Juni
Der Juni war verregnet. Für englische Verhältnisse war das zwar nichts Neues, nichtsdestotrotz trug es wenig dazu bei, Harrys ohnehin schlechte Laune zu verbessern. Seit dem denkwürdigen, wenn auch fast surrealen Schokoladen-Abend hatte er Draco nicht mehr zu Gesicht bekommen, egal wie oft er sich wartend in dessen Wohnzimmer aufgehalten hatte oder sonstwie versucht hatte, dem Blonden über den Weg zu laufen. Stattdessen sah er mit einer fast lächerlichen Häufigkeit einen anderen, wenn auch weitaus weniger für ihn interessanten Blonden: Loki begegnete ihm fast täglich, grinste ihm fröhlich mit einem gehässigen Funkeln in den faszinierenden Augen entgegen und verschwand, bevor Harry die Chance hatte ihn zu einer Neuauflage ihres letzten 'Gesprächs' zu bewegen. Es war recht offensichtlich, was der Gott (oder was auch immer er war) damit bezwecken wollte, und es trieb Harry zur Weißglut. Dieses 'Haha, ich habe das, was du gern hättest'-Spielchen war vielleicht für Loki amüsant, für ihn jedoch war es nur eine äußerst schräge Wiederaufwärmung der Cho-Cedric-Situation, wenn auch mit deutlich anderen Mitspielern. Malfoy würde vermutlich vor lauter Wut seine rote Bommelmütze von den Haaren fliegen, wenn er von dem mentalen Vergleich mit Cho erfahren würde, was aber recht wenig änderte: Wie damals, so fühlte Harry auch jetzt vor allem nur eins, und das war – entgegen seiner sonstigen Persönlichkeit – Hilflosigkeit. Er hatte keine Ahnung, wie er erneut an den Blonden herankommen sollte und hatte schon längst aufgegeben darüber nachzudenken, mit was bloß der Weihnachtsmann mitten im Sommer derart beschäftigt sein könnte, dass er nicht einmal mehr nach Hause kommen konnte. Inzwischen hatte er sich sogar irgendwie damit abgefunden, dass die Gestalt des Weihnachtsmannes tatsächlich existierte und war mehr oder minder damit im Reinen, dass diese Person derzeit niemand Geringeres als Draco Malfoy war – womit er nicht zurecht kam, dass war seine eigene Besessenheit. Nicht einmal kleine Kinder dachten wohl im Juni so oft an den rotbemützten Herren mit dem (angeblichen) Rauschebart wie er es im Moment tat, und diese vollkommene Vernarrtheit störte ihn fast genauso sehr wie die totale Unauffindbarkeit Malfoys. Und wo war das eigentlich genau hergekommen? Vor einem halben Jahr hatte er keinen Gedanken an den Blonden verschwendet, jetzt grübelte er in jeder freien Minute über ihn nach. Nicht zuletzt über diesen schwer zu beschreibenden Moment von ungeahnter Nähe, den sie auf Dracos Couch erlebt hatten.
Er wusste ja schon seit längerem, dass er mehr für das männliche als für das weibliche Geschlecht zu begeistern war. Es hatte ein paar eher peinlicher als erotischer Szenen mit Ginny bedurft, um das 100%ig festzustellen, aber seit nun gut zwei Jahren war er sich dessen wohl bewusst. Er hätte jedoch nie damit gerechnet, jemals irgendein Interesse an Draco Malfoy zu entwickeln – der Blonde entsprach nun wirklich nicht seinem sonstigen Beuteschema. Bisher hatten ihn eher muskulöse, breitschultrige Männer mit Dreitagebart und kurzen, lockigen Haaren und dunklen Augen interessiert – deutlich mehr südlich als nordisch geprägt, und der blasse Slytherin mit den feinen hellblonden Haarsträhnen hatte nun wirklich kein bißchen etwas Südländisches. War ja klar, dass ausgerechnet Malfoy mal wieder die Ausnahme spielen musste und derart seine Gedanken beherrschte mit seinen völlig untypischen roten Kleidungsstücken, blauen Flammen und unergründlichen Augen. Harry selbst war nie ein besonderer Augen-Fan gewesen und fand das gesamte Geschwafel darüber, seinem Gegenüber in die Seele sehen zu können indem man lange genug stumpfsinnig in dessen Augen starrte recht albern – aber auch hier schien Draco außerhalb der Normalität zu wandern, wickelte ihn mal eben so mit einem einzigen nicht-eiskalt-verachtenden Blick um den Finger und schien das nicht einmal zu bemerken.
Harry hätte im Grunde gut darauf verzichten können. In seinem Leben mangelte es nicht unbedingt an Drama – da musste er sich eigentlich nicht auch noch recht idiotisch in eine Verliebtheit seinem ehemaligen Schulrivalen Schrägstrich dem Weihnachtsmann gegenüber stürzen.
