Ein kleiner Hinweis am Rande, für alle, für die es verwirrend war: Der "berühmte Sänger Sil" ist - genau wie Hogwarts und die magische Welt - ausgedacht... Seine Stimme allerdings existiert in meinem Kopf und klingt exakt so, wie die des realen Sängers "Josh Groban"...
Die nächsten Kapitel sind schon fertig und werden gerade von Rena nach Patzern durchforstet... schnelle Updates sind also gesichert...
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Kapitel 6
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Wie hastig geht die Zeit später am Tage,
komm' einen Augenblick noch nah' zu mir.
Wann sag' ich, wenn ich es dir jetzt nicht sage,
Daß ich glücklich bin mit dir.
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Der Abend war großartig. Die Köstlichkeiten aus der Küche waren so lecker, daß auch die größten Kaloriensünden ohne jedes schlechte Gewissen genascht wurden. Albus Wein war ein Gedicht, dem keiner der Anwesenden widerstehen konnte. Und noch bevor Hermine es richtig bemerkt hatte, hatte sie selbst bereits drei Gläser davon getrunken und merkte deutlich, daß es ihr jetzt überhaupt nicht bekommen würde, an die frische Luft und in den Genuß von übermäßig viel Sauerstoff zu geraten.
Albus schien inwändig irgendwo ein Auffanggefäß für den Wein zu haben. Bei fünf Gläsern innerhalb kürzester Zeit hatte Hermine aufgehört zu zählen.
Und was Severus betraf waren sämtliche Aufforderungen der anderen unnötig gewesen. Zeitgleich mit Hermines Glas wurde auch seines nun gerade zum vierten Male gefüllt.
Selbstverständlich hatte ihre Loyalität ihm gegolten, und sie hatte ihm leise bei jedem neuen Glas zugeflüstert, daß er nicht viel trinken wollte, aber er hatte ihr – inzwischen wieder besser gelaunt – zu verstehen gegeben, es sei in Ordnung. Also hatte sie ihn gewähren lassen.
Hermine bekam viele Geschichten aus der Kindheit der Snape-Brüder zu hören; Kuriositäten aus Hogwarts und vieles über das Lehrerkollegium und über Ordensmitglieder, das sie bisher nicht gewußt hatte. Dabei schien es zu den unausgesprochenen Regeln des Abends zu gehören, daß nur Geschichten erzählt wurden, die zur allgemeinen Heiterkeit beitrugen.
Der einzige, der sich heraushielt und relativ still in seinem großen Lehnsessel saß, war Severus. Aber man merkte ihm an, daß er den Abend genoß. An vielen Stellen lachte er leise mit und ergänzte sogar mit relativ unbewegter Miene die eine oder andere Anekdote um Details, die die anderen vor Lachen fast zusammenbrechen ließen.
„Oh Merlin!", keuchte Minerva „Ich werde morgen solch einen Muskelkater haben." Sie hielt sich die Hände vor den Bauch und versuchte, die Erschütterungen durch das Lachen so gering wie möglich zu halten.
Hermine hatte sich lachend an Silvians Seite angelehnt, der mit breitem Grinsen genoß, was sein Bericht ausgelöst hatte. Immer wieder von Snapes trockenen Kommentaren ergänzt, hatte er erzählt, wie die Brüder im zarten Alter von etwa sechs und acht Jahren versucht hatten, selbst einen Zauber zu erfinden. Snape war für den theoretischen Teil zuständig gewesen, Silvian hatte die Zutaten besorgt. Und weil kleinste Dinge über Kettenreaktionen bekanntlich große Dinge auslösen können, hatten die beiden damit das gesamte Zaubereiministerium für zwei komplette Tage außer Gefecht gesetzt. Die vollständige Belegschaft, von der Putzhexe bis zum Zaubereiminister war nicht mehr von der Toilette heruntergekommen.
Albus wischte sich noch immer kichernd eine Träne aus den Augen.
Snape blickte, die Ellenbogen auf die Lehne des Sessels aufgestellt, das Weinglas in beiden Händen vor sich haltend, in die Runde und sah rundum zufrieden aus. Besonders daß Silvian und Hermine sich offensichtlich so gut verstanden, schien ihm zu gefallen.
Als Silvian sich erneut ein Glas einschenken wollte, sprach Minerva aus, worauf man offenbar schon gewartet hatte.
„Singst du uns etwas vor?"
Silvian seufzte. „Jetzt schon?
Minerva setzte ein Gesicht auf, das Steine vor Rührung zum Schmelzen hätte bringen können.
