das nicht tut, heißt das noch lange nicht, daß er diese Gefühle nicht besitzt.
An jenem Tag jedoch, als er wieder einmal einen Versuch startete, mit mir ins Reine zu kommen, da hat er über seine Gefühle gesprochen." Ryan lächelte voller Wärme, als er daran zurückdachte. „Er erzählte mir von dem Unfall – was wirklich geschehen war. Doch irgendwie empfand ich diese Erzählung nur als Rahmenhandlung für die Gefühle, die darin verborgen lagen. Ich erkannte, was es meinen Vater gekostet haben mußte, mich damals gehen zu lassen. Doch er hatte die Wahl gehabt, daß wir entweder alle Drei sterben würden oder daß er Diabolico gestattete, mich mitzunehmen. So würde ich weiterleben, wenn auch nicht in seiner Nähe. Er wußte die ganzen Jahre über, daß ich lebte – irgendwo, wo er mich nicht erreichen konnte. Doch ich lebte, und das war für meinen Vater das Entscheidende." Ryans Augen leuchteten voller Liebe für seinen Vater, doch als er aufblickte, sah er Tränen in Leos Augen schimmern.
„Leo, was hast du denn?", rief Ryan besorgt aus und beugte sich zu seinem Freund vor. Leo versuchte zu lächeln, doch es mißlang ihm.
„Dein Vater und ich haben mehr gemeinsam, als ich glaubte. Verstehst du, als Mike damals in diesen Abgrund stürzte... Meine Freunde glaubten, er sei tot. Doch ich konnte mich nicht dazu durchringen, zu glauben, daß mein Bruder mir für immer genommen sei. Etwas in mir sagte mir, daß er noch lebte. Ein Gefühl, das mir verbot, aufzugeben. Damit aufzuhören, zu hoffen.
Ich klammerte mich an jenes Gefühl, das mir die Hoffnung gab, Mike würde eines Tages zu mir zurückkehren. Es dauerte ein halbes Jahr und viele, viele schlaflose Nächte, in denen ich mir nichts sehnlichster wünschte, als daß er wieder bei mir wäre. Nächte, in denen mein Glaube daran, daß Mike noch lebte, auf mehr als eine harte Probe gestellt wurde. Doch dann", Leos Augen strahlten auf einmal auf, „dann wurde meine Hoffnung erfüllt und mein Bruder war wieder da. Er kehrte zurück – das war der glücklichste Moment in meinem Leben. Ein Moment, den ich niemals vergessen werde."
Leo machte eine Pause, dann fuhr er fort: „Dein Vater ist ein sehr starker Mann, Ryan. Zehn Jahre auf einen solchen Augenblick zu warten... Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage gewesen wäre."
Ryan mußte schlucken, als er die Sachlage aus Leos Position neu betrachtete. Mit den Augen seines Freundes gesehen, wurde die Tat seines Vaters noch unglaublicher. Stellte einen noch größeren Beweis der Vaterliebe des Captains dar, als Ryan schon gewußt hatte. Eine Weile schwiegen die zwei Freunde, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.
Dann meinte Ryan: „Jedenfalls veränderte Vaters Geschichte mein Bild der Lage. Ich wußte mich auf einmal geliebt von einem Menschen, den ich lange Zeit als herzlos abgetan hatte. Doch dadurch war ich nun vollends verwirrt. Ich wußte nicht mehr, wie ich ihm oder den Rangers gegenüber reagieren sollte. Denn auch Dana und die Anderen waren nicht davon abzuhalten, mich zu besuchen und – was mich am meisten erstaunte – mich gern zu haben.
Vor allem Carter... Nach allem, was ich getan hatte – ich hatte mehrmals versucht, ihn zu verletzen, wenn nicht gar zu töten. Und doch war er es, der versuchte, mich in das Team zu integrieren. Ich weiß, daß Dad das auch wollte, doch wäre Carter dagegen gewesen, hätte ich keine Chance gehabt. Damit will ich nicht sagen, daß Chad, Kelsey und Joel nichts unternommen hatten, um mich aus meiner selbstgewählten Isolation, in die ich mich voller Verwirrung geflüchtet hatte, herauszuholen. Doch Carter ging weiter. Er lud mich zum Training ein, er fragte mich nach meinen Interessen – und er kam zu mir, um sich Ratschläge zu holen." Ryan klang bei den letzten Worten noch immer voller Erstaunen.
Leo lächelte nur und fragte: „Warum nicht, Ryan?"
Dieser blickte an Leo vorbei und sagte nur leise: „Ja, warum nicht."
„Es wunderte dich, daß sie deine Freunde werden wollten. So, wie du dir bei mir unsicher warst. Warum?" Leo war hartnäckig, wollte nun ganz genau wissen, was Ryan bewegte. Er spürte, daß diese Fragen geklärt werden mußten, sollte Ryan endlich wieder genug Selbstvertrauen im Umgang mit seinen Freunden erlangen.
„Sie kannten meinen Hintergrund, hatten erlebt, was ich getan hatte... Ich wußte nicht, wie sie trotzdem noch freundschaftliche Gefühle für mich entwickeln konnten. Ich... ich war es einfach nicht gewohnt, daß sich jemand um mich Sorgen machte. Daß sie mit mir etwas unternehmen wollten – nur aus der Freude daran, daß ich dabei war. Ich kannte es einfach nicht."
Das Bekenntnis hing in der Luft und Ryan verstummte hilflos, da er nicht anders erklären konnte, was ihn veranlaßt hatte, so ängstlich auf die an ihn von den anderen Rangers herangetragenen Freundschaftsangebote zu reagieren. Leo hatte Ryan nicht mehr unterbrochen, da er gespürt hatte, daß dieser sich die Sache von der Seele hatte reden müssen. Ryan mußte sich klar darüber werden, daß er genauso wie jeder Andere viele liebenswerte Qualitäten hatte, die ihn zu einem begehrten Freund machten.
„Du wirst dich daran gewöhnen müssen, Ryan. Ich habe nicht den Eindruck, daß Carter, Chad, Kelsey und Joel – und vor allem deine Schwester nicht – aufgeben werden, sich um dich zu bemühen. Und damit du es gleich weißt, ich werde unter keinen Umständen damit aufhören, dich gern zu haben. Ist das verstanden? Freunde kann man nie genug haben, merke dir das, Ryan. Mit Freunden werden Probleme leichter, denn du hast dann immer jemanden, der dir sie zu tragen hilft. Laß sie – laß uns alle – an dich heran, ja?" In Ryan Augen schimmerte es verdächtig feucht nach Leos einfühlsamen Worten und er nickte nur, da er einen dicken Kloß im Hals hatte, der ihn daran hinderte, zu sprechen.
Leo strahlte ihn an und machte es sich wieder gemütlich. „So, da das nun geklärt ist, glaube ich, wir können beide noch eine Runde Schlaf gebrauchen. Sonst läßt mich diese Ärztin noch in drei Wochen hier im Bett liegen. In Ordnung?" Ryan grinste, angesichts von Leos Worten.
„Schlaf ruhig, Leo. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern noch ein Weilchen hier bleiben. Es ist irgendwie friedlich hier drin und ich möchte noch etwas über deine Worte nachdenken."
„Das ist mir nur Recht, Ryan. Mach es dir gemütlich." Damit schloß Leo die Augen und war wenige Minuten später wieder eingeschlafen. Ryan bemerkte, daß sein Freund wohl doch den Schlaf noch sehr nötig hatte, um Kräfte zu sammeln.
