In der Nacht zum siebten Morgen traf Harry die Erkenntnis wie ein Schlag: Da war etwas in ihm, dass mehr für Nymphadora Tonks empfand, egal wie abstrus oder falsch das war. Warum denn auch nicht? Wie viele Mädchen schwärmten von viel älteren Männern? Und bei ihm waren es ja gerade einmal zehn Jahre oder so... genaugenommen wusste er allerdings gar nicht, wie alt Nymphadora tatsächlich war. Er zwang sich, sie in Gedanken Nymphadora zu nennen, denn er fand es einfach unpassend, sie beim Nachnamen zu rufen und sei es auch nur in Gedanken. Trotzdem, er konnte ihr doch nicht sagen: „Du, Tonks, ich find' dich irgendwie mehr als nett, lass uns ein Eis essen gehen."
Sie erwartete doch sicher ganz andere Dinge von einer Romanze als er. Und eine Romanze war es ja auch gar nicht, das war einfach zu verrückt. Nur konnte er die Gefühle gar nicht abstellen, die allein ihr Name in ihm hervorrief. Gestern Abend hatte sein Herz nur deswegen schneller geschlagen, weil Ron ihren Namen beiläufig erwähnt hatte. Das musste aufhören!
Als die ersten Sonnenstrahlen zum Fenster herein schauten, stand Harry auf und zog sich hastig an, bevor er, wie an jedem Morgen, die Treppen hinunter schlich und nach draußen, auf die Veranda ging. Vielleicht sollte er ihr noch einen Tee machen? Gestern hatte sie sich darüber sehr gefreut. Obwohl das dann natürlich zur Gewohnheit wurde und dann gar keine schöne Geste mehr war. Warum dachte er nur so dummen Kram, wenn es um sie ging? Bei Cho war das nicht so... obwohl, wenn er ehrlich war, doch dann war es genauso gewesen. Nur weniger intensiv. Vielleicht, weil Cho ihn sowieso nie wirklich gemocht hatte? Oder weil er Cho nie wirklich gemocht hatte? Cho... wer war das überhaupt? War die nicht vollkommen unwichtig? Jetzt gerade, in diesem Moment, war alles unwichtig.
Er würde auf ein Zeichen warten. Irgendeines. Vielleicht musste er Nymphadora Reaktionen nur genauer beobachten, vielleicht konnte er in ihrem Verhalten etwas ablesen. Bei Merlins Unterhose, ich benehme mich wie ein Irrer, dachte er bei sich.
Ein Glück, dass sie seine Gedanken nicht lesen konnte. Das wäre ziemlich unangenehm geworden.
Doch statt dem Geräusch, dass er jeden Morgen hörte, wenn Tonks apparierte, hörte er, wie hinter ihm die Verandatüre geöffnet wurde.
„Guten Morgen, Harry", sagte Ginny hinter ihm.
„Oh", rief er verwundert. „Gehst du schon wieder zu deinem heimlichen Geliebten?", neckte er sie. Er war zu gut gelaunt, um sich von ihr verunsichern zu lassen. Hauptsache sie verschwand, bevor Tonks kam.
„Wie kommst du denn auf solchen Unsinn?", fragte Ginny, scheinbar ehrlich verwundert.
„Weiß nicht...", nuschelte er und wurde ein wenig rot. „War nur so dahin gesagt."
Dann hörte er Schritte auf dem Kies und plötzlich stand Tonks vor ihnen. „Huch. Guten Morgen." rief sie erstaunt. „Hier ist ja wirklich viel los um die Morgenstunden."
„Ich bin gleich sowieso weg", entgegnete Ginny und sah ein bisschen betreten drein.
„Ist denn alles in Ordnung?", hakte Tonks nach.
„Nein, nicht so wirklich. Aber ich weiß wirklich nicht, ob ich darüber sprechen darf", murmelte Ginny ein wenig hilflos.
„Ich schaue vielleicht auch heute Abend einmal vorbei", sagte Tonks daraufhin und tätschelte Ginny die Schulter.
Harry blieb stumm zwischen den beiden Frauen sitzen und kam sich ziemlich verloren vor. Offenbar wusste Tonks genau, was Ginny tat und es schien ihr in jedem Fall gerade wichtiger zu sein, als mit ihm zu sprechen. Hatte er eben nach einem Zeichen gesucht? Das hier war eins. Nur war es kein Gutes.
Der vorhin noch so schöne Morgen verlor definitiv gerade an Schönheit, soviel war schon einmal klar.
„Ich finde es trotzdem wirklich nett von dir, Ginny, dass du dich darum kümmerst", meinte Tonks gerade und sah Ginny fest in die Augen.
Ginny jedoch sah zu Boden. „Ich kann ihn doch nicht alleine lassen. Mir ist echt egal was die anderen sagen... Ach, aber ich habe wirklich schon zu viel gesagt, tut mir wirklich leid, Tonks."
