Und hier der langerwartete zweite Teil.
http:/www. fanfiktion. de/u/Kuschelkueckchen
(Nehmt bitte die Leerzeichen nach www. und nach fanfiction. raus)
Das Rudel – Das Rudel – Das Rudel – Das Rudel
Titel: Flieg mit mir
Rating: P16
Inhalt: Draco Malfoy ist arrogant und überheblich. Zumindest denkt Ginny das, als er gemeinsam mit ihr und Hermine sein letztes Jahr in Hogwarts beginnt, und schon bald geraten sie sich in die Haare. Aber schon bald kann sie den Slytherin nicht mehr aus ihren Gedanken verbannen...
Pairing:Draco Malfoy/Ginny Weasley
Flieg mit mir von Kuschelkueckchen
Teil 2
Weihnachten brach nur wenige Tage später über das Schloss herein, mit allem, was dazugehörte – Stechpalmengirlanden, Mistelzweigen, Feenlichtern, Weihnachtsbäumen... Ganz Hogwarts schien die Schlacht vor kaum mehr als einem Jahr vergessen machen zu wollen und entschlossen, sich bezaubernder als jemals zuvor zu präsentieren. So wunderschön die Dekoration auch war, Ginny bemerkte, dass es zunehmend etwas anderes war, das ihre Augen und ihre Gedanken in Beschlag nahm – und zu ihrer Bestürzung war das Draco Malfoy.
Seit ihrer nächtlichen Begegnung auf dem Quidditchfeld ertappte sie sich immer wieder dabei, wie sie sich seine Worte durch den Kopf gehen ließ, sich seinen Gesichtsausdruck in Erinnerung rief... kurz und gut, wie sie Draco Malfoys Verhalten aus jeglicher möglichen Perspektive betrachtete. Zu einem zufriedenstellenden Ergebnis war sie dabei allerdings noch nicht gekommen.
Manchmal fand sie, dass er unerträglich arrogant dreingesehen hatte, als sie sich entschuldigt hatte, dann erinnerte sie sich wiederum daran, dass er sie fast freundlich angesprochen und vielleicht sogar versucht hatte, Smalltalk zu machen. Doch egal, von welcher Seite aus sie ihre Überlegungen auch begann, sie gelangte immer an dasselbe Ende: Er war ein Rätsel, und noch dazu ein äußerst frustrierendes.
Obwohl Ginny gehofft hatte, dass die Ferien ihr helfen würden, weil sie Malfoy dann nicht mehr ständig vor Augen hätte, brachte der erste Tag im Fuchsbau auch Harry und mit ihm eine erschreckende Erkenntnis: In den letzten Wochen hatte sie weitaus mehr an Malfoy gedacht als an ihren Freund.
Das war... ein Schlag, um es vorsichtig zu formulieren, und nachdem sich der Gedanke einmal eingenistet hatte, konnte sie nicht mehr damit aufhören, ihr Benehmen und ihre Gefühle Harry gegenüber zu analysieren und zu beobachten. Natürlich, sie liebte ihn noch, aber irgendwie... irgendwann, zwischen dem Beginn des Schuljahres und dem Ende des ersten Trimesters, hatte sie aufgehört, jeden zweiten Gedanken ihm zu widmen und ihn jede Sekunde des Tages zu vermissen. Kurzum: Sie hatte alles abgelegt, was zu ihrer schwärmerischen Vorliebe für ihn gehörte, und gedacht, zu einer erwachseneren Art der Liebe hinübergewandert zu sein.
Damals, als das passiert war – wann, konnte sie nicht genau bestimmen – hatte sie das eigentlich für eine normale Entwicklung gehalten, und für eine gute noch dazu – immerhin konnte sie es sich nicht leisten, den ganzen Tag krank vor Sehnsucht aus dem Fenster zu starren. Doch jetzt, wo sie an Harry dachte und an Malfoy, hatte die Sache einen schalen Beigeschmack gewonnen, der stärker wurde mit jeder Überlegung ihre Gefühle betreffend.
Trotz ihrer Zweifel genoss sie die Stunden, die sei mit Harry verbringen konnte, zumindest die Momente, in denen sie alle Gedanken an den Status ihrer Beziehung hinter sich lassen konnte. Auch die Zeit mit ihrer Familie tat ihr gut, auch wenn das erste Weihnachten seit Freds Tod naturgemäß gedämpfter ablief als in den Jahren davor.
Und es trat auch ein, was Ginny zu Beginn der Ferien, als ihre Erkenntnis sie noch erschreckt hatte, nicht gedacht hätte – der Gedanke daran rückte in den Hintergrund. Sie liebte Harry, sie verbrachte gerne ihre Zeit mit ihm, und alles andere war unwichtig. Auch oder ganz besonders Draco Malfoy.
Auch die Rückkehr nach Hogwarts stellte sich nicht so schrecklich dar, wie Ginny das in den ersten Tagen befürchtet hatte. Der Express war voll mit fröhlichen Kindern, die ihre Weihnachtsgeschenke verglichen und von ihren Familien erzählten, was Hermine und Ginny trotz des Abschiedes von ihren Freunden ebenfalls in gute Stimmung versetzte. Auch die ersten Tage des Unterrichts vergingen ruhig und friedlich, und es gelang Ginny sogar halbwegs, Malfoy zu ignorieren, wenn er ihr unter die Augen kam.
Ein unerwarteter Vorfall im Zaubertränkeunterricht änderte das. Sie arbeiteten gerade am Felix Felicis weiter, dessen Basis sie zu Beginn des Schuljahres aufgesetzt hatten, und Ginny gratulierte sich gerade dazu, sich endlich konzentrieren zu können, weil sie Malfoy nicht in ihrem Blickfeld hatte, als Slughorns Aufschrei die ganze Klasse zusammenzucken ließ: „Halt!" So schnell seine plumpen Beine ihn tragen konnten watschelte er nach hinten in die letzte Reihe. „Mr Blandwick, wenn Sie uns alle umbringen wollen, sind Sie auf dem besten Weg dazu. Der vierblättrige Klee darf nicht gehackt werden, sondern wird ganz verwendet, so wie es an der Tafel steht."
Der Professor wischte sich mit einem großen, seidenen Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. „Kommen Sie, ich lasse Sie nicht mehr aus den Augen. Miss Weasley, wären Sie so freundlich und würden Sie mit Mr Blandwick den Platz tauschen? Bei Ihnen weiß ich, dass Sie nichts Dummes anstellen werden."