Ryan zog sich noch einen Stuhl heran und legte die Beine darauf. Er beobachte Leos friedlichen Schlaf und dachte über dessen kluge Worte nach. Es hatte ihn sehr erleichtert, endlich mit jemandem über seine verworrenen Gefühle sprechen zu können. Und Leo war genau der Richtige dafür gewesen. Zuerst hatte er nur zugehört, doch an der richtigen Stelle hatte er Worte gesprochen, die bei Ryan auf fruchtbaren Boden gefallen waren. So befreit wie in diesem Augenblick hatte sich Ryan schon lange nicht mehr gefühlt, so voll innerem Frieden. So entspannt, wie er war, war es kein Wunder, daß auch Ryan wenig später in einen ruhigen und tiefen Schlaf gefallen war.
Die Atmosphäre in dem kleinen Raum war voller Harmonie, als Stunden später Mike und seine Freunde sowie die fünf Lightspeed Rangers noch vor dem Mittagessen auf der Krankenstation erschienen, um sich nach Leos Zustand zu erkundigen und Doktor Johannsen noch immer schlafend an ihrem Schreibtisch vorfanden. Die Zehn überlegten, ob sie die Ärztin wecken sollten, denn auch sie hatte anscheinend in letzter Zeit zu wenig Schlaf bekommen. Sie entschieden sich dagegen und versuchten sie, möglichst leise zu sein, während sie die Krankenstation auf dem Weg zu Leos Zimmer durchquerten.
Doch die Gruppe der Freunde machte Geräusche, auch wenn sie noch so sehr versuchten, sich ruhig zu verhalten. Doktor Johannsen rührte sich und hob verschlafen den Kopf. Als sie die zehn Rangers erkannte, die wie ertappte Sünder aussahen und schon halbwegs an Leos Tür waren, war die Ärztin auf einmal schlagartig hellwach.
Ihre grauen Augen verengten sich mahnend, als sie sagte: „Ich sagte doch, ihr sollt erst morgen früh wiederkommen! Ist es denn wirklich zuviel verlangt, daß ihr euren Freund wenigstens die Nacht über schlafen laßt?" Die zehn Rangers sahen sich an und grinsten.
Dann wandte sich Joel Doktor Johannsen zu und meinte fröhlich: „Aber das haben wir doch getan! Schließlich ist es morgen! Wir haben brav ihre Anordnung befolgt und bis zum nächsten Tag gewartet. Und hier sind wir wieder!"
„Wie bitte?" Doktor Johannsen reagierte vollkommen verblüfft. „Es ist schon morgens? Aber dann habe ich ja geschlafen! Wie konnte mir das nur passieren? Ich hätte doch nach meinem Patienten sehen müssen!" Sie erhob sich voller Aufregung darüber, daß sie ihre Pflichten derartig vernachlässigt hatte.
„Doktor, beruhigen Sie sich. Wann haben Sie das letzte Mal geschlafen?", erklang in diesem Moment die ruhige Stimme von Captain Mitchell. Er stand in der Tür zur Krankenstation und hatte die Situation mit einem Blick erfaßt. Die Rangers warfen ihm fröhliche Blicke zu und tauschten ihre morgendlichen Grüße mit ihm aus.
Währenddessen hatte sich Doktor Johannsen wieder gesetzt, war aber noch immer entsetzt über ihre mangelnde Wachsamkeit. Als der Captain zu ihr trat und seine Frage wiederholte, antwortete sie: „Bevor mein Patient eingeliefert wurde. Er brauchte alle Aufmerksamkeit, damit er sich erholen konnte. Danach mußte ich außerdem laufend darüber wachen, daß seine Freunde ihn nicht vom Schlafen abhielten."
Die Angesprochenen warfen sich reuevolle Blicke zu, konnten sich jedoch ein Grinsen nicht verkneifen. Es amüsierte sie, die strenge Ärztin derartig verwirrt zu erleben. Diese erhob sich jetzt wieder und meinte: „Ich muß jetzt unbedingt nach meinem Patienten sehen! Daß mir das passieren konnte! Wenn er nun in der Nacht Hilfe nötig gehabt hätte, nicht auszudenken!"
Hier erklang Mikes dunkle, sanfte Stimme. „Beruhigen Sie sich wieder, Doktor. Wenn Leo Hilfe gebraucht hätte, wäre mir das sicher nicht entgangen. Doch dem war nicht so, also regen Sie sich nicht auf. In Ordnung?"
Damit wandte sich Mike von der Ärztin ab, die nicht so recht wußte, was sie von seinen letzten Worten halten sollte und trat erneut auf Leos Zimmertür zu. Er öffnete sie und trat, gefolgt von seinen Freunden, ein. Doch schon wenige Schritte später blieben die Zehn wieder stehen und betrachteten schweigend das Bild, das sich ihnen bot.
Leo lag auf der Seite und schlief, wie erwartet, noch immer tief und fest. Doch bei ihm saß Ryan, in seinen Stuhl zurückgelehnt und die Füße auf einem zweiten Stuhl. Auch er war tief im Schlaf und wirkte... Die Lightspeed Rangers sahen sich verwundert an. Sie wußten nicht recht, wie sie beschreiben sollten, was sich an Ryan verändert hatte. Doch so entspannt und in Frieden mit sich selbst hatten sie ihn noch nicht erlebt.
Hinter den Rangers waren auch Doktor Johannsen und Captain Mitchell in den Raum getreten und verharrten ebenso verblüfft wie die jungen Leute angesichts des Anblicks, der sie begrüßte. Jedoch beruhte ihre Reaktion auf verschiedenen Beweggründen. Während der Captain erstaunt – und erleichtert – seinen schlafenden Sohn betrachtete, hob der Anblick von Ryan an Leos Bett die so schon nicht glänzende Laune der Ärztin nicht gerade. „Ja, hört denn hier überhaupt niemand mehr darauf, was ich sage?" In ihrer Verärgerung hatte die Ärztin lauter gesprochen als eigentlich beabsichtigt und weckte damit die zwei schlafenden Freunde.
Als Leo die Augen öffnete und seine Freunde an seinem Bett stehen sah, stahl sich ein erfreutes Lächeln auf seine Züge. „Je früher der Morgen, desto besser die Gäste", meinte er, während er sich auf einen Ellenbogen stützte. Dann hörte Leo, wie sich Ryan auf seinem Stuhl hinter ihm regte und warf ihm über die Schulter ein Lächeln entgegen, welches zum Erstaunen der Anwesenden ebenso offen und voller Gefühl erwidert wurde.
Leo sagte: „Wir haben Besuch, mein Freund."
Ryan blickte von Leos fröhlich blitzenden Augen zu den Gesichtern seiner Freunde und meinte dann: „Und wie mir scheint, nicht zu wenig davon."
Leo warf ihm einen scheinbar tadelnden Blick zu und grinste dann schelmisch: „Merk dir eines, mein unwissender Freund – Besuch kann man nie genug haben."
„Wenn du das sagst, wird es schon stimmen, großer Meister", antwortete Ryan neckend und sah Leo unter hochgezogenen Augenbrauen an.
„Hey, nun werd' nicht frech!", rief Leo aus und boxte Ryan leicht in den Arm.
Dann lächelten sich die Beiden voller Einvernehmen an und vergaßen für kurze Zeit die anderen anwesenden Personen im Raum. Diesen offenbarte sich ein Schauspiel, auf das sie nicht zu hoffen gewagt hätten. Daß Ryan derart aus sich herausging, war schon ein kleines Wunder. Und nicht nur das, die Aura aus Unsicherheit und Verschlossenheit, welche man immer um ihn herum hatte wahrnehmen können, war verschwunden. Ersetzt durch Fröhlichkeit und einem Gefühl der Freundschaft für Leo, welches von Ryan ausging wie pures Licht. Man konnte regelrecht spüren, wie sehr die zwei jungen Männer sich mochten.
