Eisige Stimmung
Auch heute wachte ich wieder um fünf Uhr auf. Wurde das jetzt zur Regel? Na super, ich hatte hier einen niedrigeren Energieverbrauch. So ein Schwertkampf am Morgen würde da wohl helfen, denn er rüttelte mich meist richtig wach.
Stöhnend stand ich auf. Es war eisig kalt, sogar noch kälter als die vorherigen Tage. Ich suchte mir warme Sachen aus dem Schrank. Natürlich hätte ich auch elfische Sachen anziehen können. Auf ihnen lag eine Art Zauber, doch ich würde mich in diesen Kleidern selbst verraten. Denn hier auf der Erde trug man anderes.
Hier waren Sachen „in" die viel Haut zeigten, selbst wenn es kälter wurde. Als ich die Kleidung zum ersten Mal gesehen hatte, war ich richtig geschockt. Aber wie man sieht, gewöhnt man sich an alles, immerhin hatte ich mich auch mehr schlecht als recht an diese Welt gewöhnt, oder?
Ich ging wie jeden Morgen in die Küche und sah Schnee vor dem Fenster. Normalerweise mochte ich Schnee, aber normalerweise musste ich dann auch nicht fahren. Als ich aus der Tür trat, rutschte ich sofort aus. Na super, jetzt hatten wir auch noch Eis auf den Straßen. Charlie war natürlich schon weg, daher war die Einfahrt leer. Die Fahrt zur Schule wurde nicht so schwer, wie ich es erwartet hatte. Ein Zuckerschlecken wurde es allerdings auch nicht.
Unbeschadet schaffte ich es zur Schule. Ich wollte gerade zum Schulhaus gehen, als ich etwas in der Sonne glitzern sah. Ich weiß nicht warum ich mich umdrehte. Ich meine… Eis glitzert doch in der Sonne, also was sollte es andres sein? Aber es war tatsächlich etwas anderes. Ketten schlangen sich um meine Reifen. Was war das? Ich sah einen Zettel im Wagen, den ich vorher nicht bemerkt hatte. Ich öffnete die Tür und holte ihn heraus.
'Bella, das an deinen Reifen sind Schneeketten. Sie machen das fahren bei Schnee und Eis wesentlich einfacher. Ich wollte nur sicher gehen, dass du keinen Unfall baust und den Elfen auf diese Weise verloren gehst
Liebe Grüße, Charlie'
Ich lächelte leicht. Charlie und ich waren wirklich gute Freunde geworden und er kümmerte sich um mich wie ein richtiger Vater. Ich war gerührt von seiner Führsorge. Doch dieser kurze glückliche Moment wurde grob unterbrochen, als ein schrecklich hoher Ton mein empfindliches Gehör zum Brummen brachte. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Trommelfell zerplatzen.
Ich wirbelte herum, direkt in die Richtung wo das Geräusch herkam. Keiner sah diese schnelle Bewegung. Ein großer Van schlingerte auf mich zu. Ich überlegte blitzschnell was ich tun sollte. Magie einzusetzen war zu gefährlich, also würde ich wohl oder übel ausweichen müssen.
Blieb nur noch die Richtung. Ich drehte mich, um einen Ausgang ausfindig zu machen, doch soweit kam ich nicht. Ich konnte gerade noch eine andere Bewegung wahrnehmen. Etwas Zweites raste auf mich zu, nein JEMAND raste auf mich zu. Es blitzte bronzen in der Sonne und kurz blickte ich in Karamell. Mehr konnte selbst ich nicht mehr wahrnehmen, als ich zur Seite gestoßen wurde und hart auf den kalten Asphalt knallte.
Es tat nur kurz weh, hatte ich doch schon weitaus schlimmere Schmerzen erlitten. Doch bevor ich mehr wahrnehmen konnte, als das noch jemand neben mir saß, wurde ich erneut herum gewirbelt. Ich knurrte verärgert. Was fiel diesem jemand ein, so über mich zu bestimmen, ich konnte mich selbst schützen. Ich sah wie die Person mit einer Hand den blauen Wagen anhob. Irgendetwas war komisch, aber mir wollte einfach nicht einfallen was.
Der Wagen hatte angehalten und ich saß neben einem Jungen auf dem Boden, der mich fest an sich drückte. „Bella? Oh mein Gott, Bella, ist alles in Ordnung?", fragte eine Stimme und diese Stimme fügte nun alles zu einem Erscheinungsbild zusammen. Bronzy! Ich hatte ihn noch nicht ansehen können, aber ich wusste, dass er es war.
