Spoiler: kurz vor „Endspiel"
Children Of Tomorrow
Kapitel 7: In der Stunde unseres Todes
The Center
Blue Cove, Delaware
Februar 1999
„Gage! Hannah!" Sam öffnete die Tür zur Zelle der Phoenix-Zwillinge mit einer Hand, während er mit der anderen das Tablett mit ihrem Frühstück balancierte. Die beiden Geschwister, die unter der Decke vergraben auf dem Bett lagen, murmelten etwas, das der Sweeper nicht verstehen konnte, und drehten ihm den Rücken zu. Sam schüttelte den Kopf und schloss die Tür hinter sich. „Kommt schon, ihr zwei! Ich muss heute Morgen noch eine ganze Menge anderer Dinge erledigen. Und Raines lässt euch den Kopf abschlagen, wenn ihr zu spät ins Sim-Lab kommt!"
„Nur noch ein bisschen, Sam", erwiderte Gage schlaftrunken.
Sam wusste, jetzt konnte nur noch eines helfen: „Ich muss noch nach den Schwarzen Akten sehen, ich kann nicht einfach später wiederkommen!" Als Sam die Schwarzen Akten erwähnte, richteten sich die Zwillinge ohne Protest auf und sagen ihn erwartungsvolle an.
„Was machen sie für Fortschritte, Sam?"
„Nun, die Littluns kann noch immer niemand auseinander halten." Die fünf Jüngsten – Mason, Maddie, Aidan, Damien und Alexis – hatte Sam den Namen Littluns gegeben. „Es ist unglaublich; ich hab herausgefunden, dass ihre Mütter Cousinen waren. Wenn sie sich später immer noch so ähneln wird Lyle ernsthaft erwägen, sie tätowieren zu lassen, damit er sie unterscheiden kann."
Gage und Hannah sahen ihn erschrocken an, und Gage bat: „Aber du lässt nicht zu, dass er ihnen weh tut, oder?"
„Aber natürlich nicht! So, ihr beiden zieht euch jetzt an und ich komm' dann wieder und bring euch ins Sim-Lab, okay?" Sam stellte das Tablett mit dem Frühstück für die beiden auf ihren Schreibtisch neben der Tür und ging wieder nach draußen.
Gage und Hannah kletterten aus dem Bett nachdem Sam gegangen war. Die beide trugen weiße, formlose T-Shirts anstelle von Schlafanzügen. Gage lief barfuss hinüber zu dem Stuhl, über den sie ihre Kleider gelegt hatten und warf seiner Schwester ihre Bluejeans zu. „Beeilen wir uns, dann können wir sehen, wie Sam die Kleinen weckt!" Hannah nickte begeistert und beeilte sich, in ihre Hose zu schlüpfen. Eilig zog sie das weiße T-Shirt über den Kopf und griff nach einem rosaroten Sweatshirt. Gages Oberteil war fast genau das gleiche wie Hannahs, nur trug er dunkelblau. Die Zwillinge verzichteten darauf, Schuhe und Socken anzuziehen. Stattdessen griff Gage nach einer Schere, die auf dem Schreibtisch lag. So früh am Morgen war die Kamera im Zimmer beiden noch ausgeschaltet. Mit geübter Hand fuhr er mit der Schneide der Schere unter den Deckel zum Lüftungsschacht über dem Tisch und schaffte es, ihn zu entfernen. Hannah kletterte nun auf den Tisch; von dort aus musste sie sich nur noch einen Meter nach oben in den Schacht ziehen; Gage folgte ihr und die beiden beeilten sich, durch das Lüftungssystem zu kriechen.
SL-18
Zimmer der „Schwarzen Akten"
Durch den Lüftungsschacht konnten Gage und Hannah genau beobachten, was im Raum vor sich ging. Logan und Laney lagen zusammen in einem Gitterbett und haben noch vor zu schlafen während Sam auf dem Boden kniete und versuchte, Caden einen Pullover über den Kopf zu ziehen. Der kleine, dunkelhäutige Junge weigerte sich jedoch, seine Arme in die Ärmel des Kleidungsstückes zu stecken. Seine Schwester saß daneben und lachte fröhlich während ihr Bruder einen kleinen Kampf mit dem Sweeper austrug.
Victor und Jenna waren schon fertig angezogen – in Center-Uniform. Die beiden standen an der Tür zum Zimmer der restlichen Black Files und warteten darauf, dass Sam mit den Zwillingen fertig war, um sich dann den Säuglingen zuzuwenden.
„Na schön, Caden, wenn du nicht willst, dann eben nicht!" Sam gab frustriert auf. Er, Miss Parker persönlicher Sweeper, hatte gerade gegen ein zweijähriges Kleinkind verloren! Er zog ihm den Pullover wieder über den Kopf und der Kleine sprang vergnügt mit nacktem Oberkörper davon, bzw. ging schwankend zu Victor und Jenna hinüber, bevor Sam es sich noch einmal anders überlegen konnte.