Mike trat nun leise näher an den Captain heran und sagte zu ihm: „Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Leo sich um Ryan kümmern würde, Sir. Ich glaube, jetzt ist für Ihren Sohn alles wieder in Ordnung." Mitchell schenkte Mike ein erstauntes, nichtsdestotrotz glückliches Lächeln. „Ich hätte es nicht mehr zu hoffen gewagt, daß Ryan noch einmal so fröhlich und ausgeglichen wäre..."
Carter stand in der Nähe der Beiden und hatte ihre leise Unterhaltung mitangehört. Und in seinem Herzen dankte er Leo dafür, daß es diesem gelungen war, Ryan aus seiner Isolation herauszuholen und ihn wieder zu einem aufgeschlossenen jungen Mann zu machen, der seine Freunde nicht mehr von sich fernhalten würde.
„Junger Mann, haben Sie eigentlich nicht mitbekommen, was ich gestern zu Ihnen und Ihren Freunden gesagt habe? Hmm?", fragte Doktor Johannsen in diesem Moment, trat auf Ryan zu und stemmte die Hände in die Hüften. Dabei sah sie den Titanium Ranger strafend an, der sie für einen Augenblick verwirrt anschaute und dann entschuldigend lächelte. „Es tut mir leid, Doktor, daß ich Ihrer Anweisung nicht Folge geleistet habe, doch ich mußte etwas mit Leo besprechen, daß..."
„Es ist mir egal, was Sie von meinem Patienten wollten. Ich hatte mich – so dachte ich jedenfalls – klar und deutlich ausgedrückt : Kein Besuch mehr, bevor es ihm bessergeht. Was war daran nicht zu verstehen?" Ryan blickte die Ärztin aus seinen blauen Augen unverwandt an, als er schließlich sagte: „Es tut mir leid, Doktor."
Seine Entschuldigung war ehrlich gemeint, und doch konnte man spüren, daß Ryan sich nicht schuldig fühlte. Er wußte nämlich genau, er hatte Leos Genesung nicht behindert oder seinen Zustand sogar verschlechtert. Inzwischen war es Ryan möglich, dies zu erkennen. Er wurde nicht mehr behindert durch Schuldgefühle, sondern fühlte sich viel zu erleichtert durch das klärende Gespräch mit Leo, als daß er jetzt zugelassen hätte, daß seine Unsicherheit wieder Überhand nahm.
„Doktor, wann dürfen wir Leo wieder besuchen?", mischte sich nun Chad in das Gespräch. Seine Freunde und er waren begierig darauf, die Erzählung weiterzuhören, mit der sie durch das Eintreten der Ärztin am vorherigen Tag nicht zuende gekommen waren.
Die Angesprochene drehte sich mit blitzenden Augen zu Chad um, funkelte ihn an und meinte dann: „Wie oft soll ich es denn noch sagen? Wie soll euer Freund gesund werden, wenn ihr ihm nicht die Zeit dazu gönnt?"
Die Freunde prallten ein wenig zurück, angesichts des Zorns in den Augen von Doktor Johannsen. Ihnen fehlten die Worte, um auf die Fragen der Ärztin angemessen zu antworten. Captain Mitchell hob nur schweigend die Brauen und überlegte, wie er die Situation entschärfen konnte.
Doch die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als sich Leos Stimme vernehmen ließ. „Und wie soll ich gesund werden, wenn Sie nicht einmal meine Freunde zu mir lassen, um mir Gesellschaft zu leisten? Ich schlafe schließlich nicht den ganzen Tag lang!" Überrascht drehte sich Doktor Johannsen zu ihrem Patienten um, der sie fragend ansah.
„Aber...", die Ärztin zuckte geschlagen mit den Schultern und sagte schließlich: „Nun gut, ich hätte einen Vorschlag – einen Kompromiß sozusagen."
Doktor Johannsen wandte sich den elf Rangers zu: „Wenn ihr mir versprecht – und euch auch alle daran haltet", hier traf Ryan ein bezeichnender Blick der Ärztin, „daß ihr nicht laufend hier ein- und ausgeht und euren Freund schlafen laßt, wenn er müde wird... Ihr ihm also die nötige Erholung gönnt...dann, und nur dann, bin ich bereit zu erlauben, daß ihr hier bei ihm bleiben dürft. Aber", die Ärztin hob die Stimme, um das freudige Geplauder der Freunde zu übertönen, „nicht alle auf einmal. Zwei oder drei von euch genügen vollkommen. Seid ihr einverstanden?"
„Das ist ein wirklich guter Vorschlag", stimmte Captain Mitchell der Ärztin zu und blickte fragend zu den Rangers, die für einen Moment überlegten und nach einem Blick in Leos leuchtende Augen nickten. „Na gut, dann macht euch jetzt raus hier, denn wie ich euch inzwischen kenne, habt ihr bestimmt noch nicht gefrühstückt. Kommt danach wieder, dann habe ich euren Freund untersucht und ihr könnt euch eine Weile zu ihm setzen." Doktor Johannsen scheuchte die Freunde aus dem Zimmer, die nach Abschiedsgrüßen für Leo und dem Versprechen, bald wiederzukommen, ersteinmal verschwanden, um etwas zu essen.
Knapp anderthalb Stunden später lugte der Kopf von Mike durch die Tür und lächelte seinen Bruder an, der mit neu verbundener Bauchwunde und dem linken Knöchel im Stützverband im Bett lag und ein Buch las. Leo blickte auf und sah dabei zu, wie hinter seinem älteren Bruder noch Kendrix und Carter ins Zimmer kamen.
Die Drei machten es sich an seinem Bett bequem, während Leo herauszufinden versuchte, was geschehen war. Mike erzählte ihm gleich, daß die elf Freunde untereinander ausgemacht hatten, daß sie abwechselnd bei Leo sitzen wollten, damit er nicht so allein war. Alle zwei bis drei Stunden wollte sie sich ablösen. Als er das hörte, leuchtete es in Leos Gesicht dankbar auf.
So verging der Tag sehr schnell. Mit jeder Gruppe von Freunden, die nacheinander das Zimmer betrat, hatte Leo rasch ein Thema auch abseits des Rangeralltags gefunden, worüber sie sich unterhalten konnten. Und wenn Leo müde wurde, dann saßen seine Freunde einfach nur still bei ihm oder unterhielten sich leise. Das machte ihnen nichts aus, denn sie wußten, je mehr Kraft Leo durch den Schlaf schöpfen konnte, desto schneller würde er wieder auf die Beine kommen.
Während der nächsten Tage verfielen die Freunde rasch in eine Routine. Morgens nach dem Frühstück kamen sie ersteinmal alle, um Leo einen guten Morgen zu wünschen. Dann verließen die Freunde, bis auf diejenigen, die bei Leo bleiben würden, den Raum, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Denn auch Maya, Damon sowie Kai, Kendrix und Mike wollten gern die Basis kennenlernen und etwas über Mariner Bay erfahren. Davon berichteten sie dann Leo, wenn sie wieder bei ihm saßen.
So vergingen knappe zwei Wochen, als die Rangers eines Morgens, wie gewohnt, nach dem Frühstück die Krankenstation betraten und mitten in eine Diskussion gerieten. Doktor Johannsen war gerade dabei, Leo davon abzuhalten, aus dem Bett zu steigen. Dieser hatte sich während der vergangen zwölf Tage zur Erleichterung aller sehr gut erholt und wirkte schon fast wieder völlig fit.
Als die Freunde durch die offene Tür traten, hörten sie Leo gerade sagen: „Doktor, ich will doch keinen Marathonlauf mitmachen. Ich weiß besser als jeder Andere, daß ich dazu noch nicht wieder in der Lage wäre. Aber wenn ich hier nicht mal herauskomme, gehe ich ein! Ich muß endlich mal wieder an die frische Luft, und wenn es nur für ein paar Stunden ist!" Ein drängender Ton, aber auch ein Hauch von Verzweiflung lag in Leos Stimme, als er seine Ärztin zu überzeugen versuchte. Man spürte förmlich, wie sehr es Leo danach verlangte, endlich einmal wieder etwas anderes als die vier Wände seines Krankenzimmers zu sehen.
