Sechstes Kapitel

Harrys Sicht

Wir sitzen in seinem Zimmer, Donal in einem Sessel, ich auf dem Bett. Es herrscht eine Stille im Zimmer, da keiner von uns weiß, wie er beginnen soll. Wie soll ich es überhaupt anfangen, ihn mit seinem Vater zu vereinen, den er nie gekannt hat und der seine Mutter und seine Schwester gefoltert und getötet hat?

„Du kennst meinen Vater", beginnt Donal schließlich, wobei seine Neugierde offensichtlich ist. „Und bevor du fragst, ich weiß, was er getan hat. Ich verstehe, dass er nicht derselbe Mensch ist, der er war, als er diese Dinge getan hat. Aber ich muss zugeben, dass das leichter zu akzeptieren ist, da ich weder meine Mutter noch meine Schwester jemals gekannt habe. Was ich aber wissen will: Wie ist er jetzt?"

Ich schaue in ernst an. Das ist für jemanden, der sowohl seine guten als auch seine schlechten Seiten ganz genau gesehen hat eine schwierige Frage. Aber ich werde versuchen, sie zu beantworten, auch wenn es schwierig ist, die richtigen Worte zu finden, um jemanden wie Sev zu beschreiben.

„Er ist intelligent", beginne ich langsam. „Äußerst sogar. Er durchschaut jede Lüge, die man sich vorstellen kann, bemerkt es, wenn etwas nicht stimmt. Seine Launen können tödlich sein. Nach außen hin gibt er sich sarkastisch, kühl und rücksichtslos und er kann gegenüber Leuten, die er nicht leiden kann, überraschend gemein sein. Und das kann lange andauern, selbst wenn die betreffende Person schon seit Jahren tot ist. Zu den Toten zählt mein Vater. Zu den Lebenden, bis vor gar nicht langer Zeit, ich selbst.

Das ist ein Teil seiner Persönlichkeit, aber es gibt auch noch eine andere Seite in ihm, eine Seite, die er niemandem zeigt und versucht zu verleugnen. Denn innerlich ist er ein Mensch. Er kann sowohl ängstlich als auch nervös sein, auch wenn er nach außen hin gleichmütig wirkt. Er ist bis zum Ende loyal zu einem, wenn man es auch zu ihm ist. Er ist ein schneller Denker, vorsichtig und leise, er bevorzugt es, aus der Ferne zu beobachten und zu beschützen und nicht im Rampenlicht zu stehen, auch wenn er es verdienen würde. Das liegt wohl hauptsächlich an der Scham, die er dafür empfindet, ein Todesser gewesen zu sein. Der ganze Selbsthass, die ganze Abscheu. Es ist noch gar nicht lange her, dass er überhaupt damit begonnen hat, sich etwas damit abzufinden."

Ich erwähne das Gespräch nicht, dass ich mit Sev geführt habe. Es ist für mich zu wertvoll, zu persönlich um es mit jemandem zu teilen, selbst mit seinem leiblichen Sohn. Donal hört mir genau zu, das kann ich sehen. Er hängt bei jedem Wort, das ich ausspreche an meinen Lippen. Genauso wie ich es tue, wenn mir jemand etwas über meine Eltern erzählt. Der einzige Unterschied ist, dass sein Vater noch lebt und meine Eltern nicht.

Eine stille Träne kullert mir die Wange herunter. Ich glaube aber nicht, dass Donal sie bemerkt hat. Und darüber bin ich froh. Ich habe nie wirklich um meine Eltern getrauert; ihre Abwesenheit einfach akzeptiert. Denn obwohl ich jetzt zwei Vaterfiguren habe, meinen Paten und Sev, kann doch niemand wirklich die Stelle der Eltern einnehmen. Ich habe sie zwar nie gekannt, aber ich liebe sie trotzdem. Genauso, wie ich Sirius und Sev liebe.

Damit ich nicht anfange zu weinen, rede ich weiter.

„Wir haben inzwischen unseren Frieden geschlossenen", sage ich, meine Stimme klingt schwer und dick unter dem Druck meiner Tränen. „Ich hatte die Möglichkeit, den Sev zu treffen, so wie er einst war. Einen humorvollen, freundlichen und geduldigen Mann, der ein sehr guter Koch ist (AU: und wagt es nicht zu lachen) und der seine Arbeit als Zaubertrankmeister über alles liebt, auch wenn er sich nach der Position sehnt, die er einmal innehatte."

Ich werde es jetzt sagen, auch wenn ich beginne zu begreifen, was das für unsere Beziehung bedeuten wird. Aber ich mache es für Sev, meinen `Dad´. Für Donal, seinen Sohn.

