Disclaimer: Vielen Dank an JKR für ihre Charaktere. Ich werde ein wenig mit ihnen rumspielen, hoffentlich stört es sie nicht.
Cassie
„Es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben."
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Kapitel 6 – Das Auftreten von einem jungen dunklen LordIch habe meine Hosen falsch angezogen. Ich seufze und ziehe sie wieder aus. Ich stehe unter Druck, das ist es. Dudley ist noch immer in seinem Zimmer und er steht unter Imperius. Die Leichen von meinen Verwandten wurden im Keller verbrannt und meine Sachen wurden eingepackt. Ich warte nur darauf, dass Narzissa der Vormundschaft zustimmt, damit ich das Haus wie ein wahrer Pyromane niederbrennen und auf diese Weise noch eine Sache meiner Liste von Verbrechen hinzufügen kann. Es spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich will nur raus. Ich möchte ein neues, gutes Leben aufbauen und das erfordert Opfer. Hoffentlich wird dieses Mal niemand dafür sterben müssen. Aber die Nervosität und der Druck werden mich umbringen.
Zaubererkleidung ist echt bequem, denke ich, als ich mein Hemd zuknöpfe. Die Hosen sind weich und sie ähneln Muggeljeans überhaupt nicht. Das Hemd fühlt sich wie Seide auf meinem Körper an – ich habe ja viel dafür bezahlt. Aber Tom hatte Recht. Ich möge mich um Klamotten nicht scheren, aber die Menschen beurteilen nach dem Äußeren und ich möchte einen guten Eindruck machen.
Tom kann leider nichts anderes anziehen als das, was er trägt, denn er ist eine Erinnerung, trotz der Tatsache, dass er denken kann. Ich schaue in seine Richtung, er zieht seine Krawatte nach unten, und ich lächele flüchtig. Er wird sich für mich einsetzen. Ich kann es kaum abwarten, ihre Gesichter zu sehen, wenn er auftaucht. Es fühlt sich unglaublich gut an, Tom an meiner Seite zu haben. Schließlich sind die Malfoys eine dunkle Familie und Lucius Malfoy wurde einmal verdächtigt, ein Todesser zu sein, also wird er Tom zuhören und ihm gehorchen.
„Musst du wirklich so laufen?", fragt trocken seine Stimme hinter mir.
„Wie denn?", frage ich überrascht.
„Als gehöre dir dein Körper nicht", erwidert Tom und rümpft die Nase. „Du läufst, als wären deine Arme und deine Beine Teile von zwei unterschiedlichen Körpern."
Ich schnaube und ich ziehe meine Socken an.
„Mein Gang ist das letzte, worum ich mir Sorgen mache", erwidere ich. „Ich habe schöne Sachen angezogen und habe frisch geduscht – und momentan kannst du nicht mehr von mir verlangen."
Tom murmelt etwas in seinen Bart, räuspert sich aber und deutet auf meinen Stab.
„Nimm doch nur deinen zweiten Stab", schlägt er vor. „Denn dein Phönixstab ist dir eh nicht von Nutzen und außerdem ist er ein hellmagischer Stab."
„Wird Narzissa nicht mehr Interesse an meiner Geschichte haben, als an meinen Stäben oder meiner Kleidung?", frage ich gereizt, als Tom etwas unsichtbaren Staub von meiner Schulter entfernt.
„Das Äußere ist den reinblütigen Zauberern und Hexen sehr wichtig", meint Tom hochnäsig. „Denn sie urteilen aufgrund des Äußeres. Sehr dumm, ich weiß. Aber man sollte sich an ein paar einfache Regeln halten und sie werden zufrieden sein."
„Warum sind Dumbledores Spione noch nicht rein geplatzt?", frage ich leise. Dieser Gedanke plagt mich. „Ich habe so viel angestellt und sie haben keinen Finger gerührt. Heißt das, es gibt überhaupt keine Wächter?"
„Vielleicht", sagt Tom nachdenklich. „Aber ich gebe zu, es ist sehr verdächtig. Wir werden wirklich vorsichtig sein müssen, wenn wir das Haus niederbrennen. Binde dein Haar zusammen. Das ist so ein Brauch in alten Familien."
