Ausgezeichnete Leistungen 7 Das Paradies

„Charles, wir dürfen uns entschuldigen", verkündete Severus energisch und riss damit Hermine aus ihren philosophischen Betrachtungen von Frauen und Männern am Beispiel der Smith´s, „meiner Frau verlangt es nach Ruhe, sie hat ein großes Schlafbedürfnis."

„So, hat sie das?", grinste Charles frech und ließ sich auch von Severus strafendem Blick nicht einschüchtern, „nun, dann sollten wir sie mal nicht davon abhalten dieses Bedürfnis irgendwann in dieser Nacht erfüllt zu bekommen", er konnte sich einige belustigte Laute nicht verkneifen, „ich wünsche Euch beiden eine … gute Nacht!", und Hermine nahm interessiert den Farbwechsel bei Charles wahr, als sein Blick zu seiner eigenen Frau hinüberhuschte und ihm anscheinend auch einige Ideen für die nächsten Stunden in den Sinn kamen.

„Ich finde es ja sehr fürsorglich von Dir, mein Lieber, dass Du so auf mein Wohl achtest!", lachte Hermine schelmisch und nahm ihre Stola und Tasche von Severus entgegen, „aber was ist, wenn ich noch gar keine Lust habe schlafen zu gehen?"

„Es gibt da auch noch ein magisches Feuerwerk in ungefähr einer Stunde", warf Charles ein, „es genießt einen legendären Ruf und ich weiß, dass die Feuerwerker sich etwas ganz spezielles für Dich ausgedacht haben!"

„Siehst Du", war Hermine sogleich begeistert, „ich liebe Feuerwerke!"

„Ich auch!", pflichtete Severus ihr bei, beugte sich aber nah zu ihr hin und raunte leise ergänzend in ihr Ohr, „allerdings besonders die Feuerwerke die in Deinen Augen zu sehen sind, wenn… Du weißt schon…" er schenkte ihr einen eindringlichen Blick, der wieder diesen wilden Blitz in ihren Unterleib fahren ließ. Grundgütiger!

„Nun", schluckte Hermine, „wenn ich es mir recht überlege…"

„Sehr kluge Entscheidung, Miss Granger!", lobte Severus sogleich mit tiefer sonorer Stimme, „wie gesagt, Charles, eine gute Nacht!"

„Schade! Dann auch Euch eine gute Nacht. Vergiss aber bitte die große Pressekonferenz morgen Mittag nicht, da brauche ich meinen Preisträger ausgeruht und bester Laune!", gab der Vorsitzende der Akademie mit wackelnden Augenbrauen zu bedenken und küsste Hermines Hand, klopfte Severus auf die Schulter und machte sich auf, seinen Pflichten als Hausherr nachzukommen.

Galant reichte Severus Hermine seinen Arm den sie erfreut ergriff, doch es zeigte sich bald, dass es so sehr schwer war, sich den Weg durch die vielen, vielen Festgäste zu bahnen, vor allem, da nicht wenige der Anwesenden Severus noch gratulieren wollten und mit weiteren Fragen zu seinem Trank überhäuften. Darum bedeutete Hermine ihm lächelnd, schon bis zum Ausgang vorzugehen und dort auf ihn zu warten.

Doch vor den großen Flügeltüren war fast genau so viel Betrieb wie im Saal selbst, und in den dunklen Ecken der nur schwach erleuchteten Vorhalle augenscheinlich noch viel mehr.

Meine Herren! Orange und Rot waren dort die vorherrschenden Farben. Unzählige Pärchen und Paare drückten sich in den vielen dunklen Nischen herum und als sie ihren Blick grinsend schweifen ließ, fiel ihr natürlich sofort der große blonde Kerl in der dritten Einbuchtung von links auf, der dort anscheinend eingehend mit der vorhin ausgespähten Dunkelhaarigen beschäftigt war. Typisch! Simon ließ echt nichts anbrennen – nun, es sei ihm gegönnt, ging es Hermine großmütig durch den Sinn, als sie aus den Augenwinkeln bemerkte, dass sich ein Paar aus der Ecke, direkt neben ihr löste.

