Midshipwoman
Die Hochstimmung auf der Brücke war nur kurz. „Sir, drei weiter Shuttles sind im Anflug. ETA 47 Minuten.", sagt Lieutenant Bagwell.
„Das war es dann wohl.", resignierte Terekhov. Er wollte gerade Naomi Kaplan den Befehl geben, sich für die Sprengung des Schiffs bereitzuhalten, als Bagwell rief: „Da ist eine Grav-Ortung im Störfeld. Das muss ein Impeller sein."
„Wissen wir, was es ist?"
„Nein dafür ist es zu schwach. Vielleicht jemand von der fünften Flotte."
„Oder ein Havie"
„Können wir um das Schiff am Wurmloch über die Zylonen informieren?", fragte der Kapitän in den Raum.
„Funk ist weiterhin unten. Außerdem kämen wir nicht durch das Störfeld."
„Morsezeichen mit dem Gravimpulsgeber?"
„Nein, dazu müssten die Impeller-Ringe noch arbeiten. Außerdem kommen die im Störfeld vermutlich kaum an. Ich kann von hier ja kaum den Raumschiff-Impeller anmessen. Das muss was Großes sein."
„Haben wir noch einen GRASER, um eine Nachricht auf zu modellieren?", fragte Nagchaudhuri hoffnungsvoll.
Naomi Kaplan schüttelte den Kopf.
„Können wir eine Pinasse schicken?"
„Die werden schon beim Start abgeschossen."
„Aber es ist eine Chance! Nagchaudhuri stellen sie fest, wer in der Nähe vom Hangar ist.", befahl der Captain.
Im schnellen Beschaffen von unstrukturierten Informationen war Nagchaudhuri der Beste. Er brauchte keine zwei Minuten um zu antworten: „Wir haben eine Squad Marines und die Middis dort."
„Geben sie mir einen Middi an die Leitung."
„Midshipwoman Helen Zilwicki.", meldete sie sich mit nervöser Stimme.
„Hören sie mir zu, Midshipwoman." Terekhov versuchte möglichst ruhig zu sprechen, weil er sich vorstellen kann, dass die jungen Middis nach den Angriffen und den Feuergefechten an Bordziemlich nervös und angespannt waren. Einige Teile des Schiffes waren ohne Atmosphäre, andere Teile waren überhaupt nicht mehr passierbar, weil sie in Trümmern lagen. Die Explosionen hatten das ganze Schiff erschüttert und ein Blick auf eine der vielen Statustafeln im Schiff sprach eine klare Sprache. „Wir haben soeben zwei Gruppen Zenturier zurückgeschlagen."
„Ich habe den Eindringlingsalarm gehört.", antwortete sie mit einer Stimme, der man anmerkte, dass sie wie alle versuchte, ihre Angst in den Griff zu bekommen.
„Wir haben sie zurückgeschlagen. Aber unter hohen Verlusten. Das Problem sind weitere Gruppen, die unterwegs sind." Terekhov machte eine kurze Pause, damit Helen Zilwicki die Information verdauen konnte, dann sprach er weiter: „Es sieht so aus, als sei ein weiteres Kriegsschiff durch das Wurmloch gekommen. Wir haben die Hoffnung, dass es erstens etwas Großes und zweitens freundlich ist. Aber alle Funkanlagen sind hinüber und würden wegen dem Störfeld auch nichts erreichen."
„Die Pinassen!", entfuhr es ihr. Und plötzlich wusste sie, was der Kapitän von ihr wollte. „Wie sieht es draußen aus?"
"Schlecht. Wir werden von einem Schwarm Jäger umkreist. Aber wir müssen es versuchen. Gehen sie an Bord einer Pinasse und versuchen sie, durchzukommen. Naomi wird das Schiff in eine leichte Rotation versetzen, damit sich der Hangar in Richtung Störfeld ausrichtet. Wenn wir das Freigabesignal senden, müssen sie mit maximaler Beschleunigung starten. Die Pinassen sind das Schnellste, was wir noch haben."
„Ja, Sir.", die Antwort war kaum hörbar.
„Beeilen Sie sich.", befahl Terekhov. Er hasste Befehle, mit denen er seine Leute in den sicheren Tod schickte. Aber er hatte keine Option. Sie konnten sich nicht lange gegen weitere Enterkommandos der Zylonen zur Wehr setzen. Und wenn die Verluste bei den Entercrews den Zylonen zu teuer würden, dann entschieden sie sich vielleicht, das Wrack der Hexapuma einfach in Stücke zu schießen. Das nächste Basisschiff war in Kürze in Feuerentfernung ihrer schweren Schiff-Schiff-Raketen. Ein Treffer in die ungeschützte Oberseite der Hexapuma würde sie sofort zerstören.