„Bitte..."
Als Silvian aufstand, zum Schreibtisch ging und dahinter eine verstaubte Gitarre hervorzog, staunte Hermine nicht schlecht. Das Instrument war ihr noch nicht aufgefallen. Allerdings hatte sie bisher auch noch keine Veranlassung gehabt, hinter den Möbeln nach Dingen zu forschen.
Silvian setzte sich, legte sich die Gitarre auf den Schoß und pustete einmal kräftig darauf - - - und hustete sofort danach los, als über dem Tisch eine dicke Staubwolke im Licht der Kerzen wie Milliarden kleinster, weißer Pünktchen tanzte und sich dann langsam verzog.
„Sev, du darfst solche Instrumente nicht so verkommen lassen."
„Komm halt öfter her.", war der einzige Kommentar seines Bruders.
Silvian stimmte die Gitarre und klimperte dann erst ein wenig einfach nur so darauf herum, als suche er nach einer Melodie.
Dann blickte er, scheinbar ratsuchend, gleichzeitig aber auch frech grinsend, zu seinem Bruder hoch.
„Na?", fragte er nur. Und Hermine hatte den Eindruck, als hielten Minerva und Albus die Luft an. Kam jetzt das, wofür sie ihn unbedingt „locker" hatten machen wollen? Wie auch immer. Severus stand jedenfalls seufzend auf und ging zum Flügel hinüber, setzte sich, stellte sein Weinglas auf dem Instrument ab, öffnete den Deckel über der Klaviatur und hielt kurz überlegend die Finger über den Tasten, bevor er eines von „Sil"s Liedern zu spielen begann. Silvian setzte sofort mit der Gitarre ein und dann erklang seine unvergleichliche Stimme in Severus Snapes Wohnzimmer, zum Knistern des Feuers im Kamin.
Hermine stand der Mund weit offen, bis sie sich entschloß, das Lied mit dem gleichen zufriedenen und begeisterten Gesichtsausdruck zu genießen den auch Albus und Minerva trugen.
Die beiden spielten, als täten sie es jeden Tag. Es war wie aus einem Guß. Dabei hatten sie nicht einmal Noten vor sich stehen. Snape ein Lied auf dem Klavier spielen zu hören, bei dem sie im Hause ihrer Eltern schon mitgesummt hatte, wenn es auf ihrem CD-Player lief, war eine Erfahrung die durchaus geeignet war, ihr Weltbild ein wenig durchzurütteln. Denn auch wenn es die Lieder seines Bruders waren, blieb es ganz und gar ungewöhnlich.
Offenbar hatte das Spielen des ersten Liedes, das selbstverständlich von den drei Zuhörern mit reichlich Applaus bedacht worden war, Severus letzte Bedenken beiseite geräumt.
Er griff das Weinglas, leerte es mit einem einzigen, tiefen Zug, stellte es zurück und begann mit mehr Elan als beim ersten Titel, erneut einen von Silvians Songs zu spielen. Man konnte sehen, fühlen und hören, daß er offener wurde für die Situation und daß er es jetzt wirklich durch und durch genoß, mit seinem Bruder zu spielen, ihn zu diesen außergewöhnlich schönen Liedern zu begleiten.
Hermine hatte alles mögliche erwartet, als Silvian, Albus und Minerva sie unabhängig voneinander dazu aufgefordert hatten, Severus dazu zu bewegen, viel Wein zu trinken. Aber daß es um den ganz und gar unschuldigen Wunsch gegangen war, daß er einen Abend lang mit seinen Freunden die Musik genießen konnte, die ihm offenbar so viel bedeutete, das machte sie still vor Freude. Und sie stimmte den anderen im Nachhinein zu, daß er möglicherweise nicht bereit gewesen wäre, sich ans Klavier zu setzen, wenn nicht eine gewisse „Vorarbeit" geleistet worden wäre. Auch wenn sie diese Vorarbeit inzwischen nicht mehr als alkoholische, sondern als rein psychologische ansah, denn, wenn sie zurückdachte, an ihre diversen kleinen Ermahnungen, daß er doch nicht so viel hatte trinken wollen und an seine Beteuerungen, es sei schon in Ordnung, dann schloß sie daraus, daß er es eigentlich genau so gewollt hatte... Und sie sah auch, daß er keineswegs betrunken war – was ihr wiederum sagte, daß er den Wein nicht als Lockerungsmittel, sondern als Alibi benutzte...
