Nachschub!! ;) Wünsche euch viel Spaß beim Lesen!


Die Woche verging und ehe Hermine sich versah, war es Dienstag. Severus hatte sie tags zuvor angesprochen und ihr mit wenigen Worten erklärt, dass er alle nötigen Zutaten besorgt hatte und er sie am Dienstagabend um sieben Uhr im Labor erwartete.

Ohne Anzuklopfen – schließlich war es auch ihr Labor – öffnete sie die Tür und ließ sie ganz in Snape-Manier hinter sich ins Schloss fallen. Severus war bereits da und zu ihrer großen Überraschung zuckte er zusammen, als das Geräusch der zufallenden Tür laut durch das Labor hallte.

„Verdammt noch mal, Miss Granger!" zischte Severus und drehte sich zu ihr um. „Was sollte das?"

„Was?" Sie tat, als ob sie nicht wüsste, was er meinte.

„Das Türe-knallen!"

„Jetzt sehen Sie mal, wie oft ich mich als Schülerin damals erschreckt habe", gab sie mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme zurück, den Severus nicht recht deuten konnte. Aber im Grunde genommen war ihm das auch egal. Er hatte Kopfschmerzen und wollte einfach nur seine Ruhe haben. Er würde Albus irgendwann wegen dieser Sache verfluchen, schwor er sich.

Hermine trat neben ihn und sah, dass er bereits dabei war, Ingwerwurzeln zu zerkleinern. Sie griff sich eine weitere der Zutaten und begann schweigend, auch diese zu zerkleinern. Das Rezept hatte sie sich am Morgen angeschaut. Wirklich schwierig war es nicht, das einzig knifflige daran war, den genauen Zeitpunkt der Mondfinsternis abzupassen, um die letzte Zutat hinzuzugeben. Es musste exakt in dem Moment geschehen, wenn der Mond komplett vom Erdschatten verdeckt wurde.

Während sie die Zutaten zerkleinerte, wagte sie einen kurzen Seitenblick auf Severus und sie sah, dass seine Hände leicht zitterten. Sie überlegte, ob sie ihn fragen sollte, ob alles in Ordnung sei, entschloss sich dann jedoch, dass es besser war zu schweigen. Sie hatte bereits zu spüren bekommen, dass er schlechte Laune hatte. Deshalb konzentrierte sie sich mit aller Macht auf ihre Aufgabe.

Daher entging ihr auch, dass Severus' Selbstkontrolle an diesem Abend nicht wie sonst war. Neben dem Zittern seiner Hände war seine Atmung unregelmäßig und Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Seine Bewegungen waren etwas fahrig und immer wieder schweifte sein Blick auf die Person neben ihm.

Noch immer beschäftigte ihn ihr Türe-Knallen von vorhin. Nein, es beschäftigte ihn nicht nur – es macht ihn wütend. Nicht, dass es etwas neues sei, diese Art von Wut zu spüren – er hatte sie in den vergangenen Wochen oft genug erlebt, um sie erkennen zu können. Doch etwas beunruhigte ihn. Das Ausmaß seiner Wut war um ein Mehrfaches vorhanden als seit Beginn des Schuljahres. So viel Wut, dass er wirklich Mühe hatte, sich zu beherrschen. Und dass, obwohl er einen seiner Tränke zu sich genommen hatte. Dazu natürlich noch ein Wach-Trank, damit er nicht während der gemeinsamen Arbeit einschlief oder sie womöglich noch durch einen Fehler, verursacht durch Übermüdung, in die Luft jagte.

Mit einem aggressiven Knurren stach Severus mit seinem Messer in die Ingwerwurzel, die sich standhaft weigerte, sich bearbeiten zu lassen und verließ hastig das Labor. Irritiert blickte ihm Hermine hinterher.

