Das Geheimnis der Mühle

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7. Ein wirklich dummer Streich

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Es war ein heißer Sommertag, und die Gesellen waren nach getaner Arbeit zum Mühlenweiher gezogen, um sich ein bisschen Abkühlung zu verschaffen. Nicht alle Burschen hatten schwimmen können, als sie auf die Mühle gekommen waren, aber alle hatten es in ihrem ersten Sommer gelernt. Es war jedes Mal eine Wohltat, nach einem langen Tag in der Mahlstube oder auf dem Getreidespeicher in das kühle Wasser zu tauchen und sich Schweiß und Mehlstaub von der Haut zu waschen.

Der Lehrjunge Stani konnte noch nicht schwimmen, und Lobosch und Witko, mit denen er stets zusammensteckte, hatten sich erboten, es ihm beizubringen. Die drei hatten ihre Kleider abgelegt und standen an einer Stelle, wo das Ufer flach war, man mehrere Schritte ins Wasser waten konnte und immer noch Boden unter den Füßen hatte.

Doch Hanzo hatte einen Plan, den er für den besseren hielt. Krabat, der mit Lyschko und Kubo bereits im Wasser war, beobachtete, wie der Altgesell, tropfnass und nackt wie Stani selbst, den Jungen packte und ihn sich wie einen Mehlsack über die Schulter warf. Stani strampelte mit den Beinen, aber er lachte dabei. Hanzo trug ihn an die Stelle, wo das Gerinne begann und das Wasser so tief war, dass es auch im Hochsommer noch reichte, um die Mühle anzutreiben. Offensichtlich war er der Auffassung, dass der Junge schon schwimmen würde, wenn er keinen Grund unter den Füßen hatte. Mit Schwung warf er Stani ins Wasser.

Stani ging zunächst einmal unter, und Hanzo lachte lauthals, als der Junge japsend und prustend wieder an der Oberfläche erschien.

„Nun schwimm, Entlein!", rief der Altgesell ihm zu.

Wirklich schien es, als ob Stani es schaffen würde. Er trat Wasser und ruderte mit den Armen. Ab und zu tauchte er unter, aber er rief nicht, dass jemand ihn herausziehen oder ihm zur Hilfe kommen sollte. Daher überraschte es Krabat, als Lyschko neben ihm plötzlich fluchte und mit raschen Zügen auf Stani zu zu schwimmen begann. Kubo folgte ihm augenblicklich.

Lyschko erreichte Stani gerade, als der Junge endgültig unterging. Der Mühlenweiher war nicht sehr tief, aber zum Ertrinken reichte es. Lyschko tauchte, und es gelang ihm, Stani zu packen und an die Oberfläche zu ziehen. Dann war Kubo bei ihm und half, den halb bewusstlosen Lehrjungen ans Ufer zu bringen.

Kubo rollte Stani auf den Rücken und schlug ihm mit der Faust auf die Brust, bis der Junge hustend Wasser zu spucken begann. Lyschko lief zum nächsten Kleiderhaufen, der zufällig Krabat gehörte, zog ein Hemd heraus, rannte damit zurück zu Stani und begann, ihn mit dem Kleidungsstück abzureiben. Hanzo stand wie gelähmt daneben.

Mittlerweile waren auch die anderen Gesellen herangekommen, die meisten nackt oder nur in Hemd oder Hose. Einzig Juro, der als letzter zu ihnen gestoßen war, weil er erst das Abendessen hatte vorbereiten müssen, trug noch alle seine Kleider.

Auch Krabat war mittlerweile ans Ufer geschwommen und aus dem Weiher geklettert.

Lyschko hatte Stani, der immer noch hustete und würgte, aber zumindest kein Wasser mehr erbrach, auf die Arme genommen, um ihn zur Mühle zurückzutragen.

„Gib ihn mir", schlug Juro vor. „Ich hab wenigstens was an. Und sterben wird er jetzt wohl nicht mehr."

Lyschko sah an sich herunter. Er zuckte mit den Schultern, legte den Jungen dann aber doch Juro in die Arme.