Ginny fühlte sich taub, während sie ihre Zutaten und ihren Kessel zusammenpackte und in die letzte Reihe auswanderte – denn ihr neuer Sitznachbar war Draco Malfoy. Malfoy, dem in den drei Wochen seit den Weihnachtsferien standhaft ausgewichen war, weil er sie mehr und mehr verwirrte.
„Weasley." Ein kurzes Nicken, dann folgte er Blandwick mit seinem Blick bis nach vorne zu dem Tisch, an dem nur noch Hermine saß und nun Platz für ihn machte.
„Malfoy."
Stille, peinliche Stille, wie auf dem Quidditchfeld, doch hier hatte Ginny wenigstens etwas, mit dem sie sich beschäftigen konnte, und so zupfte sie ihren eigenen Klee fein säuberlich aus dem Blumentopf.
Auch Malfoy wandte sich wieder seinem Zaubertrank zu, während Ginny versuchte, ihr Unterbewusstsein davon abzulenken, dass sie viel zu nahe neben ihm saß. Erfolglos – seine Präsenz lenkte sie ab, verwirrte sie, und als er schließlich, nach langen Minuten, zu sprechen begann, zuckte sie so sehr zusammen, dass sie fast ihre Phiolen vom Tisch gefegt hätte.
„Wie geht es ihr?" Ginny wusste nicht, wen er meinte, und erst ein Nicken in Richtung Hermine, das sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, brachte sie auf die richtige Spur.
„Ähm..." Sie zögerte für einen Moment. „Besser, seit du mit ihr gesprochen hast, denke ich. Sie hat weniger..." Sie unterbrach sich. Von ihren Albträumen sollte Hermine selbst erzählen, wenn sie das wollte.
Malfoy betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen, doch dann nickte er langsam, fast gedankenverloren. „Gut."
Ginny war sich nicht sicher, wieso er sich plötzlich für Hermine interessierte – er hatte sich doch nur bei ihr entschuldigt, um sein eigenes Gewissen zu erleichtern, und nicht etwa, weil er sich Sorgen um sie machte? Ihre Neugier war geweckt, aber fragen – fragen konnte sie ihn nicht, aber mit ein bisschen Geschick... „Ich glaube nicht, dass sie dich jemals dafür verantwortlich gemacht hat, was passiert ist..."
Malfoys Kopf schoss so schnell herum, dass nun seine Zaubertrankzutaten in Gefahr waren anstatt die ihren. „Warum sagst du mir das?"
Ginny zuckte unbehaglich mit den Schultern. „Es scheint dir wichtig zu sein, sonst hättest du nicht deinen Stolz hinuntergeschluckt, um dich zu entschuldigen."
„Und seit wann schert es eine Gryffindor, was ein Slytherin denkt und fühlt?" Er klang unberührt und kühl, doch ein kurzer Blick in seine Richtung belehrte Ginny eines Besseren, denn was sonst könnte der Grund dafür sein, dass er die Bergamottensamen in seinem Mörser mit so viel unnötiger Kraft bearbeitete?
Leider brachte dieser Gedanke sie nicht näher an eine Antwort, denn so ganz verstand sie selbst nicht, wieso sie sich plötzlich für ihn interessierte, wieso sie versuchte, das Rätsel, das er darstellte, zu lösen. Fünf Jahre lang hatte er sich wie ein arroganter, von sich selbst überzeugter Schnösel verhalten – wieso konnte sie sich nicht einfach freuen, dass er damit aufgehört hatte, und es dabei belassen?
„Das hast du schon einmal behauptet", entgegnete sie schließlich, als sie fand, dass sie einer Antwort nicht länger ausweichen konnte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du dich daran erinnerst, Weasley."
Fast konnte Ginny spüren, wie ihre Gedanken in dieselbe Richtung wanderten, zu jenem Nachmittag am See, an dem ihre Temperamente aufeinandergetroffen waren.
„Meine Frage bleibt aber dieselbe: Warum interessiert sich eine Gryffindor plötzlich dafür, was ein Slytherin denkt? Hat doch in den letzten Jahren ganz gut funktioniert, ohne dass ihr euch die Mühe gemacht habt." Der Sarkasmus in seiner Stimme ließ Ginny zusammenzucken.
„Das ist nicht wahr."
Er schnaubte. „Was? Dass sich niemand von euch – den großen, allmächtigen Dumbledore eingeschlossen – für uns interessiert hat, oder dass es gut funktioniert hat."
Ginny war schon kurz davor, „Beides!" zu sagen, und das im Brustton der Überzeugung, als sie inne hielt und begriff, dass sie das nicht guten Gewissens tun konnte. Wie oft hatte sie Ron und Harry über Malfoy oder Snape lästern hören, besonders in Ginnys fünftem Jahr, als Malfoy versucht hatte, die Todesser in die Schule zu locken?
Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „Wenn du unglücklich warst, hast du es ziemlich gut versteckt."
Malfoy schnaubte, und es war ein bitteres Geräusch. „Was hätte ich tun sollen? Zulassen, dass ihr wie die Aasgeier über mich herfallt, weil ich einmal Schwäche gezeigt habe? Und jetzt sag bloß nicht, dass ihr das nicht getan hättet – wir beide kennen Potter, und wir beide kennen Weasley."
Auch wenn es sich wie Verrat an ihrem Freund und an ihrem Bruder anfühlte, sie nickte. Harry hatte sich geändert in den letzten Jahren, er hatte sogar gesagt, dass er Malfoy respektierte – aber vor zwei, drei Jahren hatte das noch ganz anders ausgesehen.
„Damals vielleicht – aber jetzt nicht mehr."
Er schnaubte. „Und das ausgerechnet von dir, die die ersten drei Monate des Schuljahres damit verbracht hat, mir das Leben zur Hölle zu machen."
Ginny war nicht schnell genug, um die Überraschung auf ihrem Gesicht zu verbergen, und Malfoy schnaubte. „Was?"
„Ich dachte, du hättest mir das Leben zur Hölle gemacht."
„Du warst nicht diejenige, die im Krankenflügel gelandet ist."
Ginny spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss – das war eine Sache, für die sie sich noch immer schämte. Egal, was Malfoy gesagt hatte, es hätte sich nicht so gut anfühlen dürfen, ihm wehztun. Niemals. „Es tut mir leid."
Er verdrehte die Augen – eine Reaktion, die sie überraschte. „Meine Güte, manchmal seid ihr Gryffindors wirklich dämlich."