In seinen Wohnräumen angekommen, legte er einen Schallzauber auf die Räume und beinahe im selben Augenblick griff er nach dem nächstbesten Gegenstand, einer Karaffe aus Glas, und schleuderte sie mit aller Kraft gegen die Wand des Kerkers, wo sie mit einem lauten Bersten zerbrach.

Der Karaffe folgten ein Buch und eine Skulptur aus Marmor, die das ganze mehr oder weniger heil überstand. Ein ganzer Stapel von Arbeiten und Tests flog von seinem Schreibtisch auf den Boden; ebenso wie mehrere Schreibfedern und ein Tintenfass. Eine Spur der Verwüstung zog sich durch Severus' Wohnzimmer, als dieser endlich kraftlos in der Mitte des Raumes zusammensackte. Er ließ sich auf seine Knie nieder und stützte sich mit seinen Armen vor sich ab, heftig atmend und mehr als angespannt.

Was war nur los mit ihm?

Der Trank hatte bisher immer anstandslos gewirkt, wieso jetzt nicht? Er musste sich irgendwie ablenken. Ablenken von diesem dämlichen Trank für diese Schülerin, ablenken von seiner Kollegin, die ihn ohne es zu wissen in den Wahnsinn trieb. Wieso machte ihn ihre Anwesenheit so wütend?

Severus rappelte sich schwerfällig auf und ging langsam wieder ins Labor zurück.

Hermine bemerkte seine Rückkehr, reagierte jedoch nicht darauf, sondern konzentrierte sich vollkommen darauf, die Blüten eines Nachtschattengewächses zu zermalmen. Sie blickte auf, als Severus neben ihr begann, einen zweiten Kessel aufzusetzen.

Er fühlte ihren Blick auf ihm und sah sie an. „Was ist?" blaffte er.

„Nichts", erwiderte sie, wandte ihren Blick jedoch nicht ab.

Er stöhnte auf. „Sie waren schon immer eine schlechte Lügnerin. Nicht, dass es Sie etwas angeht, aber da ich fürchte, dass Sie mich mit ihrem Blick durchbohren werden... das hier wird ein Schlaftrank. Mein Vorrat geht zur Neige."

Sie nickte und widmete sich wieder ihrer Arbeit. ‚Wozu braucht er denn einen Schlaftrank? Irgendwas stimmt nicht mit ihm...'

Während sie weiter arbeitete, beobachtete sie ihn aus dem Augenwinkel. Plötzlich fiel ihr etwas auf: Hatte er gerade das Wiesenkraut vor den geriebenen Ginsterwurzeln in den Trank gegeben? Als er sich kurz abwandte, um eine weitere Zutat zu holen, wagte sie einen Blick in seinen Trank und ihre Augen weiteten sich.

Geistesgegenwärtig legte sie einen Schutzzauber über ihren eigenen Kessel und warf sich dann auf Severus, der sich gerade wieder umgedreht hatte. Mit einem unterdrückten Schrei gingen sie zu Boden und Severus landete unsanft auf dem Boden, auf ihm seine Kollegin.

Er stöhnte auf und starrte sie wütend an. „Was zum..."

Weiter kam er nicht, denn sein Kessel explodierte mit einem ohrenbetäubenden Geräusch.

Sie hatten Glück, der Inhalt des Kessels regnete wenige Zentimeter von ihnen entfernt fast bis zum Ende des Raumes herunter.

Fassungslos blickte Severus nach oben. „Was..." Ehrliche Verwirrung stand in sein Gesicht geschrieben.

„Sie haben die letzen beiden Zutaten vertauscht. Ich habe gerade noch gesehen, wie sich der Trank rot verfärbte", erklärte Hermine stammelnd, ohne jedoch Anstalten zu machen, sich von ihm herunter zu bewegen.

Ihr Gesicht war nur wenige Zentimeter von Severus' entfernt und sie musterte mit einer Mischung aus Überraschung und Furcht, wie seine Gesichtszüge entglitten und er fast schon entsetzt flüsterte: „Vertauscht?"