Während Juro sich mit Stani auf den Weg zur Mühle machte, schlüpfte Lyschko in Hose und Schuhe. Alles andere ließ er liegen, um den beiden hinterherzurennen. Hanzo zögerte, doch endlich zog auch er sich an, um ihnen mit schweren Schritten zu folgen.

Die anderen blieben am Mühlenweiher zurück.

Witko wirkte verstört, und Lobosch sah aus, als ob er kurz vorm Weinen wäre.

„Kommt", sagte Staschko zu den beiden, „es hilft Stani nicht, wenn ihr dreckig bleibt. Lasst uns schnell ins Wasser gehen und den Mehlstaub abwaschen. Dann können wir zusammen zurück zur Mühle laufen und sehen, wie es ihm geht."

Da sie ohnehin nichts für Stani tun konnten, beschlossen die Gesellen, die noch nicht im Weiher gewesen waren, Staschkos Vorschlag zu folgen und wenigstens kurz schwimmen zu gehen – auch wenn niemandem mehr lustig zumute war. Kito knurrte, dass das ein wirklich dummer Streich von Hanzo gewesen war und dass der Meister ihm dafür die Hammelbeine langziehen würde, und niemand widersprach ihm. Im Nachhinein schämte Krabat sich dafür, dass er die Gefahr nicht erkannt und Hanzo nicht aufgehalten hatte.

Krabat und Kubo und auch Petar, der schon vor ihnen im Wasser gewesen war, blieben am Ufer und zogen sich an.

„Woher wusstet ihr, Lyschko und du, dass Stani dabei war, zu ertrinken?", fragte Krabat Kubo.

Kubo, der gerade dabei war, in seine Hosen zu steigen, zog eine Grimasse. „Wir waren schon einmal dabei, als einer beinahe ihm Mühlenweiher ertrunken wäre. Er konnte eigentlich gut schwimmen, aber er bekam einen Krampf und ging einfach unter. Er hat keinen Ton gesagt. Im einen Augenblick schwamm er, im nächsten war er weg."

„Wer war das denn?", fragte Krabat.

Kubos Gesicht verfinsterte sich. „Er ist nicht mehr auf der Mühle. Sein Name war Jakub. Du trägst seine Kleider."

Jakub hatte er also geheißen, Krabats Vorgänger. In dreieinhalb Jahren hatte ihm das keiner gesagt, nicht einmal Tonda.

Krabat zögerte. Doch diese Gelegenheit war so gut wie jede andere. Immerhin sprach Kubo, der für seine Schweigsamkeit bekannt war, gerade mit ihm, und das war besonders jetzt, wo die meisten der Gesellen ihm die kalte Schulter zeigten, viel wert.

„Hör mal, Kubo …", begann Krabat vorsichtig. „Ich weiß, dass ihr mir gram seid, weil ich den Bund mit dem Meister geschlossen habe. Aber ich hab's nicht getan, um meine Haut zu retten. Er hätte mein Mädchen getötet, wenn ich nicht eingewilligt hätte."

Kubo nickte knapp. „Das weiß ich wohl. Hanzo hat uns erzählt, was du ihm zu Beginn des Jahres gesagt hast."

„Und? Glaubst du mir?"

Kubo sah ihn ernst an. „Ja, ich glaube dir. Aber warum du es getan hast und was dabei herauskommen wird, sind zwei verschiedene Dinge. Dennoch … Ich gestehe, dass ich zu denen gehöre, die nicht weg wollen von der Mühle. Ein Leben ohne Zauberei mag ich mir nicht vorstellen. Ich habe Achtung vor dem Meister, und wenn nach ihm ein anderer kommt, der meine Achtung ebenfalls verdient: nun, dann soll er sie haben."

Petar, der sich nur wenige Schritte von ihnen entfernt angezogen hatte, musste ihre Worte gehört haben. Nun kam er zu ihnen herüber.

