So, nachdem ich mich aus der Reviewlawine befreit habe (ihr seid so klasse! Tausend Dank! Am liebsten würde ich euch allen antworten, aber dann komm ich zu gar nichts mehr hier...) hier das neue Chap.
Die Sache wird verworrener und mysteriöser, das kann ich euch schon mal verraten. Aber ich verspreche, dass ich noch den Überblick behalte, und dass sich alles früher oder später aufklären wird. Ob zum Guten oder Schlechte behalte ich allerdings vorerst für mich. ;o)
Es freut mich übrigens sehr, dass ihr den guten Simon inzwischen mögt. Er musste ja im ersten Teil einiges an Abscheu einstecken so als potentieller Draco-Freund. -lach- Da tat er mir schon leid. -Simon tätschel-
Aber jetzt erst mal weiter mit der Story:

P.S. Ich weiß übrigens gar nicht, was ihr mit Cliffhanger meint... So etwas würde ich NIE machen... -grins-

Bis zum nächsten Mal

Eure Yulah

Chapter 06

Die Drachenfestung war in heller Aufruhr.

Die wenigen, die das Gesicht des Angreifers gesehen hatten, waren wie betäubt; die anderen waren noch immer außer sich über den Angriff.

Harry versuchte sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Von allen Seiten klopfte man ihm auf die Schulter oder fragte ihn, ob er in Ordnung sei. Der Kampf gegen den fremden Drachenreiter, da waren sich alle einig, war einer der besten gewesen, die sie in den letzten Jahren zu Gesicht bekommen hatten.

Harry hatte nur einen Gedanken. Er sah das blasse Gesicht mit den hellen Augen und alles in ihm schrie.

Draco... Draco...

Wie konnte das sein? Wie konnte der Fremde, der ihn so hasserfüllt und in fester Absicht ihn zu töten, angegriffen hatte, Draco sein? Hatte er sich geirrt? Sah der Fremde Draco einfach nur ähnlich und Erschöpfung und Sehnsucht, Angst und Schock hatten ihr übriges getan und Harry glaube lassen, dass es das Gesicht seines Geliebten war, dass ihn aus den Tiefen der Kapuze anstarrte? Aber Simon hatte ihn auch gesehen. Harry hatte gesehen, wie er leichenblass geworden war, als er das Gesicht erkannte. Vorher schien klar zu sein, dass Simon den Fremden töten würde, doch in letzter Sekunde hatte er sein Schwert gedreht und ihn statt dessen mit den Schwertknauf bewusstlos geschlagen. Waren sie beide Opfer eines Zaubers geworden? Aber auch andere hatten gesehen, was sie sahen. Harry hatte Ginnys entsetztes Gesicht vor Augen. Charlie, der einen Moment wie erstarrt war und den Bewusstlosen dann schnell fortbringen ließ, nicht ohne vorher die Kapuze an ihren Platz zu ziehen und so das bleiche Gesicht zu verbergen. Er wollte offenbar nicht, dass andere sahen, was er gesehen hatte.

Harrys Gedanken zogen immer engere Kreise. Und in ihrem Zentrum stand ein Name: Draco.

Der Gedanke, dass er vielleicht nicht tot war, dass er hier war, war wundervoll und schrecklich zugleich. Wenn der Angreifer wirklich Draco war, wo war er die letzten anderthalb Jahre gewesen?

Und warum hatte er Harry angegriffen, versucht ihn zu töten?

Warum dieser abgrundtiefe Hass?

Er kämpfte sich weiter durch die Menschenmenge, die sich in der Arena und um den fremden Drachen gebildet hatte, den Drachen, der, wenn er darüber nachdachte, Amber mehr als ähnlich sah und gelangte schließlich völlig außer Atem zum Haupttor.

Wohin hatten sie ihn gebracht?

Jemand packte ihn am Arm.

„Hier entlang!"

Harry sah auf und blickte in Simons hellblaue Augen. Das sonst immer lachende Gesicht des älteren Drachenreiters war zu einer grimmigen Maske erstarrt.

Harry wusste, dass hinter dieser Maske die selben Fragen tobten, wie in seinem Kopf.