Sein Blick begegnete ihrem, hielt ihn für einige Augenblicke fest und Hermine hielt die Luft an. Das war eindeutig zu viel für sie. Der enge Kontakt mit seinem Körper, den sie – wie es ihr schien – erst jetzt wirklich bemerkte. Dazu dann noch dieser Blick, der so viel Bestürzung offenbarte und gleichzeitig so undefinierbar war.

Erst jetzt schien auch Severus bewusst zu werden, dass sie auf ihm lag. Sein Herzschlag beschleunigte sich und er kratzte die letzten Reste seiner Selbstbeherrschung zusammen.

„Gehen Sie von mir runter", sagte er langsam.

„Tschuldigung", murmelte sie hastig und stand eilig auf, hielt ihm dann eine Hand hin. Er ignorierte diese Geste und kam mühsam auf die Beine.

„Vertauscht", murmelte er noch immer fassungslos vor sich hin und spätestens jetzt war Hermine klar, dass irgendetwas mir ihm ganz und gar nicht in Ordnung war. Dennoch wagte sie es nicht, ihn darauf anzusprechen. Sie beschloss, ihn weiterhin aufmerksam zu beobachten, während sie an dem Trank weiter brauten.

Die Reste des Schlaftrankes beseitigte Severus währenddessen mit einem Schwenker seines Zauberstabes. Noch immer konnte er nicht glauben, was sich gerade ereignet hatte. Vertauscht! So etwas passierte ihm nicht. Nicht ihm.

Nach diesem Vorfall war Severus wieder hellwach. Das Adrenalin schärfte seine Sinne. Noch einmal würde ihm so eine Peinlichkeit nicht passieren. Die Wut, die noch immer erbarmungslos an seiner Selbstbeherrschung nagte, drohte immer wieder, die Kontrolle über ihn zu erlangen, doch er konnte dies weiterhin verhindern.

Schweigend arbeiteten die beiden weiter. Draußen wurde es dunkel und der Trank neigte sich seiner Fertigstellung zu. Die Mondfinsternis hatte begonnen und mit ihr kam ein merkwürdiges Gefühl in Severus auf. Er hatte sich auf einen Stuhl am Nebentisch niedergelassen, während Hermine den Trank weiter rührte.

Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Die Wut war zwar noch präsent, aber nun erschien es ihm, als ob sich eine Art Schleier auf dieses Gefühl gelegt hatte. Normalerweise war dies der Effekt, den der Trank auf ihn ausübte, aber dieses Mal hatte Severus ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Hermine bemerkte von all dem nichts. Sie hatte Severus' Verhalten auf einen schlechten Tag geschoben – beim Mittagessen hatte sie von Minerva gehört, dass es einen Zwischenfall in Verteidigung gegen die Dunklen Künste gegeben hatte: Ein Slytherin hatte einen Gryffindor provoziert, woraufhin dieser ihm einen Fluch auf den Hals gejagt hatte. Die Stunde hatte damit geendet, dass Severus die Klasse entlassen und den Jungen aus seinem Haus auf die Krankenstation hatte bringen müssen.

Hermine seufzte lautlos. Nicht, dass es bei ihr perfekt lief. Auch in ihren Unterrichtsstunden musste sie permanent darauf achten, dass sich die Gryffindors und die Slytherins aus dem sechsten Jahrgang nicht an die Gurgel gingen, oder besser gesagt, die Tränke der anderen manipulierten. In den anderen Jahrgängen war es nicht so extrem, auch wenn Hermine noch aus ihrer Schulzeit wusste, dass es so etwas wie eine ‚Erbfeindschaft' zwischen den beiden Häusern gab. Was jedoch im sechsten Jahrgang abging, grenzte fast schon an Wahnsinn. Bei Gelegenheit wollte Hermine darüber mit Minerva sprechen.