Er seufzte leise, schloss die Augen und fuhr sich müde mit den Händen durch die Haare, seine Frisur noch etwas mehr als ohnehin zerstörend. Als er wieder aufsah, saß Draco vor ihm und hielt ein goldenes Buch in den Händen. „Potter, Harry", murmelte er kaum hörbar, „frustriert, unentschlossen, voller Hoffnung." Er ließ den Stift sinken und hob eine Augenbraue.
Harry starrte ihn schockiert an und blinzelte ein paar Mal blöde, ehe er hektisch aus seinem Stuhl aufsprang, dabei einen Aktenstapel von seinem Tisch schubste und einige Federkiele zerbrach, und um den Tisch herum auf den Blonden zuhastete, der der Zerstörung um ihn herum unbeeindruckt zugesehen hatte. „Malf- Dr-", er stockte und packte stattdessen Dracos Schultern. „Ich habe dich gesucht!"
„Ich weiß, Potter", erwiderte der Slytherin ungerührt, warf einen bezeichnenden Blick auf die in sein – natürlich rotes – T-Shirt gekrallten Finger und kräuselte leicht die Lippen. Harry schluckte und zog seine Hände weg.
„Warum bist du hier?" fragte er dann, und Draco lächelte leicht.
„Verfrühtes Weihnachtsgeschenk", antwortete er und stand dann unvermittelt auf, um unruhig durch das Zimmer zu tigern. „Pass auf, Potter, das Ganze gerät außer Kontrolle."
„Dann lass es", erwiderte Harry prompt, „niemand würde dir einen Vorwurf machen, am allerwenigsten ich."
Draco sah ihn unbewegt an und schüttelte dann kurz den Kopf. „Es geht nicht um mich", stellte er klar, „es geht um dich."
„Um mich?" wiederholte Harry verblüfft, und sein Gegenüber nickte kurz.
„Der Weihnachtsmann ist eine Mythengestalt. Er hat Geheimnisse. Ohne diese wäre er auch nur irgendjemand mit einem komischen Faible für die Farbe Rot und einem ungeheuren Verlangen nach Plätzchen." Als hätte dieser Satz ihn daran erinnert, langte er plötzlich in die Schale mit Keksen auf Harrys Tisch, deren Existenz der Gryffindor nicht bemerkt hatte, und schob sich eine Makrone in den Mund. „Du musst aufhören mich zu suchen."
„Was?"
Draco seufzte und griff nach einer weiteren Makrone. „Du bist aus einem mir unverständlichen Grund der Einzige, der mich sieht, wenn ich arbeite – und du kannst es zerstören. Mich zerstören." Er machte eine Pause, kaute und schluckte. „Lass es."
„Malfoy", sagte Harry leicht angesäuert, „ich suche dich nicht, weil du der Weihnachtsmann bist, verdammt nochmal!"
„Sondern?" fragte der Blonde sorglos und strich sich nicht vorhandene Krümel von der Unterlippe, eine Geste, die der ohnehin brodelnden Libido Harrys nicht unbedingt Abkühlung verschaffte.
„Idiot", knurrte er dann, griff nach Dracos Hand – die sich abermals Richtung Makronen bewegte – und zog ihn an sich, bis sie nur noch wenige Zentimeter trennten und er erneut in diesen unverwechselbaren Augen versinken durfte. „Warum wohl?" Und damit legte er seine Lippen auf die des Anderen, schmeckte Makronen, Zimt und einen Hauch Vanille und war gerade dabei, sich etwas zu entspannen und diese außergewöhnliche Situation zu genießen – wer außer ihm küsste wohl schon den Weihnachtsmann? - als er jäh von dem Blonden gestoßen wurde und gegen seinen Tisch stolperte. Die vielgepriesenen grauen Augen Dracos funkelten und er richtete einen anklagenden Finger auf ihn.
„Danke Salazar dafür, dass Rache unter meiner Würde ist", verkündete er unheilvoll, trat dann zurück und ließ die schon bekannte blaue Flamme um ihn herum erscheinen, die ihn von dannen trug. Die Makronen verschwanden mit ihm.
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Unglaublich, aber mein Internet hat mich einfach mal über die letzten Tage verlassen und sich jetzt erst wieder weihnachtlich präsentiert und mir erlaubt, weiter hochzuladen. Psssssssh. Nya, wir sind monatlich daher etwas zurück, aber immerhin kommen sich die Herren allmählich näher... Chrm.
Dank an die lieben Reviewer! Und, falls mir das Internet nicht bis morgen erhalten bleibt, schon mal allen frohe Weihnachten!