„Terekhov an Kaczmarczyk. Kommen"
„Kaczmarczyk spricht."
„Hören Sie zu, in 30 Minuten erwarten wir weitere Kampfroboter. Sie müssen durchhalten. Rettung ist unterwegs."
„Aye, Sir. Wir werden feste Stellungen aufbauen. Over and out."
„Paulo, ich brauche Deine Hilfe! Karsten, Deine auch.", rief Helen gehetzt zu ihren Kameraden. Ohne weitere Erklärung zerrte sie beide auf den Korridor mit sich. Sie ließen es geschehen, weil sie wussten, dass sie gerade mit dem Kapitän gesprochen hatte. Während sie in ihren leichten Raumanzügen von ihrer Station zum Hangar hasteten, unterrichtete sie Paulo und Karsten von ihrem Auftrag: „Alleine schaffe ich das nicht. Ich kann eine Pinasse fliegen, aber ich brauche einen Navigator und jemand muss das Katapult bedienen. Es geht um Minuten."
„Überleben wir das?", fragt Paulo.
„Wenn wir es nicht versuchen, auf keinen Fall. Der Captain sagt dass wir noch mehr zylonische Roboter nicht zurückschlagen können."
Die Marines hatten es inzwischen geschafft, den Hangar und den Korridor wieder unter Atmosphäre zu setzen, als Helen und Paulo am Hangar ankommen. Die Brücke hat sich schon über Funk gemeldet. So musste Helen nur noch in wenigen Worten erklären, was sie vorhatte.
Die Marines halfen, die Pinasse mit dem Kran auf das Katapult zu heben, während Karsten in den Leitstand hastete und sich mit der Steuerung vertraut machte.
Ohne Katapultsteuerung konnte sie nur manuell aus dem Hangar ausfliegen. Dabei würden sie aber sich so langsam vom treibenden Schiff trennen, dass sie schon beim Startvorgang sofort abgeschossen werden würden. Die einzige realistische Möglichkeit war ein Katapultstart, um dem Feuer der zylonischen Jäger lang genug zu entgehen, dass der Geschwindigkeitsvorteil durch die Impeller sie in Sicherheit brachte.
Verrauscht meldet sich Naomi Kaplan von der Brücke über Lautsprecher. „Sie haben noch zwei Minuten. Wir drehen jetzt das Schiff."
„Warten Sie.", Wandermann kommt angehastet.
„Wir müssen los.", sagt Helen.
„Die werden sie abschießen, bevor sie piep sagen, Helen.", antwortet Wandermann heftiger als er wollte. „Sehen sie den schweren Raider. Ich werde versuchen ihn zu starten. Der Chief der Galactica und ich haben uns die letzte Woche sehr stark mit zylonischer Technik auseinander gesetzt. Damit kann ich die Jäger vielleicht ein wenig ablenken."
Helen nickte zuerst, dann sagt sie: „Das Ding ist aber noch langsamer und wird kaum auf das Katapult passen."
„Ich weiß.", antwortete Wandermann nur und dann wurde Helen bewusst, dass der Vorsprung, den Wandermann ihnen erkaufen würde, sehr teuer bezahlt werden würde.
„Es gibt keine andere Möglichkeit. Los, machen sie die Pinasse klar. Geben Sie mir zehn Sekunden, bevor sie starten."
Dann hasteten Helen und Paulo zur Pinasse, welches inzwischen auf dem Magnetkatapult stand.
Wandermann rannte zum schweren Raider und begann in aller Eile, die Energieversorgung hoch zu fahren.
Dann war wieder Naomis Stimme zu hören. „Sie haben noch 15 Sekunden. Machen sie sich bereit."
„Was tust Du?", rief Paulo erschreckt, als Helen die Sicherheitsprotokolle überging und die Impeller-Ringe der Pinasse vorglühte, ohne die Impeller-Bänder aufzubauen. Der Fluglehrer hätte sie sofort von der Akademie geworfen, wenn sie so etwas in einem Simulatorstart getan hätten. Impeller noch im Mutterschiff in Bereitschaft zu setzen, war die zweitschlimmste Sünde in einem Raumschiff. (Die Schlimmste war das tatsächliche Aufbauen der Impeller-Bänder, aber das würde der Pilot sowieso nicht überleben.)
Da startete Wandermann auch schon die schweren Aggregate des zylonischen Shuttles. Ohne weiter auf irgendwen zu achten, bugsierte er das schwere Schiff zur Heckschleuse hinaus. Dann wurde er tief in den Sitz gepresst, als er den Beschleunigungshebel bis nach ganz hinten durch drückte. Der schwere Raider machte einen Satz nach vorne.