Ihr Blick wanderte auf die Kristallkugel, die Severus ihr hingestellt hatte, als die Mondfinsternis begonnen hatte. Dank eines Zauberspruchs zeigte die Kugel den Mond in Echtzeit. Somit war es ihr möglich, die letzte Zutat – einen Tropfen Drachenblut – hinzuzugeben, sobald der Mond vollständig vom Erdschatten verdeckt wurde.

Während sie weiter umrührte, reflektierte sie über ihre bisherige Zeit als Lehrerin in Hogwarts. Noch wenige Tage bis zu den Herbstferien. Die Wochen waren so schnell vorbei gegangen, dass sie kaum zum Nachdenken gekommen war. Sie hatte sich mit ihren Kollegen angefreundet – die Ausnahme saß ein paar Meter von ihr entfernt – und die Schüler hatten sie weitestgehend akzeptiert. Angesichts der Tatsache, dass Severus nicht mehr Zaubertränke unterrichtete, erschien den Schülern Hermines Unterricht wie eine Befreiung und viele legten sich ins Zeug, um zu zeigen, dass sie in ihrem Unterricht mitkamen.

Obwohl Hermine diese Art von Bestätigung sehr gut tat, so fühlte sie sich dennoch nicht wirklich wohl. Dies lag vor allem an der ablehnenden Haltung ihres ehemaligen Zaubertränke-Lehrers. Er gab ihr permanent das Gefühl, ein Eindringling zu sein. Unerwünscht. Dieses Gefühl nährte Zweifel in ihr, ob es nicht doch eine falsche, übereilte Entscheidung gewesen war, die Stelle anzunehmen.

Erneut seufzte Hermine und schob diese Gedanken beiseite. Sie musste sich nun auf den Trank konzentrieren, schließlich war er sehr wichtig für Allison Grey. Ein kurzer Blick auf die Kristallkugel sagte ihr, dass der Augenblick der vollständigen Mondfinsternis fast da war.

Schließlich schob sich die Erde exakt zwischen Sonne und Mond. Hermine ließ das Blut in den Trank tropfen. Genau einen Tropfen. Der Trank brodelte kurz auf und färbte sich anschließend in ein dunkles Grün.

„Geschafft!" meinte Hermine erleichtert, doch sie erhielt keine Antwort. Stattdessen vernahm sie das Geräusch von Stoff, der aneinander gerieben wurde. Sie drehte sich um und ihre Augen weiteten sich erschrocken.

„Professor!"

Als Hermine mit ihrem Trank beschäftigt gewesen war, hatte Severus festgestellt, dass es ihm rapide schlechter ging. Er fühlte sich benommen, das mulmige Gefühl in seinem Bauch verwandelte sich in eine bittere Übelkeit.

Er bekam nur noch am Rande mit, wie Hermine verkündete, dass der Trank fertig war. Wie eine eisige Welle wurde Severus von etwas überrollt, was er im ersten Moment nicht einordnen konnte. Dann ebbte die Welle ab und hinterließ ein Chaos aus Emotionen, die ihn zu ersticken drohten. Sein Kreislauf gab nach und er rutschte seitwärts vom Stuhl. Noch bevor er den Boden berührte, wurde es um ihn herum schwarz.

„Professor!" Mit einem Satz kniete Hermine neben ihm und rüttelte an seiner Schulter. „Professor, hören Sie mich?"

Severus gab keine Antwort. Ein leichtes Gefühl von Panik ergriff Hermine. Was sollte sie tun? Wenn sie jetzt zu Poppy lief, musste sie ihn hier alleine lassen. Doch was, wenn etwas in dieser Zeit passierte? Nein, sie konnte hier vorerst nicht weg.

„Professor?" Sie fühlte nach seinem Puls und stellte erleichtert fest, dass er noch vorhanden und sogar recht stark war. Was zum Henker war mit ihm passiert?

„Professor?" Noch immer keine Reaktion. „Severus?"

tbc