Kapitel 7

Als Silent nicht zum körperlichen Training auftauchte, dachte sich Heat noch nicht allzu viel. Er war zu sehr damit beschäftigt, den Keulen aus dem Weg zu springen, die der Blade nach ihnen warf. „Ausweichtraining" nannte Rogue das, wichtig, wenn sie einmal von einer Gruppe Herdenmenschen überrascht werden würden. Heat war sich mittlerweile sicher, dass die Körperübungen nur eine Form der Folter seien, mit der die Blades sich in ihrer Freizeit beschäftigten.

Nachdem sie auch noch bis zur totalen körperlichen Erschöpfung über Hindernisse gehetzt worden waren, war der Jüngling beinahe dankbar dafür, von Digger sofort in die Schlafwabe gesperrt zu werden. Kraftlos schleppte Heat sich in seine Schlafecke und stöhnte. Er war mehrfach getroffen worden, von einer der Kletterwände gefallen und eh schon erschöpft vom fehlenden Schlaf in der Nacht zuvor. Müde zog er die Würfel aus seinem Umhang hervor, die Rush für ihn und Silent aus dem Spielzimmer stibitzt hatte. Die anderen Jünglinge waren sich einig, dass es unfair war, wie Digger seine Zöglinge behandelte und diese mittlerweile bereits den zweiten Zehnttag nicht mehr ins Spielzimmer gelassen worden waren. Also hatten sie beschlossen, den beiden wenigstens ein paar der bunten Spielsteine zuzustecken.

Eine Weile spielte Heat allein mit den Würfeln, dann begann er sich zu fragen, wo sein Schlupfbruder sein konnte. Da seine telepathischen Fähigkeiten noch nicht besonders weit entwickelt waren, konnte er nur wenige Schritte weit mentalen Kontakt aufnehmen. Er traf in der nächsten Umgebung nur auf Knot, der ebenfalls zur Strafe in seiner Wabe untergebracht worden war und mit den Hausaufgaben kämpfte. ‚Weißt du, wo Silent ist?', fragte Heat ihn.

‚Nein. Aber ich habe gesehen, dass er nach dem theoretischen Unterricht zu Haze gerufen worden war', antwortete Knot und übermittelte Heat das Bild, wie ihr Lehrer über Silent gebeugt stand.

Heat biss sich auf die Lippen. Das dürfte wegen dem Bild gewesen sein, dachte er bei sich und ein schlechtes Gewissen stieg in ihm auf. Um dieses zu beruhigen machte er sich daran, die Hausaufgaben zu lösen und sie auch auf Silents Datenpad einzugeben, damit dieser nicht noch mehr Ärger bekäme.

Es war bereits lange nach Beginn der Nachtzeit, als Heat aufgab, auf Silent zu warten. Er war müde, erschöpft und ihm schmerzte jeder Knochen im Leib, als ihm die Augen zufielen und er in einen tiefen traumlosen Schlaf fiel.

„Ich weiß, das war deine Idee!" hörte er Digger knurren, als er an den Haaren aus der Wabe gezerrt wurde. Der Blade roch nach Drohne und schien frisch genährt zu sein, aber das war es nicht, was Heat so sehr erschreckte, dass er starr vor Furcht war. Es waren die rohen, primitiven und blutrünstigen Gedankenbruchteile, die von Digger ausgingen, die den Jüngling verstummen ließen.

Der Blade zerrte Heat am Schopf hinter sich her, weit weg von den Schlafwaben der anderen Jünglinge, während sich seine Gedanken allmählich ordneten. Der direkte Kontakt mit der Drohne, die über das Geschenk des Lebens genährt hatte, brachte die dunkelsten Gedanken in dem Blade zum Vorschein. Er war aufgebracht, frustriert und suchte etwas oder jemandem, an dem er seine Wut auslassen konnte. Anfangs hatte er Heat in kleine Stücke schneiden und diese in die Nebelkammer werfen wollen, in der Silent immer noch schuftete. Aber je weiter er mit dem schreckstarren Jüngling durch die verwaisten Flure lief, desto unmoralischer erschien ihm dieser Gedanke.