Inzwischen hatten es auch Logan und Laney aufgegeben, sich schlafend zu stellen, und wurden von Sam aus ihrem Gitterbett gehoben. „Ihr beiden schlaft doch nicht mal die Hälfte der Zeit, in der ihr die Augen zu habt, nicht?", fragte er sie. „Nur damit ihr hört, was andere Leute sagen würden, wenn ihr nicht da wärt, oder?" Sam schüttelte gutmütig lächelnd den Kopf und stellte Logan und Laney auf dem Boden ab. Unwillkürlich musste er daran denken, wie die beiden gelächelt hatten, wie zufrieden sie gewirkt hatten, als ihr Vater sie im Arm gehalten hatte. Die Zwillinge waren schnell aus der Ruhe zu bringen, dann fingen sie an verzweifelt zu wimmen; aber schreien taten sie nie, als hätten sie Angst vor ihren eigenen Stimmen. Aber dieses Lächeln hatte Sam nur einmal gesehen, und das war als Ambrose seine beiden Kinder gehalten hatte. Und vielleicht würde er das Lächeln nie mehr sehen, denn ihr Vater würde sie nie mehr halten können…
„Also gut, wenn wir jetzt die Kleinen wecken, esst ihr dann alle brav euer Frühstück?"
Der Sweeper bekam ein allgemeines „Ja, 'Ammy" zu hören.
Gage und Hannah krochen leise eine Öffnung weiter als Sam und die Kinder den angrenzenden Raum betraten. Dort lagen Babyspielsachen auf dem Boden, ein Wickeltisch stand an der Wand, und acht Gitterbetten – je drei an einer Wand neben der Tür, und zwei an der Wand gegenüber der Tür, wo sich auch der Ausgang zum Flur befand.
„Litt'uns 'ürfen wei'schlafen", erklärte Nathalie mit kindlichem Ernst.
„Ja, die Littluns dürfen noch weiterschlafen", bestätigte Sam.
„Ich will auch!", meinte Caden trotzig.
„Du durftest auch so lange schlafen als du so klein warst." Sam seufzte. Trotzdem ließ es sich keiner der Kinder nehmen, einen Blick auf die fünf Jüngsten zu werfen. Währenddessen sah Sam nach Tabitha und ihren Brüdern, die bereits wach dalagen und mit großen Augen auf die Decke sahen. „Na, Liam? Wie geht's denn, Großer!" Er hob den ältesten der Drillinge aus seinem Bettchen und warf ihn nach oben um ihn dann wieder aufzufangen. Das brachte den Kleinen jedes Mal zum Lachen. Nachdem er auch seinen Bruder kurz herumgewirbelt und Tabitha gekitzelt hatte, hob er die Einjährigen aus ihren Bettchen und setzte sie auf dem Boden ab, damit er sie anziehen konnte.
Gage und Hannah wanden ihren Blick ab und sahen stattdessen zu Aidan, Damien und Alexis, die genau gegenüber dem Eingang zum Lüftungsschacht in ihren Bettchen lagen. Damien und Alexis hatten ihre Augen geschlossen und Damien nuckelte an seinem Daumen während er schlief. Alle drei Babys hatten einen dunklen Flaum auf dem Kopf. Nur Aidan schien wach zu sein. Der Säugling blickte an Logan vorbei, der gerade in Baby-Kauderwelsch auf ihn einsprach. Er hatte glasige, blaue Augen, die sie aussahen, als hätte er eine verschmierte Linse auf der Iris. Mit diesen Augen sah er hinauf zum Lüftungsschacht; den Mund hatte er ein kleines Stückchen geöffnet und für einen Moment hatten Gage und Hannah das Gefühl, er könne sie direkt sehen.
Hannah musste kurz husten, presste sich aber die Hand vor den Mund aus Angst, Sam und die Kleinen könnten sie hören.
„Alles in Ordnung?", flüsterte er ihr Bruder. Er klang besorgt.
Hannah nickte nur. „Gehen wir wieder zurück." Das kleine Mädchen fühlte, wie die Hitze ihr in den Kopf stieg und sie sich leicht schwummrig fühlte, sagte aber nichts zu ihrem Bruder.
The Center
Blue Cove, Delaware
Krankenstation
Ein Tag danach:
Gage wusste, dass Hannah starb. Niemand musste es ihm sagen, tief in seinem Inneren spürte er, wie ihm ein Teil seiner Seele entrissen wurde. Am Tag zuvor hatten sie noch zusammen um diese Zeit Sam bei seiner allmorgendlichen Prozedur mit den Schwarzen Akten beobachtet, und nun lag seine Zwillingsschwester auf einem Bett in der Krankenstation. Ihr Haar lag ihm ihren Kopf herum auf dem Kissen verstreut; ihr Gesicht war bleicht und glänzte vor Schweißt, sie atmete schwer und schnell und hatte die Augen zusammengepresst als hätte sie Schmerzen. Mit zittrigen Händen legte der Junge einen neuen Eisbeutel auf ihre Stirn.