Sofort nahm ein Schwarm Raider die Verfolgung auf. Wandermann entfernte sich schnell von der Hexapuma. Eine kurze Verfolgung. Dass er länger als die avisierten zehn Sekunden lebte, war nur der molekular verdichteten Panzerung zu verdanken, die aus taktischen Gründen im Heck des Shuttles besonders dicht war, um dem Feuer von Verfolgern zu widerstehen.
„Start!", brüllte Helen in das Pilotenmikrophon.
Dann explodierte Wandermann mit dem zylonischen Shuttle in einem hellen Lichtblitz.
Karsten, der im Hangarleitstand saß, hatte sich inzwischen mit den Kontrollen zurecht gefunden.
„Viel Glück!", dachte er. Dann schlug er ungewollt fest auf den Katapultauslöser. Das Katapult löst aus und schleudert die kleine Pinasse in den Weltraum.
Während Helen und Paulo in die Sitze gepresst wurden, dämmert es Paulo, dass die Impeller der Hexapuma tot sind. Also ist auch keine Überlagerung der Impeller-Felder möglich und Helen würde die Impeller wesentlich früher aufbauen können, als wenn die Impeller der Hexapuma noch intakt wären..
Kaum zwei Sekunden später baute Helen die Impeller-Bänder auf. Ein Ruck geht durch die Pinasse.
Dann raste sie von der Hexapuma weg. Das untere Impeller-Band rettete den beiden Midshipmen kurz darauf das Leben, als das meiste Feuer der feindlichen Jäger, welche noch auf einem zum Schießen geeigneten Vektor stehen darin verging.
Wandermanns Ablenkungsmanöver hatte einen Teil der Jäger auf der Abgewandten Seite der Hexapuma gelockt.
Es war absehbar, dass Helen die zylonischen Raider abhängen würden, aber noch waren sie in Reichweite der Projektilwaffen. Durch die größer werdende Entfernung wurde immer mehr vom empfindlichen Heck des Schiffs gegenüber dem Feindfeuer entblößt. Helen wusste das, aber sie konnte das Schiff nicht drehen, um sich mit dem Impeller-Band zu schützen, weil sie sonst sofort wieder von einem Schwarm Jäger eingeholt würde. Dann spürten Helen und Paulo die Einschläge am Heck.
„Druckverlust!", brüllte Paulo. Eine Ecke des Hecks war komplett abgeschmolzen. Hektisch klappten Helen und Paulo die Helme der Raumanzüge zu.
„Sie haben die Sensorplattform erwischt.", stellte Helen fest, als der Plot dunkel wird. Jetzt waren sie blind. Helen hoffte, dass sich die Jäger nicht bis zu den Impeller-Ringen durchbrannten. Solange sie Antrieb hatten, bestand wenigstens noch Hoffnung. Die Raider feuerten immer noch, aber das Courierboat hat genug Beschleunigung aufgebaut und die Entfernung nahm schnell zu. Eine letzte Jäger-Schiff-Rakete verging harmlos im Impeller-Band.
„Was sagt der Flugplan?" Helen verstand Paulos Stimme über den Helmfunk kaum.
„Wir brauchen noch ein paar Minuten. Können wir noch senden?"
Paulo kontrollierte die Geräte. „Ja, Funk ist komplett funktionsfähig. Wir haben nur den Gravimpulssensor verloren."
„Und die Lebenserhaltung...", ergänzte Helen. Ein Blick auf die Anzugsanzeigen zeigte aber, dass sie noch genug Luft im Anzug hatten.
Dann fiel ihr Wandermann ein. „Meinst Du, er hat es geschafft?"
„Die Zylonen abzulenken?", fragte Paulo. „Sicher hat er das geschafft, sonst wären wir nicht hier. Überlebt hat er aber mit Sicherheit nicht."
Er blickte Helen durch die Helmscheibe in die Augen und meint die Tränen zu sehen.
Helen versuchte, ihre Stimme in den Griff zu bekommen: „Bereite einen Notruf vor. Erkläre die Lage. Sag ihnen dass sie alle Basisschiffe gleichzeitig angreifen müssen, weil die Raketen stören können. Und sag ihnen, dass der Feind die GRASER- und LASER-Zielcomputer aus der Ferne ausschalten kann. Dann leitest du soviel Energie auf die Sendeanlage, dass sie gerade nicht durchbrennt. Im Störfeld haben wir vermutlich sowieso keine große Reichweite. Außerdem beschleunigen wir immer noch. Wir können nur senden und schießen dann weit über das Ziel hinaus. Wir brauchen Stunden, um das Schiff zu wenden und die Geschwindigkeit anzupassen. Sobald Du fertig bist gehe auf Dauersendung."
„Ja, Midshipwomen.", bestätigte Paulo den Befehl und erinnerte sie daran, dass sie den gleichen Rang hat.
„Bitte.", ergänzte Helen darauf hin leise und musste fast lachen, ob der Normalität, die Paulo in die Situation bringt.