Himmel, es war Esmeralda Bigelow und …Onkel Spencer!

„Hallo Schätzchen!", flötete Esmeralda ungerührt und richtete ihre Frisur, „wo ist dieser interessante dunkle Preisträger, hat er Sie etwa schon wieder allein gelassen?"

„Nein, Professor Bigelow! Er muss sich noch seiner Fans erwehren", blinzelte Hermine und nahm einigermaßen konsterniert wahr, dass Onkel Spencer sich soeben die Hose zuknöpfte. Unglaublich! Wirklich! Dabei sollte Amerika doch so prüde sein!

„Oh, meine Schöne!", schnurrte er, als er sie bemerkte und strich sich seinen Schnäuzer glatt, „wie erfreulich Sie wiederzusehen, warten Sie etwa auf mich?"

„Äh… nein, Mister Beaty", schüttelte Hermine schnell den Kopf, „Professor Snape und ich ziehen uns zurück, ich warte nur noch darauf, dass er es bis hierher schafft."

„Was?", rief Spencer Beaty erstaunt, „Sie wollen schon gehen? Aber das Feuerwerk!"

„Lass die beiden!", befand Esmeralda, „Feuerwerke kann man immer noch sehen!"

„Aber es ist ein wundervolles Feuerwerk!", widersprach Onkel Spencer, wobei er einer vorbeigehenden Brünetten in sehr kurzer Robe hinterher pfiff.

Professor Bigelow legte ihre Stirn in noch mehr Falten als eh schon drauf waren und dachte angestrengt nach, dann murmelte sie kichernd, „Da hast Du schon recht alter Knabe, aber vielleicht hilft Ihnen das hier ja, beides zu haben", und begann in ihrer Tasche herumzukramen.

Na, das konnte ja dauern! Hermine warf etwas unwillig einen Blick zurück und schob unbewusst die Augenbrauen zusammen, denn da sah sie doch gerade, wie eine sehr grazile rothaarige Schönheit sich eindeutig an ihren Severus heran machte.

„Äh, entschuldigen Sie mich", murmelte sie und drehte sich schon um, als Esmeralda sie zurückhielt, „Ach! Hier ist er ja, wusste doch, dass er dort sein musste! Das Passwort ist ‚Paradies'. Viel Spaß, meine Liebe!" Damit drückte sie Hermine einen kleinen goldenen Schlüssel mit gläsernem Anhänger in die Hand und zwickte Onkel Spencer in den Po, „Komm alter Mann, das wird es doch wohl noch nicht gewesen sein!"

Eine Äußerung, die bei Hermine normaler Weise wieder einmal für Erstaunen gesorgt hätte, wenn sie nicht gerade mit ansehen musste, dass die rote Corona dieser Rothaarigen immer mehr leuchtete, je mehr sie sich zu ihrem Ehemann herüberbeugte und dabei stand sie ihm praktisch schon auf seinen langen Füßen.

Ein kleiner Eifersuchtsstich fuhr ihr in die Glieder. Verflixt. Wie unlogisch. Immerhin war bei Severus außer einem sehr kleinen rötlichen Schimmer, der zeigte, dass ihm gefiel was er sah, keinerlei Anziehung zu besagter Dame zu erkennen, und trotzdem, wie sich diese Frau ihm gegenüber verhielt, störte sie erheblich und natürlich wusste sie auch, dass Severus immer schon eine Vorliebe für schöne, rothaarige Frauen gehabt hatte. Und dieses Exemplar hier war beides! Daher führten sie ihre Schritte auch zügig zurück in den Saal.

„Professor Snape?", machte sie sich diskret bemerkbar, als sie endlich neben den beiden ankam, „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, aber hatten Sie nicht gerade eben noch ein unaufschiebbares Anliegen?"