„Aber dadurch könnte deine Verletzung am Bauch wieder aufbrechen! Ich weiß nicht, ob das wirklich so gut wäre, Leo", antwortete ihm die Ärztin, die zwar verstehen konnte, daß ihr Patient langsam vom Herumliegen genug hatte, andererseits aber auch auf seine heilenden Wunden Rücksicht nehmen mußte. „Vielleicht würdest du dann noch einmal wochenlang in diesem Bett liegen müssen und das willst du doch auch nicht!"
Die eintretenden Freunde sahen, wie Leo daraufhin ergeben den Kopf senkte. Er verstand die Argumente der Ärztin sehr gut, doch er bekam langsam einfach keine Luft mehr in diesem Zimmer. Leo war schon immer sehr gern draußen im Freien gewesen und fühlte sich in engen Räumen bald eingeschränkt, vor allem, wenn er nichts hatte, mit dem er sich beschäftigen konnte.
Als Doktor Johannsen die Reaktion ihres Patienten beobachtete, fühlte sie sich auf einmal elend. Leo war ein geduldiger und unkomplizierter Patient gewesen und hatte alle Anweisungen, die sie ausgesprochen hatte, widerspruchslos befolgt. Und nun hatte sie ihm diese eine kleine Bitte abgeschlagen.
„Es tut mir sehr leid, Leo. Ich...", begann die Ärztin voller Schuldgefühl, wurde jedoch durch Joels Stimme hinter ihrem Rücken unterbrochen. „Wie wäre es, wenn wir draußen irgendwo ein Picknick veranstalten würden? Dann müßte sich Leo nicht so sehr anstrengen und er könnte trotzdem an die frische Luft. Ginge das nicht, Doktor?"
Die Ärztin hatte sich beim Eintritt der elf Freunde umgedreht und Joels Vorschlag aufmerksam gelauscht. Nun wiegte sie nachdenklich den Kopf, doch als sie Leos bittende grüne Augen auf sich gerichtet sah, konnte sie nicht widerstehen. Und es war schließlich auch nichts dagegen einzuwenden. Sie wußte, seine Freunde würden darauf achten, daß Leo sich nicht überanstrengte. Und es hatte ihr so leid getan, ihm seine Bitte abzuschlagen. Also nickte sie zustimmend und bekam strahlende Gesichter als Dank dafür.
„Das war eine glänzende Idee, Joel", sagte Carter und im gleichen Moment legte sich eine Hand auf Joels Schulter. „Ja, Carter hat Recht. Dankeschön, Joel. Das bedeutet Leo sehr viel, weißt du?" Kendrix war zu Joel getreten und sah nun dankbar zu ihrem neuen Freund auf. Joel errötete verlegen, daß seine Freunde so ein Aufheben um seinen Vorschlag machten. Er hatte doch nur helfen wollen und nun das!
„Du bist ja richtig sensibel", konnte sich Chad nicht verkneifen, anzumerken. Daraufhin setzte Joel ein Gesicht auf, als wäre er dadurch schwer beleidigt. „Was glaubst du denn! Als wenn ich jemals unsensibel gewesen wäre!", grummelte er gutmütig. Gelächter antwortete ihm und die Gruppe wandte sich wieder Leo und Doktor Johannsen zu, die sie schweigend beobachteten.
Nun sagte die Ärztin: „Nun, wenn ihr heute noch auf Tour gehen wollt, solltet ihr jetzt verschwinden und alles organisieren. Kommt am frühen Nachmittag wieder, dann werde ich meinen Patienten ‚aus der Haft' entlassen", setzte sie mit einem Hauch an Sarkasmus in der Stimme hinzu. Ihr war nicht verborgen geblieben, daß die Freunde schon ein wenig über ihre Strenge in Hinblick auf Leos Genesungsprozeß gelästert hatten. Und jetzt hatte sie es sich nicht nehmen lassen, dies den verblüfften Freunden auf mehr oder weniger subtile Weise nahezubringen. Diese hatten auch alle den Anstand, rot zu werden und verlegen auf ihre Füße zu blicken.
Leo begann zu grinsen und auch Doktor Johannsen konnte sich ein Lächeln nicht verbeißen. „Jetzt haben Sie es ihnen aber gezeigt, Doktor", schmunzelte Leo und tauschte mit der Ärztin einen amüsierten Blick. Die Rangers hoben die Köpfe und wollten sich bei der Ärztin entschuldigen, doch diese hob die Hand und sagte: „Versprecht mir, gut auf euren Freund achtzugeben und ihn nicht zu überanstrengen. Dann vergesse ich ganz schnell, was ich gehört habe. In Ordnung?" Eifriges Nicken antwortete ihr und sie lächelte. Es war erstaunlich, wie sehr sich ihre strenge Haltung dadurch veränderte. Die Rangers erkannten, daß Doktor Johannsen nur aus Sorge um Leo so streng mit ihm, und vor allem mit ihnen, umgegangen war.
Die elf Freunde zogen sich jetzt rasch zurück, doch nicht, ohne Leo zu versprechen, wenig später wiederzukommen. „Und dann machen wir ein super Picknick – endlich mal wieder", seufzte Damon ganz sehnsüchtig, was ihm einen schrägen Blick von Maya eintrug.
„Du klingst, als hättest du seit Wochen nichts gegessen! Du bist und bleibst ein Vielfraß, Damon", sagte sie und handelte sich damit ein „Hey, was soll ich denn machen? Ich bin nun einmal notorisch hungrig!" von dem Angesprochenen ein, was wiederum ihre Freunde zum Lachen brachte. Unter fröhlichem Geplauder verließen die Elf das Krankenzimmer und machten sich auf den Weg, um das Picknick vorzubereiten.
Leo dagegen sah seine Ärztin dankbar an und meinte leise: „Ich danke Ihnen, Doktor. Und entschuldigen Sie, daß ich Sie so unter Druck setze."
Doktor Johannsen antwortete ihm darauf: „Leo, du brauchst dich dafür wirklich nicht zu entschuldigen. Du warst die ganze Zeit ein sehr angenehmer Patient – da hatte ich schon viel Schlimmere! Ich kann dich ja gut verstehen, daß du hier endlich einmal wieder herauswillst. Ruh' dich jetzt noch ein wenig aus, denn trotz ihres Versprechens denke ich nicht, daß dir deine Freunde nachher viel Ruhe gönnen werden."
Leo grinste daraufhin, denn er wußte, die Ärztin hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Doch die Vorfreude auf das Zusammensein mit seinen Freunden ließ seine Augen derartig leuchten, daß Doktor Johannsen erkannte, sie hatte das Richtige getan. Vielleicht brachte die Gesellschaft seiner elf Freunde Leo mehr Entspannung, als man annehmen würde. Und er hatte sich eine Belohnung verdient, nach allem, was ihm widerfahren war.
Leo hatte sich zurückgelehnt und sah nun der Ärztin nach, die das Zimmer verließ. Er lächelte in sich hinein und schloß dann die Augen, um auf seine Freunde zu warten. Wenige Stunden später, Leo war inzwischen in einen leichter Dämmerschlaf gefallen, wurde er dadurch geweckt, daß es an seine Tür klopfte. Wenig später lugte Kendrix um die Ecke. Ihre Augen strahlten vor Freude, als sie auf Leo zutrat.