Doch Hermine entschied, daß das friedvolle Bild der beiden miteinander in ihre Musik vertieften Brüder jede kleine Notlüge wert war.
Der Abend endete genauso wunderbar, wie er begonnen hatte.
Erst in den frühen Morgensstunden waren Minerva, Albus und Silvian, der in einem der Gästezimmer Hogwarts übernachten würde, gegangen.
Als Severus und sie endlich im Bett lagen war Hermines Müdigkeit fast überwältigend, aber die Nähe zu ihm war so herrlich, daß sie einfach noch nicht einschlafen wollte.
Sie kuschelte sich immer näher und näher an ihn heran und als es nicht mehr näher ging, bewegte sie sich trotzdem ab und zu so, als könne sie doch noch ein Stückchen mehr von ihm bekommen
Er hielt sie fest im Arm und versuchte genau wie sie zu erreichen, daß die Körperfläche mit der sie sich berührten, so groß wie möglich war.
Irgendwann hatten sie dann doch eine Position gefunden, in der sie zur Ruhe kamen.
Obwohl die Situation so friedlich und vollkommen war, fiel Hermine Severus Streit mit seinem Bruder ein und sie überlegte kurz, ob sie es wagen sollte, ihn danach zu fragen. Dann entschied sie, daß dies vielleicht die günstigste Gelegenheit wäre es zu tun und wand ihm im Halbdunkel des Schlafzimmers ihr Gesicht zu.
„Worüber hast du dich heute eigentlich mit Silvian so gestritten?"
„Gestritten?", versuchte er kurz es zu leugnen.
„Bitte, Severus... ich habe draußen vor der Tür gestanden und es mit angehört. Ich habe nur nicht verstanden, worum es ging, obwohl jedes Wort klar und deutlich war."
Severus seufzte laut auf.
„Hermine, Hermine... warum habe ich mich nur mit einer Gryffindor eingelassen?"
Glücklicherweise sah sie das Lächeln das er dabei auf den Lippen hatte. Würde sie nun endlich eine Antwort erhalten?
Er schien etwas zu überlegen, dann wand er sich aus ihrer Umarmung, stand auf, ging zu dem kleinen Schreibtisch, öffnete das Notebook und startete es.
Während der kleine Computer seine für ihn so typischen, aber für Hogwarts so gänzlich ungewöhnlichen Geräusche machte, kam Snape zu Hermine zurück und setzte sich neben sie aufs Bett.
Er senkte kurz den Kopf und sie sah, daß er einmal tief durchatmete, bevor er sich entschlossen wieder aufrichtete und sie intensiv ansah, als habe er endgültig einen Entschluß gefasst.
„Wie du weißt, spiele ich Klavier. Was du nicht weißt, ist, daß ich einige der Stücke die ich spiele, selber schreibe. Allerdings tue ich das schon seit vielen, vielen Jahren nur noch unter ganz bestimmten Voraussetzungen..."
Hermine ahnte, was diese Voraussetzungen waren, schluckte, schwieg und hörte weiter zu.
„Wenn ich von Poppy nach meinen Besuchen beim dunklen Lord die ‚Medikamente' bekommen habe, hat dies jede Form von Empfinden so gesteigert, daß ich in solch einem Rausch oftmals auf musikalischer Ebene recht kreativ geworden bin. Ich habe Lieder erdacht, die ich dann am nächsten Tag vorgefunden habe, weil ich sie aufgeschrieben hatte. Melodie, Text... was immer auf diesen Blättern stand – ich konnte mich nie daran erinnern. Aber es war meine Handschrift, es war außer mir niemand im Raum und da es immer wieder geschehen ist und ich weiß, daß ich Musik schon immer als Ausgleich benutzt habe, müssen es wohl meine Lieder sein."
„Ich weiß...", hauchte Hermine völlig gefangen.
Er sah sie verwirrt an.
„Was meinst du damit?"
Hermines Hände zitterten ein wenig, als sie ihm ihre Fingerspitzen zart an die Wange legte.
„Weil du eins geschrieben hast in der Nacht als ich bei dir war."
Er legte seine Hand auf ihre und schloß die Augen.
„Dann hast du das längst gewußt?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe das Blatt am nächsten Tag gesucht, aber ich habe es nicht gefunden. Deshalb dachte ich, ich hätte es nur geträumt."
Er ließ die Augen geschlossen als er leise sagte: „Es war heruntergefallen und lag auf dem Boden."
Er wußte offenbar genau um welches Lied es ging.
Und sie ebenfalls...