Sie eilten stumm durch die Gänge der Festung und schon nach wenigen Wegbiegungen erkannte Harry, dass sie auf dem Weg zum Krankentrakt waren. Natürlich! Simon hatte sehr hart zugeschlagen. Wer immer der Angreifer war, ob Draco oder nicht, er würde die Hilfe eines Heilers brauchen.

Als sie um die Ecke bogen, flogen die Türen des Krankenflügels auf und Charlie stürmte heraus. Er starrte die beiden einen Moment an, dann schlug er die Tür hinter sich zu.

„Kommt mit! Alle beide!"

„Charlie..."

Ein kalter Blick durchbohrte Harry. Er hatte Charlie noch niemals so gesehen.

„SOFORT!"

Simon und Harry warfen sich einen Blick zu, dann folgten sie ihrem Anführer. Mit ihm zu streiten schien in diesem Moment der schlimmste Fehler, den sie begehen konnten.

In seinem Büro wartete Charlie, bis die beiden Drachenreiter eingetreten waren, dann schlug er die Tür ins Schloss und bedeutete ihnen mit einer knappe Geste, sich zu setzen.

„Charlie, warum sind wir hier? Ich muss zu ihm! Ich muss..." weiter kam Harry nicht.

„Du musst dir vor allem klarmachen, dass das mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eine clevere, grausame Falle ist!"

„Woher willst du das wissen?"

„Woher ich das wissen will? HARRY! Du warst dabei! Ich weiß, was ihr gesehen habt oder zu sehen glaubtet! Ich habe das selbe gesehen. Umso mehr bin ich davon überzeugt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht!"

„Aber..."

„Kein Aber! Ich weiß nicht, wer dieser Kerl ist. Aber er ist NICHT Draco! Draco ist tot! Er starb vor über 19 Monaten auf den Klippen. Das wisst ihr beide!"

Harry sprang auf.

„NEIN! Das wissen wir nicht! Wir haben seine Leiche nie gefunden! Was, wenn er überlebt hat? Wenn er irgendwo gefangen gehalten wurde und ihm jetzt die Flucht geglückt ist?"

Jeder rationale Gedanke war aus Harrys Kopf verschwunden zusammen, wie es schien, mit der Erinnerung an den hitzigen Kampf um Leben und Tod, den er vor nicht mal einer Stunde ausgefochten hatte.

„Harry, ich bitte dich! Wenn das wirklich Draco ist, warum hat er dann versucht dich zu ermorden? Wenn er dich in die Finger bekommen hätte, wärest du jetzt nur noch Hackfleisch! Ich habe noch nie jemanden so voller Hass gesehen!"

„Aber du hast sein Gesicht gesehen!"

„Du solltest wissen, dass es unzählige Möglichkeiten gibt, die Gestalt einer anderen Person anzunehmen. Auch die einer toten Person."

Harry spürte wie die Verzweiflung in ihm hochstieg, ihn zu ersticken drohte und alle Hoffnung, die so plötzlich in ihm erwacht war mit sich fortriss. Er wusste, dass Charlie höchstwahrscheinlich Recht hatte mit allem was er sagte und dennoch klammerte er sich verzweifelt an jeden Strohhalm.

„Aber wenn du dich irrst? Wenn das da drüben im Krankentrakt wirklich Draco ist...? Wer weiß, was sie ihm angetan haben um ihn zu zwingen... das zu tun? Vielleicht steht er unter dem Imperius-Fluch oder etwas ähnlichem... Vielleicht..."

Charlie spürte eine Welle tiefen Mitleids. Er konnte nur zu gut nachvollziehen, wie Harry sich fühlte. Er selbst hatte auch einen wunderbaren Moment lang gehofft, dass es wahr war, dass Draco wie durch ein Wunder überlebt hatte und zu ihnen zurückgekehrt war. Aber dann gewann sein gesunder Menschenverstand die Oberhand. Er musste sicher sein. Und er musste diese Festung und die Menschen, die in ihr lebten, vor allen möglichen Gefahren schützen.

„Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um herauszufinden, wer er ist. Aber bis dahin will ich nicht, dass irgendjemand, vor allem nicht du Harry, auch nur in die Nähe des Krankentraktes kommt! Sie haben ihn in einem separaten Zimmer untergebracht und solange seine Identität nicht eindeutig und ohne jeden Zweifel geklärt ist, geht niemand auch nur in Rufweite dieses Zimmers! Hab ich mich klar ausgedrückt?"

„Aber..."

„Harry, nein! Ihr werdet euch fern halten! Das ist mein letztes Wort!"

Harry wollte erneut widersprechen, aber er wusste, dass es sinnlos war.

„Wie lange wird es dauern, bis ihr sicher seid, wer er ist?"

„Ein paar Tage. Es gibt Tränke, die den Vielsafttrank oder ähnliche Zauber aufheben und wir haben auch unsere Möglichkeiten Zauber wie den Imperius-Fluch aufzuspüren. Erst wenn eindeutig geklärt ist, wer er ist, sehen wir weiter. Es tut mir leid, Harry. Aber du weißt, dass ich das tun muss. Egal wer er ist, wir wissen nicht, was ihn hierher geführt hat, wer seine Auftraggeber sind, was er vorhatte. Und wenn Ashes seinen Drachen nicht vom Himmel geholt hätte, wer weiß, was dann geschehen wäre."

„Ich schätze, Charlie hat recht, Harry." Es war Simons Stimme anzuhören, dass er das nicht gern sagte.

„Danke, Simon. Und noch etwas: Behaltet für euch, was ihr gesehen oder zu sehen geglaubt habt. Ich will nicht, dass Panik ausbricht oder falsche Hoffnungen geschürt werden." Er hielt kurz inne, dann sah er Harry ernst an.

„Es tut mir leid, dass ausgerechnet du es sehen musstest. Ich hätte dir das gern erspart."

„Das lag wohl kaum in deiner Macht, oder?"

Harry wartete keine Antwort ab. Er drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen. In seinem Inneren schien auf einmal alles wie tot. Langsam, ohne zu wissen wohin, ging er durch die stillen Gänge der Festung.

xxx

Natürlich gelang es Charlie trotz all seiner Bemühungen nicht, die Gerüchte zu ersticken. Wo immer Harry in den nächsten Tagen hinkam hörte er Dracos Namen. Man starrte ihn an, flüsterte hinter seinem Rücken. Seine Freunde ließen ihn keinen Moment aus den Augen, fast als fürchteten sie, dass er etwas Dummes machen würde, wenn er die Chance dazu hätte.

Dabei kam er gar nicht dazu etwas zu tun, nicht einmal, wenn er gewollt hätte. Alles um ihn herum schien wie durch eine unsichtbare Wand von ihm getrennt. Er nahm alles wie durch dicken Nebel wahr, konnte nicht denken, nicht fühlen. Sein Körper lebte wie von allein, ohne dass sein Herz oder seine Seele daran beteiligt waren. Es schien fast, als hätte sein Herz aufgehört zu schlagen, als wäre seine Seele aus seinem Körper geflohen.

Die Zeit schlich dahin und Harry wusste kaum, ob Tag oder Nacht war, ob er wach war oder schlief. Alles was zählte, war das unerträgliche Warten. Das Warten, an dessen Ende er wissen würde, ob alle Hoffnung umsonst gewesen war, ob das Schicksal ihm nur einen weiteren grausamen Streich gespielt hatte.

Jeden Tag verbrachte er Stunden vor Charlies Büro, wartete darauf, dass es Neuigkeiten gab. Jede Nacht träumte er. Träumte, dass er auf den Klippen stand und zusah wie eine in dunkle Roben gehüllte Gestallt Ambers Kopf abschlug und ihr Herz aus der Brust schnitt um es mit einem triumphierenden Lachen in der ausgestreckten Hand zu halten. Jedes Mal drehte sich die Gestalt dann zu ihm um und jedes Mal, wachte er schweißgebadet auf, in der Sekunde bevor er das Gesicht im Mondlicht erkennen konnte.