Verflixt, diese Frau sah aus der Nähe sogar noch hübscher aus, als von ferne, außerdem war sie ärgerlicher Weise ungefähr einen halben Kopf größer als sie und blickte sie nun mit unverhohlener Abneigung aus waldgrünen Augen von oben herab an.

„Oh", schien Severus einen Augenblick sowohl ertappt, als auch erleichtert, „Professor Granger! Natürlich, ich komme sofort!"

„Aber Severus", schnurrte die Fremde betörend, legte ihm ihre perfekt manikürte rechte Hand auf die Brust, warf ihr geschmeidiges, sanft schimmerndes Haar zurück und rückte ihre ungeheuer beeindruckende Oberweite ins rechte Licht, „Sie können doch nicht schon gehen, ich wollte Ihnen doch noch meine Drachenschuppensammlung zeigen."

„Äh…", wusste auf ein solches Ansinnen und vor allem bei einem solchen Blick den dieser Vamp ihm schenkte, ihr sonst so cooler Ehemann nichts mehr zu antworten, und das Gesicht, dass er dabei machte, war einfach großartig. Es bestand aus einer Mischung aus geschmeichelt und erschüttert sein, aus Unbehagen und Verwirrung. Hermine konnte sich nicht ersinnen ihn jemals so hilflos gesehen zu haben.

Einfach herrlich! Sie musste grinsen. Und dann diese Drachenschuppensammlung! Na, auf so was musste man – oder in diesem Fall frau - auch erst mal kommen. Unglaublich! Ihr kleiner Eifersuchtsanfall löste sich rasch in einem mühsam beherrschten Glucksen auf.

Mit dem letzten bisschen Selbstbeherrschung verbiss sie sich einen Lachanfall, was ihr die Lady sicherlich übel genommen hätte, denn ihre Katzenaugen fingen schon jetzt bedrohlich an zu funkeln.

So räusperte sie sich schnell vernehmlich und meinte zu der unleidlich blickenden Schönheit entschuldigend „Verzeihen Sie mir, Miss, aber der Professor würde normalerweise nichts lieber tun, als Ihrem verlockenden Angebot sogleich nachzukommen, denn er hat eine ausgesprochene Schwäche für Drachenschuppensammlungen, doch leider muss er sich vorher noch zwei oder drei Feuerwerke ansehen. Wenn Sie uns bitte entschuldigen!"

Damit hakte sie sich bei Severus unter und steuerte erneut den Ausgang an.

„Severus Snape, Dich kann man ja keine fünf Minuten allein lassen!", meinte sie, als sie endlich im Foyer standen, „Wo hast Du die denn aufgegabelt?"

„Ich habe Miss Hunter nicht aufgegabelt, sie hat mich abgefangen!", verteidigte sich Severus empört und warf ebenfalls einen ziemlich irritierten Blick auf die orange/rot pulsierenden Nischen der Vorhalle.

„Oh, du Armer!", grinste Hermine ohne jegliches Mitleid und versuchte nicht zu sehr auf die eindeutigen Geräusche zu achten, die aus diesen dunklen Einbuchtungen drangen.

„Warum legen diese Menschen eigentlich keinen Ignorierzauber oder wenigstens einen Schweigezauber auf sich oder gehen nach Hause oder in ein Hotel?", fragte Severus pikiert und auch ihr war diese Frage nicht zum ersten Mal an diesem Abend durch den Kopf geschossen.

„Keine Ahnung", zuckte sie mit den Schultern, warf ihm aber einen bezeichnenden Blick zu, „allerdings würde ich wetten, dass Deine neue Verehrerin Dich nur zu gerne dorthin verschleppt hätte!"

„Ach, und Dein Sonnyboy Simon Beaty Dich etwa nicht?", schoss Hogwarts Tränkemeister sofort zurück.

„Nein!", behauptete Hermine frech, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen und deutete mit ihrem Daumen zur Nische an der sie gerade vorbeigingen, „der ist nämlich dort schon mit einer anderen Dame beschäftigt."