„Wie willst Du sie finden, ohne Plot?", fragte Paulo.
„Gar nicht. Aber wir haben eine passive Positionssonde ausgesetzt. Erinnerst Du Dich? Ich werde sie per Funk aktivieren und hoffen, dass ich die Position mit den Unterlichtsystemen anmessen kann."
„Im Störfeld?" Der Zweifel war aus Paulos Stimme deutlich hörbar.
„Ich sagte doch - HOFFEN."
Troubadour
Admiral Michael Oversteegen stand mit den Händen hinter dem Rücken auf der Flagbrücke seines Flagschiffs. Hinter ihm war ein großer Plot. Einsam leuchtete das Icon der Troubadour in der Mitte. Ansonsten war die Flagbrücke leer. Dies war keine Flottenoperation – zumindest keine, welche die Admiralität genehmigt hätte.
Er blickte durch die große Panzerglasfront hinab auf die Brücke des Superdreadnoughts. Alle Brückenstationen waren besetzt, da das Schiff unter Gefechtsbereitschaft fuhr, seit sie sich im Anflug auf das Wurmloch befanden. Jetzt waren sie durch und die Orter waren mit einem Mal außer Betrieb.
„Steuermann, verfolgen Sie Flugplan Alpha und räumen Sie den Materialisierungbereich." Die Stimme des Kapitäns war über die Lautsprechanlage auch in der Flagbrücke laut und deutlich zu hören. In einer Minute folgte das nächste von insgesamt drei Schiffen. Der Kapitän hatte gegen den Plan des Admirals protestiert, aber er befolgte seine Befehle.
Nach der Analyse der Ortungsdaten war schnell aufgefallen, dass die HMS Hexapuma nicht von den havenitischen Kreuzern vernichtet worden war.
Admiral Oversteegen erinnerte sich an seine Zeit als Rear Admiral einer Schlachtkreuzer- Flottille. Damals musste er im Kampf einen schwer angeschlagenen Kreuzer nach einem Gefecht mit den Haveniten zurücklassen. Das war jetzt über zwei Jahre her. Er hatte kaum eine Nacht, in der er nicht vom Hilferuf des Kreuzers HMS Britannia träumte. Und von seinem Befehl an die restliche Flotte in den Hyperraum zu wechseln. Hätte er sich noch einmal dem Gefecht gestellt, wäre alle seine Schlachtkreuzer den ankommenden havenitischen Wallschiffen zum Opfer gefallen. Er wusste bis heute nicht, was mit der Besatzung passiert war. Die anschließende Untersuchungskommission hatte seine Entscheidung nachträglich gebilligt. Objektiv gesehen stand er auch noch heute zu dieser Entscheidung. Wenn nur diese Albträume nicht wären.
Bei einem Gefangenenaustausch mit den Haveniten, der wenige Monate später stattfand, stand keiner der Raumfahrer von der HMS Britannia auf den Listen. Das hatte er als erstes geprüft, als er von dem Gefangenenaustausch erfuhr.
Dieses Ereignis hatte ihn letztlich zu der Entscheidung getrieben, mit zwei Wallschiffen und einem LAC-Träger in das unbekannte Wurmloch vorzustoßen. Ein Vorgehen, welches ihn zweifellos seine Sterne kosten würde.
Der Zeitraum von der Entdeckung des Talbott-Terminus bis zur ersten vorsichtigen Expedition hatte viele Monate gedauert. Ganze Forscherteams hatten den Terminus ausgemessen, um festzustellen, ob ein sicherer Transfer möglich war. Erst dann wurde ein Expeditionsschiff ins Ungewisse geschickt. Der Rückflug des Expeditionsteams hat viele Wochen gedauert, bis die Admiralität erfuhr, wohin das Wurmloch führte. Sicher würde die Admiralität nicht billigen, dass er drei der teuersten Raumschiffe der Flotte wegen eines Kreuzers aufs Spiel setzte.
Neben dem Kapitän der HMS Troubadour hatte auch der Astrogator seines Flagschiffs gegen den Wurmlochtransfer in ein unbekanntes Wurmloch Einspruch eingelegt und im Logbuch vermerkt. Es war völlig unklar, ob sie den Terminus in die Gegenrichtung je finden würden oder ob Manticore nach dem Sprung überhaupt noch in Reichweite der Warshawski-Segel lag. Aber noch war er Admiral der fünften Flotte. Noch hatte er das Sagen. Und darum waren sie hier, um den Schweren Kreuzer HMS Hexapuma zu suchen.
Admiral Oversteegen versuchte, sich oben auf der Flagbrücke seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, während er weiterhin die Geschehnisse auf der Brücke genau beobachtete.
„Materialisierungbereich geräumt."
„Kontakt, es ist die HMS Santa Fee."
