Mit zu Fäusten geballten Händen betrachtete Draco sich im Spiegel. Lupin, der geduldig wie immer auf einem Stuhl saß, beachtete er einfach nicht. Seit Black die Tür in einem seiner scheinbar typischen Tobsuchtsanfälle hinter sich zugeworfen hatte, schwiegen sie schon. Einerseits hatte Draco keine Lust sich mit dem Werwolf zu unterhalten. Nicht schon wieder. Andererseits gab ihm die Stille zu viel Raum zum nachdenken.
Es ärgerte den ehemaligen Slytherin, dass es ausgerechnet Black war, um den seine Gedanken kreisten. Aber er hatte einfach keine Ahnung von was er sprach. Black wusste nicht, wie es war, der Sohn von Lucius Malfoy zu sein. Der ewige Leistungsdruck, jeden Tag dieselben Predigten über reines Blut und die wahren Mächte dieser Welt. Der Kontakt mit Todessern. Ging man in die Schule – die Töchter und Söhne anderer Todesser. Ihre Eltern beteten Lucius an, also verehrten ihre Kinder seinen Sohn.
Schon nach kurzer Zeit war Draco es leid gewesen. Potter mochte die Welt retten müssen – sicher keine schöne Aufgabe – aber er hatte mehr Unterstützung dabei, als er sich wünschen konnte. Weil er ja auf der richtigen Seite stand. Schon immer gestanden hatte.
Und nun wagte es Sirius Black daher zu kommen und Draco vorzuwerfen, er sei verwöhnt. Verwöhnt. Natürlich. Reichtum. Einfluss. Aber er hatte selbst materiell immer nur bekommen, was sein Vater für gut hielt. Niemand – wirklich niemand – hatte ihn einfach einmal gebeten „gut" zu werden. Ihn gebeten, die Seiten zu wechseln. Da war niemand, der ihn mitgezogen hatte. Black hatte gut reden. Gryffindor. Freund von Potters Vater. Von so viel Gryffindor umgeben, konnte man nur richtig geraten. Aber er, Draco, ...
„Schweigst du gerne andere Leute an, Draco?"
Der Angesprochene hätte beinahe aufgeknurrt. Er hatte sich innerlich so in Rage geredet, dass sich seine Fingernägel hart in seine eigenen Handflächen gebohrt hatten. Bis der Werwolf ihn wieder einmal unterbrochen hatte. Dafür schien Lupin ein Talent zu haben.
„Und wenn?", entgegnete er gereizt.
Sein Gegenüber hob fast unmerklich eine Augenbraue und deutete auf das Bett.
„Setz dich doch hin."
„Ich stehe lieber."
„Ich würde mich freuen, wenn du dich setzt." Lupins schlagartig veränderter Tonfall machte klar, dass das im Grunde keine Bitte gewesen war. Trotzdem zögerte Draco, ehe er sich zu dem Bett begab und sich auf die Kante sinken ließ.
„Also?"
Der Werwolf räusperte sich – übertrieben laut, wie Draco fand.
„Wenn du uns verrätst wo dein Vater ist, werden wir dir die Möglichkeit geben, einen fairen Prozess zu bekommen."
Draco konnte sich ein spöttisches Aufschnauben nicht verkneifen, erwiderte aber nichts, deshalb redete Lupin weiter: „Wenn du das nicht tust, werden wir dich so lange wir dich brauchen hier festhalten – und dann dem Ministerium vor die Füße werfen."
Noch immer kam keine Antwort von dem Blonden.
„Du weißt, was passiert, wenn wir dich einfach dort abliefern. Askaban. Mindestens dreißig Jahre, weil du jung bist vielleicht – oder aber ein ganzes Leben lang."
Draco starrte mit fest zusammengepressten Lippen auf einen Punkt hinter Lupins Schulter.
„Wir haben das besprochen. Sirius, Harry, die anderen Auroren, die bei dem Einsatz dabei waren, und ich. Moody und Harry waren dafür, dass wir dich auf die gleiche Weise ausfragen, auf die euer eins es bei uns machen würde – aber ich bin gegen die Verwendung eines Cruciatus. Trotzdem kann ich nicht dafür garantieren, wenn etwas passiert, solange ich nicht hier bin."
„Hör mir gut zu, Lupin", knurrte Draco plötzlich. „Ich", er sprach übertrieben laut und betonte jede Silbe, „weiß – noch – immer – nicht – wo – mein – Vater – ist."
Ein skeptischer Blick traf ihn.