Als er an diesem Morgen aufgewacht war, hatte er seine Schwester schneeweiß und schweißgebadet in diesem Zustand neben sich liegend gefunden. Sam war genau in dem Moment ins Zimmer gekommen und hatte mit angesehen, wie Gage seine Schwester wach geschüttelte hatte, wie er geschrien hatte aus Angst, dass sie nicht mehr aufwachen würde…
„Bitte Hannah, du musst wieder gesund werden, ja?", flüsterte er und hielt ihre Hand.
Als Sam das Krankenzimmer betrat, befürchtete er, Hannah tot vorzufinden. Er hatte es noch nie erlebt, dass ein gesundes Kind so schnell so krank geworden war. Das war mehr als nur Fieber, oder eine Grippe…
„Gage?", flüsterte der Sweeper.
Der braunhaarige Junge, der mit dem Rücken zu Tür auf der Bettkante bei seiner Schwester saß, sah kurz auf und nickte dem Sweeper zu. Man konnte Gage ansehen, dass er verzweifelt war und den Tränen nahe, aber er weinte noch nicht, sondern redete auf das Mädchen ein, dass schwer atmend im Bett lag und die Augen nur halb öffnen konnte. „Du wirst wieder gesund", wiederholte er immer und immer wieder wie im Delirium und sie nickte schwach.
„Sam." Hannah drehte den Kopf leicht zur Seite und lächelte ihn matt an. „Schön dass du da bist."
„Dein Bruder hat Recht, Baby Girl", versicherte Sam ihr, „du wirst bald wieder gesund. Brauchst du irgendetwas?"
„Wasser, bitte", bat sie mit rauer Stimme.
„Ich bin gleich wieder da." Sam verließ das Zimmer wieder, um ein Glas Wasser zu holen.
Derweil griff Gage nach der Hand seiner Schwester und redete weiter auf sie ein: „Hannah, denk an gestern – die Drillinge! Sie sind ganz in der Nähe! Du wirst wieder gesund, ja? Du weißt doch nicht, wie müssen Mommy finden. Wir werden es eines Tages tun, sie wird von uns erfahren."
„Ja", erwiderte Hannah schwach, „du musst dafür sorgen, dass sie alles erfahren. Bitte, Gage, sag' ihr, dass ich sie liebe. Und sag es den Drillingen auch, ja?"
„Nein!" Gage schüttelte entschieden den Kopf. „Du wirst es ihnen selbst sagen! Du wirst es ihnen selbst sagen, hörst du? Und auch Victor und Jenna! Und den anderen Kleinen!"
„Ich kann nicht! Aber versprich mir, dass du ihnen sagen wirst, dass ich sie liebe! Versprich es mir, bitte!" Ihre Stimme erstarb langsam.
„Ich- ich werde es ihnen sagen, ich verspreche es! Ich verspreche es!" Er griff mit beiden Händen nach ihrer linken Hand und umklammerte sie fest. „Hannah, du darfst nicht sterben! Ich brauch' dich! Ich hab dich lieb, Babyschwester! Ich hab dich lieb!" Er strich ihr besorgt ein paar schweißnasse Strähnen aus dem Gesicht.
„Ich hab dich auch lieb, großer Bruder." Hannah drehte den Kopf zur Seite und schloss die Augen.
„Hannah! Hannah!" Gage rief ihren Namen immer und immer wieder, aber sie reagierte nicht mehr. Verzweifelt schüttelte er sie an der Schulter. Sam erschien im Türrahmen und ließ erschrocken das Glas Wasser fallen. Das Glas zersprang am Boden und die Scherben lagen matt in einer Pfütze, die sich über den Linoleumboden ausbreitete. Sam rannte zu den Zwillingen und beugte sich über Hannah.
Gage ließ langsam von seiner Schwester ab und stand auf, die Tränen liefen ihm übers Gesicht.
„Gestern ging es ihr noch gut", sagte Gage langsam. Er fing an, bitterlich zu weinen und seine Stimme zitterte; die Tränen liefen an seiner Oberlippe entlang und in seinen Mund. „Sie darf nicht sterben! Wie kann das sein? Das ist nicht möglich! Das ist nicht möglich!"
Gage drehte den Kopf als sein Großvater in der Tür erschien. Mr. Parker hatte erst gerade erfahren, dass seine Enkelin plötzlich so krank geworden war. Gage rannte aber nicht zu ihm – Hannah hatte das sonst immer getan. Er fühlte nur noch Leere. Gerade war der wichtigste Mensch in seinem Leben einfach so gegangen. Ohne Warnung, einfach so. Da war gar nichts mehr. Nun war er alleine, und das war das einzige, dass er fühlte: Leere! Wo die Liebe für seine Schwester gewesen war – nichts! Und bald würde das alles durch Schmerz ersetzt werden…