Ich seufze und finde was zum Haare binden. Mein Haar ist in der Zwischenzeit länger und schlimmer denn je geworden, weil ich keine Zeit und Lust hatte, mich darum zu kümmern. Ich habe es wenigstens frisch gewaschen. Vielleicht ist das keine schlechte Idee, denke ich, als ich mein Haar zusammenbinde. Mein Haar stört mich so nicht mehr. Warum trägt Hermine keinen Pferdeschwanz? Es ist so erfrischend, das Haar aus dem Gesicht zu haben.
Mit dem Tagebuch in meiner Tasche mache ich mich langsam auf den Weg zum Tropfendem Kessel. Mir gefällt die Idee überhaupt nicht, im Herrenhaus der Malfoys Tee zu trinken, aber da gibt es keine Alternative. Das Beste wäre, wenn Sirius Black mein Vormund sein könnte, aber der Mann ist ein Massenmörder und, laut den Zeitungen, vollkommen verrückt. So was brauche ich nicht. Wie meine Eltern nur so jemanden als meinen Paten auswählen konnten, werde ich nie verstehen.
Als ich an einem Bücherladen in der Nokturngasse vorbeikomme, muss ich mich physisch wegzerren. Ich weiß nicht, wo diese Vorliebe für Bücher herkommt, und ich kann sie nicht verstehen. Das hat erst angefangen, als ich meinen ersten dunklen Zauber ausprobiert habe. Seit dem spüre ich dieses Jucken, mehr Zauber zu lernen und mehr auszuprobieren. Hier geht es nicht nur um die Sucht – sondern auch um einen gewissen intellektuellen Hunger, der mich dazu antreibt, mehr dunkle Zauber zu erlernen. Als ich an Narzissa denke, macht mein Herz einen Hüpfer. Sicherlich haben die Malfoys eine riesige Bibliothek und sicherlich gibt es dort eine Menge Bücher über die dunklen Künste. Aus diesem Grund alleine würde sich das Ganze lohnen.
Breit lächelnd unter meiner Kapuze, nähere ich mich der Kneipe, und sehe, dass Narzissa schon auf mich wartet. Dieses Mal ist sie alleine. Ich weiß nicht wie, aber sie erkennt mich sofort, obwohl ich einen langen Umhang trage und wie jeder andere in der Nokturngasse aussehe – und sicherlich bin ich auch nicht der einzige Junge hier. Dennoch hebt sie sofort die Hand, um mich auf sie aufmerksam zu machen.
„Bist du bereit?" fragt sie leise, als ich zu ihr getreten bin. Ich nicke nur und nehme die dargebotene Hand. Ich bin nie appariert, aber Tom meint, ich könne diese Kunst schnell lernen. Als es vorbei ist. Als wir vor einem Herrenhaus ankommen, bleibe ich nur mit größter Mühe stehen. Wenn es sich immer so anfühlt, möchte ich nie lernen, wie man appariert. Ich atme tief durch, Narzissas Blick auf meinem Rücken spürend. Ich wollte eigentlich einen guten Eindruck machen, aber hier stehe ich, gekrümmt und mit aller Kraft versuchend, mich nicht zu übergeben.
„Dein erstes Mal?", fragt Narzissa mit untypischer Sanftheit. Ich nicke wortlos. „Du wirst dich daran gewöhnen, keine Sorge."
„Glaube ich nicht, aber in Ordnung", murmele ich. Narzissa gluckst – und es klingt so seltsam, sie lachen zu hören.
Ich folge ihr zur Tür hinauf und Narzissa drückt die Türklinke. Sind alle Zaubererhäuser immer offen? Aber natürlich – wozu braucht man einen Schlüssel, wenn man Alohomora und sonstige Zauber hat? Schließlich kann man jedes Schloss mit einem Alohomorazauber öffnen. Die Tür ist sicherlich mit Schutzzaubern belegt... Als ich zum Türrahmen hinauf schaue, sehe ich einen Schimmer... Spiegelt das hoch polierte Holz das Sonnenlicht? Mann bin ich müde. Wenn das Ganze vorbei ist, werde ich tagelang nur schlafen.