„Für mich gilt das Gleiche wie für Kubo. Wenn du Meister wirst, Krabat", sagte Petar, „dann will ich dir dienen wie unserem Meister jetzt. Ich bin schon lange auf der Mühle, zehn Jahre bald. Nichts treibt mich, fortzugehen. Ohne die Schwarze Kunst würd' ich nicht leben mögen. Und vielleicht" – er grinste – „wird das Leben auf der Mühle mit dir als Müller ja auch lustiger …"

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Als die Gesellen die Gesindestube betraten, Krabat mit den Kleidungsstücken unterm Arm, die Lyschko in seiner Eile am Mühlenweiher zurückgelassen hatte, wurden sie bereits vom Meister erwartet. Hinter ihm stand Hanzo, den Blick zu Boden gerichtet.

„Es geht ihm gut", sagte der Meister, ohne auf ihre Fragen zu warten. „Er ist mit dem Schrecken davongekommen. Juro hat ihn zu Bett gebracht. Lyschko ist noch bei ihm."

Juro trat aus der Küche und begann, den Tisch zu decken. Witko und Lobosch halfen ihm, und im Nu stand das Abendessen auf dem Tisch.

Lyschko kam herunter, gerade, als alle sich gesetzt hatten. Er hatte sein gutes Hemd an, da er das andere am Weiher gelassen hatte. „Stani schläft", sagte er in die Runde und nahm seinen Platz neben Krabat ein. „Völlig erschöpft."

Als Krabat ihm seine Kleider reichte, lächelte Lyschko und nickte ihm einen Dank zu. Rasch schlüpfte er aus seinem Sonntagshemd und zog das andere über.

Doch ehe sie mit dem Essen beginnen konnten, sagte der Meister: „Hanzo!"

Hanzo erhob sich. Das schlechte Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„War das heute wohlgetan, Hanzo? War das eines Altgesellen würdig?", fragte der Meister ihn scharf.

Hanzo schüttelte den Kopf. „Es war töricht, Meister."

„In der Tat", erwiderte der Meister. Dann bedeutete er Hanzo, sich vor ihn hinzuknien, und verpasste ihm zwei schallende Backpfeifen, eine rechts, eine links.

„Mach mir einen solchen Fehler nicht noch einmal, Hanzo – oder du bist die längste Zeit Altgesell gewesen."

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Nach dem Essen ging Krabat zu Juro in die Küche hinüber.

„Geht es Stani wirklich gut?", forschte er besorgt nach. Was Fragen von Gesundheit und Krankheit anging, traute er Juro mehr zu als Lyschko.

Juro nickte, während er die Töpfe für den Abwasch zusammenräumte. „Ja. Er hat viel Wasser geschluckt und einen gehörigen Schrecken bekommen, aber er hatte sich schon beruhigt, als ich mit ihm an der Mühle ankam. Und als der Meister ihm die Hand aufgelegt hat, ist er gleich eingeschlafen. Lyschko ist dennoch bei ihm geblieben, bis es Essen gab. Ich glaube, er mag Stani."

„Das wundert mich nicht", gab Krabat zurück. „Man kann ja kaum anders, als Stani gern zu haben."

Er half Juro, die Töpfe zur Spülschüssel hinüberzutragen.

„Ja", erwiderte Juro, „aber Lyschko macht sich keine Gewohnheit daraus, die Lehrjungen zu mögen. Jahrelang hat er jeden scheel angesehen, der neu auf die Mühle kam. In jedem sah er einen, der ihn die Gunst des Meisters kosten könnte."

„Und nun hat er einem das Leben gerettet."

„In der Tat." Juro nahm einen dampfenden Topf vom Herd und goss kochendes Wasser in die große Schüssel, ehe er etwas kaltes Wasser aus einem Krug hinzufügte. Dann gab er Aschenlauge hinein.

„Lyschko", fuhr Juro fort, während er den ersten Topf zu schrubben begann, „mag durchaus seine Vorzüge haben. Aber, Krabat, ich sag es dir noch einmal, auch wenn du es nicht hören magst: sei vorsichtig mit Lyschko. Ich kenne ihn, seit er als Lehrjunge auf die Mühle kam, und ich habe viele böse Geschichten erlebt, deren Ursache er war. Du kannst weder ihm noch dem Meister trauen."