Schon wollte sie zu einer scharfen Antwort ansetzen, doch er schüttelte den Kopf, bevor sie etwas sagen konnte. „Mein Problem ist nicht, dass du mir einen Fluch auf den Hals gehetzt hast – wenn du meine Familie beleidigt hättest, hätte ich dasselbe getan. Aber weißt du, was der Unterschied zwischen dir und mir ist? Du stehst danach da und behauptest noch immer, Moral und Anstand gepachtet zu haben. Und diese verdammte Selbstgerechtigkeit kotzt mich an."
„Und bei dir ist das etwa anders?"
Malfoy warf ihr einen Blick zu, der ihr das Blut ins Gesicht schießen ließ. „Ich bin ein Slytherin. Wer von mir Moral und Anstand erwartet, glaubt auch an den Weihnachtsmann."
Ginny wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, und wandte sich wieder ihrem stark vernachlässigten Zaubertrank zu in der Hoffnung, dass die letzten fünf Minuten der Stunde schnell vergehen würden.
Vier davon taten das auch, doch als sie schon ihre Sachen zusammenpackte, beugte sich Malfoy zu ihr hinüber: „Bald ist Hogsmeadewochenende."
Sie nickte.
„Wenn du ernst meinst, was du sagst, dann würdest du dich auch mit mir treffen, oder?"
Die Überraschung traf sie so hart, dass sie für einen Moment nichts erwidern konnte. „Aber ich... ähm, ich wollte mich mit Harry treffen."
Malfoy verdrehte die Augen. „Du wirst schon noch genug Gelegenheit haben, mit ihm in irgendeiner Ecke zu verschwinden. Oder trinkst du deinen Tee so langsam?"
„Ich... ähm..."
„Also?"
Für einen Moment war sie versucht, abzulehnen, doch dann spürte sie, wie ihr Gryffindorinstinkt sich der Herausforderung stellte. „Ja."
Es klingelte, und er war verschwunden, bevor Ginny die Frage stellen konnte, die sie in den nächsten Tagen beschäftigen würde: „Wieso machst du das?"
Zu Ginnys großer Überraschung begannen weder Hermine noch Harry einen Aufstand, als sie ihnen von ihrem Treffen mit Malfoy erzählte. Hermine stand der Sache relativ neutral gegenüber, und Harry wirkte in seinem Brief sogar recht zufrieden mit der Entwicklung. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass du dich ihm gegenüber in etwas hineinsteigerst, und es tut gut zu hören, dass ihr euch jetzt besser versteht. Dafür kann ich sicher für eine Stunde auf dich verzichten.
Auch wenn ihre Freunde – minus Ron, dem sie nichts erzählt hatte – der Angelegenheit positiv gegenüberstanden, hatte Ginny ein wenig Angst vor ihrer eigenen Courage, als sie in der Eingangshalle stand und sich auf Zehenspitzen reckte, um den ersten Blick auf Draco Malfoys weißblonden Haarschopf zu erhaschen. Nach ihrer ersten, impulsiven Zustimmung hatte sie einfach viel zu viel Zeit gehabt, um sich selbst und ihre Entscheidung zu hinterfragen, und außerdem konnte sie seit der Zaubertränkestunde nicht aufhören, über seine Motive nachzudenken. Wieso hatte er sie eingeladen? Noch immer hatte sie keine zufriedenstellende Antwort darauf bekommen, aber sie war sich sicher, dass dahinter irgendein slytherin'scher Plan steckte, der ihm zum Vorteil gereichte.
„Weasley." Sie riss ihren Kopf hoch, als sie seine Stimme hörte, und entdeckte ihn, wie er die letzten Schritte auf sie zu machte.
„Malfoy." Für einen Moment hielt sie inne, doch dann fügte sie, um ein erneutes, peinliches Schweigen zwischen ihnen zu vermeiden, hastig hinzu: „Wollen wir?"
Er nickte und bedeutete ihr, voranzugehen, auf die großen Schlosstore zu und über die Ländereien hinweg. Es war kalt, eine Tatsache, an der auch die Sonne und der strahlend blaue Himmel nicht viel ändern konnten, und jedes Mal, wenn der Weg nach Hogsmeade in den Schatten von Bäumen eintauchte, fröstelte Ginny.
Nach einigen Minuten der Stille, in denen sie nur nebeneinander her gegangen waren, schnaubte Malfoy. „Ist deine Neugier jetzt plötzlich eines kurzen, schmerzhaften Todes gestorben?"
Fast gegen ihren Willen musste Ginny lachen, obwohl seine Worte eigentlich genau auf den Punkt getroffen hatten. „Nein – ich kann mich nur nicht entscheiden, welche Frage ich zuerst stellen soll."
„Dann solltest du dir vielleicht ein Ordnungssystem überlegen. Alphabetisch? Chronologisch? Nach Wichtigkeit? Und wenn du das gemacht hast, könntest du vielleicht anfangen, sie nach der Reihe zu stellen."
„Würdest du sie denn auch ehrlich beantworten?"
Er warf ihr einen Blick zu, der den Eisprinzen von Slytherin wieder zu neuem Leben erweckte. „Vielleicht. Das komm auf die Frage an."
Ginny schluckte eine scharfe Antwort hinunter, bevor sie tief Luft holte – etwas anderes, als es einfach zu versuchen, blieb ihr ohnehin nicht übrig. „Wieso hast du mich eigentlich eingeladen?"
Er lachte auf. „Die typische Frage eines Gryffindors, aber eine von denen, die ich beantworten werde. Vielleicht sogar ehrlich, wenn du Glück hast."
Die Spitze war nicht an sie verloren und sie versuchte, die Löwin in ihrem Inneren zu beruhigen – mit mäßigem Erfolg. „Ich höre."
Man musste ihr angehört haben, wie unzufrieden sie war, denn Malfoy wandte ihr den Kopf zu und musterte sie mit fragendem Blick. Als sie keine Anstalten machte, auf seine unausgesprochene Aufforderung zu reagieren, schüttelte er den Kopf und sprach seinerseits: „Du hast dir wahrscheinlich schon gedacht, dass ich sicherlich irgendein verstecktes, dunkles Motiv habe, oder etwa nicht?"
Ginnys ehrliche Ader nickte, bevor der Rest ihres Gehirns etwas dagegen unternehmen konnte, und Malfoy verdrehte die Augen. „Ist es so schwer, sich vorzustellen, dass ich einmal Zeit mit jemandem verbringen möchte, der nicht fürchterlich langweilig ist?"
„Was?" Hatte er ihr gerade – bei Merlin! - ein verstecktes Kompliment gemacht?