Ich richte mich auf, als ich die Eingangshalle betrete. Überall gibt es Porträts von den Mitgliedern der Malfoy Familie, und ein alter Zauberer mit einer Hakennase, der Snape ähnelt, folgt mir mit seinem Blick. Daher kommen also die Geschichten der Muggel, dass die Porträts in alten Häusern einen mit dem Blick folgen. Da führen breite Treppen nach oben und ich frage mich vage, ob Dracos Zimmer irgendwo da oben ist. Ihm möchte ich keinesfalls begegnen, bis das Ganze abgeklärt ist. Falls Narzissa der Vormundschaft zustimmt, wird das Ganze komisch sein. Auf eine, ganz verrückte Weise, werde er so eine Art Bruder für mich sein und der Gedanke an sich ist lächerlich. Malfoy, mein Bruder. Andererseits gibt es viele Veränderungen in meinem Leben und vielleicht wird sich auch unsere 'Beziehung' unter den Umständen verändern. Andererseits vielleicht nicht. Manche Menschen wurden einfach als Arschlöcher geboren.
Narzissa öffnet eine Tür, die in einen Salon führt und schließt sie hinter mir. In einem Sessel sitzt Lucius Malfoy, der langsam aufsteht, als ich reinkomme.
Da kann ich etwas in seinen Augen sehen, was mir ungewöhnlich vorkommt. Der Mann ist neugierig. Seine Miene, die immer eine arrogante, aristokratische Maske ist, verrät Neugier und Aufregung. Ich erinnere mich an Toms Worte und frage mich, was der Mann sagen wird, wenn er ihn zu sehen bekommt. Ein Teil von mir freut sich wahnsinnig, seine Reaktion sehen zu können. Wenn nichts anderes, bereitet es mir eine Riesenfreude, solch einen Mann schockieren zu können.
„Setz dich", sagt Narzissa. Sie klatscht in die Hände und ein Hauself erscheint. Ich habe über diese Wesen schon gelesen, aber noch nie eines gesehen. Ich mustere den Elfen neugierig, aber als er mich erblickt, zuckt er zusammen. Ehe ich etwas sagen kann, verschwindet er. Was soll das denn?
„Danke, Mrs. Malfoy", sage ich und lasse mich erleichtert nieder. Ich nicke Lucius zu, aber der Mann sitzt einfach stumm da und beobachtet mich.
Ich ziehe meine Kapuze nach unten und Narzissa lächelt flüchtig, als ich ihr endlich mein Gesicht zeige. Ihre Vermutungen sind bestätigt.
„Was hat dich dazu getrieben, nach einem Vormund zu suchen?", fragt sie, als der Elf Tee eingießt. Seine Hände zittern heftig und ab und zu nickt er in meine Richtung.
„Mein aktueller Vormund kümmert sich nicht um mich und er benutzt die Vormundschaft als Ausrede, um an mein Geld zu gelangen", sage ich ernst. „Zudem hat er mich in der Obhut meiner Muggelverwandten gelassen, die mich immer gehasst haben und er hat sich nie bemüht, etwas daran zu ändern."
Meine Stimme wird kalt, je länger ich spreche und Narzissa hört aufmerksam zu. Sie runzelt die Stirn und nippt an ihrem Tee.
„Du sprichst über Dumbledore", sagt Lucius Malfoy und kann seine Überraschung nicht verbergen. „Ich hatte keine Ahnung, dass er dein Vormund ist."
„Ich auch nicht", sage ich finster. Wut brodelt wieder in meinem Inneren und ich muss mich zusammenreißen, um meine Teetasse nicht in den Kamin zu werfen. „Er hatte sich selbst zu meinem Vormund ernannt. Das habe ich erfahren, als ich in Gringotts war und meinen Stammbaum sehen wollte. Ich habe eine schriftliche Aussage der Kobolde, als Beweis, dass er mir Geld gestohlen hat. Ich habe vor, diese Aussage dem Ministerium zu schicken."
„Er hat mich angelogen, von mir gestohlen und mich zu diesen Muggeln gegeben, die ganze Zeit wohl wissend, wie sie mich behandeln", fahre ich verbittert fort. „Ich weiß es, weil ich ein paar Mal Zauberer und Hexen im Gebüsch vor dem Haus gesehen habe. Sie sind ganz schlampig wenn es um Spionage geht."
Lucius Malfoy gluckst und anscheinend amüsiert ihn der Gedanke, dass Dumbledores Vertraute komplette Idioten sind. Endlich etwas, worin wir übereinstimmen. Er hasst Dumbledore. Narzissa wiederum wirkt schockiert.
„Was meinst du damit, wie deine Verwandten dich behandeln?", fragt sie atemlos.
„Ich möchte darüber nicht reden", sage ich zornig. „Aber ich war gelinde gesagt ein Hauself in ihrem Haus."