„Hier, ich habe dir ein paar Sachen mitgebracht. Mike hat sie von Alpha runterholen lassen. Und dann, auf zu unserem Picknick!" Es klang so viel Freude in Kendrix' Stimme mit, daß Leo zu lachen begann. „Du klingst wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum, Kendrix", rief er amüsiert aus.
Seine Freundin blickte ihn mit spaßhaft gerunzelter Stirn an, dann lächelte sie ebenfalls und beugte sich zu ihm herunter, um ihm einen Kuß auf die Stirn zu drücken. „Hmm, das gefällt mir", murmelte Leo und streckte den Arm nach Kendrix aus.
Diese wollte sich gerade zu ihm setzen, als sich jemand an der Tür räusperte und eine Stimme erklang, die sagte: „Ich will euch ja nicht stören, aber wir warten auf euch Zwei." Kendrix verbarg ihren Kopf an Leos Schulter und errötete sanft. Auch Leo konnte nicht verhindern, daß ihm die Farbe ins Gesicht stieg, doch er legte seinen Arm schützend um seine Freundin und entgegnete dem Sprecher humorvoll: „Kann man denn hier nicht einmal zwei Minuten ungestört sein? Wir kommen ja gleich, nicht so ungeduldig!"
Carter, der an der Tür gestanden hatte, lächelte und trat zurück in den Vorraum. „Sie sind gleich da", informierte er seine wartenden Freunde. Leos Teamkameraden sahen sich an und grinsten in sich hinein. Sie kannten das zur Genüge. Wenn Leo und Kendrix sich in die Augen sahen, konnte neben ihnen eine Kanone hochgehen und sie würden es nicht mitbekommen. „Ja, ja", seufzte Damon dramatisch, „muß Liebe schön sein."
„Das haben wir gehört, Damon", erklang da Leos Stimme. Die Freunde wandten sich um und sahen Kendrix und Leo Hand in Hand in der Tür stehen.
Bei Leos Anblick fühlten sich die sechs Lightspeed Rangers unwillkürlich an den Tag erinnert, als er mitten in ihrem Kommandoraum aufgetaucht war, um mit ihnen zu reden. Nachdem er sich zurückverwandelt hatte, um jedwede Bedrohung, die man vielleicht in ihm sehen mochte, zu entkräften, hatte er genauso ausgesehen. Auch damals hatte er ein rotes T-Shirt über einer Jeans getragen, nur, daß die Hose damals beige und nun von hellem Blau war. Und er trug wieder die weiche Lederjacke mit den vielen Fliegerabzeichen darauf. Alles in Allem genommen bot er ein Bild vollster Gesundheit.
Das bestätigte sich, als das Paar nun auf ihre Freunde zutrat. Mit jedem Schritt, den er machte, bewegte sich Leo geschmeidiger, bis er sich wieder mit fast ebenso kraftvoller Eleganz bewegte wie vor seinen Verletzungen. Das Leuchten in den Augen seiner Freunde, aber vor allem in den Augen seines älteren Bruders, nahm von Sekunde zu Sekunde zu, als Leo wieder in ihre Mitte zurückkehrte. Sie wußten, nun würde es nicht mehr lange dauern, bis Leo vollständig genesen war.
Leo bemerkte, daß einige ihrer Freunde fehlten und sah den Rest der Rangers fragend an. „Wo sind denn Kelsey, Maya, Chad und Dana?" „Sie warten auf uns bei unserem Picknick", antwortete Mike seinem Bruder und fügte dann hinzu: „Wir sollten uns beeilen, sonst fällt uns Damon noch vor Hunger um!"
„Hahaha", versetzte dieser gutmütig, streckte aber gleichzeitig Joel die Hand entgegen, damit dieser ihn bei seinem Teleport begleiten konnte. Das Gleiche tat Mike bei Ryan und Kai bei Carter. So blieben nur noch Kendrix und Leo übrig, die sich erneut an den Händen faßten.
Die acht Freunde blickten sich noch für einen Moment an, dann tippte Damon auf seinen Transporter und Joel und er lösten sich in grünfarbenes Licht auf. Mike und Ryan wurden zu schwarz-goldenen und silbernen Strahlen, während Kai und Carter sich in blaues bzw. rotes Licht verwandelten. Leo und Kendrix verweilten noch für einige Sekunden, um aneinandergelehnt den Teleport ihrer Freunde zu beobachten. Dann gab Kendrix ihrem Freund einen Kuß und gemeinsam faßten sie an ihre Transporter und wurden gleich darauf zu Säulen aus warmem roten und pinkfarbenem Licht, als sie ihren Gefährten nacheilten.
An ihrem Bestimmungsort angekommen, erwartete die Beiden ein wundervoller Ausblick. Die Lightspeed Rangers hatten darüber abgestimmt, wo sie ihr Picknick veranstalten sollten und hatten sich auf ein abseits gelegenes Waldstück besonnen, welches an einem See lag und einen ausgezeichneten Blick bot. Die Aussicht war atemberaubend und Leo war für einen Augenblick von der frischen Luft und den vielen Gerüchen, die nach der langen Zeit in seinem Krankenzimmer auf ihn einströmten, wie gebannt. Die Sonne strahlte warm auf die Freunde herab und kleine weiße Wolken segelten wie Schiffe am Himmel entlang. Vögel sangen in den Bäumen ihr fröhliches Lied.
Überwältigt sog Leo den Duft der Waldblumen ein und schloß die Augen. Kendrix sah zu ihm auf und spürte, wie wohl sich ihr Freund fühlte. Der sanfte Wind fuhr Leo durch das dunkle Haar und brachte es in Unordnung. Doch Kendrix hatte nichts dagegen, denn sie mochte es, wenn Leo dadurch ein wenig unordentlich wirkte. Es war Teil seines Charmes, wie ihm immer eine widerspenstige Haarsträhne in die Augen fiel. Kendrix lehnte sich an Leo und legte den Kopf an seine breite Schulter. Er legte seine Arme um ihre zierliche Gestalt und gemeinsam genossen sie den friedvollen Augenblick.
Ihre Freunde beobachteten die Beiden schon seit einer geraumen Weile und lächelten sich verständnisvoll an. Der Rote und der Pink Galaxy Ranger gaben wirklich ein schönes Paar ab, das war nicht zu leugnen.
Während die Beiden ihre Zweisamkeit genossen, bauten ihre Teamgefährten das Picknick zu Ende auf. Damon mußte mehrmals von Maya ermahnt werden, nicht schon vorher alles aufzuessen, doch er konnte es einfach nicht lassen. Schließlich erntete er von ihr eine Klaps auf die Hand, als er wieder einmal ein Stück Kuchen mausen wollte. Maya schüttelte tadelnd den Kopf: „Kannst du nicht einmal warten, bis alle da sind? Ich sag's ja, ein Vielfraß durch und durch!"
Bei dem daraufhin ertönenden Gelächter drehten sich Leo und Kendrix fragend um und Leo sagte zu seinem grüngekleideten Freund: „Wir wollen dich nicht mehr länger warten lassen, Damon. So etwas kann man einem Freund schließlich nicht antun, nicht wahr?" Damon verbeugte sich übertrieben tief vor dem Paar, welches nun zu den Anderen trat und sagte: „Danke, danke, ihr seid meine Rettung."
In freundschaftlichem Schweigen nahmen alle auf den großen Decken Platz, welche Kelsey und Chad mitgebracht hatten. Die Beiden hatten auch den Großteil der Speisen und Getränke – mit Hilfe von Maya und Dana – hierher gebracht und somit das Picknick vor bereitet. Sie sahen voller Freude, daß ihre Freunde herzhaft zulangten. Nicht nur Damon, der nun erneut gutmütig geneckt wurde, als er sich noch ein Stück Kuchen nahm, auch die anderen Rangers ließen es sich nicht nehmen, von dem leckeren Sachen, die vor ihnen ausgebreitet waren, nach Herzenslust zu probieren.