„Na los. Ich weiß es nicht. Ich kann euch auch nicht sagen, wo der dunkle Lord ist. Werft mich eurem ach so gepriesenen Ministerium zum Fraß vor. Bitte. Nur zu. Es ist alles besser, als mit einem psychisch angeknacksten Massenmörder in diesem Loch eingesperrt zu sein, selbst Askaban", keifte Draco, an dessen Nerven dieses Gespräch langsam zu zehren begann.
Er wusste wirklich nicht wo sein Vater war. Warum glaubte ihm dieser Schwachmatt das nicht? Als ob Lucius und Voldemort irgendjemanden in ihre Pläne einweihen würden.
Lupins blaue Augen, die immer etwas verwaschen und schmerzerfüllt aussahen, ruhten starr auf dem einstigen Slytherin.
„Du kannst nicht wirklich an das glauben, was dein Vater dir erzählt."
„Halt die Klappe, Lupin."
„Du weißt, dass dieses ganze Gerede von reinem Blut totaler Unsinn ist."
„Nerv mich nicht." Dracos Finger krallten sich in die Bettdecke.
„Du bist noch jung. Du kannst noch immer die Seiten wechseln."
„Kannst du mal mit diesem Gerede aufhören? Ihr habt alle keine Ahnung! Von Nichts!" Mit plötzlicher Heftigkeit sprang Draco auf die Füße. Dabei stieß er an den Nachtisch, der mitsamt dem silbernen Tablett darauf polternd zu Boden fiel.
„Ihr habt absolut keine Ahnung. Seitenwechseln, Seitenwechseln... Man kann nicht einfach so die Seite wechseln. Ihr wisst überhaupt nicht wovon ihr redet! Wenn ich einfach nur irgendein junger Todesser wäre, dann würde ich inzwischen gar nicht mehr leben. Voldemort braucht nur ein paar Worte sprechen und er hat mich getötet – vom anderen Ende der Welt aus." Hektisch riss Draco an den Ärmeln seines Hemds. „Siehst du das?", brüllte er eine Oktave höher. „Siehst du das Mal? Wer damit rumläuft, wird nie die Seiten wechseln können. Er bringt uns um allein auf die Gefahr hin, dass wir etwas weitergeben könnten. Dass ich noch lebe ist der beste Beweis dafür, dass ich nichts weiß! Ja, tut mir leid, verdammt, aber er hat mich noch nicht getötet!"
Lupins Augen waren merklich größer geworden, während dieses Ausbruchs. Ganz langsam stand der Werwolf auf und hob beide Hände, als wolle er Ergebenheit signalisieren. In dieser Lautstärke hatten wahrscheinlich sowohl Sirius als auch Harry das Ganze mitgekriegt. Falls Snape im Haus war – auch er. Gerade das hatte Lupin vermeiden wollen, schließlich war der griesgrämige Zaubertränkemeister Dracos Pate. Er sorgte sich um ihn fast ebenso sehr, wie sich Sirius um Harry gesorgt hätte. Nur dass Snape keine großen Gefühle zeigen würde, sondern einfach mit gezücktem Zauberstab hier hoch gestürmt kommen würde, wenn er Draco Stimme erkannte.
„Du brauchst nicht so zu schreien, Draco. Natürlich wissen wir nicht, wie es ist ein Todesser zu sein. Aber du darfst gerne glauben, dass es schon Menschen gab, die die Seiten gewechselt haben – und sie leben noch immer. Teilweise verrichten sie größere Dienste für den Orden, als alle anderen zusammen."
Als ob mit diesem einen Auffahren alle Wut in ihm verbraucht wäre und nur noch die Erschöpfung übrig gelassen hätte, sackte der blasse Junge in sich zusammen. Man sah ihm an, dass ihn momentan die Dinge schneller ermüdeten, aber er schien auch insgesamt ziemlich abwesend.
Draco hingegen suchte verzweifelt nach nur einem Funken Wut oder Rebellion in ihm. Doch er fand nichts außer Hoffnungslosigkeit und Resignation. Innerhalb weniger Tage war er in Askaban. Das stand schon so gut wie fest. Und damit wäre sein Leben... vorbei. Schlimmer als jeder Tod. Er würde Black unbedingt fragen müssen, wie Askaban war.
„Du kannst gehen, Lupin. Ruf ein paar Dementoren, die mich von hier fort bringen und lass es gut sein. Ihr habt einen schlechten Fang gemacht."
Damit ließ sich Draco einfach rücklings auf das Bett fallen und starrte an die Decke. Schweigend.
