Türchen Sieben
~s~
Wie fängt man so was an?
Ich habe keine Ahnung, das war noch nie mein Ding, wohl eher das meines kleinen Strebers von Bruder.
Aber eines ist klar, mir bleiben exakt noch 143 Tage oder 3432 Stunden – aber wer zählt das schon genau – und ich denke, es ist Zeit, dass ich dir einige Dinge erzähle, versuche, etwas von mir zu hinterlassen, auch wenn es nicht viel sein wird, denn bis auf den Impala habe ich nichts. Eigentlich erschreckend, wenn man es genau betrachtet. Wenn ich gehe, bleibt nur ein Name … ein kleines Echo unter vielen.
Ich weiß, du versuchst alles, meinen Hintern zu retten, aber genauso sicher weiß ich auch, dass ich dich aufhalten werde. Gott steh mir bei, ich halte dich auf …
Tja, so stehen die Dinge nun und jetzt sitze ich hier, halte diesen Stift in den Händen und überlege, was zur Hölle ich schreiben soll.
Wie beginnt man etwas, das bald endet?
Ich habe tausend Dinge im Kopf - Bilder, Namen, Geschichten und Erlebnisse, einiges wichtig, vieles nicht - Dinge, die du nicht kennst, die niemand mehr kennt, weil keiner mehr da ist …
Wenn ich so überlege, ist es gar nicht so einfach, sich überhaupt an eine Zeit zu erinnern, wo du nicht da warst, nicht Teil meines Lebens, meiner Aufgabe.
Tja, okay, wie beginnt man also etwas, das bald endet, wenn nicht besser als am Anfang und dem Moment, wo mein Dasein als heiß geliebtes Einzelkind ein neunmonatiges Ultimatum bekam…
Hier also Dean Winchesters Version von:
Da ist was im Anmarsch
oder …
- Ein großer Tag für einen noch ganz kleinen Bruder -
(Ha, Brüderchen, sag nicht, dass ich kein Talent besitze, der Titel alleine ist schon geil …)
…
Heute ist es genau 25 Jahre, 7 Monate und 11 Tage her, seit ich dich zum ersten Mal traf und damit zum großen Bruder wurde.
In dem Moment, in dem du meinen Finger versucht hast mit deiner kleinen Hand zu erwürgen, da wusste ich, wir würden ein spitzen Team sein. Okay, damals dachte ich wohl eher an Dad, dich und Football, aber – ach, du weißt was ich meine …
Schon komisch, manches vergisst man nie, ganz egal wie, klein man ist. Moms runder Bauch und du darin. Man, konntest du treten und boxen – ein Kämpfer, damals schon. Ich habe mich zu Tode erschrocken, als ich die Beulen sah, bis sie mir erklärte, dass es dein Fuß war, der mich da gerade erwischt hatte und du noch ein bisschen drin bleibst, ehe du zu mir kommen würdest. Die Idee, das du da raus platzen könntest - Horror, für einen Zwerg wie mich damals, glaub mir.
Als ich sie dann plötzlich mitten in der Nacht vor Schmerz schreien hörte …
Mann, hatte ich einen Schiss, als Dad mich ganz aufgeregt aus dem Bett geholt hat und nur in eine Decke gewickelt zu unserer Nachbarin brachte, die grinste, als ob Weihnachten und Geburtstag zusammen fallen würden - Rose Petterson hieß sie, glaube ich, eine Frau die Kuchen backen konnte, dass man dafür sterben wollte - mein Gott - der Apfelkuchen mit Sahne: Okay, okay, sorry, ich komme vom Thema ab …
Aber den hättest du mal probieren müssen.
Ernsthaft.
Okay, ich hör ja schon auf, obwohl – Mist - Mein Magen knurrt …
Lauf nicht weg, bin gleich wieder da, ich wette Bobby hat versucht, noch etwas Kuchen zu verstecken. Ha, das wäre doch gelacht, wenn ich den nicht finde. Moooment-
Wieder da und weiter geht's …
Suche erfolgreich, wie sollte es auch anders sein.