Es war am späten Nachmittag des fünften Tages und die Halle war fast leer, als Charlie schließlich mit Grabesmiene an ihren Tisch trat. Außer Harry waren nur Stella, Simon und Ginny anwesend und sie alle sahen ihren Kommandanten mit angehaltenem Atem an.

Und Harry nahm plötzlich alles mit zehnfacher Intensität war. Alle Gefühle, Eindrücke, Geräusche, die in den letzten Tagen von ihm abgeprallt waren, überfluteten ihn jetzt mit voller Wucht. Er wagte kaum zu atmen, als er Charlie ansah.

„Die Druiden sind soeben gegangen. Sie haben jeden Zauber angewendet, den sie kannten, die Heiler haben jeden Trank gebraut, den sie finden konnten."

„Und?" Stellas Stimme klang so atemlos, wie Harry sich fühlte. Er selbst wagte nicht zu sprechen.

„Nichts. Wenn es einen Zauber gibt, dann können sie ihn nicht entdecken." Er sah Harry an. „Ich kann es mir nicht erklären und es gibt immer noch eine Menge Ungereimtheiten, aber es scheint, als müssten wir im Moment davon ausgehen, dass das in diesem Zimmer wirklich Draco ist."

Harrys Herz, dass sich so beständig zu schlagen geweigert hatte, raste mit einem Mal. Hoffnung, Panik, Entsetzen, Freude, Sorge alles wirbelte wild in seinem Inneren durcheinander und offenbar spiegelte sich der innere Aufruhr in seinem Gesicht ab, denn Stella und Simon griffen beiden nach seinen Armen, stützten ihn.

„Harry!"

Er spürte, wie ein Glas an seine Lippen gehalten wurde.

„Trink das. Du kippst uns sonst noch um!"

Harry schob das Glas zur Seite und sprang auf.

„Ich muss sofort zu ihm!"

„Harry, warte! Es gibt da ein paar Dinge, die du vorher wissen solltest!"

„Das kannst du mir auf dem Weg erklären, Charlie!"

Und bevor jemand reagieren konnte, war er davongerannt. Er stob durch die Gänge der Festung, während sein Herz jeden Moment aus seiner Brust zu bersten drohte. Vor der Tür des gesicherten Teils des Krankentraktes kam er zitternd und keuchend zum Stehen.

Die Tür war verschlossen.

Er rief und trommelte gegen das dunkle Holz, aber niemand öffnete.

„Ich habe ihnen die Anweisung gegeben niemand reinzulassen."

Charlie war Harry in gemäßigterem Tempo gefolgt, und blieb jetzt neben ihm stehen. „Es gibt einige Dinge, die du wissen musst, bevor du da reingehst."

Harry funkelte ihn wütend an.

„Charlie, was? Bitte! Ich will nicht noch länger warten. Ich warte schon viel zu lange!"

Charlie seufzte. „Harry, du musst dir einiges klar machen. Selbst wenn das da drin wirklich Draco ist, wird er dich weder freudestrahlend begrüßen, noch wird er deinen Besuch auch nur zu schätzen wissen. Er hat sein Verhalten in den letzten Tagen kein bisschen geändert. Im Gegenteil. Er hat, kaum dass er zu sich gekommen war einem der Druiden sein Messer entrissen und die Heiler angegriffen. Zwei von ihnen hat er schwer verletzt. Wir haben vier Mann gebraucht um ihn wieder unter Kontrolle zu bringen. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist, aber er ist nicht er selbst. Wir haben mehrfach versucht ihn zu verhören, aber wir kriegen außer Beleidigungen und Drohungen kaum etwas aus ihm raus." Charlie zögerte kurz. „Nur der Hass auf dich ist mehr als deutlich. Er scheint der festen Überzeugung, dass du ihm und seiner sogenannten Herrin etwas Schreckliches angetan hast, dass nur durch deinen möglichst qualvollen Tod zu sühnen ist."

Harry spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Was redete Charlie da? Das konnte doch nicht wahr sein! Wie sollte das möglich sein?