Lupin schien ein paar Mal im Begriff zu sein, wieder zum reden anzusetzen, fand aber scheinbar keine Worte. Nach ein paar Minuten folgte seinen Schritten das Geräusch der zufallenden Tür, doch der Blonde hob nicht einmal den Blick. Er lag einfach nur da und betrachtete die verstaubte, dunkle Decke. Versuchte sich vorzustellen, wie es war, den Rest seines Lebens in einer drei mal drei Schritt großen, dunklen Zelle zu verbringen. Umringt von Dementoren und Wahnsinnigen.
Wer glaubte, dass Voldemort seine Anhänger keine Qualen leiden ließ, lag falsch. Draco hatte aufgrund seines Vaters – dessen Versagen noch schwerer wog als das aller anderen – oftmals die verschiedensten Folterflüche aushalten müssen. Von der psychischen Folter, die sein eigener Vater perfektioniert hatte, ganz zu schweigen. Aber all das war nichts im Vergleich zu der grauen Vorstellung, die er von seiner Zukunft hatte.
Einen kurzen, irrsinnigen Moment erwog er sogar, ob nicht ein Selbstmord die beste Alternative wäre. Diesen Gedanken verwarf er jedoch sofort wieder. Er würde Black auf keinen Fall Recht geben und sich als feige erweisen. Nein, das durfte er nicht,
Schließlich war Black schon genug von sich und seinem unfehlbaren Urteilsvermögen eingenommen. Draco war nur Ungeziefer, überflüssig, lästig und verabscheuenswert. Mit einem undefinierbaren Geräusch drehte sich der Blonde auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kissen. Genau die gleiche Meinung, die sein Vater und jeder andere auf diesem Planeten von ihm hatte. Er hörte nicht, wie sich die Tür noch einmal öffnete und schloss, sondern war vollkommen in trübem Selbstmitleid versunken.
Es vergingen sicherlich zwei Stunden, ehe er merkte, dass Lupin seinen Plan heute auf jedenfall nicht mehr in die Tat umsetzen würde. Also erhob sich Draco schwerfällig. Inzwischen war sein Hunger nicht mehr zu ignorieren und er hatte auch nicht vor das zu tun, wenn man ihm schon immer Essen anbot. Er würde diesen Hauselfen suchen. Kreacher, oder wie auch immer sein Name gewesen sein mochte. Einfach tief durchatmen und die Welt sah schon wieder besser aus. Irgendwie jedenfalls.
Mit einem kurzen Blick in den Spiegel richtete Draco sein blondes Haar und trat dann aus der Tür, in den diesmal komplett dunklen und stillen Flur. Nur unter der Küchentür drang Licht hervor. Vielleicht war Kreacher da drin. Küchen waren doch normal der Aufenthaltsort von Hauselfen, oder?
Draco schlich die Treppe runter und fragte sich augenblicklich, warum er sich bemühte so leise zu sein. Hatte doch eh alles keinen Sinn. Trotzdem. Er war lieber leise.
Pikiert ging er – aufgrund seiner nackten Füße – auf Zehenspitzen über einen staubigen Teppich und schob die Tür zur Küche auf.
Gerade wollte er den Hauselfen rufen, als sein Blick auf die Gestalt fiel, die mit dem Rücken zu ihm am Küchentisch saß.
Breite, muskulöse Schultern. Langes, dunkles Haar. Verdammt. Black.
Draco wurde schon wieder siedendheiß, wenn er daran dachte, wie verdammt empfindlich er auf die Berührungen dieses Mannes reagiert hatte. Was hatten auch bitte Blacks Finger an seinem Hosenbund zu suchen? Oder auf seiner Brust? Scheiße, Black sollte seine Hände nächstens ganz bei sich behalten. Draco atmete unhörbar ein und wollte sich schon wieder umdrehen, als eine Flasche mit lautem Klirren auf den Tisch zurück gestellt wurde. Gedanklich schon erwischt zuckte Draco zusammen, doch scheinbar war Black total in die Betrachtung der Tischplatte versunken.
Draco zog eine Augenbraue hoch. Kaum verwunderlich, bei der Menge an Feuerwhiskey, die der Flasche schon fehlte. Black war doch nicht etwa ein Säufer?
Langsam und, wie gewohnt, leise schlüpfte der Blonde ganz in die Küche und schloss die Tür hinter sich. Black murmelte irgendetwas vor sich hin, ehe er wieder zur Flasche griff. Draco machte noch einen Schritt nach vorne und blieb dann am Tischbein hängen.
„Fuck", fluchte er leise. Blacks Kopf schoss herum und ihre Blicke trafen sich schon ein zweites Mal an diesem Tag.