„Ungeheuerlich!", urteilte Severus erschüttert und beschleunigte augenblicklich seine Schritte, vielleicht hatte er Angst, dass Simon eine Dame nicht ausreichte.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander, bis dass Severus leise meinte, „Eigentlich müsste ich von Dir eine Entschädigung verlangen."

„Von mir?", fragte Hermine überrascht, „Wofür?"

„Du bist immerhin schuld, dass ich eine phänomenale Horizonterweiterung verpasse, die mir diese Drachenschuppensammlung sicherlich gebracht hätte!"

„Horizonterweiterung nennt man das also heute?", schüttelte Hermine den Kopf und entgegnete erklärend, „Das tut mir ja sehr leid, aber das musst Du verstehen Severus, dieses Risiko konnte ich leider nicht eingehen, denn dafür hatte die Dame zu viel … Horizont zu bieten."

„Ja? Welchen … Horizont meinst Du denn genau?", stellte sich Severus dumm.

„Nun, Du alter Fuchs, es wird Dir doch sicherlich nicht entgangen sein, dass Miss Hunter…"

„Kitty", unterbrach sie Severus süffisant, was Hermine ein verächtliches Schnauben entlockte, „Kitty? Na, das sagt ja alles! Also, Du wirst doch bestimmt bemerkt haben, dass sich Kitty bereits eindeutig die Lippen nach dem unglaublich interessanten Preisträger geleckt hat. Fünf Minuten später hätte sie ihre Krallen ausgefahren und wäre über Dich hergefallen!"

„So? Meinst Du?", Severus und schien über diese aussichtsreiche Einschätzung gründlich nachdenken zu müssen.

„Garantiert!", bestätigte Hermine entschieden, immerhin hatte sie den Blick der Dame gesehen.

„Also, wenn das so ist, dann will ich auf alle Fälle eine Entschädigung!", forderte Severus bester Laune, „hast Du vielleicht auch eine Drachenschuppensammlung?"

„Was? Nein, leider nicht", schüttelte Hermine bedauernd den Kopf, „aber meine Büchersammlung ist durchaus sehenswert und mein Vater hat irgendwo noch eine Briefmarkensammlung, die ich mir zur Not ausleihen könnte."

„Deine Büchersammlung ist in der Tat durchaus interessant", stimmte Severus leise zu, „Aber wirklich bestechend finde ich Ihre Unterwäschesammlung, Miss Granger."

„Also wirklich!", lachte Hermine „Du denkst doch nur an das Eine, Du alter Schwerenöter!"

„Selbstverständlich, ich denke immer nur an Dich, meine Liebe!", schnurrte ihr Mann und blieb stehen, sie waren an der Treppe zu den Gästeetagen angekommen.

„Pff", machte daraufhin Hermine ungläubig, „als Du mit Miss Hunter gesprochen hast, waren Deine Gedanken eindeutig nicht bei mir!"

„Ts, ts, ts", gluckste Severus belustigt, „könnte es sein, dass Du ein klein wenig eifersüchtig bist?"

„Ich?", wies Hermine eine solche Behauptung weit von sich, „Unsinn! Völliger Unsinn", behauptete sie und wusste doch, dass er ihr kein Wort glauben würde. „Zudem weiß ich, dass Du heute mehr Zeit damit verschwendet hast, Dir Gedanken über ein möglichst qualvolles Ableben von Simon Beaty und anderer armer unschuldiger Menschen zu machen, die die Frechheit besessen haben mich anzusehen, als wirklich an mich zu denken!"

„Das ist doch das gleiche!", behauptete Severus und wies auf ihre Handtasche, „Du hast den Schlüssel."

„Nein, ist es nicht!", entgegnete Hermine und öffnete ihre Tasche. Ah, da war er ja, sie wollte ihn schon in das Schloss stecken, als sie sich an Esmeralda Bigelows Präsent erinnerte.