„Er ist voller Zorn und Hass. Es ist fast, als würde er dich zwar kennen, als wären die letzten Jahre aber vollkommen aus seiner Erinnerung gelöscht. Wir haben versucht mit ihm zu reden, ihn dazu zu bringen sich zu erinnern... Vielleicht, wenn du mit ihm sprichst..."

Es war Charlie anzusehen, dass er nicht so recht daran glaubte. Wie er auch noch immer nicht überzeugt schien, dass es wirklich Draco war, von dem er hier sprach.

Er wartete noch einen Moment, ob Harry etwas entgegnete, dann zog er einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür.

xxx

Der Raum ähnelte mehr einer Zelle als einem Krankenzimmer. Die Einrichtung war schlich, bestand nur aus einem Bett, einem Nachttisch und zwei Stühlen. Das hohe Fenster war mit dicken Gittern versehen. Harry wusste, dass hier die untergebracht wurden, bei denen die Gefahr bestand, dass sie sich umbrachten. Und dass dieser Raum und die beiden anderen, gleicher Art ursprünglich für gefangene, verwundete Feinde gedacht gewesen waren. Nur das es diese in den letzten Jahren nicht gegeben hatte.

Bis heute.

Er lag still auf dem Bett, rührte sich nicht, als die Tür aufging. Das einzige Lebenszeichen war das leichte Heben und Senken des Brustkorbs.

Harry blieb neben dem Bett stehen und kämpfte mit den Tränen.

Sein Gesicht war schmaler, als er es in Erinnerung hatte, dunkle Schatten lagen unter den geschlossenen Augen. Die ehemals hüftlangen, silberblonden Haare waren auf Schulterlänge abgeschnitten und breiteten sich wie ein Heiligenschein auf dem weißen Kissen aus. Harry ließ den Blick tiefer wandern und sah entsetzt, dass die schlanken Handgelenke an den Bettrahmen gefesselt waren.

Charlie bemerkte seinen Blick.

„Es ist zu seiner eigenen Sicherheit. Nachdem wir ihn wieder in das Zimmer zurückgebracht hatten, hat er sich wie ein Wahnsinniger gebärdet, hat um sich geschlagen, jeden angegriffen, der die Tür öffnete. Jetzt geben die Heiler ihm mehrmals täglich einen Trank, der ihn ruhig stellt und fesseln ihn zusätzlich ans Bett. Ich weiß, das erscheint grausam, aber es ist die einzige Möglichkeit."

Harry nickte schwach. In all den Monaten, wenn er sich erlaubt hatte, das Undenkbare zu denken, sich ein Wiedersehen mit Draco auszumalen, so hatte es nicht ausgesehen.

Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte sacht die bleiche Wange. Die Haut war warm und lebendig unter seinen Fingern. Harry unterdrückte ein Schaudern und schlang die Arme um sich selbst.

„Was haben sie dir nur angetan..." wisperte er.

Dann sah er Charlie an. „Gibt es..." er schluckte schwer. „gibt es Spuren von... von Folter?"

„Nein." Charlie wirkte, als habe er sich vor der Frage gefürchtet.

„Nein, die gibt es nicht. Keine einzige."

Die Betonung der letzten beiden Worte ließ Harry die Stirn runzeln.

„Du meinst nichts, außer den alten Narben?"

„Nein. Ich meine überhaupt nichts. Weder alte noch neue Narben."

„Charlie, das ist nicht lustig!"

„Ich bin weit davon entfernt Witze zu machen. Die Heiler haben ihn von Kopf bis Fuß untersucht. Da ist nichts. Sein Körper ist vollkommen makellos. Keine Narbe, kein Muttermal, selbst die Tätowierung ist verschwunden. Das war es, was mich mehr als alles andere davon überzeugt hat, dass er unmöglich Draco sein kann."

Harry hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er starrte Charlie lange Momente stumm an, dann wanderte sein Blick wieder zu der reglos schlafenden Gestalt auf dem Bett. Einen Moment verspürte er den unbändigen Drang nachzusehen, zu sehen, dass Charlie Unrecht hatte, aber er wusste, dass dieser die Wahrheit sagte.