„Du solltest ihn treffen", sage ich sanft. „Ich denke ihr werdet auch mögen. Und er wird sehr froh sein, dich zu sehen, Donal. Er hat Jahre damit verbracht, nach dir zu suchen."

Donal hat Tränen in den Augen und ich kann ihm ansehen, dass er sich danach sehnt, den einzigen Elternteil zu treffen, den er noch hat.

„Ich will meinen Vater treffen", sagt er, wobei seine Stimme versagt. „So bald wie möglich. Ich wollte das schon seit so langer Zeit und jetzt, wo ich die Möglichkeit habe ..."

Ich kann seine Gefühle nur allzu gut verstehen. Die Tränen werden jetzt stärker, ich muss weg.

„Komm morgen Nachmittag zum Cottage", schlage ich ihm vor. „Er wird dann da sein."

Und er wird sich bis dann von seinem Treffen erholt haben. Donal nickt und begleitet mich zum Kamin. Wir wechseln kein Wort mehr und als ich wieder durch das Flohnetzwerk wirble, lass ich meinen Tränen freien Lauf, fühle, wie sie mir die Wangen hinunter rinnen. Als ich im Wohnzimmer ankomme, gebe ich mir gar keine Mühe, mich aufrecht zu halten, sondern breche gleich am Boden zusammen. Ich ziehe mich zu einer Kugel zusammen und lass den ganzen Schmerz auf mich einströmen. Den Schmerz, meine Eltern nie gekannt zu haben, den Schmerz, dass die erste Vaterfigur die ich hatte auf der Flucht ist. Den Schmerz, der aus der Angst entstanden ist, meine zweite Vaterfigur an seinen richtigen Sohn zu verlieren. Und warum sollte ich auch nicht? Meine Familie ist entweder für immer verloren oder war nie wirklich meine Familie.

Honey hat mich gefunden und versucht mich zu trösten, indem sie ihren weichen, pelzigen Körper an meinen schmiegt. Es hilft nicht viel, aber ich bin ihr dankbar dafür, mit dem Schmerz, der in mir ein riesiges Chaos anrichtet, nicht allein zu sein. Aber selbst Schmerz geht irgendwann vorüber. Während ich mich aufsetze, Honey unbewusst streichle und der Kristall mich unaufhörlich dazu auffordert ins Bett zu gehen und zu schlafen, blicke ich hinüber zu Sevs Muggeluhr, die im Wohnzimmer steht. Ich muss jetzt damit anfangen, den Trank zu brauen. Emotionaler Schmerz ist nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den man durch `Crucio´ erfährt. Auch wenn in Zukunft Donal wahrscheinlich derjenige ist, der den Trank brauen wird, werde ich Sev jetzt nicht leiden lassen. Ich werde mein bestes für ihn geben bis zu dem Zeitpunkt, wenn Donal ankommt.

Kurz nach meinem Weinanfall habe ich mich entschieden, was ich tun werde. Ich werde es für uns beide, für Sev und mich, einfacher machen, indem ich weggehe, wenn er Donal trifft. Sirius wird mich für den Rest des Sommers gerne bei sich aufnehmen, da bin ich mir sicher. Auf diese Weise wird niemand außer mir verletzt. Nächsten Sommer werde ich zu den Dursleys zurückgehen und ich werde für immer für diesen Sommer dankbar sein.

*****

Ich schlafe schon fast, als Sev zurückkommt, der Trank neben mir, fertig und mit Erdbeer- und Himbeergeschmack versetzt. Aber sobald er ins Zimmer appariert, springe ich auf und gehe zu ihm hinüber. Dieses Mal scheint es Voldemort nicht so schlimm mit ihm gemeint zu haben, er wird wohl nicht mehr als eine Tasse des Tranks brauchen. Er schafft es sogar, selbstständig stehen zu bleiben, während ich ihn mit einer Umarmung und dem Trank begrüße. Aber irgendwas ist heute anders und ich kann fühlen, wie er mich die ganze Zeit über beobachtet.

Als wir endlich oben sind, erfahre ich auch wieso. Er hat mich in mein Zimmer begleitet und angeschaut, während ich unter die Decke gekrochen bin. Jetzt setzt er sich auf die Bettkante und schaut mir mit seinen ausdrucksstarken, schwarzen Augen in meine.

„Ich sehr dir an, dass du geweint hast", sagt er schließlich.

Oh nein. Daran habe ich nicht gedacht. Schau mich nicht so an. Wenn er damit weiter macht, weiß ich, dass ich zusammen brechen werde. Ich weiß es.

„Willst du mir erzählen wieso?", fragt er sanft und beobachtet mich die ganze Zeit.