Heat spürte die Unentschlossenheit des Blades und begann, sich gegen den eisernen Griff in seinem Haar zu wehren. Er fauchte, kratze, biss und trat nach seinem Erzieher, den das aber nicht im Geringsten beeindruckte, sondern dessen Wut nur in eine Richtung kanalisierte. Grunzend schleuderte er Heat gegen eine Wand, fasste den Jüngling mit seiner gesunden linken Hand an der nackten Kehle und fauchte: „Du denkst, nur weil der Stille so dumm ist, sämtliche Schuld auf sich zu nehmen, kommst du ungeschoren davon, nicht wahr?"

Heat bekam keine Luft mehr und schlug seine kleinen Krallen in das Fleisch des Blades, der daraufhin nur höhnisch lachte. „Weißt du, was so wundervoll daran ist, frisch genährt zu sein? Man ist beinahe unverletzlich. Glaubst du wirklich, diese Kratzer würde ich überhaupt merken, Fruchtfresser?" Aber er lockerte ein wenig den Griff und Heat konnte wieder etwas atmen.

„Warum der andere dich um jeden Preis beschützen will, begreife ich zwar nicht, aber hierbei wird er dir nicht helfen können", knurrte Digger bedrohlich und begann, sich mentalen Zugang zum Geist des Jünglings zu verschaffen.

Heats geistige Schutzmauer zu brechen war ein Leichtes für den verbitterten Blade und glühend heiß breiteten sich dessen mentalen Klauen in dem jungen Geist aus, suchten und fanden die Erinnerungen an die letzten Tage.

So, ihr habt also beide an dem Bild gemalt, ja?, spürte Heat seinen Erzieher in seinem Verstand fragen, dann ist es nur recht und billig, dass ihr beide bestraft werdet. Oh warte, da ist noch etwas…

Heat versuchte zu schreien, aber Digger drückte ihm dafür zu sehr die Kehle zu. Hilflos musste er spüren, wie der Blade sich immer weiter in seine Erinnerungen grub, die Flucht am ersten Tag auf dem neuen Hive fand und noch weiter zurück ging.

Du meinst, du hättest Freunde gehabt, dummer Junge?, fragte Digger in seinem Geist und lachte boshaft, die du zurücklassen musstest, als man dich hierher brachte? Nein, es gibt keine Freundschaft, kein Wraith hatte jemals einen echten Freund.

Der Jüngling bäumte sich auf und rang nach Luft, bis der Blade endlich ein wenig den körperlichen Griff lockerte. Mental umschlang er Heat allerdings nur noch mehr, drang noch tiefer in dessen Seele und flüsterte bitter: Sie sagen zwar, sie wären deine Freunde, aber wenn du nicht Acht gibst, nur einmal nicht perfekt bist, dir ein Missgeschick geschieht, dann wenden sie sich von dir ab. Lassen dich allein zurück, verkrüppelt und geschlagen… hoffen, dass du eher stirbst, als sie um Hilfe zu bitten… Digger schnappte nun selbst nach Luft und zitterte vor Wut und Scham zugleich. Du bist nur dann jemand den man respektiert, wenn du immer und jederzeit jeden anderen übertrumpfen kannst… sonst stecken sie dich zu den Weichlingen, den Schlauköpfen… lassen dich die Brut bewachen, weil du zu nichts sonst nütze bist…

Heat gelang ein Fauchen und er grub seine kindlichen Krallen noch tiefer in die Hand des Blades, der daraufhin nur breit zu grinsen begann. Was denn? Du denkst wirklich, der Stille sei dein Freund, sonst würde er sich nicht für dich einsetzen? Oh nein, das ist er nicht. Er will nur nicht allein sein und weiß, dass du ohne sein Zutun längst eingegangen wärest… du machst seine Hausaufgaben? Dann wird er dir morgen vielleicht wieder etwas vom Futter abgeben…

Der Jüngling riss die Augen auf und kämpfte mit der Verzweiflung, die heiß in ihm brannte. So einen ähnlichen Gedanken hatte er schon einmal bei Silent gespürt, kurz bevor dieser seinen Geist wieder vor ihm verschlossen hatte. Sollte Digger etwa Recht haben? Gab es wirklich keinerlei Zusammenhalt bei ihrer Art, die nicht auf Können und Nutzen aufbaute? Ein Schluchzen entrang sich seiner jungen Kehle, als er seinen Widerstand endgültig aufgab und zuließ, dass der Blade jede seiner Erinnerungen hervorsuchte und hämisch kommentierte.

