Kapitel 6: Ein Methamorphmagus entdeckt die Welt
Hektisch rannte Andromeda durchs Haus. Als sie die Küche betrat, prallte sie gegen Ted.
Durch die Wucht landeten Beide auf dem Boden, doch Andromeda hatte sich schon wieder erhoben. „Du hast Dora nicht zufällig gesehen?", fragte sie gehetzt.
„Nein, wieso?", fragte nun auch Ted besorgt.
„Ich kann sie im Haus nirgendwo finden und im Garten ist sie auch nicht."
Plötzlich war auch Ted auf den Beinen. „Sie wird doch nicht vom Grundstück gegangen sein?"
Dann warfen sie sich einen Blick zu, der mehr als tausend Worte sagte. Hektisch rannten sie auf die Türe zu und raus auf die Straße. Sie blickten in alle Ecken, Gassen, Straßen, Baumgruppen, doch Nymphadora schien spurlos verschwunden, als sie dann ein Kinderlachen vernahmen, dass sehr nach ihrer Tochter klang.
„Der Spielplatz", kam es unisono von den beiden Erwachsenen.
Als sie die weite, grüne Fläche betraten, die in der Mitte Schaukeln, Rutschen und Sandkisten hatte, konnten sie die kleine Nymphadora erkennen, die ganz alleine im Sand saß und sich amüsierte.
Andromeda konnte erkennen, dass sich in dieser Kiste etwas bewegte. Mit einer schrecklichen Vorahnung rannte sie hin, doch seufzte erleichtert aus, als sie bemerkte, dass die Kleine wieder unbewusst gezaubert hatte. Es war auch Glück im Unglück, denn es war heute kein Muggel draußen. Wahrscheinlich war ihnen das Wetter zu wechselhaft und sie wollten nicht riskieren nass zu werden.
„Mach das nie wieder, hast du mich verstanden, Nymphadora?", fragte Andromeda und schloss die Kleine fest in ihre Arme.
„Du hast uns große Sorgen gemacht", sagte Ted. „Haben wir dir nicht auch gesagt, dass du nicht alleine auf die Straße darfst? Das du vor allem nicht hinaus darfst, wenn du uns nicht bescheid gibst? Wir hatten Angst, dass dir was passiert ist."
„Tut mir leid!", antwortete Nymphadora und blickte auf ihre Hände, die über und über mit Sand überzogen waren.
„Wir dachten sogar, dass dich jemand entführt hätte", meinte Andromeda. „Weißt du, dass du mich damit sehr traurig machst?"
Nymphadora sah schuldbewusst zu ihren Eltern. In ihren Augen standen Tränen und ihre Lippen bebten. „Ich … wollte … nicht", stotterte sie.
„Ist ja schon gut", tröstete Andromeda und strich ihr sanft über den Rücken.
„Versprich uns, dass du nie wieder wegläufst, ja?", meinte Ted und strich ihr über den Kopf. „Wenn du hinaus willst, sag' deiner Mama oder mir bescheid."
Die Kleine nickte zustimmend.
„Hab euch lieb", sagte sie dann und drückte ihre Eltern ebenfalls.
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„Gib dir nicht daran die Schuld", versuchte Ted Andromeda zu trösten. Sie selbst gab sich die Schuldgefühle, dass Nymphadora aus dem Haus konnte, weil sie nicht genügend auf sie aufgepasst hatte, was sie als Mutter eigentlich hätte tun sollen.
„Ich hätte ein Auge auf sie werfen müssen", sagte sie.
„Aber es ist ihr doch nichts passiert."
„Es hätte dir aber etwas passieren können!"
„Aber es ist nicht!"
Andromeda ließ sich in den roten Ohrensessel fallen und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. „Ich hätte mir nie verzeihen können, wenn ihr wirklich etwas zugestoßen wäre. Ich habe einen Teil meiner Pflichten als Mutter vernachlässigt. Ich bin eine schlechte Mutter!"
„Nein, bist du nicht", widersprach Ted. „Denn wenn du eine schlechte Mutter wärst, wäre es dir egal, was mit deiner Tochter passieren würde. Außerdem bin ich daran genauso schuldig wie du! Ich hätte doch auch ein Auge auf sie werfen können, oder etwa nicht?" Er schwieg. „Glaubst du wirklich, ich habe mir keine Sorgen gemacht? Mir nicht die schlimmsten Szenarien ausgemalt was mit ihr passiert sein könnte? Mir geht es genauso wie dir! Wenn ihr was passiert wäre, hätte ich mir das auch nie verzeihen können, denn ich als ihr Vater hätte auf sie aufpassen müssen, weil es meine Pflicht ist, auf sie aufzupassen."
Andromeda lächelte ihn warm an. „Weißt du, dass du manchmal genau weißt, was du sagen musst, damit es einem besser geht?"
„Ich gebe mein Bestes", antwortete ehrlich, setzte sich zu ihr und zog sie zu sich heran. „Ich kann doch auch nicht mit ansehen, wie du dich von diesen Gefühlen der Schuld erdrücken lässt. Wenn du schon diese Last tragen willst, dann gib mir einen Teil davon ab, denn einen Teil habe auch ich verschuldet."
„Irgendwann wirst du großartige Gespräche mit deiner Tochter führen können, wenn sie den Rat braucht", meinte Andromeda zwinkernd.
Ted hob eine Augenbraue. „In gewissen Dingen ja, aber in den restlichen Dinge, die eine Frau betreffen und von denen du mehr weißt als ich, weil ich darüber nicht wirklich Bescheid wissen will, wirst du mit ihr reden."
Andromeda lachte. „Du kannst zwar klug reden und einem helfen sich besser zu fühlen, aber ich kenne, glaube ich, auch niemanden, der zu solchen komplizierten, langen Sätzen fähig ist wie du."
„Ich bin halt einmalig", antwortete er.
„Ja, das bist du", flüsterte sie und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Deshalb habe ich dich auch geheiratet. Was hätte ich mit jemandem gemacht, der keinen Humor hätte und mich nicht unterhalten könnte?"
„Vor Langeweile sterben?", schlug Ted vor.
„Ja, das hätte durchaus passieren können", meinte sie. „Ich sehe noch einmal zu Dora, ob sie jetzt endlich eingeschlafen ist."
„Du hast Angst, dass sie wieder weggelaufen ist?", fragte Ted.
„Nein … ähm … also … ja, ein bisschen. Ich weiß, dass es merkwürdig und paranoid von mir ist, aber ich will sie einfach in Sicherheit wissen", verteidigte sie sich.
Ted hob abwehrend die Hände. „Du brauchst dich nicht zu verteidigen." Er lächelte. „Ich komme mit dir mit. Ich will meinen Engel auch schlafen sehen. So nebenbei interessiert es mich, welche Haarfarben sie heute wieder hat."
„Das interessiert dich also an deiner Tochter", sagte sie gespielt ernst und schlug ihm auf die Schulter. „Nur die Haarfarbe!" Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht fassen, dass dich nur die Haarfarbe interessiert."
Sie steckten nur kurz ihre Köpfe zur Türe hinein und konnten sehen, dass die Bettdecke sich regelmäßig hob und senkte.
„Bist du nun zufrieden?", fragte Ted Andromeda und schlang seine Arme um ihre Taille.
Sie nickte leicht. Er gab ihr einen Kuss und gemeinsam schlossen sie leise die Türe.