Tonks schüttelte den Kopf. „Nein, ist schon in Ordnung. Richte meine Grüße aus. Und wenn du Hilfe brauchst, dann sag Bescheid."
Sie nickte schließlich und nahm ihre Tasche, die sie hinter Harry gelegt hatte.
„Danke Tonks, ich wünsche dir noch einen schönen Tag. Und dir natürlich auch, Harry."
Harry war erstaunt, wie flink Ginny sich davon machte. Tonks sah ihr seufzend hinterher.
„Sie sollte sich wirklich weniger Gedanken um andere machen. Das bekommt ihr nicht."
„Könnte mich mal bitte jemand aufklären?", grummelte Harry. „Entweder du hörst auf, darüber zu sprechen, oder du sagst mir alles. Dieses ewige Rätsel bin ich wirklich leid. Und jetzt sag mir nicht, dass sie nicht möchte, dass es jemand erfährt. Dafür benimmt sie sich selbst viel zu auffällig."
Erst bei den letzten Worten war ihm aufgefallen, wie laut er geworden war. Auf Tonks Gesicht breitete sich ein erstaunter Ausdruck aus, doch tatsächlich wurden ihre Züge eine Sekunde später weicher.
„Verzeih mir, Harry." Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.
„Nein, mir tut es leid. Ich wollte nicht grob werden", nuschelte er und betrachtete angestrengt seine Füße, statt ihr Gesicht.
„Weißt du, Ginny weiß nur einfach nicht wohin mit sich. Sie steht zwischen zwei Stühlen, verstehst du?"
Harry hatte sich zwar seine Gedanken zu Ginnys komischem Benehmen gemacht, doch er hatte irgendwie angenommen, dass die jüngste Schwester seines besten Freundes eben einfach einen Freund hatte und sich dafür schämte, denn es war allgemein bekannt, dass sie heimlich ein wenig in Harry verliebt gewesen war. Der hatte ihr aber nie mehr als freundschaftliche Gefühle entgegen gebracht.
„Sie besucht Percy", fuhr Tonks fort.
„Was?" An Percy hatte er, zugegebenermaßen überhaupt nicht gedacht. Er kannte nur die Geschichte, die ihm Ron und Hermine erzählt hatten, in der Pecy seinen Vater zusammengestaucht hatte und dann aus dem Fuchsbau verschwunden war. Immerhin war er jetzt Vizesekretär des Zaubereiministers.
„Warum besucht sie ihn?"
„Percy hat eine Tochter."
„Was hat er?" Harry biss sich auf die Zunge. Er hatte nicht so schreien wollen. Percy war so ziemlich der Letzte der Weasleys, dem er zugetraut hatte, in dem Alter Vater zu werden. Wie viel älter war Percy? Vier Jahre gerade einmal.
„Traut man ihm nicht zu, oder?", sagte Tonks fröhlich.
„Allerdings nicht. Und woher weiß Ginny das?"
„Ich glaube sie hängt sehr an ihrem Bruder. Vielleicht weil er sie nicht immer geärgert hat, so wie die anderen, sondern sich auch manchmal ihrer Sorgen angenommen hat."
„Aber warum tut sie das denn heimlich?"
„Sie wird ihn bestimmt nicht verraten. So lange wird sie das wohl auch für sich behalten."
„Das ist verrückt", krächzte Harry.
„Stimmt. Aber ich glaube das geht uns beide sowieso nichts an, nicht wahr?"
Er nickte. Damit hatte sie wohl mehr als Recht. Auch wenn Ginny ihm ein wenig leidtat, er konnte verstehen, wie es war, wenn man zwischen allem stand und eigentlich für niemanden Partei ergreifen wollte. Es war ihm schließlich regelmäßig mit Ron und Hermine so gegangen. Es endete immer mit Streit und bösen Worten auf beiden Seiten. Ein deprimierender Zustand.
„Es ist schon spät, Harry. Ich werde mich mal besser auf den Weg machen", sagte Tonks plötzlich. „Ich wünsche dir noch einen schönen Morgen." Sie lächelte kurz und setzte sich augenblicklich in Bewegung.
„Wiedersehen", murmelte Harry und sah ihr nach, bis sie schließlich vor dem Gartentor disapparierte.
Die Sonne schien, doch ihm kam es vor, als hätte sie all ihre Wärme verloren. Sie hatte kaum mit ihm gesprochen. Und auch sonst hatte er keinen Fingerzeig dafür finden können, dass sie ihn irgendwie gern hatte. Einen so schlechten Morgen wie heute, hatte er schon lange nicht mehr gehabt. Als Harry schließlich missmutig nach drinnen stapfte, schlug er die Verandatüre zu.