Lucius glaubt mir nicht und das kann ich in seinem Gesicht lesen. Narzissa andererseits keucht auf.
„Was?", flüstert sie, ihre Augen weit aufgerissen. „Dumbledore hatte dich in der Obhut von solchen Menschen gelassen?"
„Muggel sind keine Menschen, Narzissa", bemerkt Lucius trocken. Ich nicke nur. Ein Teil von mir stimmt zu. Der andere Teil fragt sich, woher diese neue Einstellung kommt.
„Und er weiß es. Denn seine Spione müssen mich immer deutlich gesehen haben, wenn ich im Garten gearbeitet habe und wenn Tante Petunia mich mit der Pfanne geschlagen hat, weil etwas nicht gestimmt hat. Zudem denke ich nicht, dass ihnen meine Schreie aus dem Keller entgangen sind."
Und wie kann es sein, dass seine Spione nicht bemerkt haben, dass etwas im Haus nicht stimmt? Eine kalte Welle von Panik durchströmt mich. Ich muss das Haus niederbrennen und fliehen. Das ist der einzige Weg da raus.
„So was!", zischt Narzissa, mich aus den Gedanken reißend. „Einen Zauberer so zu behandeln! Das ist ja... abscheulich!"
„Ach was", sage ich abwinkend „Für sie war ich ein Freak, weil sie Magie hassten. Sie haben immer geglaubt, dass man Magie mit strengen 'Erziehungsmethoden' ausrotten kann."
Narzissa schnappt wieder nach der Luft.
„Aber ich möchte nicht weiter darüber reden", sage ich schnell. „Sie werden mir keine Probleme mehr bereiten."
Lucius hebt den Kopf.
„Das hast du also gemeint, als du Probleme erwähnt hast", sagt Lucius. „Was ist passiert?"
„Nun, sie haben die Polizei gerufen", sage ich langsam. Mein Magen verkrampft sich. Ich möchte darüber nicht reden. Aber ich weiß, dass es notwendig ist. Zudem werden die Malfoys sicherlich denken, dass es eine gute Sache ist, dass ich sie getötet habe. „Muggelauroren, verstehen Sie. Sie haben versucht, mich loszuwerden, indem sie mich als Kriminellen hingestellt haben. In jenem Moment... habe ich rotgesehen. Und ich habe meine Verwandten getötet."
Narzissa verschluckt sich an ihrem Tee, aber Lucius starrt mich mit einer unergründlichen Miene an. Nur in seinen kalten, silbernen Augen spielt sich etwas ab.
„Nun ist mein Plan, das Haus niederzubrennen, damit ich alle Spuren loswerden kann", fahre ich fort. Meine Stimme ist emotionslos und es überrascht mich. Ich überprüfe wieder meine Gefühle und stoße schon wieder gegen eine Wand. Da gibt es nichts drin. Mein Inneres ist eiskalt, einfach leer.
„Ein guter Plan", sagt Lucius leise. „Darf ich fragen, wie du sie getötet hast?"
Ich schlucke, finde aber, dass es mir plötzlich überhaupt nichts ausmacht, darüber zu reden. Ganz im Gegenteil – ich spüre dabei einen gewissen Stolz, denn es ist ein Beweis, dass ich ein dunkler Zauberer bin. Warum ist mir das auf einmal so wichtig? Irgendwann habe ich aufgehört, die dunkle Magie als etwas Böses oder Dreckiges zu betrachten; und jetzt sehe ich die helle Magie als etwas Fremdes und der dunklen Magie unterlegen. Woher kommt das denn?
„Mit einem Fluch", sage ich. „Mit einem dunklen Fluch."
Lucius hebt den Blick und in seinen Augen blitzt es auf.
„Und ja, ehe irgendjemand fragt, ich bin ein dunkler Zauberer und ich bin stolz darauf", sage ich lauter. Meine eigene Stimme und meine Worte kommen mir fremd vor. „Ich habe einen dunklen magischen Kern und jetzt, da ich mich darin versucht habe, erkenne ich, dass sie die einzige richtige Art der Magie für mich ist."
„Und jetzt kommen wir zum richtigen Zeitpunkt, dass Sie jemanden kennen lernen müssen", sage ich langsam aufstehend. Lucius zückt den Stab und springt auf die Füße.
„Potter", knurrt er. „Was soll das denn? Du musst wirklich dämlich sein zu glauben, dass ich noch jemanden in mein Haus lasse."