„Was ist das denn für ein Schlüssel?", fragte Severus sogleich und zog erstaunt die Augenbrauen zusammen, als sie ihren wieder in die Tasche fallen ließ und den goldenen mit dem im Licht funkelnden Anhänger prüfend hervorholte.

„Hat mir Professor Bigelow vorhin gegeben, sie meinte, damit könnte ich beides haben: reale und andere Feuerwerke!", sie wackelte mit den Augenbrauen, was ihn leise Knurren ließ.

„So? Hat sie das gesagt? Nun, dann lass ihn uns mal ausprobieren", und deutete auf das Schloss.

Gesagt getan und mit umgelegtem Hebel begann eine rasende Fahrt nach oben, die wesentlich länger dauerte, als üblich. Endlich stand die Treppe still und Hermine löste ihre verkrampften Finger aus Severus Unterarm, was auch ihn hörbar aufatmen ließ.

Sie waren auf einem kleinen Flur angekommen, von dem lediglich drei Zimmer abgingen. An allen drei Türen waren leider weder Nummern noch Namen und so probierten sie einfach nacheinander aus, zu welcher der mysteriöse Schlüssel passte. Bei Tür Nummer eins war dies schon mal nicht der Fall und auch in Tür Nummer zwei ließ sich der Schlüssel nicht drehen. Also Tür Nummer drei. Tatsächlich, es funktionierte.

Super! Aber die Türe ging trotzdem nicht auf.

„Wahrscheinlich fehlt noch ein Passwort", überlegte Severus.

„Ach, genau", erinnerte sich Hermine auch sogleich und schlug sich gegen die Stirn, „Professor Bigelow sagte was von ‚Paradies'", und sie hatte das Wort noch nicht ganz ausgesprochen, da hörte man den Schließmechanismus und die Türe sprang auf.

„Lass mich besser vorgehen", befand Severus und spähte vorsichtig durch den Spalt.

„Warum?", fragte seine Frau grinsend, „damit Du mich besser über die Schwelle tragen kannst?"

„Wenn Du brav bist, könnte ich mich eventuell zu solchen Aktivitäten hinreißen lassen", stellte Severus gnädig in Aussicht, „aber eigentlich geht es mir als guter und fürsorglicher Ehemann lediglich darum, Dich vor irgendwelchen Unvorhersehbarkeiten zu schützen."

„Oh, Du bist ein echter Held!", verkündete Hermine voller Überzeugung und steckte ebenfalls ihren Kopf durch die Türe, „Ha!", frohlockte sie, „Das mit dem Tragen ist eine sehr gute Idee von Dir!", und klopfte Severus auf den Oberarm, denn vor ihnen tat sich eine ellenlange, steile Treppe auf.

„Oh nein! Ich denke, dass ich das mit der Romantik noch etwas verschiebe", murmelte ihr Ehemann, reichte ihr aber immerhin die Hand, „sonst habe ich anschließend keine Kraft mehr für… anderes."

„Dann geh ich lieber selbst, denn das kann ich nicht zulassen!", lachte Hermine sofort. Fehlte noch, dass die Nacht so endete, wie der Nachmittag.

Aber Severus hatte Glück und musste sie gar nicht tragen, denn auch hier bewegten sich die Stufen von alleine. Gottlob wesentlich gemächlicher als vorhin. Als sie nach einigen Minuten langsam schwebend oben angekommen waren, fanden sie sich jedoch schon wieder vor einer Tür.

„Nun, wenigstens gibt es hier nur eine", meinte Severus und steckte Hermines Schlüssel hinein und sprach auch das Passwort. Damit öffnete sich auch dieses Schloss, aber was sich dann eröffnete war wirklich sagenhaft!

„Großer Merlin!", staunte Severus, als er im Raum stand und sich umsah und ehrlich, da konnte sie nur zustimmen!

Das war wirklich, wirklich ungeheuer sagenhaft!