Seine Gefühlte tobten. Er sah dieses Gesicht, das Gesicht, das er so sehr liebte, so sehr vermisst hatte, dessen Anblick er so sehr herbei gesehnt hatte. Und gleichzeitig war da der nagende Gedanke, dass das alles vielleicht nicht echt war, dass das Gesicht nur eine Maske war, hinter der sich ein Feind verbarg, dass jemand sich nur einen grausamen Scherz mit ihm erlaubte.

Mit einem leisen Wimmern presste er eine Hand vor den Mund und sank auf einen der Stühle.

„Warum...? Warum tut ihr mir das an? Was hab ich nur getan, dass ich das verdient habe?" Er konnte die Tränen nicht länger zurückhalten und vergrub das Gesicht mit einem erstickten Schluchzen in den Händen.

Charlie trat neben ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, was er sagen sollte.

Es dauerte lange, bis Harry sich wieder beruhigt hatte, aber schließlich ließ er die Hände sinken und lehnte sich erschöpft zurück. Sein Kopf war wie leergefegt. Was sollte er nur tun? Wie sollte er damit fertig werden?

Er stützte die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände und sah wieder zum Bett. Neben sich konnte er Charlie atmen hören. Dann runzelte er leicht die Stirn.

„Was ist das da an seinem Hals?"

„So genau wissen wir das nicht. Es ist eine Art Kropfband aus Drachenleder. Philomena wollte es zusammen mit den übrigen Kleidern ausziehen, aber es hat weder einen Verschluss noch eine erkennbare Nahtstelle. Zerschneiden lässt es sich auch nicht, jedenfalls ist es uns bisher nicht gelungen. Dazu ist es zu hart, fast als wären die Schuppen noch dran."

Harry beugte sich weiter vor, musterte das seltsame Band genauer.

Es war etwa drei Finger breit und aus blassem, weichem Leder, so hell, dass es auf der Haut kaum auffiel. Wäre diese nicht so extrem weiß gewesen, hätte man das Band wahrscheinlich nicht gesehen. Harry streckte eine Hand aus und schob behutsam die blonden Strähnen etwas zur Seite, um dem Verlauf des Bandes weiter zu folgen. Entsetzt sog er die Luft zwischen den Zähnen ein. Lange Kratzer zogen sich vom Halsband ausgehend über Hals und Schulter. Sie waren frisch verkrustet und schienen erst wenige Tage alt zu sein.

„Was habt ihr mit ihm gemacht?"

Charlie schüttelte den Kopf.

„Das war er selbst. Das ist der Grund für die Fesseln. Als die Heiler anfingen ihm den Trank zu geben, der ihn ruhig stellt, hat er angefangen im Schlaf wie besessen an dem Halsband zu kratzen. Jeden Morgen war das Kopfkissen voller Blut und er hatte frische Striemen am Hals."

Harry unterdrückte ein Schaudern.

„Und es lässt sich nicht abnehmen?"

„Nein. Bisher nicht. Es scheint mit irgendeinem harten Material unterlegt zu sein, dass sich jedem Versuch es zu zerschneiden widersetzt."

Harrys Gedanken rasten.

„Vielleicht ist das der Grund! Vielleicht liegt der Zauber in diesem Band!"

Er konnte nicht fassen, dass sie noch nicht darauf gekommen waren! Es war doch offensichtlich!

„Harry, auf die Idee sind wir auch schon gekommen. Aber das Band hat nur die normale geringe Menge Magie, die Teilen eines Drachen immer anhaftet. Ein Zauber, der einen Menschen dazu bringt alles zu vergessen, was ihm wichtig war und grundlos zu hassen, was er vorher liebte, muss weit stärker sein. Tut mir leid, wenn ich dir auch diese Hoffnung zunichte machen muss."

Harry schloss einen Moment lang die Augen. Dann fragte er leise:

„Was wird jetzt mit ihm geschehen?"

Charlie seufzte schwer.

„Er wird erst einmal hier bleiben müssen. Wir könnten ihn in die Kerker bringen lassen, aber solange die Gefahr besteht, dass er sich selbst verletzt, wäre das zu riskant. Davon abgesehen können wir nur versuchen zu ihm durchzudringen, ihn irgendwie zu erreichen. Wenn..." Er sah Harry ernst an. „...wenn er wirklich Draco ist."