Leo hatte keinen großen Hunger gehabt, doch nun, da er an der frischen Luft war, fühlte er, wie auch sein Appetit zurückkehrte. Als er spürte, daß nichts mehr in seinen Bauch paßte, wollte er nicht Gefahr laufen, zu platzen, legte er sich in das Gras zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Schweigend sah er in den Himmel hinauf und konnte kaum glauben, wie wohl er sich fühlte. Er war in Gesellschaft seiner Freunde, die neben ihm scherzten und lachten. Das machte Leo glücklicher, als er es hätte ausdrücken können.
Die Sonne schien ihm wärmend ins Gesicht und bewirkte, daß Leo fast eingedöst wäre.
„Hey", sagte da auf einmal eine Stimme neben ihm. „Erde an Leo, bitte melden." Leo drehte den Kopf und sah in die warmen braunen Augen seines Bruders. „Wo warst du denn eben, kleiner Bruder?", fragte Mike.
„Nicht weit weg. Ich fühle mich einfach nur richtig wohl, das ist alles. Die Stimmung hier hat mich gefangen genommen." „Uns geht es da nicht viel anders, Leo", meinte Mike verständnisinnig. Für einen Moment blitzte große brüderliche Liebe in seinen Augen auf, die von Leo nicht übersehen wurde. Er lächelte seinen Bruder voller Zuneigung an, dann richtete er sich wieder auf und bemerkte, daß die Gespräche der Anderen verstummt waren und alle seinen Bruder und ihn anblickten.
Leo richtete sich wieder auf und schmunzelte seine Freunde der Reihe nach an. Wärme und Freundschaft leuchteten aus seinen Augen und brachten sie zum Strahlen. Die Lebensfreude, die von Leo ausging, wärmte seinen Freunden das Herz, machte es ihnen doch deutlich, daß er wirklich fast wieder gesund war. Einige Zeit hatten sie alle sich große Sorgen um ihn machen müssen, doch nun war diese gedrückte Stimmung fehl am Platze. Fröhlichkeit und Lachen waren wieder in den Kreis der Gefährten zurückgekehrt. Das Picknick verlief voller Gelächter und gutmütigem Schabernack unter den neuen und alten Freunden, die sich mit jeder Minute, die sie miteinander verbrachten, enger aneinander gebunden fühlten.
Den Lightspeed Rangers fiel auf, wie gelöst sich auch Ryan jetzt in Gesellschaft seiner Freunde benahm. Nur bei ganz wenigen Gelegenheiten schien es für Sekunden, als wolle er sich wieder hinter seinem Schutzwall verstecken, doch dann genügte ein Blick in die Gesichter seiner Freunde oder eine Hand auf seiner Schulter, die ihm Unterstützung verhieß, um Ryans Gesicht zum Aufleuchten zu bringen und ihn wieder in die Wärme und Freundschaft verheißende Nähe der Anderen zurückzutreiben. Carter hatte sich zum ihm gesetzt und es war unschwer zu erkennen, daß die Zwei bei vielen Themen, die von den Freunden angeschnitten wurden, eine Wellenlänge besaßen.
Plötzlich riß Leo seine Freunde aus ihrem Geplauder, als er erschrocken ausrief: „Das habe ich bei der ganzen Aufregung ja glatt vergessen!" Die Freunde sahen ihn fragend an, doch Leo lächelte Kendrix, Maya, Kai, Damon und Mike nur geheimnisvoll zu und hob die rechte Hand mit dem Kommunikator am Handgelenk. Er öffnete einen Kanal zu DECA, dem Raumschiff der Galaxy Rangers und sagte: „Alpha, hörst du mich? Hier ist Leo."
„Leo! Wie schön von dir zu hören! Ayiyiyi! Wie geht es dir?", ertönte fast sofort eine aufgeregte Antwort aus dem Gerät. Leo lächelte angesichts der Freude, die in der Stimme seines kleinen Roboterfreundes mitklang. „Mir geht es schon wieder viel besser. Danke der Nachfrage, Alpha. Aber ich melde mich aus einem anderen Grund. Würdest du mir den Gefallen tun und in mein Quartier gehen? Dort findest du auf dem Tisch etwas, was ich dich bitte, mir zu schicken. Wäre das möglich?"
„Aber natürlich, Leo. Kein Problem. Es dauert nur eine Sekunde, warte bitte." Aufregung war der Stimme zu entnehmen und Freude darüber, etwas für Leo tun zu dürfen. Leos Teamgefährten sahen sich schmunzelnd an.
Sie wußten, daß Alpha mehr war als nur ein Roboter. Ganz im Gegenteil. Alpha war für die Galaxy Rangers ein Freund, der ihnen schon oft aus brenzligen Situationen herausgeholfen hatte. Und er hatte im Laufe der Zeit, die sie zusammen verbracht hatte, Gefühle für die Rangers entwickelt – besonders für Leo, der sich auch oft außerhalb der Monsterangriffe Zeit für Alpha nahm. So war es für Mike und seine Freunde nicht erstaunlich, daß Alpha so bereitwillig etwas für Leo zu tun bereit war.
Wenige Minuten waren vergangen, als Alpha sich erneut meldete. „Leo, ich bin bereit. Ich sende dir, worum du gebeten hast." „Danke, Alpha."
Mit diesen Worten blickte Leo lächelnd auf und wies Maya, Kendrix, Kai sowie Damon und Mike an, die Augen zu schließen und die Hände auszustrecken. Die Fünf sahen sich kurz verwirrt an, folgten aber widerspruchslos der Anweisung. Die Lightspeed Rangers grinsten sich an; sie wußten, was Leo vorhatte. Und richtig, wenige Sekunden später erglühte die Luft am Boden vor Leo, als sich scheinbar aus dem Nichts heraus mehrere in verschieden Farben eingewickelte Päckchen materialisierten. Leo bückte sich gleich danach und wählte diejenigen aus, die er für seine jeweiligen Freunde gedacht hatte.
Damon drückte er ein recht unförmiges Paket in die Hand, während die für Maya und Kai ordentlich verpackt wirkten. Kendrix' Geschenk steckte in einer pinkfarbenen Tüte mit einer Rose daran. Und Mike erhielt ein Paket, welches so aussah, als wäre es – ebenso wie das von Damon – kompliziert gewesen, es angemessen zu verpacken.
„Ihr könnt jetzt die Augen wieder öffnen", sagte Leo und trat einen Schritt zurück. Seine Augen funkelten vor Begeisterung; es war ihm anzumerken, wie sehr er es genoß, seinen Freunden etwas zu schenken. Er ging zu einem Baum, der ganz in der Nähe stand, und lehnte sich an dessen mächtigen Stamm.
Mike, Damon, Kendrix, Kai und Maya öffneten ihre Augen und blickten auf ihre Hände, in denen jetzt Geschenke lagen. Einen Moment sahen sie Leo leicht fassungslos an, doch dieser gab keine Erklärung darüber ab, worum es sich handelte, sondern wartete nur ungeduldig ab.
Joel sah dem Schauspiel eine Minute zu, doch dann erbarmte er sich seines Freundes und rief den Galaxy Rangern zu: „Tut ihm den Gefallen und packt eure Geschenke endlich aus! Sonst stirbt Leo noch vor Ungeduld – und das wäre doch echt traurig!" Sein Tonfall war spöttisch und Leo schaute ihn auch unter spaßhaft gerunzelten Augenbrauen an, doch Joels Aufruf hatte Leos Freunde zum Handeln gebracht. Sie sahen sich noch kurz an, doch dann war ihre eigene Neugier nicht mehr zu bremsen.