„Ob du es glaubst oder nicht, gelegentlich bin ich es leid, nur mit Mädchen zu reden, die jedem meiner Worte zustimmen. Du bist zwar fürchterlich anstrengend, aber wenigstens eine Herausforderung."
Selbst wenn es ein Kompliment gewesen war, seine nächsten Worte hatten dieses merkwürdige Gefühl der Zufriedenheit in ihrer Magengegend erfolgreich getötet. „Das ist doch sicherlich nicht alles, oder?"
„Ich bin ein Slytherin, natürlich ist das nicht alles." Er ließ seine Worte für einen Moment wirken, während Ginny zähneknirschend feststellte, dass er ihre Schlussfolgerungen und Gedanken wieder einmal nach seiner Pfeife hatte tanzen lassen. „Aber wenn wir schon einmal hier sind, können wir ja etwas für die Beziehungen zwischen den Häusern tun, oder etwa nicht? Ich wette, Hogsmeade hat seit Jahren keine Gryffindor gesehen, die mit einem Slytherin zwischen den Häusern entlangspaziert ist."
Ginny verdrehte die Augen. „Natürlich. Und dass du noch dazu etwas für deinen eigenen Ruf tust, ist natürlich vollkommen nebensächlich. Ich meine, wer würde es noch wagen, dich anzugreifen, wenn sogar eine Weasley dir vergeben kann."
„Der Gedanke könnte mir ein oder zwei Mal durch den Kopf gegangen sein, ja." Er klang eher amüsiert als ertappt, was Ginny fast zur Weißglut brachte. „Also nutzt du mich eigentlich nur aus, und es geht nur um dich!"
„Wenn du es ausnutzen nennst, wenn jemand seine Zeit gerne mit dir verbringt, dann nutze ich dich aus, ja. Das tut dann aber auch Potter, würde ich sagen." Irgendetwas lag da in seiner Stimme... sie riss ihren Kopf so schnell herum, dass es fast wehtat. Hatte sie ihm gerade... wehgetan, mit ihren Worten? Draco Malfoy? Ginny war sich nicht ganz sicher. Natürlich klang er verletzt... aber sie wusste, dass er ein guter Schauspieler war, sonst hätte er die Jahr seit der Rückkehr von Du-weißt-schon-wem niemals überlebt.
„Es tut mir leid."
Er schüttelte den Kopf. „Was du gesagt hast, vielleicht. Ich bezweifle allerdings, dass dir dein Misstrauen leid tut."
„Es ist schwierig, jemandem zu vertrauen, der sich dein ganzes Leben lang nicht um deine Gefühle geschert hat."
Seine Finger kämmten in einer Geste der Frustration durch seine Haare. „Ich weiß."
Vielleicht hätte er noch mehr zu dem Thema gesagt, wenn sie nicht die Hauptstraße von Hogsmeade erreicht hätten, die bevölkert war von Schülerinnen und Schülern. „Wohin möchtest du?", fragte er nach einer kurzen, nachdenklichen Pause. „Die Drei Besen? Oder doch lieber Madam Puddifoot?"
Ginny schnitt eine Grimasse. „Bloß nicht... ich bekomme Albträume, wenn ich daran nur denke."
„Eine vernünftige Frau – ich bin beeindruckt." Er ließ sich sogar dazu hinreißen, zu lachen.
Sie tranken gemeinsam Butterbier und unterhielten sich, über Quidditch, über die Abschlussprüfungen, über Professor Dixon, den neuen Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, den sie, zu Ginnys Überraschung, beide nicht ausstehen konnten. Und als sie sich verabschiedete, um sich mit Harry, Ron und Hermine zu treffen, spürte sie einen kleinen Stich des Bedauerns, dass sie nun gehen musste – und zwar ohne ihn.
Zu Ginnys Überraschung blieb die Welle an Gerüchten darüber, dass sie sich mit Malfoy getroffen hatte, aus. Natürlich, sie erntete ein paar merkwürdige Blicke, aber die meisten Schüler schienen froh darüber zu sein, den Krieg und alles, was dazugehörte, in die hintersten Ecken ihres Geistes zu verdrängen. Manchmal beneidete Ginny sie für diese Fähigkeit, denn sie wurde unweigerlich jedes Mal an die Ereignisse der letzten Jahre erinnert, wenn sie an ihre Familie dachte.
Der Gedanke an Gerüchte wanderte über die Wochen allerdings immer weiter in den Hintergrund, denn nun, wo sie Zeit hatte, über ihr und Dracos Gespräch aus dem Weg nach Hogsmeade nachzudenken, schlich sich eine unwillkommene Vermutung in ihren Kopf: Mochte Draco sie vielleicht?
Zwar hatte Ginny nicht viel Erfahrung damit, wie Draco Malfoy normalerweise mit Mädchen umging, aber so kühl und zurückgezogen, wie sie ihn einschätzte... da war das, was er gesagt hatte, doch eigentlich ziemlich eindeutig gewesen, oder? Und es schien ihm wichtig zu sein, was sie über ihn dachte, zumindest glaubte sie das nach allem, was er gesagt hatte. Natürlich, da war noch immer die Möglichkeit, dass das alles ein falsches Spiel war, aber er schien sich... geändert zu haben in den letzten Wochen. Und jetzt, wo sie über alles nachdachte, das seit dem Beginn des Schuljahres zwischen ihnen vorgefallen war, fiel ihr auch auf, dass er sie eigentlich in Ruhe gelassen hatte, bevor sie auf dem Quidditchfeld verbal auf ihn losgegangen war.
Erst dann hatten seine Gemeinheiten angefangen, erst dann hatte er sie ausgelacht – aber vielleicht hatte er das nur getan, um sich vor ihr zu schützen? Die Absurdität der Situation war nicht an sie verloren – dass sie sich fast drei Monate lang an den Hals gesprungen und gegenseitig unglücklich gemacht hatten, und das nur, weil sie sich gegen den jeweils anderen mit einem Präventivschlag verteidigen wollten?
„Draco?", wisperte sie, um Slughorns Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken, und er wandte ihr den Kopf zu. „Hm?"
„Du warst erst gemein zu mir, als ich dich angefahren habe." Es war eine Feststellung, keine Frage, und er nickte langsam.
„Willst du wissen, wieso ich dich angefahren habe?"
Er nickte ein zweites Mal.
„Weil ich Angst hatte, dass du gemein zu mir bist."