Cullen klang besorgt. Um mich. Warte! Um mich? Was war in ihn gefahren? „Bitte Bella, sag doch etwas! Bitte", flehte er mich an.
„Ist ja okay, Bronzy. Ich lebe und habe auch sonst nichts abbekommen. Wie wär's wenn du mich jetzt los lässt?", fragte ich kalt und nickte auf seine Arme, die mich wohl zum Schutz umschlungen hielten.
Er starrte mich an. „Ist daran irgendwas nicht zu verstehen?", zischte ich verärgert. Himmel! Der Kerl schaute mich immer noch an, als hätte er mich noch nie gesehen und wäre völlig verblüfft, dass er mich umklammerte.
„Wie hast du mich genannt?", entfuhr es ihm. Nun war ich mal wieder an der Reihe mit Starren. Was? Hatte ich…? Ich hatte doch nicht…? Bronzy? Verdammt!
„Cullen! Heißt du nicht so?", versuchte ich mich aus der Situation zu retten. Noch immer stimmte hier etwas nicht. Aber was? Er schüttelte den Kopf, als versuchte er sich zu erinnern. Ich nutzte die Gelegenheit um mich aus seinen Armen zu winden und mich zu erheben.
„Warte! Bleib sitzen, du bist mit dem Kopf aufgeschlagen!" Ich starrte ihn an. Mir tat nichts weh. Und dann traf es mich wirklich, wie ein Schlag auf den Kopf! Er war viel zu schnell und zu stark für einen Menschen! Mir war es nur nicht sofort aufgefallen, weil ich daran gewöhnt war.
Aber bevor ich ihn darauf ansprechen konnte, drangen die Massen zu uns durch. Erst jetzt wurde ich mir dem Trubel um uns herum bewusst. Ich hörte Sirenen in der Luft. Ich hob den Kopf um mich nach dem Geräusch umzublicken und dabei streifte mein Blick seine Familie. Sie sahen wütend aus. Auch das passte nicht ins Bild. Ich stöhnte genervt und Edward lächelte leicht. „Ich sagte doch, dass du sitzen bleiben solltest", behauptete er besserwisserisch.
„Mir tut nichts weh, du Blödmann. Das habe ich doch eben schon erwähnt oder? Im selben Atemzug, wie ich dich auch gebeten habe mich los zu lassen. Wahrscheinlich hast du das genauso überhört!", fauchte ich.
Jetzt sah ich auch wo das Sirenengeräusch herkam. Ein Krankenwagen fuhr auf den Platz, gefolgt vom Polizeiwagen. Die Sanitäter rannten zu uns rüber. Ich wollte ansetzen und sagen, dass mir nichts fehle, doch Bronzy war schneller. „Bella hat sich den Kopf angeschlagen." Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu und seufzte genervt als sie eine Liege holten. Ich wollte gerade widersprechen, da klingelte mein Handy. Ja, die Grundlagen konnte ich inzwischen! Ich hatte alles was nur möglich war von Charlie gelernt.
Von ihm kam auch die folgende SMS: 'Du darfst NICHT auffallen! Lass dich ins Krankenhaus fahren, den Rest regele ich!'
Ich stöhnte als ich es gelesen hatte und lies mich auf die Liege drücken. Edward lachte triumphierend. Ich schoss einen weiteren Todesblick in seine Richtung ab, den er jedoch ignorierte.
Auf dem Weg zum Krankenhaus wurde ich ausgefragt, auf Gedächtnislücken oder Ähnliches. Bei den Elfen wäre man einfach mal in den Swimmingpool des Geistes getaucht und hätte gesucht, aber nein! Hier musste es ja alles verbal ablaufen!
„Wie heißen sie?"
„Er- Isabella Marie Swan!" Verdammter neuer Name!
„Wo wohnen sie?"
Na wo wohl? In Ellesmera! „Bei d… meinem Onkel Charlie!" Ups?!
„Wie alt sind sie?"
Na wenigstens eine Frage konnte ich mit der Wahrheit beantworten!
„17!"
„Was ist ihre Lieblingsfarbe?"
Bitte? „Ich hab keine Ahnung!"
„Das ist eindeutig eine Amnesie!"
Ich traute meinen Ohren nicht. Nur weil ich keine Lieblingsfarbe hatte, war ich gleich vergesslich?
„Also hören sie mir mal zu: Ich hatte nie eine Lieblingsfarbe, weil das für mich unwichtig war und auch immer noch ist! Ich habe keine Gedächtnislücken oder Ähnliches, was Symptome für eine Amnesie wären! Blau, falls sie sich jetzt besser fühlen."