Papier raschelte, als es von seinem Inhalt entfernt wurde und Sekunden später ertönten überraschte Ausrufe. Besonders Kendrix schien sich sehr über ihre Lederjacke zu freuen. „Wie wunderschön sie ist!" Kendrix probierte die Jacke sofort an und rannte dann auf Leo zu, um sich in seine ausgebreiteten Arme zu werfen. Leo schwankte kurzzeitig unter dem Ansturm, doch er fing sich noch rechtzeitig um zu verhindern, daß sie gemeinsam zu Boden stürzten.
Kendrix war überglücklich über ihr Geschenk und gab ihm einen zärtlichen Kuß, der von ihm ebenso gefühlvoll erwidert wurde. Sekunden später löste sich Kendrix gerade weit genug von ihrem Freund, um ihm in die Augen schauen zu können, als sie, vor Freude strahlend, sagte: „Ich danke dir, Leo! Sie ist einfach perfekt!" Und wirklich, Leo hatte ausgezeichneten Geschmack bewiesen in der Wahl des Kleidungsstücks. Die Jacke paßte seiner Freundin wie angegossen und stand ihr hervorragend. Das dunkle Pink bot einen schönen Kontrast zu ihren blonden Haaren und schmeichelte ihrer schlanken Figur.
Aber auch ihre anderen Freunde hielten mit ihrer Begeisterung nicht hinter dem Berg. Maya stöberte schon mit leuchtenden Augen in dem Buch über die Legenden und Märchen der Erde. Sie warf Leo ein Lächeln zu und drückte das Buch wie einen Schatz an sich, als sie meinte: „Danke, Leo. Dieses Buch werde ich auf ewig hüten. So etwas Schönes hat mir noch nie jemand geschenkt."
Kai hingegen grinste Leo mit Schalk in den sonst so ernsten Augen an, als auch er sich zu Wort meldete. „Also wirklich, Leo. Ich gebe ja zu, daß unsere Kost in letzter Zeit etwas eintönig war, aber mußtest du es gleich so deutlich machen? Ich wußte nicht, daß du zur Holzhammermethode neigst!"
Dann fügte Kai mit einem Blick auf Damon zu: „Doch du hast wahrscheinlich Recht, denn Damon hat mich in letzter Zeit trotz seines ewigen und niemals versiegenden Heißhungers manchmal schon so seltsam angeschaut... Du hast mir also hiermit vielleicht das Leben gerettet", Kai hob das Kochbuch empor, damit man es sehen konnte, "nun, da ich etwas Neues auf den Tisch bringen kann. Ich danke dir."
Gelächter erschallte um ihn herum, als er sich formell vor Leo verbeugte. Als Kai sich wieder aufrichtete, konnte man am Zucken seiner Mundwinkel erkennen, daß auch er sich das Lachen verbeißen mußte.
Damon war mit wenigen Schritten bei ihm und blickte ihn unter strafend gerunzelten Augenbrauen an. Der Anblick war so komisch, daß nun auch Kai nicht mehr an sich halten konnte und lachend versuchte, hinter Maya Schutz zu suchen. Kendrix rief daraufhin: „Hey, Kai! Und wer versteckt sich jetzt hinter jemand anderem?"
„Das ist ein Notfall!", erwiderte Kai aus seiner Deckung heraus und erneut ertönte das Lachen der Freunde.
Damon schüttelte nur den Kopf angesichts dieses kindischen Verhaltens, doch in seinen Augen war ein Glitzern erschienen, welches seine Freunde nur zu gut kannten. Er würde einen Weg finden, um Kai diesen Streich heimzuzahlen. Damon fing einen Blick von Leo auf und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Die zwei jungen Männer nickten sich unbemerkt zu und dann trat Damon auf seinen Anführer und Freund zu, denn auch er wollte sich für sein Geschenk bedanken. In seinen Händen hielt Damon einen neuen Gürtel für Handwerkszeug.
Auf Terra war Damon für die Maschinen zuständig gewesen und zu seiner Arbeit benötigte er immer wieder die verschiedensten Werkzeuge. Diese jedoch immer erst von einer Werkbank zu holen, war ihm zu umständlich und in einem Notfall auch zu zeitaufwendig. Darum hatte er es sich angewöhnt, einen Gürtel über seinem Overall zu tragen, an dem er oft benutzte Werkzeuge befestigte.
Es war immer nur eine Notlösung gewesen, doch jetzt hatte Leo sich die Mühe gemacht, mehrere Geschäfte auf der Suche nach einem richtigen stabilen Werkzeuggürtel abzusuchen. Und er hatte einen gefunden, von dem er annahm, er würde Damon gefallen. Daß er damit nicht falschgelegen hatte, erkannte Leo an dem hellen Leuchten in Damons Augen, der ihm jetzt dankbar die Hand zustreckte. Diese ergriff Leo sofort und sah seinen Freund lächelnd an.
Blieb nur noch Mike übrig, der sich bis jetzt nicht geäußert hatte. Maya und Kai traten zu ihrem hochgewachsenen Freund, der sinnend auf sein Geschenk starrte. Als Maya ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er den Kopf und sah seinen Bruder an. Die Freunde erkannten erstaunt, daß es in Mikes warmen braunen Augen vor unterdrückten Tränen schimmerte. Sie sahen ihn fragend an, um zu erfahren, was seine Reaktion ausgelöst haben mochte.
Doch als Mike zu sprechen begann, waren seine Worte ebenso rätselhaft wie vorher sein Verhalten.
Er flüsterte: „Du hast sie zurückgeholt. Woher wußtest du überhaupt, daß..."
Leo unterbrach seinen Bruder mitten im Satz: „Daß du meinetwegen die Spieldose verkauft hattest? Hattest du wirklich gedacht, ich würde es nicht bemerken?"
Mike antwortete nicht, doch sein Gesicht sprach Bände. Leo seufzte nur und ging die wenigen Schritte auf seinen Bruder zu: „Mike, wie hätte mir das entgehen sollen! Du hingst immer so sehr an Grandmas Geschenk und auf einmal wolltest du nicht einmal mehr darüber reden. Du wolltest mich glauben machen, du würdest dich zu alt dafür fühlen, noch dem Klang einer Spieldose zu lauschen, doch in Wahrheit war sie gar nicht mehr in deinem Besitz. Du hattest sie verkauft, um den Doktor zu bezahlen."
Leo sah seinen Bruder für eine Sekunde schweigend an, dann fuhr er leise fort: „Ich will gar nicht daran denken, was du noch in aller Stille für mich getan - was du geopfert hast, ohne daß ich davon weiß. Doch dich von Grandmas Spieldose zu trennen, muß dich sehr viel Überwindung gekostet haben."
„Nein." Mikes Tonfall klang bestimmt. Leo sah verwundert auf, doch in den Augen seines Bruders konnte er die gleiche Entschlossenheit erkennen, die auch in seiner Stimme mitgeschwungen hatte. Mike legte Leo die Hände auf die Schultern und sagte: „Nein, das hat es nicht, Leo. Ich will damit nicht sagen, daß es unbedingt leicht war, doch ich hatte die Wahl zwischen einer Spieldose meiner Großmutter und dem Leben meines einzigen Bruders. Für diese Entscheidung brauchte ich nicht einmal Sekunden."
Nun glänzten auch in Leos grünen Augen Tränen. Er flüsterte: „Du hättest es mir sagen sollen, Mike. Diese Dose war die einzige Erinnerung an Grandma, die dir geblieben war. Ich erinnere mich nicht mehr sehr gut an sie, aber ich weiß noch, daß ihr beide, Grandma und du, manchmal stundenlang dieser Spieldose lauschen konntet, ohne ihres Liedes je überdrüssig zu werden. Es war euer Lieblingslied und sie erzählte dir immer Geschichten aus ihrem Leben dazu. Und als Grandma dann starb, vermachte sie dir diese Spieldose als Erinnerung."