„Senden sie Kommando Hexapuma-Alpha. Wir halten uns weiterhin an den Flugplan."
Auf der Brücke unten war angespannte Hektik zu beobachten. Da Schiff befand sich in Gefechtsbereitschaft in unbekanntem Raum und die Ortung war offensichtlich stark gestört.
„Ortung, Impeller-Signatur 180-Punkt-236. Schiff beschleunigt kontinuierlich mit fast 700Gravos. Wir fangen keinen Transponder auf. Schiff wird als Boogie-Rot-1 im Plot bezeichnet."
„Waffen, bereit machen zum Abfangen."
„Wie lange, bis die Sevilla durch ist?"
„30 Sekunden, Sir."
„Wir haben einen Transponder. Freundlich. Es handelt sich um eine Pinasse."
Erleichtert dachte Oversteegen, dass die Mission doch Aussicht auf Erfolg hat. Der Kapitän warf einen kurzen Blick zur Flagbrücke und versuchte den Ausdruck in Oversteegens Augen zu lesen.
„Kommunikation, nehmen Sie Kontakt auf."
„Sir, wir empfangen einen Funkspruch. Offensichtlich automatisch. Er ist mit zwei Autorisierungscodes unterzeichnet. Midshipmen D'Arezzo und Zilwicki – beide auf der Besatzungsliste der HMS Hexapuma. "
„Auf den Lautsprecher!"
„...Kommunikation sind tot. Mayday, mayday. Wir rufen unbekanntes Schiff am Wurmlochterminus. Die HMS Hexapuma befindet sich unter Feuer von neun Feindschiffen der Kreuzerklasse und hunderten von Raumjägern. Der Feind hat keine Impeller-Technologie, ist jedoch in der Lage, unsere Raketen im Anflug abzuschalten. Außerdem können Sie aus Strahlwaffenentfernung die Zielcomputer der gesamten Strahlungsarmierung abschalten. Alle Feindschiffe sind aus maximaler Entfernung simultan anzugreifen. Der Feind hat das Abkommen von Deneb nicht unterzeichnet. Erbitten sofortigen Entlastungsangriff. Die Hexapuma befindet sich auf unserem Vektor – inbound. Impeller und Kommunikation sind tot. Mayday, may..."
Der Kommunikationsoffizier schaltete die Übertragung aus. „Danach wiederholt sich danach immer wieder, Sir."
Der Kapitän wandte sich um und blick zur Flagbrücke hoch. „Admiral?"
„Ich bin geneigt ihnen zu glauben. Greifen Sie an." Dann mischte sich Admiral Oversteegen nicht mehr in die Geschäfte der Schiffsführung ein. Hoffentlich kommen wir rechtzeitig, dachte er.
„Sir, die HMS Sevilla ist da.", meldete der taktische Offizier.
„Signalisieren sie Formation Hexapuma-Gamma an alle. Legen Sie einen Kurs bei Maximalbeschleunigung auf Negativvektor der Hexapuma an. Die Sevilla soll alle LACs starten, um Jäger des Feindes zu attackieren. Sagen sie ihnen, dass sie vermutlich ohne Zielcomputer auskommen müssen. Sie sollen nach Plot fliegen. Waffen, wenn wir eine klare Ortung haben, will ich einen Beschussplan, bei dem alle Raketen in einem engen Zeitfenster ankommen. Ausführen!", befahl der Captain Cargley.
Hexapuma-Alpha war der ursprüngliche Plan: Räumen der Materialisierungsbereichs des Wurmlochs, Defensivformation und dann die Suche nach Spuren. Hexapuma-Gamma war der Flugplan für einen sofortigen Angriff: Die beiden Wallschiffe würden in mittlerer Distanz und voller Gefechtsbereitschaft in Parallelflug gehen. Der LAC-Träger würde zurückfallen und sein komplettes Kontingent an LACs in den Kampf werfen.
„Können wir die Pinasse einfangen?"
„Nein, Sir. Das braucht mindestens eine fünfzehn Minuten für die Vektorumkehr."
„Dann lassen wir sie weiterfliegen."
LACs
„Ein so beschissenes Briefing hatten wir noch nie!", beschwerte sich Commander Shivers, COLAC der Sevilla .
„Das ändert aber nichts an unseren Befehlen Commander. Was tun wir?", fragte sein XO.