Sie sahen sich in den phantastischsten Raum versetzt, in dem sie je gestanden hatten. Alles, das ganze Zimmer mit nicht weniger als 80 m², bestand aus Glas. Die Wände, der Boden und die Decke, die sich wie eine riesige Kuppel über ihnen bog, alles aus Glas. Die dünnen, eleganten Metallstreben, die im verspielten Artdeco-Stil alles zusammenhielten, fielen gar nicht auf. Es war wundervoll.

Aber noch wundervoller war die Aussicht. Sie schwebten förmlich in der Luft, viele hundert Meter über dem Boden und sahen sich einem Panorama gegenüber, das den Namen atemberaubend wahrlich verdient hatte! Schwarzsamtene Nacht mit einem erhabenen Sternenhimmel über ihnen. Das pulsierende Lichtermeer der Großstadt unter ihnen und sie irgendwo dazwischen. Zwischen Himmel und Erde. Zwischen den Welten.

Hermine musste schlucken.

Ihr nur halb so romantischer Ehemann hatte sich wesentlich schneller gefasst und in der Zeit wo sie noch staunte, aufmerksam das Merkblatt gelesen, dass unauffällig vor seine Nase geflattert war.

„Hier steht, dass das Zimmer von außen uneinsehbar wäre. Bei Höhenangst könne man den rechten Schalter betätigen, damit sich der Boden einfärbt. Bei starker Höhenangst wären auch die Seiten in feste Wände zu verwandeln", er sah sie fragend an, „soll ich etwas von dem tun?"

Hermine, die wahrlich nicht viel vom fliegen hielt und sich lieber auf dem Boden als in der Luft aufhielt, horchte einen Augenblick in sich hinein, dann tat sie einige prüfende Schritte in den Raum hinein und nickte leicht mit dem Kopf, „Ja, ich glaube, einen undurchsichtigen Boden fände ich besser."

„Hatte ich mir schon gedacht!", lächelte Severus und betätigte den Schalter. Sogleich verwandelte sich der Fußboden in ein farbenprächtiges Glasmosaik im typisch floralen Stil des Artdeco und Hermine fühlte sich sogleich wohler.

Dieser Raum war echt der Wahnsinn! Sie ging bis zur Mitte, dann drehte sie sich langsam einmal um ihre eigene Achse und nahm nun begeistert das riesige Bett wahr, das den Raum dominierte, ebenso den großen in den Boden eingelassenen Pool und den eleganten und luxuriösen Badbereich mit Dusche und zwei Waschbecken. Nur die Toilette war hinter einer niedrigen Mauer verborgen.

„Sagenhaft!", wisperte sie aufgeregt und wusste nicht, wo sie als erstes hinschauen sollte.

Severus nickt anerkennend und versiegelte mit einem Sicherheitszauber lächelnd die Tür, die sich auf der Stelle in ebensolches durchsichtiges Glas verwandelte wie die üblichen Wände.

Großer Gott!

Jetzt hatte man einen ungebrochenen 360° Blick und vor allem hatte man einen unverstellten Blick auf einen herrlichen Mond, der sich majestätisch hinter ihnen erhob und bisher durch die Tür nicht richtig zu sehen war.

Hermine war überwältigt und sie merkte, dass eine seltsame Ergriffenheit sie erfasste. Dieser Raum, dieser Abend und vor allem diese Aussicht rührte sie so sehr an, dass ihr Tränen der Ergriffenheit in die Augen drängten.

„Der Mond", murmelte sie und sah mit großen Augen auf den riesigen, kreisrunden Erdtrabanten, der bleich und geheimnisvoll vor ihr aufragte.

Severus hatte ebenfalls den gesamten Raum einer sehr wohlwollenden Prüfung unterzogen und trat jetzt hinter sie, um ihr leise ins Ohr zu flüstern, „Ich sehe ihn, er ist wunderschön. Aber nichts ist schöner, als Du es bist!"

Normaler Weise stand sie sehr auf seine seltenen eindeutigen Komplimente, aber das seltsame Gefühl das zwischen Lachen und Weinen lag, das zwischen Glück und Schmerz nicht ganz zu unterschieden vermochte, ließ sie gerade nicht auf seine Worte hören.