Die Erinnerungen kehrten wieder und Hermine schmiegte sich erneut fest in seine Arme.
Er hielt sie zärtlich, als er weitersprach.
„In den Liedern geht es stets um etwas, mit dem ich mich unmittelbar vorher beschäftigt hatte. Mal waren es eigene Erlebnisse oder Emotionen, manchmal aber auch etwas, das ich in einem Buch gelesen hatte. Und diese Lieder schicke ich dann fast immer Silvian."
„... der daraus seine Songs macht?", fragte Hermine, die endlich begriff, worauf das Ganze hinauslief.
„Der daraus seine Songs macht.", bestätigte Severus ihre Vermutung.
Hermine löste sich aus Snapes Arm so weit, daß sie ihn ansehen konnte.
„DU schreibst die Songs von Sil?"
Sein Ausdruck war eine Mischung aus Verlegenheit und einem Hauch von Stolz.
„Nicht alle..."
„Whow...", war der einzige Kommentar, der Hermine im ersten Moment dazu einfiel.
„Aber warum durfte ich das nicht wissen?", setzte sie dann doch hinterher.
Snape verdrehte die Augen: „Severus Snape schreibt Lieder – das ist schon schlimm genug – aber daß diese Lieder dann auch noch öffentlich vorgetragen werden... ist... ich weiß nicht... es ist.... Silvian mag sie.... deshalb gebe ich sie ihm... aber ich selbst möchte damit nicht in Verbindung gebracht werden. Zumal die Entstehung der Lieder wirklich keine angenehmen Erinnerungen weckt. Obendrein erzählen diese Lieder verdammt viel, wenn man weiß, wie sie entstanden sind."
Hermine nickte verstehend.
„Aber worüber habt ihr euch dann gestritten?"
Er stand wieder auf, nahm aus der Schublade des Schreibtisches eine CD heraus, legte sie in das Notebook ein und öffnete ein Playerprogramm.
„Diese CD hat er mir heute mitgebracht. Es ist die Roh-Version seines neuen Albums. Manchmal schicke ich ihm auch Lieder, bei denen ich ihn konkret darum bitte, daß er sie sich nur ansieht, oder besser gesagt einmal spielt, um sie zu hören – aber nichts weiteres damit tut. Einfach weil ich sie mit ihm teilen möchte. Ich habe damals ein Lied über Hannah gemacht. Das hätte niemals irgendjemand außer ihm hören dürfen. Und dann war es auf seinem nächsten Album... wir haben uns fürchterlich deswegen gestritten und er hat mir versprochen, daß das nie wieder passieren wird. Das Lied von dem Abend an dem du bei mir warst, war auch so eines. Eines bei dem ich sehr deutlich gesagt habe, daß nur er es sehen darf. Aber er hat es trotzdem wieder getan, er hat es einspielen lassen und aufgenommen...."
Er startete das Lied...
Schon bei den ersten, eindringlichen Tönen schlug Hermine sich die Hände vor den Mund, um nicht aufzuschreien. Sie hatte damals geglaubt, daß sie dieses Lied nie wieder hören würde – sie hatte sogar lange geglaubt, sie habe es sich nur eingebildet. Und jetzt lief es in diesem Schlafzimmer, in voller Orchestrierung. Und dann setzte Silvians Stimme ein. Diese unfassbar weiche Stimme.
Wo Snapes Stimme wenn er sprach warmer, schwarzer Samt sein konnte, war die seines Bruders wenn er sang umschmeichelnde Seide ...
Wash away the thoughts insideThat keep my mind away from you
No more love and no more pride
And thoughts are all I have to do
Remember when it rained...
Als die letzten Töne verklungen waren, saß Snape regungslos auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch und wartete unsicher auf ihre Reaktion.
Hermine wischte sich die letzten Tränen aus den Augen, bevor sie aufstand, zu ihm hinüberging und sich vor ihm auf den Boden kniete. Wie konnte ein Mann, der soviel Kraft und Macht besaß, so unsicher sein, wenn es um sein eigenes Selbst ging?
Sie sah ihm tief in die zweifelnden Augen und sagte: „Es ist das schönste Lied, das ich in meinem ganzen Leben gehört habe. Ich danke dir dafür!"
Er zog sie an sich und murmelte ihr erleichtert und jetzt auch ein wenig stolz ins Haar: „Wann sag ich, wenn ich es dir jetzt nicht sage, wie unendlich glücklich du mich machst!"
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(Das Zitat über dem Kapitel stammt aus „Sommermorgen" von Reinhard Mey)