„Oh keine Sorge, Mr Malfoy", sage ich, breit grinsend. „Er ist nicht nur irgendjemand. Er ist mein Lehrer und er bringt mir die dunkle Magie bei."
„Tatsächlich?", zischt Lucius, wirkt aber trotz allem neugierig. „Nun? Wie heißt er?"
„Tom Marvolo Riddle", sage ich mit Genugtuung. Ich ziehe das Tagebuch aus meiner Tasche und schon in der nächsten Sekunde steht Tom bei mir.
Er lässt den Blick über den Raum schweifen und seine normalerweise arrogante Miene wird noch arroganter und selbstgefälliger. Eins muss man ihm lassen, der Mann ist für einen Thron geboren.
Ich habe noch nie solch einen Ausdruck in Lucius Gesicht gesehen. Die Augen treten ihm aus dem Kopf, er ist kreidebleich und sein Mund öffnet sich wie der von einem Fisch, aber kein Laut kommt heraus.
„Lucius", sagt Tom mit einer kalten Stimme, wobei mir ein Schauder über den Rücken läuft. „Hast du mich vergessen? Warum suchst du nicht nach mir?"
Als Lucius die Stimme seines Meisters hört, wirkt sie wie eine Ohrfeige auf ihn und er wirft sich auf die Knie.
„Mein Lord", keucht er. „Es ist... es ist eine Ehre... eine unglaubliche Ehre..."
„Ja, ja", sagt Tom gelangweilt und winkt ab. Ich schmunzele. „Warum hast du nicht nach mir gesucht? BEANTWORTE MEINE FRAGE!", brüllt er.
„Weil... ich dachte, Sie seien nicht mehr unter uns. Dass Sie... tot sind", murmelt Lucius schnell. „Ich... wie jeder andere. Wir mussten uns verstecken, das Ministerium anlügen..."
„Bellatrix aber nicht", sagt Tom eiskalt. „Sie ist lieber nach Azkaban gegangen, als mich - als ihren Meister - zu verleumden."
„Ich...", keucht Lucius auf, aber ihm fällt keine gute Ausrede ein. Er senkt resigniert den Kopf.
„Beleidige mich nicht mit deinen jämmerlichen Entschuldigungen, Lucius", zischt Tom. Seine Augen blitzen auf und ich versteife mich. Er ist für mich immer nur Tom gewesen. Klar, ich habe gewusst, dass er eines Tages Lord Voldemort wird, aber ich habe ihn nie so gesehen. Aber jetzt, als er so dasteht und auf solche Weise redet, wird mir peinlich klar, wer er wirklich ist. Denn der Keim der Dunkelheit hat in seiner Jungend begonnen zu wachsen und das kann ich deutlich in seinen Augen sehen.
„Ich bin ganz und gar nicht mit dir zufrieden", sagt Tom eiskalt. „Wenn es nach mir ginge, wärst du schon tot." Lucius kniet mit gesenktem Kopf auf dem Boden und zuckt dabei zusammen. „Aber Harry kann dich gut gebrauchen und er hat mich überzeugt, dass du mir doch von Nutzen sein kannst, indem du ihm hilfst. Betrachte es als eine Art letzte Chance, Lucius."
„Danke", flüstert Lucius. Die Erleichterung in seiner Stimme offensichtlich. „Vielen Dank, mein Lord. Ich werde Sie nie mehr enttäuschen."
„Gut", sagt Tom. „Harry."
Er schnippt mit den Fingern und winkt mich zu sich. Etwas von seinem Verhalten überrascht, gehe ich doch gehorsam zu ihm hinüber.
„Du brauchst einen Vormund und Narzissa ist für diese Rolle einfach perfekt", sagt er laut genug, damit die beiden ihn hören können. „Du wirst aber ein paar Vertraute im Ministerium brauchen und Lucius wird dir dabei helfen."
„Ja, mein Lord", sagt Lucius atemlos, der erleichtert ist, dass er doch von Nutzen sein kann. „Ich habe viele Beziehungen im Ministerium..."
„Es würde mich sehr freuen, mich um Harry kümmern zu können, mein Lord", meldet sich Narzissa zu Wort. Ihre Stimme ist leise und sie zittert, aber ihre grauen Augen sind auf mich fixiert. „Nach all dem, was man ihm angetan hat... ich hatte keine Ahnung. Harry ist ein reinblütiger Zauberer. Er sollte entsprechend behandelt werden."