Sie musste schlucken, „Er ist immer da", murmelte sie wie zu sich selbst, „immer."

„Hm", brummte Severus leise und umfasste ihre Taille fest mit seinen langen Armen.

Ja, er war immer da, egal ob als schmale Sichel, Neumond oder Halbmond, aber nie hatte er eine solche Wirkung auf sie wie eben jetzt, wenn er in Opposition zur Sonne fast im vollen Rund seine ganze Dominanz und Präsenz entfaltete. Und bei Gott, es gab viele Nächte, die er so bewacht hatte und die entscheidend und zutiefst bedeutsam für sie und ihr Leben gewesen waren.

Unwillkürlich drängten sich Erinnerungen voller Emotionen an wundervolle, schreckliche, unglaubliche und sagenhafte Nächte unter dem Schein dieses prächtigen, herrschenden Mondes in ihr auf.

Da war zum Beispiel die herrlich unbeschwerte Winternacht in der sie Eileen empfangen hatte oder die Sommernacht als sie das Morgenmoos gesammelt hatten und sie beinahe nicht mehr aufgewacht wäre. Aber sie erinnerte sich eben auch an die furchtbare Nacht in den Bergen von Sorilana, in der ihr schlimme Dinge widerfahren waren, an die sie nicht mehr denken mochte, aber natürlich auch diese ganz besondere Nacht in der sie nach tausenden von Jahren das Reich der Zwölf geöffnet hatte und an die sich viele Nächte anschlossen, an denen Sie unter dem Schein des Mondes eine uralte, neue Welt entdecken und wunderbare neue Freunde kennengelernt hatte.

Ja, und da war eben auch diese Nacht heute, an der Severus endlich, endlich die schon so lange erhoffte Ehrung entgegen nehmen durfte, die er so sehr verdient hatte. Sie musste seufzen und konnte ihren Blick nicht von diesem geheimnisvollen Himmelskörper lassen. Wie von ferne hörte sie, wie Severus seinen Mund an ihr Ohr brachte und leise flüsterte, „Ich weiß an was Du denkst, ich tue es auch!"

Sie konnte nicht antworten, zog aber seinen Arm fester um ihren Körper und spürte eine Weile ihren verwirrenden Gefühlen hinterher.

Verflixt, sie wollte doch hier nicht anfangen rührselig zu werden! Energisch rief sie sich zur Ordnung!

„Zum ganzen Rund fehlt unserem Mond übrigens nur noch wenige Tage", murmelte er und sie ergänzte nachdenklich, „Ja, darum waren diese Werwölfe auch so … sensibel."

Severus entwich ein Grunzen, „Sensibel? Du warst mal wieder überaus leichtsinnig und nur an Heldentaten interessiert! Morgen Nacht würden sie Euch bestimmt nicht so schnell gehen gelassen haben!"

„Nein, das hätten sie nicht, vor allem nicht so ungeschoren!", stimmte Hermine zu und musste daran denken, dass es ganz gut gewesen war, dass sie heute Nachmittag nicht daran gedacht hatte, sie wäre wohl Monty nicht gefolgt. Aber es war wie bei vielem, wenn sie vorher immer gewusst hätte, was ihr hinterher klar war, dann wäre sie einige Dinge gar nicht oder ganz anders angegangen.

Aber so war das eben im Leben. Nichts war bis ins Kleinste planbar oder gar vorhersehbar.

Wie nebenher bemerkte sie, dass Severus ihr sanft Stola und Tasche abnahm und seine Lippen zärtlich ihren Hals hinabküssen ließ. Ein süßer Schauer durchrieselte sie und sie lehnte sich fest in seine Umarmung. Bei Gott! Sie wusste auch nicht wo dieser Abend sie noch hinführen würde, aber wenn es so weiterginge wie bisher, dann hätte diese Nacht das Zeug dazu, eine der schönsten zu werden und sich mühelos in die ganz besonderen Nächte ihres Lebens einzureihen.