„Du denkst daran, dass der Meister dich hören kann, wenn er will?", warnte Krabat leise.

Juro zuckte mit den Schultern. „Der Meister weiß, wie ich denke. Hier auf der Mühle gibt es keinen Schutz vor ihm. Ich habe viel Zeit damit vergeudet, Geheimnisse zu haben, die für ihn nie welche waren. Das ist mir seit letztem Winter klar."

Krabat sah den Freund forschend an. „Er hat am Altjahrestag mit dir geredet, nicht wahr? Was hat er dir gesagt?"

Juros Miene wurde grimmig. „Dass ich nur knapp davongekommen bin, und dass ich es dir zu verdanken habe, dass es nicht mich getroffen hat. Und …" Juro zögerte kurz. „Und dass ich noch immer ganz oben auf seiner Liste stehe", setzte er schließlich hinzu.

Krabat überlief ein Schauder. Er wusste natürlich, wie der Meister zu Juro stand, aber es war etwas völlig anderes, diese Dinge aus Juros Mund zu hören.

Juro reichte Krabat den gesäuberten Topf, der ihn abtrocknete und an seinen Platz zurückstellte.

„Ich bin nicht dumm", setzte Juro nach, „auch wenn ich jahrelang so getan habe. Ich weiß, dass der Meister mir Witko zur Seite gestellt hat, damit er mich reibungslos ersetzen kann, wenn es soweit ist."

Wieder schauderte es Krabat. „Du sagst das so ruhig", erwiderte er, indem er Juro mit bangem Blick musterte. „Hast du denn keine Angst?"

„Mehr, als du ahnst", sagte Juro.

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Stani nahm es Hanzo nicht krumm, dass dieser ihn fast ersäuft hätte. Am nächsten Tag sprang der Lehrjunge schon wieder herum, und mit Hilfe der anderen lernte er bald auch noch schwimmen.

Hanzo aber war der Schrecken tief in die Glieder gefahren. Er bemühte sich mehr denn je, ein guter Altgesell zu sein, doch der Meister schien nie recht zufrieden mit ihm. Selbst, dass Hanzo nun Andrusch und Staschko scharf verwies, ja sogar Backpfeifen austeilte, wenn sie Lyschko, Witko oder Stani ärgerten oder mit einem der anderen Gesellen ihre wüsten Scherze trieben, schien nicht zu helfen.

Auch mit Andrusch war der Meister unzufrieden, und er sagte es ihm mehr als einmal vor den versammelten Mühlknappen. Staschko schien er mehr nachzusehen, aber der war zumeist geschickt genug, sich nicht auf frischer Tat ertappen zu lassen. Zudem konnte keiner übersehen, dass es Andrusch war, der ihn anstiftete, und dass Staschko manches Mal nur mittat, um dem Freund gefällig zu sein.

Die Bruderschaft der Mühle schien mehr und mehr aus den Fugen zu geraten. Hanzo hatte die Gesellen nicht länger im Griff, vor allem Andrusch und Staschko nicht, aber auch Kito machte ihm zunehmend Schwierigkeiten. Krabat und Lyschko wurden auf ihr Betreiben von der Gemeinschaft ausgeschlossen, wo es nur ging, und Hanzo konnte nichts dagegen tun.

Witko, Lobosch und Stani hingen immer zusammen, soweit ihre unterschiedlichen Aufgaben es erlaubten, und sie wenigstens arbeiteten ordentlich und taten, was der Altgesell ihnen sagte. Das Gleiche galt für Kubo und Petar. Doch auch sie wirkten unzufrieden, und oft gab es Streit.

Juro war zuverlässig wie eh und je, und wenn die Stimmung besonders schlecht war, nahm er oft den einen oder anderen beiseite, holte ihn zu sich in die Küche, den Stall oder den Garten, und sprach eine Weile mit ihm, bis der Betreffende mit weit froherer Miene zu den anderen zurückkehrte.