Tom wirft mir einen prüfenden Blick zu, als frage er sich, was genau ich Narzissa erzählt habe, aber er sagt nichts dazu. Denn seine dunkler Lord Persona würde solch eine Frage nie stellen. Ich kann in Lucius´ Augen sehr gut sehen, dass er am liebsten fragen würde, woher Tom eigentlich kommt und wer er ist, aber er wagt es nicht. Stattdessen senkt er den Blick, wann auch immer Tom in seine Richtung schaut und versucht, sich klein zu machen. Sehr schlau.
„Könnten Sie dann einen Brief an das Ministerium verfassen, in dem Sie sich als mein Vormund anbieten?", frage ich Narzissa.
„Aber natürlich, Harry", sagt Narzissa. Anscheinend hat meine Geschichte über das Misshandeln einen Nerv bei ihr getroffen, denn jetzt sieht sie mich ganz anders. Da gibt es etwas in ihren Augen, was mir gar nicht gefällt. Ich kann es einfach nicht ausstehen, wenn Menschen mich bemitleiden, aber in diesem Fall ist es eine gute Sache, wenn es zu meinem gewünschten Ziel führt. Dazu schadet es natürlich auch nicht, dass Tom Riddle mein Lehrer ist.
„Ich schreibe den Brief sofort", sagt sie und steht entschlossen auf. Tom nickt ihr nur zu, als sie sich vor ihm verbeugt und zum Tisch in der Ecke geht.
„Und wenn du einen Vormund hast, können wir uns dem Wesentlichen zuwenden", sagt Tom, der mir einen scharfen Blick zuwirft. Ich rolle mit den Augen.
„Ja, natürlich", sage ich gelangweilt. „Aber ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll."
Lucius schaut von einem zum anderen, die Frage 'worum geht es' ist ihm deutlich auf der Stirn geschrieben.
„Harry wird mir bei einer Sache helfen, die mir sehr wichtig ist", sagt er hochnäsig. „Und, falls du dich bewährst, wirst auch du daran teilnehmen können."
Oh, was für eine Ehre, mehr Arbeit, denke ich mir. Lucius wiederum scheint für diese außerordentliche Ehre dankbar zu sein. Ich kann einfach nicht verstehen, was für eine Macht Voldemort über seine Anhänger hat. Denn sie betrachten ihn als eine Art persönlichen Gott, sie sprechen ihn auf solche Weise an und versuchen sich nicht zu wehren, wenn er die Absicht zeigt, sie zu töten oder zu foltern. Vielleicht gibt es hier etwas, was ich nicht verstehe? Ich werde Tom später danach fragen müssen.
„Fertig", sagt Narzissa, die gerade ihren Brief mit dem Siegelring der Malfoys versiegelt. „Dobby!" Der verängstigte Elf ist wieder da und er zuckt zusammen, als er mich erblickt. Ich reiche Narzissa meinen Brief, den ich schon vor ein paar Tagen geschrieben habe, zusammen mit der Aussage des Kobolds. Sie nimmt ihn lächelnd von mir entgegen. „Bringe die Briefe ins Ministerium so schnell wie möglich."
Der Elf nimmt die Briefe mit einer Verbeugung und verschwindet, aber nicht ehe er mir einen verängstigten Blick zugeworfen hat.
„Mrs Malfoy", sage ich langsam. „Warum hat Ihr Elf Angst vor mir?"
„Die Kreatur ist, befürchte ich, ein wenig komisch", sagt Lucius trocken. „Wenn es so weitergeht, werden wir wohl etwas dagegen unternehmen müssen."
Er wendet sich mir zu, leckt sich über die Lippen und wirft Tom einen nervösen Blick zu.
„Brauchen Sie Hilfe bei der Ausführung Ihres Plans, Mr Potter?", fragt er zögernd.
„Nein, es wird schon gehen", sage ich gelassen. „Den werden wir heute Abend in die Tat umsetzen. Nicht wahr, Tom?"
Tom nickt mir stumm zu und neigt den Kopf zur Seite.
„Zweifelsohne werdet ihr darüber im Propheten lesen", sagt er mit einem flüchtigen Lächeln. „Und wir sollten gehen, Harry. Es gibt viel Arbeit."
Ich stehe auf und stelle meine Teetasse beiseite.