Für einen Moment schien er über ihre Aussage nachzudenken, und dann grinste er trocken. „Wir sind manchmal schon ein wenig... dämlich, oder?"
„Ja", entgegnete sie lapidar und wollte sich schon wieder ihren Zutaten zuwenden, als er leise meinte: „Wo wir gerade bei Quidditch sind... hast du Lust auf ein wenig außerplanmäßiges Training heute Abend?"
Fast augenblicklich nickte sie – Draco war ein würdiger Gegner, was das Fliegen anging, auch wenn sie auf verschiedenen Positionen spielten. „Klingt gut, treffen wir uns nach der Ausgangssperre auf dem Feld?"
Er nickte, bevor er weiter an seinem Felix Felicis arbeitete.
Die Nacht war kalt, dunkel und windig – nicht gerade die idealen Voraussetzungen für eine Runde auf dem Besen, doch Ginny hatte viel zu viel Spaß an der Idee, um wegen einer Kleinigkeit wie dem Wetter abzusagen. So sehr sie das Training mit ihrer Mannschaft auch mochte, manchmal fehlte ihr ein wenig die Konkurrenz ihrer Brüder, die sie zu Hause angespornt hatten, im Geheimen härter und härter zu trainieren, nur damit sie besser als sie werden würde. Mit Draco hatte sie keinen Zweifel daran, dass der Wettbewerb hart und gnadenlos werden würde.
Sie erreichte das Feld dank der Karte des Rumtreibers ohne Zwischenfälle und öffnete den Schuppen mit den Rennbesen – wer dachte eigentlich, dass dieses Schloss irgendjemanden aufhalten würde? - bevor sie die ersten Runden drehte, während sie auf Malfoy wartete. Er erreichte das Feld wenige Minuten später, wie sie an dem fahlen Licht seines Lumos erkennen konnte, und sie landete neben ihm. „Hey."
„Hey." Er nickte ihr zu und stieg dann gemeinsam mit ihr in die Lüfte, wo sie einige Runden drehten, um sich aufzuwärmen – nicht unwichtig bei dem eisigen Wind, der ihr Gesicht und ihre Ohren einzufrieren drohte.
„Was möchtest du zuerst machen?", fragte er, und Ginny zuckte mit den Schultern. Sie hatten weder einen Schnatz noch einen Quaffel, da Madame Hooch die Kiste mit ihnen in ihrem Büro einschloss und mit Bannen versehen hatte.
„Trockentraining für Sturzflüge?", schlug sie unsicher vor, und er lachte. „Hier."
Bevor sie reagieren konnte, hatte er ihr etwas kleines, goldenes in die Hand gedrückt, das mit seinen Flügelchen wild gegen ihre Finge schlug, um sich zu befreien. „Ein Schnatz?", fragte sie atemlos und er nickte. „Er leuchtet im Dunkeln, sonst könnten wir nicht besonders viel mit ihm anfangen... lass ihn los, wenn du möchtest."
Für einen Moment betrachtete sie den fahlen Schimmer, der durch den Stoff ihrer Handschuhe glomm, dann ließ sie los und sah zu, wie der kleine Ball davonflog, in die Richtung der Torstangen. Ein kurzer Blick zwischen ihnen reichte aus, dann schossen sie beide nach vorne, auf der Jagd nach dem Schnatz.
Das Duell zwischen ihnen war anders als jedes Quidditchmatch, das Ginny je als Sucherin gespielt hatte. Da sie den Schnatz auf dem dunklen Feld immer sahen, fiel der Teil, in dem sie nach ihm suchten, vollkommen aus, und sie mussten ihn nur fangen und den anderen aus der Bahn werfen. Es war hart, es war anstrengend, sie musste sich in jedem Moment konzentrieren – und sie liebte es. Zu ihrer Überraschung machte es ihr auch nichts aus, öfter gegen Draco zu verlieren als zu gewinnen – immerhin trainierte er immer als Sucher, während sie den größten Teil der Zeit versuchte, den Quaffel durch die Torstangen zu werfen.
Nach dem zehnten Fang – Draco, der damit mit sieben zu drei führte – ließ er den Schnatz allerdings nicht wieder frei, sondern kehrte zu ihr zurück, wo er meinte: „Der Wind wird stärker, und ich glaube, wir sollten langsam nach drinnen gehen."
Ginny nickte, sie spürte ihre Finger und ihre Wangen schon seit einer ganzen Weile nicht mehr, war aber zu stolz gewesen, um das zuzugeben. „Lass uns noch ein wenig aufwärmen, bevor wir ins Schloss gehen, ja?"
Schweigend landeten sie in der Nähe der Umkleidekabinen, und nach einer kurzen, stummen Diskussion folgte Ginny ihm durch die Tür der Slytherins nach drinnen, wo Draco sich auf eine der Sitzbänke fallen ließ, ganz offensichtlich erschöpft. Sie folgte seinem Beispiel und streckte ihre schmerzenden Beine aus, während sie ihre Finger aneinanderrieb in der Hoffnung, dass sie dadurch auftauen würden.
Zu ihrer Überraschung war die Stille zwischen ihnen nicht peinlich, wie früher, sondern eher erschöpft, und sie schloss für einen Moment die Augen. Fast jeder ihrer Körperteile schmerzte, aber sie war... zufrieden.
„Hier", meinte Draco leise und sie öffnete die Augen, nur um zu sehen, dass er zu ihr gerückt war und ihr einen Flachmann unter die Nase hielt.
Vorsichtig griff sie danach und roch daran, bevor sie leise auflachte. „Feuerwhiskey? Deswegen spielt Slytherin also immer so konfus!"
Trotzdem nahm sie einen kräftigen Schluck und genoss, wie der Alkohol sie von innen heraus erwärmte, bevor sie den Flachmann an ihn zurückreichte.
„Du spielst gut", bemerkte Draco schließlich, und diesmal bestand kein Zweifel – es war ein Kompliment, ganz eindeutig. „Bist du sicher, dass du Jägerin bleiben möchtest?"
„Glaub mir, ich hab lange darüber nachgedacht... aber das Spiel mit dem Team liegt mir mehr, als einsam über dem Feld meine Kreise zu ziehen."
Er schien mehr aus ihren Worten herauszuhören, als sie beabsichtigt hatte, denn er starrte nachdenklich auf die gegenüberliegende Bank mit den Haken, an denen die Quidditchroben seiner Teamkameraden hingen. „Manchmal... manchmal denke ich das auch über mich."