Harry atmete schaudernd aus. Ja, wenn...

Er betrachtete die schmale, weiße Hand, die ihm am nächsten lag. Die linke Hand. Wie Charlie gesagt hatte, war sie vollkommen makellos. Die feinen Narben, die vom Ledergeschirr und den Schuppen der Drachen stammten waren fort. Er ließ seinen Blick über die schlanken Finger wandern.

„Sein Ring... Habt ihr ihn abgenommen?"

Charlie runzelte die Stirn.

„Nein. Er hat keinen Ring getragen."

„Aber sein Seelenring... er muss doch da sein!"

„Nein. Wir haben ihm abgesehen von dem Halsband alles ausgezogen, was er am Körper hatte. Da war kein Ring." Dann erstarrte Charlie plötzlich, als ihm etwas einfiel, das er - und Harry offensichtlich auch - bisher vollkommen vergessen hatte.

„Harry... Auch ohne den Ring... Du kannst seine Seele erreichen!"

Harry starrte den älteren Drachenreiter einen Moment lang verständnislos an.

Dann dämmerte ihm, dass Charlie recht hatte. Mit heftig klopfendem Herzen schloss er die Augen und konzentrierte sich. In wenigen Augenblicken würde er Gewissheit haben!

Früher war er in der Lage gewesen Dracos Seele sofort zu finden. Aber in den letzten anderthalb Jahren schien das Band verblasst zu sein. Dennoch erinnerte sich seine Seele, wusste, wonach sie suchte. Er streckte seine Hand aus, berührte die schlanken Finger auf dem Bett. Sie waren kalt und erwiderten die Berührung nicht. Harry tastete sich langsam vor, ließ seine Seele suchen. Er spürte Smoke, der am Rand seiner Aufmerksamkeit wartete und einen Moment lang streifte er sogar Ashes. Doch so sehr er auch suchte, mehr war da nicht. Niemand sonst antwortete auf seine stummen Rufe.

Langsam schüttelte er den Kopf, merkte, wie neue Tränen über seine Gesicht liefen. Da musste etwas sein! Draco war doch hier! Lag nur einen Meter von ihm entfernt und schlief!

„Bitte..." wisperte er.

„Wirklich tragisch." Die Stimme war sanft und spöttisch und fuhr Harry bis ins Mark. Er hörte wie Charlie scharf die Luft einsog.

Langsam öffnete er die Augen. Gefrorenes Silber funkelte ihm entgegen. Der feingeschwungene Mund, an dessen Küsse er sich so gut erinnerte, war zu einem höhnischen Grinsen verzogen.

„Sei froh, dass du dazu nicht in der Lage bist, Potter! Ich würde deine armselige Seele in Fetzen reißen!"

„Draco..." Harry konnte den Blick nicht abwenden.

Draco." äffte die kalte Stimme ihn nach. „Stell dir vor, Potty, ich kann mir meinen Namen auch merken, ohne dass du ihn ständig wiederholst."

Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und zerrte jetzt an den Fesseln.

„Ihr seid Feiglinge! Traut euch nur her, solange ich gefesselt und wehrlos bin. Aber wartet nur, das wird sich ändern. Ich frage mich, ob du immer noch so selbstgefällig grinst, Weasley, wenn du dein Weib und dein Balg abgeschlachtet in ihren Betten findest!"

„Halt deinen Mund!" fauchte Charlie.

Harry nahm kaum wahr, was um ihn herum vorging. Er sah nur Dracos Gesicht, hörte seine Worte: ‚Ich kenne meinen Namen...'

„Du bist nicht Draco..." hauchte er.

„Oh doch! Warum sollte ich auch nicht?"

„Aber dann musst du dich doch erinnern! Du kannst nicht alles vergessen haben!"