Wegen der Gefechtsbereitschaft standen alle LACs mit einer Standardbewaffnung auf den Abschusskatapulten des LAC-Trägers. Die schweren Schiff-Schiff-Raketen an Bord der Ferret-LACs waren für den Auftrag absolut kontraproduktiv. Aus den Stör-Raketen konnnte man vielleicht etwas machen. Wenigstens hatten sie neben den Mark 31 Antiraketen noch zur Hälfte die neuen Chameleon-Antiraketen der Graysons an Bord. Erstere dürften für den Kampf gegen Kleinstraumschiff ohne Impeller kaum zu gebrauchen sein, dachte Shivers. Die neuen Chameleon-Antiraketen waren kleiner, hatten eine wesentlich kürzere Reichweite, aber waren für den alternativen Einsatz als normale Antirakete oder als Anti-LAC-Rakete konzipiert. Das dürfte tatsächlich interessant werden. Shivers grinste in sich hinein, denn es war einer Mischung aus glücklichem Zufall und Frechheit zu verdanken, mit der es sein Flottillen-XO geschafft hatte, einen kompletten Container der neuen Raketen zu besorgen, die eigentlich für den Einsatz der neuen Grayson Katana-LACs gedacht war. Vermutlich hatte der Logistikoffizier von BuWeaps, der für die Beladung des LAC-Trägers verantwortlich war, bis heute nicht verstanden, wie die beiden Container ausgetauscht worden waren und wer dafür verantwortlich war.
Die Shrike-LACs stellten die anderen 50 seiner Flottille. Sie waren mit einem schweren GRASER ausgerüstet, wie er sonst nur an Bord der Wallschiffe zu finden war. Eine Strahlenwaffe ließ sich im Kampf gegen die fremden LACs (waren die so genannten Jäger Schiffe der Größe von LACs?) sicher wesentlich besser einsetzen, als die Mark 31 Antiraketen, welche die Shrikes sonst noch an Bord hatten.
Auf jeden Fall ließen die Befehle keine Neubestückung der LACs zu. Dafür reichte die Zeit nicht.
Shivers hasste es, die LACs falsch oder nicht optimal bestückt in den Kampf zu schicken.
„Hört zu. Wir starten alle Staffeln im Formationsflug. Wir entscheiden unterwegs, wenn wir eine klare Ortung bekommen. Gib das Signal."
Wenige Sekunden später warfen die Magnetkatapulte der HMS Sevilla die erste Staffel LACs mit der Alarmstartsequenz in den Weltraum. Zehn Shrikes wurden von den Katapulten mit stark erhöhter Beschleunigung in den Weltraum geworfen. Noch bevor die zweite Staffel, bestehend aus Ferrets, von den Katapulten in den Weltraum geworfen wurde, reichte die Entfernung für die erste Staffel aus, um die Impeller anzuglühen. Der Alarmstart ging schnell und problemlos. Die dritte Staffel – diesmal wieder zehn Shrikes - wurde in den Weltraum geworfen während Staffel eins die Impeller auf volle Leistung schaltete.
Die neuen Superdreadnoughts legten für ihre Größe schon eine ansehnliche Beschleunigung hin. Trotzdem verschwanden zehn volle Staffeln LACs rasend schnell aus der Reichweite der beiden Superdreadnoughts.
Es dauerte eine Weile, bis die LACs aus dem Störfeld kamen.
„Sir, wir haben eine Ortung auf 0-Punkt-10-30. Keine Signaturen. Multiple Ziele, allerdings noch immer nicht ganz klar. Die Störungen nehmen aber langsam ab."
„Das könnten unsere Jäger sein.", sagt Shivers. „Dann mal los! Wie lange für Vektorumkehr und Angleichung?"
„Mindestens 12 Minuten."
Shivers schaute auf den Block und versuchte, aus der Anordnung der anderen schlau zu werden. Die anderen kamen ihnen mit konstanter Geschwindigkeit entgegen. Das ergab einfach keinen Sinn, denkt er. Wenn die Jäger wussten, dass sie kamen, würden sie Beschleunigen. Es sei denn, sie flogen eine Defensivformation. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
„Achtung, der Schwarm da vorne umkreist vermutlich die Hexapuma und vermutlich sind da auch ein paar Boarding-Shuttles unterwegs. Formation Peta."
Sofort teilten sich die LACs in zwei große Gruppen auf und drifteten immer weiter auseinander. Die Piloten wussten, was Shivers von ihnen wollte – Zielfeuer aus zwei Richtungen. Da der Feind ihnen entgegen kam, machte er es den LACs sehr einfach.
„Wir haben weitere Ortungen, das müssen die Großkampfschiffe sein. Wir haben neun Stück inbound.
„Sir, die Jäger verlassen die Formation. Offensichtlich haben sie uns geortet."
„Shivers an alle Staffeln: Zeigt mal, was die neuen Viper-Antiraketen drauf haben! Feuer auf maximale Reichweite. Außerdem will ich, einen kräftigen EMP von den Ferrets haben. Wir können es uns nicht leisten, dass die unseren Zielcomputern den Saft abdrehen. Die Ferrets feuern die Stör-Raketen sobald wir unter fünf Lichtsekunden sind. Und bitte genau zwischen uns und die feindlichen Jäger. Damit stören wir den Funk hoffentlich so stark, dass unsere Zielcomputer noch arbeiten, wenn wir auf Reichweite sind. Die Shrikes gehen sofort auf Schubumkehr. Die Ferrets feuern und drehen dann ab."