Als Digger endlich von Heat abließ, waren nur wenige Minuten vergangen, aber für den Jüngling schien es, als hätte er sein gesamtes Leben noch einmal durchgemacht – nur diesmal aus der freudlosen, verbitterten Sicht des verkrüppelten Blades. Er fühlte sich unendlich hilflos, beschmutzt, innerlich wund und zerstört. Es war ihm egal, dass sein Erzieher ihn am Arm zurück in die Wabe zerrte, die er sich mit Silent teilte. Ihm noch eine abschließende Tracht Prügel verpasste, bevor er ihn endlich allein ließ. Heat war alles egal. Er war allein. Einsam. Und würde es für den Rest seines Lebens auch bleiben. Er würde nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, nicht mehr reden. So würde es wenigstens nicht so lang dauern, bis dieses schreckliche Dasein für ihn endete.

Etwa zur Hälfte der zweiten Nachtwache kehrte Silent zurück in ihre Wabe. Pitschnass, weil er den Dreck der Nebelkammer in einer der warmen Lagunen des Hives hatte abwaschen müssen. Lasting, der junge Anwärter, der auf ihn aufgepasste, hatte ihm dazu geraten. „Anders wirst du den Gestank bis morgen früh nicht mehr los", hatte er gesagt und Silent sich zähneknirschend gebeugt.

Der junge Blade hatte Mitleid mit ihm gehabt und nach einigen Stunden seinen Drohnen befohlen dem Jüngling zu helfen, der sonst womöglich Tage für die Säuberung der Kammer benötigt hätte. „Mir doch egal, was Digger und mein Ausbilder dazu sagen. Ich bin hier, weil ich Ash die Haare verbrannt habe. Nicht ganz absichtlich, aber… egal. Auf jeden Fall kann so ein kleiner Fruchtfresser wie du noch nicht so etwas Schlimmes angestellt haben, dass er in die Kammern muss. Musst mir nicht sagen, was du gemacht hast. Digger war noch nie ganz richtig im Kopf, wenn du mich fragst", hatte Lasting gesagt und Silent beiseite gezogen, auf einen Vorsprung gesetzt und weitergeplappert: „Die Piloten halten sich für etwas Besonderes, dabei sind sie nichts weiter als abgehobene Egoisten. Bei den Wachen ist das anders, weißt du? Da muss sich jeder auf den anderen verlassen können, immer. Die Piloten mögen ihre Formationen fliegen, aber am Boden gehen sie sich nur gegenseitig an die Kehle. Wir Wachen halten zusammen, egal was kommt. Wir führen unsere Drohnen, beschützen die Königin, den Hive, die Clevermen… sogar die Piloten, auch wenn die das nie zugeben würden. Und wir beschützen natürlich so kleine Schlüpflinge wie dich."

„Ich bin kein Schlüpfling mehr", hatte Silent ernst entgegnet, „ich bin schon fünf."

„Oh, das ist natürlich etwas anderes!" Lasting hatte laut aufgelacht, „mit fünf Sternenjahren darf man sich selbstverständlich schon im Schwertkampf üben, für Schlüpflinge ist das noch nichts. Willst du mit mir trainieren, mein Großer? Aus dir wird sicher mal ein Blade, da kann man gar nicht früh genug anfangen!"

Die nächsten Stunden hatten sie mit den Stielen von Besen gefochten, während die Drohnen die Kammer gesäubert hatten. Eigentlich war dadurch die Strafe gar nicht so schlimm geworden, aber nicht jeder würde so freundlich mit ihm umgehen wie Lasting, war Silent nur zu bewusst. Der junge Anwärter war ein ziemlicher Querdenker, aber er vergötterte ihre Königin Snow, die zur Feier der Jährigkeit seines Jahrganges erschienen war. Für sie würde er alles tun, bedingungslos.

Noch nie zuvor war Silent so derart fasziniert von etwas gewesen wie von Lasting, den Wachen, den Drohnen, den Erzählungen über ihre Königin… dafür ertrug er sogar den Gestank und das anschließende Bad.

Als er letztendlich in die Wabe kroch, Lasting hinter ihm die Türmembran schloss und er den völlig verschüchterten Heat zitternd in einer Ecke vorfand, beschloss er zu schweigen. Sein Wabenbruder hatte sich sicher große Sorgen um ihn gemacht. Wenn er jetzt berichtete, was für eine wundervolle Zeit er verlebt hatte, würde Heat womöglich nur noch wütend auf ihn werden. Außerdem war Silent müde. Er warf seine nasse Kleidung von sich, krabbelte unter seine Decke und schlief fast augenblicklich ein.