Leo setzte nach einer Pause leise hinzu: „Daß du etwas verkaufen mußtest, was dir soviel bedeutete – nur wegen mir..." Leo verstummte. Doch Mike hatte ihn kaum ausreden lassen, als er erneut nach den Schultern seines Bruders griff.
Seine Stimme klang ernst, als er leise sagte: „Was auch immer diese Spieldose – oder etwas anderes – mir bedeuten mochte oder es heute tut...", Mike hob an dieser Stelle Leos Kinn, damit dieser ihm in die Augen sah, „es ist unwichtig, gemessen daran, was ich für dich empfinde, Leo. Du bist mein Bruder und nichts kann für mich jemals wichtiger oder wertvoller sein als du, hörst du mich?"
Mikes Stimme zitterte leicht, als er fortfuhr: „Ja, diese Spieldose war eine liebe Erinnerung an Grandma – doch ich konnte es einfach nicht ertragen, daß auch du zu einer solchen Erinnerung werden würdest! Du warst so krank damals und wir brauchten das Geld, damit du behandelt werden konntest...
Ich... ich wollte, daß du lebst – daß du bei mir bleibst. Wir hatten schon Mom und Dad verloren... Ich hätte es einfach nicht ertragen, wenn auch du mich noch verlassen hättest! Und außerdem war ich mir sicher – und bin es auch heute noch – daß Grandma nichts dagegen gehabt hätte, daß ich ihr Geschenk verkauft habe. Sie hätte es verstanden."
In Leos Gesicht arbeitete es heftig angesichts dieses leidenschaftlichen Bekenntnisses aus dem Munde seines Bruders. Er mußte sich sichtlich zusammennehmen und es gelang ihm auch erst nach einer geraumen Weile ein recht wackliges Lächeln. Mike gab das Lächeln zurück und zog Leo für einen Moment in eine heftige, aber sehr liebevolle Umarmung. Er strich seinem jüngeren Bruder über das dunkle Haar und sagte: „Ich würde es jederzeit wieder tun, Leo. Doch ich danke dir, daß du die Spieldose zurückgeholt hast. Du mußt ja ewig gebraucht haben, um sie zu finden." An dieser Stelle lächelte Leo nur geheimnisvoll und wollte sich nicht weiter dazu äußern. Auch zu dem Preis, zu dem er die Dose zurückgekauft hatte, schwieg er.
Die Freunde der zwei Corbett-Brüder hatten dem Dialog schweigend gelauscht. Sie hatten zwar nicht alle Einzelheiten verstanden, doch der Grund, warum dieses Geschenk Mike so bewegt hatte, war ihnen klargeworden. Daß Mike seine einzige ihm verbliebene Erinnerung an seine Großmutter verkauft hatte, um Leos Leben zu retten, war die eine Seite dieser so ungewöhnlichen Geschwisterliebe. Die andere Seite war, daß Leo sich nach vielen Jahren aufgemacht hatte, diese Dose wiederzufinden und seinem Bruder auf diese Weise für seine Fürsorge und Opferbereitschaft zu danken.
Die Rangers mußten alle schlucken angesichts der Tragweite der Handlungsweise der zwei Brüder. Jeder von ihnen hatte etwas getan, das nicht alltäglich war. Der Eine, um das Leben seines Bruders zu retten. Der Andere, um diesem eine sehr wertvolle Erinnerung an die Vergangenheit zurückzubringen. So standen die zwölf Freunde für einige Minuten nur stillschweigend da und genossen die Gesellschaft der Anderen, während sie fühlten, wie ihre Vertrautheit immer weiter wuchs.
Die Zeit verflog und ehe die Rangers es sich versahen, brach die Dämmerung herein und es wurde Zeit, zur Basis zurückzukehren. Unter Lachen und Geplauder packten die Zwölf ihre Sachen zusammen und transportierten diese und sich selbst zurück in die Aquabasis. Dort wurden sie schon von Captain Mitchell und Doktor Johannsen erwartet, die ihnen mehr oder weniger ungeduldig entgegensahen.
Als die Zwei der übermütigen Gruppe ansichtig wurden, konnten sie für einen Moment kaum glauben, was sie sahen. Die jungen Leute, die ihnen entgegenkamen, wirkten fröhlich und ausgelassen – ganz und gar nicht wie Menschen, die fast täglich um das Leben auf der Erde – oder im Weltall – kämpfen mußten.
Schon waren die zwölf Freunde waren nun bei Captain Mitchell angekommen und lächelten ihn freundlich an. Der Nachhall ihres Nachmittags stand ihnen in die leuchtenden Gesichter geschrieben und ihre fröhliche Stimmung war nicht zu trüben. Auch Doktor Johannsens finsteres Gesicht konnte ihnen den Tag nicht mehr verderben, obwohl die Ärztin gar nicht glücklich wirkte über die verspätete Heimkehr der Rangers.
Sie machte sich Sorgen, wie die Aktivität sich auf Leos heilende Wunden ausgewirkt hatte, mußte jedoch nach einer kurzen Untersuchung eingestehen, daß es ihm ausgezeichnet bekommen war. Vor allem seine Stimmung war nach diesem Ausflug um ein Vielfaches besser als noch am Morgen, obwohl sich Leo während der letzten Tage alle erdenkliche Mühe gegeben hatte, nicht gereizt darüber zu erscheinen, daß er das Bett nicht verlassen durfte. Doch das Picknick in Begleitung seiner Freunde hatte anscheinend Wunder getan für ihn, denn Doktor Johannsen konnten den Versammelten lächelnd erklären, daß sie Leo in wenigen Tagen ganz aus der Krankenstation entlassen konnte. Das rief allgemeinen Jubel hervor und die Ärztin konnte sich vor Danksagungen fast nicht retten.
Um nicht noch mehr in Verlegenheit gebracht zu werden, befahl sie Leos Freunden schroff, jetzt die Krankenstation zu verlassen und ihrem Freund Schlaf zu gönnen. „Ihr dürft aber morgen wiederkommen und – für ein paar Stunden – wieder etwas draußen unternehmen. Die frische Luft hat eurem Freund sehr gutgetan und ihr habt anscheinend wirklich darauf geachtet, daß er sich nicht überanstrengt."
Der letzte Satz klang etwas skeptisch, als hätte die Ärztin nicht damit gerechnet gehabt. Sie erntete Stirnrunzeln von den Rangers, doch niemand antwortete darauf. Leo konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als die Rangers mehr oder minder erfolgreich zu verbergen suchten, daß sie empört darüber waren, daß die Ärztin glauben konnte, sie würden nicht auf ihren Freund achtgeben.
„Bis morgen dann, Freunde", verabschiedete er sich und trat den Rückzug in sein Bett an, wo er auch fast sofort in Schlummer versank. Mitten in der Nacht begann Leo, sich für kurze Zeit hin- und herzuwälzen, als hätte er einen schlechten Traum. Doch plötzlich begann seine schlanke Gestalt rot zu glühen und eine Aura formte sich wie ein Schutzschild um ihn herum.
Dann, so überraschend, wie es gekommen war, verschwand die Erscheinung auch wieder und Leo entspannte sich. Alles, was zurückblieb, war sein ruhiges Atmen und der Nachhall einer beschützenden Macht, welche die baldige Ankunft von etwas gespürt hatte, was es zu bekämpfen galt. Doch noch war es nicht so weit.
Wieder ein Pitelchen geschafft. Jetzt wird es langsam wieder spannend! R & R!
Ein herzliches Dankeschön wie immer an Mondwolf für den lieben Kommi!
Gemini-starlight