„Wie ihr wisst, ist Harry mein Schützling. Ich bringe ihm die dunklen Künste bei und er ist ein guter und viel versprechender Schüler. Zudem hat er einen echten dunklen magischen Kern, was die Tatsache erklären kann, dass er Talent hat und dass die dunkle Magie ihm viel besser passt, als die Hellmagie. Und aus offensichtlichen Gründen wird er Unterstützung und Hilfe in der Schule brauchen. Ich werde Severus kontaktieren und ihm Anweisungen geben, aber dein Sohn würde auch von Nutzen sein können. Deswegen möchte ich, dass du deinem Sohn das Nötige erklärstdamit er Harry in der Schule assistieren kann. Denn er wird in Hogwarts wichtige Aufgaben haben und er wird Dracos Hilfe brauchen."
„Es wird eine Ehre für ihn sein, mein Lord", murmelt Lucius und senkt den Kopf.
„Ich werde ein Zimmer für Harry vorbereiten", sagt Narzissa, wieder mit diesem seltsamen Funkeln in ihren Augen. „Du wirst zurückkommen sobald du fertig bist?"
Ich werfe Tom einen fragenden Blick zu, und komme mir dabei wie ein Todesser vor, denn so wie es scheint, bitte ich ihn um Erlaubnis. Lächerlich. Andererseits ist er mein Lehrer.
Ich nicke nur.
„Du wirst dann sicherlich hungrig sein", sagt Narzissa lächelnd. „Ich werde Dobby sagen, er soll Abendessen vorbereiten."
„Sehr wohl", sagt Tom. „Lucius, du solltest auch ins Ministerium gehen und dich vergewissern, dass Narzissas und Harrys Briefe mit der nötigen Dringlichkeit behandelt werden."
„Ja, mein Lord, ich gehe sofort", sagt Lucius und erhebt sich.
Ein wenig verwirrt, dass wir Narzissa nicht darum gebeten haben, uns zurück in den Ligusterweg zu apparieren, folge ich Tom nach draußen.
„Wir werden später alles besprechen", sagt er, als ich den Mund öffne. „Jetzt werde ich wieder zum Tagebuch zurückkehren und du wirst apparieren."
„Was?", schreie ich. „Bist du wohl verrückt? Ich habe es nie in meinem Leben getan! Es kann schlimm enden, ich habe darüber gelesen, wie Menschen Körperteile hinterlassen...
„Harry", Tom unterbricht mich. „Du trägst das Blut von Gellert Grindelwald in deinen Adern. Und du bist schon jetzt ein mächtiger Zauberer. Konzentriere dich nur darauf, was ich dir gesagt habe. Du bist schon einmal appariert und es wird keine Probleme geben."
„Ja, aber ich bin in der Mülltonne aufgetaucht!", protestiere ich.
„Jetzt ist eine gute Zeit um eine längere Apparition auszuprobieren", meint Tom. Ich schnaube wütend. „Konzentriere dich nur darauf und alles wird gut sein. Keine Sorge."
Er verschwindet in seinem Tagebuch und ich rauche vor Wut. Dieser Mistkerl. Ich schaue zurück zum Herrenhaus und blicke über die Fenster. Die Vorhänge im Salon werden zur Seite geschoben und Narzissas hübsches, aristokratisches Gesicht erscheint im Fenster. Sie lächelt und winkt mir zu. Ich winke zurück. Als sie gehört hat wie die Dursleys mich behandelt haben, hat sie offensichtlich den Wunsch gespürt, mich zu beschützen. Lucius folgt Toms Anweisungen, aber Narzissa tut es, weil sie mir ehrlich helfen will. Sie ist ehrlich um mich besorgt und ich weiß einfach nicht, was ich daraus machen soll. Ein Teil von mir fühlt sich geschmeichelt, aber ein anderer Teil von mir vertraut ihr überhaupt nicht. Aber dieses Haus könnte endlich ein Heim für mich sein, wo ich Frieden und Ruhe finden könnte. Es könnte ein Ort sein, wo man mich nicht schikanieren würde und wo ich mich in aller Ruhe dem Studium der dunklen Künste widmen könnte.
So ermutigt, grinse ich und konzentriere mich auf das Bild von Ligusterweg Nummer vier. Ich drehe mich um die Achse und disappariere, um schon der nächsten Sekunde – ehe mein Magen protestieren kann – den Ort vor Augen zu haben, an dem ich dreizehn Jahre verbracht habe und den ich mit ganzem Herzen hasse.