Sie wusste nicht, ob er jetzt über den Sport sprach oder über sein Leben, aber er klang so unglücklich, dass sie spürte, wie sich etwas in ihr zusammenkrampfte. „Du bist nicht alleine... du hast Familie, du hast Freunde..."
„Ich weiß", seufzte er leise. „Aber manchmal fühlt es sich anders an..."
Fast von alleine fand ihre Hand ihren Weg zu seiner Schulter, doch zu ihrer Überraschung zuckte er unter der Berührung zusammen und brachte Abstand zwischen sie. „Ginny, nicht..."
Seine Stimme klang rau und sie spürte, wie die Sorge in ihr aufwallte. „Was ist...", fragte sie und folgte ihm, vorsichtig, wie sie sich einem verletzten Tier genähert hätte. „Ist alles...", setzte sie erneut an, und im nächsten Moment spürte sie seine Lippen auf den ihren, kalt und weich und fast verzweifelt.
Für einen Moment erstarrte sie, erschrocken über ihn und erschrocken über die Tatsache, dass sie ihn nicht augenblicklich geohrfeigt hatte, doch dann brach etwas Instinktives, Urtümliches in ihr hervor und ihre Lippen bewegten sich fast ohne ihr Zutun. Er schmeckte nach dem Feuerwhiskey, denn sie getrunken hatten, und seine Haare fühlten sich kalt und weich an unter ihren Fingern, während sie ihn näher an sich heranzog und ihr schlechtes Gewissen entschlossen zur Seite schob. Was gewesen war, zählte nicht, nur dieser eine Moment war wichtig, in dem sie in der Umkleidekabine der Slytherins saßen und sich küssten, so als ob es das letzte wäre, das sie in ihrem Leben tun würden.
Seine Hände wanderten mit einer fast verzweifelten Intensität über ihren Rücken und ihre Schultern, vergruben sich in ihren Haaren, und Ginny glaubte schon, dass sie niemals aufhören würden, sich zu küssen, als ein leises Stöhnen – ob von ihm oder von ihr, konnte sie nicht sagen – sie auseinanderfahren ließ. Die Augen vor Schreck weit aufgerissen, schwer atmend und mit zerzaustem Haar starrte sie ihn an, und in seinem Blick konnte sie dieselbe Fassungslosigkeit über das entdecken, was sie getan hatten.
Ginny brauchte all ihren Mut, um den Wunsch zur Flucht zu unterdrücken, und der Moment dehnte sich zwischen ihnen aus, während sie mit den widersprüchlichen Gefühlen in ihrem Inneren kämpfte. Was hast du getan? Harry! Wie kannst du jemals wieder in den Spiegel sehen? Harry! Draco! Es hat sich gut... das darfst du gar nicht denken!
Draco schaffte es zuerst, sich aus seiner Starre zu befreien, und sein tiefer, unregelmäßiger Atemzug klang laut in ihren Ohren. „Ginny...", seufzte er und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare in dem vergeblichen Versuch, ein wenig Ordnung in seine Frisur zu bringen, wo doch der Rest der Welt aus den Fugen geraten war.
Das eine Wort ließ sie zusammenzucken, doch damit war der Bann gebrochen und sie sprang auf. „Ginny, nicht."
Seine Hand auf ihrem Arm brannte wie Feuer, doch sie hielt ihren Wunsch, zu fliehen, auf, bevor sie noch einen zusammenhängenden Gedanken gefasst hatte. „Es tut mir leid... ich wollte nicht..." Er brach ab und sah sie nur an, mit einem Blick, in dem so viel Verzweiflung lag, dass Ginny sich noch elender fühlte als zuvor. „Mir auch... mir auch..."
Für einen Moment schien er in ihrem Gesicht lesen zu wollen was sie dachte und fühlte, doch dann schüttelte er leicht, fast unmerklich den Kopf und schloss die Augen, bevor er seine Finger widerwillig von ihrem Arm löste. Ginny brauchte nur Sekunden, um nach draußen in die kalte Nachtluft zu stürzen.
An Schlaf war nicht zu denken in dieser Nacht, und Ginny war nur froh, dass die anderen Schüler schon in ihren Betten gewesen waren, als sie in den Gryffindorturm zurückkehrte. Sie hatte das Gefühl, dass das, was sie getan hatte, in großen, magischen Buchstaben über ihrem Kopf stand, und dass jeder, dem sie begegnete, es sehen musste. Und Hermine... alleine schon bei dem Gedanken daran, ihr am Morgen gegenübertreten zu müssen, krampfte sich alles in ihr zusammen. Was sollte sie sagen? Ich hab gestern Nacht mit Draco Malfoy rumgeknutscht, und es hat mir gefallen!
Noch immer konnte sie seine Finger auf ihrem Rücken fühlen, an ihrem Hals, in ihrem Haar, während sie im Bett lag und in die Dunkelheit über ihrem Kopf starrte. Ich hab gestern Nacht Harry betrogen, es macht dir doch nichts aus, oder?
Der Zynismus ihrer eigenen Gedanken überraschte sie, brachte sie allerdings nicht näher an die Antwort auf die Frage, was sie tun sollte. Mit Harry Schluss machen? Harry alles erzählen? Hermine alles erzählen? Meinen Mund halten und jeden Morgen wegsehen, wenn ich mir die Haare kämme?
Sie wusste nicht einmal, was sie fühlte, wie sollte sie da herausfinden, was sie tun sollte? Dass Ginny etwas gefühlt hatte, als Draco sie in seinen Armen gehalten hatte, konnte sie nicht leugnen... aber was? Verlangen? Mitleid?
Schon vor diesem Abend hatte sie gewusst, dass Draco mehr und mehr ihrer Gedanken einnahm, doch bis jetzt hatte sie es immer darauf geschoben, dass er sie verwirrte und dass sie herauszufinden versuchte, was er dachte und fühlte. Steckte wirklich mehr hinter diesen Gedanken? Fühlte sie auch etwas für ihn? Sie wusste es nicht, genauso wenig, wie sie sich entscheiden konnte, was sie tun sollte.
Und Harry... sie seufzte lautlos in ihr Kissen, während ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie war sich so sicher gewesen, dass sie ihn liebte, und so froh, als die letzte Schlacht vorbei gewesen war... konnte sie jetzt wirklich hingehen und alles, was sie hatten, kaputt machen für ein merkwürdiges Gefühl, das sie nicht bestimmen konnte und das vielleicht in ein paar Tagen wieder verflogen war?
Ich weiß es nicht... ich weiß es nicht... ich weiß es nicht...