Der ältere Herr nickte nur entschuldigend. Dann rief er einen Assistenten zu sich. „Robert würden sie ihr bitte noch ein paar Fragen stellen?" Der junge Mann nickte und wandte sich mir zu. Ich lehnte mich zurück und wartete auf die nächste Flut schwachsinniger Fragen.
„Haben sie einen Freund?" Ich hob meine Augenbrauen kaum merklich.
„Nein."
„Suchen sie einen? Ich bin noch frei!", bot mir Robert dann doch ernsthaft an. Ich dachte mich träfe der Schlag. Das hatte er nicht wirklich getan oder? Er versuchte nicht gerade mich anzugraben, richtig?
„Danke, aber ich suche KEINEN Freund. Nicht in dem Sinne, den sie meinen", sagte ich ausdrücklich und kalt. Wer war ich denn bitte, dass ich auf so etwas eingehen musste?
„Ach, etwa in einem anderen Sinne? Ich bin auch für One-Night-Stands zu haben!"
„Kein Interesse! Seien Sie einfach still und beachten sie mich nicht mehr, okay? Ich tue nämlich dasselbe." Mit diesen Worten schloss ich die Augen und hoffte, dass wir bald im Krankenhaus ankommen würden. Hier gab es wirklich nur Verrückte.
Leider dauerte es jedoch immer noch eine viertel Stunde, bis wir wirklich da waren. Und das, obwohl Forks so eine kleine Stadt war! Erst als der Wagen bremste schlug ich die Augen wieder auf. Ich wurde auf der Trage durch die Gänge geschoben, während Bronzy einfach neben uns her schritt und schließlich irgendwo abbog, wo wir vorbeikamen.
Blöder Unfall, blöder Bronzy, blödes Krankenhaus, blöde blöde Welt! Ich wurde in irgendeinen Raum gebracht und untersucht. Wie mir schon von vorneherein klar gewesen war, hatte ich keine Verletzungen, musste jedoch trotzdem auf einen Arzt warten.
Und während ich in diesem Raum lag und wartete wurde Tyler Crowley herein geschoben. Was war mit ihm passiert? Stimmt! Das war sein Wagen, der mich fast „umgebracht" hätte. Nicht, dass das passiert wäre.
„Bella, geht es dir gut?" Doch bevor ich irgendwie reagieren konnte sprach er schon weiter. „Ich bin übers Eis gerutscht, ich hab die Kontrolle verloren! Es tut mir so leid! Es tut mir so dermaßen leid!"
„Tyler, du siehst doch, dass es mir gut geht. Ich hab keine Verletzungen!"
„Wie hast du das geschafft? Du warst da und dann warst du weg!" Ähm… wie das passiert war, ohne mein Zutun, das musste ich leider selbst erstmal herausfinden.
"Edward Cullen hat mich zur Seite ge… gezogen!", verbesserte ich mich noch schnell. Auf Tylers verwirrten Blick fügte ich hinzu: „Er stand neben mir!"
Warum zum Teufel log ich? Ich hatte doch genau gesehen, was wirklich geschehen war. Vielleicht hatte ich Sorgen selbst aufzufallen? Ja, das war es wohl. Für mich war das Thema damit erledigt, für Tyler aber offensichtlich nicht. Er entschuldigte sich immer und immer wieder. Also glitt ich in meinen Ruhemodus über, der so aussah als würde ich schlafen (was der Wahrheit ja relativ nahe kam), bei dem ich jedoch alles um mich herum wahrnahm.
„Schläft sie?", fragte dann eine leise und melodische Stimme, die bestimmt nicht zu Tyler gehörte. Ich öffnete meine Augen sofort. „Sehe ich so aus? Ich hab nicht dieses tolle Buch 'Wie man mit offenen Augen schläft', dass Donald Duck besitzt! Deswegen hatte ich bis eben die Augen geschlossen, offensichtlich HABE ich geschlafen!"
Ja, ich gebe es zu. Ich habe Micky Maus geschaut und auch sonst alles, was im Fernseher lief. Genauso wie ich schon im Internet gesurft war. Das meiste hatte ich in der Theorie gelernt, aber die Praxis war nun mal etwas anderes.
