Gleam of hope
7. Angekommen? Oder nicht?
Es war gegen vier Uhr früh, als der Wecker leise klingelte und wie zwei Stunden zuvor stand ich auf, um bei Katherine nach dem rechten zu sehen. Dieses mal wachte sie nicht einmal auf, als ich den Puls nahm und den Blutdruck mit dem kleinen Handgelenksgerät nahm. Leise schlich ich mich wieder hinaus. Dennoch war ich am kommenden Morgen nicht der erste der wach war. Penny deckte bereits den Tisch und Kaffee kochte auch schon.
„Morgen Penny, so früh schon wach?"
„Ich weiß, das ihr zwei gestern noch lange wach wart, ich dachte ich lass euch ausschlafen."
„Ah,... nun Scarlett wird aber auch jeden Moment..."
„Nein, wird sie nicht, die ist satt und schläft da vorne." Penny grinste und schaute auf das bratende Ei. Ich drehte mich herum und ging zum Laufstall im Wohnzimmer, tatsächlich lag dort mein kleiner Engel und schlief selig. Ich schaute hinter mich, zu meiner Schwägerin und kam nicht umhin daran zu denken, wie sie gewesen war, als sie hergekommen war. Keineswegs verlässlich, Drogenabhängig und launisch, kein Vergleich zu heute. Doch so lange war das ganze noch nicht her, ich würde mit Kate reden müssen, Penny sollte jetzt auf keinen Fall das Gefühl bekommen, sie müsse mehr machen, als sonst.
„Ein Penny für deine Gedanken," sagte sie plötzlich neben mir und ich zuckte zusammen.
„Was?" Fuhr ich zu ihr herum.
„Na, ja du schienst wirklich weit weg zu sein," sie grinste. Ich seufzte und nickte, schaute sie ernst an. „Weißt du... du musst nicht glauben, das du uns..."
„Ich weiß schon, ich bin keine Last, weil ich ja auch helfe und so und nein, ich glaube nicht, das ihr mich raus werft, wegen Katherine. Aber vielleicht... darf ich helfen?"
Ich nickte und wollte sie eben etwas fragen, als wir besagte leise rufen hörten.
„Hallo?"
„Geoff?"
„Kate?"
Ich grinste meiner Schwägerin zu und ging aus dem Raum.
Ihren nachdenklichen Blick sah ich nicht mehr.
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Erschrocken blickte ich mich im halb hellen Zimmer um und brauchte einen Moment ehe die Erinnerung kam. Ich schlug mir vor die Stirn. Dumme Nuss! Du bist bei ihm!
Die Erinnerung daran brachte meinen Bauch zum kribbeln und ich biss mir auf die Lippe. Es war scheinbar noch nicht ganz hell und ich hatte keine Ahnung, wie früh es war, hier war keine Uhr. Aber ich brauchte wirklich dringend mal Hilfe. Ich stöhnte und schloss frustriert die Augen, schüttelte den Kopf. Bisher war er ja immer recht freundlich und so, aber wenn ich sie jetzt wecke, womöglich das Baby?
Kleinkind! Korrigierte mein besserwisserischer Verstand. Ich schalt ihn Ruhe.
Dann schloss ich die Augen und rief leise, nach ihnen, trotz besseren Wissens. Ich kam alleine noch nicht mal richtig hoch auf die linke Seite, aber genau da, hatte er den Rollstuhl gestern abgestellt.
Ich starrte das Ding mit einem neuen Anflug Ärger an und rief erneut.
„Guten Morgen Katherine. Gut geschlafen?"
Verblüfft sah ich ihn an. Er stand angezogen vor mir und wirkte tatsächlich so gar nicht verschlafen. War das normal?
„Wie... wie spät ist das?" Fragte ich verwundert. „Ähm...," er schaute auf sein Handgelenk, „kurz nach sechs."
„Kurz nach... immer so früh wach?"
Er zuckte die Achseln und kam langsam näher. „Ich bin Arzt."
Soll mir das jetzt was sagen? Ich verdrehte innerlich die Augen, zwang mich zur Ruhe, um nicht aggressiv, oder unfreundlich zu werden, bisher gab er sich schließlich echt Mühe. Die zwei Tage die ich ihn nun fast kannte, war er nichts als ruhig und freundlich gewesen. Ich seufzte. „Ich... muss zur... zur Toilette?" Fragte ich leise und schaute rasch weg, denn mir wurde gerade sieden heiß bewusst, das ich das nicht unbedingt mit ihm machen wollte. Na prima! Hätte dir DAS Problem nicht vielleicht besser gestern schon einfallen sollen!? Immerhin ist er dein Vater, also warum zum Teufel sollte Kate...
„Warte," sagte er ging kurz raus und kam mit Penny, Kates Schwester, die hier auch wohnte wieder. Ich nickte ihr verkniffen zu und Penny lächelte. „Morgen, ich werde dir helfen okay?"
Ich sah sie unschlüssig an, nickte aber.