Schließlich, als sie kaum mehr damit gerechnet hatte, brachen sich die Tränen ihren Weg und sie weinte, bis die Müdigkeit schließlich Überhand nahm und sie doch noch einschlief.
Ginny erwachte spät am nächsten Morgen, mit geschwollenen Augen und noch immer genauso ratlos wie im Abend zuvor. Auch wenn sie sich schlecht dabei fühlte, sie war froh, dass Hermine schon zum Frühstück gegangen war, denn so konnte sie die Beweise für ihre Tränen in der Nacht verschwinden lassen, bevor irgendjemand sie sah. Während des ganzen Tages vermied sie jeden Blick in die Richtung des Slytherintisches, und sie war dankbar, dass Draco in den Stunden, die sie gemeinsam hatten, ungewöhnlich still war. Sie wusste nicht, was seine Stimme mit ihr angestellt hätte, die gestern so rau und verzweifelt geklungen hatte.
In den nächsten Tagen schleppte sie sich durch den Unterricht, eine Tatsache, die auch an Hermine nicht verloren war, die sie fragte, was mit ihr los war. Ginny wehrte ab und erklärte, dass sie sich nicht gut fühle, und Hermine war feinfühlig genug, um nicht nachzubohren – sehr zu ihrer Erleichterung. Aber während sie versuchte, den Worten der Lehrer zu folgen, um sich wenigstens ein bisschen von dem Chaos abzulenken, das in ihrem Inneren tobte, schlug eine andere Erkenntnis ein wie eine Bombe: Sie vermisste Draco, und das nur, weil sie nicht mehr ein oder zwei Worte zwischen den Stunden wechselten, und sich in Zaubertränke nun ignorierten, anstatt leise, geflüsterte Unterhaltungen zu führen.
Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und sie zu einer Entscheidung trieb – am nächsten Abend nahm sie Pergament und Feder mit ins Bett und schrieb den einen Brief, vor dem sie sich eigentlich seit Weihnachten gefürchtet hatte, wenn sie ehrlich mit sich selbst war. Sie erklärte in so vorsichtigen Worten wie möglich, dass sie sich nicht mehr sicher war, was ihre gemeinsame Zukunft anging, und dass sie ein wenig Abstand brauchte, um in Ruhe zu entscheiden.
Ein Teil von ihr fühlte sich wie eine Lügnerin, während sie das tat – sie wusste nicht, ob es fair von ihr war, Harry Hoffnungen zu machen, dass sie wieder zusammen sein konnten... aber in diesem Moment hätte sie es nicht geschafft, sich endgültig von ihm zu trennen, zu sehr schmerzten ihre verwirrten Gefühle, und zu wichtig war er ihr noch.
Mit zitternden Fingern rollte sie ihren Brief zusammen und huschte noch einmal nach draußen, um ihn in die Eulerei zu bringen, wo sie ihn einer Schuleule anvertraute, die sich vertrauensvoll an ihre Hand schmiegte. Die kleine Geste war zu viel – Tränen sprudelten hervor und sie presste ihre Hand vor ihren Mund, damit ihre Schluchzer sie nicht verraten würden.
Zwei Arme schlangen sich um sie und sie zuckte zusammen, bevor sie Dracos leises, beruhigendes „Schhhh!" hörte. So sehr seine Berührung ihre innere Unruhe auch verstärkte, sie hatte nicht die Kraft, sich zu wehren, und stattdessen kuschelte sie sich näher an ihn an auf der Suche nach der Geborgenheit, die sie in ihrem Bett nicht gefunden hatte.
Seine Hände streichelten über ihren Rücken, so ganz anders als an dem Abend, als sie sich geküsst hatten, und sie spürte, wie ihre Tränen langsam versiegten und der Schmerz in ihrem Inneren sich zurückzog, um ihren Gedanken Platz zu machen.
„Wieso bist du hier?", fragte sie leise, als sie sich sicher war, ihre Stimme wieder halbwegs unter Kontrolle zu haben, und sie spürte, wie seine Arme sich enger um sie schlangen. „Ich habe auf dich gewartet."
Sie spürte, wie Überraschung in ihr aufwallte, wagte es aber nicht, ihm ins Gesicht zu sehen. „Aber wieso...?"
Er schüttelte nur den Kopf, langsam, traurig, so als ob sich diese Frage eigentlich selbst beantworten müsste. Ginny schluckte. „Ich... ich habe an Harry geschrieben."
Wo seine Finger zuvor über ihren Rücken und über ihre Haare gewandert waren, spürte sie jetzt, wie er erstarrte. Er atmete nicht einmal mehr, nur sein pochender Herzschlag dröhnte in Ginnys Ohren. „Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Auszeit brauche, weil ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich mit ihm zusammen sein kann..."
Sie spürte, wie er seine angehaltenen Atem ausstieß und er seine Nase an ihrem Nacken vergrub. „Ginny..."
Die Art, wie er ihren Namen sagte... sie blickte auf, mit roten, geschwollenen Augen und laufender Nase. „Ich weiß nicht, was ich tun soll."
Für einen Moment sah er auf sie hinunter, und die Sehnsucht in seinem Blick schnürte ihr das Herz zusammen – vielleicht gerade weil sie wusste, wie schrecklich sie gerade aussah. „Ich weiß, was ich will, Ginny... und das könnte vielleicht dir helfen, es herauszufinden..."
Er griff in die Tasche seines Umhanges und reichte ihr ein kleines Fläschchen, das mit flüssigem Gold gefüllt zu sein schien. Sie keuchte auf. „Woher...", fragte sie leise, doch dann erinnerte sie sich dunkel, dass sie in ihrer letzten Zaubertränkestunde endlich den Felix Felicis, an dem sie in den letzten sechs Monaten immer wieder gearbeitet hatten, fertiggestellt hatte. Nun, zumindest einige von ihnen – sowohl Ginny als auch Draco hatten fürchterliche Resultate produziert.
Er grinste, und sah plötzlich aus wie ein kleiner Junge, der gerade die Keksdose gestohlen hatte. „Slughorns Banne waren noch nie besonders gut."
„Du hast es gestohlen?"
„Zählt es als gestohlen, wenn ich es zurückgeben möchte?"
Sie lachte – trotz allem, was passiert war, trotz der fast schmerzhaften Enge in ihrer Brust lachte sie, und sie spürte, wie ein Teil des Gewichtes von ihr abfiel und sie besser atmen konnte. „Und was soll ich damit machen?"