Bevor Bronzy antworten konnte, kam ein Arzt rein, der genauso gut wie Edward aussah. Das Mysterium erklärte sich auch sofort, als er sich selbst als „Dr. Cullen" vorstellte. Er hatte gold-blonde Locken und war ebenso gebaut wie Edward und Blondie. Es war wohl ihr Vater. Blondie 2! Ich kicherte, aber dann dachte ich mir, dass der Herr wohl als Doktor einen eigenen Namen verdiente. Goldie! Okay, es ist nicht sehr einfallsreich, aber egal. Er gehörte immer noch zu den Cullens und BRAUCHTE einen Spitznamen.
„Wie geht es ihnen?", fragte er.
„Gut, aber das werden sie mir wohl eh nicht glauben, oder?"
Goldie lachte. „Stimmt, ich werde es trotzdem nachprüfen!" Er leuchtete mir mit einer Lampe in die Augen und sagte dann: „Wahrscheinlich eine leichte Gehirnerschütterung, nichts Ernstes. Bei Schmerzen dürften ein paar Tylenol reichen. Haben sie die?"
„Ich denke schon. Ist es ernst genug um für ein paar Tage nicht in die Schule zu müssen?"
Diesmal grinste Dr. Cullen. „Nein, ich denke außer heute werden sie in der Lage sein, die Schule zu besuchen. Wenn sie wollen können sie gehen." Erfreut sprang ich auf, doch bevor ich den Boden berührte flog ein Bild durch meinen Kopf.
Saphira drehte sich blitzschnell um und schlug mit dem Schwanz nach etwas in menschlicher Größe, was aber nur ein blasser Strich in der Landschaft war und wurde dann schmerzhaft in die Seite getroffen.
Als ich wieder im Krankenzimmer ankam blickte ich in Goldies Augen. Sie waren besorgt. „Wollen sie noch einen Moment bleiben?" Ich schüttelte nur den Kopf. Es war eine schwere Entscheidung, doch ich musste noch mit Edward reden, bevor ich etwas unternahm.
„Kann ich kurz mit dir sprechen?" Er blickte plötzlich wieder kalt, nickte aber. Wir gingen zu einem leeren Gang. „Wie hast du das gemacht?"
„Was gemacht?"
„Na mich von dem Van weggestoßen. Nur weil ich Tyler etwas anderes erzählt habe, heißt das nicht, dass ich es nicht gemerkt habe."
„Ich habe gar nichts gemacht."
Ich schüttelte den Kopf. „Du warst auf der anderen Seite des Parkplatzes. Bei deinem Wagen. Und dann warst du plötzlich bei mir und hast auch noch dieses Auto hochgehoben und…" Ich brach ab, als mir klar wurde, wie dumm sich das für ihn anhören musste.
„Das wird dir keiner glauben, das weißt du oder?"
Ich starrte ihn verwirrt an. „Ich hatte nicht vor es jemandem zu erzählen."
Er gab den verwirrten Blick zurück. „Warum ist es dann so wichtig?"
„Ich werde meine Freunde belügen müssen und das möchte ich nicht ohne Grund." Ich sah ihn abwartend an.
„Du wirst nicht locker lassen oder?" Ich schüttelte den Kopf. „Na, dann kannst du hoffentlich mit Enttäuschungen umgehen." Das war zu viel, die Wut nahm überhand und ich rannte gegen die Mauer, die jeder menschliche Geist für mich hatte. Ich rannte so wütend dagegen, dass ich sie tatsächlich durchbrach.
Tote Tiere, rote glühende Augen, rasend schnelle Gedanken, kranke Menschen.
Solche und mehr Gedanken und Erinnerungen schossen durch meinen Kopf. Und ein Wort: Vampir. Aber was war ein Vampir? Ich hatte noch nie davon gehört! Ich grinste leicht, denn hier würde mir das Internet wohl genug Stoff geben! Da piepste mein Handy wieder.
'Saphira wurde angegriffen. Ich warte vor Charlies Haus auf dich! Beeil dich. Arya'
Das Grinsen wurde von meinem Gesicht gewischt. Saphira? Angegriffen? Dann war das vorhin keine Vision, sondern ein Gedanke von ihr? Ich wurde bleich. In dieser Welt bekam ich nicht mal mit, wenn sie angegriffen wurde?
„Was ist?", drang Bronzys Stimme zu mir durch.
„Das wüsstest du wohl gern, oder?", zischte ich, jedoch mit einem entsetzten Unterton. Er nickte knapp. „Na, dann kannst du hoffentlich mit Enttäuschungen umgehen!", gab ich ihm seine Worte von eben zurück. Dann drehte ich um und rannte los, in der Hoffnung ganz schnell Charlie zu finden.