Ich stand also da, nur im Schlafanzug, die halbe Nachbarschaft auf den Beinen und Dad, der nur kurz meinte, dass sie jetzt das neue Baby abholen fahren würden. Er ist noch halb mit Hausschuhen ins Auto gesprungen, die Haare wild zerstrubbelt und das Hemd verkehrt herum an. Wäre Mom dann nicht noch kurz zu mir gekommen und hätte mir einen Kuss auf die Stirn gegeben, ich wäre vor Sorge wahnsinnig geworden – versteh so was mal als Knirps mit vier Jahren, wenn alle vor Freude und Erwartung durchdrehen, weil jemand, den du liebst, sich quält. Aber als sie meine zitternden Finger nahm, sie auf ihren Bauch legte und ich dich spürte, da war alles wieder gut, denn bald war ich nicht mehr allein.
Am Nachmittag durfte ich zu euch. Ich weiß noch, mir sind fast die Augen raus gefallen, als wir durch das Krankenhaus marschiert sind – Dean Winchester mit einem Strauß strahlend gelber Sonnenblumen in den Armen, der größer als er selber war. Blumen – ich - kannst du dir das vorstellen? Ich bin damit fast gegen die Zimmertür geknallt, weil ich nichts gesehen hatte.
Aber Dad war da, hat mir geholfen und mich Gartenzwerg dann zu euch hoch gehoben.
Ich hatte ihn bis zu diesem Augenblick nie weinen sehen …
Mom war so wunderschön, wie sie da saß, wie ein Engel, das kleine Bündel in ihren Armen sanft wiegend. Du hast geschlafen und warst so klein, hattest ganz knubbelige Haut, aber seltsamer Weise glatte Hände. Ich habe mich gar nicht getraut, dich anzufassen, bis Dad mich auf den Schoß nahm, und ich dich das erste Mal in die Arme gelegt bekam.
Ein wahnsinns Gefühl, nichts kommt dem gleich, gar nichts …
Mein Herz ist dabei fast aus der Brust gesprungen, als du die Augen aufgemacht hast - ganz winzige - und versucht hast, etwas zu erkennen.
Weißt du, wie stolz ich da war?
Ich bin es noch - stolz, dein Bruder zu sein. Und egal was passiert, ich bereue nichts. Ich wollte nur, dass du das weißt, Sammy.
Vielleicht bist du irgendwann auch ein Dad, der seinem Jungen die Welt zeigt. Bitte versuch es, dein Weg, sich von allem zu lösen, war vielleicht doch nicht der schlechteste und ich möchte, dass du ihn wieder gehst. Lass den ganzen Kram hinter dir und beginne neu, suche dir eine wahnsinns Frau, die einem tollen Kerl, wie wir es sind, würdig ist und lebe, habe Spaß, einen Sack voll Kinder und gib den Zwergen einen Kuss von mir, erzähle ihnen von ihrem verrückten Onkel und bringe ihnen die gleichen Dummheiten bei, wie ich es bei dir getan habe. Vielleicht mag ja einer meine Kassetten und dir somit den letzten Nerv rauben. Ein schöner letzter Wunsch oder - aber so weiß ich, dass du mich nicht vergisst.
Der Tag deiner Geburt war der Beginn meines Lebens: Eines mit vielen Stolpersteinen, aber auch eines, dass mir einen ganz besonderen Menschen schenkte, den großzuziehen mir ein Vergnügen war, auch wenn du das Gegenteil denkst – oh man, ich sehe dich gerade vor mir, die Stirn kraus gezogen und den Kopf schüttelnd – aber es ist die Wahrheit, der Ältere hat immer recht, denk dran.
Ach noch was … Es war mir ebenso eine besondere Freude, dass das erste Wort, was du damals gesprochen hast - neben meinem Namen - ein verbotenes Schimpfwort war. Als großer Bruder war das meine besondere Aufgabe und Pflicht, für die ich einen Orden verdient hätte.
- Dean -