Seine Finger schmiegten sich um die ihren, die die Phiole festhielten, und vorsichtig, um keinen Tropfen zu verschütten, zog er den Korken heraus. „Riech daran...", flüsterte er und bevor sie wusste, was sie tat, hatte sie sich nach vorne gebeugt und ihre Nase über die Öffnung gehalten.
Leder... frischer Wind, der durch ihre Haare strich... und ein Geruch, der sie sich geborgen fühlen ließ, der sie umfangen wollte...
Vorsichtig nahm sie den Korken aus seiner Hand und verschloss das kleine Fläschchen wieder, bevor sie ihre Arme um sie schlang und ihre Nase an seinem Hals vergrub. Perfekt.
Sie wusste kaum, wie lange sie dort in der Eulerei gestanden hatten, ihre Arme um ihn geschlungen, seine Arme um sie geschlungen, doch schließlich drang seine sanfte Stimme an ihre Ohren. „Weißt du jetzt, was du möchtest?"
Fast widerwillig löste sie sich von ihm, um ihm ins Gesicht zu sehen, bevor sie vorsichtig nickte aus Angst, den Moment damit zu zerstören. Sie war sich nicht sicher, wie die Reaktion ihrer Familie ausfallen würde, oder die der seinen, oder ihrer Freunde, oder Harrys, aber sie wusste, dass sie alle Schwierigkeiten überwinden konnte, wenn sie nur zusammen waren. Und das war alles, was zählte. Das, und seine Lippen, die die ihren gefangen nahmen und alle unangenehmen Gedanken vertrieben, bis nur noch einer übrig blieb: Draco.
Vorgaben
Pairing: Draco Malfoy / Ginny Weasley
Rating: P16
Genre: Romantik
Auf jeden Fall erwünscht: sarkasmus,
Auf keinen Fall erwünscht: Songfic
Grundidee: ginny überspinrgt eine klasse und geht so mit draco in eine stufe, zunehmend fällt ihr auf, das der slytherin doch nicht so gefühlsklat ist und sie sich doch nach und nach gefühle für ihn eingesteht.
Making of
Am Anfang war eine Idee – in diesem Fall nicht meine Idee, sondern die von Lynnii, die ihren Wunsch im Wünsch dir was-Thread von gepostet hat. Ich mochte sie von Anfang an – ich mag Pairings und Pairingvorgaben, wie man vielleicht an meinem Harry Christmas Everyone-Projekt merkt – und Draco Malfoy x Ginny Weasley hatte ich davor weder geschrieben noch richtig gelesen, nur ein paar Andeutungen in Stories, in denen es eigentlich um andere Dinge ging. Also Neuland für mich – und bei Stories ist das für mich meistens unwiderstehlich, es sei denn, dieses Neuland besteht aus Dingen wie... ähm... Dobby x Winky-Lemon. Oderso.
Danach kam der Teil, in dem ich die Idee eine ganze Weile – eine ziemliche Weile – eher ein paar Monate – in meinem Kopf rumoren ließ. Der grundlegende Plot ist ja durch die Vorgaben ziemlich klar, aber trotzdem gibt es fünf Millionen Möglichkeiten, ihn umzusetzen. Von Anfang an stand für mich fest, dass die Geschichte nach Harry Potter und die Heiligtümer des Todes spielen sollte und Ginny daher nicht ein Jahr übersprungen hat, sondern Draco ein Jahr wiederholt. Ich mag einfach Szenarien, die in diesem „letzten" Schuljahr für Hermine und Ginny spielen, und Draco dort hinzuzufügen war dann nur die logische Folge.
Meine kleine Änderung an den Vorgaben wurde von Lynnii großmütig angenommen und kurz darauf hatte ich schon die Idee für die erste Szene, den ersten Blick, den Ginny auf Draco wirft und der die Ausgangssituation ihrer Gefühle deutlich klarmacht. Die hab ich dann sofort aufgeschrieben – und danach kam wieder gähnende Leere. Es kommt erstens immer anders und zweitens als man denkt, und eine zeitige Abgabe wanderte aus der Kategorie „Das glaubst du doch selbst nicht!" in „Wenn du in der Hölle Schlittschuhlaufen kannst, dann gibst du zeitig ab!"
Irgendwann haben mich dann aber doch mein schlechtes Gewissen und die Tatsache, dass ich in der Nähe der Deadline eine große, fiese Klausur habe, eingeholt, und da ich keine Motivation hatte, an einem meiner anderen Projekte weiterzuschreiben, lag doch nichts näher, als sich um einen kleinen, süßen One-Shot zu kümmern. Kleinen süßen One-Shot, von dem ich schon zu dem Zeitpunkt das Gefühl hatte, dass er zwar vielleicht süß wird, aber definitiv nicht klein. Und wieder kamen ein paar Zeilen dazu, und dann herrschte wieder gähnende Leere.
Irgendwann kam dann die unerwartete Feststellung, dass die Deadline dann doch näher ist als gedacht und dass das mit der Prokrastination langsam nicht mehr gutgehen kann. Und dann fing der große Schreibmarathon an, vier Tage vor der Abgabefrist. Stand zu diesem Zeitpunkt: 570 Wörter
Erster Tag... naja, hast ja noch Zeit, kannst dich ja entspannen, und außerdem wird die Story ja doch nicht so lang. 717 Wörter.
Zweiter Tag... also langsam solltest du dann schon, nach heute sind nur noch zwei Tage übrig und eigentlich wolltest du doch schon letztes Wochenende anfangen, für die Klausur zu lernen. 1609 Wörter.
Dritter Tag... Oh, also dein Satzbau ist doch ziemlich englisch angehaucht, da musst du nochmal mit ein wenig Distanz drüberlesen... äh, Distanz? Heißt das, ich schreibe heute fertig und lese es morgen Abend nochmal? Hm, jetzt hast du schon neun Seiten und die beiden haben sich noch nicht einmal mit verliebten Kuhaugen angesehen... dabei sollte die Story doch eigentlich kurz werden! 3550 Wörter.
Vierter Tag... krank, toll. Hast du mal wieder super hingekriegt... aber schreiben musst du trotzdem. Also: Schreiben, schreiben, schreiben, essen, dösen, weiterschreiben! Und obwohl das Ende viel zu kitschig ist und man eigentlich noch fünf Millionen Szenen hätte schreiben können... endlich ist es vorbei. 5823 Wörter.
Und wenn es euch nach diesem Making of ein Rätsel ist, wie ich eigentlich meine anderen Stories geschrieben bekommen habe, ohne dass ich Angst vor Atty haben musste – ist es mir auch.