„Okay, wollen wir?" er schaute mich an, ich nickte und er half mir in eine Position auf der Bettkante. Dieses mal merkte ich mir was er machte und mir fiel auf, das er wieder vor allem und länger meine linke Seite berührte und anfasste. Da wo ich nichts fühle? Will er nicht, das ich etwas merke? Das ich seine Berühr...
„Stell dich immer vor sie und ihre Füße, damit sie nicht wegrutschen kann. Dann fass sie an den Hüften." Penny nickte und dann sah er mich an. „Deine Hände müssen in meinen Nacken." Er hob meinen fast schlaffen linken Arm und hielt ihn an seinem Hals. „Umgreif mich mit der rechten Hand, fass deine eigene an und zieh dich hoch, bei drei."
„Aber..."
„Das geht, versuch es."
Ich nickte, dennoch sah ich mich innerlich gleich auf dem Boden landen, doch natürlich saß ich Momente später sicher im Rollstuhl. „Aber... auf der Toilette, da..."
„Da ist ein Schränkchen, du kannst dich drauf lehnen, das kriegen wir schon hin." Penny strahlte mich fröhlich an und schob mich an meinem Vater vorbei. Ich sah noch einen Moment zu ihm und dann hoch zur munteren jungen Frau, die mich nun schob. War das hier echt normal, diese gute Laune? Das jeder ständig half?
Das kann nicht normal sein. Nein. Jeder ist sich immer selbst der nächste!
Das …. das hier kann einfach kein... kein... Heiter- Eitel- Sonnenschein- sein, oder wie das heißt.
Minuten später aber saß ich auf der Toilette und Penny nickte mir zu. „Ich stehe vor der Tür, gleich helfe ich dir beim anziehen und waschen wenn du magst, dann... musst du dich da nicht zweimal hochziehen. Oder soll das lieber Kate machen?"
Ich zuckte die Achseln.
Penny nickte. „Ist deine Entscheidung, sie kann es später auch im Liegen machen. Ich bin draußen."
Als ich alleine war, dachte ich darüber nach, was mir wohl lieber war. Tatsächlich aber behagten mir beide Alternativen nicht. Es hatte mir schon im Krankenhaus nicht gefallen. Anderseits hatte die Schwester mich das was ging alleine machen lassen, unten rum ging das aber definitiv nur im Bett. Ich stöhnte.
„Alles klar?"
Sie klingt ja besorgt. „Ja," antwortete ich rasch, damit sie nicht jetzt schon hereinkam.
Am Ende saß ich auf der Bettkante und vor mir stand eine Waschschüssel, im liegen hatte ich angefangen mich zu waschen, alleine, nachdem sie mir geholfen hatte die Hose auszuziehen. Langsam begann ich zu ahnen, warum Kate gestern Abend auf das Nachthemd bestanden hatte, ich war nun noch immer bekleidet. Trotzdem fühlte ich mich elendig ausgeliefert. Ich wollte eben anfangen, als es klopfte und Penny zurückkam. Sie hielt was in der Hand und lächelte verlegen. Kate ist wach, sie sagt, ich soll dir das hier am Bett und Schrank anbinden, damit du dich alleine hinsetzen kannst. Willst du... es probieren?"
Ich schaute sie nachdenklich an und schüttelte den Kopf. „Ich kann ohne Lehne doch eh nicht sitzen."
„Dann zeigt es dir Kate später. Brauchst du Hilfe?"
„Nein," log ich und wich ihrem nachdenklichen Blick aus, sie nickte und ging. Ich schluckte und legte Arm, wie Kopf auf das Schränkchen vor mir.
„Katherine?"
Ich drehte mich herum, in der Tür stand Kate. In ihrer Mimik sah ich etwas das ich selbst zu gut kannte, Vorsicht. Nachdenklich schaute ich sie an. Ich fühlte mich plötzlich gefangen und hilfloser als zuvor. Ich war mir bewusst, das sie wissen würde, das ich nicht weiterkam, vermutlich hatte es auch Penny gewusst. Ich senkte den Kopf.
„Hey, das wird schon. Ich kann dir zeigen, wie du möglichst viel alleine machst und... in die Dusche können wir einen Stuhl stellen, mmh?"
„Ja und was... wenn... ich muss und du und Penny..."
„Über Tag nehmen wir dich mit in die Klinik, da ist immer jemand und auch das, wirst du sicher bald selber machen."
„Ja, klar."
„Hab vertrauen."
„Worin und warum? Es hat mich nie belohnt, nur gekostet."
„Hier nicht," antwortete sie leise, sie stand jetzt vor mir, griff meinen Arm und ich beobachtete widerwillig wie sie den Stoff über meinen Arm hinauf schob, sie ließ los. „Jetzt der Kopf."
Ich blinzelte, sie nickte mir stumm zu und mit Mühe und sicherlich viel zu umständlich hatte ich nach einer gefühlten Ewigkeit meinen Kopf durch die Öffnung gebracht, ich holte tief Luft und begann damit meinen rechten Arm irgendwie in den Ärmel zu bekommen. Schon bald war ich verärgert über den widerspenstigen Stoff. „Boah Fuck! Scheiß Teil!"