Hoffentlich ist der Plan nicht zu komplex, dachte Shivers, während die Staffelführer ihre Befehle über Funk bestätigen. Normalerweise versuchte er, einen Plan nicht erst im Feld zu entwickeln. Die Gefahr von Missverständnissen oder dass er einfach etwas vergaß war einfach zu hoch. In wenigen Sekunden würden sie es wissen. Nur die Raketen-tragenden Ferrets beschleunigten noch, die Shrikes fielen immer weiter zurück.
Während die Ferrets sowieso nur einen kleinen Teil ihrer Raketenladung, nämlich die geklauten Viper-Antiraketen und die Stör-Raketen einsetzen konnten, würden die Shrikes mit ihren Strahlwaffen mehrfach angreifen. Wenn Sie weiterhin mit voller Beschleunigung dem Feind entgegen flogen, dann konnten sie nur einmal feuern. Dann brauchten sie ewig um den Flugvektor umzukehren – genauso lang, wie sie hierher beschleunigt hatten. Außerdem kam ihnen die Wolke aus feindlichen Jägern schon mit einer beachtlichen Geschwindigkeit entgegen. Die Jäger konnten längst die SDs gefährden, bevor die Shrikes wieder auf Kampfentfernung heran wären. Bei den Ferrets spielten diese Überlegungen keine Rolle, da sie sowieso nur einen Angriffsflug hatten. Sie würden weiter maximal beschleunigen, ihre Raketen losschicken und sich dem Feindfeuer nur für minimale Zeit aussetzen.
„Die Ferrets haben aufgeschaltet und feuern."
Fünfzig Ferrets warfen ihre gesamte Ladung an den neuen Antiraketen aus maximaler Entfernung in den Kampf, während die Shrikes weiterhin mit Maximalwerten verzögern.
Mit rund 250000m/2 rasen die Antiraketen davon.
Wenige Sekunden später folgen die großen Stör-Raketen mit einer Beschleunigung von rund 120000m/s2
„Sir, die Jäger beschleunigen, offensichtlich haben Sie uns bemerkt."
„Wer hätte das gedacht. Wenn so viele Raketen in meine Richtung fliegen würden, hätte ich das sicher auch irgendwann bemerkt", antwortete Shivers ironisch.
„Ja, aber in die falsche Richtung. Die fliegen genau in unsere Raketen."
„Ich glaube nicht, dass ..." Dann verschwanden rund feindliche 150 Jäger vom Plot.
„...sie unsere Raketen orten können.", vollendete Shivers seinen Satz.
Dann aktivierten sich die ersten 50 Stör-Raketen zwischen den beiden Parteien. Mit ihren Kleinstkraftwerken und den leistungsfähigen Sendeantennen waren sie der Albtraum jedes Sensortechnikers. Als sie begannen praktisch auf dem gesamten Frequenzband Zufallsmuster zu senden, war der Funk auch für die LAC Flotte sofort wieder gestört.
Kurze Zeit später waren die Ferrets heran und rasten unbehelligt durch die feindlichen Jäger. „Sie Stör-Raketen haben gewirkt. Mal sehen, wie lange sie verwirrt sind."
„Wir haben noch 3 Minuten bis Reichweite."
Dann war der Funk wieder verfügbar. „Sir, die Führer der Ferret-Staffeln melden, dass sie noch Schiffskiller an Bord haben und erbitten Feuererlaubnis auf die Basisschiffe."
„Abgelehnt!", antwortete Schivers. „Wir zeigen denen nicht, was wir haben, bevor die SDs zum Zug kommen und die volle Ladung abfeuern können. Sie sollen voll verzögern. Vielleicht kommen sie noch mal zum Zug, wenn die SDs gefeuert haben."
„20 Sekunden bis Reichweite."
„Shivers an Shrikes: Ich will Treffer sehen!", rief Shivers in sein Mikrophon.
„Reichweite! Wir feuern!" Der taktische Offizier übernahm die Manöverdüsen des Schiffs, damit er das Schiff mit seinem fest installierten GRASER anhand der Zieldaten ausrichten konnte. Dann eröffnete er das Feuer. Genauso wie 49 andere Taktikoffiziere in ihren Shrikes.
Was einem Großkampfschiff weh tut, dass tut auch einem Jäger weh, dachte Lieutenant Reinolds.