Ich habe mich noch nie so in die Enge getrieben gefühlt, nicht mal von Voldemort. Sev schaut mich nur an, bittet mich, es ihm zu erzählen und es fehlt mir äußerst schwer, es nicht zu tun.

Und dann breche ich zusammen.

Sevs Sicht

Ich fühle Erleichterung und Freude, als ich nach Hause appariere und Harry im Halbschlaf auf dem Sofa sehe. Ich glaube nicht, dass es der Junge versteht, wie sehr ich mich um ihn sorge, wenn ich ihn nicht im Auge habe. Wie viel er mir bedeutet. Ich liebe ihn, nicht nur wie einen lieben Freund, sondern auch, wie einen Sohn. Er hat es geschafft, meine Barrieren zu durchbrechen und ich glaube nicht, dass ich ihn je wieder hinaus lassen könnte, selbst wenn ich es wollte.

Dann als er wie immer zu mir rüberkommt und mir den Heilrank gibt, kann ich es sehen. Er hat geweint. Er hat rote, geschwollene Ringe unter den Augen und sie schreien geradezu nach Schmerz, den er versucht, in sich zu verbergen. Irgendetwas ist passiert während ich weg war. Irgendetwas hat ihn in den Status zurückversetzt, in dem er war, als er seine Verwandten verlassen hat. Ich fühle jetzt Ängstlichkeit und Besorgnis, als ich mit ihm die Stufen hinauf zu unseren Schlafzimmern gehe. Mein Herz bittet still darum, dass er mir erzählt, was nicht stimmt, aber mein Verstand sagt mir, dass ich ihn danach fragen muss. Dieser Jugendliche will mir keine Last aufbürden; er verhält sich genauso stark, wie alle Menschen immer annehmen, dass er ist. Er will sich immer mehr Last aufbürden, als seine jungen Schultern tragen können.

Als er sich zugedeckt hat, setzte ich mich höflich auf seine Bettkante und versuche Blickkontakt mit ihm aufzubauen. Danach sage ich erstmal nichts, schaue ihm bloß in die Augen, bitte ihn mir zu sagen, was passiert ist. Als er immer noch nichts sagt, spreche ich es aus.

„Ich sehr dir an, dass du geweint hast", sage ich schließlich und gebe ihm somit nochmals die Chance, es mir zu erklären.

Daraufhin wirkt er sichtlich erschrocken, seine Augen nehmen einen leicht nervösen und sogar noch schmerzlicheren Ausdruck an. Ich sehe ihm an, dass seine Schilder dabei sind, zu zerbrechen. Es ist bloß noch eine Frage der Zeit.

„Willst du mir erzählen wieso?", frage ich freundlich und verleihe meinen Gefühlen durch meine Stimme Ausdruck.

Ich bin wirklich besorgt. Ich habe ihn kein einziges Mal weinen sehen, bevor er hier her kam und wenn er hier geweint hat, dann auch nur wegen mir. Was auch nicht dazu beiträgt, meine wachsende Besorgnis zu beruhigen.

„Ich kann es dir nicht sagen."

Ich kann seine Stimme kaum verstehen. Sie ist so leise, so voller Tränen. Sie fallen wieder.

„Ich würde gerne, aber ich kann es nicht. Es gibt sowieso nichts, was du tun könntest."

Nichts was ich dagegen tun könnte? Ich denke darüber nach, halte ihn aber bereitwillig, während er gegen meine Brust weint. Deswegen überhöre ich fast die Worte, die er in meine Kleidung flüstert.

„Ich fühle mich so allein ..."

Ich hätte es wissen müssen. Aber genau wie er es schon gesagt hat, gibt es wirklich nicht viel, was ich dagegen tun kann, außer versuchen, ihm zu versichern, dass ich da bin, dass ich immer da sein werde. Nur das, und mich mit meinem Plan zu beeilen. Aber das kann noch warten, denke ich mir, als ich merke, dass sich auch in meinen Augen Tränen bilden. Ich habe in den letzten Tagen viel geweint. Aber andererseits, habe ich auch in meinem bisherigen Leben wohl nicht genug geweint. Aber irgendwie weiß ich, dass Harry derjenige sein sollte, der diese Nacht getröstet wird. Denn im Moment muss Harry mehr Schmerz ertragen als ich.

TBC

Nächstes Mal: Endlich das Treffen zwischen Donal und Severus. Aber was denkt Harry über dieses Treffen und wird Severus jetzt sein Verhalten Harry gegenüber ändern? Seid gespannt!

Ich freue mich auch dieses Mal wieder über eure Reviews, Favourites und Alerts.

Vielen Dank an meine treuen Reviewer Elektra van Helsing und MaraJade.