„Woran soll ich mich erinnern? An dich? Natürlich erinnere ich mich! St. Potter, der Held, Freund von Schlammblütern und Blutsverrätern. Mörder größerer Männer. Aber du wirst bezahlen. Wenn nicht ich dich töte, dann andere, die nach mir kommen. Dich und deine ganze Sippschaft!"

Harry schüttelte wieder den Kopf. Jedes Wort durchbohrte sein Herz wie ein glühender Dolch.

„Was redest du da nur? Was haben sie mit dir gemacht, dass du so redest und denkst? Das bist nicht du, der da spricht! Draco! Erinnere dich. Du bist einer von uns. Du gehörst hierher. Hier ist dein Zuhause. Hier - bei mir..."

Das kalte Lachen, das seinen Worten folgte schnitt tief in seine Seele.

„Weasley, warum bringst du diesen armen Irren hierher? Glaubt er diesen ganzen Mist, den er da verzapft? So amüsant das alles ist, aber schaff ihn hier raus. Ich will nicht, dass sein Wahnsinn abfärbt!"

Charlie warf der wehrlosen Gestalt auf dem Bett einen kalten, tödlichen Blick zu, dann legte er Harry einen Arm um die Schultern und zwang ihn mit sanfter Gewalt zur Tür.

„Dir wird dein Hohn noch vergehen! Sei froh, dass es Menschen gibt, die mehr von Treue halten als du, sonst hätte ich dich längst den Drachen vorgeworfen."

Das harte, boshafte Lachen klang noch in seinen Ohren, als er die Tür hinter sich ins Schloss warf.

Harry zitterte am ganzen Leib. Er ließ sich willenlos von Charlie zu einem der Betten führen und setzte sich. Den dampfenden Becher, den Philomena ihm hinhielt trankt er widerstandslos aus.

„Es tut mir leid, Harry. Du hättest ihn nicht so erleben dürfen. Ich dachte, der Trank würde noch länger wirken und er würde nicht aufwachen, solange wir dort sind. So ist es bis jetzt jedes Mal gewesen. Nichts was wir sagen erreicht ihn."

Harry reagierte nicht. Seine Gedanken hingen noch immer an den letzten zehn Minuten. Was war nur geschehen? Wer hatte es geschafft, dass Draco alles vergaß, was ihm wichtig gewesen war? Dass er sein Zuhause vergaß, seine Freunde? Dass er die Liebe vergaß, die ihn mit Harry verbunden hatte? Die Liebe, die alle Grenzen überwunden hatte, die ihn dazu gebracht hatte, seine Seele zu opfern und doch sicher zu Harry zurückzukehren? Wer hatte die Macht ihn so vollkommen zu verändern? Es war, als hätten die letzten 10 Jahre nie existiert. Es war so, wie es geendet hätte, wenn Draco damals auf der Lichtung nicht seinen eigenen Weg gewählt, sondern weiter dem seines Vaters gefolgt wäre. Aber niemand von damals lebte noch. Voldemort war vernichtet, Lucius tot. Auch die anderen Todesser hatten ihre gerechte Strafe bekommen. Von einem Ausbruch aus Azkaban hätten sie erfahren. Kingsley Shacklebolt hielt ebenso wie Dumbledore ständigen Kontakt zur Insel. Er versuchte sich an jeden einzelnen Todesser zu erinnern, den er namentlich kannte und sich ihr Schicksal vor Augen zu führen, aber er konnte sich nicht konzentrieren. Alles was er wusste, war, dass Draco selbst Marcus Flint und Rodolphus Lestrange getötet hatte. Und Draco sollte auf einmal wieder sein Feind sein? Nein! Das durfte einfach nicht sein! Wie sollte er damit leben?

„Harry?"

Es war Stellas Stimme, die langsam zu ihm durchdrang. Er sah auf und blickte in ihre schokoladenbraunen Augen, die ihn besorgt musterten. Er hatte nicht bemerkt, dass sie herein gekommen war.

„Komm, Liebes. Ich bring dich in dein Zimmer. Du musst dich ausruhen. Das war alles zuviel auf einmal."

Er starrte sie verständnislos an. Dann ließ er sich auf die Füße ziehen und widerstandslos aus dem Krankentrankt führen.

TBC...