„Ganz ruhig, warte, erst zieh es dir glatt, dann mit dem Ärmel hinein." Sie zog das Shirt von vorne schon herunter und ich schob meinen Arm von unten hindurch. Frustriert sah ich sie an. „Das klappt doch nie."
„Ich halte dagegen," erklärte sie ruhig und nickte. Ich stöhnte und sah sie verärgert an. „Und... und was ist mit... der Hose, dem Waschen... ich... ich will das alleine..."
„Das wirst du, okay? Das... braucht Geduld und... Übung."
„Geduld? Vertrauen? Das... das... nein."
„Komm, ich helfe dir bei der Hose."
Ich stieß einen frustrierten Laut aus und sie blieb mit der Hose vor mir abwartend stehen. Ich spürte Tränen in meinen Augen und fluchte, mir war gerade so dermaßen egal, das sie mich hören konnte. Ich ließ meine Wut und die Frust heraus. Als ich fertig war mit meinem Ausbruch schaute ich sie besorgt an. Doch sie setzte sich nur ruhig neben mich und musterte mich. „Ist okay."
„Warum... warum seit ihr so freundlich?"
„Ich... habe deinen Vater eigentlich nur zwei mal unfreundlich erlebt, aber da... da war er wirklich sauer, einmal... hatte er Angst um mich, das andere mal... wollte jemand die Klinik schließen."
„Zu mir... war nie jemand freundlich, nicht... nicht länger als einige Minuten."
„Dann... solltest du wohl anfangen, dich daran zu gewöhnen." Sie rutschte vom Bett, kniete sich davor und begann mir die Hose anzuziehen. Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Das... das ist soo ätzend."
Irgendwo im Haus begann ein Kind zu schreien und Kate stand grinsend auf, musterte mich. „Komm, ich helf dir hoch."
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1 Monat später
Ich schaute auf, als es klopfte. Noch ehe ich etwas sagen konnte stand Kate in der Tür zwischen den Büros und die Haupttür öffnete sich. Es war Reebecca, sie trat mit einem Seuftzen ein und lehnte sich gegen die Tür.
Katherine.
Ich stand auf, ich wusste ich hatte Recht und nach Kates Miene zu schließen, dachte auch sie gar nicht erst an einen von Beccas anderen Patienten, obgleich zwei der Männer wirklich Problemfälle waren. Ich seufzte und sah sie ernst an. „Was ist es diesmal?"
„Sie macht nicht mit. Ich meine... nicht heute, ich rede... von der ganzen Woche. Sie weigert sich, oder es scheint sie höre nicht zu, ich... ich denke sie ist frustriert, womöglich..."
„Das ist es nicht," sagte ich leise und schüttelte den Kopf, ich schaute zu Kate, wir hatten erst gestern gesprochen, weil wir uns ernstlich Sorgen machten. Es gab Fortschritte, sie konnte inzwischen einiges alleine, hatte sich angewöhnt es einhändig zu machen. Aber sie hasste es und hinzu kam, das sie quasi immer alleine war.
„Was meint ihr? Ihr... wisst doch was?"
„Sie ist... deprimiert," erklärte Kate und ich nickte. „Genauer, wir vermuten sie hat eine Depression, sie... will nichts neues ausprobieren und traut sich nichts. Am Anfang... hat sie es zumindest alleine versucht, wenn sie uns schon nicht getraut hat. Aber jetzt... wir kommen nicht weiter."
„Ihr habt einmal gesagt, sie habe geäußert, dass sie nicht Vertrauen will, weil sie nur enttäuscht wurde?" Chris kam aus ihrem Büro. Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Naja, sie hat es ganz am Anfang Kate entgegen geschrien, indirekt. Nur... wie sollen wir ihr noch beweisen, das sie uns vertrauen kann? Chris, wir haben doch schon alles..."
„Vielleicht... müsst ihr es ganz anders anpacken."
„Was meinst du?" Kate schaute die Freundin nicht weniger irritiert an, als ich. „Zeigt ihr, das ihr zwei ihr vertraut?"
„Ähm... ich dachte eigentlich ich habe von Anfang an nichts anderes getan, als..."
„Gebt ihr etwas, das eindeutig ist. Sie muss merken, das es keinen Zweifel bei euch gibt, an ihr und ihrem Können, ihrem Tuen."
„Aber sie traut doch sich selber nicht," entgegnete ich und wollte fortfahren, als mich Kates Hand auf meinem Arm zurückhielt, fragend schaute ich sie an. „Ja?"
„Es gibt eines, das wir noch nicht versucht haben."
„Ach j..." ich brach ab, als ich ihren Blick sah, wusste ich woran sie dachte und skeptisch schaute ich sie an. „Sicher, Kate?"
Sie nickte.
Nun, ich war mir dafür gar nicht sicher und schaute sie dementsprechend an. „Ich weiß nicht, bisher wollte sie nicht mal mit dir die Windel wechseln."
„Das muss sie ja gar nicht. Ich füttere sie, mach sie frisch und wir fahren eine Stunde, oder so ins Pup. Was soll passieren?"
„Und wenn sie schreit?"
„Lassen wir eine Flasche und den Wärmer oben."
„Du willst das ehrlich wagen?"
Kate nickte.