Die Shrikes konnten in dem Zeitfenster von 5 Sekunden im Schnitt 2,3 Schüsse abfeuern, bis sie so nah waren, dass das Neuausrichten keinen Sinn mehr machte. Dabei wurden im Schnitt 1,9 Treffer erzielt. 95 zylonische Jäger verdampften im Feuer der schweren GRASER, die eigentlich dazu gedacht waren, Großkampfschiffe anzugreifen. Die Zeitdauer, in der die zylonischen Raider feuern konnten war wegen der viel kürzeren Reichweite ihrer Waffen nur drei Sekunden lang. Dabei beschädigen sie zwei Shrikes leicht.
Dann waren sie durch. Mit unglaublicher Geschwindigkeit schossen die beiden Gruppen aneinander vorbei.
Sofort drehten die Besatzungen der Shrikes ihre LACs um und verzögern weiter. Durch das schnelle Manöver erreichten sie noch ein weiteres Zeitfenster von noch mal fast 4 Sekunden in denen die LACs feuern konnten. Dabei gingen noch einmal 75 zylonische Jäger zu Bruch.
Dann waren die Shrikes endgültig aus Schussentfernung.
Die Begegnung mit den LACs der HMS Sevilla hat die Zylonen schon im ersten Anflug 320 Raider gekostet.
„Wie lange brauchen wir noch bis zur vollständigen Vektorumkehr.", fragte Shivers.
„Noch 6 Minuten bis Vektorumkehr und noch mal 4 Minuten, bis wir wieder in Schussentfernung sind. Korrigiere – das wird wohl nichts. Die Jäger suchen das Weite. Sie teilen sich in zwei Gruppen auf und fliegen ihre Trägerschiffe an.", antwortete Reinolds.
„Wir sind gerade an der Hexapuma vorbei geflogen. Sie hat keine Impeller mehr.", kam von der elektronischen Aufklärung.
„Vollständige Vektorumkehr abschließen, dann bilden wir einen Defensivschirm um die Hexapuma.", befahl Shivers seinen Shrike-Piloten.
„Sir, die Troubadour und die Santa Fee sind aus dem Störfeld. Sie feuern. Salventakt."
„Shivers an Ferretleader: Feuer frei für alle Ziele. Wiederhole Feuer frei für alle Ziele."
Tatsächlich schafften es die Ferrets ein zylonisches Basisschiff zu zerstören, bevor die restlichen acht Basisschiffe nahezu zeitgleich vom Plot verschwanden.
Epilog
"Mit oder ohne Eis?", fragte Admiral Oversteegen.
Er und Terekhov standen im privaten Besprechungsraum des Admirals an Bord der HMS Troubadour. Der Raum war schlicht in einem warmen Braunton gehalten. An der Wand hing ein Bild der Königin.
Terekhov nahm das Glas echten Sol-Whiskey entgegen und setzte sich auf einen der Sessel.
„Ohne Eis. Wie immer, Michael"
„Wie geht es Deinen Leuten?"
„Den übrig Gebliebenen geht es gut. Verletzte haben wir nicht viel. Beim Kampf ohne Atmosphäre bleiben nie viele Verletzte zurück.", Terekhovs Antwort klang etwas schroffer als beabsichtigt. Oversteegen ging darüber hinweg, denn er konnte sich vorstellen, wie sein Freund sich fühlte.
Einen Augenblick sahen sie sich schweigend an. Es ist drei Jahre her, dass sie sich das letzte Mal begegnet waren.
„Der Krieg lässt nicht viel Zeit, Freundschaften zu pflegen. Danke, dass Du gekommen bist.", sagte Terekhov.
„Nichts hätte mich aufgehalten." Oversteegen lächelte. „Und dank eurem Astrogator haben wir ja auch den Weg zurück gefunden."
Nachdenklich blickte Terekhov in sein Glas. „Wie wird die Admiralität reagieren?"
„Wer weiß das schon? Ich werde direkt nach dem Durchgang durch das Wurmloch einen Kurier schicken. Das Wurmloch ist sehr instabil. Unser Astrogator bestätigt die Berechnungen von Lieutenant Commander Wright. In ein paar Wochen fliegt da keiner mehr durch."
„Ich meinte eigentlich Dich. Die Flotte hat den Einsatz von zwei Wallschiffen und einem LAC-Träger für eine private Rettungsaktion sicher nicht autorisiert.", stellte Terekhov fest.
Admiral Michael Oversteegen lächelte. Dann entgegnete er: „Ich finde, man sollte auch in Kriegszeiten Freundschaften pflegen."
Und zum ersten Mal seit zwei Jahren wusste er, dass er diese Nacht keine Albträume haben würde.
Story © by CmdGabriel
Charaktere und Begriffe aus Battlestar Galactica und Honor Harrington © beim jeweiligen Rechteinhaber.
Meinen ausdrücklichen Dank an Eagleeye vom Honor-Harrington.de Forum für das Korrekturlesen und die vielen technischen Details aus dem „Honorverse".
